Das Christentum als Befreiung von der Orgonomie

Orson Bean ist Schauspieler und Showmaster (in etwa der „Harald Juhnke der USA“), der eine nicht unbedeutende Rolle in der Orgonomie spielte. Beispielsweise war er Gründungsmitglied des American College of Orgonomy. Bekannt geworden ist er durch sein Buch Me and the Orgone, das von seiner Orgontherapie beim Gründer des College, Elsworth F. Baker, handelt.

Für sein neustes Werk, eine Novelle, konnte er in Amerika zunächst keinen Verleger finden, weil das Manuskript den „liberalen“ Verlagen zu christlich war, den christlichen Verlagen zu vulgär. Das Buch ist buchstäblich der sozialen Panzerung der amerikanischen Gesellschaft zum Opfer gefallen. Deshalb sah er sich gezwungen, das Manuskript 2007 ins Netz zu stellen, doch mittlerweile ist M@il for Mikey doch in Buchform erschienen. Hier verarbeitet er seine jahrzehntelangen Alkohol- und Drogenprobleme, die er schließlich durch das Gebet (bei dem er sich anfangs wie ein Idiot vorkam) und, im Anschluß daran, durch seinen Glauben an Jesus bewältigt hat!

Man weiß nicht, was peinlicher ist: daß der Autor von Me and the Orgone wirklich in jeder Hinsicht ein „Harald Juhnke“ war oder daß er zu Jesus gefunden hat? Zum ersten Punkt ist zu sagen, daß die Orgontherapie kein Allheilmittel ist und wie will man wissen, wie sich Bean ohne Orgontherapie entwickelt hätte? Zum zweiten: Reich ist zwar einerseits immer vehement gegen „spirituelle“ Anwandlungen seiner Schüler angegangen, hat aber andererseits auch befremdet reagiert, wenn Schüler aus „orgonomisch prinzipiellen“ Gründen sich dagegen wandten, daß Reich Kontakt mit Geistlichen aufnahm bzw. die Kontaktwünsche von seiten Geistlicher nicht von sich wies. Unzweifelhaft hatte Reich im letzten Jahrzehnt seines Lebens einen großen Respekt für das Christentum entwickelt und beispielsweise seinem Sohn das Gebet nahegelegt.

Unabhängig von Reichs eigenen „privaten“ Schlußfolgerungen und Vorlieben kann man objektiv sagen, daß das (evangelikale) Christentum einige zentrale Elemente mit der Orgonomie gemein hat: es ist „atheistisch“, antimystisch und antispirituell. Für einen Christen ist es absurd sich durch „gute Werke“, „Opfergaben“ oder gar „Riten“ bei Gott einschmeicheln zu wollen, womit jedweder Religion die Grundlage entzogen ist. Magische Praktiken, „Meditationstechniken“, Yoga, Aberglauben, Geisterbeschwörungen, Spiritismus, Astrologie, Handlesen, etc.pp. sind des Teufels. Alles, was den Menschen versklavt, seien das nun religiöse Gesetze, etwa den Sabbat zu halten, Fastenmonate, etc., oder religiöse Praktiken, etwa das Singen von Mantren, das Heraufbeschwören von „Engelwesen“, die gesamte „Esoterik“, Religion an sich – ist dämonisch. Wir erlauben, wie etwa beim Alkohol- und Drogenkonsum, daß fremde Mächte uns okkupieren und uns steuern.

Bleibt die Frage, wer oder was dieser „Jesus“ ist, der uns von diesen Ketten befreit. Reich glaubte, Christus sei einfach nur „unser besseres Selbst“, unser ungepanzertes „Ichideal“, das unverdorbene Lebendige, das mit jedem Neugeborenen von neuem auf die Welt kommt. (vgl. Der verdrängte Christus)

Zu diesem Artikel wurde ich angeregt, als ich in einem Cafe vor dem Münster Dom saß und mir dabei in den Steinarbeiten, die die gotischen Fenster zieren, zwei mir wohlvertraute Symbole aus dem sino-buddhistischen Kulturkreis auffielen. Zwei Symbole, die in der künstlerischen Gestaltung des Doms wirklich zentral sind: das allseits bekannte Yin und Yang-Symbol und das weniger bekannte Symbol der „drei Kostbarkeiten“, wie man es vom Roerich-Pakt her kennt.

