Podcast Episode: Orgonomie zwischen Ethik und Gesellschaft

3. November 1957

Besprechung von James DeMeo: Der Orgonakkumulator – Ein Handbuch (1994)

26. Oktober 2026

Am Anfang in der Darstellung der Entwicklung der Orgonomie wirkt das Buch etwas nachlässig geschrieben. Es wäre kleinlich, Beispiele anzuführen, z.B. reiht DeMeo Jung in die Psychoanalytiker der 1930er Jahre ein (S. 16) und seine Darstellung der bioelektrischen Experimente bringt den Leser in chronologische Konfusion (S. 30f). Überhaupt scheint die gegebene Information teilweise mehr dem Redefluß zu dienen als umgekehrt. So ist das Buch wohl sehr lesbar, aber für den aufmerksamen Leser auch sehr irreführend. Zumal die leider politisch korrekte Übersetzung und Druckfehler noch mehr zur Konfusion beitragen, wenn z.B. „the Reversed Orgonotic Potential“ mit „die umgekehrte orgonomische Spannung“ (S. 43) übersetzt wird.

In dem Teil, wo DeMeo über seine eigene orgonomische Arbeit berichten kann, wird das Buch zu einer aufregenden Lektüre. Hier liegt wirklich ein unentbehrliches Handbuch vor, dem man nur die weiteste Verbreitung wünschen kann. Zu diesem meinen inständigen Wunsch tragen auch die Beiträge von Stefan Müschenich, über seine Doppelblindstudie der physiologischen Wirkungen des ORAC, und von Heiko Lassek bei, über seine Arbeit mit dem ORAC in der ärztlichen Praxis. Gleichzeitig sorgt Lassek aber auch für einen Wermutstropfen der mir das Buch gründlichst vergällt hat:

Lassek kann den Leser nur verwirren, da er die Grundlage der Orgonomie, die Erforschung der Orgasmusfunktion mit keiner Silbe erwähnt, die organismische Pulsation in Begriffen der Informationsverarbeitung beschreibt und schließlich die Biopathie mit Hilfe der klassischen Psychosomatik darstellt. Der Sympathikothonie stellt er zur diagnostischen Systematik eine „Parasympathikotonie“ gegenüber, während Reich alle Biopathien auf Sympathikotonie zurückgeführt hat und parasympathische Reaktionen nur als reaktive auffaßte. Dies ist auch bei Lassek so, aber seine Terminologie führt doch sehr in die Irre, z.B. setzt Lassek Parasympathikotonie mit Unterladung gleich, während nach Reich bei der durch Unterladung gekennzeichneten Krebsbiopathie der Orgonakkumulator parasympathikoton gegen die sympathikotone Schrumpfung wirkt.

Wirklich schlimm ist aber erst Lasseks Beschreibung dessen, was er irrwitzigerweise als  „psychosomatische Orgontherapie (Vegetotherapie)“ bezeichnet. Durch Atemübungen (!!!) kommt es infolge der Hyperventilation zu Krämpfen. „Nachdem in mehreren Behandlungsstunden das vom Organismus des Behandelten tolerierbare Ladungs-/Entladungsniveau diagnostiziert werden kann, wird der Patient aufgefordert, die Arme vor den Körper parallel zu strecken, die Finger beider Hände vollständig zu strecken und zu spreizen und die auf diese Weise geöffneten Handinnenflächen während der vertieften Atmung in Abstand von ca. 10 cm zu halten. Weiterhin sollte das Becken aus der Ausgangsposition heraus leicht (!) angehoben werden, die Belastung des Fußes sollte an den Fußballen stärker als an der Ferse sein. Ist eine ausreichende Ladung des Körpers erreicht worden, setzen Vibrationen in der gesamten Oberschenkelmuskulatur ein, die zunächst im Adduktorenbereich am ausgeprägtesten erscheinen“ (S. 207, das Ausrufungszeichen stammt von Lassek). Danach breiten sich dann die Vibrationen vom Becken ausgehend nach oben über den ganzen Körper aus, bis schließlich der Orgasmusreflex einsetzt. Von einer systematischen Auflösung der Panzerung (oder gar von einer Charakteranalyse) kann hier keine Rede sein, vielmehr ist alles auf den schnellen Effekt ausgerichtet.

Andererseits ist Lasseks abschließende Beschreibung seiner ORAC-Behandlung von Krebskranken im Terminalstadium ein extrem wichtiger Beitrag, anhand dessen man ermessen kann, was die amerikanische Gesundheitsbehörde auf dem Gewissen hat. Hier kehrt bei mir das Gefühl wieder, das mich bereits beim Lesen von DeMeos eigenen Ausführungen plagte: bodenlose Empörung, angesichts eines menschenverachtenden kriminellen Wissenschafts- und Medizinbetriebes dem bequeme Autoritätsstellung, bequemes Dogma und bequeme Profite wichtiger sind als die wissenschaftliche Wahrheit und das Leben von Menschen. Mörder!

Bemerkenswert ist Lasseks Warnung vor einer ideologischen Ablehnung schulmedizinischer Methoden in der Krebsbehandlung. Viele sogenannte „Reichianer“, die man hätte retten können, haben sich mit ihrer ORAC-Selbstbehandlung, die bei bestimmten Krebsformen zu einer Förderung der Tumorbildung führen kann, selbst das Grab geschaufelt. Die Ausführungen Lasseks sind auch deshalb von besonderem Gewicht, da vorher im Buch durch DeMeo selbst die besagte Do-It-Yourself-Ideologie gefördert wurde.

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 4. Orgonomie und Spiritualität, a. Max Stirner und die Orgonbiophysik

25. Oktober 2026

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 4. Orgonomie und Spiritualität, a. Max Stirner und die Orgonbiophysik

Die Rückkehr des Proletariats

24. Oktober 2026

Daß sich mittlerweile vieles geändert hat, zeigt Reichs folgende Aussage aus dem Jahre 1942:

Die Worte „Proletarier“ und „proletarisch“ wurden vor mehr als hundert Jahren zur Kennzeichnung einer völlig rechtlosen, in der Masse verelendeten Schichte der Gesellschaft geprägt. Zwar gibt es noch heute solche Menschengruppen, aber die Urenkelkinder der Proletarier des 19. Jahrhunderts sind zu spezialisierten, technisch hochentwickelten, unentbehrlichen, verantwortlichen und fachbewußten Industriearbeitern geworden. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 23)

Vielleicht galt dies noch bis in die 1970er Jahre, aber seitdem findet beständig eine Re-Proletarisierung statt.

In 19. Jahrhundert z.B. war der Hafenarbeiter ein stupider Träger von Säcken und Kisten. Später entwickelte er sich mit der wachsenden Automatisierung zu einem hochspezialisierten Facharbeiter. Heute ist er entweder Teil des winzig kleinen unteren Managements, der Knöpfe drückt oder – hat einen denkbar stupiden Job im Container-Terminal bar jedweder Hafenromantik. Wie lange wird es dank KI noch geben? Wie lange noch Fernfahrer oder hochspezialisierte Piloten etc.pp.? Die „fachbewußten Industriearbeiter“ sterben im Gefolge der Computerisierung aus, was bleibt, sind, wie in den USA, unterbezahlte McDonald-Jobs und austauschbare Dienstleister. Tendenziell wird so der Arbeitsdemokratie die Grundlage entzogen. Das gilt sogar für hochspezialisierte Angestellte, die dank der KI erst recht überflüssig werden! Selbst Steuerberater und Rechtsanwälte: im Grund schon heute weitgehend überflüssig! Sogar Graphiker und Illustratoren!

Und hier schließt sich der Kreis, denn im Umgang mit privaten und staatlichen Bürokratien, hatte man es noch vor 10 Jahren mit Sachbearbeitern zu tun, die einen teilweise sogar „persönlich“ kannten, weil man schon öfter telefonischen und brieflichen Kontakt hatte. Heute spricht man mit der künstlichen Intelligenz „Paul“ oder bestenfalls irgendeinem Callcenter-Mitarbeiter, der das für dich auf dem Computerbildschirm macht, wozu du selbst zu blöd bist. Bald wird auch dieser Service wegfallen! Man hat es nicht mehr mit „Facharbeitern“ zu tun, sondern mit „der Maschine“. Und die wird gegen jeden oberflächlichen Anschein jedenfalls perspektivisch ständig dümmer, wenn nur noch Maschinen Maschinen mit „Information“ füttern. Ausschließlich der Mensch kann kreativ sein und in Zusammenhängen denken. Ausschließlich durch ihn kann die kosmische Orgonenergie mit ihren Formgesetzen wirken! Ausschließlich der Arbeiter kann Werte im eigentlichen Sinne schaffen.

Entweder macht er die KI zu seinem Werkzeug oder es wird nichts bleiben als Verfall und Elend wie einst im „proletarischen“ Realsozialismus. Der ging unter, als er die Ressourcen, die vom Kapitalismus übriggeblieben waren, aufgebraucht hatte. In der „DDR“ konnte man das unmittelbar sehen! Genauso wird es der Maschinenwelt gehen, wenn das von den „fachbewußten Industriearbeitern“ erwirtschaftete Kapital aufgebraucht sein wird.

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, n. Marihuana

23. Oktober 2026

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, n. Marihuana

Brief [über Stirner und Nietzsche] 2002

22. Oktober 2026

Brief [über Stirner und Nietzsche] 2002

Reich in Davos

21. Oktober 2026

Ende 1926 bis Frühjahr 1927 kurierte Reich seine TBC-Erkrankung im berühmten Schweizer Luftkurort Davos aus. Wie ernst die Lage war, ist allein schon daraus ersichtlich, daß sein jüngerer Bruder Robert 1926 an TBC verstorben war!

Man wird kaum zeitgenössische Berichte über oder Erinnerungen an Reichs Aufenthalt finden, da Reich damals ein vollkommen unbedeutender Arzt war, welcher selbst von psychoanalytischen Insidern andauernd mit Theodor Reik verwechselt wurde. Wie es auf dem berühmten „Zauberberg“ allgemein zuging, kann man sich in Thomas Manns 1924 erschienenen gleichnamigen Roman erlesen. Reich ist damals in einem Massenbetrieb untergegangen, denn TBC war wirklich eine Massenkrankheit und „Davos“ die Standardkur.

Die einzige Spur, die man anführen könnte, ist ein Aufsatz von Anny Angel (1898-1992). Angel war Schülerin Reichs und begleitete ihn nach Davos. Hier das Abstract „Betrachtungen über das Leben in Davos“ (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIV(4), 1928, S. 435-436 – Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Wiener Psychoanalytische Vereinigung I. Quartal 1928: 25. Januar 1928: 8. Kleine Mitteilungen und Referate: Schriftführer Dr. R.H. Jokl):

Versuch, den „Zauberberg“ Davos, d.h. die Beobachtung, daß leichte Fälle von Tuberkulose dort nicht gesund werden können und schon Gesundete jahrelang dort verweilen, aus unbewußten Lustquellen zu erklären. 6000 bis 8000 Kranke leben dort im selben Rhythmus; sie haben die orale Konstitution gemeinsam und bilden eine homogene Masse, die den gleichen psychologischen Gesetzen folgt. Sie führen das Leben von Säuglingen, liegen den ganzen Tag fest eingepackt, unterbrochen nur durch die reichlichen Mahlzeiten und das „Lutschen“ am Thermometer. Beschäftigungslos dösen sie vor sich hin, der Zeitsinn ist ihnen verloren gegangen. Das Leben entspricht einer Massenregression in das Säuglingsstadium, aus dem die Lustquellen stammen, die diese Menschen jahrelang am Orte festhalten.

Diskussion: Frau Dr. Deutsch, Federn, Dr. Perls (a.G.), Reich.

Der Artikel selbst erschien 1928 in: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Jg. 2, Heft 11/12, S. 407–411. Dort werden drei weibliche Fallbeispiele präsentiert. Nach Abraham stehe Optimismus mit einer glücklichen oralen Phase in der Kindheit zusammen. Dieser Optimismus müsse durch das Realitätsprinzip geformt werden, um wirklich wirksam zu sein. Bei Frauen gehöre dazu, daß sie das Fehlen eines eigenen Penis akzeptieren, während bei Männern Optimismus eher mit dem Gefühl einer Einheit mit der Mutter Erde verbunden ist. Und so weiter und so fort.

Das übliche obskurantistische Geschwurbel der Psychoanalytiker, die selbst offensichtlich den größten Dachschaden haben! Natürlich sind die Grundgedanken valide und fruchtbar, aber die Psychoanalytiker haben auf diesem soliden Fundament eine windschiefe Bruchbude errichtet, in deren morscher Ruine heute nur noch schwindsüchtige Gespenster hausen.

Die heutigen direkt auf Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker und Charles Konia zurückgehenden Orgonomen sind die einzigen, DIE EINZIGEN, legitimen Vertreter der Libido- und Strukturtheorie Freuds! Es ist unausdenkbar wäre Reich damals an TBC gestorben…

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, m. Architektur

20. Oktober 2026

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, m. Architektur

Freud, Rank, Jung, Adler und Reich

19. Oktober 2026

Reich hat nie bestritten, daß es „Komplexe“ gibt, so etwas wie Freudsche perverse Triebe, Ranksche Geburtstraumata, Jungsche „Archetypen“ und einen Adlerschen „Willen zur Macht“. Es ist nur so, daß durch die Orgasmusfunktion diesen seelischen Gegebenheiten die Energie entzogen wird. So hat die Orgasmustheorie einen grundsätzlich anderen Charakter als „andere“ monokausale Theorien. Der Reichsche Gesundheitsbegriff beinhaltet nicht, daß einer keine perversen Triebe hat, sondern daß diesen Trieben die Energie entzogen wird. Wenn man einen harmlos tropfenden Wasserhahn mit dem Daumen zudrückt, spritzt er nach einiger Zeit gefährlich.

Beispielsweise ist der Rassismus biologisch vorgegeben. Menschen „fremdeln“. Wie sollte es anders sein? Durch den neurotischen Energiestau aufgrund orgastischer Impotenz bricht dieses potenziert aus. Die Kultur versucht das zu beherrschen, indem entweder jede Menge zusätzlicher Dämme und Kanäle gebaut werden, um die hervorsprudelnde Irrationalität zu beherrschen, oder es wird versucht sozusagen den Wasserhahn ganz abzudrehen, wie etwa im Buddhismus. Als Illustration möge der Unterschied in den Philosophien Hegels (vernunftgemäße Kanalisierung der Dynamiken) und Schopenhauers (Verneinung des „Willens“) dienen.

Die Grundfrage ist, ob die natürliche „Triebausstattung“ jenseits der Frage, ob diese Triebe „gut“ oder „böse“ sind, grundsätzlich mit genitalorgastischer Selbstregulation vereinbar sind oder nicht. Freud, für den der Mensch ein „sadomasochistisches Tier“ war, verneinte dies, während Reich der inhärenten Rationalität der Natur vertraute.

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, l. Der Gegensatz von Alzheimer und Krebs

18. Oktober 2026

DAS BLAUE BUCH 2012-2016: 3. Medizinische Orgonomie, l. Der Gegensatz von Alzheimer und Krebs

Orgonomische Ethik?

17. Oktober 2026

Moral bedeutet den primären, genitalen Antrieben den Vorzug zu geben vor etwaigen prägenitalen und sadistischen Antrieben, die durch Frustrationen hervorgerufen wurden. Nicht zu verwechseln mit der Zwangsmoral: die Befolgung von aufoktroyierten Regeln, die den genitalen Antrieben entgegenstehen.

Ich habe also erst einmal gar nichts gegen Moral, aber alles gegen Zwangsmoral, die letztendlich die Grundlagen jeder wirklichen Moral untergräbt.

Zweitens würde ich Reichs Begriff „Zwangsmoral“ glatt mit „Ethik“ gleichsetzen, weil Reich in Die sexuelle Revolution gesagt hat, daß jede Ethik prinzipiell antisexuell und damit verdammenswert sei.

Ethik bedeutet zweierlei: 1. Wertlehre und 2. Morallehre.

Daß die „Lehre von den sittlichen Werten“ primär gegen die „unsittliche“ Sexualität gerichtet ist, sollte wohl klar sein, d.h. aber natürlich nicht, daß „Werte“ per se verdammenswert sind. Orgonomisch betrachtet sind Werte nichts anderes als die „Fassadenrepräsentanz“ (Peripherie) von Kernbestrebungen. Wahre Werte sind eine unverfälschte Widergabe des Kerns, neurotische Werte sind beim Durchgang durch die sekundäre Schicht verzerrt worden (wie beim sentimentalen oder moralistischen „Wertkonservativen“). Und dann gibt es noch „falsche Werte“, d.h. Werte, die mit dem Kern nichts zu tun haben, sondern einfach nur der sekundären Schicht dienen: das sind die „Werte“ der Linken (des pseudoliberalen [modern liberal] Charakters und Roten Faschisten). Dem absolut Bösen schlechthin!

Ähnliches läßt sich zur „Lehre von den sittlichen Forderungen“ sagen, nur daß es da bioenergetisch weniger um die Fassade als vielmehr um die mittlere Schicht geht. Nach dem Motto: „Mensch, Junge, reiß Dich zusammen und zeig Charakter!“ Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, doch hier zeigt sich dann doch wieder der innere Widerspruch jeder Moral. Gerade die zwangsmoralische Charakterformation verhindert, daß man wirklichen Charakter zeigt. Man funktioniert vielmehr wie ein Automat (also z.B. immer zwangsneurotisch oder immer chronisch-depressiv) – und ist deshalb imgrunde ziemlich „charakterlos“ im umgangssprachlichen Sinne. Es geht darum, die Kernbestrebungen möglichst effektiv und fachgerecht durchzusetzen: Charakter zu zeigen. Das kann nur der genitale Charakter, nicht jedoch der neurotische Charakter.

In einer neurotischen Welt ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man einem Kind immer wieder die Kernrepräsentanz in der Fassade, also Werte vor Augen führt und es so mit seinem Kern in Kontakt hält. Man bringt ihm also Werte bei, etwa immer wahrhaftig, also „kernrepräsentativ“ zu sein. Das hat Reich bei seinem Sohn Peter getan, um ihn gegen die ansteckende Krankheit Emotionelle Pest zu immunisieren. Leider ist es aber so, daß den Kindern heutzutage irgendwelche „Werte“ aufoktroyiert werden, die das Kind nicht mit dem Kern in Kontakt halten, sondern nur noch weiter vom Kern trennen. Man denke nur an die ganze pestilente Regenbogen-Agenda.

Wir helfen den Kindern nicht, wenn wir ihnen alle Wiederstände aus dem Weg räumen, sie z.B. unwidersprochen Lügen lassen, weil die Lüge für sie viel bequemer ist. Nein, genauso wie sie durch Überwindung von materiellen Hindernissen eine Muskulatur ausbilden, sollen sie durch Überwindung von „moralischen“ Widerständen auch eine Charakterstärke ausbilden – und z.B. lernen, damit umzugehen, wenn man Scheiße gebaut hat. In unserer antiautoritären Gesellschaft ist es aber so, daß man sowas durchgehen läßt, weil die Eltern selbst viel zu bequem und kontaktlos sind. Andererseits werden Kinder nach wie vor mit Forderungen konfrontiert, die nichts mit dem aktuellen bioenergetischen Funktioniere des Kindes zu tun haben. Etwa: „Ich habe Dich beim Akkordeonkurs angemeldet! Und Du gehst hin. Keine Widerrede. Als Kind wollte ich immer Akkordeon lernen, konnte das aber nicht! Und jetzt gebe ich Dir die Chance, Du undankbarer Balg!“ So wird durch moralische Forderungen der Charakter nicht etwa gestärkt, sondern kaputtgemacht.

Kann es also eine orgonomische Ethik geben? Diese Frage ist abstrakt und sinnlos, wenn man nicht die obigen Überlegungen einbezieht und das dann vom individual-bioenergetischen auf den gesellschaftlichen arbeitsdemokratischen Bereich überträgt. Die Frage muß in diesem Fall lauten, ob die Arbeitsdemokratie eine Ethik für ihr funktionieren braucht.

Was die aktuelle real existierende Arbeitsdemokratie braucht, sind klare Leitlinien, die die Mitarbeiter immer wieder an den Kern der ganzen Sache erinnern, so daß sie mit ihm in Kontakt bleiben („Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens!“), und Forderungen, die die Mitarbeiter davon abhalten sitzenzubleiben und sie dazu ermahnen, diese Leitlinien auch durchzusetzen („Liebe, Arbeit und Wissen sollten das Leben auch regieren!“). Reichs Labor war mit derartigen Sprüchen gepflastert: „It can be done!“ Ethik im Sinne einer bioenergetischen Funktion, statt eines Über-Ichs, das gegen die Bioenergetik kämpft.

Das ist eben das grundsätzliche Problem mit dem Begriff „Ethik“. In der griechischen Philosophie ist sie etwas, das aus der überweltlichen Ideenwelt herabkommend der niederen, bösen, chaotischen Materie ihren göttlichen Stempel aufdrückt; und in der jüdischen Religion ist sie eine überweltliche, unbegreifliche und logisch nicht rechtfertigbare göttliche Offenbarung, die aus dem bösen Tier einen guten, „beschnittenen“ Menschen macht. Auf dem Prokustesbett des Ideals sadistisch verstümmelte Körper, verstümmelte Genitalien! Mit dieser Ethik will ich nichts zu tun haben, Du dumme Sau!