Mißverständnisse in der Orgontherapie

In der Charakteranalyse geht es darum, das neurotische Gleichgewicht mit verbalen Interventionen ins Wanken zu bringen, so daß sich der Patient langsam aber sicher von seinen „automatisierten Verhaltensweisen“, seiner charakterologischen Panzerung, lösen kann. Zwangscharaktere funktionieren weniger mechanisch, Hysterikerinnen hören mit dem Spiel „Anlocken und dann Weglaufen“ auf, Phalliker werden weicher, etc. Dies erreicht der Orgontherapeut u.a. durch verbale Provokationen, die verhindern sollen, daß das ganze zu einem rein intellektuellen Gespräch („Gesprächstherapie“, „kognitive Verhaltenstherapie“) wird und im Sande verläuft, sondern Gefühlsreaktionen, wirkliche Veränderungen, im Mittelpunkt stehen.

Die Kunst ist es, daß das jeweils vom Patienten auch richtig eingeordnet werden kann. Ansonsten ist es kaum mehr als eine manchmal schlimme Beleidigung, die nur eine zusätzliche seelische Verletzung hervorruft, d.h. der Patient wird noch kränker. Besonders verheerend kann das in der Therapie von Kindern sein, die das ganze tatsächlich als eine Art „Vergewaltigung“ erleben können. Entsprechend kursieren im Netz Gerüchte über sadistische Übergriffe, gar sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern, etwa durch den 1979 verstorbenen Orgonomen Albert Ing Duvall. Als Erwachsene kommen sie mit den phantastischsten Anschuldigungen.

Bei Patienten, die als Erwachsene behandelt wurden, erlebt man ältere Damen, die voller Verbitterung darüber berichten, daß ihnen vor Jahrzehnten während einer entscheidenden Therapiesitzung Dr. xyz doch tatsächlich auf den Kopf zugesagt hätte, daß sich niemals ein Mann für sie wirklich interessieren werde. Tatsächlich ging es offensichtlich darum, daß die Patientin endlich aufwacht, wütend wird und ihr Leben als alte Jungfer, für die kein Mann jemals gut genug sein kann, aufgibt. Tatsächlich brannte sich jedoch in ihr Hirn ein: „Ich bin gar keine richtige Frau und kein Mann wird mich jemals wirklich lieben!“ Auf diese Weise wurde die neurotische Lebensweise eher noch verfestigt.

Oder meine eigene Therapie bei Dr. yza, der mir in einer Sitzung mit gewollt verächtlichem Unterton an den Kopf warf, ich würde wie ein Junge wirken. Eine ziemliche Fehlleistung, denn als alter ergrauter Knacker wie ich, fühlt man sich bei so etwas definitiv geschmeichelt! („Oh, ähh, – danke!!“) Aber was, wenn mich niemand für voll nimmt und Frauen mich nicht beachten würden? Potentiell eine neue Traumatisierung! – Theoretisch geht es bei solchen Interventionen natürlich darum, den gepanzerten Status Quo aufzubrechen, die Orgonenergie zu mobilisieren, kann aber unter ungünstigen Voraussetzungen eher zu einer weiteren Immobilisierung führen.

So entstehen gar erschröckliche Geschichten über Orgontherapeuten, auch über Reich selber. Ilse Ollendorff berichtet, daß insbesondere zur Zeit der „Pressekampagne“ in Norwegen in den 1930er Jahren

die negative Übertragung, die Reich als einen der wichtigsten Punkte seiner charakterologischen Therapie ausgearbeitet hatte, zu Schwierigkeiten führte. Er provozierte sie in seinen Patienten, aber wenn sie an der Oberfläche erschien, war es, als ob er diese neue Form des auf ihn gerichtetem Angriffs, zu dem dauernde öffentliche Angriffe hinzukamen, nicht ertragen konnte. Er reagierte darauf, wie es einer von ihnen ausdrückte, indem er „mich in einem solchen Ausmaß niedergeschlagen hat, daß es Jahre dauerte, mich davon zu erholen“. (Wilhelm Reich, S. 72)

Der (schließlich dafür bezahlende!) Patient kann definitiv Opfer einer schlechten, d.h. kontaktlosen Charakteranalyse werden. Kunstfehler, wie sie jedem Arzt in jedem Fachbereich ab und an unterlaufen. Andererseits soll sich dann aber auch niemand wundern, wenn Orgontherapeuten immer „passiver“ werden und sich weitgehend aufs Zuhören beschränken!

