Der revolutionäre Kampf in der antiautoritären Gesellschaft

In Die Massenpsychologie des Faschismus beschreibt Reich seine Massenversammlungen zur Zeit der Sexpol Anfang der 1930er Jahre und wie die sexualpositive „Massenatmosphäre“ der Meetings die generelle Sexualablehnung zwar nicht aufheben, aber zumindest zeitweise paralysieren könne, so daß das allerintimste Empfinden gesellschaftsverändernd fruchtbar gemacht werden kann:

Es geht also nicht darum zu helfen, sondern Unterdrücktheit bewußt zu machen, den Kampf zwischen Sexualität und Mystik ins Licht des Bewußtseins zu rücken, ihn unter dem Drucke einer Massenideologie zum Auflodern zu bringen und in soziale Aktion zu überführen. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 175)

Wie sähe ein solches Vorgehen heute in der antiautoritären Gesellschaft aus?

Zunächst einmal werden wir alle ohnehin schon von den intimsten (sexuellen) Geheimnissen unserer Mitmenschen ständig belästigt. Und das nicht nur über die Medien, sondern auch im Alltag, wo die Menschen manchmal eine geradezu psychotische Distanzlosigkeit zeigen. Dazu hat sicherlich auch das Internet beigetragen, wo man sich so schön hinter einem Avatar verbergen kann. Kontaktlosigkeit wohin man schaut.

Die „Unterdrücktheit“ bewußt machen? Reich dachte da an erster Linie an die Unterdrückung des sexuellen Lebensglücks. Die Unterdrückung des rein materiellen Lebensglücks führt unmittelbar zur Rebellion und bedarf keiner Massenpsychologie. Da die sexuelle Unterdrückung jedoch den Charakter des Massenindividuums so verformt, daß es die Unterdrückung hinnimmt, sogar für sie streitet, wollte Reich wie eingangs erörtert, diese inneren Hemmungen sozusagen austricksen.

Die Glieder der antiautoritären Gesellschaft sind leider ganz anders geartet, da von inneren Hemmungen nicht mehr die Rede sein kann. Die Massenindividuen sind tendenziell nicht mehr triebgehemmt, sondern ganz im Gegenteil triebhaft. Was also bewußt machen?

Um diese Frage beantworten zu können, wäre es nützlich, zunächst die funktionelle Identität von Sexualität und Arbeit zu erfassen:

Wir nennen die Beziehung eines Menschen zu seiner Arbeit, wenn sie ihm Freude macht, „libidinös“; die Beziehung zur Arbeit ist, da Arbeit und Sexualität (im engsten und weitesten Sinne) aufs engste miteinander verflochten sind, gleichzeitig eine Frage der Sexualökonomie der Menschenmassen; von der Art, wie die Menschenmassen ihre biologische Energie anwenden und befriedigen, hängt die Hygiene des Arbeitsprozesses ab. Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie. (ebd., S. 263)

Anfang der 1930er Jahre war Arbeit geprägt von:

  1. gutem Handwerk („eine Sache um ihrer selbst willen tun“)
  2. Pflichtgefühl gegenüber dem Chef bzw. der Obrigkeit

Darauf (und zwar ausschließlich darauf) geht der Reichtum Deutschlands zurück. Wie kein anderes Land (vielleicht mit Ausnahme von Japan und Korea) verkörpert es eine autoritäre Gesellschaft – bzw. hat sie verkörpert.

Als leidgeprüfter Konsument und (Mit-) Produzent erfährt jeder tagtäglich, daß beide Grundlagen unserer Gesellschaft zusehends erodieren. An ihre Stelle tritt:

  1. Show („welchen Eindruck macht meine Arbeit?“)
  2. Egoismus („wie kann ich den Chef übervorteilen?“)

Oder mit anderen Worten: es geht darum, nicht „ausgebeutet“ zu werden. Dafür gibt es mittlerweile sogar „Ratgeber“ im Buchhandel: Geschäftig tun, wenn der Vorgesetzte vorbeigeht, ansonsten nur das allernotwendigste leisten, damit das Nichtstun nicht auffällt.

Nicht viel anders sieht es im Bereich der Sexualität aus. Früher war sie immer noch als „biologische Erregung“ mobilisierbar, während sie heute im Zeitalter der „Neosexualität“ nur mehr kopfgesteuertes „Spiel“ ist. Die Befriedigung reduziert sich auf eine positive Antwort auf die Frage, welchen Eindruck man hinterlassen hat.

Gleichzeitig spielt die Sexualität, wie entstellt sie auch immer sein mag, heute eine größere Rolle und blockiert die Arbeit. Früher lebte man, um zu arbeiten, heute arbeitet man, um zu leben. Das „wahre Leben“ beginnt nach Arbeitsschluß. Das habe ich an anderer Stelle dargelegt. Die Menschen befinden sich in einem chronischen Expansionszustand und sind vollkommen kontaktlos.

Was wäre also Sexpol-Arbeit heute? Zunächst einmal muß man sich bewußt machen, daß Reichs sozusagen „gruppentherapeutischer“ Ansatz zu Sexpol-Zeiten funktionell identisch ist mit dem sich zeitlich unmittelbar daran anschließenden vegetotherapeutischen, also „körpertherapeutischen“ Ansatz: es ging um die Freilegung der biologischen Energie durch Beseitigung der Hemmungen.

In der antiautoritären Gesellschaft ist jedoch kein Platz mehr für die überkommene von Reich und Elsworth F. Baker entwickelte weitgehend körpertherapeutisch orientierte Orgontherapie, da die „Beseitigung von Hemmungen“ beim Neuen Menschen zu noch mehr Kontaktlosigkeit führt, also sich sein Zustand noch weiter verschlimmert.

Die vordringlichste Maßnahme ist deshalb die Wiederherstellung der Kontaktfähigkeit. Das bedeutet es heute, wenn man etwas „ins Licht des Bewußtseins“ rücken will! „Sexpol-Arbeit“ bedeutet heute nichts anderes als logisches, d.h. orgonometrisches Denken. Oder mit anderen Worten: sie kann nur bedeuten, den Massen die Orgonomie nahezubringen.

Die Frage ist, welche soziale Strömungen die Orgonomie heute nutzen kann. Früher waren Nationalsozialismus und Stalinismus unser Todfeind, heute sind es Political Correctness und Multikulturalismus (bzw. sind sie hinzugetreten). Früher war es der verzerrte Kontakt, heute ist es die Kontaktlosigkeit. Eine hervorragende Verkörperung jener Kräfte, die die Orgonomie nutzen kann, ist beispielsweise Pat Condell, die YouTube-Verleiblichung von Kontakt und logischem Denken:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=XivkZqW3RkY%5D

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5 Antworten to “Der revolutionäre Kampf in der antiautoritären Gesellschaft”

  1. Sebastian Says:

    Was bedeutet Sexpol-Arbeit für Sie denn heute?

  2. Robert (Berlin) Says:

    Man kann schon deswegen gar keine Sexpol mehr machen, weil die Massen sich gar nicht sexuell unterdrückt fühlen. Sie werden mit Pornographie in den öffentlichen und weltweiten Medien dermaßen abgefüllt, dass sie gar keinen Begriff oder kein Empfinden mehr besitzen, was sexuelle Identität und Gesundheit sind. Dermaßen mit Perversionen und Abnormitäten überhäuft und dann indoktriniert, das wäre die Freiheit, ist jeder Versuch zwecklos, sie aufklären zu wollen, was gesunde Sexualität mit Befreiung zu tun hat.

    • Robert (Berlin) Says:

      Außerdem arbeiten sämtliche Parteien im Deutschen Bundestag an der Zerstörung der Familie (Krippenkinder, finanzielle Schlechterstellung, Männerunterdrückung, Sodomitenehe etc.), so dass sich schon von daher keine normale Sexualität mehr Entwickeln kann – deswegen immer mehr Singles und Scheidungen, Kinderlosigkeit.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Ein schlagender Beweis, daß wir wirklich in einer antiautoritären Gesellschaft leben:

    http://nblo.gs/ZHWtg

  4. David Says:

    Dafür gibt es mittlerweile sogar „Ratgeber“ im Buchhandel: Geschäftig tun, wenn der Vorgesetzte vorbeigeht, ansonsten nur das allernotwendigste leisten, damit das Nichtstun nicht auffällt.

    Das ist eigentlich nichts neues. Der Sozialismus lässt grüßen: der typische Sowjetmensch hat es ja meistens so gemacht, oder?

    Das „wahre Leben“ beginnt nach Arbeitsschluß. Das habe ich an anderer Stelle dargelegt. Die Menschen befinden sich in einem chronischen Expansionszustand …

    Und was ist heutzutage Arbeit?

    Bekanntermaßen nimmt die Aktivität aller möglichen Verkäufer (u.a.Callcenter), auch aller möglichen Makler und Vermittler immer mehr überhand im Verhältnis zu den produktiven Tätigkeiten.

