Wir schulden der Natur ein Leben

Erst der Tod, der Raum schafft für neues Leben, macht den Wandel möglich. Ansonsten fiele die Welt der Stagnation, d.h. dem Tod anheim. Nietzsche zitiert Goethe:

Leben ist die schönste Erfindung der Natur, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.

Nietzsche:

Die Liebe zum Leben ist beinahe der Gegensatz der Liebe zum Lang-Leben. Alle Liebe denkt an den Augenblick und die Ewigkeit – aber nie an „die Länge“. (Studienausgabe, Bd. 10, S. 88)

Auf die ewige Lebendigkeit aber kommt es an: was ist am „ewigen Leben“ und überhaupt am Leben gelegen! (Der Wanderer und sein Schatten, A 408)

Reich zitiert Nietzsches Fröhliche Wissenschaft (A 12):

Wer das „Himmelhoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereit halten. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer-TB, S. 153)

Wir müssen in diesem ewigen Werden und Vergehen das Leiden und das Illusorische jedes festen Haltes und Lebenssinns akzeptieren, um das Leben lieben zu können. Ohne diese „heroische“, will sagen erwachsene Einstellung werden wir zu Feinden des Lebendigen. Wir enden wie der Mechanist, der uns in seelenlose tote Maschinen verwandeln will, nur weil er das Leben und seine „Grausamkeit“ nicht verkraften kann. Oder wir enden wie die Spiritualisten, die uns zu körperlosen Geistwesen reduzieren wollen, die über der Natur schweben. Das Bewußtsein, das doch bloßes Mittel des Lebens ist, registriert Unlust und Schlechtigkeit, und schon schließt es auf den Wert des Lebens. Wir sind Produkte des Lebens und es ist einfach nur lächerlich, wenn wir uns zu Richtern über es aufschwingen. Dieses Streben nach perfektem Glück und perfekter Gerechtigkeit ist doch nur der nihilistische Wille zur Vernichtung des Lebens, das eben lebt und deshalb niemals so perfekt wie der Tod sein kann. Nur der Tod und das Tote ist ohne Leid und nivelliert alle „ungerechten“ Unterschiede. (Ich habe schon Linke gehört, die allen Ernstes so argumentierten: das Leben als Einbruch „imperialistischer“ Ungerechtigkeit in die Welt „demokratischer“ Entropie!)

Und, wenn denn Tod so schön ist, warum das todbringende Leben als grausam denunzieren?! Man hat, wie Nietzsche schreibt, den Tod nahe genug, um sich nicht vor dem Leben fürchten zu müssen. Und der Tod selber ist kein Schrecknis, weil man gar nicht tot ist! Deshalb fürchteten die „aufgeklärten“ Alten mit Epikur den Tod nicht, sodaß die Kirche die Hölle erfinden mußte, um überhaupt mit etwas Schrecklichem drohen zu können, das bloße „Nichtauferstehen“ reichte nicht (vgl. Nietzsche: Morgenröte, A 72). Paulus & Co. sagen im Effekt, daß, wenn es kein Leben nach dem Tode gäbe, man einfach glücklich drauf los leben könnte, da es nun aber ein Leben nach dem Tode gäbe, müsse man hier im Jammertal in Sack und Asche gehen. Mit Nietzsche kann man sagen, daß das Leben nach dem Tode bedeute, während des Lebens tot zu sein (Studienausgabe, Bd. 10, S. 57). Welch Frohe Botschaft das Christentum doch zu bieten hat…

Und wen das nichtexistente Nichts trotzallem noch schreckt: das tragische Lebensgefühl des „Nichts“ eines Camus verleiht dem Tod eine übermenschliche, titanische Würde. Während der kitschige Glauben der Gläubigen alles zu einer infantilen Farce macht: eine miese kleine Welt. Es gibt auf dieser Welt nichts Obszöneres als Priester am Totenbett!

