Was ist Wissenschaft?

Wissenschaft bedeutet „(…) die verschiedenen Beobachtungen auf einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen (…). Nichts anderes ist die Aufgabe der Naturwissenschaft“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 260). „Der Fortschritt der Wissenschaft besteht in Rückführung von Erfahrungen auf primäre Ursachen und in fortschreitender Vereinheitlichung dieser Ursachen“ (ebd., S. 382).

Der gepanzerte Wissenschaftler hat keinen Zugang zum Leben, d.h. zum Kern, und entwirft entsprechend eine Wissenschaft, die nur auf Maschinen anwendbar ist: „Die Gesetze, die sich in Chemie, Physik und Mathematik über die Naturvorgänge finden, können nicht in Übereinstimmung gebracht werden mit den dem Gefühlsleben eigenen Funktionen“ („Orgonomic Functionalism, Part II“ Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, 1950, S. 2). Die Mechanik sei, so Reich, nur „eine besondere Abartung funktioneller Naturprozesse“ (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 103f).

Wissenschaftliche Entdeckungen bestehen im Grunde darin, daß der Entdecker Bewegung und Funktion sieht, wo man vorher nichts, bzw. Bewegungslosigkeit wahrnahm. So Reich in seinem 1941 verfaßten Aufsatz „The Attitude of Mechanistic Natural Science to the Life Problem“ (Orgonomic Functionalism Vol. 4, Summer 1992, S. 52-63).

Stellen wir uns vor, daß ein auf dem Boden liegender Stein plötzlich begönne sich zu bewegen, sich auszudehnen und zusammenzuziehen. Die unwillkürliche Reaktion auf ein solches Phänomen wäre Horror und Schrecken, ähnlich wie beim unerwarteten Anblick einer giftigen Schlange. Zwar ist jedes Objekt einer neuen Entdeckung an sich „lebendig“, d.h. es funktioniert; aber für das Auge des durchschnittlichen Beobachters ist es unsichtbar, starr, unlebendig. Die Entdeckung besteht in der Tatsache, daß man das Unsichtbare sichtbar macht, das scheinbar Unbewegliche beweglich, das Starre funktionierend, das Nichtlebendige lebendig. Verständlicherweise mußte die Bionforschung diese Abwehrreaktion seitens einer ahnungslosen Welt mit besonderer Intensität durchmachen. Denn was sie demonstrierte war genau die Tatsache, daß hohe Temperaturen anorganisches Material in „Energie-Bläschen“ bzw. „Bione“ mit lebensartigen Bewegungen unwandelt (…). Das heißt die Wirklichkeit steht nicht im Widerspruch zum Bild von dem Stein, der sich zu rühren beginnt.

Für den Arzt oder Lehrer, der Vegetotherapie praktiziert, ist es eine banale alltägliche Erscheinung, daß der Mensch die einzige lebende Spezies ist, die das unwillkürliche Leben in sich mit kulturellen Illusionen und einer mechanistischen Zivilisation erstickt und somit aus dem Bewußtsein entfernt und von natürlichen Aktivitäten abgeschnitten hat. Daher ist der Mensch von heute, trotz seiner angeborenen Sehnsucht nach Einsicht in die Lebensfunktion, durch eine enorme Angst vor die Pulsationen des Lebens in seinem Inneren gekennzeichnet. Die klinische Beobachtung zeigt uns immer wieder die Angst vor der vegetativen Plasmaströmung, d.h. die Angst vor dem Unwillkürlichen, das den Menschen von heute beherrscht. Die Beseitigung dieser Angst ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer medizinischen und pädagogischen Arbeit. Das Wissen von dieser Angst setzt die Motive, die häufig für das bösartige und unanständig Verhalten gegenüber neuen Entdeckungen vorgebracht werden, in ein neues Licht: sie werden bedeutungslos und zweitrangig. In Wirklichkeit sind die irrationalen Reaktionen auf eine neue Entdeckung nichts anderes als eine Manifestation der enormen Angst vor Motilität dessen, das nicht durch die Sinne wahrnehmbar ist oder das unbeweglich erscheint. (“Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science”, International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 1, 1942, S. 97-107)

„Es ist, als ob das menschliche Denken vom Statischen nicht loskommen könnte oder wollte. Es gibt immer wieder etwas Ruhendes, Unbewegtes in der Fülle des Bewegten. Es taucht in der zeitgenössischen Vorstellung vom ‚Kosmischen Staub‘ auf. Es erscheint als absolut, keinem Funktionsprozeß unterworfen“ (Äther, Gott und Teufel, S. 18).

Wie wir denken, hängt von unserer Panzerungsstruktur ab, wobei der unbewegliche Panzer das Element des „Absoluten“, des Unbeweglichen hineinträgt. Gleichzeitig zwingt uns die naturwissenschaftliche Herangehensweise dazu, den Panzer zu überwinden und genauso zu fließen wie die Natur fließt. In diesem Sinne ist die Naturwissenschaft „politisch“. Im Kapitel über „Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik“, sowie in „Einige Fragen der sexualpolitischen Praxis“ von Die Massenpsychologie des Faschismus, sieht man, daß es Reich beim Kampf gegen die Mystik (und damit gegen die faschistische Bewegung) stets darum ging, die Naturwissenschaft gegen die Mystik zu mobilisieren. Reich fragt: „Wurden im Kampf zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus alle Möglichkeiten von der ersten ausgeschöpft?“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 161)

„Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen sich der Tatsache bewußt sind, daß, was jemand tut, ob er es weiß oder nicht weiß, auf irgendeiner Art von naturwissenschaftlicher Theorie beruht, einer naturwissenschaftlichen Methode der Herangehensweise an die Natur” („Man’s Roots in Nature“, Orgonomic Functionalism, Vol. 2, Fall 1990, S. 51).

Die Wissenschaft, die sich mit der Lebensfunktion beschäftigt, die Orgonomie, „beginnt ganz von vorn, auf grundsätzlich unabhängige Weise und ohne auf die Theorien der klassischen Naturwissenschaften zurückzugreifen. Nicht, weil sie das so möchte, sondern weil sie es muß. Ihr Ausgangspunkt ist weder das Elektron noch das Atom, weder eine lineare Bewegung im leeren Raum noch ein Weltgeist oder ein ewiger Wert. Ihr Ausgangspunkt sind die beobachtbaren und meßbaren Funktionen im kosmischen Orgonozean, aus dem alles Sein, das physikalische wie das emotionale, hervorgeht“ (Die kosmische Überlagerung, Frankfurt 1997, S. 22). Dies ist der Kern von Reichs Aussage, daß „die Orgonphysik von vollkommen neuen Beobachtungen und neuen theoretischen Annahmen ausgeht“. (Äther, Gott und Teufel, S. 150)

Hegel05

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