Orgonomie und Metaphysik (Teil 59)

Die Pupille und das gesamte Nerven- und Hormonsystem, das mit dem Lichteinfall zusammenhängt (man denke nur an die Lichttherapie bei Winterdepressionen), ist auf ständig wechselnde Lichtintensitäten durch Wolkenzug, Bewegung durch die Natur, etc. eingerichtet, während das heutige monotone künstliche Licht das Auge und damit das gesamte vegetative System sozusagen „hypnotisiert“. Folge ist eine Einschränkung der Pulsation – DOR. Es ist erschreckend, wenn man an die Kindergärten und Schulen denkt.

Man könnte einwenden, daß dies doch durch das Flimmern der Bildschirme und der Neonlampen (100x an und aus in der Sekunde) wettgemacht wird, ganz zu schweigen von der action auf den bunten Bildschirmen, doch entspricht das dem ORANUR, d.h. einer toxischen Übererregung der Lebensenergie, die sich sehr schnell erschöpft und in DOR übergeht.

Die Zweite Industrielle Revolution, die erst nach Reichs Tod so richtig angelaufen ist und inmitten der wir noch stecken, ist in erster Linie durch den Computer geprägt. Wie das den Menschen im orgonomischen Sinne biophysikalisch verändert hat, haben Leute wie Neil Postman aufgezeigt. Und jeder kann es direkt an den Kindern sehen, die den ganzen Tag vor irgendwelchen Bildschirmen hocken. Und schon zeichnet sich am Horizont in der Integration von Gentechnik, Neurochirurgie und Computertechnik die nächste Stufe der Entmenschung ab: die „Neurobionik“ mit Computern auf biologischen Trägern und menschlichem Bewußtsein auf Silikatbasis, „Künstliche Intelligenz“ („KI“). Bereits heute wird die virtuelle Welt in den Computern von „Künstlichem Leben“ („KL“) bevölkert, anhand dessen man z.B. die Evolution untersucht. Schon jetzt kann man vor einem ernsthaften Problem stehen, wenn man ein solches „künstliches Lebewesen“ von einem menschlichen Gegenüber am anderen Ende der Leitung unterscheiden soll. Man denke nur an Fernschachspieler.

Allein schon beim alltäglichen Umgang mit dem Fernseher gleiten wir unmerklich in eine von der Wirklichkeit ununterscheidbare Parallelrealität. Es gibt Millionen, die in der „Lindenstraße“ leben. Die „Lindenstraße“ und ähnliche Soap Operas bestimmen unser Leben vielleicht schon mehr, als alle wirklichen Straßen.

Die wenigsten wissen, daß der originale Ku-Klux-Klan eine verhältnismäßig unbedeutende Angelegenheit war, eine Fußnote der Nachwehen des amerikanischen Bürgerkrieges, sich nach Greueltaten schnell selbst auflöste und mit der Wiederherstellung der Vorherrschaft der Demokraten im Süden ganz verschwand. Heute würden nur Fachhistoriker mit dem Begriff „Ku-Klux-Klan“ etwas anfangen können, wäre nicht Hollywood auf den Plan getreten. In dem Spielfilm Birth of a Nation von 1915 werden die Klansmitglieder als heroische Freiheitskämpfer dargestellt. Wie aus dem Nichts bildeten sich in der Folgezeit landesweit KKK-Gruppen mit einer vollkommen künstlichen Identität, künstlichen Traditionen und künstlichen Ritualen. Eine Massenpsychose, die an den nicht weniger künstlichen Nationalsozialismus gemahnt und sich im übrigen fast parallel zu ihm entwickelt hat.

Oder man nehme Kubricks Film Clockwork Orange, der Arthur Bremer 1972 zu seinem Attentat auf den unabhängigen US-Präsidentschaftskandidaten George Wallace inspirierte. Dieser Fall war wiederum die Inspiration für Scorseses Film Taxi Driver (1976), – der wiederum John Hinckley 1981 zu seinem Attentat auf Ronald Reagan animierte. Es haben nur ein oder zwei Zentimeter gefehlt – und wir würden heute auf einem anderen Planeten leben. Im übrigen hat Clockwork Orange auf die durch und durch unauthentische „Jugendkultur“ ganz ähnlich gewirkt, wie zuvor Birth of a Nation auf frustrierte Kleinbürger in den USA.

Fernsehen ist nicht nur das Betrachten von Bildern. Es verändert uns biophysisch, so wie uns z.B. Meditation verändern würde. Dies kommt durch den „Tunnelblick“ zustande: genau umgekehrt wie im richtigen Leben befindet sich das Bewegte im Zentrum unseres Gesichtsfeldes, während der äußere Bereich ruhig bleibt. Dies macht, entsprechend den indischen und tibetischen Meditationsbildern, den Mandalas, aus dem Fernseher ein visuelles Hilfsmittel, das einen veränderten, meditativen Bewußtseinszustand hervorruft, durch den wir willenlos in eine andere Welt hinübergleiten.

Vielleicht sollte man Filme ähnlich einschätzen wie „bewußtseinserweiternde“ Drogen!

Primitive, die man das erste Mal ins Kino bringt, denken, sie hätten einen Traum und bekommen es mit der Angst, ihr Geist könnte sich in dieser übernatürlichen Vision verlieren. Nietzsche nahm an, daß die Vorstellung von einem Leben nach dem Tode aus dem „Leben nach dem Einschlafen“, den Träumen, erwachsen ist (Menschliches, Allzumenschliches, A 5). Wir mögen mehr wissen als die Primitiven, wir bleiben trotzdem dieselben Menschentiere, die offenen Mundes vor einer überweltlichen Vision stehen: die Religion wird buchstäblich elektronisch. Nach der Emanzipation von den alten überweltlichen Mächten, die nur unsere eigenen Projektionen waren, stehen wir nun wieder vor dem gleichen Problem und da der Bildschirm handgreifliche Realität ist, wird dieses Mal materialistische Aufklärung nichts bewirken können. Das, was wir aus der Religion kannten, kommt uns nun aus der technischen Welt entgegen: unsere eigenen, von uns geschaffenen geistigen und materiellen Werkzeuge schwingen sich als Ikonen zum Herren über uns auf. Die Medien bestimmen die Wirklichkeit, wie es vorher nur die Religion tat.

In der Fernsehgesellschaft sind wir exakt wie in der Religion zu bloßen Zuschauern regrediert. Dabei ist das „Jenseits“ Produkt des proportionalen Verhältnisses zwischen Information und Aktionsmöglichkeit: im „Diesseits“ bedeutet dies Ohnmacht und Ergebung! Aufklärung, z.B. über das Kriegsgeschehen im ehemaligen Jugoslawien, im Kongo, im Irak, in Afghanistan und in Libyen, macht so die Menschen nur noch passiver und schicksalsergebener. Im MTV wurde ein Cartoon gezeigt, das alles zusammenfaßt, was ich hier sagen will: man sieht einen Fernseher, der zum Zuschauer sagt: Justify your existence! Diese Rückwirkung des abhängigen Überbaus auf die materielle Basis ist eine auf den Kopf gestellte Welt. Es läuft alles darauf hinaus, daß die funktionelle Rangordnung nicht durcheinandergebracht werden darf: Herr muß Herr bleiben und das Werkzeug (der Fernseher) muß Sklave bleiben, der seine Existenz vor der Herrschaft zu rechtfertigen hat. Dieser unerbittliche Wille zur Macht ist das einzige, was die Menschheit noch retten kann. Und ausgerechnet ihn bekämpfen die progressiven, die guten, die toleranten, die gläubigen Menschen…

Nicht nur das „Über Ich“, selbst das triebhafte „Es“, unsere Sexualität, wird vom Computer aufgesogen und durch neues ersetzt werden. In wenigen Jahren wird es eine ganz neue Art von Filmen geben, in denen sich der Zuschauer in einer von der Wirklichkeit ununterscheidbaren dreidimensionalen Realität wiederfindet, solange er selber passiv bleibt – und selbst diese Hürde wird sich schließlich überspringen lassen. Wie vorher bei den Videos wird auch hier wieder die Pornographie der Vorreiter sein, um die neue Technologie an den Mann zu bringen. Schon vor Jahren schwärmte der inzwischen verstorbene Timothy Leary vom „elektronischen Kopulieren“ als nächste evolutionäre Stufe des Menschen. In den USA gab es in den 90ern die Illustrierte Future Sex, die sich mit „Cybersex“ beschäftigt und von den Anzeigen aus diesem Bereich leben konnte. Sie handelte von der Verknüpfung von Sex und neuen Technologien (interaktive Porno-PC-Spiele mit dem „Joystick“, „Telefonsex“ via Modem, sowie „richtiger“ Sex im Cyberspace mit sensorischen Anzügen). Man prognostiziert bereits Ehen im Cyberspace, wo sich die Partner nie in Fleisch und Blut begegnen, sondern nur „im Computer“ koitieren. Verbunden mit den neuen Reproduktionstechnologien könnten sie sogar Kinder zeugen, die sie dann, nachdem sie in computergesteuerten künstlichen Uteri ausgebrütet wurden, via Cyberspace betreuen. Irgendwann wird dann der Mensch aus Fleisch und Blut zu einem vollends überflüssigen, nur noch störenden „Computervirus“ werden.

Und dann natürlich das leidige Thema der Ego-Shooter: Solange wir keine entsprechenden organischen Gehirnschäden haben, ist es uns so gut wie unmöglich Menschen umzubringen. Was normalerweise mehr als zu begrüßen ist, kann im Krieg für die gleiche Gesellschaft, die dieser Tötungshemmung ihre Existenz verdankt, absolut fatale Folgen haben. Soldaten, die nicht richtig trainiert sind, gefährden sich selbst und andere. Ihnen muß das Menschsein abkonditioniert werden. Auf Zielscheiben schießen, bringt gar nichts. Auf Plastikmänneken schießen, schon mehr. Doch die US-Armee hat den ultimativen Weg gefunden, um ihre Soldaten in Tötungsmaschinen zu verwandeln: Ego-Shooter.

Dank der Unterhaltungsindustrie werden unsere Straßen zunehmend von derartigen Zombies bevölkert. Das bedeutet natürlich nicht, daß überall potentielle Massenmörder rumlaufen, die nur darauf warten wild um sich zu schießen. Nein, wir sind massenhaft von Menschen umgeben, denen jede Empathie systematisch abtrainiert wurde. Man schaue sich die Zeichentrickfilme auf Comedy Central, MTV, etc. an, etwa Drawn Together oder Little Tree Friends:

Das schauen sich deine Kinder Tag für Tag an!

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11 Antworten to “Orgonomie und Metaphysik (Teil 59)”

  1. David Says:

    Der Ku-Klux-Klan kommt auch bei Karl May vor. Old Shatterhand hat, wenn ich mich recht erinnere, die Ku-Klux-Gangster fertiggemacht oder sie der Staatsgewalt übergeben …

  2. Robert (Berlin) Says:

    Manfred Spitzer hat auf die verheerenden Folgen des Fernsehens für Kinder hingewiesen. Daraus folgt, dass das Fernsehen für Vorschulkinder verboten werden müsste! Es müsste eine Straftat werden, wenn nicht die übliche Gleichgültigkeit alle Versuche in diese Richtung als lächerlich darstellen würde.

  3. Heiko Lassek Says:

    Lieber Herr Nasselstein,
    ich empfehle hiermit sehr das Werk Tomas Metzingers
    „Der Egotunnel“, das als seine erste
    allgemeinsprachliche Veröffentlichung – trotzdem auf hohem Niveau verfasst – die unweigerlich kommenden
    Veränderungen in unserem Menschenbild, basierend
    auf aussergewöhnlichen Ergebnissen der
    Neurophysiologie u. Bewusstseinsphilosophie
    nach- und vorzeichnet… Schade, das Sie oder Robert oder David nicht bei
    unserer Vortragsreihe „Was ist Leben“ erscheinen…
    (website WRG), man hätte sich ja einmal
    in entspannter Atmosphäre kennen lernen können.
    Mit Gruß aus Berlin.

  4. O. Says:

    Ein Treffen im RL (RealLife)? Das ist schon fast ein antiquiriertes Vergnügen, wo man doch in der CyberWelt WR-Vorträge im orgonroom erlauschen kann und bei technischem Fortschreiten sicher auch bald betrachten wird.
    Zur ersten interaktiven 3D Konferenz dürfte wohl bald geladen werden, wenn man sich an dieses kontaktvolle Medium gewöhnt haben wird.

    Auch Reich wird dann im Cyberspace verschwinden und verschluckt werden, um dort wieder virtuell aufzuerstehen. Es wird Körpertherapieprogramme geben, die dann für den Cyberspaceanzug zum downloaden angeboten werden: z. B. OT 2.0 – Segment 1 (45 Min.)

  5. Hollywood, die Quelle der Emotionellen Pest « Nachrichtenbrief Says:

    […] Die Massenpsychologie der Zukunft habe ich mich bereits mit der verhängnisvollen Rolle von Hollywood auseinandergesetzt. Mir reicht […]

  6. Peter Nasselstein Says:

    Das Attentat auf Kennedy hatte fast einen identischen Hintergrund wie das auf Reagan: Lee Harvey Oswald wurde zu seiner Tat, die er trotz aller dümmlichen Verschwörungstheorien mit hundetrprozentiger Sicherheit begangen hat, durch den Film SUDDENLY (1954) mit Frank Sinatra inspiriert:

    Vor allem aber durch WE WERE STRANGERS (1949) von John Houston. Oswald hatte dieses lateinamerikanische Revolutionsepos einen Monat vor seinem Mordanschlag im Fernsehen gesehen.

  7. David Says:

    Fernsehen ist nicht nur das Betrachten von Bildern. Es verändert uns biophysisch, so wie uns z.B. Meditation verändern würde. Dies kommt durch den „Tunnelblick“ zustande: … ein visuelles Hilfsmittel, das einen veränderten, meditativen Bewußtseinszustand hervorruft, durch den wir willenlos in eine andere Welt hinübergleiten.

    Vermutlich ist Fernsehen – im Sinne von Dauerfernsehen – in seinen Auswirkungen negativer als Meditation, weil ja der Fernseher ständig etwas in einen hineinstopft. Eine Öffnung der Innenwelt kann da noch weit weniger stattfinden.

    Vielleicht sollte man Filme ähnlich einschätzen wie „bewußtseinserweiternde“ Drogen!

    Hier kommt hinzu, dass das Suchtpotential recht hoch ist. Viele Menschen fühlen sich nicht recht wohl, wenn das Ding nicht läuft.

    OffTopic:

    Versprechungen von Politiker-/innen wie Frauke Petry oder seinerzeit Margaret Thatcher, das Volk könne wieder selbst Dinge bewirken, sind da recht attraktiv.

    Ob sie auch bewirken können, und ob sie das überhaupt auch wollen, was sie dem Volk versprechen, steht auf einem anderen Blatt:

    http://www.tagesspiegel.de/politik/afd-parteitag-in-stuttgart-richtung-rechtsaussen/13525918.html

  8. Ariadne Says:

    Etwas „Theoretisches“:
    Es gab immer wieder mal Zeiten, in denen man das Lesen von Büchern verteufelt hat. Ist die Aufregung über Seifenopern und die neuen Medien der Massenpsychologie also bloße Schwarzmalerei? Nein! Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir schon etwas ältere Warnung vor dem Fernsehen, z.B. in den Werken des Psychologen William James (1842-1910), der zwischen „selbstgewollter“ (voluntary) und „unwillkürlicher“ (involuntary) Aufmerksamkeit (attention) unterscheidet. Der Unterschied ist leicht zu verstehen:

    Bei „selbstgewollter/willentlicher Aufmerksamkeit“ ist das Objekt der Aufmerksamkeit selbst inaktiv und die Bewegung entsteht im Subjekt. Die Buchstaben auf einer Buchseite bewegen sich nicht, denn ich bin diejenige, die das Buch in meinem Kopf gleichsam zum Sprechen bringt. Buchstabe an Buchstabe will aneinandergereiht werden, ebenso wie Wort an Wort, Satz an Satz – das ganze ergibt dann in meiner Phantasie einen Sinn oder einen Unsinn. Auf jedem Fall bin ich aber diejenige, die hier die Bilder zum Tanzen bringt! Wenn ich einfach nur nachdenke, passiert etwas ganz Ähnliches. (Der einzige Witz der Menschheit besteht darin, dass aktives Denken genauso gelernt und kultiviert sein will wie aktives Lesen.)

