Äther, Gott und Teufel

In Äther, Gott und Teufel gibt Reich folgende Definition der Religion:

Jede echte Religion entspricht der kosmischen, der „ozeanischen“ Erfahrung des Menschen. Jede echte Religion enthält die Erfahrung des Einsseins mit einer allgegenwärtigen Macht und zugleich einer zeitweiligen, schmerzlichen Trennung von dieser Macht. Die ewige Sehnsucht nach Rückkehr zum eigenen Ursprung („Rückkehr in den Mutterleib“; „Rückkehr zur guten Erde, aus dem man stammt“; „Rückkehr in die Arme Gottes“, usw.) nach dem Wiedereingebettetsein im „Ewigen“, durchzieht alle menschliche Sehnsucht. Sie wirkt am Grunde der großartigen intellektuellen und künstlerischen Schöpfungen des Menschen; sie ist der Kern aller Sehnsucht der Jugendzeit; sie beflügelt alle großen gesellschaftlichen Entwürfe. Es scheint so, als strebe der Mensch danach, seine Trennung vom kosmischen Ozean zu begreifen; Vorstellungen wie „Sünde“ haben ihren Ursprung in einem Versuch, diese Trennung zu erklären. Es muß einen Grund dafür geben, daß der Mensch nicht mit „Gott“ vereint ist; es muß einen Weg geben, diese Vereinigung wieder herzustellen, zurückzukehren, heimzukommen. In diesem Kampf zwischen dem kosmischen Ursprung und der individuellen Existenz des Menschen kam irgendwie die Vorstellung vom „Teufel“ auf. Es ist das gleiche, ob man „Inferno“ oder „Hölle“ oder „Hades“ sagt. (S. 128, Übersetzung verbessert)

Wir haben also:

  1. ozeanische Gefühle und die Sehnsucht nach der Rückkehr in den Ozean; und
  2. der Konflikt zwischen kosmischem Ursprung und Individuation.

Reich mußte zunächst annehmen, daß dieser Konflikt naturgegeben sei und „irgendwie“ die Irrationalität (den „Teufel“) hervorgerufen habe. Später, nach dem ORANUR-Experiment, wurde deutlich, daß Reich zwei Dinge vermengt hatte, die man streng voneinander trennen muß, will man nicht ein heilloses Durcheinander anrichten:

  1. Leben ist nichts anderes als Orgonenergie, die vom übrigen Orgonenergie-Ozean durch eine materielle Membran getrennt ist. Dies ist der Ursprung der „ozeanischen Gefühle“ und der Sehnsucht nach der Rückkehr in den Ozean. Sie kommt am reinsten in der Musik zum Ausdruck und hat nichts, aber auch rein gar nichts, mit Panzerung zu tun: [youtube:http://www.youtube.com/watch?v=evYsNdxxguE%5D
  2. Konflikthaftigkeit und Verzweiflung kommen erst mit der Panzerung ins Spiel, die die freie Pulsation der Membran verhindert und alles häßlich macht und teuflisch verzerrt. Panzerung ist abgestorbene, giftig gewordene Orgonenergie (DOR). Aus dem Gegeneinander von Orgonenergie und DOR entspringen die herzzerreißenden religiösen Konflikte, die das Überleben auf dem Planeten gefährden. Sich über sie lustig zu machen ist unangebracht, da ihre Quelle ebenfalls die ozeanische Sehnsucht ist: [youtube:http://www.youtube.com/watch?v=bYXOnDdTscU%5D

Nach der Religion ist die Physik das zweite Thema von Äther, Gott und Teufel. Reichs „Orgonphysik“ beruht auf einer Voraussetzung und umfaßt eine Hoffnung:

  1. man betreibt Orgonphysik, wenn man ungepanzert ist, d.h. ein ungestörter Austausch zwischen der organismischen („hier drinnen“) und der kosmischen („dort draußen“) Orgonenergie stattfindet. Während der wahre Naturforscher einfach Kontakt mit seiner Umgebung aufnimmt, zwingt uns die Panzerung, frei nach Kant, dazu, die Natur zu foltern, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt.
  2. jedoch weicht die Beschäftigung mit der Orgonphysik den sadistischen Panzer desjenigen auf, der an sie systematisch herangeführt und dabei durch eine psychiatrische Orgontherapie unterstützt wird. Reich hat zu dieser Überwindung des „Reiches des Teufels“ folgendes gesagt:

Mit dem Ankämpfen gegen die Entdeckung der kosmischen Orgonenergie wird ausausweichlich ein allmählicher, aber höchst effektiver Prozeß einsetzen, in dem sich die starre Panzerung der Charakterstrukturen löst. Auch die härteste, gemeinste und grausamste Charakterstruktur wird sich gezwungenermaßen mit der grundlegenden Tatsache konfrontiert sehen, daß eine Lebensenergie existiert, und damit wird zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Verhärtung in der menschlichen Charakterstruktur aufbrechen, sie wird weicher, nachgiebiger werden, wird beginnen zu weinen, sich Sorgen zu machen, das Leben aus seinen Fesseln zu befreien, wenn auch vielleicht zunächst noch auf feindselige, mörderische Weise. Die medizinischen Orgonomen werden in diesem Lösungsprozeß wertvolle Hilfe leisten. (Die kosmische Überlagerung, S. 146)

Dieses Wechselspiel von Orgonphysik und Orgontherapie war das Programm der Orgonomen nach Reichs Tod, wie es vom Emblem des American College of Orgonomy symbolisiert wird:

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2 Antworten to “Äther, Gott und Teufel”

  1. O. Says:

    „der Konflikt zwischen kosmischem Ursprung und Individuation.“

    „Individuation“ ist ein C.G. Jung Konzept – eine schlicht faschistoide Entwicklungstheorie vom Kinde – die bekannte Psychoanalytiker und Psychologen übernommen haben. Margaret S. Mahler et. al. (Über „Die psychische Geburt“ …1980) ist das Paradebeispiel hierfür und wird auch in der „Neo-Reichianischen Säuglingsforschung“ favorisiert. – Ich führe das hier nicht aus.

    In diesem Sinne ist es ein Konflikt von Indiviudationspanzerung – einer „Entwicklung“ zum kranken homo normalis, dem „Stadtneurotiker“ (Woody Allen). Die kosmische Energie wird verformt und deformiert. Es verliert sich das Gefühl von Energie – der orgonotische Sinn wird erstickt und getötet im Kleinkind und als Erwachsener bleibt die Seeehhhnnsuuucht – das noch durch Musik stimmuliert wird und zur Erinnerung gebracht wird, dass es auch in „mir“ einen Orgonozean gab.

    Kommt man später mit der Orgonphysik in Berührung und möchte forschen, wird man zunächst die Erfahrungen mit dem Orac sammeln müssen, um sein energetisches Erleben wieder zu finden.

    Eine Therapie ist auch die Grundvoraussetzung, damit man nicht mit den Ergebnissen hadert oder sie uminterpretiert, weil man es buchstäblich nicht ertragen kann.

    Orgonphysik ohne die beiden Vorraussetzungen endet im Chaos und da gibt es ja genug Beispiele: “ … zwingt uns die Panzerung, frei nach Kant, dazu, die Natur zu foltern, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt.“ (s.o.) – Letzteres wird sie jedoch nicht tun, wenn es um Orgonenergie geht, sie zerrinnt zwischen den Fingern unsichtbar.

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