Die antiautoritäre Gesellschaft

Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein war die westliche Gesellschaft, wie heute noch die mohammedanische Welt, weitgehend vom Mystizismus bestimmt. Die Menschen orientierten sich an „Gott“ und seinen Vorgaben. Die Welt war mehr oder weniger wohlgeordnet, die Rollenverteilung in Familie und Gesellschaft festgelegt und unhinterfragbar. Staat und Familie ergänzten sich auf geradezu perfekte Weise. Reich hat diese „autoritäre Gesellschaft“ und den Beginn ihres Verfalls infolge von Industrialisierung und „Massenkultur“ ausführlich beschrieben, beispielsweise in Die Massenpsychologie des Faschismus.

Die autoritäre Gesellschaft begann zu zerfallen, als immer mehr „die Maschine“ den Alltag und das Denken der Menschen zu beherrschen begann. Die Fabrik- und Büroarbeit und der beginnende Massenkonsum zerstörten zusehends die alte Ordnung in Familie und Gesellschaft. Hinzu kamen die großen Kriege mit ihren Massenheeren. Die Väter waren teilweise über Jahre abwesend und kehrten als gebrochene Menschen heim. In den Schulen lernten derweil ihre Kinder, daß der Mensch kaum mehr ist als eine Maschine und daß das Universum kalt, leer und sinnlos ist. Kein Religions- oder gar „Ethikunterricht“ konnte das auffangen, was sie im Biologie- und Physikunterricht gelernt hatten. Hinzu kamen die zunehmend „zersetzend“ wirkenden Massenmedien.

Dergestalt bildete sich langsam aber sicher die antiautoritäre, d.h. „mechanistische“ Gesellschaft aus. Die ersten Ansätze dazu gab es in den 1920er Jahren, d.h. nach dem Trauma des Ersten Weltkrieges. Man denke nur an „Dada“, den Jazz, den Bubikopf, etc. Der Nationalsozialismus war teilweise eine rückschrittliche Reaktion („der Tag von Potsdam“) auf diese Strömung, teilweise aber selbst Ausdruck dieser Strömung. (Noch deutlicher ist in dieser Beziehung der italienische Faschismus.) Nach der noch schlimmeren Verwerfung durch den Zweiten Weltkrieg hat die westliche Gesellschaft verzweifelt versucht die „alte autoritäre Ordnung“ wiederherzustellen, man denke nur an die McCarthy-Ära in den USA und die Adenauer-Ära in Westdeutschland, doch war die antiautoritäre Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten und brach sich seit etwa 1960 freie Bahn.

Der Zerfall der autoritären Ordnung, die von gehemmten Charakteren (insbesondere Zwangscharaktere, „unterdrückte“ phallische und hysterische Charaktere und chronisch depressive Charaktere) geprägt war, ging mit der Verbreitung von triebhaften Charakteren einher („unbefriedigte“ phallische und hysterische Charaktere, manisch depressive Charaktere). Zumindest in Großstädten findet man mittlerweile in psychotherapeutischen Praxen kaum noch die Menschen, die Freud, Reich und Baker in ihren Werken beschrieben haben. Stattdessen hat man es zunehmend mit „Freaks“ zu tun – als solche hätten sie jedenfalls in der alten autoritären Gesellschaft gegolten.

Dese Menschen sind vor allem durch das Diktum geprägt, daß Freiheit wichtiger ist als Verantwortung. Freiheit ist überhaupt das wichtigste. Kinder und langfristige Partnerschaften sind nur hinderlich. Man ist auf der Suche nach seinem „Selbst“. Das Individuum ist unendlich wichtiger als die Gruppe (auch was die Verantwortung in der Generationenfolge betrifft). Das führt zu immer mehr Unordnung und gesellschaftlicher Instabilität, worauf die Menschen mit verstärkter Augenpanzerung reagieren. Die so erzeugte Kontaktlosigkeit geht mit immer mehr Verantwortungslosigkeit einher. Und das immer so weiter in einer unaufhaltbaren Abwärtsspirale.

Natürliche Unterschiede, etwa die zwischen den Geschlechtern, verschwinden zusehends. An ihre Stelle treten „individuelle Lebensentwürfe“ und eine Zersplitterung der Gesellschaft in „Szenen“, die kaum noch gemeinsame Berührungspunkte haben („Tribalismus“). Charakteristischerweise ist der Konformitätsdruck innerhalb dieser in sich geschlossenen Kreise, „Cliquen“, weitaus höher als er in der autoritären Gesellschaft je war. Auf Gesamtgesellschaftlicher Ebene kommt es zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen „links und rechts“, wobei die Rechte zunehmend marginalisiert wird. Unterstützt wird dies dadurch, daß die Rechte in einer Welt, die nicht die ihre ist, im Laufe der Zeit immer unbeholfener und „fehl am Platze“ wirkt. Wer etwa für das traditionelle Rollenmodel der Frau eintritt, muß sich angesichts des Hohn und Spotts, dem er ausgesetzt ist, in haltlose Widersprüche verfangen.

Man kann die „antiautoritäre“ Strömung vielleicht am ehesten von der Krebsschrumpfungs-Biopathie her verstehen, bei der das Gewebe zerfällt und sich auf primitiverem Niveau im Krebstumor neu organisiert. Krebszellen sind geradezu die Verkörperung des „antiautoritären Rebellen“. Da die natürliche Organisation des Körpers zunehmend zerfällt, funktioniert beim Krebs der Organismus nur mehr wie eine Maschine, mechanisch.

Der Endzustand, auf den die antiautoritäre Gesellschaft zusteuert, ist der Kommunismus. Da die Individuen immer mehr wie „Krebszellen“ funktionieren, d.h. aus sich heraus nicht mehr existieren können, wird die Gesellschaft so reorganisiert, daß das Geld „von oben kommt“ („Sozialstaat“), ähnlich wie bei Krebs der Organismus schließlich nur noch dazu dient die Krebstumoren am Leben zu erhalten. Die Senkung des Energieniveaus, die energetische Schrumpfung, kommt beispielsweise in der Geldwirtschaft zum Ausdruck, die an „Anämie“ zu leiden beginnt. Die großen Kriege, gigantische Infrastrukturprogramme und nicht zuletzt der „Sozialstaat“ machten eine Ausweitung der Geldmenge notwendig, die sich schließlich verselbständigte und nach einer „Bändigung der Finanzmärkte“ rief. Das läuft auf einen „Staatskapitalismus“ hinaus, der sich in letzter Konsequenz in nichts vom sowjetischen Model unterscheiden wird. Der krebsige Zerfall ist abgeschlossen.

Die antiautoritäre Gesellschaft ist genausowenig „freiheitlich“, wie der an einer Krebsschrumpfungs-Biopathie leidende Organismus „selbstreguliert“ ist, nur weil sich Gewebe „selbständig“ machen. Da die Menschen in der antiautoritären Gesellschaft zunehmend unselbständiger werden, wird sie tatsächlich immer „autoritärer“. Man denke nur daran, wie wir zunehmend wie Kinder behandelt werden, denen man alles sagen muß: keine Plastiktüten über den Kopf ziehen, seinen Müll nicht in die Landschaft schmeißen, sich im Auto anschnallen, einen Fahrradhelm tragen, nicht zuviel essen, für Bewegung sorgen, etc.pp. In der autoritären Gesellschaft waren die Menschen selbständiger! Wie noch heute in der mohammedanischen Welt waren die Menschen früh erwachsen, während heute noch 40jährige sich wie „rebellische“ Jugendliche benehmen, die letztendlich darauf zählen, daß sie „geführt“ werden.

Das Wesen der antiautoritären Gesellschaft wird von Hollywood sowohl beschrieben als auch weiter propagiert: es gibt schlichtweg keinen Jugendfilm, in dem nicht Marijuana verharmlost, wenn nicht sogar offen propagiert wird; Filme wie Der englische Patient zeigen, daß private (sexuelle) Glück weitaus wichtiger ist, als das Schicksal der eigenen Schicksalsgemeinschaft; Agenten- und Actionfilme, etwa die Bourne-Reihe, verbreiten die Botschaft, daß die alten Werte wie Patriotismus, Ehre und Loyalität geradezu das Grundübel dieser Welt darstellen; in Das Beste kommt zum Schluß werden zwei Krebskranke im Endstadium gezeigt, die nicht etwa „ihr Haus ordnen“ und die letzten Tage mit der Familie verbringen, sondern wie wildgewordene Teenager „voll auf die Kacke hauen“. Vor 1960 wären die Menschen angewidert aus den Filmtheatern gelaufen, heute halten sie diesen nihilistischen, zutiefst deprimierenden Dreck für eine humanistische Offenbarung!

Besonders gut kann man die Entwicklung der antiautoritären Gesellschaft anhand der Liedtexte der Popmusik verfolgen. Den Anfang macht Imagine von John Lennon, in der von einem leeren, gottlosen Universum geträumt wird, in dem es nichts gibt, für das es sich lohnen würde sich zu opfern. (Ich wußte schon damals, daß ich nicht dazu gehöre, denn kaum etwas habe ich mehr gehaßt als diese widerliche Kommunisten-Hymne!) Am Ende steht die Verherrlichung von Mord, Todschlag, Vergewaltigung und Diebstahl im Gangsterrap.

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=D0oL-OunuEI%5D

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

13 Antworten to “Die antiautoritäre Gesellschaft”

  1. Sebastian Says:

    Ah, ich beginne zu verstehen. Danke für den Artikel! Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Orgonomen, wie Reich, eigene Begriffe für ihre Theorie gebildet hätten, so dass man nicht vollkommen verwirrt ist, wenn sie ohne Definition anders verwendet werden (autoritäre/antiautoritäre Gesellschaft, Kommunismus).

    • Peter Nasselstein Says:

      Das mit der Begrifflichkeit ist wirklich ein Problem. Beispielsweise verwendete Baker den wirklich nichtssagenden Begriff „modern liberal“. Konia hat ihn durch „pseudo liberal“ ersetzt. Bakers Begriff hatte immerhin den Vorteil, daß er bereits Jahre zuvor von James Burnham geprägt worden war und man so in der Lage war mit Außenstehenden Anknüpfungspunkte zu finden.

      • Robert (Berlin) Says:

        Der Begriff „modern liberal“ ist wirklich großer Unfug und sorgt nur für Verwirrung. Er nutzt zwei positiv besetzte Wörter und soll etwas schlechtes bezeichnen.

  2. O. Says:

    Nun kann man natürlich für einige Großstädter und Randgruppen eine „antiauthoritäre“ Erziehung (nicht nach A.S. Neill) annehmen, nach dem an mit den herkömmlichen Charaktertypologien womöglich ins Schwimmen kommt. Dies gilt aber nicht unbedingt für die nach wie vor trieggehemmte Mehrheit der Bevölkerung. Die „Freaks“ und Lebenskünstler sind in der Minderzahl. Es mag auch Geschmacksache sein, ob man diesen Lebensstil mag oder nicht. Verallgemeinerungen sind für mich immer schwierig und nicht auf Individuen anzuwenden.
    Die hier evtl. als „liberal“ eingestellten „Freaks“ mögen eine antiauthoritäre Erziehung genossen haben, die, die diesen Vorzug nicht erleben durften und noch unter älteren Bedingungen aufgewachsen sind, fühlen sich durch die Arbeitswelt nicht nur missachtet und ins Aus gedrängt, sie sehen den „Kapitalismus“ (man kann es ja auch schöner bezeichnen) gegenüber den Arbeitnehmern so sehr demaskiert – sich selbst demaskierend und ihre soziale Maske herunternehmend – dass sie sich ans 3. Reich zurück erinnert fühlen. Deutschland als KZ und Arbeitslager. – Insofern ist die „authoritäre“ faschistische Ordnung wieder „hergestellt“.
    Nun wenn man dies auch als Übertreibung empfinden möchte, ist der „Dämon“ in den Befürchtungen und Vorstellungen wiedergeboren worden. Reich hätte nun argumentiert, dass der Faschismus in uns, charakterlich manifestiert, steckt, doch die Menschen sehen ihn zunehmend von außen sich aufbauend und strukturell bereits vorhanden. Dies kann man auch nicht als „psychisches Phänomen“ begreifen, sondern muss man als soziale Realität erkennen, die kaum zu leugnen ist.
    Und als „triebgehemmte“ Menschen werden sie den „neuen alten Faschismus“ wohl erdulden müssen, als „triebhafte“ Menschen könnten sie ja noch rebellieren.

  3. Manuel Says:

    Auf die satanistischen Botschaften die -textlich und musikalisch- auch durch scheinbar harmlose Popmusik transportiert werden, habe ich hier im Blog schon einmal hingewiesen.
    Hier ist das „Gegengift“ – textlich, musikalisch und architektonisch:

  4. Die bioenergetischen Grundlagen der politischen Spaltung « Nachrichtenbrief Says:

    […] Veränderungen wie ich sie in Die antiautoritäre Gesellschaft beschrieben habe, führen zu oberflächlichen psychologischen Veränderungen in den Menschen. Das […]

  5. Die Massenpsychologie der antiautoritären Gesellschaft « Nachrichtenbrief Says:

    […] Staat, und machten die Nation bedeutungslos („Globalisierung“). Das mündete, wie in Die antiautoritäre Gesellschaft beschrieben, schließlich in der antiautoritären Gesellschaft, die das genaue Gegenteil der […]

  6. Die autoritäre Gesellschaft 1942, die antiautoritäre Gesellschaft 2012 « Nachrichtenbrief Says:

    […] antiautoritäre Charakterstruktur durch sozialökonomische Prozesse entstanden ist, habe ich in Die antiautoritäre Gesellschaft beschrieben. Die biopathische Charakterstruktur ist dabei natürlich nicht „erstarrter, […]

  7. Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen? « Nachrichtenbrief Says:

    […] der antiautoritären Gesellschaft, die tatsächlich aus „materiellen Gründen“ entstanden ist, kommt es zu einer alle Gesellschaftsschichten umspannenden Einstellung der […]

  8. David Says:

    Da die Individuen immer mehr wie „Krebszellen“ funktionieren, d.h. aus sich heraus nicht mehr existieren können, wird die Gesellschaft so reorganisiert, daß das Geld „von oben kommt“ („Sozialstaat“)

    Hier vielleicht beachtenswert – habe es noch nicht ganz gelesen: Heinsohn, Steiger: Eigentum, Zins und Geld – hier entsteht Geld durch Kreditverträge, also Verträge zwischen Verantwortung tragenden Individuen.

    Problem dabei: Grundlage ist das Eigentum, das sei ein so genannter Titel; der berechtige dazu eben das Eigentum zu belasten, es zu verpfänden und zum Schluss wird dann – in das Vermögen – vollstreckt.

    Und wer vollstreckt? Die Staatsmacht!

  9. claus Says:

    Bin mal Peter Bursch nachgegangen, zu Bröselmaschine, Helge Schneider und lande eben bei dem, woran das Milieu krankte: Erwartung. http://www.artnet.de/künstler/willi-kissmer/erwartung-expectation-a-aTbLGnIgOHfdsKEkR9B4fA2

  10. claus Says:

    PN, hast du eine Ahnung, wer ggf. in Deutschland als Referent (Englisch oder Deutsch) über den Weg von der Charakteranalyse hin zur aktuellen Rolle des antiautoritären Charakters – für einen Hayek-Club – in Frage kommt? Die Gewährleistung ’seriöser‘ Maske etwa durch medizinischen Doktor wäre sehr vorteilhaft. (wenn nicht hier, als Mail an mich)

    • Peter Nasselstein Says:

      Nein. In Amerika wäre das alles kein Problem, aber hier… Sinnvolerweise könnte es ja eh nur ein Therapeut sein, denn jeder andere kommt ins Schwimmen, wenn es um „Panzerstrukturen“ geht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: