The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 2, Fall/Winter 1993)

In der Schulmedizin spielt die Definition von „Gesundheit“ in nur einer Beziehung eine Rolle, nämlich für die Einschränkung der ärztlichen Tätigkeit. Ethisch darf der Arzt nur dann eingreifen, wenn eine Krankheit vorliegt. Beispielsweise ist es geboten, künstliche Befruchtung nur vor der Menopause zur Anwendung zu bringen.

In der Psychotherapie kommt dieses Prinzip im „Neutralitätsgebot“ zum Ausdruck. Der Therapeut soll weder bei den inneren neurotischen Konflikten des Patienten, noch bei dessen neurotischen Verstrickungen in Beziehung, Familie und Freundeskreis Partei ergreifen.

Zunächst einmal ist offensichtlich, daß das ein entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen einem Gespräch mit einem Freund und einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten ist. Das erstere verstrickt uns eher weiter in unsere neurotische Welt, während das letztere für eine gewisse Distanz sorgt, so daß wir unser Leben neu ordnen können.

Damit der Psychotherapeut aber wirklich helfen kann, bedarf es, wie Peter A. Crist in „The Biosocial Basis of Family and Couples Therapy“ (S. 166-189) ausführt, zusätzlich der aktiven Unterstützung der gesunden Anteile. Die offizielle Psychotherapie, so wie sie an Universitätskliniken gelehrt wird, mag darin zwar einen groben Behandlungsfehler sehen, doch diese Einschätzung beruht darauf, daß es keine klaren Kriterien für Gesundheit und rationales Verhalten gibt.

Ein Orgontherapeut wird sich niemals entblöden, sich in die neurotische Welt des Patienten verwickeln zu lassen, aber er wird stets Partei für gesunde und rationale Strebungen ergreifen und beispielsweise auch die Partei des Patienten ergreifen, sollte der Opfer pestilenter Attacken werden.

Das so wichtige, notwendige und, richtig verstanden, vollkommen rationale Neutralitätsgebot wird zu einer Absurdität, wenn es genau das verstärkt, worunter der Patient zentral leidet: Kontaktlosigkeit, die eigene und die der Mitmenschen.

In diesem Fall entspricht das Neutralitätsgebot jener verlogenen „toleranten“ Haltung gegenüber der Sexualität, die Reich zeitlebens bekämpft hat. Es gelte sie bei Kindern und Jugendlichen nicht nur „liberal“ zu tolerieren, sondern sie vielmehr zu schützen und zu fördern. In einer gepanzerten Gesellschaft nur „Toleranz“ zu zeigen, ist gleichbedeutend mit Mittäterschaft.

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3 Antworten to “The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 2, Fall/Winter 1993)”

  1. O. Says:

    In Paarkonflikten wird man für seinen Patienten auch mal Partei ergreifen, um dessen Gesundung voranzutreiben. Dies darf nur soweit gehen, wie der andere Partner nicht gegen sein eigenes Gesundbleiben agiert, das heißt bei übertriebener Rücksichtnahme selbst erkranken muss. Beide haben ein Recht auf frei Entscheidungen und Entfaltung, die Kommunikation der beiden Personen sollte verbessert werden, falls dies möglich ist. Beu allzu neurotischen Konfliktlagen in einer Partnerschaft sind natürlich nicht immer gute Kompromisse zu erzielen.
    Die Sexualität des Patienten ist oft (natürlich nicht immer bei Kurzzeit -Interventionen) ein Thema und auch hier sollte man die Haltung für den Patienten einnehmen, aber auch respektieren, wenn er seinen Partner nicht mehr attraktiv findet.
    Eine Verbesserung der Genitalität – wie dies Reich zum Ziel hat – kann man durch verbale Intervention alleine selten erreichen. Man kann vielleicht Hindernisse im Denken beeinflussen, köperliches Erleben kann dann mit einem Partnerwechsel mal sich einstellen, in der Regel bedarf es aber einer aktiven körpertherapeutischen Arbeit, die nicht jeder Patient wünscht oder sich darauf einlassen will.

    Kinder müssen von der ersten Stunde an immer wieder geschützt werden vor negativen Einflüssen, die zahlreich sind. Sie werden sich dennoch körperlich panzern müssen und werden muskulär so hart wie später auch Erwachsene sind. Dagegen kann man regelmäßig massieren, wenn das Kind das möchte und es einfordert. Letztlich, vermute ich, wird auch hier eine Körpertherapie später sinnvoll werden, da Kinder die Perversität und Verlogenheit der Außenwelt stets verstehen und sich hiergegen schützen werden/ müssen.

  2. David Says:

    … bedarf es … zusätzlich der aktiven Unterstützung der gesunden Anteile. Die offizielle Psychotherapie, so wie sie an Universitätskliniken gelehrt wird, mag darin zwar einen groben Behandlungsfehler sehen, doch diese Einschätzung beruht darauf, daß es keine klaren Kriterien für Gesundheit und rationales Verhalten gibt.

    Was heißt Offizielle Psychotherapie? Die analytisch orientierte?

    Was macht da die Verhaltenstherapie? Ist nicht deren Vorgehen die gezielte Unterstützung der gesunden Anteile, nur mit dem Nachteil dass die Verhaltenstherapie und die Theorien, auf denen sie aufbaut, mechanistisch sind?

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