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=Xiaa9AV0WWM%5D

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18 Antworten to “Mißverständnisse in der Orgontherapie”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Mehr über Duvall:

    http://www.indiegogo.com/projects/orgone-box-book

    und sein Bruder:

    http://orgone.org/Pages/Conference/All.htm#brenner

    The Good, the Bad and the Ugly. The Use and Misuse of Psychiatric Orgone Therapy in the Pediatric Population.

  2. O. Says:

    Psychiater in Kliniken provozieren häufig in ihren (kurzen) Gesprächen mit den Patienten. Dies kann auf den Patienten schockierend und verstörend wirken. Mit etwas Begleitung meist durch Psychologen wird aber der Wert dieser Intervention wieder herausgearbeitet.
    Psychologen in eigener Praxis vermeiden eher den Konflikt mit dem Kassenpatienten, weil sie auch länger die Beziehung aufrecht erhalten wollen.Eine Beziehung hier muss auch erst tragfähig werden, da der Patient sonst gleich wieder wegläuft.
    In Kliniken kann der Patient sich seinen Therpeuten nicht aussuchen, so dass auch der Therapeut – insbesondere in der Kürze der Zeit eines Aufenthaltes – provozierend und aufdeckend arbeiten kann. Am Ende sollte der Sinn dieses Vorgehens vom Patienten erkennbar sein. Immer nur empathisch und entgegenkommend zu arbeiten, führt nicht unbedingt zum Therapieziel oder zur Veränderung von Einstellungen, Haltungen und Verhalten.

  3. Klaus Says:

    Wie soll man denn dagegen noch ankommen?
    „My problem with Wilhelm Reich is that he appointed another psychiatrist … to run his orgonomic children’s center. [The doctor], it turns out, was a sadist serial pedophile, who not only molested me in the course of my orgone therapy treatment, but also I have reason to believe hundreds of other children that were sent to him by well-intentioned parents.“ (Link: blog.sfweekly.) Der Name ist kaputt, und es geht nun darum, Inhalte zu retten oder neu zu entdecken.

    • Sebastian Says:

      „Diagnose als Waffe“ – sehr schönes Kapitel von Andreas Peglau in seinem Buch „Unpolitische Wissenschaft“. Ein Mittel, um sich nicht mit Inhalten beschäftigen zu müssen. Gehört zur Psychoanalyse und allem, was daraus hervorging, wie Streusel auf einen Mohnkuchen, nur dass es nicht so gut schmeckt…

    • Sebastian Says:

      Ähm, das soll natürlich nicht Duvall in Schutz nehmen…!

  4. David Says:

    [The doctor], it turns out, was a sadist serial pedophile …

    Silvert??

  5. O. Says:

    Was hat M. Brenners Buch mit der Orgone Box zu tun???
    – Es erinnert an Turners Buch, einen weiteren Angriff auf Reich, nicht auf Duvall. Malcolm Brenner äußert den Missbrauch im hohen Alter (vor zehn Jahren) ein Ereignis, dass über 60 Jahre her ist. Wem soll das noch nützen? Niemandem.
    Im Gegenteil es soll schaden – als ein Art Racheakt – gegen Wilhelm Reich. (Turnerstyle). Es hat nichts mit dem ORAC zu tun und mit Reich nur insofern, als dass Reich Duvall nicht abgesetzt und rausgeschmissen hat, wenn er hiervon wissen konnte.

    Kurios ist, dass der Bruder Hugh Brenner sich für Reich interessiert und heute auf Konferenzen auftritt und Stellung zum Missbrauchsvorwurf des Bruders bezieht. (Thanks!)

    Doch was wird nicht diskutiert, obwohl H. Brenner es anschneidet: Wie wird orgontherpeutisch gearbeitet mit Erwachsenen und an dieser Stelle natürlich mit Kindern?
    Was hat Reich hierzu gesagt, gelehrt und „vorgeschrieben“? Sollten Kinder „orgontherapiert“ werden? Wo hat er dies gesagt? (Beleg)
    Brenner diskutiert einen heutigen Ansatz von Kindertherapie, der in der Pädagogik oft auch praktiziert wird, vermischt mir therpeutischen Einheiten in Zusammenarbeit und im Beisein der Eltern. Dies Forderung ist neu und nicht common sense, was zeigt, dass eine Kinder- oder gar Babytherapieanstatz nicht angedacht, ausgearbeitet und als Konzept sinnvoll umgearbeitet wurde.

    Seit den Neunzigern wird mit „modernen Babytherapien“ geworben und diese würden „nach den Reichs“ vermittelt worden sein. Auch hier gibt es kein therapeutisches Konzept, was nicht verwundert, da die Orgontherapie schon nicht definiert war. Von Lasseks unkritisierten Fälschungsversuchen einer Pseudo-„Orgontherapie“ müssen wir absehen, auch wenn diese weiterpropagiert werden.

    Umgangen wird eine Diskussion um die Babytherapien, in dem die Kritik, Kinder nicht anzupacken, mit einer nicht benannten „Korrektur“ begegnet, man würde in 2013 (!) nicht die Kinder therapieren, sondern mit den Eltern die Babytherapie durchführen. Die Frage darf auch hier gestattet sein: Wozu brauchen Erwachsene eine Babytherapie?

    Es geht also um das Thema, wie sieht Orgontherapie aus und erst dann in zweiter Linie die Frage, warum müssen wir mit welchem Ziel Babys therapieren. Welche Ausbildung haben dann aber die Therapeuten vorzuweisen? Und genau hier sind wir wieder bei Reichs (und Bakers) Problem, wen bildet man mit welcher Intensität aus, bis er hier an Patienten und Kindern arbeiten kann? Einen weiteren „Dr. Duvall“ gilt es zu vermeiden.

    Meine Atnwort wäre: Wir müssen eben nicht Babys therapieren! Säuglinge sind kompetente Wesen, wir müssen sie schützen, d. h. bestenfalls mit den Eltern arbeiten.

    • Renate Says:

      Bitte jetzt keinen Shitstorm über mich, aber:

      Reich kannte sich mit Kindern auch nicht aus, siehe auch das Buch „Traumvater“ von Peter Reich.

      Wer hier hat selber Kinder und hat sie jahrelang fast 24 Stunden pro Tag um sich herum gehabt? Erst dann kann man vielleicht mitreden.

      Ich verstehe nicht, wie eine Mutter so gefühllos sein kann und ihr 3-jähriges Kind in eine Therapie (zu Dr. Duvall) gibt. Es muss einer Mutter doch auffallen, dass da etwas überhaupt nicht stimmt.

      Kinder brauchen keine Therapie, fast sicher aber die Eltern.
      Kinder sind kleine Energiesauger (liebevoll gemeint), dass ist doch normal und sie müssen das sein, um zu lernen, nur die Erwachsenen halten dass nicht aus und daher beschränken sie meist von klein auf schon den Tatendrang der Kinder.

      Reich hat wundervolle, übermenschliche Arbeit geleistet, aber bitte die Kinder in Ruhe lassen. Sollen sie nicht die Selbstregulierung lernen? Wie sollen sie es denn, wenn man sie nicht lässt.

    • Peter Nasselstein Says:

      Hier ein typischer Fallbericht:

      Klicke, um auf Treatment_of_a_Child_with_Elective_Mutism.pdf zuzugreifen

      und noch einer:

      Klicke, um auf A_Three_Year_Old_Schizophrenic.pdf zuzugreifen

    • O. Says:

      Jeder der offenherzig seinen Kindern begegnet, kann von den Kleinen viel lernen, Jahr für Jahr: Alle psychologischen Theorien werden von ihnen ausgehebelt und taugen nichts, das ist das Erste, was von ihnen gelernt werden kann. Das Zweite ist die Selbstregulation …

    • Sebastian Says:

      Wenn sich Panzerung in der Kindheit entwickelt, warum soll man erst warten bis sie richtig schwer zu beeinflussen ist? Wie unlogisch ist das? Das ist, als wenn man sagt: Früher waren die chirurgischen Methoden unausgereift und es gab mal einen Arzt, der unglaublichen Schaden angerichtet hat. HÖRT SOFORT AUF ZU OPERIEREN!!!!

      • O. Says:

        Es ist absolut richtig, dass sich schon bei Kindern Panzerung entwickelt. Dies gilt es erst zu sehen und zu erkennen. Dann gilt es nicht das Kind zu behandeln, sondern die Quelle der Panzerung, die (soziale) Ursache zu finden und abzuschalten. Hier wäre eine „Operation“ zu führen!
        Dies wird aber in den wenigsten Fällen gemacht, der Blick hierfür ist gar nicht entwickelt. Wer will sich denn mit Erwachsenen auseinandersetzen oder den Einfluss eines anderen Kindes limitieren, das neurotisch agiert?

        Nun komme ich auf die „Babytherapeuten“: Sie haben eine („Reichsche“) Annahme über Therapie im Kopf und müssen sie an Kindern ausprobieren. Weil sie (tolle) Reichianer sind, werden sie niemals hinterfragt werden, schon gar nicht von Kollegen oder von Eltern, die blind an die Autorität glauben müssen. Dieser Typus ist (sind wir mal ehrlich) narzisstisch gestört und hat nun ein noch (weitestgehend) natürlich reagierendes Baby vor sich, dessen Regungen er instinktiv „therapieren“ muss. Gehen wir mal von der falschen Utopie aus, der Therapeut würde alles richtig machen und entlässt das Kind nach der Behandlung in die zerstörerische Umgebung zurück – freilich jetzt „ungepanzert“. Was passiert? Das Kind – das kennen wir von Bioenergetik Wochenendworkshops zur Genüge – ist wieder geöffnet und muss sich gegen dieselben frustrierenden Umstände doppelt so stark abpanzern. So in der nächsten Stunde wiederholt sich das Spiel des Supertherapeuten und das Kind panzert sich in den nächsten Tagen zwangsläufig vierfach so stark ab usw.
        Ein Therapeut, der hier immer weiter macht und sein Honorar kassiert, kann ich nur Idiot nennen. Er zerstört das Kind.
        Ich vermute, dass nie wieder eine Therapie dieses Kind später retten kann. Es ist durchtherapiert – austherapiert.

        Der einzig sinnvolle Ansatz ist der einer „pädagogischen Psychologie“. Dies haben wohl auch die ACO Leute erkannt und sprechen seit Neustem von „Spieltherapie“. Auch das ist noch nicht ausgereift, sondern zeigt nur die Richtung. Die Fixierungen von Helfern auf schicke Reichtechnilken, wovon Reich so gut wie kaum eine Übung publiziert und entwickelt hat, dient nur dem Ego der Erwachsenen, die meist selbst keine eigene Therapie an sich ertragen konnten.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich erkläre mir das, ins Unreine geschrieben, etwa so: Anfangs war Reich davon fasziniert, sich von der „passiven Sprechtherapie“ der Psychoanalyse emanzipiert zu haben und vermittelte entsprechend eine sehr aktive Körpertherapie. Christopher Turner beschreibt das bei seinen zwei Sitzungen bei Courtney Baker: sehr schmerzhaft und fast schon traumatisch. Duvall hat anscheinend auch Kinder so behandelt (von sexuellen Übergriffen ist m.W. gar nicht die Rede!!!!).

      Heute berühren die Therapeuten des ACO die Patienten kaum noch und mit Kindern wird gespielt, so daß es nach außen hin aussieht wie: „Das soll Therapie sein?!“

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