    Bei „unwillkürlicher/nicht-selbstgewollter“ Aufmerksamkeit sind die Relationen vertauscht. Die Bewegung liegt im Objekt bzw. im Medium und das Subjekt wird zum Unbewegten. Das ist wörtlich zu nehmen. Der oben in einem anderen Kommentar bereits erwähnte Manfred Spitzer hat gemessen, dass Fernsehglotzer eine extrem reduzierte Muskelaktivität aufweisen. Wer in die Röhre guckt, erstarrt! Und zwar körperlich und geistig: Der Bildschirm übernimmt für uns die Aufgabe der Komposition.

    Kurzum:
    Der Lesende ist das sich bewegende Subjekt, das gelesene Buch das passive Objekt.
    Der Fernsehglotzende ist das inaktive Subjekt und das Fernsehprogramm ist das aktive Objekt.
    Das mag dem ein oder anderen an dieser Stelle vielleicht trivial erscheinen, weist aber auf einen wichtigen Punkt hin:
    Fernsehen ist so attraktiv, weil es nicht anstrengend ist.
    Bücher stehen meist nur im Schrank herum, weil man sich selbst einbringen muss, um sie zu lesen.
    Sind die Menschen also einfach nur faul (einige Aufklärer im 18. Jahrhundert)? Oder liegt es an einer falschen Art der Masturbation, in der die Hand die Genitalen vergewaltigt und keine aktive Beckenbewegung zustande kommt (F. S. Pearls)? Vielleicht aber lässt sich das ganze weder philosophisch noch psychologisch erklären, sondern hängt einfach damit zusammen, dass unser Gehirn von Natur aus auf das Sparen von Energie ausgelegt ist? Wenn dem aber so ist, warum machen wir uns dann oft grundlos so viele Sorgen?

    Anstatt das Problem zu klären, will ich es komplizierter machen. Was ist denn mit sog. Doku-Soaps? Viele Zuschauer denken doch tatsächlich, dass sie tatsächlich echte Einblicke in den Alltag real existierender Personen erhalten, wenn sie eine Doku-Soap sehen. Was hat das für Konsequenzen für das reale Zwischenmenschliche?

    Ein persönlicher“Bericht“:
    Mir gehen die 20-35 Jährigen, die ich „nebenbei“ im Alltag erleben darf/muss, manchmal so tierisch auf die Nerven, dass ich gerne Kotzen möchte. 45 Minuten sitze ich in der Regionalbahn und hinter mir sitzt ein Egomane mit einer mit ihm nicht befreundeten, aber ihm irgendwie bekannten Frau. Sie hat etwa 10% Redeanteil im Gespräch und er 90%. Das „Gespräch“, wenn man es überhaupt so nennen will, findet ohne Pause statt. Worum geht es? Es geht darum, welche Sprachen er angeblich lernt, was er von Türken hält, wie reich er wäre, wenn Youtube schon damals, als er noch ein Youtube-Star war, so viel Geld an seine „Uploader“ gezahlt hätte und wie viel seine Jacke gekostet hat:
    „Rate mal, wie viel meine Jacke gekostet hat!“
    Sie: „Keine Ahnung.“
    Er: „800 Euro!“
    Sie: „Soo viel?!“
    Er erklärt ihr, wo er sie gekauft hat.
    Früher war es noch peinlich, wenn man vergessen hatte, das Preisschild von seiner Kleidung zu entfernen.
    Wie kann man über 45 Minuten lang ein „Gespräch“ mit einem Menschen führen, ohne auch nur ein einziges Mal die Person der Gesprächspartnerin miteinzubeziehen?

    Die bittere Wahrheit:
    Wer diese ganzen Seifenoper-Quatsch wirklich schluckt und sich daraus eine Realität bildet, gehört eben zu den Verlierern der Menschheit, zu den Schwachen, die aussortiert werden. Wie viele Jugendliche (und de facto halten sich ja mittlerweile auch Menschen U35 immer noch für „jugendlich“, früher nannte man so ein Verhalten dann „zurückgeblieben“) kleiden sich, kommunizieren und denken in denselben Mustern wie ihre Röhren-Vorbilder? Diese Mistfiguren sind die Trendsetter des Abschaums unserer Gesellschaft.

    Die gute Wahrheit:
    Die nicht völlig erstarrten Kinder werden zwangsläufig auch mit solchen Sendungen konfrontiert, machen sich aber – nicht selten gerne im Verband – lustig über das Fernsehen: „Wie schlecht gemacht ist das denn!“ Das ist nämlich das, was uns heute fehlt: Das Lachen über diejenigen, die es verdient haben, ausgelacht zu werden! Kein böswilliges Lachen, sondern eines, das alle einlädt, die seine Gültigkeit erkennen. Dann wird gelacht über die Glotze, die Politiker und, ja, ganz bestimmt auch die Lehrer! Aber Letztere werden das gleich durch Nachsitzen, Hausaufgaben oder schlechte Noten sanktionieren. Daher bleibt nur das Lästern übrig – und genau das ist ironischerweise genau das, wovor die meisten Seifenoper-KonsumentInnen am meisten Angst haben.

    Und jetzt sehe ich mir gemütlich am PC eine Folge „My little Pony – Friendship is Magic“ an – im englischen Originalton, damit ich mich beim Zuschauen ein bisschen mehr anstrengen muss.

    • claus Says:

      „Wer diese ganzen Seifenoper-Quatsch wirklich schluckt und sich daraus eine Realität bildet, gehört eben zu den Verlierern der Menschheit, zu den Schwachen, die aussortiert werden.“
      Und was, wenn gerade die anderen aussortiert werden?

      • Ariadne Says:

        Guter Punkt! In diesem Fall würden die Kontrollierbarsten übrig bleiben. Ich vermute allerdings das Gegenteil, da Seifenopern und „Doku-Soaps“ mitunter das mieseste Bild von der Familie zeichnen, das sich in der Medienlandschaft finden lässt. Allein mit seinen Eltern freundschaftlichen Kontakt zu haben, wird als „unnormal“, „zurückgeblieben“ oder „einfach nur peinlich“ dargestellt. Und wer von den Seifenopern-Helden hat denn Kinder? Dort wird die Schwangerschaft doch als „Unfall“ dargestellt, der einem – ebenfalls peinlicherweise – „passiert ist“, und der angeblich jeder Form der „Selbstverwirklichung“, d.h. konkret Beziehungsstress (Herumhuren), Party (harter Drogenkonsum) und Socializing (Selbstdarstellung), entgegensteht.

        Klar, ich habe mit der Aussortierung der Schwachen übertrieben, aber ich fand den Gedankengang so ganz erheiternd.

  9. claus Says:

    Diesen Eintrag hatte ich längst vergessen. Es klingt immer nach undifferenzierter Technikangst, wenn man ein Unbehagen über Fernsehen usw. ausdrückt. Aber man sehe es auch in Zusammenhang mit Cannabis und Computerspielen: Wenn ich Leute kennen lerne, die ‚offen‘ erscheinen, wird es meistens schnell seltsam. Lauter Halbwissen aus YouTube-Videos, schnelle Schlüsse, viel Pop und Kunscht …
    Ich kenne nun inzwischen ein paar Leute, die interessiert sind an einem ‚rechten‘ Zirkel, was ja erst mal nach einem kleinen Fortschritt klingt; man könnte einen Austausch jenseits des linksliberalen Gelumpes herstellen. Allerdings muss nun dafür gesorgt werden, dass ein Wahrheitsanspruch nicht zu einer ‚Szene‘ verkommt. Es gibt ja längst auch eine ‚Szene‘ der ef-Leser, pi-Leser, die merkwürdig schnell von Linken zu … geworden sind.

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