The Journal of Orgonomy (Vol. 26, No. 1, Spring/Summer 1992)

Grundsätzliches über die Endphase der Orgontherapie findet sich bei Charles Konia: „Orgone Therapy: The Application of Functional Thinking in Medical Practice. Part XIII: The Endphase of Therapy“ (S. 115-129).

Am Ende der Orgontherapie können somatische iatrogene Probleme auftreten, wenn die Beckenpanzerung aufgelöst wird. Dabei kann es zu zweierlei Komplikationen kommen: erstens kann die Entpanzerung der oberen Segmente nicht gründlich genug erfolgt sein, sodaß die freigesetzte Energie unvermittelt auf diese alten Panzerungsringe stößt und der Patient sich von neuem und diesmal um so stärker abpanzert; zweitens ist selbst bei bester Vorbereitung der Endphase die Therapie extrem schwierig, da

es neben dem Beckensegment kein anderes Segment gibt, wo die Arbeit mit der Panzerung so eng mit dem rapiden Anstieg des Angstpegels verknüpft ist. Es gibt keine Angst, die so tief ist wie diese Angst. (Morton Herskowitz: „The Physical Dissolution of Armoring“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 5(1), September 1988, S. 31)

Herskowitz erwähnt in diesem Zusammenhang Panikattacken, Fallangst und Todesangst („Therapeutic Procedure“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 7(1), September 1990, S. 25). Es ist die berechtigte Angst des kontrahierten Organismus auseinandergerissen zu werden: so wie ein frischer Grashalm lustig sich im Winde biegt, ein verholzter-verpanzerter aber umgeknickt wird.

Man beginne nicht, so Herskowitz, sich mit dieser „sexuellen Angst“ zu beschäftigen, bevor der Patient „nicht dadurch Energie und emotionale Stärke gewonnen hat, indem er mit den Ängsten sich auseinandergesetzt hat, die mit den höheren Segmenten verbunden sind“ (ebd., S. 17).

Zu dieser Problematik berichtet Elsworth F. Baker das folgende aus Reichs Ausbildungsseminar:

Während der Endphase begegnet man der Hauptgefahr in der Therapie. Es beginnt, wenn alle Blöcke aufgelöst worden sind, so daß der volle Energiefluß ins Becken eindringen kann und der Organismus als eine Einheit zu funktionieren beginnt. Die Gefahr rührt vom plötzlichen Sprung zu einem Energieniveau, an das der Organismus nicht gewöhnt ist. Früher funktionierte der Organismus durch Bindung der Energie. Jetzt ist er dazu nicht mehr in der Lage. (…) den Organismus können körperliche Krankheiten befallen; sogar Krebs kann sich entwickeln. (…) Reich sträubte sich dagegen, die Orgonomen in der Technik der Endphase zu unterrichten, da er glaubte, die meisten von ihnen könnten sie nicht richtig handhaben und daß es für die Mehrheit der Patienten besser sei, die Therapie vor dieser Phase abzubrechen. („My Eleven Years with Wilhelm Reich”, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 171f)

Längst überwunden geglaubte Symptome können erneut auftreten und der Patient glaubt, wieder ganz am Anfang zu stehen. Insbesondere Blockaden, die vorher nur schwer nachgegeben hatten, werden wieder aktiv. Wenn die Blockade im Zwerchfell-Segment lag, wo so viele wichtige Organe liegen, ist ganz besonders auf somatische Erkrankungen, wenn nicht sogar den körperlichen Zusammenbruch zu achten (Baker: „Medical Orgonomy“, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 193

Bei der Befreiung des Becken-Segments können in diesem Segment selbst (bzw. im darüber liegenden Bauch-Segment) iatrogen schlimme Krankheiten ausbrechen, wie Appendizitis, Eierstockzysten, Fibroide und sogar Krebs (siehe auch Der Krebs, Fischer TB, S. 381). Allein schon deshalb kann die Orgontherapie (die nichts weiter als Orgasmustherapie ist) ausschließlich von ausgebildeten Medizinern praktiziert werden.

Richard A. Blasband beschreibt einen Fall, wo es denkbar ist, daß durch die Freilegung der genitalen Impulse und der dadurch verursachten reaktiven organismischen Kontraktion es zu Brustkrebs gekommen ist.

Von Interesse ist, daß die Krebsdiagnose innerhalb eines Jahres nach der bemerkenswerten Steigerung der genitalen Empfindungen erfolgte. War demnach die Geschwulst Ergebnis der Kontraktion im Brustsegment beim Versuch des Organismus eine unerträgliche Expansion einzudämmen? Baker hat von Fällen berichtet, wo sich somatische Symptome, einschließlich Krebs, im Becken in ähnlichen Situationen entwickelt haben. In einem meiner eigenen Fälle entwickelte die Patientin eine gutartige Eierstockzyste mit einer außergewöhnlichen Wachstumsrate kurz nach einer vorläufigen Öffnung des Beckens. („The Cancer Biopathy – A Case History“, The Journal of Orgonomy, 9(2), November 1975, S. 152)

Einen weiteren Fall beschreibt Norman M. Levy („Hepatitis as a Complication of Therapy“, The Journal of Orgonomy, 4(1), May 1970, S. 91-96). Levy beruft sich dabei ausdrücklich auf das oben erwähnte Seminar Reichs über die Endphase der Orgontherapie. Beispielsweise habe ein Patient eine Tendenz zu Lebererkrankungen, trete sie in dieser Phase der Therapie in der einen oder anderen Form zutage. Siehe auch Emanuel Levine „Treatment of a Hypertensive Biopathy with the Orgone Energy Accumulator“, wo das ganze im Zusammenhang mit der Struktur eines Bluthochdruckpatienten beschrieben wird (Orgone Energy Bulletin, 3(1), January 1951, S. 32).

Überhaupt kann es von Anfang an ratsam sein, gar nicht erst bis zum Beckensegment vorzudringen. Reich sagte seinen Studenten, daß „das Persistieren einer Blockierung, die einfach nicht weichen will, Grund genug ist, die Therapie zu beenden“ („My Eleven Years with Wilhelm Reich”, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 171f). Über diese Blockierungen, die Reich auch als „Haken“ bezeichnet hat, schreibt Dew:

Ebenso wie bestimmte (Charakter-) Strukturen vielleicht nicht imstande sind, die Therapie zu tolerieren, ist es genauso wahrscheinlich, daß einige der (somatischen) Biopathien „hakenartige“ Eigenschaften haben. Mit anderen Worten könnte für einige Patienten die Auflösung von Panzerung einen nicht tragbaren medizinischen Zustand auslösen. („The Biopathic Diathesis: Autoimmune Inflammatory Biopathies“, The Journal of Orgonomy, 3(1), March 1969, S. 74)

Herskowitz weist ausdrücklich auf den Schaden hin, den „Reichianische Therapeuten“ verursacht haben, die das Becken vorschnell von Panzerung befreit haben, wodurch in den oberen Segmenten eine starke Panzerung hervorgerufen wird, „die therapeutischen Bemühungen nicht mehr zugänglich ist“ („The Physical Dissolution of Armoring“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 5(1), September 1988, S. S. 32).

Wie eine Fallgeschichte zeigt, die der Orgonom Arthur Nelson aus seiner Praxis beschreibt, kann es selbst bei voll ausgebildeten, voll qualifizierten medizinischen Orgonomen zu derartigen Fehlern kommen, die die Heilungschancen des Patienten praktisch vernichten (Laurence Holt: „Premature Pelvic breakthrough“, The Journal of Orgonomy, 4(2), November 1970, S. 215-218).

Etwa 1949 fragte Reich eine kleine Gruppe von Orgonomen, wie viele von zehn ihrer Patienten die Genitalität erlangen würden. Die Aussagen reichten von sieben bis zu zwei. Wozu Reich anmerkte: „Das ist doppelt so gut wie bei mir. Bei mir schafft es einer” (Myron Sharaf: „Further Remarks of Reich (1946-1949)“, The Journal of Orgonomy, 10(1), May 1976, S. 130). Für Sharaf zeigt diese Anekdote dreierlei auf: Reich bestand darauf, daß orgastische Potenz das wirkliche Ziel der Therapie war, er hielt dieses Ziel auch gegen alle Widerstände und ständigen Enttäuschungen im Auge und er machte sich über die Wirksamkeit der Therapie keinerlei Illusionen. Ganz ähnlich wie Freud! Ich werde mich morgen damit beschäftigen.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “The Journal of Orgonomy (Vol. 26, No. 1, Spring/Summer 1992)”

  1. O. Says:

    Die Ausbildung zum Arzt mag zweckmäßig sein schützt aber keineswegs vor Fehleinschätzungen, sondern läßt nur hoffen, dass dem Arzt weniger Fehleinschätzungen passieren als dem Laien.
    Bei chronischen Schmerzpatienten, wo die organische Ursache nicht gefunden wird, neigt man es für „psychisch oder psychosomatisch“ zu halten. Als Psychologe wäre ich misstrauisch, nehme die Schmerzen ernst und nicht als eine Art „Einbildung“. Und so manches Mal stellt sich dann auch später heraus, dass eine schwerwiegende Krankheit gefunden wird, die von den Ärzten zunächst nicht gesehen wird.
    Normalerweise gehe ich nicht davon aus, dass man durch therapeutische Gespräche Krankheiten auslöst. Beim körpertherapeutischen Arbeiten liegt dies schon anders. Aber auch in Gesprächen kann man nicht beliebig am Patienten vorbei arbeiten und seine eigenen Vorstellung durchsetzen wollen, wenn der Patient noch nicht mitgeht.
    Ich finde hier die Warnungen einmal sehr klar und verständlich gemacht, da man bisher dies eher für eine Anekdote gehalten hat, der nicht nachgegangen wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: