Orgonometrie (Teil 3) – 24. Un-Umkehrbarkeit

3. November 1957

Peter Nasselstein: Orgonometrie (Teil 3) – 24, Un-Umkehrbarkeit (S. 82)

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Bernd A. Laska & Hermann Schmitz

Reich und Nietzsche

4. Mai 2026

Eine Nachbildung von Nietzsches Totenmaske hing an prominenter Stelle in Reichs Arbeitszimmer in Wien.

Also sprach Zarathustra war eines von Reichs „10 Büchern“. Nietzsche stand er in mancher Beziehung näher als Freud, z.B. sagte er in Reich über Freud ein Strindberg, Ibsen oder Nietzsche hätten keine Angst vor jenen intensiven Gefühlen des Lebens, wo „Freud anscheinend in seinem eigenen Bedürfnis zu ’sublimieren‘ befangen war.“

Für Reich stand Nietzsche mit Marx gegen den Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts, als die Schuldidee und die absolute Moralität in den Vordergrund geschoben wurden. Nietzsches Kritik an der Moral öffnete den Weg „in den Bereich des unbewußten Seelenlebens, das von Freud erfaßt und erforscht wurde“ (Äther, Gott und Teufel).

Den Begriff „Es“ hatte Freud bei Georg Groddeck und dieser bei Nietzsche entliehen.

Reich schreibt in Der triebhafte Charakter:

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will.“ Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert.

Reichs erster größerer Aufsatz über „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens Peer Gynt“ (Frühe Schriften) fängt mit einem Nietzsche-Zitat an, welches wohl auf die Leiden des Menschen an seinen inzestuösen Bindungen anspielen soll:

Ich lehre Euch den Übermenschen. Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau. Und ebenso soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau.

Das Genie ist seinen orgonotischen Strömungen gewahrer als Homo normalis, er empfindet die gepanzerte Agonie stärker. Nietzsche war ein solch zutiefst kranker Mensch – der gleichzeitig gesünder war. Reich schreibt:

Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu flüchten, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu reden: Wer das „Himmel-hoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereithalten.“ (Die Funktion des Orgasmus)

Als zu viel zu ertragen war, brach der „Wissende“ schließlich doch an seiner Gesund-/Krankheit psychotisch (siehe Charakteranalyse, KiWi, S. 583).

Der homo normalis, der seinen ersten Sinn verloren hat, macht das Leben für derartige Individuen zu schwer und unerträglich.

Nietzsche wurde gebrochen, indem man ihn isolierte, ihn in die Einsamkeit abdrängte. (Reich über Freud)

In seiner Autobiographie (Die Funktion des Orgasmus) kommt Reich auf seine Beschäftigung mit der Ibsenfigur zurück und beschreibt sie als einen Menschen, der „aus der marschierenden Reihe dieser Menschen herausspringt. Man verlacht ihn, wenn er harmlos ist, man versucht ihn zu vernichten, wenn er kräftig ist.“ Was sie aber nicht davon abhielt den Peer Gynt zu einem Teil ihres „Kultur“gutes zu machen.

Reich hat die Popularisierer seines Werkes schon in Nietzscheanischer Gewandung durchschaut:

Es gibt geistreichelnde junge Leute, die man in ernsten Kreisen in Europa als „Kulturschmöcke“ zu bezeichnen pflegte. Sie waren klug, aber ihre Intelligenz diente einer Art Kunstbetätigung um ihrer selbst willen, ohne die todernsten Probleme eines Goethe oder Nietzsche je praktisch begriffen oder erlebt zu haben, lieben sie es, einander Klassik vorzuzitieren. Gleichzeitig ist ihr Wesen von Visionen geprägt. Sie betrachten sich als moderne, freisinnige von keiner Konvention belastete Lebewesen. Da sie ernsten Erlebnissen unfähig sind, ist ihnen die Geschlechtsliebe eine Art Kinderspiel. (Charakteranalyse)

Reich und Nietzsche ist es nicht gelungen, die Schweine und Schwärmer aus ihren sauberen Gärten zu halten. Doch trägt Nietzsche ohne Zweifel selber beträchtliche Schuld an dem, was später kam. Reich schreibt:

Es hat wenig Sinn (…) sich einen Übermenschen zu erträumen, der sich von den Menschen in der Falle total unterscheidet, wie es Nietzsche getan hat, bis er, selbst in der Falle eines Irrenhauses gefangen, endlich die volle Wahrheit über sich selber schrieb – zu spät… (Christusmord)

So geht es den meisten, die nicht stillehalten, und die anderen wollen sich gar nicht erst blamieren. Sie sind von vornherein klug und überlegen gewesen. (Die Funktion des Orgasmus)

Dem deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)

Robert hat diesen Aphorismus dahin interpretiert, daß „die Schwächen des anderen auch meine Schwächen (sind) und lehne ich dessen Schwächen ab, so lehne ich auch mich ab – verrate mich also selbst“. Ich hab das anders verstanden: Wer bei den Großen, etwa Freud oder Reich, wie heute in Biographien üblich, das sucht, was die Großen klein („niedrig“) und unbedeutend („Vordergrund“) macht, zeigt nur, „verrät“ nur, daß er selbst klein und unbedeutend ist. Die „Entlarver“ entlarven sich selbst!

Ein Jahr vor der Geburt des fanatischen Wagnerianers Hitler hat Nietzsche in seiner Beschreibung des Wagnerianertums praktisch schon alles über den Nationalsozialismus gesagt:

Dazu gehört bloss Tugend – will sagen Dressur, Automatismus, „Selbstverleugnung“. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die Bühne Wagner’s hat nur Eins nöthig – Germanen!.. Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine… Es ist voll tiefer Bedeutung, dass die Heraufkunft Wagner’s zeitlich mit der Heraufkunft des „Reichs“ zusammenfällt: beide Thatsachen beweisen Ein und Dasselbe – Gehorsam und lange Beine. – Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerischen Kapellmeister in Sonderheit sind eines Zeitalters würdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht das klassische Zeitalter des Kriegs nennen wird. (Der Fall Wagner, A 11)

Trotzdem wurde immer wieder versucht, Nietzsches „Übermenschen“ mit für den rassistischen Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Nun, Hitler hat in Mein Kampf Nietzsches Namen, wie den jeder anderen deutschen Geistesgröße auch, nur als Mythus ausgenutzt und später in den Tischgesprächen gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich hat er ihn nie gelesen, denn diesen Autor konnte Hitler nicht durchfliegen, wie es seine Art war, um ein ideologisches Destillat herauszuziehen. Der sich jeder Festlegung verweigernde Nietzsche eignet sich denkbar schlecht für die Verwurstung zur „fanatischen“ Weltanschauung:

Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (Jenseits von Gut und Böse, A. 154)

Es stimmt, daß Nietzsches Schwester (mit ihrem unseligen Machwerk Der Wille zur Macht) und der Philosoph Alfred Baeumler versuchten, Nietzsche zum reaktionären „soziobiologischen“ Philosophen zu verkürzen. Doch der Versuch ihn zum neuen offiziellen Staatsphilosophen zu machen, war alles andere als erfolgreich. Die Nazis stoppten sogar die offizielle Kritische Gesamtausgabe, denn Nietzsche verkörperte all das, was die Nationalsozialisten haßten: Freigeist, Abweichler, Verächter der Volksgemeinschaft, Staats- und insbesondere Reichsfeind, Sympathisant der Judenheit und Frankreichs, etc. Man konnte beim vermeintlichen philosophischen Urvater der nationalsozialistischen Ideologie nachlesen, daß die Deutschen eine Mischrasse mit überwiegend vorarischen Anteilen seien (Jenseits von Gut und Böse, A 244), und was ihre „rassische Verbesserung“ betraf, fand Nietzsche die Juden als „Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich“ (Studienausgabe Bd. 11, S. 457).

Neben Baeumler beriefen sich die beiden deutschtümelnden Existentialisten Karl Jaspers und Martin Heidegger auf Nietzsche. Aber beide zeigten in ihren Vorlesungen über Nietzsche auf, daß er so ungefähr das Gegenteil der Nazi-Ideologie vertrat. Georg Picht (Nietzsche, Stuttgart 1988) hält Heideggers Vorlesungen sogar für eine der mutigsten und wichtigsten Widerstandshandlungen in Hitlerdeutschland, denn Heidegger habe sich konsequent gegen jede oberflächliche Politisierung von Nietzsche, gegen jede biologistische Fehlinterpretation gewandt, das Gerede vom „wotanischen Archetypus der Macht“ verworfen und den Machtbegriff der Nazis verhöhnt.

Hatte Heidegger anfangs angenommen, „die Bewegung“ würde die Logik des von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus überwinden und sich ihr zugewandt, weil sie scheinbar eine „grüne“ antitechnokratische Politik vertrat, sozusagen das Gegenteil der Tötungsfabrik Auschwitz, erkannte er in ihr schließlich die Vollendung des Nihilismus. Heidegger führt Nietzsches Diktum an, daß jeder Versuch, dem unvollständigen Nihilismus, in dem wir leben, zu entgehen, das Gegenteil des Erstrebten hervorrufen wird, nämlich den vollständigen Nihilismus, wenn bei diesem Versuch nicht alle bisherigen Werte umgewertet werden (Holzwege, Pfullingen 1963, S. 208).

