The Journal of Orgonomy (Vol. 13, No. 1, May 1979)

Der selbständige Tischler Curtis Barnes stellt in „Toward a Functional View of Economics“ seine von der Orgonomie inspirierte Wirtschaftstheorie vor. Ich habe mich bereits an anderer Stelle mit diesem zentralen Text der Orgonomie auseinandergesetzt. Hier möchte ich mich deshalb auf die Darstellung der Arbeit des französischen Ökonomen André Orléan, Mitverfasser der Streitschrift Manifest der bestürzten Ökonomen, die in Frankreich für Furore gesorgt hat, beschränken, da sich dessen Anschauungen mit denen von Barnes weitgehend decken, insbesondere was die Wertbildung in der Wirtschaft betrifft.

In der bisherigen Ökonomie gäbe es einen Hang zu Verdinglichung, insbesondere was die Preisbildung betrifft. Sowohl für die klassische als auch für die neoklassische Theorie gäbe es zwar, so Orléan, einen Unterschied von Wert und Preis, jedoch werde diese Differenz verdrängt und der Begriff des Wertes vermieden, obwohl man von der Objektivierbarkeit des letzteren ausgeht. Orléan unterstreicht hingegen den Unterschied von Wert und Preis und geht nicht „objektivistisch“ an die Wertfrage heran, sondern betrachtet sie aus der Perspektive der Sozialwissenschaften. Jede der unterschiedlichen Sozialwissenschaften untersucht jeweils wie Individuen ethische, religiöse, ästhetische, etc. Werte entwickeln. Gemeinsame Werte halten die Gesellschaft zusammen. Orléan:

Die Wirtschaftswissenschaften aber lassen sich nicht in diese Einheit der Sozialwissenschaften einordnen. Sie haben eine radikal andere Vorstellung, wie ein Wert entsteht. Für sie ist er keine von den Mitgliedern einer Gemeinschaft geteilte Überzeugung, keine kollektive Vorstellung wie in den Gesellschaftswissenschaften, sondern eine objektive Größe, die den Dingen quasi als vorgesellschaftliche Substanz eignet.

Diese pseudo-physikalische meßbaren „Substanz“ war bei den Klassikern, insbesondere aber bei Marx, die Arbeit, die man brauchte, um einen Gegenstand herzustellen. (Reich ist dieser Vorstellung uneingeschränkt gefolgt.) In der Neoklassik ist es der Nutzen, den ein Gegenstand für seinen Eigentümer haben kann. Eine „verdinglichte“ Sicht der Welt, frei von menschlichen Emotionen, die bis heute die Wirtschaftswissenschaften beherrscht und sie beispielsweise gegenüber der gegenwärtigen Wirtschaftskrise hilflos macht. Orléans Herangehensweise ist hingegen eine sozialwissenschaftliche, die davon ausgeht, „daß Werte durch ein variables Geflecht gesellschaftlicher Beziehungen entstehen“.

Der Homo oeconomicus der klassischen und neoklassischen Theorie ist das Gegenteil des Kunstliebhabers, der ein ganz bestimmtes Gemälde besitzen will und kein anderes. Tatsächlich verhalten sich die Menschen auf den Märkten jedoch wie Kunstliebhaber, die ihren eigenen Vorstellungen und gesellschaftlichen Moden folgen. Curtis Barnes hat eben das behauptet!

Daraus, daß der wirtschaftliche Wert durch den berechenbaren Preis verkörpert werde, dürfe man, so Orléan, nicht schließen, daß er einer „physikalischen Meßgröße“ entspräche, vielmehr sei auch der ökonomische Wert, wie alle anderen „Werte“ auch, eine gesellschaftliche Konvention. Orléan schlägt eine „mimetische Hypothese“ vor, derzufolge der Wert aus einer wechselseitigen Interaktion von gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen entsteht. Wie die Neoklassik geht hierbei auch Orléan davon aus, daß der Wert durch den Nutzen entsteht, den die Gegenstände für ein Individuum haben. Er frägt aber weiter, wie die Marktteilnehmer zu dieser Einschätzung des Nutzens kommen. Diese Einschätzung ist wiederum, so Orléan, direkt abhängig von der Interaktion der Marktteilnehmer. Sie werden durch die Werturteile der anderen Marktteilnehmer und durch das Marktgeschehen beeinflußt. Im Gegensatz zur Neoklassik, für die der Homo oeconomicus, ein souveränes, rational handelndes Einzelwesen ist, das weiß, was es will, betrachtet ihn Orléan als beeinflußbares, ständig zweifelndes, getriebenes gesellschaftliches Wesen, das manchmal vollständig irrational andere in ihrem Verhalten kopiert.

Besonders verheerend wirkt sich das auf den Kapital- und Devisenmärkten aus. Orléan:

Es geht im Wirtschaftsgeschehen vor allem ums Geld. Die Waren sind Mittel zur Akkumulation von Liquidität. Das Erstaunlichste für einen Laien ist sicher, daß in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft dem Geld überhaupt keine Bedeutung zugemessen wird. Man sieht in ihm ein neutrales Instrument, mit dem der Erwerb nützlicher Gegenstände leichter fällt als beim direkten Tauschhandel. Wir alle wissen aber, daß in der Wirklichkeit das Verlangen nach Geld den alles dominierenden gesellschaftlichen Konflikt darstellt. Es ist also ein gravierender Mangel der neoklassischen Werttheorie, daß sie von der Nützlichkeit der Dinge ausgeht und das Streben nach Geld ausschließt, obwohl dieses doch konstitutiv für die Waren produzierende Gesellschaft ist.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Biologen und Wirtschaftswissenschaftler Hans Hass verweisen, dessen Theorie des Geldes als „übernormalen Schlüsselreiz“ ich an anderer Stelle behandelt habe http://www.orgonomie.net/hdoekonom.htm .

Betrachten wir nun vor diesem Hintergrund was gegenwärtig auf den Finanzmärkten geschieht. Orléan:

Wie funktioniert die Preisfindung auf den Finanzmärkten? Was für einen Investor zählt, ist der zukünftige Preis. Der wird nicht durch irgendwelche Fundamentaldaten bestimmt, sondern durch die Einschätzung der anderen Markteilnehmer. Das sogenannte „Herding“, der Herdentrieb auf diesen Märkten funktioniert durch Nachahmung. (…) Und es kommt unweigerlich zu sich selbst verstärkenden Übertreibungen in die eine oder andere Richtung, weil der Wert eben Produkt kollektiver Überzeugungen und nicht etwa etwas Substantielles ist.

Das zeigte sich beispielsweise an der Immobilienkrise in der USA („Subprime-Krise“), die eben nicht einfach nur Betrug war, weil die Verkäufer mehr wußten als die Käufer, vielmehr waren beide in Herde der Lemminge gefangen:

Finanzprodukte haben keinen objektiven Wert. Der objektive Wert einer Aktie wäre die Summe zukünftiger Dividenden. Der objektive Wert einer Schuldverschreibung wäre die Summe zukünftiger Zinserträge. Die Zukunft aber ist unbekannt. (…) In Bezug auf die Subprime-Krise beispielsweise geht [man] davon aus, daß die Verkäufer den wahren Wert ihrer Papiere kannten, nur die Käufer nicht. Für mich gibt es keinen „wahren“ Wert. Auch die Verkäufer wußten nicht, was sie da verkauften. (…)

Grundsätzlich hat Orléan folgendes zu den Finanzmärkten zu sagen:

Das mimetische Modell gilt, wie wir gesehen haben auch für die Warenwelt. Dort haben sich kollektive Überzeugungen aber in den Vorstellungen einer bestimmten Nützlichkeit einer Ware gleichsam institutionalisiert. Das erlaubt eine gewisse Stabilität dieser Märkte im Sinne des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage. Wenn die Preise für eine Ware steigen, geht die Nachfrage zurück, weil die Käufer versuchen werden, die teure Ware durch eine andere mit vergleichbarem Nutzen zu ersetzen. Das ist das Herzstück der neoklassischen Vorstellung von der stabilisierenden Wirkung der Konkurrenz auf den Märkten. Sie begrenzt den Preisanstieg. Niemand wird eine Waschmaschine kaufen, wenn der Preis doppelt so hoch ist wie der einer vergleichbaren Maschine der Konkurrenz. Die Finanzmärkte funktionieren ganz anders. Wenn der Preis steigt, nimmt die Nachfrage nicht ab. Sie steigt, weil die Konkurrenz auch am Preisanstieg teilhaben will. Wenn der Preis fällt, geht auch die Nachfrage zurück. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage ist außer Kraft gesetzt. Die Instabilität der Finanzmärkte ist also systemisch bedingt. (…)

Die Vorstellung, daß die Konkurrenz auf den Finanzmärkten zur Effizienz führe, daß sie so wie die Konkurrenz auf den Warenmärkten funktioniere, wie die Konkurrenz, die Adam Smith beschreibt, dieses moderne Konzept der effizienten Konkurrenz hat uns in diesen Finanzkapitalismus geführt. Das war die Kernbotschaft der Wirtschaftswissenschaftler in den letzten 20 Jahren, das ist der große Irrtum der wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Theorie.

In Reichschen Begriffen: wir sind Opfer einer biologischen Fehlkalkulation geworden!

Frei nach Charles Konias Darstellung der funktionellen Ökonomie, die weitgehend auf Barnes Vorarbeit fußt, kann man das Wesen der heutigen Finanzkrise mit Hilfe zweier orgonometrischer Gleichungen beschreiben (siehe Konias Buch The Emotional Plague):

Es geht bei der gegenwärtigen weltweiten Finanzkrise letztendlich um eine bioenergetische Krise.

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2 Antworten to “The Journal of Orgonomy (Vol. 13, No. 1, May 1979)”

  1. Klaus Says:

    Danke für diese Hinweise – das hatte mich ja gerade beschäftigt, und ich wundere mich über die einfache ‚Arbeitswerttheorie’ bei Marx. Die Zuschreibung eines Werts zu einer Ware scheint in einer Gemeinschaft ein bisschen ähnlich abzulaufen, wie es bei sprachlicher Bedeutung der Fall ist: Ein Ausdruck A bedeutet in einer Gemeinschaft G die Bedeutung B nur dann, wenn – und irgendwie auch dadurch, dass – alle in der Gemeinschaft G glauben, dass A in ihr B bedeutet (vgl. David Lewis in „Conventions“, Hilary Putnam in „The Meaning of Meaning“ u.a.).

  2. Sexualität und Arbeit (Teil 2) « Nachrichtenbrief Says:

    […] von kulturalistischen Wirtschaftstheorien weit besser erfaßt (siehe beispielsweise André Orléans Kritik an der quasi als „Naturwissenschaft“ auftretenden Klassik und Neoklassik); […]

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