Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 6)

Das Grundwesen der Arbeitsdemokratie ist die Unmittelbarkeit, ist direkter bioenergetischer Kontakt. Innovation und unternehmerische Initiative, Phantasie und Vorausschau stehen gegen Ideologie und Bürokratie; Marktwirtschaft und Dezentralisation gegen Planwirtschaft und Zentralisation. Ähnlich wie im Feld der Sexualität wird auch im Bereich der Wirtschaft die natürliche Überlagerung behindert. Entsprechend spricht Reich davon, daß die (freie) Überlagerung zu „einer neuen Grundlage für einen neuen Gesellschaftsaufbau“ werden könnte („Man‘s Roots in Nature“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, S. 69): einer arbeitsdemokratisch organisierten Gesellschaft.

Die Überlagerungsfunktion, die sowohl in der sexuellen Gemeinschaft als auch in der „Arbeitsgemeinschaft“ zum Ausdruck kommt, ist identisch mit der Schöpfungsfunktion, was im ersten Fall (manchmal) zur Produktion von neuen Menschen, im zweiten Fall zur Produktion von Gütern führt. Ohne diese Güter wiederum, z.B. Unterkünfte, die ein geschütztes Refugium zur Entspannung schaffen, wäre Genitalität schwer denkbar. Erst die menschliche Zivilisation verschafft uns die Muße und Sicherheit zur genitalen Umarmung, während alle anderen Tiere diese verletzliche Phase extrem kurz halten müssen und es bei ihnen keine Abtrennung der Aufmerksamkeit von der Außenwelt geben kann. Sexualität (bzw. Genitalität) und Zivilisation (gleich Arbeit) sind also nicht nur sich (periodisch!) ausschließende Gegensätze, sondern gleichzeitig untrennbar voneinander abhängig.

Neben diesem lebensnotwendigen „Grobbedarf“, der die Voraussetzungen für eine funktionierende Sexualität schafft, sorgt die Arbeit auch für die Befriedigung des Luxusbedarfs, der ein direkter Ausfluß der Sexualität ist. Das geht soweit, daß der Kapitalismus fast durchweg eine „erotische Kultur“ ist. Oder mit anderen Worten: Sexualität und Kapitalismus sind untrennbar miteinander verbunden. Sie rufen sich gegenseitig ins Leben: eine produktive Wirtschaft setzt die Sexualität frei und eine freie Sexualität gebiert den Kapitalismus. (Aus diesem Grunde leben islamische Länder im Elend.)

Die Entwicklung der Sexualenergie und der Arbeitsenergie verläuft in ähnlichen Bahnen. Das erweist sich etwa daran, daß man den Werdegang eines einzelnen Menschen und eines wirtschaftlichen „Organismus“ (etwa einer Firma) in den gleichen Begriffen beschreiben kann. Entsprechend betrachtete Reich die organisierte Orgonomie als einen Organismus, der aus der Überlagerung von verschiedenen Arbeitsfunktionen hervorgeht, wobei sich die einzelnen Funktionsträger als „Organe“ arbeitsdemokratisch in die „Gesamtheit der spezifischen organismischen Funktion“ integrieren. Das jeweilige einzelne Organ „muß langsam, behutsam und geduldig in eine kontinuierliche, wohlgeordnete und (…) ‘disziplinierte’ Koordination und Kooperation mit der Gesamtfunktion hineinwachsen“ (Reich/Neill: Zeugnisse einer Freundschaft, S. 576).

Wie der „Organisations-Therapeut“ Martin Goldberg ausführlich dargelegt hat („Work Energy and the Character of Organizations“, Journal of Orgonomy, 1989-1991), kann man die „psychologische“ Entwicklung von Wirtschaftsunternehmen genauso fassen, wie es die Psychoanalyse und die Orgonomie beim einzelnen Menschen getan haben:

Am Anfang steht der psychosexuelle Entwicklungsschritt der okularen Phase, die bei der Bildung von Organisationen der grundlegenden unternehmerischen Vision entspricht, d.h. die generelle Ausrichtung und „Corporate Identity“ der Organisation wird festgelegt. Diese Phase wird gefolgt von einer oralen Entwicklungsstufe, in der das noch nicht eigenständig lebensfähige System von seinen Gründern, den „Kapitalisten“, die das System sozusagen noch „säugen“ müssen, in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis steht.

Es schließt sich die anale „Trotz-Phase“ an, die bei Organisationen dem engeren organisatorischen Zusammenschluß entspricht, bei dem die Unabhängigkeit der Organisation hergestellt wird. Die darauf folgende phallische Phase kennzeichnet Goldberg mit dem Begriff „Arbeitsaggression“, was der Zurschaustellung der Leistung entspricht: das System signalisiert, daß es produktionsbereit ist. In der genitalen Phase schließlich kommt es zur vollständigen Integration aller Teilfunktionen und zur autonomen Selbstregulation des Systems, das nun reibungslos produziert und somit den Status der „Arbeitsdemokratie“ erreicht hat, die beim Individuum der Genitalität entspricht.

Die von Reich in Charakteranalyse beschriebenen sieben biophysischen Segmente des Menschen finden eine Entsprechung in den drei Grundstrukturen einer Organisation: der „Kopf“, der der Arbeit Richtung verleiht; die mittlere Ebene, die alles für die tatsächliche Arbeit bereitstellt und organisiert; und der arbeitende Kern, der die Arbeitsleistung vollführt. Dies entspricht dem leitenden Management, dem mittleren Management und der Arbeitsebene. Aufgabe des ersten Segments ist die fundamentale Ausrichtung der Arbeit, des zweiten die Organisierung des Arbeitsflusses und des dritten die Entladung der Arbeit durch Wechselwirkung mit der Umwelt.

Ganz so wie bei der Entwicklung des Individuums bestimmen auch bei Organisationen Störungen während der „libidinösen“ Entwicklung den Charakter. Entweder geht ein solches System infolge der Störungen zugrunde oder es entwickelt sich ein neues biopathisches Gleichgewicht, eben der neurotische Charakter des Menschen bzw. der Organisation, die sich aus Menschen zusammensetzen und auf diese wieder rückwirken. Zum Beispiel muß „die Neigung der neurotischen Charakterstruktur zur Willkür und Disziplinlosigkeit im Denken und Arbeiten“ (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 113) durch Disziplin, Zwang und Bürokratie eingeschränkt werden, wenn das System überleben will.

Diese neurotischen Charakterstrukturen der Organisationen können durch die „Organisationstherapie“ behandelt werden. Ziel der Goldbergschen orgonomischen Organisationstherapie ist die „Befähigung von chronisch blockierten Systemen ihre Arbeitsenergie wieder frei in einer produktiven, befriedigenden Art und Weise zu entladen“. Dies entspricht genau dem Ziel der individuellen Orgontherapie hinsichtlich der Sexualenergie.

Die individuelle Ökonomie der Arbeitsenergie verläuft ähnlich wie die individuelle Sexualökonomie: wir spüren eine innere Erregung, die sich als Tätigkeitsdrang äußert und zur Entladung in produktiver Arbeit drängt. So funktionieren auch ganze Organisationen (letztlich sind wir ja auch nichts weiter als „Organisationen“ unserer Teilorgane): wie bei der sexuellen Gemeinschaft von Frau und Mann spüren wir eine gemeinsame Erregung, die zu gemeinsamer Befriedigung drängt, zu produktiver Zusammenarbeit.

Im krassen Gegensatz zur Sexualenergie, können bei der Arbeitsenergie auch mehr als zwei Personen beteiligt sein. Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt darin, daß gesunde Sexualität ein in sich ruhender Selbstzweck ist (sie kennt keine Aufgabe, „hat keinen Zweck“, sie findet Erfüllung in sich selbst), während gesunde Arbeit stets zielgerichtet ist („Leistung“), d.h. letztendlich immer auf zukünftigen Konsum und Lusterfüllung gerichtet ist, also der Vorbereitung der Sexualität dient. „Zwecklose“ Arbeit, die sich in sich selbst erschöpft, kann niemals zur Befriedigung, sondern allenfalls zur Erschöpfung führen. Man denke dabei an den „Arbeitsethos“ des Sozialismus, der auf Marx‘ Arbeitswertlehre gründet.

Arbeit hat stets der Sexualität, d.h. dem Konsum, zu dienen.