Es ist ein Geschenk, jemanden bewußt zu machen, daß er nur noch eine bestimmte Zeit zu leben hat. Er wird diese Zeit vielleicht das erste Mal in seinem Leben leben. Was wäre schon Leben ohne eine zeitliche Begrenzung? Der Tod, also die Einschränkung der Zeit, zwingt zur Konzentration. Ohne Tod würden wir uns ziellos gehenlassen, uns ewig selbst verfehlen, da „morgen ja auch noch ein Tag ist“. Wie Nietzsche sagt:

Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher, wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein – und nun habt ihr wunderlichen Apotheker-Seelen aus ihm einen übelriechenden Gift-Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird! (Der Wanderer und sein Schatten, A 322)

Man kann sagen, wir seien durch die Biologie alle zum Tode verurteilt – oder daß, weil wir ja sowieso sterben müssen, uns das Schicksal also an sich nichts anhaben kann. Wäre unsere Lebenszeit theoretisch unendlich, würde auch unsere Todesangst ins unendliche wachsen. Die bedauernswerten unsterblichen „Forever People“! Man kann im Tod den Höhepunkt der Absurdität der Existenz sehen – oder einen sinnstiftenden Zeitrahmen. Man kann darüber Depressionen kriegen, daß sich das Universum nicht im geringsten um die Massenmorde kümmert, daß alles so weitergeht, als würde nichts geschehen: der Frühling ist schön wie immer. Oder man kann darüber glücklich sein, daß sie nichts ausrichten können. Man kann suizidal werden angesichts der prinzipiellen Sinnlosigkeit von allem– oder angesichts der Unendlichkeit und Ewigkeit der Natur still und glücklich werden.

Daß eine gewisse Kaltschnäuzigkeit zum Leben gehört, hat der italienische Orgonom Guiseppe Cammarella sehr schön ausgedrückt:

Obwohl sich der Genitale Charakter der Möglichkeit bewußt ist, daß dieser Planet wegen der Destruktivität des gepanzerten Menschen verschwinden könnte, bewegt er sich auf ihm und versucht dabei so viel wie möglich Befriedigung zu finden, auch unter den schlimmsten Umständen. Er verhält sich wie die Vögel, die er sieht, wie sie singen und sich gegenseitig fröhlich jagen inmitten einer scheußlichen, künstlichen Landschaft, mit künstlichen Bäumen, geometrischen Formen, Plastiktüten, Teer und Nuklearabfällen. („Healthy vs. Armored Man“, Journal of Orgonomy, May 1983)

Man stelle sich demgegenüber jene Leute mit ihrer Leichenbittermiene vor, die wegen der Sterblichkeit des Menschen gleich das ganze Universum verfluchen. Die, die nicht eine gewisse böse Art von fröhlichem rücksichtslosen Zynismus besitzen, „die Grausamkeit des Kindes“, sind wie Mehltau, der alles Leben unter sich mit Griesgrämigkeit erstickt.

Schlagwörter: , , , , , ,

4 Antworten to “Wir schulden der Natur ein Leben”

  1. O. Says:

    Der erste Gedanke über Leben und Tod ist sehr spannend … und solte nicht vom folgenden überschattet werden, mir gefällt der Anfang des Beitrages besonders; auch wenn es schwer fällt dies hier genauer auszuführen.

  2. Mit der FDP in den Infantilismus, oder: Wir schulden der Gesellschaft unser Altern « Nachrichtenbrief Says:

    […] Der Natur mögen wir einen Tod schulden, der Gesellschaft schulden wir unser Altern. Das fängt damit an, daß junge Eltern das ständige „Partyfeiern“ aufgeben und ihrer Mutterrolle und ihre Rolle als Ernährer und Beschützer der Familie gerecht werden und hört damit auf, daß Selbstverwirklichung im Alter nicht dem eigenen Vergnügen dient, sondern der Gemeinschaft. Ich kann mir nichts Nihilistischeres vorstellen, als Pensionäre, die ihre „Jugendträume“ verwirklichen, statt der Gemeinschaft zu dienen, der sie alles verdanken und die sie jetzt fürstlich alimentiert. […]

  3. Denis Roller Says:

    Der Tod widerspricht der Orgasmusformel. Er ist überhaupt nicht nötig. Das weiß doch jedes Kind. Warum soll eine Funktion nur deshalb ein Ende haben, weil sie einen Anfang hat? In der Mathematik gibt es sehr wohl Funktionen mit Anfang (Geburt) aber ohne Ende (Tod). Vergessen, Schlafen, Orgastische Entladung reichen völlig aus- weswegen der Tod? Scheiß auf den Tod. So hart das klingt: ich glaube, dass das lebendige Leben den Tod nicht akzeptiert und man deswegen so lange lebt, wie man sich lebendig gegen den Tod wehrt. Und ich weiß hundertprozentig, dass es in den Tiefen des Weltalls unsterbliche Lebewesen gibt. Die Epikureische Todesleugnung ist meiner Meinung nach genauso wie der japanische Samuraigeist mit seiner Geilheit aufs Sterben oder Nietzsches Unbekümmertheit- emotionelle Pest, genauso sentimental-sadistisches Ressentiment und zynisch-passiver Mystizismus wie die Verewigung leblosen Existierens im Sinne der (Jammertal-)Religionen. Was wir brauchen ist der Mut nicht zu sterben. In diesem Sinne denke und fühle ich, um mit Nietzsches Worten zu reden, „jüdisch“. Ich bejahe das Leben mit unheimlicher Selbstverständlichkeit bis zum Wahnsinn.

    • Klaus Says:

      aus „Der Schmetterling“ von Wilhelm Busch:

      Der Hausierer erhob sich. Ich erhob mich gleichfalls und fragte ihn, wie das nächste Dorf hieße.
      »Juxum!« gab er zur Antwort. »Lustiges Nest.«
      Schon von weitem konnte man sehen, daß es ein fröhliches Dörfchen war. Die Saaten standen üppig; auf jeder Blume saß ein Schmetterling; in jedem Baum saß ein zwitscherndes Vöglein; rot schimmerten die Dächer und hellgrün die Fensterläden.
      Ein munterer Greis gesellte sich zu mir. Auf meine Frage, wie er es angefangen, so alt zu werden, erwiderte er schmunzelnd:
      »Regelmäßig weiter leben ist die Hauptsache. Ich esse, trinke, schlafe regelmäßig, und wenn meine Frau stirbt, so heirate ich regelmäßig wieder. Jetzt habe ich die fünfte. Ich bin der Bäcker Pretzel. Dort liegt das Wirtshaus. Gleich komm‘ ich nach.«
      Auf Grund meiner Ersparnisse in der Mühle konnt‘ ich mir schon was erlauben. Ich kehrte ein. Da der lange Stammtisch bis auf den Ehrenplatz schon besetzt war, drückt‘ ich mich auf die Bank hinter der Tür.
      »Frau Wirtin!« sprach ich bescheiden. »Ich hätte gern ein Butterbrot mit Schlackwurst.«
      »Schlackwurst? Das glaub‘ ich schon. Schlackwurst ist gut!« rief laut lachend die dicke Wirtin. »Aber unsere Schlackwurst, mein Schatz, die essen wir selber!«
      Dieser Scherz erregte bei der anwesenden Gesellschaft das herzlichste Gelächter. Alle bestätigten es, daß die Schlackwurst sehr schmackhaft, ja, die Königin unter den Würsten sei. Da die Wirtin ferner erklärte, sie habe es sich zur Regel gemacht, auch ihre Butter lediglich selbst zu genießen, so mußte ich mit einem Stück Hausbrot und einem kleinen Schnapse vorliebnehmen.
      Die Schwarzwälder Uhr hakte aus, um fünf zu schlagen.
      »Gleich wird Bäcker Pretzel kommen!« bemerkte die Wirtin. »Seit nun bereits fünfzig Jahren, präzis um Schlag fünf, setzt er sich hier auf seinen Platz und trinkt regelmäßig seine fünf Schnäpse.«
      »Das ist wie mit den ewigen Naturgesetzen!« erklärte der schnauzbärtige Förster. »Nicht wahr, Herr Apotheker?«
      »Jawohl!« bestätigte dieser. »Man weiß, wie’s war, also weiß man, wie’s kommt. Was sagt Ihr dazu, Küster?«
      »Tja, tja, tja!« sprach der bedenkliche Küster. »Ich hoffe, es gibt Ausnahmen von der Regel. Seit fünfzig Jahren hab‘ ich sechzig Taler Gehalt; vielleicht . . .«
      »Ah, drum!« lachten alle.
      Die Uhr schlug fünf. Es faßte wer draußen auf die Türklinke.
      »Hurra!« hieß es. »Da kommt Pretzel. Jetzt wird’s lustig!«
      Die Tür ging auf. Ein Bäckerjunge trat ein und teilte mit, daß der alte Pretzel soeben gestorben sei.
      Auf einen Augenblick des Schweigens folgte ein allgemeines Gelächter. Man lachte über sich selber, daß man so dumm gewesen war, zu glauben, es gäbe was Gewisses in dieser Welt, und am End meinte man, hätte der Küster doch vielleicht recht gehabt.
      🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: