Jerome Eden: DIE KOSMISCHE REVOLUTION – 13. Die Emotionelle Pest
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Jerome Eden: DIE KOSMISCHE REVOLUTION – 13. Die Emotionelle Pest
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Die Zukunft der Orgonomie ruht auf vier Pfeilern, von denen gegenwärtig alle vier brüchig, wenn überhaupt vorhanden sind:
Die Lage scheint ausweglos zu sein, doch das Schöne an der Orgonomie ist, daß jeder in jedem beliebigen Moment etwas Konstruktives tun kann. Man kann seine eigene Panzerung dadurch angehen, daß man sie zunächst einmal spürt. Man kann immer und überall die Orgonenergie beobachten. Man kann sich der Irrationalität in seiner Umgebung entgegenstellen. Und vor allem kann man sich bemühen, so funktionell wie nur irgend möglich zu leben. Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlagen unseres Lebens, sie sollten es auch beherrschen!
Alles hängt von den „Massen“ ab – alles hängt von uns ab. Jeder Erwachsene trägt die Verantwortung für sein Leben und die Umstände, unter denen er lebt.
Die Orgontherapie ist so zentral wichtig, weil ohne Orgontherapie alles nichts ist! Deshalb erscheinen in der Zeitschrift für Orgonomie ausschließlich Texte zur Orgontherapie.
Betrachten wir dazu das Emblem der Zeitschrift. Historisch geht es auf die zu Reichs Lebzeiten von Elsworth F. Baker herausgegebene Zeitschrift Orgonomic Medicine zurück, deren Symbol eine Äskulapschlange war, die sich um das Symbol des orgonomischen Funktionalismus schlängelte. Als Baker diese Zeitschrift 1968 unter neuem Titel fortführte (The Journal of Orgonomy), gesellte sich zur Schlange, die die Medizin symbolisiert, der Blitz als Symbol der Physik. Die neue Zeitschrift sollte nämlich auch die von Reich herausgegebene Zeitschrift CORE ersetzen, in der es vor allem um Orgonbiophysik gegangen war. Insgesamt symbolisiert das Emblem der Zeitschrift für Orgonomie die drei Hauptbereiche der Orgonomie: Medizin (Schlange), Physik (Blitz) und Kosmologie (Spiralgalaxie).
Entsprechend wird die Orgonomie in den drei Bänden von Die Entdeckung des Orgons beschrieben: Bd. 1: Die Funktion des Orgasmus, Bd. 2: Der Krebs und der nie abgeschlossene dritte Band über die orgonomischen Funktionalismus, dessen geplanter Inhalt sich aus Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung in etwa erschließen läßt.
Nochmal: Warum ist dann die Orgontherapie so überproportional wichtig? Weil –, um mit Kant zu sprechen: „Die Welt erscheint nicht so, wie sie ist, sondern so, wie ich bin.“ Bin ich gepanzert, ist alles nichts! Oder anders gesagt: Es müssen in Deutschland erst eine „kritische Masse“ an Menschen eine Orgontherapie durchlaufen haben, ehe man sich sinnvoll mit etwas anderem als der orgonomischen Medizin beschäftigen kann!
Und hier geht es wirklich um die Orgontherapie, nicht irgendeine „Körperpsychotherapie“ oder eine vom American College of Orgonomy nicht autorisierte angebliche „Orgontherapie“!
In einem Kalender habe ich folgenden Spruch des Schweizer Jesuiten und Zen-Meisters Niklaus Brantschen gefunden: „Wie ich gehe, so geht es mir; wie ich stehe, so steht’s um mich; wie ich laufe, so laufen die Dinge bei mir.“ Kant wird hier sozusagen „verkörpert“. Im Kommentar wird auf alltägliche Sprüche verwiesen wie „Laß den Kopf nicht hängen!“, „mit stolzgeschwellter Brust“, „Trag die Nase nicht so hoch!“
Das bedeutet aber nicht, daß die Orgontherapie eine „Körpertherapie“ ist. Ganz im Gegenteil!
Reich hat seinem Mitarbeiter Myron Sharaf gesagt: „Es sollte möglich sein, Orgontherapie durchzuführen, ohne den Patienten zu berühren, nur mit Reden“ (z.n. Sean Haldane: Pulsation, London 2014, S. 199).
Und Baker hat geschrieben:
Manchmal kann man Gefühle freisetzen und manchmal läßt das Festhalten nach, wenn man dem Patienten beschreibt, was er ausdrückt oder was er tun möchte, oder wenn man ihm einen Spiegel vorhält oder durch verständnisvolle Worte und nicht durch direkte Bearbeitung der Muskeln. Ich habe oft das Gefühl gehabt, wenn man nur genug wüßte und aufmerksamer wahrnähme, könnte man die Therapie ganz und gar auf diese Weise durchführen. (Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 91)
Noch etwas: Die Orgonomie wird in Deutschland nur eine Zukunft haben, wenn die Orgontherapie hier eine Zukunft hat. Mehr: die Orgonomie wird nur in Deutschland eine Zukunft haben. Oder anders ausgedrückt: hat Deutschland keine Zukunft, hat auch die Orgonomie keine Zukunft.
Es gibt zwei Wege der Orgonomie in die Zukunft:
Die vielleicht radikalste Vertreterin des ersten Ansatzes war Eva Reich, die kaum Grenzen kannte, wenn es darum ging, den Namen „Wilhelm Reich“ vor dem Vergessen zu bewahren. Alles, was auch nur annähernd an Reichs Intentionen erinnerte, wurde von ihr unterstützt. Man lese etwa das vielleicht lächerlichste Reich-Buch, das je erschienen ist: Wilhelm Reich. The Man who Dreamed of Tomorrow. Das Vorwort stammt von Eva Reich. Wäre ihr die Führung der Orgonomie nach Reichs Tod zugefallen, gäbe es heute nicht vielleicht zweidutzend medizinische Orgonomen, sondern Tausende. Tatsächlich gibt es sie ja auch heute, aber das Resultat wäre genau das, was man heute beobachten kann: eine Verwässerung der Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit und eine massive Schädigung von Patienten im Namen der „Orgonomie“. Ich habe das alles bis zum Überdruß in den verschiedensten Blogeinträgen und in meinen Buchbesprechungen erläutert (siehe den obigen Link).
Die Gegenposition hat Elsworth F. Baker verkörpert, der selbst noch erstaunlich „liberal“ war, und sie hat sich durch Charles Konia („Eine arbeitsdemokratische Organisation“) weiter zugespitzt. „Qualität statt Masse“ wäre das naheliegende Stichwort, aber es geht bei näherer Betrachtung um mehr.
Es ist nicht einfach der Gegensatz von Expansion und Kontraktion, sondern es umfaßt etwas, was in dieser Gesellschaft, die von einem Kult der Expansion geprägt ist, immer seltener vorkommt: das Vorbereiten auf einen Schwung nach vorne. Erfinder werkelten jahrelang vor sich hin, bis man beispielsweise Gummi dergestalt aufbereiten konnte, daß etwas wie Autoverkehr möglich wurde. Heute ist die Gummifertigung ein gigantischer Industriezweig, den man sich unmöglich wegdenken kann.
Damit so etwas möglich ist, braucht es unendlicher Geduld, Disziplin und Konzentration auf das Wesentliche. Man denke nur mal daran, welch ein Aufwand es ist, ein Instrument zu erlernen oder ein international anerkannter Virtuose zu werden. Dem geht jahrelanges Klimpern in den eigenen vier Wänden und viele Semester im Konservatorium voran. Welche Opfer es kostet, die höhere Mathematik mit leichter Hand zu beherrschen oder eine fremde Sprache so gut zu sprechen wie ein Muttersprachler! Es ist alles ein langwieriges Zuschleifen eines Rohdiamanten.
Genau das läßt sich auf die Orgonomie übertragen. Es bringt nichts, rein gar nichts, wahrheits- und freiheitskrämerisch Versatzstücke der „Reichschen Lehre“ zu verbreiten und aus deren Vertretern eine breite „Bewegung“ bilden zu wollen:
Wenn die Orgonomie die objektive Wahrheit vertritt, wird es über kurz oder lang zu einem plötzlichen Pusch nach vorne kommen, ähnlich wie die erwähnte Gummiindustrie förmlich explodiert ist, nachdem ein gewisser Entwicklungsstand erreicht war und die Umweltbedingungen (insbesondere die Entwicklung des Autos) entsprechend gediehen waren. In diesem Sinne muß sich die Orgonomie konsolidieren, beispielsweise was die Ausbildung von medizinischen Orgonomen betrifft oder die Ausformulierung der Orgonometrie. Das würde durch eine verfrühte Expansion weitaus schwieriger, wenn nicht sogar verunmöglicht werden.
Ein naheliegendes Beispiel ist der Geschlechtsakt mit seinem langen „Mahlen“ (den Friktionen), was zum plötzlichen „Schwung nach vorn“ (dem Orgasmus) führt. Dies polymorph-pervers immer weiter auszubreiten und zu variieren, hintertreibt den geregelten Energieablauf, obwohl „mehr Lust“ und eine „höhere Befriedigung“ versprochen werden. In den Bereich der Arbeitsfunktion übertragen, geschieht in der Orgonomie heute genau dasselbe: Wilhelm Reich gegen Theodoor Hendrik van de Velde (der Oswald Kolle der 1920er Jahre). Es ist der Gegensatz zwischen der konservativen und der liberalen Orgonomie. Um zu wissen, auf welcher Seite Reich stand, lese man seine Korrespondenz mit A.S. Neill Zeugnisse einer Freundschaft.
