Der fassadäre Mensch

Die soziale Fassade dient der Abwehr „ungehöriger“ Impulse aus der sekundären Schicht, aber auch aus dem bioenergetischen Kern. Man denke etwa an den Arbeitsalltag, wo man seinen Frust, seine Vorurteile, seine Langeweile angesichts einer abgrundtief öden Tätigkeit, seine „inneren Dämonen“, etc. ständig hinter einer Maske aus „professioneller Freundlichkeit und Interessiertheit“ verbergen muß – damit die Arbeitsdemokratie funktioniert. Das gleiche gilt auch für vollkommen rationale freundschaftliche und sexuelle Gefühle.

Heute, wo die Menschen ganz in der sozialen Fassade aufgehen und diese zunehmend hypertrophiert, erfüllt sie derlei Aufgaben nicht etwa besser, sondern kann sozusagen wegen „Arbeitsüberlastung“, ihre normale Funktion nicht mehr übernehmen. Beispielsweise wird die beschriebene „Maske“ in der Arbeitswelt zunehmend zu einer grinsenden Karikatur, die stört und abstößt, und die dazu benutzt wird, nicht etwa um die sekundäre Schicht und nicht zur Situation passende egoistische Gefühle abzuwehren, sondern ganz im Gegenteil ihnen den Ausdruck zu ermöglichen. Man denke an den „fiesen, schmierigen Vertreter“, nach dessen Besuch man sich erst mal die Hände waschen, wenn nicht sogar unter die Dusche gehen muß. Widerlich!

Tiefes Denken ist offensichtlich keine Funktion der Fassade. Aber allgemein hat Denken schon eine gewisse Affinität zu ihr. Man ist nicht spontan, sondern „überlegt erst“, „reflektiert“. Das sind immer noch rationale Funktionen. Doch sehr schnell kann Denken zum puren Intellektualismus entarten, der schließlich dazu dient, die Destruktivität der sekundären Schicht zu rechtfertigen. Ich erinnere nur an das pseudointellektuelle und letztendlich massenmörderische Gequatsche eines Rudi Dutschke.

Wenn das Denken im Namen der „Political Correctness“ gleichgeschaltet wird, d.h. sich alles „fassadär“ nach der sozialen Erwünschtheit ausrichtet, kann es kein Denken mehr geben, sondern nur noch – Gequatsche.

Was wir erleben, ist die Reduzierung des Menschen auf seine soziale Fassade und das sowohl in den höchsten als auch den niedrigsten Funktionen des Menschen.

Früher, in der autoritären Gesellschaft, sprach man von „Etikette“, die vor allem einem diente: der Regulierung des Kontakts zwischen den Geschlechtern. Signale hatten eine feste Bedeutung und Tabubrüche wurden als solche erkannt. Heute tritt an das aufregende Spiel der gegenseitigen Erregung der stumpfe „Sex“. Eine oberflächliche Konsumware wie jede andere auch.

Wenn alle sozial angepaßt sind, d.h. sich die sozialen Fassaden der Individuen einander anpassen, kann es kein vernünftiges Sozialleben, das von Unterschieden abhängig ist, mehr geben.

Und „Persönlichkeit“? Man täusche sich nicht! All die Aufrufe in der Werbung, man solle „man selbst sein“, seinen „eigenen Style“ kreieren, etc. hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Unsere Gesellschaft wird von einer monotonen Uniformität geprägt, die einfach nur erschreckend ist. Selbst Freaks sind austauschbar: sie sind nur jeweils Teil einer bestimmten Szene, in der alle gleich aussehen und der Gruppendruck zur Uniformität teilweise mörderisch ist. Sie sind austauschbarer als jeder Kleinbürger. John Lydon kriegt Zustände, wenn er einen Punk sieht. Man kann sich keinen größeren Verrat an seinen Idealen vorstellen. Anstelle von aggressiver Individualität ist eine pseudo-revolutionäre Uniformität getreten, die an Spießigkeit einfach nicht zu überbieten ist.

Die Auflösung des Individuums zu einem hohlen Klischee sieht man auch in der Politik. Ältere Semester werden sich an echte Charaktere wie Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß erinnern. Heute sehen die Politiker alle erschreckend gleich aus, fast schon wie Klone. Menschen ohne Ecken und Kanten, auch ohne eigene Meinung. Man denke nur an den Bundespräsidentenwitz Christian Wulff. Sprechende Schaufensterpuppen!

Das Erschreckendste sind jedoch ganz gewöhnliche Jugendliche, also unsere unmittelbare Zukunft. Ihr ganzes Leben dreht sich nur um eines: die soziale Erwünschbarkeit in der Peer Group. Man nimmt beispielsweise Drogen nicht etwa aus tiefenpsychologisch (oder bioenergetisch) ergründbaren Motiven, sondern weil es alle tun. Die Effekte sind schon fast gleichgültig. Allenfalls geht es darum, genauso „drauf zu sein“ wie die anderen oder man nimmt Speed, weil es in bestimmten Gruppen dazu gehört als Junge keinen Hintern in der Hose und Beine dünn wie Streichhölzer zu haben.

Eigene Gedanken sucht man vergebens. Symptomatisch ist der anorektische 17jährige mit modischer Pudelmütze bei 35 Grad im Schatten, der auf die Frage nach Interessen antwortet: „Mode und Musik“. Mit anderen Worten: sein einziges Interesse im Leben ist Image, Fassade. Jede freie Minute, in der das eigene Ich zu Wort kommen könnte, wird mit Krach („Musik“) über Ohrstöpsel und mit DVDs vollgemüllt. „Gespräche“ erschöpfen sich in der Kunst nichts, aber auch rein gar nichts auszusagen. Das Grunzen von Schimpansen ist inhaltsreicher!