    OffTopic: Märkte und Marktplätze

    Übermäßige Tätigkeit von Vermittlern finden wir – meinen neuesten Überlegungen zufolge – überall dort, wo der Zugang zu den Marktplätzen versperrt oder eingeschränkt ist.

    Die Märkte bilden sich trotzdem, sie funktionieren dann eben wie gesagt so.

    Oder wo der Markt sehr unausgewogen bzw. nicht-selbst-reguliert ist.

    Am Mietwohnungsmarkt etwa in Gegenden wie am Bodensee oder Stuttgart möchte der Vermieter, dass jemand für ihn eine Vorauswahl trifft aus den möglicherweise mehr als fünfzig Mietwohnungs-Bewerbern.

    Zahlen darf das dann der Bewerber, für den es „klappt“, d.h. das Mietvertrags-Verhältnis zustande kommt.

    Zu überdenken ist auch folgende Situation: ein Tourist oder Geschäftsreisender in Hamburg möchte übernachten. Nun hat zwar Hamburg viele Hotels, aber nur wenige sind nicht ausgebucht, d.h. haben freie Betten (nehmen wir mal an am fraglichen Tag wäre ein besonderes Ereignis wie eine Messe oder eine ganz große Tagung). Welche sind das heute?

    Hier geht es lediglich um Information: eine elektronische, ansonsten nicht-interaktive große Anzeigetafel am Bahnhof könnte das auch tun.

    Und heutzutage auch eine Website, sowie eine iOS- und / oder Android-App die die gleiche aktuelle Information anzeigt, weil ja fast jeder ein mobiles Endgerät mit einem dieser beiden Betriebssysteme in der Tasche hat.

    Ein gedrucktes Anzeigenblatt oder solche Informationstafel ist, wie ich es verstehe, kein Nachweismakler oder Vermittler, sondern hat die Funktion eines Platzes, wo Nachfrager und Anbieter zusammen kommen.

    Ein Marktplatz.

    OffTopic Anmerkung Ende.

    Was das ganze zu tun hat mit der Orgonomie, dem Orgonomie-Blog, und dem heutigen Beitrag?

    Weil es mit dem wichtigsten Markt, dem Arbeitsmarkt, zu tun hat.

    Die fälschlich so genannte „anti-autoritäre“ Gesellschaft zeigt sich, wie ich glaube bedingt durch modern-liberale Charakterstrukturen, besonders verlogen gegenüber den Schwachen.

    In der „Agenda 2010“ wurde ein „Arbeitsamt Zweiter Klasse“ eingeführt, das Job-Center.

    Auf Initiative von autoritären Linken hin.

    Schon vorher wurden die qualifizierten Arbeitsvermittler, Arbeitsamts-Beamte und Staatsangestellte, die ihr Handwerk verstanden, abgebaut. In den Jobcentern sitzen zum großen Teil Leute, die die Märkte nicht kennen (einem Bundesanstalt-Vorstandsmitglied zufolge) und schwere Qualifikationsmängel haben.

    (In geringerem Maße trifft das auch für die Arbeitsämter „erster“ Klasse zu.)

    Die fälschlich so genannte „anti-autoritäre“ Gesellschaft ist auch Meister im Sparen am falschen Platz.

    Gewisse psychologische Mechanismen werden hier gegen die Schwachen eingesetzt.

    Sanktionen werden willkürlich – und oft zu Unrecht – verhängt.

    Im Gegensatz zum amerikanischem (PRWORA) System, das den Schwachen den Geldhahn bedingungslos zudreht, erzeugt das deutsche System Erlernte Hilflosigkeit.

    Und die Grundlage?

    1. ein unausgewogener Markt

    2. die – aus Zeiten der autoritären Gesellschaft kommende, jetzt noch verstärkte Neigung zum Segregieren und Diskriminieren

    3. übermäßige Aktivität von Sub-Firmen und Arbeitskräfteverleih-Firmen infolge der – bei Großfirmen und Großkonzernen – übermäßigen Neigung zu Haftungs-Abwälzung mit allen Mitteln. Letzteres ist eine Erscheinung der so genannten anti-autoritären Gesellschaft, die sich voll entfalten kann infolge des unausgewogenen Marktes.

    Leiharbeit sollte unter Strafe gestellt werden!

    Die Firmen, die bisher Leiharbeit betrieben, sollen sich umstellen auf Private Arbeitsvermittlung.

    Und was tut generell not?

    Die Herbeiführung der Selbstregulierung am Arbeitsmarkt.

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