Das Geschäftspotential der orgastischen Impotenz

Das Handelsblatt machte gestern aus Anlaß des unmittelbar bevorstehenden Patentablaufs von Viagra, das seit 1998 auf dem Markt ist, mit der Schlagzeile auf „Potential mit Potenz“. Die Pharmabranche erwarte einen Boom.

Bis heute hätten Mediziner an 37 Millionen impotente Männer 1,8 Milliarden Viagra-Tabletten verschrieben. Der Patentinhaber und Hersteller Pfizer habe damit sage und schreibe 24,8 Milliarden Dollar umgesetzt. Jetzt wollen in Deutschland 22 weitere Pharmakonzerne ins lukrative Geschäft mit der Impotenz einsteigen, in Österreich sind es 16. Es sollen ganz neue Märkte erschlossen werden. Ein Marktforscher kommentiert: „Es wirken hier Mechanismen wie im Konsumgüterbereich: Je tiefer der Preis fällt, desto stärker steigt die Nachfrage.“

Auch andere Medikamente, mit denen Menschen ihre Lebensqualität steigern wollen, bringen steigende Umsätze. Beispielsweise habe sich der Umsatz mit Botox seit 2003 auf 1,8 Milliarden Dollar vervierfacht. Der Absatz von Provigil, einem Mittel gegen Schläfrigkeit, das immer öfter als Konzentrationsmittel eingesetzt wird, erhöhte sich 2012 um 20 Prozent. Ritalin werde heute viermal mehr verordnet als noch im Jahr 2000. Studenten benutzen es als „Lernhilfe“.

Das Handelsblatt kommentiert:

Moderne Gesellschaften geben sich der Illusion hin, gegen jede Art körperlicher und mentaler Schwäche gebe es eine Pille. Diese Illusion landet in der Kasse der Pharmaindustrie: Sie profitiert von der Sehnsucht nach dem perfekten Leben.

Das ist zu kurz gegriffen: tatsächlich macht die Pharmaindustrie ihre Profite mit der orgastischen Impotenz der Massen. Die verhärmten Gesichter und sogar der mentale Zerfall, die beide mit chronischer orgastischer Impotenz zwangsläufig einher gehen, halten die Wirtschaft in Gange. Es wird immer schlimmer, da die zunehmende sexuelle Enthemmung mit einem entsprechend zunehmendem Frust einhergeht.

Reich erklärte diesen Zusammenhang wie folgt:

Die mechanistische und sexualökonomisch unorientierte Medizin hat zu den Biopathien keinen Zugang. Biopathien sind Erkrankungen zufolge Störungen der biologischen Pulsation des autonomen Lebensapparates. Diese Störungen sind im wesentlichen sozial bedingt; sie sind sexuelle Stauungskrankheiten. Ihr hervorragendstes Anzeichen ist der gestörte Haushalt der biologien Energie, oder kurz, die orgastische Impotenz, die biologisch korrektes Pulsieren des Lebensapparates unmöglich macht und die orgonotische Potenz herabsetzt. Ihre Anzahl ist in stetem Wachsen begriffen. (Der Krebs, Fischer TB, S. 405)

Auf die Frage, warum es zu diesem Wachstum gekommen sei, antwortet Reich, daß früher die sexuellen Verdrängungen und die Panzerung weitaus ausgeprägter waren, doch seien die sexuellen Ansprüche immer mehr durchgebrochen, kollidierten jedoch mit den eingeschränkten äußeren und inneren Möglichkeiten der Befriedigung. Die zunehmende Bewußtheit der sexuellen Bedürftigkeit mußte zur inneren Zerrissenheit und zunehmenden biopathischen Erkrakungen führen. Reich weiter

(…) Erziehung und Medizin haben mit dieser sozialen Entwicklung nicht Schritt gehalten. Das heißt: Die Menschen blieben in ihrer strukturellen Fähigkeit, sich lebendig durchzusetzen, weit hinter ihrem Wissen und ihren Ansprüchen zurück. Die Stauung der biologischen Energie in den menschlichen Organismen ist daher weit größer, als sie vor 20 oder 40 Jahren war. (…) Wenn nun die menschlichen Organismen einer immer größeren Differenz von Lebensverlangen und Befriedigungsfähigkeit ausgesetzt sind, dann ist es klar, daß die Stauungen der biologischen Energie im selben Maße größer werden. Je größer aber die Sexual-Stauung, desto größer der Schaden, den sie im Organismus physiologisch und emotionell anrichtet. (…) Das riesenhafte Anwachsen der Biopathien ist also einfacher Ausdruck der Diskrepanz zwischen sexuellem Lebenswillen und sexueller Lebensunfähigkeit. Der Lebenswille ist riesenhaft geworden, die Lebensfähigkeit (sexuelle Potenz, Verantwortungsfähigkeit, Selbstregulation etc.) dagegen ist nicht angewachsen. (ebd., S. 413)

Die Pharmaindustrie lebt von dieser Diskrepanz. Mit orgastisch potenten Menschen wären Kampagnen, wie sie im folgenden beschrieben werden, unmöglich:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=vZZV5I6WbeM%5D

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15 Antworten to “Das Geschäftspotential der orgastischen Impotenz”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Was mich interessieren würde: ist die Stauung in der antiautoritären Gesellschaft stärker als in der autoritären? Nach meinem dafürhalten Nein, weil die Panzerung geringer ist und deswegen weniger ausgehalten werden kann. Deswegen auch der Missbrauch von Drogen und Psychopharmaka.

    • Peter Nasselstein Says:

      Die Frage weist so in die falsche Richtung, glaube ich. Sie ist zu „quantitativ“ formuliert (ein Mehr oder ein Weniger an Panzerung), kann aber nur qualitativ sinnvoll beantwortet werden: wie unterscheidet sich die Panzerstruktur. Siehe dazu hier:

      https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2010/10/01/dr-crist-uber-icd-10%c2%a0f91/

      Die Stauung ist auf jeden Fall subjektiv stärker, wobei gleichzeitig die objektive Ladung abnimmt. Ich denke hier beispielsweise an die jungen Männer in der U-Bahn, die nervös mit ihren Knien wippen, so als würden sie vor Energie bersten. Tatsächlich ist dieser Tic ein Symptom energetischer Unterladung.

      • Renate Says:

        „Die Stauung ist auf jeden Fall subjektiv stärker, wobei gleichzeitig die objektive Ladung abnimmt. Ich denke hier beispielsweise an die jungen Männer in der U-Bahn, die nervös mit ihren Knien wippen, so als würden sie vor Energie bersten. Tatsächlich ist dieser Tic ein Symptom energetischer Unterladung.“

        Warum ist das so, bzw. wie kommt das zustande?
        Warum sind diese unterladen?

        • Robert (Berlin) Says:

          Weil bei geringerer Panzerung die Stauung schneller gespürt wird und deswegen auch schon bei Unterladung unerträglich wird.

          • Renate Says:

            Aber wenn trotzdem nicht entladen wird bzw. entladen werden kann, muss sich die Stauung doch steigern, oder wie bleibt derjenige dann dauernd auf der Unterladung?

            Was müsste er tun, um von der Unterladung wegzukommen?

        • Peter Nasselstein Says:

          Durch die Impulsivität wird die Energie entladen bevor es zu großartigen Emotionen kommt. Man ist etwa gewalttätig, aber es ist keine richtige Ladung dahinter, keine tiefempfundene Wut. Es kann sich kein Druck aufbauen. Trotzdem ist es subjektiv immer ein zu viel an Druck. Das sieht man auch darin, daß keinerlei Angst mehr ertragen wird, was mit einem Zustand dauerhafter Pseudoexpansion einhergeht.

    • Renate Says:

      Jahrelang habe ich mich immer gefragt, warum die Jungs damals mit 15, 16 Jahren alle fast ausnahmslos soviel Alkohol getrunken haben. Ich habe mich immer gefragt, was die denn für Probleme haben? Jetzt weiß ich’s glaube ich.

    • Sebastian Says:

      In der autoritären Gesellschaft muskuläre Hypertonie, in der antiautoritären muskuläre Hypotonie. Deshalb nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv mehr Energie als man mit umgehen kann. Die Energie, die nicht im muskulären Panzer gebunden ist, verschiebt sich ins Gehirn. Resultat Anstieg von okularer Panzerung, schwere Kontaktlosigkeit.

      In der autoritären chronische Sympathikotonie, in der antiautoritären chronische Parasympathikotonie als Gegenreaktion auf die darunter liegende Sympathikotonie. Das geschieht durch Ausagieren sekundärer, unbefriedigender Impulse. Kein Panzer, der diese zurückhalten kann, vorhanden. Das heißt: Sowohl Ladungs-, als auch Entladungfunktion gestört. Deshalb Anstieg von Energie im Organismus über die Zeit.

    • Sebastian Says:

      Siehe auch: http://www.orgonomy.org/articles/Science_Links/therapy_authoritarian_43_2.pdf

      Übrigens lohnt es sich beizeiten auf die ACO-Seite zu gehen, da über die Zeit immer mal wieder Artikel hochgeladen werden.

  2. O. Says:

    Auch wenn die Erklärung, insbesondere mit dem Hinweis auf ADHS, in sich schlüssig erscheint/ ist, bleibt die Frage hochinteressant.

    Müsste es nicht eine (rein theoretisch – sozialorgonomisch betrachtet nach Konia) höhere aktualneurotische Stauung geben, die durch den schwächeren Panzer des „antiautoritären Menschen“ nicht genug gebunden und abgeführt werden kann?

    Antwort (verkürzt): „…Die Stauung ist auf jeden Fall subjektiv stärker, wobei gleichzeitig die objektive Ladung abnimmt.“

    Dies impliziert, dass eine objektive höhere Ladung „besser“ sei und „besser“ entladen werden könne, weil mehr Ladung aufgebaut wird, die NUR im Idealfall (angenommener orgastischer Potenz) vollkommener entladen wird.
    Es schließt „theoretisch“ aus, dass ein „antiautoritärer Charakterpanzer“ mit weniger Panzerung und weniger Aufnahmekapazität und geringere Entladung vollkommener in der Lage sei, die gestauten Energien loszuwerden und auf niedrigerem Niveau eine bessere orgastische Potenz haben könnte. Sonst wäre Konias sozialorgonomische (nicht klinische) These zu verwerfen udnd wir seien auf dem besten Weg aus dem sozialpolitischen Chaos (der Konservativen) mit sozialistischem Pomp herauszukommen.

    Das Problem ist hier, dass Reich gute Fragen aufgeworfen hat, sie als unhinterfragbare These des idealen genitalen Charakters aufstellt, sie aber in der therapeutischen Praxis noch keine Beantwortung gefunden hat. – Die Orgonsoziologie baut aber bereits auf Reichs „Idealmodell“ neuroseprophylaktische und gesellschaftliche Interpretationen auf.

    • Peter Nasselstein Says:

      Das klingt ja alles sehr kompliziert. Das Problem ist schlicht, daß man früher Menschen einfach helfen konnte, die eine intakte Panzerung hatten mit isolierten und ichfremden Symptomen (= Versagen der Panzerung). Heute hat man es mit Menschen zu tun, bei denen die Panzerung auf ganzer Linie versagt und die entsprechend abhängig von externem Ersatz für Panzerung sind, insbesondere legale und illegale Drogen (was die Pharmakonzerne ausnutzen). Subjektiv sind sie getriebene, aber objektiv sinkt der Energiepegel, was sich an der wachsenden Unfähigkeit zeigt ausdauernd zu arbeiten. Genauso in der Sexualität: Ejaculatio praecox ist nicht etwa eine Folge von zu viel, sondern von zu wenig Energie im Becken.

      Hinzu kommt die wachsende Bedeutung der Augenpanzerung, die immer mit einem reduzierten und vor allem diffusen Energiefeld einhergeht, wie der Extremfall Schizophrenie zeigt. Auch hier sinkt objektiv der Energiepegel (bis zur Schrumpfungsbiopathie Schizophrenie), aber subjektiv nimmt die Stauung zu, jedenfalls vor der Phase der endgültigen emotionalen Verflachung. Man denke nur an Nietzsche.

    • O. Says:

      Ich halte es für sehr komplex und halte wenig von scheinbar immer gut passenden theoretischen Erklärungen und Kategorisierungen die in der Körperpsychotherapie so plausibel klingen für den Moment, in dem man sie hört, aber am Individuum (dem richtigen Patienten) kaum anwendbar sind. – Vieles ist mir zu plausibel und „einfach“. Beispielsweise kann ich an Senfs Blasenmodell der Panzerung alles und jeden Charakter erklären ohne evtl. Segmentpanzerungen berücksichtigen zu müssen. Oder man nehme die plausible Erklärung von Navarros „Die sieben Stufen der Geundheit“ (Nexus 1986), Herskowitz „Emotionale Panzerung“, Lowen „Bioenergetik“ usw. Auf den Einzelfall angewendet engt es den Blick für den Patienten ein, statt ihn zu verstehen in seinen Abweichungen von der typischen Charakterstruktur.
      Es mag ja an mir liegen, dass mir völlig schleierhaft ist, was den dieser „antiautoritäre (politische) Charakter“ soll und wie er klinisch vorstellbar ist. Vielleicht eine Anhäufung von frühen Störungen, denen die gehemmten Neurosen (Charakter) gegenüberstehen?

      Der soziologisch beschriebene – besser postulierte – Charakterstrukturenshift (die Verschiebung der Charaktertypologien) von den triebgehemmten zu den triebhaften und schizoide ist wohl auch künstlich erzeugt, dass dem schizoiden Charakter bislang auch keine Bedeutung innerhalb der Körpertherapie zugemessen wurde und erst langsam an Bedeutung gewinnt und hiermit auch die Veränderung der Therapien erfolgt.
      Von den alten Therapeuten schwingt aber immer auch eine Unsicherheit und mangelndes Verständnis desselben mit, sowie die Hilflosigkeit in der Therapie. Reich hat sich hiermit auch kaum befasst, liegt aber der Schlüssel hierzu nicht allzu weit in der Orgontherapie (wäre heute klar, was das denn sei) – so ist dieser Charaktertyp immer noch kaum begreifbar.
      Richtig ist, er ist anders. Die Panzerung ist völlig anders. Und Reichs Vegetotherapie kann hierfür völlig über Bord geworfen werden, dann würde von der Körpertherapie nicht mehr viel bleiben.

      Basiert Konias Annahme nun auf diesem Phänomen und wird hier eine quantitativ beobachtbare prozentuale Häufung zugunsten des schizoiden und zu ungunsten der gehemmten Charakteren (Hysterie, Zwangsneurose etc.) beschrieben, sind hieraus KEINE soziologischen Nosologien wie der „Antiautoritäre Charakter“ abzuleiten.

      Speziell Körperpsychotherapeuten egal welcher Richtung neigen zum Unverständnis des schizoiden Charakters, da er dieser wesensfremd ist. Intuitiv wird dieser schnell zum „Sündenbock“, Sonderling und Hassobjekt (insbesondere ist das deutlich in Gruppentherapien), etwas das ganz gut zur Vorstellung von einem „Antiautoritären“ passt. Therapeuten unterstellen dem „Schizoiden“ (nicht zu verwechseln mit der Schizophrenie) eine unterschwellige und passive Aggression, die der schizoide nicht spürt, aber im Therapeuten (angeblich als Gegenübertragung) zum Vorschein kommt. Das Problem ist vielmehr, dass die Charakterstruktur des Therapeuten sich provoziert fühlt.

      Nun sollte mal überdacht und überprüft werden, ob es sich hier nicht um eine (in Nachfolge von Baker) „orgonomische Verschwörungstheorie“ handelt?

      __________________________________

      Bei genauerer Betrachtung ist auch Reichs praktische Einteilung in triebhafte und -gehemmte Charaktertypen problematisch und könnte eine neue Diskussion aufwerfen. Wo gehört der Schizoide hin? Erklärt die okluare Panzerung als primäre Panzerung die Muskelpanzerung, die nicht mit der anderer Typen vergleichbar ist? Demnach ist er nicht triebhaft einzustufen, was aber in der soziologischen Sicht ganz gut gepasst hätte.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Hohe Kosten aber kaum Wirkung: Nur zwei von 23 im Jahr 2010 und Anfang 2011 auf den Markt gekommenen Medikamenten mit neuen Wirkstoffen bringen einen nennenswerten Fortschritt für die Behandlung. Dieses ernüchternde Fazit zieht der Innovationsreport 2013 der Techniker Krankenkasse (TK), den der Pharmazeut Gerd Glaeske von der Universität Bremen in Berlin vorgestellt hat.

    http://www.t-online.de/wirtschaft/versicherungen/id_63645346/report-90-prozent-aller-neuen-medikamente-taugen-nichts.html

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