Das schlimmste ist aber, daß die soziale Fassade ihre eingangs erwähnte Zentralfunktion nicht mehr erfüllen kann: die sekundären Triebe in Schach zu halten. Durch die Verkopfung und „Veroberflächlichung“ bedarf der Mensch immer stärkerer und „extremerer“ Reize. Beispielsweise werden Filme immer rasanter (insbesondere im Schnitt), immer brutaler, immer vulgärer und „extremer“. Selbst die hochsubventionierten Schmierentheater („Hochkultur“!) kommen nicht mehr ohne Schockeffekte aus! Umgekehrt dient heute klassische Musik, insbesondere Mozart, um die jugendlichen Zombies etwa vom Hamburger Hauptbahnhof fernzuhalten. Das in der Musik klanggewordene Lebendige verscheucht das Ungeziefer!

Am Ende steht eine soziale Fassade, die die sekundäre Schicht und ihren Ausdruck fördert, während der bioenergetische Kern gehaßt und bekämpft wird. Unsere ganze Kultur steuert schnurrstraks Richtung Hölle. In ihr wird zunehmend die sekundäre Schicht heroisiert. Oder wie ein amerikanischer Kommentator anläßlich des „Badman-Massakers“ in Colorado schrieb:

Batman. The Dark Knight könnte man leicht so interpretieren, daß das Gute als eine Schwäche dargestellt wird, die vom Bösen, d.h. dem Joker, benutzt und wiederholt ausgenutzt wird. Das Gute in den Menschen zu korrumpieren ist eines seiner Hauptziele – es ist sogar der einzige Sinn und Zweck, der bei den ansonsten vollkommen chaotischen Taten des Jokers auszumachen ist.
Neben diesem mächtigen und überzeugenden Portrait des Antichrist steht jedoch keine Darstellung einer genauso reinen Christus-Gestalt. Ein heroischer und mächtiger Mann der Öffentlichkeit, einer der Hauptcharaktere im Film, wird schließlich durch die Machenschaften des Jokers korrumpiert und die beiden einzigen Guten, die übrigbleiben, Commissioner Gordon und Batman selbst, werden selbst korrumpiert, indem sie eine Lüge in die Welt setzen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, daß der, der dem Bösen vollständig erlegen ist, tatsächlich der Held des Tages war.
Batman, der doch der Held des Films sein soll, zeigt in seinem Vorgehen weitaus weniger moralische Beständigkeit als der Joker. Als Milliardär Bruce Wayne wird er als eifersüchtiger, gehässiger Exliebhaber dargestellt, der seinen Rivalen beschimpft und andere Frauen (sogar drei gleichzeitig) benutzt, um seine Ex eifersüchtig zu machen. Verglichen mit dem des Jokers ist das Portrait, das von Batman gezeichnet wird, schwach und in sich widersprüchlich. Die Gestalt des Jokers beherrscht die Leinwand und Ledgers schauspielerische Brillanz in dieser Rolle unterstreicht noch einmal diesen Unterschied.

Kein Wunder, daß sich Menschen mit dem Joker und seiner antiautoritären Botschaft identifizieren!

Es ist der Alptraum der antiautoritären Gesellschaft. Es beginnt mit den Simpsons, wo der destruktive „Bart“ glorifiziert wird und der Vater „Homer“ als verachtenswerter Depp gezeichnet wird, und endet mit dem brillanten Bart-artigen Bösewicht Joker und einem Homer-artigen „Helden“, der einfach nur ein Langweiler ist. Autorität wird der Lächerlichkeit preisgegeben und als langweilig und verlogen hingestellt.

Erst vorgestern habe ich das Ende der Simpsons-Episode mit Mary Poppins gesehen. Zum Schluß fliegt sie mit ihrem Regenschirm davon, die asozialen Simpsons lächeln, alles wird gut – und man sieht wie im Hintergrund die betuliche Mary Poppins in das Triebwerk eines Jumbo-Jets gerät und geschreddert wird. Ein schier unfaßbarer Zynismus in einer Kindersendung (auch wenn dieser dekadente Scheißdreck wohl eher für „Erwachsene“ gedacht ist), der im übrigen nochmals den abgrundtiefen Haß für jede Autoritätsperson offenbart.

Es ist in der antiautoritären Gesellschaft soweit gekommen, daß der bioenergetische Kern selbst, d.h. jedes Gefühl für Anstand und Mitmenschlichkeit systematisch zerstört wird. Das sieht man etwa darin, wie heutzutage mit dem Kindchenschema umgegangen wird, dem zentralen Gefühlsreflex jedes Säugetiers. Dazu am Ende ein typisches Video aus MTV. In diese Gefühlswelt wachsen unsere Kinder hinein:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=xCFCNwGJT2U%5D

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2 Antworten to “Der fassadäre Mensch”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Wie sehr ich eure ekelerregende Visagen und eure ganze Gesellschaft hasse!

    http://www.t-online.de/unterhaltung/stars/id_62693828/gina-lisa-und-co-die-fischmaeuler-unter-den-promi-ladies.html

  2. Klaus Says:

    „Das Grunzen von Schimpansen ist inhaltsreicher!“ Selbstverständlich, mit Sicherheit.
    Das Video: verschlägt mir die Sprache. Merkwürdig die Verbindung von ‚Kindchen‘-Gelalle mit DER Handlung.

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