Worum es geht, wird auch durch die beiden folgenden Skizzen deutlich. Die liberale Orgonomie expandiert, erkauft dies jedoch durch eine innere Aushöhlung. Die konservative Orgonomie kontrahiert, was zu einer zunehmenden Isolation („äußeren ‚Aushöhlung‘“) führt:
In seinem Buch Äther, Gott und Teufel befaßt sich Reich mit der Rolle der Panzerung in der Naturwissenschaft:
Die Erforschung der Natur durch das Experiment war ein entscheidender Schritt vorwärts zur objektiven Betrachtung. Doch das mechanistisch durchgeführte Experiment hat den Forscher von seiner unmittelbaren Beobachtung getrennt. Das Mißtrauen zum Menschen, zu seiner Urteilskraft und zur Rationalität seiner Emotionen ist berechtigterweise so riesenhaft, daß man das objektive Experiment überlud. Man fühlte Abneigung gegen das Untersuchen der Gewebe in lebendem Zustande ebenso wie gegen die Beobachtung der Atmosphäre mit dem freien Auge. „Objektive Experimente“ wie etwa das Michelson-Lichtexperiment, das den Äther abschuf, sind katastrophale Ereignisse für die Naturforschung. Man kann den. lebendigen Beobachter durch das Experiment nur kontrollieren, aber man kann ihn nicht ersetzen. Eine mechanistisch arbeitende und denkende Struktur im Beobachter kann durch Experimentieren nicht befruchtet werden. Daher war es immer der Rebell gegen den Mechanismus in der Naturforschung, der die scharfen Grenzen überschritt und seine Entdeckungen gerade durch Unorthodoxie machte. Er kehrte einfach zur direkten Beobachtung und zum natürlichen, d.h. funktionellen Verknüpfen der Beobachtungen zurück. Diese Rebellen der Naturwissenschaft waren auch Rebellen im Denken; sie funktionierten lebendig, überschritten Grenzen, brachen Zäune nieder, so in der Frage der Unveränderlichkeit chemischer Stoffe, in der Beziehung von Energie und Masse, in der Beziehung von Mensch und Tier, etc. Man denke bloß daran, was die Psychologie geleistet hat.
Der Funktionalist bedient sich also des Experiments auf Grund direkter Beobachtung zur Bestätigung seiner Beobachtungen und Denkresultate. Er ersetzt nicht das Denken und das Beobachten durch das Experimentieren. Der Mechanist hat kein Vertrauen zu seinem Denken und Beobachten, und er ist da im Rechte. Der Funktionalist hat Vertrauen zu seinen Sinnen und zu seinem Denken. Er unterscheidet sich. vom Mystiker und vom Gläubigen dadurch, daß er die Unsicherheiten kennt und experimentell kontrolliert. Er unterscheidet sich vom Mechanisten dadurch, daß er nichts aus der Beobachtung ausschließt, alles für möglich hält, durch seine Fassung von Beziehungen die Grenzen zwischen den Wissenschaften niederbricht und stets in disziplinierter Weise zum einfacheren Funktionsprinzip fortschreitet. (S. 114)
Das bedeutet, daß das mechanistische Experiment eine Entsprechung zur „mechanistischen Struktur“ des Wissenschaftlers ist, seiner Panzerung, d.h. es trennt ihn von seinem Gegenstand. Das, was Kontakt mit der Natur herstellen soll, nämlich der wissenschaftliche Versuch, unterbindet diesen Kontakt. Das ist so, weil der Gepanzerte seiner sinnliche Beobachtungsgabe und seinen eignen gedanklichen Schlußfolgerungen (zu recht) nicht traut. Natürlich muß auch der funktionelle Forscher das wissenschaftliche Beobachten und Schließen durch Experimente ständig kontrollieren, aber diese Versuchsaufbauten können nicht die lebendige Beobachtung und das funktionelle, d.h. der Natur folgende, Denken ersetzen. Am Beginn steht immer der lebendige Organismus mit seinen Emotionen, Empfindungen, Wahrnehmungen und den daraus abgeleiteten „Eingebungen“ und Kognitionen. Das Experiment dient wie gesagt der Kontrolle.
Man kann Wildtiere beobachten und daraus seine Schlüsse ziehen. Natürlich sollte man das, soweit möglich kontrollieren, indem man diese Tiere etwa auf eine Weide sperrt, d.h. kontrollierte Bedingungen herstellt. Durch diese Übergriffigkeit besteht aber die Gefahr, daß die nunmehr kontrollierten Beobachtungen nur Artefakte widergeben. Wenn ich, „blind und dumm“, was die natürlichen Bedingungen betrifft, nun von solchen artifiziellen Bedingungen ausgehe und jede Menge willkürlicher Experimente mit den unversehens zu Nutz- wenn nicht Haustieren entarteten Versuchsobjekten mache, kontrolliere ich nicht mehr meine Beobachtungen und Schlußfolgerungen anhand der Natur, sondern projiziere ganz im Gegenteil meine „Unnatur“ (Panzerung) in die Natur hinein. Genau das machen mechanistische Wissenschaftler mit ihren vermeintlich „objektiven Experimenten“ tagtäglich, weil sie nicht mehr ihren Beobachtungen und Denkresultaten trauen können. Imgrunde ist Naturwissenschaft ohne vorangehende Orgontherapie unmöglich. Es ist Pseudowissenschaft, in der der gepanzerte Mensch nur sich selbst widerspiegelt, während ihm die Natur entgleitet. Naturwissenschaft wird zur Unnaturwissenschaft.
Reich hatte hier seine Bionforschung vor Augen, in der er die „unsterile“ Natur einfach ganz „naiv“ beobachtete und daraus organisch Experimente ableitete, während es den „richtigen“ Mikrobiologen um das präzise Taxieren, Bestimmen, Charakterisieren unter kontrollierten, d.h. sterilen Bedingungen geht. Daß dadurch genau das abgetötet wird, was Gegenstand der Untersuchung sein sollte, wird weder gesehen noch mental erfaßt. Ein weiteres Beispiel ist das Orgon in der Physik. Es wird durch die Versuchsbedingungen abgetötet und förmlich unsichtbar gemacht. Es ist, als würde man Verhaltensforschung von Schweinen und Kühen auf der Schlachttheke betreiben wollen. „Naturwissenschaftler“ sind wie nekrophile Sexualmörder, die das, was sie vermeintlich lieben, erst erdrosseln müssen, bevor sie es „lieben“.
Mir wurde schon einiges an den Kopf geworfen. Ich sei Dialektiker, Opportunist, Agnostiker, Dadaist, Wirrkopf, Ideologe, gar Demokrat (ein absurder. Wirklich unverschämter Vorwurf, der mich tatsächlich persönlich zutiefst verletzt!). Das alles sei ich, weil ich scheinbar ständig meine Meinung ändere, meine Perspektive, meinen Standpunkt. Dabei versuche ich doch nur funktionell zu denken. Was das sein soll, kann man anhand von Reichs Symbol des orgonomischen Funktionalismus ersehen:

Es stellt die Gleichzeitigkeit von oberflächlichem Gegensatz und tiefer Einheit dar. Entsprechend bewegt sich funktionelles Denken horizontal zwischen links und rechts, vertikal zwischen oben und unten. In diesem Beispiel sind entsprechend zu ein und demselben Phänomen (vollständig willkürlich gewählt) 60 Meinungen möglich:

Je nach den Umständen kann man, vielleicht muß man, sich für eines der 60 Möglichkeiten entscheiden. Beispielsweise was die Drogenfreigabe betrifft. Ganz links steht für komplette Freigabe, ganz rechts für absolutes Verbot. Ganz oben steht für eine rein legalistische Argumentation, ganz unten für eine rein bio-kosmische. Wählen wir die vier Extrem- bzw. „Eckpositionen“ als Beispiele:
1: prinzipiell niemand, erst recht nicht der Staat, hat das Recht in meine persönlichen Entscheidungen einzugreifen
6: es gehört zu den Obliegenheiten des Staates, den einzelnen Bürger vor sich selbst zu schützen und auch andere vor der vermeintlichen „Selbstverwirklichung“ ihrer Mitbürger
55: Selbstregulierung (Spontanität ist die Grundeigenschaft der kosmischen Orgonenergie)
60: das Naturgesetz (Gesetzmäßigkeit ist die Grundeigenschaft der kosmischen Orgonenergie)
Zwischen 1 und 6 bzw. 55 und 60 ist dann jeweils sowohl das Gemeinsame zu suchen als auch den Ausgleichen zwischen Oberflächlichkeit (die Ebene von 1 und 6) und bloßer Wahrheitskrämerei (die Ebene von 55 und 60). Ähnliches gilt für den Libertinismus von 1 und 55 versus die Rigidität von 6 und 60. In einer Diskussion kann ich alle 60 Positionen einnehmen. Zwar tendiere ich persönlich nach „rechts unten“, aber in einem bestimmten Augenblick einer konkreten Diskussion könnte ich mich auch „links oben“ wiederfinden, ohne meine Überzeugungen aufzugeben. Ich denke funktionell, d.h. ungepanzert: ich kann mich frei im Rechteck mit seinen 60 Möglichkeiten bewegen. Je gepanzerter (ideologischer, also geistesgestörter) ein Mensch ist, desto eingeschränkter sind seine Bewegungsmöglichkeiten im Rechteck.
Natürlich kann eingewendet werden, daß eine Darstellung mit einem mit der Spitze nach unten weisenden Dreieck, gemäß dem Symbol des orgonomischen Funktionalismus, angebrachter wäre, doch das wäre ein rein bildhaftes, formales Denken, das das Wesen des orgonomischen Funktionalismus verkennt, und stellte bereits eine Einschränkung der besagten Bewegungsmöglichkeiten dar.
Das folgende wäre eine andere Betrachtungsweise frei nach Reich, die selbstredend natürlich korrekt ist, hier aber explizit nicht gemeint ist!


Da die Orgonomie nicht anerkannt ist und deshalb ein ziemlich abgeschlossenes, „sektiererisches“ Dasein fristet, besteht die Gefahr, daß sie als soziales „Biotop“ mißbraucht wird. Man wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft, deren „Geheimwissen“ für den gewissen Kick sorgt und dem Leben einen Sinn gibt. Doch genauso wie sich Sexualität und Arbeit wechselseitig ausschließen, harmoniert diese Art von Nestwärme nicht mit der orgonomischen Wissenschaft. Sie im gleichen Lebensbereich zu suchen, bedeutet einen Kult zu begründen.
Auch wird die Orgonomie in einen weltanschaulichen Kult verwandelt, wenn man passiv die Weisheiten der (vermeintlichen) orgonomischen Autoritäten wie heilige Worte unreflektiert aufnimmt, ohne selbständig zu denken. Es geht um die funktionelle Hierarchie des arbeitsdemokratischen Prozesses, nicht um Heilssicherheiten, die von oben nach unten weitergegeben werden.
Für Reich war A.S. Neill das perfekte Beispiel eines „Anhängers“, wie er ihn sich wünschte:
Neill besitzt in einem sehr hohen Grade die seltene, aber auch so wichtige Qualität der vollständigen Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Unterordnung, was die gemeinsame Sache betrifft. Das unterscheidet ihn von dem Rebellen, der sich zwar nicht für eine gemeinsame Sache unterordnen will, der aber gleichzeitig nie seine tiefe Abhängigkeit in den Griff bekommt. Dergestalt gingen viele Meinungsunterschiede in Erziehungs- und sozialen Fragen einher mit einem tiefempfundenen Verantwortungsbewußtsein für die gemeinsame Hauptaufgabe. (Reich: „Orgonomy 1935-1950 – A Brief Review (I)“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, July 1950, S. 146)
Von seiten Kleiner Männer und Frauen wird gegen die „offizielle“ Orgonomie, insbesondere das American College of Orgonomy, häufig der Vorwurf erhoben, sie wäre viel zu orthodox, in sich abgeschlossen und nicht offen genug, während die „Reichianische Szene“ ganz anders wäre, nämlich offener und lebendiger. So wird die Alternative zwischen einem „offenen Reichianismus“ gegen einen „fundamentalistischen“ orgonomischen Kult konstruiert. Aus derartigen Aussagen spricht die Sehnsucht nach der Nestwärme einer „orgonomischen Bewegung“, die einen mit offenen Armen aufnimmt und deren mitgerissenes Teil man sein kann. Der Orgonomie wird etwas vorgeworfen, was man heimlich von ihr ersehnt, aber nicht bekommt: kultische Führung. Die „orthodoxe“ Orgonomie ist so unpopulär, weil sie sich immer dagegen gesperrt hat, nach Reichs Tod eine „mitreißende“ Bewegung ins Leben zu rufen, z.B. indem sie die Therapie streng auf Mediziner beschränkte. Man denke in diesem Zusammenhang an die (bis vor etwa 25 Jahren) explosionsartige Ausbreitung „Reichianischer Therapeuten“ und an das zwischenzeitlich wilde Wuchern von „Chembustern“.
Dadurch, daß sie öffentlich zum Ausdruck brachten, sie wollten keine Gurus sein, warfen die Führer der Orgonomie die Menschen auf sich selbst zurück. Die Orgonomen verhielten sich dabei nicht anders als in der individuellen Therapie, in der es nicht die Aufgabe des Therapeuten ist, dem Patienten „Gesundheit zu geben“, sondern ihm ein realistisches Bild seiner selbst zu vermitteln (z.B. daß der Patient nicht atmet und partout nichts tut, um sein soziales Leben zu verbessern), woraus der Patient selber Konsequenzen ziehen muß. Der Kleine Mann empfindet diesen Appell an den Willen zur Selbstregulierung als die kalte Arroganz des gehaßten „Establishments“, das den Kleinen Mann aus der heimeligen Wärme der Masse herausreißen will. Irrwitzigerweise sprechen dann diese Kleinen Männer von „Arbeitsdemokratie“, die das besagte „Establishment“ angeblich mißachtet.
Charakteranalyse ist ideologiefrei wie eine Blinddarmoperation oder sie ist das Gegenteil von Charakteranalyse. Es gibt wohl kaum etwas Widerwärtigeres als „Orgontherapeuten“, die jede einzelne Äußerung des Patienten verbal und vor allem nonverbal moralisch bewerten, also dem Patienten vorgeben, was er von sich selbst zu halten hat. Dies untergräbt jede Selbstregulation und ist gemeingefährliche Manipulation – es ist nichts anders als Seelenmord. Man braucht nur wenige Elemente der Orgonomie ändern, etwa „orgonomische“ Moral ins Spiel bringen, und schon wird die Orgonomie zum hassenswertesten System, das es jemals auf der Erde gab. Aufgabe des Therapeuten ist es nicht, sich in das Seelenleben des Patienten einzumischen („subjektive Meinungen“), sondern ihm einfach nur zu helfen, das Primäre und Gesunde vom Sekundären und Neurotischen zu scheiden („objektive Naturprozesse“). Kontakt!
Hier kommt das ins Spiel, was Reich als „die sogenannte ‘Weltanschauungsfrage’“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 163) bezeichnet hat. Es geht um die grundsätzliche „weltanschauliche“ Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ. Diese Unterscheidung ist in allen Lebensbereichen zu treffen, vor allem aber in der Wissenschaft. Reich hat dazu gesagt:
Ich halte es für richtig, an jeder geeigneten Stelle zu betonen, daß es nicht darauf ankommt, ob eine Wissenschaft von der menschlichen Natur einer Weltanschauung entspringt und durch sie gefärbt ist; daß dies nicht anders sein kann, ist jedem Wissenschaftler klar; wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich eine wissenschaftliche Tätigkeit verbündet; mit der, die das Wissen, die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, abzubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 199)
Man kann ganze Bibliotheken durchforschen, auf zwei Dinge wird man nie stoßen: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Das sind Bereiche, die aus weltanschaulichen Rücksichtnahmen aus der Wissenschaft ausgegliedert wurden. Die gleichen Leute sprechen aber sofort von weltanschaulichem Mißbrauch der Wissenschaft, wenn die Orgonomie den Unterschied zwischen Primär und Sekundär verdeutlichen will. Dabei geht es einfach nur darum, seinen inneren (primären!) Gefühlen frei zu folgen, statt einer künstlichen Weltanschauung. Es geht darum, unverstellt durch unfundierte Meinungen direkten Kontakt mit der Realität aufzunehmen, anstatt in weltanschaulichen Illusionen gefangen zu bleiben. Es geht um den Unterschied zwischen Kontakt und Kontaktlosigkeit. Jede korrekte Beobachtung muß „stets zu funktionellen, energetischen Formulierungen führen, wenn man nicht vorher abbiegt“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48).
Es gibt gewisse Wahrheiten, die durch unsere Sinne und Bewegungen a priori gegeben sind. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 299)
Die Orgonomie ist der unmittelbare, also wissenschaftliche Ausdruck der Wirklichkeit. Reich hat alle metaphysische Auslegung weit von sich gewiesen, ist nicht der Auslegungsakrobatik der Tiefenpsychologie gefolgt, sondern ist dem greifbaren Körper und seinem Verhalten nachgegangen; hat das alltägliche Leben der objektiven Arbeitsdemokratie untersucht und nicht politische Ideologien vertreten; ist nicht teleologischen Zielvorgaben und irgendwelchen außer ihm liegenden Zwecken gefolgt, sondern hat den Weg zum Ziel erklärt. Dies entspricht dem „Silent Observer“, dem nüchternen, nicht weltanschaulich befangenen Beobachter.
Während Ideologien und Religionen Weltbilder erschaffen, entdeckt die Wissenschaft: Reich hat die Arbeitsdemokratie nicht als neue subjektive Weltanschauung geschaffen, sondern als objektive Tatsache entdeckt; er hat nicht ein neues Menschenbild geschaffen, sondern die Genitalität und damit den Genitalen Charakter entdeckt. Es gibt unendlich viele jener erschaffenen Ideologien und Religionen, unendlich viele Weltanschauungen, aber nur eine einzige Wissenschaft. Man kann, so Reich, Tausende von Meinungen über ein und dieselbe Sache haben, aber es gibt nur eine einzige korrekte Erklärung für sie („The Evasiveness of Homo Normalis“, Orgonomic Functionalism, Vol. 3, Summer 1991, S. 84).
Wenn „Reichianer“ den Orgonomen einen „totalitären orgonomischen Fundamentalismus“ vorwerfen, weil diese auf den wissenschaftlichen Fundamenten beharren, steckt hinter dieser Kritik Blauer Faschismus. Diese „Reichianer“ wollen auf der Orgonomie ihre diversen weltanschaulichen Süppchen kochen. Und wenn sie einwenden, sie würden eine offene, nichttotalitäre, tolerante Weltanschauung vertreten, dann sind sie doch nur Agenten der allgegenwärtigen Reaktion und Teil der vorgeblich „pluralistischen“ Unterdrückung der einen wissenschaftlichen Wahrheit. Konsequent umgehen sie das durch den Namen „Wilhelm Reich“ gekennzeichnete Wesentliche: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Man denke z.B. daran, daß aus Gründen politischer Korrektheit die Homosexualität irrigerweise nicht mehr als Krankheit betrachtet wird – werden darf. Man darf Sekundäres und Primäres nicht mehr unterscheiden. Die Orgonomie soll sich dem „gesellschaftlichen Konsens“, den interessanterweise stets angeblich „Progressive“ im Munde führen, anpassen.
Reich erachtete alles (einschließlich Gott, Geist, Selbst, Religion, Liebe, etc.) als naturwissenschaftlich erforschbar. Zum Beispiel löst die Orgonomie philosophische und psychologische Probleme, die das Bewußtsein beinhalten, durch außerphilosophische und außerpsychologische Mittel. Die Frage nach dem Unbewußten wird über die physiologische Panzerung beantwortet; die Frage nach der Realität der Außenwelt durch Auflösung der Augenpanzerung. In diesem Beharren darauf, daß grundsätzlich alles der naturwissenschaftlichen Forschung zugänglich ist, war Reich weit radikaler als praktisch alle anderen Naturwissenschaftler, die immer noch Platz außerhalb der Wissenschaft für Weltanschauung und „Glaubensfragen“ lassen.
Man nehme den Biophysiker Alfred Gierer, für den
viele verschiedene philosophische, kulturelle und religiöse Ideen mit wissenschaftlichen Tatsachen und logischem Denken vereinbar (sind). Wissenschaft ergibt keine verbindliche Weltdeutung, sie ist selbst deutungsbedürftig. (Die gedachte Natur, München 1991, S. 13)
Sogar für die irrationale Mystik ist Platz:
Wissenschaft widerlegt nicht Religion als solche. Wissenschaft ist mit dem Glauben vereinbar, daß es keinen Gott, einen Gott oder mehrere Götter gibt. Der Mensch kann, er muß aber nicht die Welt als Gottes Schöpfung und den Menschen als sein Ebenbild verstehen. Religion steht in Zusammenhang mit Lebensbereichen, die die Wissenschaften nicht ausfüllen und die dennoch für das Individuum und die Gesellschaft wichtig sind; sie stellt sich Fragen nach dem Sinn und Ziel menschlichen Daseins und nach dem „guten“ Leben. (ebd., S. 250)
Reich hat stets gegen derartige „wissenschaftliche“ Freibriefe für den mystischen Irrationalismus gekämpft. Bereits in den 1920er Jahren hat er sich dagegen verwahrt, die Psychoanalyse als „bürgerliche Kulturphilosophie“, also als Ideologie aufzufassen. Erinnert sei an seine schroffe Ablehnung der Laienanalyse, mit der Freud (nach Reichs etwas schiefer Einschätzung) die Psychoanalyse von einer medizinischen Disziplin in eine Weltanschauung überführen wollte. Dagegen setzte Reich seine „Wissenschaft der sozialen Sexualökonomie“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 47). Im Kapitel über „Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik“, sowie in „Einige Fragen der sexualpolitischen Praxis“, sieht man, daß es ihm beim Kampf gegen die Mystik (und damit gegen die faschistische Bewegung) stets darum ging, die Naturwissenschaft gegen die Mystik durchzusetzen: dem Feind (!) keine Ruheräume zu gönnen. Er frägt:
Wurden im Kampf zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus alle Möglichkeiten von der ersten ausgeschöpft? (ebd., S. 161)
Die Orgonomie ist die Wissenschaft, die sich mit der Orgonenergie und ihren Funktionen, d.h. mit grundsätzlich allem befaßt. Sie ruht auf drei Säulen: die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die orgonometrische Denkmethode. Gemeinsam ist diesen drei Grundelementen der Orgonomie, daß ihnen Zielvorgaben inhärent sind: das Orgon als positive Gegebenheit und sein ungestörter Metabolismus, d.h. sexuelle, medizinische, soziale und ökologische Hygiene. Die Wirklichkeit, d.h. letztlich die orgonotische Pulsation, stellt also objektive Forderungen, die nichts mit subjektiven, willkürlichen Weltanschauungen zu tun haben. Man kann nicht darüber diskutieren, ob es Hygiene geben soll oder nicht; ob ein Kind gesund oder krank aufwachsen soll! Selbstregulation ist selbstverständlich, es ist der Sache immanent, während die Weltanschauungen, die der Wissenschaft angeklebt werden, immer eine Sache von Fremdbestimmung sind: das „Sollen“ wird von außen durch „Offenbarungen“ oktroyiert.
Wie Reich es während seiner Marxistischen Periode in seiner Kritik der „bürgerlichen“ Wissenschaft formuliert hat, sind Sein und Sollen nicht voneinander zu separieren. Daß aus dem Sein ein Sollen folgt, ist natürlich nicht dahin mißzuverstehen, daß man aus einer Tatsachen-Feststellung einfach Forderungen ableiten (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 140) oder sich bei einer Forderung auf die Vergangenheit berufen kann. Dies wäre, Reich zufolge, ein logischer Irrtum (ebd., S. 139). Vielmehr muß man die Entwicklung betrachten, die rückschrittlichen und progressiven Elemente identifizieren und entsprechend unterdrücken bzw. unterstützen (ebd., S. 149). Es läuft also wieder auf die kontaktvolle Unterscheidung zwischen dem Sekundären, Gepanzertem und dem Primären, Gesunden hinaus.
