Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 2)

Curtis Barnes zufolge spüren wir eine innere Erregung, die sich als Tätigkeitsdrang äußert und zur Entladung in produktiver Arbeit drängt. Es ist ein angenehmes Gefühl, nach all der Anstrengung sein Arbeitsprodukt schließlich in den Händen zu halten. „Der identische Prozeß bewirkt“, so Barnes, „im sozialen Bereich die ökonomische Aktivität.“ Wird dieses Streben nach Lustgewinn und Profit unterbunden, wird die Gesellschaft freudlos und verarmt materiell.

Ähnlich wie die orgastisch impotente Sexualität nicht zur Entladung, sondern zur Erhöhung der inneren Spannung führt, führt auch ein entsprechendes Konsumverhalten zu innerer Leere und zur Zerstörung der Umwelt. Der Kapitalismus krankt an seinen kranken Menschen. Beispielsweise drückt im freien Medienmarkt mit den vielen Privatsendern der Pöbel alles auf das niedrigste mögliche Niveau. Freie Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn richtig „bewertet“ wird, z.B. wäre in einer rationalen Gesellschaft Heroin wertlos, egal wie rar es ist, während wissenschaftliche Publikationen breites Interesse fänden. Ein anderes Beispiel ist, daß das organisierte Verbrechen von den Perversionen lebt, die der Sexualunterdrückung entspringen. Freie Marktwirtschaft ist nur in einer sexuell gesunden Gesellschaft möglich.

Es gibt eine funktionelle Identität von kontaktloser Promiskuität und kontaktlosem Konsumrausch. Beide sind das Gegenteil dessen, als was sie oberflächlich erscheinen. In Wirklichkeit haben sie mit gesunder Sexualität und Konsum nichts zu tun. Eine genital gesunde Menschheit würde sich nicht ins Arbeitsjoch spannen, nur um ewig unbefriedigt sinnlosen Konsumgütern nachzujagen, sondern zu einem Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumption finden. Ein ausgeglichener gesunder Libidohaushalt wäre funktionell identisch mit einer ausgeglichenen gesunden Wirtschaft.

Dafür gibt es hinreichend Belege in „primitiven“ Gesellschaften, wo nicht etwa der hochangesehen ist, der viel hat, sondern der viel gibt. (Reste davon findet man im Mäzenatentum.) In solchen Gesellschaften sind Feste der Motor der Wirtschaft, denn sie verteilen die erwirtschafteten Erträge zurück in die Gemeinschaft: Ladung und Konzentration auf dem Markt → Entladung und Verteilung bei den von den Erfolgreichen veranstalteten Festen → Ladung und Konzentration auf dem Markt → Entladung und Verteilung bei den von den Erfolgreichen veranstalteten Festen → Ladung und Konzentration auf dem Markt, etc.

In primitiven Gesellschaften dreht sich alles um gegenseitiges Beschenken, so als würde man eine heiße Kartoffel so schnell wie möglich weiterreichen, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Der Austausch von Geschenken, englisch „gift“, beinhaltet den Austausch von „Gift“ – Begriffe, die den gleichen etymologischen Ursprung haben. Diese etymologische Doppeldeutigkeit weist auf eine unbewußte Wahrheit hin, denn, wie Reich dargelegt hat, verrät die Wortbildung die Ausdrucksweise des Lebendigen (Charakteranalyse). Jemanden ein Geschenk zu überreichen, bedeutet das eigene Gift loszuwerden, so daß der Beschenkte es weiterreichen muß – und so fort in einem ewigen Kreislauf.

Freigebigkeit wird hochangesehen, während Knauserigkeit verachtet wird. Dieses weniger ethische als vielmehr ästhetische Urteil scheint damit zusammenzuhängen, daß beim krampfhaften Festhalten der Tauschgüter eine energetische Stagnation eintritt und buchstäblich giftiges DOR akkumuliert wird. Um diesen unappetitlichen Fäulnisprozeß zu verhindern, wird das statische Resultat energetischer Überlagerung in Bewegung gehalten – es soll sich in ORgon zurückverwandeln. Schon als Kind ist mir aus persönlichem Augenschein bei einem familiären Überschneiden der „Klassengrenzen“ aufgefallen, daß Menschen, die im Luxus leben, daran wirklich buchstäblich ersticken. Sie haben etwas seltsam „Unappetitliches“ an sich, strahlen eine merkwürdig „übersättigte Schwermut“ aus. Ein Gefühl, wie wenn man zu viele Süßigkeiten zu sich genommen hat und alles klebrig geworden ist. Ich glaube, es ist eine wirkliche DOR-Krankheit. (Der Begriff „stinkreich“ stammt daher, daß sich im 18. Jahrhundert die Aristokratie nie gewaschen und buchstäblich in die Ecken geschissen hat. Der unerträgliche Gestank in den Schlössern wurde mit Parfüm überdeckt.)

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6 Antworten to “Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 2)”

  1. Manuel Says:

    „z.B. wäre in einer rationalen Gesellschaft Heroin wertlos, egal wie rar es ist“
    Genau so wäre es mit Gold, abgesehen von seiner Funktion als technischer Werkstoff!

  2. Manuel Says:

    Zur „übersättigten Schwermut“ der Upper Class gibt es ein Unterschichten-Pendant: den Messie, der von seinem gehorteten wertlosen Krempel nicht lassen kann: funktionell ist das das Gleiche.
    Literatur-Tipp:
    Karen Kingston : Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags

    Zitat: „Was ist eigentlich Gerümpel? (…) Dinge, die man nicht gebraucht oder liebt (…). Dinge, die geliebt, gebraucht und geschätzt werden, sind von starken, dynamischen, freudvollen Energien umgeben (…) Umgekehrt wird alles, was vernachlässigt und vergessen oder nicht gewollt, geliebt oder gebraucht wurde, den Energiefluss bei Ihnen verlangsamen und zum erliegen bringen. Sie werden das Gefühl haben, dass ihr Leben stillsteht.“

  3. Robert (Berlin) Says:

    Was mir bei diesem ganzen Thema inzwischen auffällt: das Einkommen ist inzwischen ein größeres Tabu als etwaige sexuelle Vorlieben. Da muss sich was in der antiautoritären Gesellschaft verändert haben.

    • Peter Nasselstein Says:

      Da bin ich mir nicht so sicher, denn in Schweden beispielsweise ist das Einkommen jedes Bürgers allgemeinzugängliches Wissen. Auf dieses Weise wird jeder zum Mitarbeiter des Finanzamtes, d.h. der staatlichen Mafia.

      Mir hat einmal ein Steuerberater erklärt, ich solle den angeblichen Wohlstand von dem und dem nicht so ernst nehmen: alles nur Show und hinter den Kulissen Finanzen, die marode bis zum Kern sind.

      Oder beispielsweise: vor Jahen der CDU-Linksaußen Geißler in einer Talkshow, die Panik und der Terror im Gesicht, als seine Gesprächspartner ihr Einkommen offenbarten („Ich bin C4-Professor und jeder kann nachlesen, was ich denn verdiene!“). Geißlich, der Jerz-Jesu-Sozialist, hätte natürlich offenbaren müssen, daß er Millionär ist mit einem monatlichen Einkommen, das dem kleinen Arbeiter geradezu märchenhaft erscheinen muß. – Bei Geld setzt das Gehirn aus, weil es ein überstarker Stimulus ist (man kann ALLES für Geld kaufen) – unmöglich da rational weiterzudiskutieren, egal wie gut Geißlers Argumente auch immer wären.

      Äh, was will ich hier eigentlich sagen… Ähh…

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