The Journal of Orgonomy (Vol. 12, No. 2, November 1978)

Bernd A. Laska hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Therapie für Reich „hauptsächlich so etwas wie Grundlagenforschung (war), um fundierte Vorschläge für eine wirksame Prophylaxe machen zu können“ („Bemerkungen zum Thema ‚Therapie’“, Wilhelm Reich Blätter, 4/75, S. 2). Bereits 1933 schrieb Reich:

Wenn wir in irgendeinem (…) Zweige der Medizin eine Seuche bekämpfen wollen, werden wir alle Mühe daransetzen, einzelne typische Krankheitsfälle mit den bestausgebauten Methoden zu untersuchen und zu verstehen, um von daher dem Sozialhygieniker Anweisungen geben zu können. Wir konzentrieren uns also auf die individuelle Technik nicht, weil wir die individuelle Therapie allzu hoch einschätzen, sondern weil wir ohne eine gute Technik nicht die Einsichten gewinnen, die wir für das umfassendere Ziel der Strukturforschung brauchen. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 11)

Reichs Schüler Morton Herskowitz hat hinsichtlich des Therapieerfolgs gesagt, daß seine Patienten, selbst, wenn sie nicht ganz gesund werden, zumindest ihre Kinder besser erziehen. Die Therapie wirkt sich also erst auf die Kinder des Patienten in vollem Maße aus.

Als Arzt, der am Krankenbett des gesellschaftlichen Organismus tätig ist, war es für Reich von Anfang an eine Selbstverständlichkeit an den sozialen Kämpfen seiner Zeit an vorderster Front teilzunehmen:

Als angesehener Arzt und Wissenschaftler Arbeitslosendemonstrationen aktiv mitzumachen, Flugblätter [der Sozialhygiene, WR] in den Arbeitervierteln zu verteilen, sich in Schlägereien mit der Polizei zu begeben; das galt als verrückt. Die Intellektuellen konnten nicht verstehen, warum ich meine gesellschaftliche Stellung durch solche Sachen riskierte. Sie schreiben als Soziologen über Probleme der Gesellschaft. Doch sie benehmen sich wie ein Arzt, der weise Bücher über den Typhus schreibt, ohne je eine Spur davon gesehen zu haben. Daher blieben die meisten Lehrbücher der Soziologie bisher ohne Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft vorwärts. Das gleiche gilt für die Sexualwissenschaft und Sexualreform. Die Sexuologen jener Zeit schrieben ihre Bücher nach den Erfahrungen der Privatpraxis. Doch die Sexual- und Neurosenprobleme sehen in der Masse anders aus, bieten grundsätzlich andere Probleme als die in der Privatpraxis, besonders der psychoanalytischen. (Menschen im Staat, S. 115)

„Ein Arzt darf sich nie auf den abstrakten Standpunkt stellen“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 158). Reich betrachtete sich als Arzt des „Kleinen Mannes“ und da dieser den Planeten Erde bevölkert als „planetaren Arzt“ (Rede an den Kleinen Mann, S. 79).

Myron R. Sharaf beschreibt in „Thoughts About Reich: Some Aspects of Reich’s Later Social Position” ein Treffen Reichs im Sommer 1955 mit den Orgonomen und seinen Anwälten. Vor dem anstehenden Prozeß erläuterte er sein Vorgehen. Er wolle im Gerichtssaal den Panzer seiner Prozeßgegner „durchstoßen“ und das „menschliche Wesen“ aus ihnen „herausziehen“, d.h. freilegen. Man müsse da wie ein „geübter Chirurg“ vorgehen. Mehrmals habe, Sharaf zufolge, Reich während der Zusammenkunft unterstrichen, daß die anwesenden Orgonomen „die ersten Ärzte gegen die Emotionelle Pest“ seien. Er selbst wäre froh über die reichen Erfahrungen, die er im Kampf gegen die Emotionelle Pest gewonnen habe, als er seine beschränkte Privatpraxis aufgab und sozial aktiv wurde und es sei gut, daß er jetzt Jahrzehnte nach den Tagen seiner sexual-ökonomischen Aktivitäten erneut auf dem sozialen Schauplatz tätig sein könne (S. 266f).

Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte Reich geschrieben:

So wie der Bakteriologe in der Ausrottung von Infektionskrankheiten seinen Lebensinhalt sieht, so hat der Sexualökonom die emotionelle Pest zu enthüllen und als Endemie der Erdbevölkerung zu bekämpfen. (Charakteranalyse, KiWi, S. 371)

Reichs eigene Emotionelle Pest zeigte sich aufgrund seiner gestern diskutierten ödipalen Belastungen insbesondere in seiner eigenen Familie. Beispielsweise war sein Sohn Peter Zeuge häßlicher Ehestreitigkeiten zwischen seinen Eltern, wo Reich z.B. seiner Frau eine unbewiesene Liebschaft mit seinem Mitarbeiter Theodore Wolfe von vor 12 Jahren vorwarf. Elsworth F. Baker beschreibt das in diesem Journal of Orgonomy in „My Eleven Years With Wilhelm Reich (Part V)“. Als „Hauspsychiater“ der Familie Reich behandelte Baker damals, 1951, Reichs Ehefrau Ilse Ollendorff. Offensichtlich flirtete Ollendorff, wie auch alle anderen Frauen, mit dem sehr attraktiven Wolfe, doch versicherte sie glaubhaft, daß nie „etwas vorgefallen“ sei (S. 178).

Es ist unverzeihlich, daß ein Kind so etwas miterleben muß. Siehe auch Neills Brief an Reich vom 1. Oktober 1956, der kraß Reichs Anspruch in Children of the Future ins Gesicht schlägt: Peters Gefühle seien völlig durcheinander. „Er ist nicht Peter Reich; er ist Peter Reich plus Wilhelm Reich“ (Zeugnisse einer Freundschaft). Geradezu emotionaler Kindesmißbrauch ist es, wenn Reich sich an Peter mit der Bitte klammert, ihn nicht im Stich zu lassen (Der Traumvater, S. 64). Es ist einfach nicht die Aufgabe des Kindes, den Freund, die Geliebte oder gar den Elternteil für den Vater zu spielen.

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2 Antworten to “The Journal of Orgonomy (Vol. 12, No. 2, November 1978)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Reichs Position betreffend Therapie ist eine genaue Fortsetzung der von Freud, erweitert um die soziale Frage und der emotionalen Pest.
    Guter Artikel!

  2. David Says:

    Geradezu emotionaler Kindesmißbrauch ist es, wenn Reich sich an Peter mit der Bitte klammert, ihn nicht im Stich zu lassen (Der Traumvater, S. 64). Es ist einfach nicht die Aufgabe des Kindes, den Freund, die Geliebte oder gar den Elternteil für den Vater zu spielen.

    Der emotionale Missbrauch der Kinder, um die ungestillten Bedürfnisse der Erwachsenen zu stillen, ist auch vorherrschendes Thema in Büchern über die Borderline-Störung, beispielsweise bei Autoren wie Heinz-Peter Röhr.

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