Reich wollte gegenüber dem Zeitgeschehen die überzeitlichen Naturgesetze, etwa die Funktion des Orgasmus, zur Geltung bringen. Dieser Wille zur „politischen“ Wirksamkeit steht in der Tradition der „kosmischen Politik“ Giordano Brunos oder der „großen Politik“ Nietzsches (Studienausgabe, Bd. 13, S. 637f), d.h. es geht um die Rückführung der Geschichte auf die Natur. Bei Bruno war es der Protest gegen den sich ausformenden Absolutismus, der nicht dem neuen dezentralen Bild des Kosmos entsprach, dazu gehörte für Bruno auch die Beseitigung des Glaubens an einen persönlichen Gott.
In der Orgonomie sind Theorie und Praxis unlösbar miteinander verknüpft (immer wieder: Kontakt!), d.h. es gibt in ihr keine reine Theoretisiererei, keine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, sondern Reichs sozial- und naturwissenschaftliche Theorien sind stets unmittelbar „auf der Straße“ und im Laboratorium, nicht am Schreibtisch entstanden. Reichs so unwissenschaftlich wirkendes revolutionäres Pathos stammt daher, daß man ihm zufolge keinen Gegensatz von Wissenschaft und dem (organisierten) Anstreben gesellschaftlicher Veränderungen, d.h. dem Separieren des Sekundären vom Primären, konstruieren kann. Doch die Trennung von Sein und Sollen ist die Ideologie der modernen Naturwissenschaft: aus dem faktischen Sein sei kein ideelles Sollen ableitbar; es sei nur ethisch dekretierbar. Daß diese „wissenschaftliche“ Haltung ideologische Verkleisterung ist, zeigt sich am antiwissenschaftlichen „Wissenschaftsbetrieb“, in dem Fakten dekretiert werden. Neuerdings wird darüber abgestimmt; der „Pluralismus“ der bloßen Meinungen triumphiert.
In der Orgonomie brechen „alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther“ (Das Oranur-Experiment, S. 221).
Reich sagt, daß die Orgonomie sowohl ein Zweig der Naturwissenschaft, als auch ein künstlerisches Verfahren ist (ebd.). Zum Beispiel prädestiniert Kunstempfinden zur orgonomischen Beobachtung der Natur bei der CORE-Arbeit. Dies heißt jedoch nicht, daß es eine „orgonomische“ Kunst geben müsse. Im Gegenteil! Kunst ist etwas Autonomes, das durch jede „weltanschauliche“ Inanspruchnahme zerstört wird. Es kann keine „orgonomischen Gedichte“, keine „orgonomischen Bilder“, keine „orgonomische Musik“ geben, denn gute Kunst erkennt man daran, daß jeder etwas anderes in sie hineinlesen kann: und da die Orgonomie keine Weltanschauung ist, ist alle Kunst als sicht- oder hörbarer Ausdruck der kosmischen Orgonenergie – orgonomisch.
Am Ende hat Reich sogar auf religiöse Bilder zurückgegriffen. Bereits Anfang der 1920er Jahre findet sich bei ihm das nonverbale Denken in Bildern, was seine Kollegen amüsierte und sie später schließen ließ, er sei wirklich meschugge, wenn er „Blasen- und Pseudopodienmodelle“ wortwörtlich nähme und in diesen Bildern dächte: psychotisches Primärprozeßdenken. In Wirklichkeit war es ein ganzheitliches, „ganzkörperliches“ Denken, das allen wirklich schöpferischen und originellen Menschen eigen ist, welches aber Homo normalis nicht von der Schizophrenie unterscheiden kann. Es ist ein Denken, das wie jede große Kunst und jede echte Religion um die Grundfunktionen der Natur kreist.
Die Orgonomie darf nicht in falsche Hände geraten, da sie, wegen ihrer Nähe zu „Kunst und Religion“, ansonsten tatsächlich zu einem mythologischen Wahnsystem mutieren kann. Man vergegenwärtige sich die Mythologisierungs-Tendenzen bei Reich: „Äther, Gott und Teufel“, „Christus und Modju“, etc. Stoff für ein vollständiges religiöses Wahnsystem, dem Abermillionen vermeintlich „Pestilenter“ geopfert werden könnten. Es geht um die klare Differenzierung zwischen „Weltanschauung“ im Sinne eines willkürlichen Wahnsystems und „Weltanschauung“ im Sinne der objektiven Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ, primär und sekundär, OR und DOR. Es geht um die Differenz zwischen Orgonomie und Blauem Faschismus. Nochmals: Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten.