Wahnsinn Psychiatrie

Das erste Psychopharmakon, das weite Verbreitung fand, war der 1955 auf den Markt gekommene Tranquilizer „Miltown“. Dieses Datum hat eine tiefere Bedeutung, denn spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte die American Psychiatric Association (APA) im Verbund mit dem Amt für Arzneimittelsicherheit (FDA) und der Pharmaindustrie den (nicht nur) damals einzig gangbaren Weg der Psychiatrie, die Reichsche Orgontherapie, endgültig ins Abseits gestellt. Innerhalb eines Jahrzehnts war dann auch die ohnehin wirkungslose psychoanalytische Therapie aus den psychiatrischen Kliniken verdrängt. (Die Psychoanalyse war, wenn sie denn mehr sein wollte als „Hören mit dem Dritten Ohr“, bloße Verballhornung der Charakteranalyse!)

Heute sind Psychiater kaum mehr als „Pillenverteiler“. Psychiatrische Kliniken sind berüchtigt dafür, daß sie Patienten mit absurd hohen Dosen und exotischen Pillenkombinationen als „gebessert“ entlassen. Tatsächlich sind die „geheilten“ Patienten einfach nur „high“. Hauptsache die Statistik stimmt! Die „adjuvante“ Psychotherapie wird zunehmend auf Psychologen abgeschoben. Diese Zusammenarbeit von Ärzten und Psychologen ist ein perfektes Gleichnis für den psycho-physischen Parallelismus, der als Kernideologie hinter dem ganzen Zauber der modernen Medizin steht. Es wird einfach nicht begriffen, daß angeblich „psychische“ Störungen in Wirklichkeit emotionale Störungen sind und Emotionen ein bioenergetisches Phänomen darstellen.

Reich konnte „psychische“ Krankheiten heilen, weil er eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hatte. Die kranke „Psyche“ schlägt sich in chronischen, der willentlichen Kontrolle und dem Bewußtsein weitgehend unzugänglichen Muskelkontraktionen nieder. Damit stand erstmalig Medizinern ein Weg offen, die „Psyche“ quasi „chirurgisch“ zu behandeln. (Reich bezeichnete die Orgontherapie als „biophysische Chirurgie“, die deshalb Ärzten vorbehalten sein sollte.)

Bezeichnenderweise lautete der Werbeslogan des eingangs erwähnten Tranquilizers „Miltown relaxes both mind and muscles“. Das Mittel entspanne sowohl die „Psyche“ als auch die Muskeln! Heute wird der Wirkstoff ausschließlich als „Muskelrelaxans“ vermarktet. (Übrigens kann das Zeugs einen körperlich abhängig machen!)

Die Sache mit der angeblich gestörten „Hirnchemie“ kam später auf. Man ging daran, „gezielt“ in den Serotonin-, Dopamin-, Melatonin- etc. Haushalt einzugreifen. Und auch hier ist ein Fünkchen Wahrheit auszumachen, denn tatsächlich ist unser Gehirn (genauer gesagt das „retikuläre Aktivierungssystem“) der Schnittpunkt zwischen der objektiven Welt und der subjektiven Welt. Hier fließen alle separaten Wahrnehmungen und Impulse, die außerhalb unseres Kopfes nichts miteinander zu tun haben, zu einer Einheit zusammen, nehmen miteinander Kontakt auf und erzeugen dadurch das, was man „Bewußtsein“ nennt. So kommt das zustande, was Hans Hass als „inneren Projektionsschirm“ bezeichnet hat.

Das ändert jedoch nichts daran, daß irgendwelche Auffälligkeiten in der „Psyche“ Ausdruck des Körpers in seiner Gesamtheit sind, d.h. des bioenergetischen Feldes, das uns durchdringt und umgibt. Man setze sich beispielsweise im Schneidersitz hin und ahme die indischen Handstellungen, die Mudras, nach, etwa die Hände auf die Knie legen. Es ist ein dramatischer Unterschied für unser Bewußtsein bzw. unsere „Stimmung“, ob die Handinnenflächen nach oben oder nach unten gerichtet sind. Oder man halte die Hände wie in der Zen-Meditation, etc.pp.

Jetzt überlege man sich, was es für das Bewußtsein bedeuten muß, wenn eine Körperhaltung, etwa hochgezogene Schultern, über Jahre, Jahrzehnte, festgehalten wird. Nicht nur eine Hand einige Sekunden, sondern ganze Körperpartien über Jahrzehnte hinweg! Hier sind die „psychischen“ Leiden verankert und nirgendwo sonst. (Daß sich das gleichzeitig auch in der „Hirnchemie“ niederschlägt, – wie sollte es anders sein?!)

Ein rigider Körper spiegelt sich in einem rigiden, „mechanischen“ Bewußtsein wider. Das Leben des Neurotikers ist unendlich kompliziert und alles ist „sinnlos“ – und so verhält er sich auch. Ihm dann in der Psychotherapie mit der „Sinnfrage“ zu kommen, versöhnt ihn vielleicht mit dem Elend, doch dieses bleibt bestehen. Gleichzeitig nimmt er begierig die absurde, imgrunde mystischen, Vorstellung auf, Ort der „Psyche“ sei das Hirngewebe und Störungen der „Hirnchemie“ seien für sein Unglück verantwortlich. Er verändere sich mit entsprechenden Glückspillen, – ohne sich und seine Umgebung verändern zu müssen.

Die „Psyche“ spiegelt nicht nur den Körper wider, sondern ist auch untrennbar mit dem „sozialen Raum“ verbunden. Wir können uns beispielsweise den anderen nur öffnen, wenn wir auch unsere Körperhaltung öffnen. Neurotiker laufen ihr ganzes Leben mit einer „abweisenden“ Körperhaltung herum. Wir panzern uns nicht in erster Linie wegen der Umwelt, sondern wegen unserer Mitmenschen ab. Nicht nur die Sprache, das Bewußtsein an sich, sind ein soziales Phänomen. Wären wir keine Herdentiere, gäbe es beides gar nicht, da Sprache und Bewußtsein vollkommen überflüssig wären.

Es ist offensichtlich, Reich hat seit 1928 immer wieder vehement darauf hingewiesen, daß die Charakteranalyse bzw. später die Orgontherapie stets auch eine soziale, soziologische, „politische“ Komponente hat (Stichwort „Arbeitsdemokratie“), die, wie er sukzessive herausfand, wiederum in der Biologie und weiter in der Biophysik und Kosmologie fußt.

Manche Psychiater erfassen das intuitiv, engagieren sich sozial, landen gar in der sozialistischen Politik. Manche entwickeln sich weiter und wenden sich schließlich der „Spiritualität“ und „Esoterik“ zu. Da sie aber im mechano-mystischen Denken gefangen bleiben, trägt das alles nur zum allgemeinen Chaos bei.

Die an Patienten gerichteten Ratgeberbroschüren der Pharmakonzerne, mit denen sie ihre Glückspillen im Markt langfristig verankern wollen, machen typischerweise für Selbsthilfegruppen, „Atemübungen“, Meditation und Yoga Werbung. Selbst die schlimmsten Mechanisten vertreten heute einen „integrativen Ansatz“. Hier und da werden sogar „körpertherapeutische“ Maßnahmen für Patienten angeboten. Alles wirr und ohne Verstand, da das funktionelle Denken fehlt.

Übrigens werden auch in einer zukünftigen funktionellen Psychiatrie Psychopharmaka ihren Platz in besonderen Fällen haben, – nachdem man die „hirnchemischen“ Zusammenhänge wirklich verstanden hat, ähnlich wie Reich es Anfang der 1930er Jahre für das Autonome Nervensystem geleistet hat.

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6 Antworten to “Wahnsinn Psychiatrie”

  1. Manuel Says:

    Ein wirklich wertvoller Artikel!

  2. David Says:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Miltown

    zufolge ist Miltown heute in Deutschland ein verkehrsfähiges, aber nicht verschreibungsfähiges Betäubungsmittel.

  3. collie Says:

    Solange es noch Menschen gibt, die glauben das Psychopharmaka und Neuroleptika irgendwas mit high sein oder angenehmen Gefühlen zu tun hat, siehts für die armen Insassen der Psychiatrie ganz schlecht aus.Schließlich verliert sich die Libido nicht umsonst unter solchen Giften.Und der Name Zombies für Psychiatrieinsassen, ist ja nicht sehr fern von der Realität.

    • Peter Nasselstein Says:

      Mag ja stimmen, aber die Gegenwahrheit ist, daß manche Menschen nur aufgrund der verteufelten Psychopharmaka ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben führen können.

      Wenn nur auf beiden Seiten (d.h. auf der Seite der „Alternativmediziner“ als auch auf Seite der „Schulmediziner“ und der beiden entsprechenden Laiengruppen) der fast religiöse Wahn verschwinden würde, daß die jeweils anderen des Teufels sind. Glaubenskriege gehören ins Mittelalter.

    • O. Says:

      Psychopharmaka (und wohl auch alle medizinischen Medikamente) sind soweit es geht immer zu vermeiden und werden erst im „Notfall“, wenn die Symptomlage es erfordert vergeben. Und dann sind sie in der Regel auch für die Menschen ein Segen, wenn das richtige Medikament für die Symptome und den Menschen gefunden worden sind. Lieder ist es erstmal auch ein „Experimentieren“ auf welches Medikament der Mensch anschlägt. Auch Fachkollegen sind sich nicht immer einig, welche Medikamentengruppe Sinn macht, zumal einige auch eine Abhängigkeit erzeugen können. Mehr Transparenz gegenüber dem Patienten ist wünschenswert und es gibt gelegentlich auch Fachvorträge für Patienten.
      Gleiches gilt für allgemeine Mediziner: Da gibt es welche, die ausschließlich mit chemischer Medizin behandeln, andere fragen auch mal, ob man noch andere homöopahtische Medikamente nimmt (und fordern nicht gleich Absetzung, wenn es dem Patienten hilft) und geben punktuell und überlegt dosiert zusätzlich Medikamente, um eine mögliche Verschlimmerung auszuschließen. Wiederum andere vertrauen ganz auf Homoöpathie und Akkupunktur und können so über weite Strecken ihre Patienten helfen, ohne zur standardisierten „Notfallmedizin“ zu greifen.

      Dennoch darf der Patient immer ein gesundes Misstrauen haben und im Zweifelsfall gerne eine weitere ärztliche Meinung hinzuziehen.

      @ collie: „Nebenwirkungen“ wie den Verlust/ die Herabsetzung der Libido kann durch die Depression auftauchen oder durch die Medikamente und den Patienten sehr belasten (in der Beziehung). Auch dann kann mit dem Arzt über die Einnahme (Verschreibung) von Viagra gesprochen werden, wenn die Partner/in zum Sex bereit ist.
      Wenn Patienten erst einmal frisch z. B. mit Wahnvorstellungen in die Psychiatrie kommen und mit Psychopharmaka eingestellt werden müssen, sehen sie erstmal aus wie neben sich stehende Zombies, was sich nach Tagen – ein bis zwei Wochen wieder normalisieren kann, solange muss man als Angehöriger die Geduld aufbringen oder sich mal mit einem Psychologen aussprechen, der die eigenen Ängste und „Schuldgefühle“ anhört.

  4. claus Says:

    Die bloße Idee einer Lebensenergie im All macht noch kein Genie. Interessant bleibt aber, dass diese Intuition immer wiederkehrt: https://www.youtube.com/watch?v=IOhnAv3EQYI

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