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11 Antworten to “Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 6)”

  1. Manuel Says:

    „eine produktive Wirtschaft setzt die Sexualität frei und eine freie Sexualität gebiert den Kapitalismus. (Aus diesem Grunde leben islamische Länder im Elend.)“
    Die Moslems und insbesondere die Araber sind Kapitalisten vor dem Herrn! Zitat eines befreundeteten Deutschstämmigen aus Tadschikistan: „Die verkaufen dir auch noch die Läuse auf ihren Köpfen!“
    JEDER ist dort ein Händler (so wie Mohammed ein Händler war und damit ein Vorbild für die Gläubigen). Aber niemand will ARBEITEN (dh. sich körperlich betätigen und ein reales Produkt schaffen)! Zum Zeichen dass sie nicht körperlich arbeiten müssen lassen sich viele den kleinen Fingernagel länger wachsen – das ist Sozialprestige! Jeder, der genug Kapital hat, ist am Finanzmarkt „tätig“ und produziert fleißg Seifenblasen – siehe Dubai. Die realen Werte werden fast ausschließlich im Ausland oder im Land von Ausländern oder einheimischen Christen geschaffen ! Alles in allem: der Traum aller studierten Wirtschaftsfachleute, das Modell für Deutschland: die absolut tertiäre Dienstleistungsgesellschaft. Marx hatte Recht: die Gesellschaft (Wirtschaft) steht auf dem Kopf und muss wieder auf die Füße gestellt werden. (Im Sozialismus steht die Gesellschaft allerdings auf den Fingerspitzen und kriegt somit gar nichts mehr auf die Reihe…)

  2. Manuel Says:

    Es wird also zuerst eine „Corporate Identity“ geschaffen, man entwickelt „unternehmerische Visionen“? Es entwickelt sich also nichts aus dem Arbeitsprozess heraus, aus Wissen und Erfahrung in der Produktion? Stattdessen eine reine „okulare Kopfgeburt“? Das ist orgomische Wirtschaftslehre, das ist Arbeitsdemokratie? Das Pferd wird von hinten aufgezäumt und der Hund bellt mit dem Schwanz?
    „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ (Helmut Schmidt)

    • Peter Nasselstein Says:

      Man nehme eine Firma für Computer-Technik und -Service. Aus seiner Arbeitserfahrung heraus, insbesondere dem direkten Kundenkontakt, hat ein Mitarbeiter eine Idee (eine „Vision“), wie er mit einer eigenen Firma die Bedürfnisse eines Segments seiner Kunden besser befriedigen kann. Damit das ganze wirklich etwas wird, muß er sich sichtbar von der Konkurrenz abheben mit eigener Firmenphilosophie, eigenem Logo, etc. Das lernt man in jedem Seminar für Marketing, Qualitätsmanagement, etc. – von „Praktikern aus dem Arbeitsprozeß“.

      Übrigens nach Marx unterscheidet die „Vision“ die menschliche Arbeit von der „Arbeit“ von, sagen wir mal, Bienen.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Was mich an diesen kapitalistischen „Reichianern“ irritiert, ist ihre Aufgabe jeglicher Gesellschaftskritik und Kritik repressiver Strukturen. Nur noch die reibungslose Produktion ist wichtig, Störungen im Arbeitsprozess sind „Neurose“ und „anale Trotzphasen“.
    Wo bleibt Reichs großer Gedanke, der notwendigen Arbeit gesellschaftliche Verantwortung zu geben? Alles dies fällt unter dem Tisch, die Bedürfnisbefriedigung der Massen wird ersetzt durch einen Konsum von Luxus, der gleichbedeutend dem Orgasmus sein soll.
    Doch das Leben in der Falle kann nicht mit ein paar Sozialtechnikern der Freiheit angeglichen werden.

  4. Robert (Berlin) Says:

    Der Parfüm-Hersteller stellt sicherlich kein Produkt her, welches lebensnotwendig ist. Seife ist da schon etwas anderes. Ohne Seife können Krankheiten gut übertragen werden und die Reinigung der Haut ist wesentlich schwerer.
    „Jede Art totalitär-autoritärer Herrschaft gründet sich auf den anerzogenen Irrationalismus in den Menschenmassen.“ So auch in den Betrieben, wo Betriebscouches die irrationale Führung unterstützen, ihre Belegschaft noch besser auszubeuten und zu manipulieren.
    Reich spricht von Selbstverwaltung in den Betrieben (Mps, S. 260), was bei den kapitalistischen Sozialklempnern nie vorkommt.
    Meiner Meinung nach sind wir von selbstverwalteten Zuständen und arbeitsdemokratischen Verhältnissen weit entfernt. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Werktätigen sich innerlich vom Job verabschiedet haben, weil ihre Arbeitsbedingungen und ihre Leitung abstoßend und unzumutbar sind.
    Eine Führungskraft erklärte mir, dass Verbesserungsvorschläge zum Nachteil der Karriere führen und sowieso nicht ausgeführt werden. Der Vorgesetzte bestimmt alles, wie man es heutzutage in den Managerdiktatur erlebt.
    Das Ziel der Orgonomie muss sein, den Produktionsprozess in die Verantwortung der Produzierenden zu legen, denen aus ihrer Passivität und Verantwortungslosigkeit heraus geholfen werden muss. Sicherlich geschieht es nicht in der nächsten Generation. Aber das Ziel sollte nicht aus den Augen verloren werden. Die Aufgabe dieser Ziele ist genauso negativ wie die Aufgabe der orgastischen Potenz als Therapieziel bei den Neoreichianern. So wird die Orgonomie immer mehr ihrer Substanz beraubt und zum Schluss wird sie zu nichts anderem als irgendeine Anpassungsideologie der Esoterik oder des Psychomarktes.

  5. Das Ende von Marktwirtschaft und Demokratie « Nachrichtenbrief Says:

    […] sich ausbreiten) getreulich die Panzerungsstruktur des Firmengründers widerspiegelt (vgl. Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 5)). So etwas kann auf ganze Kulturkreise zutreffen. Man denke nur an die moslemische Kultur, die fast […]

  6. Die vertikale und die horizontale Arbeitsdemokratie « Nachrichtenbrief Says:

    […] habe mich mit den Problemen der vertikalen und der horizontalen Arbeitsdemokratie bereits in einem anderen Zusammenhang […]

  7. David Says:

    Arbeit hat stets der Sexualität, d.h. dem Konsum, zu dienen.

    Da erscheint theoretisch die so genannte angebotsorientierte Politik ganz, ganz schlecht.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Angebotspolitik

    Man kürzt die Nachfrageseite, also die Löhne der Beschäftigten, um zu erreichen, dass für die Anbieter der Dienstleistungen und Waren die Kosten geringer werden.

    Genauso müssten in den südlichen EU-Ländern inklusive Frankreich die Löhne kräftig verringert werden, um die Lohnstückkosten zu senken.

    Flassbeck behauptet betreffend die Eurokrise, dass die Arbeitsmärkte eben nicht wie Kartoffelmärkte funktionieren würden. Löhne runter, d.h. Nachfrage nach Arbeit hoch, d.h. Angebot an Arbeitsstellen hoch.

    Das würde eben nicht stimmen. In Portugal, Spanien, Griechenland würde die Arbeitslosigkeit nicht zurück gehen, sondern ansteigen.



    Er sagt ferner, dass Italien und Frankreich das böse Spiel bis jetzt nicht mitspielen würden, aber möglicherweise in Zukunft doch.

    Er sagt auch, dass in diesem Fall – seiner Einschätzung nach – wohl 2017 bei der Präsidentenwahl in Frankreich Marine LePen Präsidentin werden würde; Folge: des Ausstieg Frankreichs aus der Eurozone.

    Exit!

  8. Hans Hass‘ Beiträge zu Wilhelm Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“ | Nachrichtenbrief Says:

    […] werden müssen, genauso wie der Orgonom die prägenitalen Fixierungen beseitigt. (Siehe dazu Der Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus [Teil 6].) So können wir auch Reichs Marxistische Periode besser beurteilen und von neuem […]

  9. Merkel und die Panzerung der Gesellschaft | Nachrichtenbrief Says:

    […] Ganz unten finden wir schließlich den eigentlichen Sinn und Zweck des ganzen Unterfangens „Gesellschaft“: die Produktion, der Arbeiter und sein unmittelbares Arbeitsprodukt. Gegenwärtig zerstört Merkel, die Generalirre an der Spitze des Staates, das, was Generationen von Arbeitern für sich und ihre Kinder erarbeitet haben. Was die „Entladung der Arbeitsenergie“ betrifft verweise ich auf meinen Blogeintrag Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 6). […]

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