Als ich, typischer Schlauberger, meinen Gesprächspartner rethorisch fragte, was denn die beiden ineinander verschlungenen Orgonomen an einer katholischen Kirche zu bedeuten hätten, meinte er spontan: „Sie stellen das männliche und das weiliche Prinzip dar!“ Oh Gott… Tatsächlich symbolisieren sie natürlich die „doppelte Natur Christi: ganz Mensch und ganz Gott“. Was die drei Kreise innerhalb des großen Kreises am Dom zu suchen haben, weiß nun wirklich jeder: die Trinität. Eine untrennbare Gottheit mit drei distinkten Personen, die jeweils ohne jeden Abstrich die Gottheit als ganzes verkörpern.

Diese beiden Symbole beinhalten den metaphysischen Kern des Christentums. Ich unterlasse es lieber, die Dreieinigkeit erklären zu wollen, da ich eh bei der Orgonometrie landen würde. Entsprechend verkörpern diese beiden Symbole auch das, was so viele Studenten der Orgonomie in die Arme des Christentums treibt (Reichs Tochter Eva betrachtete sich beispielsweise als „christliche Sozialistin“ und sah in Jesus ihren persönlichen Befreier). Es ist die Flucht vor den beiden Grundlagen der Orgonomie: die Funktion des Orgasmus und der orgonomische Funktionalismus. Es ist die Flucht in eine asexuelle und vage Welt, in der es nicht das zwangsläufige Ineinandergreifen von Funktionen gibt. Eine Welt, in der sich Bioenergetik und bioenergetisches Denken (zwei Funktionen und das dritte Funktionsprinzip aus denen sie hervorgehen) in mystischen Unsinn verflüchtigen.

Das Christentum ist beides: es verkörpert wie nichts anderes in der gepanzerten Welt den unverdorbenen Kern des Menschen und ist gleichzeitig die ultimative Flucht vor eben diesem Kern.

Das kann man auch an der Geschichte unserer Breiten ablesen. Das Christentum hat den Germanen und den Slaven vom erdrückenden Aberglauben befreit, andererseits aber auch uns von unseren kosmischen Wurzeln getrennt. Wie schon Nietzsche diagnostizierte, hat das Christentum das Tor zum Nihilismus weit aufgestoßen. Man schaue sich um: der europäische Mensch ist gerade dabei aus christlicher Gutmenschlichkeit heraus kollektiven Selbstmord zu begehen. Da es kein Zurück mehr gibt (das „Neuheidentum“ hat Ozeane von Blut und Gebirge von Asche hinterlassen!), ist die Orgonomie die eine und einzige denkbare Rettung. Sie wird an die Stelle des Christentums treten.

jesusorgone

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14 Antworten to “Das Christentum als Befreiung von der Orgonomie”

  1. Die Biophysik von Liebe und Sex « Nachrichtenbrief Says:

    […] bei eher konservativ Gesinnten im Ruf, für ein „ausschweifendes Sexualleben“ zu stehen. Dabei können sie beispielsweise auf Orson Beans Autobiographie „One man’s search for sexual… Mehr liberal Gesinnte brauchen in ihrem Vorwurf, die Orgonomie sei puritanisch, nicht mal auf die […]

  2. Christof Bieker Says:

    Hallo
    festlegen kann und wird vieles aber auch die Handlungen die sich aus
    religiösen tuen entwickeln? Betrachtet ein Mensch dieses so ist das
    religiöse Leben ein Teufelskreis!
    bye

  3. Carolin Kebekus und die Orgonomie « Nachrichtenbrief Says:

    […] werden wohl in absehbarer Zukunft kaputte Typen wie Orson Bean das Gesicht der Orgonomie bleiben, statt (konventionell als auch orgonomisch gesehen) gesunde […]

  4. Robert (Berlin) Says:

  5. Peter Nasselstein Says:

    Die Weltkarte der Christenverfolgung ist praktisch identisch mit James DeMeos Saharasia-Karte!

    http://www.wnd.com/2014/06/the-worst-places-on-earth-for-christians/

  6. Peter Nasselstein Says:

    Christentum – die sexualökonomische Katastrophe: das ultimative Grauen:

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/fund-von-800-saeuglingsleichen-das-massengrab-der-ordensschwestern-12974471.html

  7. Denis Roller Says:

    Die zentrale Frage der Selbstregulation ist der Mitmensch. Die Sozialisation. Erst viel später kommt die Frage nach der sexuellen Entladung in der genitalen Umarmung (zumindest bei mir). Wenn ich im zwischenmenschlichen harmonisch leben kann, habe ich unter Umständen soviel erreicht, dass das Genital vielleicht gar nicht ausgelebt wird, weil gar kein Bedürfnis dafür wach ist. Wenn ich es schaffe, in einem befriedigenden sozialen Umfeld glücklich zu sein, verliebe ich mich vielleicht gar nicht, habe statt dessen aber unter Umständen viele angenehme Freundschaften, mit denen ich meine Freizeit fülle. Vor diesem Gesichtspunkt kann ich die Verwandtschaft von Christentum und Orgonomie sehr gut nachvollziehen. Im Christentum geht es um „genitale Sozialisation“. Das Heilsversprechen der christlichen Lehre vermittelt genitale Gemeinschaft (nur eben ohne sexuelle Erregung, weil diese gemeinschaftlich „Sünde“ wäre, dem Fleisch, der sekundären Schicht zugehörig). Egal, ob das nun als „prä- genital“, „genital“, „ungenital“ oder „post- genital“ definiert wird, die Selbstregulation läuft. Alle Beteiligten pendeln zwischen Arbeit und Liebe hin und her…

    Wenn ich aber „wirklich“ mit regelmäßiger genitaler „Ladung“ und „Entladung“ als Christ die Orgasmusformel leben will, muss ich den einen, unmissverständlichen Traumpartner finden- oder eben auf genitale Sexualität verzichten. Diese Kompromisslosigkeit ist für mich wesentlicher Bestandteil des Christentums. Die eine- oder keine.

    So gesehen ist es nur naheliegend, dass viele von der Orgonomie ins Christentum fliehen, ist doch die Hoffnung, die die Orgonomie weckt, nur dann wirklich zu erfüllen, wenn ich dafür den richtigen Partner finde. Zu diesem Zweck wiederum muss ich tiefen Kontakt mit meinem bioenergetischen Kern aufnehmen, der nur durch ausreichend Wärme, Unterstützung und Schutz durch andere, sprich durch eine gesunde „soziale Funktion“, überhaupt unverstellt funktionieren kann. Erst dann, vorher nicht, kann ich mich „verlieben“, habe ich genug „Halt“, mich einem Menschen anderen Geschlechts „zu öffnen“, weil ich nur dann Zurückweisung bioenergetisch „verkrafte“, ohne mich panzern zu müssen.

    So gesehen bedingen Orgonomie und Christentum einander. Die Orgonomie „kann“ das Christentum nicht ablösen, denn es hat „keine Lieder“, es hat „keine Kultur“, keine „Feste“, keine „Feiertage“, keine „Traditionen. Es kann nur das Christentum durch die Orgonomie bereichert werden- sorum wird ein Schuh draus.

    • Robert (Berlin) Says:

      “ Wenn ich im zwischenmenschlichen harmonisch leben kann, habe ich unter Umständen soviel erreicht, dass das Genital vielleicht gar nicht ausgelebt wird, weil gar kein Bedürfnis dafür wach ist. “

      Ist das nicht die Folge deiner Panzerung? Iwan Bloch schrieb, Menschen ohne Libido wären Krüppel.

      • Denis Roller Says:

        „Menschen ohne Libido = Krüppel“… Hm… Klar, da hat er wohl Recht. Dennoch sind Menschen mit jedweder chronischen Panzerung Krüppel. In christlicher Gesellschaft lösen sich chronische Panzerungen aber wie nirgends sonst. Man beachte daher die Charakterformen: Es ist mir persönlich lieber, im Zentrum meines Lebens steht die genitale Panzerung als beispielsweise die okulare Panzerung. Wenn sich in meinem Leben alles um „Keuschheit“ dreht, bis ich die richtige Lebenspartnerin gefunden habe, habe ich eine immense Libido- ich unterdrücke sie eben nur. Ich lebe sie eben nur nicht aus, indem ich eben „irgendeine“ Partnerin zur Frau nehme, oder wixe und rumhure, nur damit ich mich „entlade“. Das ist die genitale Charakterstruktur „per se“. Ich panzere mich eben gegen wahllose, genitale Entladung. Und selbst wenn ich mir vereinzelt einen von der Palme wedel, weil ich der Versuchung erliege, lege ich doch Wert darauf, diesen Zustand durch aktive Partnersuche zu ändern. Wenn ich im zwischenmenschlichen harmonisch leben kann durch ein befriedigendes soziales Umfeld wird die Partnersuche dabei aber nicht zwanghaft, ich bleibe dabei entspannt, geniesse mein Leben auch ohne Partnerin und die Chancen sind sehr hoch, dass ausser dem Genital alles andere ungepanzert bleibt- das wollte ich damit sagen. In diesem Zustand wird man nicht getrieben von „Lüsternheit“, „Notgeilheit“ oder dem permanenten vor Augen haben „ich habe keine Partnerin, ich habe keine Partnerin! Ich brauche aber eine! Schnell!“, sondern man bleibt eben ausgeglichen. Die christliche Atmosphäre im Freundeskreis ist wie eine Grundvoraussetzung für die natürliche Entfaltung der Libido auf gegenseitiger Basis. Ohne „freien“. Sondern mit gegenseitigem Wecken der (aus der genitalen Charakterstruktur heraus freiwillig unterdrückten) Libido des anderen. Und wenn ich die Wahl habe, zwischen dieser Atmosphäre und irgendwelchen ach so genitalen, atheistischen Hippies, die immerzu, permanent, nur im hier und jetzt leben, komme, was wolle, nur um „der Energie“ zu folgen, wenn’s nicht anders geht, eben mit Hilfe von Drogen- da bleibe ich doch lieber im etwas konservativeren Milieu. Wo „Informationen“ konserviert werden, sprich: Verantwortung übernommen wird, anstatt immer nur „der Energie“ zu folgen… Schau Dich um, wohin diese Einstellung geführt hat… Fressen, Ficken, Fernsehen, Drogen, Ersatzkontakt, Süchte, Siechtum und feuriger Pfuhl en masse. Der ganze „anti- autoritäre- Scheiß“ eben… Das, lieber Robert, ist die schlimmere Form von Verkrüppelung. Wenn die Libido genital zwar regelmäßig entladen und aufgefrischt wird, aber beim Rest so unendlich viel im Argen liegt. Dann doch lieber anders herum.

      • Robert (Berlin) Says:

        Das verstehe ich; jeder muss mit seiner Panzerung leben und klarkommen. Ich wollte darauf hinweisen, dass dieser Libido-arme Zustand kein natürlicher ist, sondern eine Folge unserer Erziehung und Erfahrungen. Welche Wahl man lebt, was als „schlimmere Form“ wahrgenommen wird. muss natürlich jeder selbst entscheiden (falls man noch eine Wahl hat, weil ja die Panzerung unsere Freiheit einschränkt). Allgemein betrachtet: sich selbst als neurotischen Charakter wahrnehmen und trotzdem die Wahrheit des Genitalen Charakters akzeptieren, dürfte die Schwierigkeit unserer Selbsterkenntnis der conditio humana sein.

  8. Christusfunktionalismus (Teil 2) | Nachrichtenbrief Says:

    […] halten: Christus. Wer ist Christus? Psychoanalytisch ausgedrückt das höchste Ichideal. Siehe hier und hier. Er verspricht uns die „Wiederauferstehung“, d.h. daß sich unsere abgetrennte […]

  9. Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Liebe | Nachrichtenbrief Says:

    […] im Ruf, für ein „ausschweifendes Sexualleben“ zu stehen. Dabei können sie beispielsweise auf Orson Beans Autobiographie „One man’s search for sexual fullfillment“ verweisen. Mehr liberal […]

  10. Carolin Kebekus und die Orgonomie | Nachrichtenbrief Says:

    […] werden wohl in absehbarer Zukunft kaputte Typen wie Orson Bean das Gesicht der Orgonomie bleiben, statt (konventionell als auch orgonomisch gesehen) gesunde […]

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