War Reich ein Außerirdischer?

Am 20. März 1956 um 10 Uhr abends kam mir plötzlich der Gedanke einer ganz entfernten Möglichkeit. Der mich, wie ich fürchte, nie wieder loslassen wird: Bin ich ein Weltraummensch? Gehöre ich einer neuen Art von Erdengeschöpfen an. Gezeugt in der Umarmung zwischen Männern aus dem All und Frauen von der Erde? Sind meine Kinder Nachkommen der ersten interplanetaren Rasse? Ist der Schmelztiegel einer interplanetaren Gesellschaft auf der Erde bereits entstanden, so wie die Vereinigten Staaten von Amerika vor 190 Jahren zum Schmelztiegel aller Erdenvölker wurden? Oder bezieht sich dieser Gedanke auf Dinge, die erst noch kommen werden? Ich nehme das Recht und die Freiheit für mich in Anspruch, so zu denken und solche Fragen zu stellen, ohne von irgendeiner staatlichen Institution mit Gefängnis bedroht zu werden.

Viele Aspekte meines Lebens, die mir vier Tage zuvor noch rätselhaft waren, haben sich mit der oben gestellten Frage im Handumdrehen geordnet; die Versuchung, sie zu bejahen, ist ungeheuer groß (Das ORANUR-Experiment II, S. 23).

Dieser Passus aus Contact with Space wird gerne von jenen zitiert, die Reich „entzaubern“ wollen. Reich der peinliche Halbirre! Andere sehen darin einen Hinweis, daß Reich um Jahrzehnte eine moderne „UFOlogische“ Theorie vorausgeahnt habe, daß der Mensch ein Art Hybrid zwischen Menschenaffen und Außerirdischen darstellt. Reich der wissenschaftliche Visionär!

Reich brachte hier, in jeder Hinsicht „unzensiert“, etwas zum Ausdruck, was seine Lebensgeschichte zusammenfaßt. Es geht hier nicht um die Aussage eines Wissenschaftlers über eine meßbare Realität, sondern um die Aussage eines Künstlers (in diesem Fall eines „Autobiographen“) über das innere Erleben seines Helden.

Reich hat diese Herangehensweise in seinem ersten ORANUR-Bericht wie folgt gerechtfertigt:

Alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther stürzen unwiderruflich in sich zusammen und werden ersetzt durch eine Konzeption der grundsätzlichen Einheit, eines grundsätzlichen gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) der gesamten Natur, das sich in den verschiedenen Arten menschlicher Erfahrung verzweigt. (Das ORANUR-Experiment I, S. 221)

Reich war stets ein sehr einsamer Mensch. Er hatte sicherlich jede Menge „Freunde“ im Sinne von „engere Bekannte“, aber kaum wirklich intime Freunde. Mir fallen da nur der gleich in seiner ersten Schlacht im Krieg gefallene Jugendfreund „Sabinski“ und natürlich Neill ein, aber der lebte jenseits des Atlantiks. Hinzu kommt seine extreme Außenseiterposition in jedem Feld, dem er sich zugewandt hat:

  • er war der einzige Psychoanalytiker, der sich wirklich mit der Sexualität, d.h. der Genitalität beschäftigt hat;
  • entsprechend war er der einzige, dem es wirklich um die Heilung des Patienten zu tun war – er sollte „die Falle“, faktisch die Gesellschaft verlassen;
  • er war der einzige der „Freudo-Marxisten“, der wirklich Teil der Arbeiterbewegung wurde – seine „Marxistischen“ Kritiker wie Fenichel und Fromm haben nur klug, „Marxistisch korrekt“ geredet;
  • in gewisser Weise war er der einzige wirkliche Naturwissenschaftler. Die anderen hatten zwar eine bessere Ausbildung, genauso wie die anderen „Marxisten“ über ein umfassenderes Buchwissen verfügten, doch nicht einer hat sich die Mühe gemacht, beispielsweise stunden- und tagelang die Entwicklung von Grasaufgüssen zu verfolgen oder „ihre Zeit mit primitiven Elektroskopen zu verschwenden“. Was zu wissen ist, steht in den Büchern und wird durch Experimente allenfalls immer wieder von neuem exemplifiziert. „Grundlagenforschung“ dient nur dem weiteren Ausbau des in seinen Grundfesten unveränderlichen Systems, an dem allenfalls kleinere Reparaturen und ab und an marginale Korrekturen vorzunehmen sind.

Reich muß sich wirklich wie ein „Außerirdischer“ gefühlt haben. Dazu brauchte er nur durch die Stadt gehen, um zu sehen, wie Mütter ihr Baby irrwitzigerweise auf den Bauch legen und ihre Kinder systematisch in die Neurose treiben. Man höre sich nur ihre Stimmen an! „Du sollst das seinlassen!!!“ Alle anderen Menschen scheinen das alles ganz normal zu finden!

Mit „Reich als Außerirdischem“ habe ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt. In diesem Zusammenhang kommt Reich auch in einer sehr persönlichen Art und Weise zur Geltung, d.h. es geht um ihn nicht nur als (letztendlich) austauschbarer Sozialreformer und Wissenschaftler, sondern um ihn als unverwechselbare, „unaustauschbare“ Person.

Reich gehörte zu den Menschen, denen von ihren Mitmenschen auf den Kopf zu gesagt wird, sie seien wie „Außerirdische“, irgendwie seltsam und fremd. Welche Ursachen das hat, sei dahingestellt. Es sei auch seine Faszination für die Christusgeschichte erinnert, die teilweise bis zur Identifikation ging. Oder seine Beschäftigung mit der Figur des Peer Gynt, der in einer Welt von Trollen und Kobolden lebte.

Es ist nur natürlich, daß Reich im UFO-Fieber der 50er Jahre seine Erlebniswelt in der Frage zusammenfaßte: „Bin ich vielleicht ein Außerirdischer!“

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4 Antworten to “War Reich ein Außerirdischer?”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Zu Reichs Bemerkung, ein Außerirdischer zu sein, sollte der Hinweis folgen, dass Contakt With Space nur für eine kleine Gruppe bestimmt war, es war kein öffentliches Buch. Insofern ist es deswegen verständlicher, dass er ketzerische Gedanken äußert. Hoppe schildert. wie Reich Abends in sich hineinhorchte und den Kontakt zum Weltall aufnahm – womöglich hier der Grund für Reichs Bemerkung.

  2. O Says:

    Andre Heller würde sagen: „Die größten Abenteur sind im Kopf und sind sie es nicht, dann sind sie nirgendwo.“

    ….

    Welche Bedeutung habe dieser Satz? Sei die Menschheit von Außerirdischen gezeugt worden oder sei er persönlich hiervon gezeugt worden und ein Hybrid oder Alien? Dies hat keine Bedeutung. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke, eine momentane Stimmung oder die Konsequenz seiner letzten Entdeckung.

    Eventuell kündigte sich hier die Sehnsucht an, zu gehen – eines Tages seine Sachen zu packen und für immer zu verschwinden.

    Mesmer hat seine Sachen gepackt und war für die Welt verschwunden bis er als alter Mann entdeckt wurde und noch mal ein letztes Buch schrieb, bevor er starb. Reich verabschiedet sich auch mit einem letzten Buch, in dem er sein ganzes Wissen nochmal zusammentrug. Reich plante ein neues Leben und wäre gegangen, vielleicht hätte er alles hinter sich gelassen. Sicher fühlte er sich alleine und fremd. Wie wäre es also zu gehen?

    Wozu noch einen Kampf führen oder eine Schlacht schlagen? Jedes seiner Bücher war eine neue Schlacht. Jetzt ging es nur noch um ihn. Niemand wollte und konnte ihn verstehen … für was also noch kämpfen.

    Diese Idee läßt sich durch nichts belegen, außer durch die Frage: Am I a Spaceman? Wer die Frage mit „Ja“ beantwortet, sagt: Ihr könnt mich alle mal und tschüss!

  3. Der Tag, an dem die Erde stillstand | Nachrichtenbrief Says:

    […] Ich verweise auf Reichs weiteren Gedanken, daß er selbst der Sohn eines „Spaceman“ sein könnte. Siehe dazu meinen Netztagebucheintrag War Reich ein Außerirdischer?. […]

  4. Fliegende Untertassen? | Nachrichtenbrief Says:

    […] man Reichs Aussage über seine Gedankenspiele hinsichtlich seiner „außerirdischen Herkunft“ und weitere Äußerungen in Contact with Space (Das ORANUR-Experiment II) über das Recht […]

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