Allenfalls kann man Nietzsche mit dem italienischen Faschismus in Zusammenhang bringen, denn Mussolini war in der Tat Nietzscheaner. Betrachtet man Nietzsches Schriften aus diesem Blickwinkel, findet sich dort ohne Zweifel faschistisches Gedankengut. Gleichzeitig hat Nietzsche aber auch die Psychoanalyse (sowohl Freud als auch Adler) vorweggenommen – und manchmal muß man sich beim Lesen die Augen reiben, wenn man über eine der vielen schlechthin orgonomischen Stellen bei Nietzsche stolpert. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Am Ende seines bewußten Lebens wollte Nietzsche eine „Partei des Leben“ gründen und sie gegen die Kräfte des Nihilismus mobilisieren, die das unschuldige Leben „jenseits von Gut und Böse“ unterminieren. Diese Kräfte sind der nihilistische Mystizismus und der nihilistische Sozialismus, d.h. die Entwertung des konkreten Lebens durch eine fiktive ideale Welt. Die „Partei des Lebens“ macht „die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen“, das bedeutet Höherzüchtung der Menschheit und das Ausrotten alles „Entarteten und Parasitischen“, das sich in der „Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathenen, An-sich-selber-Leidenden“ findet.

Diese zweite Partei, die mystische und utopische Partei, wolle Rache am Leben nehmen und das Leben auslöschen, wenn die Partei des Lebens ihr nicht zuvorkommen würde (so Nietzsche in seinen letzten Notizen, Studienausgabe Bd. 13, S. 638 und im Ecce homo Bd. 6, S. 374).

Bereits 1882 hatte er sich notiert:

Wir als die Erhalter des Lebens. Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. (…) Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation. Die Freunde des Lebens. (Studienausgabe Bd. 10, S. 43)

Reich hat mit seiner „Partei des Lebens“ Nietzsches Differenzierung zwischen dem neurotischen Mystiker, der das Leben nihilistisch abtötet, und dem freien, gewissenlosen Menschen aufgenommen. Aber Reich unterschied in der letzteren Gruppe weiter zwischen den freien Menschen, die ihre sekundären Triebe leben, und den freien Menschen, die ihre primären Triebe leben (Emotionelle Pest und Genitalität, die in Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen noch eins waren), zwischen Faschismus und Arbeitsdemokratie. Ganz entsprechend hatte sich schon der Nietzscheanismus in zwei Gruppen aufgespalten: Vertreter des faschistischen Herrenmenschentums auf der einen und Verteidiger des Lebendigen auf der anderen Seite.

Die faschistischen Nietzscheaner haben nicht nur primäre und sekundäre Triebe miteinander vermengt (was ja auch Nietzsche selbst getan hatte), sondern überhaupt Nietzsche und „die Partei des Leben“ verraten, indem sie sie von neuem mit der nihilistischen, christlichen Moral vergifteten. Nietzsche wurde von all dem eingeholt, was er überwunden hatte. Dieses national-christliche Gedankengebäude faßte Nietzsches Schwester Elisabeth, die spätere Hohepriesterin des nationalsozialistischen Nietzsche-Kults, noch zu Nietzsches Lebzeiten zusammen, als sie schrieb, gemeinsam mit den Wagnerianer Bernhard Förster, ihrem späteren Ehemann, würde sie „schwelgen“ in „Mitleid, heroischer Selbstverleugnung, Christentum, Heldentum, Vegetarismus, Ariertum, südliche Kolonien“ (Peters: Zarathustras Schwester, München 1983, S. 108).

So ebnete sich der Weg für den nationalsozialistischen Mißbrauch Nietzsches. Hermann Josef Schmidt schreibt dazu:

Auch nationalsozialistische „Nietzsche“interpretation wäre ohne vorherige „christliche“ Nietzscheverkleisterungen, beginnend spätestens 1895 mit der opportunistischen „großen“ Nietzschebiographie seiner Schwester – und ohne eine Serie von Textstellen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, sich schaurig lesen (z.B. das geklitterte Buch Der Wille zur Macht, PN) – zumindest in ihrer Breitenwirkung nicht möglich gewesen. Auch hier hat deutsches Christentum – man lese nur die Reden und „Abschiedsworte“, die am 28.8.1900 an Nietzsches Grab gehalten bzw. vorgetragen wurden (…) – dem Nationalsozialismus glänzend vorgearbeitet. (Nietzsche absconditus, Berlin 1991, S. 274)

Der radikale Nietzsche darf nicht verwässert werden, wenn man nicht alles zerstören und in sein Gegenteil verkehren will, vielmehr muß man, wie Reich es getan hat, Nietzsche weiter radikalisieren. Dies ist der einzige gangbare Weg. Es gibt keinen Weg zurück.

Man betrachte nur die gegenwärtige moralistische Kampagne in Deutschland gegen den „Fremdenhaß“. Von der äußersten Linken bis zum Papst sind sich, unterstützt von den neusten soziobiologischen Erkenntnissen, alle einig, daß man das teuflische „Tier im Menschen“ mit seinem „angeborenen Rassismus“ überwinden müsse. Es ist kaum etwas gegen das wissenschaftliche Fundament dieses Konzeptes zu sagen, zumal Malinowski sogar bei den Trobriandern rassistische Ressentiments gegen angrenzende Stämme und gegen Polen (Malinowski) festgestellt hat. Müssen wir uns also auf unsere humanistische Wertewelt besinnen, diese steinzeitlichen Triebe durch unsere zivilisatorische Energie überwinden und dergestalt die archaischen Sümpfe trockenlegen? Oder haben wir mit Nietzsche die „Partei des Lebens“ zu ergreifen? Die Orgonomie, die mindestens so weitreichende humanitäre Ziele hat wie die Humanisten, will die Sümpfe nicht in eine Wüste verwandeln, aber auch nicht das Gesetz des Dschungels in die Städte tragen, sondern für einen geregelten Abfluß sorgen, so daß sich eine schöne Auenlandschaft ausbilden kann.

Worum es geht, wird durch zwei Zitate aus Reichs Tagebuch von 1947 beleuchtet:

Wie recht Nietzsche doch hat! Ein kreativer Mensch darf sich nicht von Mitleid mitreißen lassen. (American Odyssey, S. 417)

Immer wieder kehre ich zu Nietzsche zurück, zu diesem Mann von großem Wissen und tiefem Leid. Sein Schicksal war es, für die ganze Menschheit zu leiden – wegen dessen, was er ahnte, aber nicht verstand. Er wußte sogar um den Kern der Güte, der unter dem Eisblock verborgen lag. (S. 432)

1944 hatte sich Reich über den damals sehr bekannten Astrophysiker Arthur Eddington und den Platonismus der Physiker notiert:

Eddingtont hat es offen gesagt: Die Physik arbeitet mit Schatten, ihr fehlt die Verbindung zur Welt der Sinne. (…) Die „Welt der Schatten“ wird lebendig werden. Das gegenwärtige Leben wird zugrunde gehen, neue Menschen, Kinder, Städte und Gedanken werden erblühen, so frisch wie Nietzsches Mistralwind, der alles beiseite bläst, was dem Sinn des Lebens widerspricht. Wir haben gerade erst begonnen. (S. 248)

Orgonphysik ist sozusagen eine Physik ohne „Schattenwelt“ – ohne Über-Ich…

Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 1)

3. Mai 2026

Bereits Reich selbst mußte mit der sich formenden „Gegenorgonomie“ ringen. Beispielsweise hat er sich vehement gegen die „Urreichianer“ Paul Ritter und David Boadella gewehrt.

Reich zitiert in seinem Orgone Energy Bulletin (Vol. IV) den Partisan Review (1952):

An der Universität (…) wurde Billie (…) in die avangardistische Welt von Rimbaud und Wilhelm Reich eingeführt.

An der gleichen Stelle bespricht Reich das Buch Faces in the Crowd (1952) von David Riesman:

Eine der Personen, die er untersucht, ist ein heranwachsender Junge, der ein „Reichianer“ ist. (…) Es hat (…) seinen Wert für die Beschreibung wie der „Reichianismus“ sich einem heranwachsenden Jungen darstellt und fügt eine weitere Illustration in bezug auf die Verdrehung der Sexualökonomie durch die Leute hinzu.

Baker schrieb Anfang der 1960er Jahre:

Nur die „abscheulichste Entstellung“ orgonomischer Wahrheit (…) könnte [Reichs] Arbeit, seine Denkweise und seine Hoffnungen für die Menschheit mit denen moderner Liberaler, Linker und Beatnik-Bohemiens gleichsetzen, die auf die eine oder andere Weise versucht haben, sich mit der Orgonomie zu identifizieren. (Der Mensch in der Falle)

Zu diesen Leuten gehörten William Burroughs (Yage Letters), Ed Sanders und Tuli Kupferberg (The Fugs), Paul Goodman, Norman Mailer („Der apokalyptische Orgasmus.“ „Jazz ist Orgasmus.“) und viele andere.

In dem Film WR – Die Mysterien des Organismus (1971) von Dusan Makevejew, der ein polymorph-perverses Bild der Orgonomie präsentiert, war der genannte Tuli Kupferberg zu sehen. Helmut Salzinger (Rock um die Uhr, Head Farm, Odisheim 1982) zitiert ihn wie folgt:

„Ich sage (…) das Ziel der Revolution ist die Abschaffung der Onanie.“ Und seine Version der Internationale heißt „Intersexionale“ (…) „Es sind die kranken und sexlosen Seelen, die den Krieg verursachen,“ sagt Kupferberg und bringt damit die Lehre des Psychoanalytikers und abtrünnigen Freud-Schülers Wilhelm Reich auf einen einzigen Satz.

Für Reich war, wie er einmal seiner zeitweiligen Sekretärin Lois Wyvell sagte, Jazz und Rock „Ficker-Musik“.

Die englische Gruppe Hawkwind sang auf der 1973 erschienenen LP Masters of the Universe über einem entsprechend treibenden Baß-Riff in ihrem Song Orgone Accumulator:

I’ve got an orgone accumulator and it makes me feel greater.

Mag sein, daß hier Boadellas Einfluß im Swinging London zum Tragen kam. Wie vielleicht auch im autobiographischen Buch Groupie (1969) von Jenny Fabian, wo einer auftritt, der Wilhelm Reich studierte, „Vorlesungen über ihn“ belegt, einen ORAC gebastelt hat und verzweifelt versucht, sie klitoral orgasmisch zu machen.

1975 hat die Para-Punk-Sängerin Patti Smith den Song Birdland veröffentlicht, der, inspiriert durch Peter Reichs Erinnerungen an seinen Vater in A Book of Dreams (deutsch Der Traumvater, München 1975), von Wilhelm Reich und UFOs handelte.

Zehn Jahre später wurde die Pop-Sängerin Kate Bush durch das Buch zu ihrem Song Cloudbusting inspiriert. Im dazugehörenden Videoclip ist Donald Sutherland als Reich zu sehen, der mit seinem Sohn Peter an einem schrullig-viktorianischen Ding herumhantiert, das entfernt wie ein Cloudbuster aussieht. Schließlich wird er von Regierungsbeamten wegen dieser Tätigkeit verhaftet. Eingebaut in die Szenenfolge ist ein Exemplar von A Books of Dreams und ein Foto von Reich und Peter zu sehen.

Es geht wohl noch an, wenn sich Neurotiker gegenseitig quälen, aber leider wird es immer offensichtlicher, daß die menschliche Struktur für die Aktivitäten der Reichianer ein viel zu beschränktes Feld ist. Es beginnt mit medizinischen Quacksalbern und endet bei Cloudbuster-Dilettanten, die die atmosphärische Situation nur verschlimmern und ganze Landschaften gefährden!

Man sollte nie aus den Augen verlieren, daß der Reich-Cloudbuster das machtvollste Instrument der Orgonomie ist und daß die Orgonenergie der Ursprung aller anderen Energiearten, einschließlich der Nuklearenergie, ist. Der Orgoningenieur hantiert mit der größten Macht, die je dem Menschen zur Hand gereicht wurde. Jeder Orkan, der von einem Cloudbuster-Operateur umgelenkt wird, hat mehr Energie als Hunderte von Atombomben.

Dem Reichianischen Magazin emotion (Nr. 3, 1981) habe ich den folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit den französischen Reichianern Roger Dadoun und Gerard Ponthieu (dem Directeur de la Publication der eingegangenen Reichianischen Zeitschrift La Revue Sexpol) entnommen. Er handelt von einer Cloudbuster-Operation ihres „Laboratoire d’Orgonomie Generale“ (später „Laboratoire d’OrthoGenetique“):

In Frankreich existiert eine Gruppe, die mit den „Cloudbustern“ (von Reich entwickelte Geräte zur Beeinflussung des Wetters [natürlich hat er sie entwickelt, um DOR zu beseitigen, PN]) arbeitet. Vergangene Woche war ich mit diesen Leuten zusammen in der Provinz, auf dem Land, um diese Geräte einzusetzen. (…) Dreimal hat es funktioniert, aber klimatologisch hat es Probleme gegeben. Der Himmel war zu geladen. Die atmosphärische Zusammensetzung hat sich sehr stark verändert aufgrund der sogenannten atomaren Experimente. Das gleiche trifft auch für die Orgonenergie zu. [sic!] Die Radioaktivität ist so stark geworden, daß es immer schwieriger wird festzustellen, wann man damit operieren kann. In einem bestimmten Augenblick gab es ein solches Unwohlsein um diesen „Cloudbuster“ herum, daß man die gesamte Arbeit unterbrechen mußte. Obwohl man in diesem konkreten Fall nicht von Radioaktivität sprechen konnte, denn die Geigerzähler zeigte keinen wesentlichen Ausschlag. […] Der Himmel war zu beeinträchtigt, um eine Serie von interessanten Experimenten machen zu können. Außerdem braucht man eine ganze Anzahl von „Cloudbustern“. Das war ja immer der Ausgangspunkt von Reich, mehrere von diesen Geräten zu haben, um interessante Experimente machen zu können. Das war bei uns nicht der Fall.

Wozu gebraucht man einen Cloudbuster eigentlich, wenn nicht die atmosphärische VerDORung einen dazu zwingt?! Und ist es in diesem Zusammenhang wirklich angebracht von „interessanten Experimenten“ zu sprechen?

Im Reichianichen Magazin Wilhelm Reich Blätter erschien 1980 (Heft 3) die folgende Anzeige:

Suche erfahrenen Partner für Cloudbuster-Versuche im August 1981 auf Formentera (Balearen). Unterbringung geregelt.

In einem nicht datierten Brief an „die Unterstützer des Life Energy Action and Research Network“ (das das eingestellte International Journal of Life Energy herausgab) wurde das folgende bekanntgemacht:

Obwohl wir zur Zeit nicht publizieren, ist LEARN immer noch eine Organisation für Reichianische Forschung. Diesen Sommer [1981] hoffen wir zur Kontrolle des Wetters [mit dem Cloudbuster] zu kommen.

Es gibt kein größeres Verbrechen als das Herummanipulieren an den uns allen gemeinsamen Quellen des Lebens. Doch genau dies wird Tag für Tag von diesen Reichianischen Autoritäten angestrebt. Und mit was für einer Grundeinstellung!

Der Berliner „Künstler“ Christoph Keller hat 2003 in New York „Wilhelm Reichs Regenmacher-Maschine“ „reaktiviert“.

Keller habe den Cloudbuster „rekonstruiert“ und in den letzten Monaten „Experimente“ auf den Dächern von New Yorker Wolkenkratzern durchgeführt.

Wie es der Zufall will, trafen seine Experimente mit einer nahezu präzedenzlosen Schlechtwetterperiode zusammen. (…) Keller erinnert mit der Wiederaufführung der „Cloudbuster“-Experimente daran, daß der Himmel (…) wie das unterdrückte Unterbewußte anmutet, das es mittels angewandter Orgonpraxis zu entladen, ja, zu befreien galt.

Diese Eintrag über die „Gegenorgonomie“ war eine geradezu lächerlich oberflächliche Skizze des Phänomens „Reichianismus“. Vertieft wird das in der umfangreichen Sammlung meiner Rezensionen „Reichianischer Bücher“.

Wilhelm Reich, Physiker: 6. „Paraphysik“, d. John von Neumann und irdisch-außerirdische Hybride

2. Mai 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 6. „Paraphysik“, d. John von Neumann und irdisch-außerirdische Hybride

MAYDAY! We don’t get fooled again!

1. Mai 2026

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an den „Unabomber“, der in seinem Kampf gegen „die moderne Technik“ Anfang der 1990er Jahre die USA mit Briefbomben terrorisiert hat, um durchzusetzen, daß die New York Times und die Washington Post sein Manifest abdrucken. Das taten sie dann schließlich auch am 19. September 1995. Nichts hätte mich damals dazu gebracht, die Ergüsse dieses feigen Soziopathen zu lesen. Um so erstaunter stelle ich fest, daß ich mit folgendem (von mir teilweise zusammengefaßten und paraphrasierten) Auszug vollkommen übereinstimme. Ich könnte nicht besser erklären, warum die Orgonomie alles tut, um Linke von sich fernzuhalten.

Ted Kaczynski wollte die „Antitechnik-Bewegung“, die aus ihm selbst und sonst niemanden bestand, von vornherein vor der „linken Gefahr“ bewahren. Natürlich ist die Orgonomie nicht „antitechnisch“ und schon gar nicht eine „politische Bewegung“, jedoch ist sie der Todfeind der mechanistischen Weltanschauung und Praxis, die gegenwärtig unseren Planeten zerstört. Mag sein, daß (ausgerechnet) Kaczynski den einen oder anderen Leser deutlich macht, warum kein Linker jemals Teil der Orgonomie werden darf: es wäre das garantierte Ende der Orgonomie.

Zunächst: Was ist ein Linker?

Der Linke strebt einen groß angelegten Kollektivismus an. Er unterstreicht die Verpflichtung des Einzelnen, der Gesellschaft zu dienen und die Verpflichtung der Gesellschaft, sich um den Einzelnen zu kümmern. Er hat eine negative Einstellung zum Individualismus. Im Allgemeinen ist er gegen Waffenbesitz, für Sexualerziehung und andere psychologisch „aufgeklärte“ Erziehungsmethoden, für Planung, für Affirmative Action, für die multikulturelle Gesellschaft. Er neigt dazu, sich mit dem Opfer zu identifizieren. Er ist tendenziell gegen Wettbewerb und gegen Gewalt, aber er findet Entschuldigungen für die Linken, die Gewalt anwenden. Er verwendet gerne Schlagwörter der Linken, wie etwa „Rassismus“, „Sexismus“, „Homophobie“, „Kapitalismus“, „Imperialismus“, „Neokolonialismus“, „Völkermord“, „sozialer Wandel“, „soziale Gerechtigkeit“, „soziale Verantwortung“. Vielleicht ist das beste diagnostische Merkmal des Linken seine Tendenz mit den folgenden Bewegungen zu sympathisieren: Feminismus, Rechte für Homosexuelle, Minderheiten, Behinderte, Tiere, politische Korrektheit. Wer mit all diesen Bewegungen sympathisiert, ist fast mit Sicherheit ein Linker.

Und warum ist der Linke für rationale Bewegungen so gefährlich?

Linke fühlen sich zu Bewegungen hingezogen, die imgrunde nichts „Linkes“ an sich haben, einfach weil sie die Rebellion und das Aufgehen in einer Bewegung lieben. Man muß das Einsickern solcher linken Kräfte vermeiden, will man den Charakter der Bewegung bewahren. Ziel der linken Gesinnung ist die Zusammenfassung von allem zu einer Ganzheit, was nur mittels Technik, Kommunikationsmitteln und einer ausgefeilten psychologischen Manipulation möglich ist. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Macht. Aus diesen Gründen werden die Linken niemals die Technik aufgeben. Linke opponieren nur so lange gegen die Technik, als sie Außenseiter des technischen Systems sind. Halten sie einmal die Hebel in Händen, werden sie die Technik voll Enthusiasmus einsetzen. Hier wiederholt sich das Muster der Russischen Revolution, in der die Bolschewisten gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und gegen die Geheimpolizei protestierten. Oder man nehme die USA, wo die Linken, als sie an den Universitäten noch in der Minderheit waren, für die akademische Freiheit eintraten, die sie nun, wo sie die Universitäten dominieren, im Rahmen der „politische Korrektheit“ erbarmungslos einschränken. Zunächst haben die Linken immer mit nichtlinken Revolutionären zusammengearbeitet, um sie dann fallen zu lassen, wie in den Revolutionen in Frankreich, Rußland und auf Kuba. Deshalb ist es einfach nur dumm, mit Linken zusammenzuarbeiten.

Zwar ist die linke Gesinnung keine Religion, jedoch spielt sie für Linke die gleiche psychologische Rolle wie für andere die Religion. Losgelöst von Logik und den Tatsachen hat der Linke einen unerschütterlichen Glauben, daß er moralisch im Recht ist; daß er nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, anderen die linke Moral aufzuzwingen. Wo immer sie an die Macht gelangen, versuchen sie in jeden privaten Winkel einzudringen und die Gedanken gleichzuschalten. Das beruht nicht nur auf dem quasireligiösen Charakter der linken Gesinnung, sondern dem linken Willen zur Macht. Um diesen Drang zu befriedigen, wird der Linke Teil von sozialen Bewegungen.

Aber egal wie weit die Bewegung auch immer gelangen mag, der Linke wird nie zufrieden sein, weil es ihm gar nicht um die Ziele, sondern um die Macht an sich geht. Er strebt immer weiter. Ist die Chancengleichheit für ethnische Minderheiten hergestellt, verlangt er zusätzlich, daß sie auch den gleichen Lebensstandard wie die Mehrheit genießen. Und solange irgend jemand noch verborgene negative Haltungen gegen Minderheiten hegt, muß er von der Linken umerzogen werden. Danach kommen die Homosexuellen, die Fettleibigen, die Alten, die Häßlichen und immer so fort. Dem Linken reicht es nicht, die Öffentlichkeit über die Gefahren des Rauchens zu informieren, es muß eine Warnung auf jede einzelne Zigarettenpackung gedruckt und schließlich das Rauchen ganz verboten werden. Danach kommen dann Alkohol, Junk Food, etc. Auf die gleiche Weise führt der berechtigte Kampf gegen die Kindesmißhandlung dazu, daß es gilt, jeden harmlosen Klaps zu verhindern. Wenn das erreicht ist, werden sie irgend etwas anderes finden, was sie verbieten können, solange bis sie die gesamte Kindererziehung kontrollieren.

Stelle dir vor, du würdest Linke darum bitten, eine Liste alles dessen aufzustellen, was sie an der Gesellschaft gerne verändern würden. Und dann nehme an, du hättest jeden Punkt erfüllt. Du kannst sicher sein, daß die Mehrheit der Linken nach wenigen Jahren neue Gründe zur Klage finden wird. Es geht ihnen nämlich gar nicht um die tatsächlichen Nöte der Gesellschaft, sondern darum, ihren Machtdrang zu befriedigen, indem sie ihre Lösungen der Gesellschaft aufzwingen. Durch die Beschränkungen, die ihrem Denken und Verhalten durch ihre ausgesprochene Sozialisierung auferlegt sind, können Linke Macht nicht wie andere anstreben. Der einzig moralisch akzeptable Ausweg für sie ist es, anderen ihre Moral aufzuzwingen. (…)

Die machthungrigen Linken gelangen an die Spitze der Bewegung, während die anständigeren Linken vielleicht innerlich viele Taten der Führung ablehnen, aber sie willigen schließlich ein, weil sie den Glauben an die Bewegung brauchen. Diese Phänomene traten klar in Rußland und den anderen kommunistischen Ländern zutage. Und auch im Westen kritisierten Linke die UdSSR selten. Wenn sie zum Eingeständnis gebracht wurden, daß bei der UdSSR vieles im argen lag, versuchten sie Entschuldigungen zu finden und begannen, über die Fehler des westlichen Systems zu sprechen. Sie haben sich stets dagegen gewendet, wenn der Westen sich der kommunistischen Aggression militärisch entgegenstellen wollte. Sie taten das nicht etwa, weil sie mit den Aktionen der UdSSR übereinstimmten, sondern wegen ihres linken Glaubens. Heutzutage gibt es in den Universitäten, in denen die „politische Korrektheit“ dominiert, wahrscheinlich viele Linke, die privat die Unterdrückung akademischer Freiheit ablehnen, aber sie tolerieren es. Es ist demnach bedeutungslos, daß viele Linke persönlich eher gemäßigt und ziemlich tolerant sind.

Verpißt euch! We don’t get fooled again!

1. Juni 2013: Impressionen und Gedanken über die Jahrestagung der Wilhelm-Reich-Gesellschaft, Berlin zu den ersten Forschungen im Wilhelm-Reich-Nachlaß-Archiv, Boston

30. April 2026

Im ersten Vortrag ist Thomas Harms zu hören. In den Bildern von der Ersten Orgonomischen Konferenz macht er ein „68er-Feeling“ aus. Er mag den Begriff „Emotionelle Pest“ nicht. Das erläutert er auch nochmals in der Abschlußdiskussion der Konferenz, wo er nahe legt, der Kampf um „die wahre Lehre“ in der Orgonomie wäre etwas durchweg Negatives und Destruktives. Um so besser ist sein Vortrag über das Projekt Kinder der Zukunft. Insbesondere was er über Genitalität in der Kindheit zu sagen hat: ein ausgesprochen wertvoller und hörenswerter Beitrag. Das ist Orgonomie! Gut, Reich hat aber auch gesagt:

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. Jede Hoffnung, jemals den Sumpf unserer Erziehungsmisere zu durchdringen, wäre unwiderruflich verloren, wenn dieser neue und so hoffnungsvolle Versuch, Kinder auf bessere Art zu erziehen, sich festfahren und in sein genaues Gegenteil verkehren würde, so wie es allen früheren, hoffnungsvollen Unterfangen des Menschen auch ergangen ist. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der „Körperpsychotherapeut“ Manfred Tielen erwähnt, daß sich in Reichs Archiv keine Fallgeschichten finden, die die Entwicklung seiner Therapie von der Charakteranalyse über die Vegetotherapie hin zur Orgontherapie detailliert nachvollziehbar machen. Dies unterstreicht m.E. erneut, daß man die Reichsche Therapie ausschließlich von seinen unmittelbaren, von Reich selbst autorisierten Schülern lernen kann. Reich hat einen einzigen Orgontherapeuten diesen Auftrag erteilt: Elsworth F. Baker, der wiederum Charles Konia autorisiert hat.

Nichts gegen den Vortrag von Andreas Peglau über Reich in Berlin, aber – man sollte, so Reichs Meinung, auf einer Konferenz seinen Vortrag niemals vorlesen. Der Vorlesende verkrampft und der Zuhörer mit ihm: denkbar unpassend für eine Konferenz über den Schöpfer der Orgontherapie! Es sind wirklich zwei grundsätzlich verschiedene Medien: das gesprochene und das gelesene Wort! – Daß Reich sich 1930 als Abgeordneter für die KPÖ aufstellen ließ, war mir neu. Soweit zu Reichs Behauptung, er sei nie politischer Kommunist gewesen! Ansonsten kann ich zu Peglaus Vortrag nur sagen: LEUTE, KAUFT DAS BUCH!

Philip Bennets Vortrag über Reichs politische Zurückhaltung in den USA nach dessen Inhaftierung als „Alien Enemy“ wird von Christian Rudolph übersetzt. Er stockt, bricht in Tränen aus, nachdem er eine entsprechende Stelle aus American Odyssey übersetzt, wo sich Reich bitter über die „Ungerechtigkeit und Gemeinheit“ der USA beschwert. (Auch später wird es während der Konferenz recht tränenreich.) Bennet behauptet, daß die Änderungen in der Massenpsychologie des Faschismus zwischen 1933 und 1946 „im Wesentlichen linguistisch und sehr geringfügig“ seien. Stimmt das? Siehe dazu meine Ausführungen in dem Kapitel Marx und die Orgonbiophysik (S. 208). Und selbst wenn es stimmt, was bleibt dann von Reichs angeblichem politischen Opportunismus?

Wenn Bennet recht hat und Reich einfach Angst vor politischer Verfolgung in den USA hatte, warum dann nur „linguistische und sehr geringfügige“ Veränderungen? Man muß Bennet aber recht geben, daß Reich schlichtweg gelogen hat, wenn er später behauptete, kein Kommunist „im politischen Sinne“ gewesen zu sein. Es ist nur die Frage, ob Reich zwischen 1928 und 1933 „er selbst“ war (und damals innerlich mit sich rang) oder ob er es in den 1950er Jahren war. Bennet legt nahe, daß in Amerika Reich sein „wahres Denken“ kaschierte, um zu überleben. So hätten es ja schließlich viele andere linke Analytiker auch getan! Hmmm…

Bennets gesamte Argumentation (Reichs Verhaftung als „Alien Enemy“ habe diesem einen derartigen Schrecken eingeflößt, daß er sich fortan politisch verstellte) ist schlichtweg nicht tragfähig. Beispielsweise fällt Reichs Auseinandersetzung mit seiner sozialistischen Assistentin Gertrud Gaasland, d.h. sein endgültiger Bruch mit dem Sozialismus, vor seine Verhaftung. Siehe dazu Ilse Ollendorffs Reich-Biographie. Außerdem waren bereits in Norwegen die letzten Nummern der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie demonstrativ unpolitisch.

Am Ende seines Vortrags nervt Bennet einfach, wenn er all die sexuelle Repression in den USA beschreibt, was im übrigen nicht zum Thema seines Vortrages paßt. Die Frage ist, was funktionell wichtig ist: die moderne Permissivität der amerikanischen Gesellschaft oder der überkommene Puritanismus.

In der anschließenden Diskussion verweist Bennet auf Reichs Briefwechsel mit Neill, der Reichs Opportunismus belegen würde. Nun, an keiner Stelle hat sich Reich anti-kommunistischer geäußert. Ständig versucht Reich Neill von dessen Marxistischen Flausen abzubringen. Gerade in seinen in den USA nicht veröffentlichten privaten Äußerungen war er ganz so, wie die Orgonomen um Elsworth F. Baker Reich später beschrieben haben. Bennet hält dagegen, daß Reich bis zum Ende eine gesellschaftspolitische „Vision“ hatte. Immerhin räumt Bennet mit der Mär auf, Reich sei im Gefängnis ermordet worden.

Bennet versucht in seinem zweiten Vortrag, das Reichsche Konzept der „Arbeitsdemokratie“ mit Reichs Marxismus zu verknüpfen. Bennet hat entdeckt, daß Reich 1956 in seiner geplanten Zeitschrift CORE Command Bulletin u.a. seine ersten beiden Schriften zur Arbeitsdemokratie veröffentlichen wollte, die er vorher angeblich aus Angst vor den amerikanischen Behörden nicht auf englisch veröffentlicht hatte. Gleichzeitig konstatiert Bennet bei Reich am Ende seines Lebens „paranoide Züge“. Er deutet an, m.E. zu recht, daß Reich vielleicht damals seine politisch inkriminierenden Tagebücher zwischen 1923 und 1933 verbrannt hat.

Peinlicherweise zitiert Bennet, wie Reich in diesem Zusammenhang eine der zehn oder zwölf Sätze von Marx von sich gibt, die immer wieder und wieder und wieder und wieder ad nauseam von Marxisten genannt werden. In diesem Fall ist es: „Ich bin kein Marxist!“ Genauso peinlich ist es, wenn Bennet Reichs Kritik am amerikanischen Liberalismus teilt, etwa was die Äußerungen von Holocaust-Leugnern und Rassisten betrifft. „Haßverbrechen“, – mit deren Verfolgung der Stalinismus in die westliche Welt seinen Einzug hält! Das ganze läuft bei Bennet darauf hinaus, daß er allen Ernstes Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie mit der Occupy-Bewegung gleichsetzt. Praktisch in allem ist Bennet das Negativ von Charles Konia. Ich kann den geneigten Leser nur auf Zeugnisse einer Freundschaft verweisen, um zu sehen, wo Reich heute wahrscheinlich stünde und wie genau es mit dessen Antiliberalismus aussieht!

Ist die Orgonomie ein Kult?

29. April 2026

Daß man es bei „Reichianern“ mit der Emotionellen Pest zu tun hat, zeigt sich daran, daß immer, wenn man Reichs Einsichten klar und deutlich formulierte, sofort hämisch konstatiert wurde, die Darstellung sei viel zu „holzschnittartig“, würde diesen oder jenen Aspekt außer acht lassen, würde der und der Einsicht Reichs widersprechen, stimme nicht mit neueren Erkenntnissen überein, „Nachfolger Reichs“ hätten Ansätze formuliert, die man berücksichtigen müsse, etc. pp. Oder mit anderen Worten: als Student der Orgonomie stand man immer als engstirniger Idiot da, über den man wissend lächeln konnte.

Einer der ersten, der diese Taktik angewendet hat, war Anfang der 1960er Jahre Charles Kelley: jeder Student der Orgonomie, der klar denken konnte, wurde als Anhänger eines orgonomischen „Kults“ abgetan. Das hatte bei unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Aspekte. Die einen bestanden darauf, daß doch „therapeutischen Neuerungen“, wie denen Alexander Lowens, Raum gegeben werden sollten, die anderen kamen mit irgendwelchen theoretischen Neuerungen (etwa der erwähnte Kelley mit seiner „Radix-Theorie“) und schließlich sind da natürlich die Pseudomarxisten, deren Arroganz genauso groß war wie ihre Ignoranz.

Und das, obwohl die „Reichianischen“ Therapien nachweislich nur Schaden anrichten und die theoretischen Ergüsse nichts anderes als wirres Zeugs sind, nach dem schon bald kein Hahn mehr kräht. Da wird uns die Wiedereinführung mechanistischer und gar mystischer Konzepte als Weiterentwicklung des Reichschen Funktionalismus verkauft. Das Beharren auf einer funktionellen Ordnung wird hingegen als „Dogmatismus“ denunziert und der Mahner als gefährlicher Sektierer gebrandmarkt.

Unter dem Deckmantel von Aufklärung, Offenheit und Objektivität versuchen sie schlichtweg Reichs Lebenswerk ungeschehen zu machen. Jeder, der konsequent orgonomisch arbeitet, wird von diesen „Reichianern“ als „Fundamentalist“, „Faschist“ und ähnliches gebrandmarkt.

Wie stets ist in solchen Anwürfen immer auch ein rationales Moment zu finden. Man will nicht in ein sektiererisches Denken hineingezogen werden. Wie etwa bei den Stalinisten, Nationalsozialisten, Islamisten oder Scientologen, die unsere gewöhnliche Begrifflichkeit vollkommen auf den Kopf gestellt haben: „Barmherzigkeit“ etwa steht da für unmoralische „Schwäche gegenüber dem Feind“. Genauso könnte die Orgonomie, bzw. das, von dem Leute wie ich behaupten, es sei „die Orgonomie“, langsam aber sicher alle Begriffe umdeuten und so die Leute „umdrehen“.

Meines Erachtens gibt es aber zwischen der Orgonomie auf der einen Seite und, nur als Beispiel, der Anthroposophie auf der anderen Seite einen gewaltigen Unterschied: die Anthroposophie arbeitet, etwa in der Eurhythmie, explizit gegen die „Ausdruckssprache des Lebendigen“, während die Orgonomie dem Lebendigen keinerlei Gewalt antut. Und da die Sprache, jedenfalls die einfache Volkssprache, eine direkte Fortführung der „Ausdruckssprache des Lebendigen“ ist, tut sie auch der Sprache keine Gewalt an. Und – wie Reich es ausdrückt – :

Meine Schüler verstehen (…) mich. Ich bringe das in Worten zum Ausdruck, was sie immer schon gedacht haben. (American Odyssey, S. 41)

Ein Freund von mir, der in den 1970ern „politisch aktiv war“, sagte einmal resigniert, als sich erneut eine Therapeutengruppe von einer der großen orgonomischen Organisationen abgespalten hatte: „Das ist exakt genauso wie in den sektiererischen Fraktionskämpfen damals zur Hochzeit der linken Bewegung in der BRD!“ Zeugen derartige Abspaltungen nicht davon, daß die Orgonomie auch nur ein Kult ist? Wissenschaftlich drapierte Ideologie?

Reich hat von sich behauptet, er habe die Psychologie Freuds „auf ein solides biologisches Fundament gestellt“.

Diese Leistung fand gerade in jenem Jahrzehnt statt, in dem die Psychoanalyse, eben wegen des Fehlens eines solchen Fundaments, in verschiedene Fraktionen zersplitterte. („Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science“,International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 1(2), July 1942, S. 97-107)

„Fraktionsbildung“ kann tatsächlich nur auftreten, wenn die Wissenschaft in den Hintergrund tritt.

Das LSR des Kleinen Mannes

28. April 2026

LaMettrie wird mit de Sade in einen Topf geworfen, Stirner mit Nietzsche und Reich mit Freud, d.h. Genitalität mit Sadomasochismus gleichgesetzt.

Von LaMettrie bleibt das Stichwort „Maschinenmensch“, d.h. ein fremdgesteuerter Roboter, während LaMettries gesamte Intention darin bestand, den Menschen von Fremdbestimmung durch das „Geistige“ und die „Seele“ zu befreien, die einfach nur für das irrationale Schuldgefühl, das Über-Ich standen, d.h. den Menschen zu einem – Roboter machten.

Stirners Egoismus und Eigenheit dienen der Stabilisierung des Egos, d.h. der Panzerung und der Rechtfertigung sekundärer Triebe. Opfer sind typischerweise Kinder: „Mami will sich selbstverwirklichen!“ Das ist das diametrale Gegenteil von Stirners im Kern „pädagogischer“ Intention: die Eigenheit der Kinder soll nicht gebrochen werden.

Reich wird als Körpertherapeut und Antifaschist rehabilitiert. Jener Mann, der gegen Freud die Psychoanalyse (Gesprächstherapie!) auf Ärzte beschränken wollte und später dann das vegetative Nervensystem und das Protoplasma in den Mittelpunkt stellte („Vegetotherapie“) wird zum Heroen von Politologen und anderen Schwätzern, die als „Körpertherapeuten“ delektieren! Vom heutigen „Antifaschismus“, der nichts anderes ist als die aktuelle Ausprägung des FASCHISMUS („die offene terroristische Diktatur des Über-Ich“), will ich erst gar nicht anfangen!

Sieben Fehlinterpretationen der Orgonomie

27. April 2026

1. Sowohl bei Freud als auch bei Reich sei die Störung der natürlichen Libido-Ökonomie die Ursache der Neurose. Tatsächlich betrachtete Freud jedoch das Ich als intrinsisch zu schwach, um mit den Trieben fertigzuwerden, so daß eine neurotische Entwicklung, d.h. das Auffahren diverser Abwehrmechanismen, unausweichlich sei, solle der Mensch nicht in haltloser Perversion a la de Sade versinken. Freud und Reich waren Gegensätze, auch wenn zumindest Reich das nicht recht wahrhaben wollte.

2. Gesunde Kinder sind nicht „polymorph pervers“! Beim gesunden Kind kommen spontan nur die orale und die genitale Libido zum Ausdruck. Insbesondere die anale Libido ist ein reines Kulturprodukt.

3. Reichs Lösung für die negative therapeutische Reaktion, also schlichtweg die Selbstsabotage der Patienten, wären befriedigende sexuelle Beziehungen gewesen. Nun, dagegen besteht ja gerade die Abwehr! Die Abwehrmechanismen müssen angegangen werden, bevor die Funktion des Orgasmus überhaupt greifen kann!

4. In der Orgontherapie gibt es keine „Atemtechnik“! Es geht darum, daß spontane naturgegebene Atmen zu befreien. Patienten das „richtige Atmen“ beibringen zu wollen oder es „einzutrainieren“, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Orgontherapie ist kein „Yoga“, sondern das diametrale Gegenteil!

5. Reich habe nur im Stalinismus einen Roten Faschismus gesehen. Lenin, Stalin und Mao hätten die ursprünglich emanzipatorischen Ansätze von Marx autoritär entstellt. Nun, Reich betrachtete auch die Labour-Regierung Englands nach dem Zweiten Weltkrieg als Roten Faschismus. Roter Faschismus ist nicht nur brutale Unmenschlichkeit unter linken Vorzeichen, sondern vor allem die politische Ausbeutung und zynische Perpetuierung der Hilflosigkeit der Massen. In dieser Hinsicht war Lenin für den in dieser Hinsicht arg naiven Reich die große Ausnahme, die Reich bis zum Ende gepriesen hat, wollte Lenin doch, daß der Staat unter Beteiligung aller Arbeitenden geleitet wird und in diesem Prozeß schließlich als überflüssig „arbeitsdemokratisch“ abstirbt. Im Vergleich dazu ist der Einfluß von Marx auf Reich eher marginal!

6. Soziopathen, Psychopathen und Faschisten hätten keine „dritte Schicht“, keine soziale Fassade, die die sekundären Triebe in Schach hält. Das mache sie so gefährlich. Vollständiger Unsinn! Ganz im Gegenteil haben sie eine sehr ausgeprägte soziale Fassade, nur daß diese ganz im Dienste der sekundären Schicht steht. Der Rote Faschist gibt vor, gegen die sekundäre Schicht zu sein, – um diese dann um so besser ausdrücken zu können.

7. Im Zentrum des politischen Elends steht, daß man immer den jeweils anderen die Schuld am menschlichen Elend gibt, während man das eigentliche Problem, nämlich die Emotionelle Pest, außer acht läßt. Oder anders formuliert: Moral („der Kampf gegen das Böse“) bringt immer das Gegenteil des Beabsichtigten hervor, nämlich Unmoral, das Böse. Versucht man nun in „orgonomischen“ Kreisen Beispiele aus der aktuellen Politik für diesen Mechanismus anzuführen, wird man sofort in eine pseudo-orgonomische politische Diskussion verwickelt, bei der es darum geht, der Gegenseite die Schuld zuzuschreiben. Das eigentliche Problem, das man doch nur exemplifiziere wollte, nämlich die zugrundeliegende Emotionelle Pest, fällt so wieder unter den Tisch.

By the way: Du lebst in einem rotfaschistischen Land!

Wilhelm Reich, Physiker: 6. „Paraphysik“, c. Schrödingers Katze zu Besuch

26. April 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 6. „Paraphysik“, c. Schrödingers Katze zu Besuch

Charles Konia in der Diskussion (Teil 12)

25. April 2026

Im März und April stellte Dr. Konia folgende Blogeinträge ins Netz, auf die hier erneut hingewiesen wird, damit sie nicht verlorengehen:

Blogeinträge März/April 2011

  • Die arabische Rebellion und die Emotionelle Pest
  • Die Ausbreitung der anti-autoritären Gesellschaftsordnung auf die moslemische Welt
  • Der Niedergang der modernen Psychiatrie
  • Was ist zur Demokratisierung der islamischen Ländern erforderlich
  • Natürliche Autorität, Zwangs-Autorität und Anti-Autorität
  • Das Gehirn ist nicht der Geist: Was von der neuen Landkarte des Gehirns erwartet werden kann und was nicht
  • Verschwörungstheorien und die Wirkungsweise der Emotionellen Pest
  • Die zunehmende Anzahl von Kindern und Jugendlichen die psychiatrische Betreuung benötigen

 

Kommentar zu „Die Ausbreitung der anti-autoritären Gesellschaftsordnung auf die moslemische Welt”

Peter 2013: Beim zweiten Blick paßt das zu Konias Ausführungen:
http://www.bild.de/unterhaltung/leute/justin-bieber/fans-tun-alles-fuer-tickets-konvertieren-in-tv-show-zum-islam-30114444.bild.html

Zu „Der Niedergang der modernen Psychiatrie“

Robert (Berlin) Says: Aus der Frühzeit der Psychiatrie
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackgroundXXL/a26903/l0/l0/F.html#featuredEntry

O.: Hier die Kurzfassung, da eben mein Text im Äther verschwunden ist (Pech, wenn ich ihn vorhernicht kopiere) …
Die Hysterie gibt es nach wie vor mit fast all ihren Symptomen nur unter anderen Namen im ICD. Sie ist keine Einbildung von Charcot, Freud oder Reich gewesen.
Die fiesen Methoden der Psychiatrie gibt es auch zum Teil noch: EKT, Fixierungen, Zwangsjacken und Psychopharmaka, die schlecht eingestellt sind.
Bei entsprechend „dämlicher“ Behandlung gibt es auch Todesfälle in der Psychiatrie, wie zu Charcots Zeiten, entsprechende Statistiken sind mir nicht bekannt und werden wohl auch nicht veröffentlicht. Beispielweise verstarb meine Großmutter nach wenigen Wochen aufgrund von Dauerfixierung, Bewegungsmangel und künstlicher Ernährung.
Nach dem die Psychiatriereform alle Dauerpateinten plötzlich entlassen hatte, die Betten reduziert wurden, ist die psychiatrische Bahndlung in Deutschland sichtbar besser geworden und ähnelt nicht mehr einem „Zuchthaus“. Dennoch sind EKT (Elektroshocktherapien) und Fixierungen gängige Praxis und werden an Universitäten umworben und gelehrt.

O.: Ein anderer Spiegelartikel (vermutlich von dieser Woche) unterstellt die Zunhame von psychischen Erkrankungen würde durch das DSM 5 und das kommende ICD begünstigt. Die APA, in der auch Psychopharma-Vertreter mitwirken, würde Diagnosen „erfinden“, um ihre Medikamente in großem Stil verkaufen zu können. Eine sehr plakative These, wie ich finde. Man würde einenGroßteil von psychisch „normalen“ Patienten jetzt Diagnosen verpassen und sie medikamentös behandeln wollen.
Hier wird nicht reflektiert, was die neue Arbeitswelt mit den Menschen gemacht hat. Leider gibt es auch immer mehr Menschen, die nicht mehr bis zur Rente arbeiten wollen, da sie keine adequate Arbeit für sich finden oder die zu schlecht bezahlt wird. Das Heraufsetzen des Rentenalters bewirkt außerdem, dass immer mehr Leute ihre positive Arbeitshaltung verlieren und sich dem Arbeitsmarkt innerlich verweigern. Ab 50 wird vermehrt an die Rente gedacht. Ab 60 ist kaum einer noch zu motivieren. Diesem Beispiel folgen auch schon jüngere. Die Angebote des Arbeitamtes sind völlig inakzeptabel, eine Vermittlung findet hier quasi nicht statt. Das Arbeitsamt kann man im Grunde schließen. Und Jugendliche ohne Abitur beginnen gleich mit Hartz IV Jobs wie Kranken- und Altenpfleger.
Viele Menschen sehen sich eben nicht mehr nur als körperlich leidend an, sondern fordern psychische professionelle Hilfe durch Psychologen. Sie warten hierfür bis zu einem Jahr auf die Therapie und bekomen dafür nur VT oder Tiefenpsychologie in der Kurzform.
Eine Verbesserung dieser Situation ist nicht in Sicht, von daher sollen wohl doch die Pillen alles richten, was sie nicht tun. Die Rehabilitaionseinrichtungen der Rentenversicherungen rüsten nun auf: weg von der Psyche, hin zur Arbeitswelt orientierten Medizin.

Robert: Du solltest nicht das Arbeitsamt mit dem Jobcenter verwechseln. Das Jobcenter kann jeden Ausbeuterjob aufzwingen, egal was und welche Bezahlung. Anders beim Arbeitsamt, das Strafen für Nichtvermittlung Zahlen muss.

Robert 2014: Psychiater bezeichnen Non-Konformität als Geisteskrankheit: Nur die Herdenmenschen sind »vernünftig«
Die moderne Psychiatrie ist zur Brutstätte der Korruption geworden, insbesondere die Strömung, die jeden verteufeln und für geisteskrank erklären will, der von der allgemein anerkannten Norm abweicht. Das geht eindeutig aus der neuesten Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders [Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen, ein Klassifikationssystem der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung] oder kurz DSM hervor, in der Menschen, die nicht konform gehen mit dem, was die Verantwortlichen für normal erklären, als geisteskrank eingestuft werden [Link ist tot]

Peter 2015: In der NEW YORK TIMES wird der Niedergang der Psychiatrie diskutiert, die immer noch mit den Mitteln, die Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre entdeckt wurden, hantiert, auf der Stelle tritt und die Psychotherapie und deren Weiterentwicklung sträflich vernachlässigt.

In Deutschland ist es, was die psychtherapeutische Ausbildung der Psychiater betrifft, vielleicht etwas besser bestellt, doch die neuen Psychiater lernen jetzt fast immer VT, während die Psychodynamik als „unwissenschaftlich“ mehr und mehr verpönt ist. Bald wird der Ödipuskomplex wieder ein großes Geheimnis sein.

Zu „Natürliche Autorität, Zwangs-Autorität und Anti-Autorität“

Peter: Ein Aspekt der antiautoritären Entwicklung ist die Vertuntung der Männerwelt: [Link ist tot]

Zu „Das Gehirn ist nicht der Geist: Was von der neuen Landkarte des Gehirns erwartet werden kann und was nicht“

Robert 2012: Wie ich schon öfters schrieb, die Psychiatrie ist wieder vor Freud zurückgefallen. Am besten, sie lesen wieder Charcot, Bernheim und Liebault.

Peter 2015: Die Bewegung des Körpers macht das Gehirn fexibler: http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/hirnforschung/-/journal_content/56/12054/9088897/Bewegung-macht-das-Gehirn-flexibler/

Zu „Verschwörungstheorien und die Wirkungsweise der Emotionellen Pest“

Robert 2012: http://www.wissensmanufaktur.net/verschwoerungstheorie

Peter: Eine auf den Kopf gestellte Welt!
Verschwörungsleugnung:
„Behauptung, dass ein Ereignis nicht das Resultat einer Verschwörung ist“

Neben den sogenannten Verschwörungstheoretikern gibt es auch eine ganze Branche von Verschwörungsleugnern. Ein Verschwörungsleugner ist jemand, der behauptet, dass ein Ereignis nicht das Resultat einer Verschwörung ist. Eine Beweisführung, daß es etwas nicht gibt, ist allerdings grundsätzlich schwer bis unmöglich. Diese Branche hat sich offenbar in der vom Mainstream geprägten journalistischen Zunft entwickelt, die somit eher wenig zur Transparenz der tatsächlichen Sachverhalte beiträgt, sondern stattdessen die gelegten Nebelkerzen der Verwirrung energetisch versorgt.
Wenn mir jemand so einen Mist vorsetzen würde, würde ich schweigend den Raum verlassen, denn mit solchen Leuten kann man einfach nicht mehr diskutieren.

Robert: „Die Zusammenarbeit von Hugo Chavez in Venezuela, auf der extremen Linken, und Mahmud Ahmadineschad aus dem Iran, auf der extremen Rechten, zeigt die Tendenz von pestkranken Individuen sich spontan gegen ihren gemeinsamen Feind zu organisieren, der freien Welt (besonders Amerika),…“
Der Mann hat eine extreme Augenblockierung. Jeder Trottel kann sich zusammenreimen, warum diese Staaten zusammenarbeiten. Weil die Freie Welt, d.h. die imperialistische USA und ihre Vasallen jedes Land überfallen, was gegen ihre wirtschaftlichen Interessen vorgeht, außer es hat Atombomben. Menschenrechte und Demokratie spielen dabei nicht die geringste Rolle. Und diese Staaten sind auf der Abschussliste.
Chavez ist übrigens durch freie Wahlen an die Macht gekommen.

Peter: Immer langsam mit den Pferden! Erstmal weiß hier kaum jemand, wie eng die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden „frei gewählten“ Regierungen ist (http://latina-press.com/news/136708-iran-venezuela-ahmadinejad-gratuliert-seinem-bruder-hugo-chavez/). Und zweitens sind die wirtschaftlichen Interessen den „ideologischen“ (charakterologischen!) Interessen nachgeordnet, denn ansonsten hätten sich diese beiden Länder nicht praktisch aus der Weltwirtschaft ausgeklinkt und würden nicht offenen Auges dem wirtschaftlichen Ruin entgegentaumeln.

Robert: Na so doof sind deine Leser auch wieder nicht. Gegen die Beiden wird doch ständig gestänkert.
Komisch ist nur, dass immer nur die Gegner der Imperialisten als kranke Psychopathen hingestellt werden, während die Imperialisten sich mit jedem brutalen Diktator verbinden dürfen, ohne dass Konia seine verlogene Klappe aufreißt.

Klaus: Gefällt mir, wie hier die Weise nach dem alten ‚antiimperialistischen‘ Muster und Konias Weise, die Stellungen Irans und Venezuelas verständlich zu machen, gegenübergestellt werden. Es ist schon so, dass Konias Panzerungserklärung etwas Totschlagargumenthaftes an sich hat. Aber: die linke Masche auch. Und: Wer nicht völlig blnd ist, kennt die linken Maschen und … Charaktere. Erkennbar z. B. eben an Gewichtungen, wie sie in pi kommentiert werden:
“ ‚Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben.‘ Da bleibt einem die Spucke weg! Wo lebt eigentlich dieser Ignorant von Bundespräsident? Es ist nicht zu fassen! Laufend schlagen Leute mit dunkler Haut und schwarzen Haaren Deutsche zusammen und dann das!“

Robert 2013: »Verschwörungstheorie«: Grundlagen eines »Totschlagarguments«
James F. Tracy
Der Begriff der »Verschwörungstheorie« löst bei den meisten in der Öffentlichkeit stehenden Menschen und insbesondere bei Journalisten und Akademikern Angstgefühle und Beunruhigung aus. Seit den 1960er Jahren wurde diese Etikettierung zu einem Disziplinierungsmittel, das sich als überwältigend effektiv erwies, wenn es darum ging, zu verhindern, dass bestimmte Ereignisse untersucht oder kritisch hinterfragt wurden. Vor allem in den USA gilt es als schweres Gedankenverbrechen Orwellscher Prägung, die offizielle Darstellung zu bestimmten Ereignissen oder Einstellungen, die darauf abzielt, die öffentliche Meinung (und damit die öffentliche Ordnung) zu beeinflussen, berechtigterweise infrage zu stellen. Und von einem solchen Verbrechen muss das öffentliche Bewusstsein mit allen Mitteln abgehalten werden. [Link ist tot]

Zu „Die zunehmende Anzahl von Kindern und Jugendlichen die psychiatrische Betreuung benötigen“

Robert: Vermutlich spielt auch noch die Nahrung eine Rolle im asozialen Verhalten der Minderjährigen. Heutzutage essen sie viel mehr industriell denaturierte Nahrungsmittel, die besonders in den USA genetisch zerstört und mit chemischen Zusätzen angereichert und verfälscht sind. Einige dieser Zusätze lösen aggressives Verhalten aus.
Etwas anderes: die hier einwandernden autoritär strukturierten Menschen sind sicherlich zurecht entsetzt, wenn sie das Verhalten der antiautoritären Einheimischen erleben, das aus Rebellion gegenüber der traditionellen Autorität besteht.
In den Achtzigern fragte mich mal ein türkischer Kollege, ob ich sauer sei, dass er in den Ferien geheiratet hätte, weil er den Eindruck bekommen hatte, die Deutschen wären gegen das heiraten.

Jean: „Wenn man ihr Verhalten betrachtet, sind Eltern emotional nicht fähig, für das Aufziehen ihrer Kinder die Verantwortung zu tragen. Die Gesellschaft ist zerrissen.“
Ich fange allmählich an zu glauben, dass dies in „autoritären“ Zeiten wirklich anders war, so wie hier immer wieder argumentiert wird (konservativer Kernkontakt). Heute müssen Eltern zu allem einen eigenen Standpunkt finden, und wenn man nicht mit seinen Gefühlen verbunden ist, wird das ein stressiges Unterfangen. Die Fülle von Dingen, die man falsch machen kann, die widersprechenden „Experten“-Empfehlungen, und die belastenden Ergebnisse von schlechtem Kontakt zu den Kindern treiben einen geradezu in die Überforderung. Da war es früher vermutlich tatsächlich leichter, seinen Kindern mit Gefühl zu begegnen.

O.: Mit wie viel Gefühl Eltern ihren Kindern früher begegnet sind – vor, während und nach dem Krieg – läßt sich doch aus der Literatur autoritärer Zeiten ablesen: 1933 „Massenpsychologie des Faschismus“ und „Charakteranalyse“, beide Bücher so aktuell wie damals. Wer glaubt denn, dass wir heute wesentlich besser erziehen würden oder eine Gesellschaft (Schule, TV) die Kinder nicht charakterlich verbiegt, ängstigt und in die Abpanzerung zwingt? Diese Prozesse geschehen auch, wenn Eltern ihren Kindern gegenüber weitestgehend positiv gegenüberstehen, da sie ihre Kinder eben nicht (ausreichend) vor dem Umfeld schützen können.

Jean: Guter Einwand. Ich kenne ältere Menschen aus „autoritären Zeiten“, die ich als sehr herzlich erlebe. Es gibt aber auch viele andere.
„Diese Prozesse geschehen auch, wenn Eltern ihren Kindern gegenüber weitestgehend positiv gegenüberstehen, da sie ihre Kinder eben nicht (ausreichend) vor dem Umfeld schützen können.“
Ich erlebe eher, dass sich Eltern zwischen ihre Kinder und Schule stellen und nach beiden Seiten „gut Wetter“ machen wollen, was natürlich nicht klappen kann. Wenn sich viele Eltern mehr /ganz auf die Seite ihrer Kinder stellen würden, hätten sie vielleicht eine Menge Ärger mit den Schulen, würden aber auch etwas bewirken. Die Konflikte werden aber oft aus Angst vor Nachteilen für die Kinder nicht angegangen. Es ist wie immer: das Gestrüpp der vermuteten und angedrohten Gefahren hemmt eine klare Parteinahme für die Kinder.

O.: Es ist für Eltern absolut schwer sich in den Schulen (trotz Elternbeirat etc.) einzubringen, ohne sich emotional auch zu verwickeln und sich unverstanden zu fühlen. „Unabhängige“ Schulsozialarbeiter, die die Interessen der Schüler (in absolut erster Linie) und Eltern gegenüber der Schule moderieren oder (gemeinsam) vertreten, sind in jeder Schule zu fordern und in einigen auch schon vorhanden. Die emotionale Einmischung der Eltern kann dann besser auf der Sachebene diskutiert und gelöst werden. Als Elternteil sagt man evtl. einmal etwas oder bleibt eine kurze Zeit am Thema dran, dann muss aber darauf vertraut werden, dass eine Lösung gefunden wird. Schüler ohne (professionelle) Unterstützung in einer Schule laufen zu lassen, ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern kontraproduktiv. Das ganze Arsenal der Sozial-Pädagogik ist absolut nowendig neben dem Unterricht, da es um Erziehung und nicht um „Bildung“ geht. Bleibt zu hoffen, dass die Fachkräfte sich klar für die Interessen der Kinder einsetzen. Die Nöte in den Familien sind häufig doch sehr gravierend, so dass man von den Eltern nicht so viel erwarten darf. (Das bezieht sich nicht nur auf die Finanzen.) Von daher hat sich charakterneurotisch nichts verändert, ob wir es autoritär oder antiautoritär nennen, evtl. sind durch eine gewisse (falsch verstandene) anitautoritäre Haltung die Eltern für Gespräche zugänglicher geworden und sind bereiter zum Wohl ihres Kindes etwas zu tun, wenn sie nur wüßten, was und wie.
Man überlege sich auch, wie sehr der normale Mensch – jeden Alters – heute nur allzugerne einen Psychologen/ Psychotherapeuten hätte, wenn die (wenigen) Praxen der VT oder PA nicht so überlaufen wären.
Was hier an therapeutischer Methodik in Germany als „Psychotherapie“ noch gelten darf (mit Kassenzulassung), ist ein anderes Kapitel und verdient dessen Bezeichnung kaum.

Jean: „Das ganze Arsenal der Sozial-Pädagogik ist absolut nowendig neben dem Unterricht, da es um Erziehung und nicht um “Bildung” geht. “
Zur Schule gehört auch für mich die Anerkennung der Tatsache, dass wir Erwachsenen immer erziehen, wenn wir mit Kindern und Jugendlichen zusammen sind, und uns damit nicht aus der Verantwortung nehmen können. Leider ist davon bisher sehr wenig zu sehen, ca. 1 Schulpsychologe auf 1500 Kinder, die Lehrerausbildung hauptsächlich fachwissenschaftlich orientiert, Kinder werden als Problem gesehen, dem viele Lehrer mit Ordnungsmaßnahmen zu Leibe rücken, anstatt sich oder ihre Anstalt zu reflektieren.
Ich weiß auch nicht, ob die Schule als „professionelles Umfeld“ alles richten kann und soll. Die Eltern sind doch auch in der Pflicht, ihren Anteil am Geschehen zum Guten der Kinder zu gestalten. Im Prinzip sollte es den Kindern sowohl in den Familien als auch an den Schulen so gut gehen, so dass nicht eine Seite die andere ausgleichen muss.

O.: Auf 150 Schüler sollte eine Vollzeitstelle eines Psychologen kommen, mit festgelegter Frauen- u. Männerquote: Psychologen müssten mindestens 50% der Stellen besetzen, da Männer in Schulen unterrepräsentiert sind in Schulen und im Umgang einen ganz anderen Umgang haben.
Da Eltern für den Lebensunterhalt beide arbeiten müssen, bleibt nur das Wochenende noch für die elterliche Erziehung. Ich denke, das sowohl Eltern als auch Lehrer so sehr in ihren Charakterstrukturen verhaftet sind, dass psychologisch-pädagogische Beratung die geleistete „Erziehungsarbeit“ von außen teilweise begleiten könnten.
Ebenso müssen andere helfende Systeme, wie Kinder- und Jugendclubs, wieder etabliert werden, statt sie abzuschaffen. Kinder brauchen Räume und Plätze, die geschützt sind, auch ohne Massenabfertigunng. – Ein Traum für unser Land.