Archive for the ‘Psychotherapie’ Category

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 18)

12. September 2022

In ihrem Aufsatz „No Man Is an Island: The Individual and Society from an Orgonomic Viewpoint“ (The Journal of Orgonomy Vol. 43, No. 1, Spring/Summer 2009, S. 39-55) setzt sich die orgonomische Psychologin Virginia Whitener u.a. mit einem bisher unveröffentlichten Manuskript von Charles Konia aus dem Jahre 2007 auseinander: Functional PaleoAnthropology: The Origin of Human Armor.

Als vor vier oder fünf Millionen Jahren der Vormensch das aufrechte Gehen, seine Sprechwerkzeuge und den opponierbaren Daumen entwickelte, blieb das Gehirn vorerst etwa gleich groß wie zuvor. Die Funktion war zuerst da, die sie „steuernde“ Struktur kam erst später hinzu! Das „Erfassen“ von Gegenständen und das „Erfassen“ von Ideen erregten sich gegenseitig bioenergetisch. Ähnlich beim Sprechapparat: durch die Fähigkeit der Vokalisation entwickelte sich die Sprache und damit das Denken.

Durch die Steigerung der Erregungs- und Wahrnehmungsfunktion erhöhte sich die orgonotische Ladung des Gehirns. In Die kosmische Überlagerung hatte Reich Anfang der 1950er Jahre spekuliert, daß der Mensch sich abgepanzert habe, als er sich seiner Wahrnehmung bewußt wurde, sich selbst zum Objekt seiner Beobachtung machte und darüber strauchelte.

Konia zufolge ist die Vokalisation ein ähnlich wichtiger Faktor, denn mit ihr geriet die Atmung unter bewußte Kontrolle. Durch die „Atemsperre“, den zentralen Mechanismus der Panzerung, konnte der Mensch seine Angst, die mit der Selbstwahrnehmung einherging kontrollieren.

Entsprechend ist es kein Zufall, daß in der Orgontherapie die Sprache eine solch zentrale Rolle spielt („Charakteranalyse“) und je nach der Schwere der Augenpanzerung zuerst diese oder die Atemsperre angegangen wird. Neurotiker verharren in einer festgehaltenen Inspirationshaltung, d.h. die Atmung bleibt panikartig in der Einatmungsphase stecken („Schreckreaktion“), um das vegetative Zentrum mit Energie zu versorgen, während die mit Hingabe und Öffnung verbundene Ausatmung unterdrückt wird. Durch Mobilisierung der geregelten Atmungspulsation in der Orgontherapie soll das Energieniveau auch der Peripherie wieder gehoben werden, um den Schockzustand des Organismus (Kontraktion) und damit die Panzerung beheben zu können.

Nachdem Kontakt („Bewußt-Sein“) hergestellt ist, wird die Atemsperre meist zuerst gelöst (d.h. was die ganze Therapie betrifft, aber auch in jeder einzelnen Sitzung), um den Organismus zunächst einmal energetisch aufzuladen. Das Brustsegment als Sitz von Herz und Lunge bezeichnet Morton Herskowitz als „die hauptsächliche Bewegungsquelle des Energieniveaus des Körpers“ („The Segmental Armoring“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 4(1), September 1987, S. 66-87).

Wenn man diese Überlegungen (insbesondere aber Reichs betreffende Ausführungen in Die kosmische Überlagerung) Revue passieren läßt, wird unvermittelt deutlich, was Orgontherapie imgrunde überhaupt ist: es geht um unsere Existenz als Mensch per se. Nicht einfach wir liegen auf der Matratze: es geht um die Geschichte des Tiers Mensch, um die Spezies Homo sapiens, um die Menschheit und ihr Sein im kosmischen Orgonenergie-Ozean.

Bis vor kurzem glaubte man, daß die Sprache den Menschen auszeichne, doch nachdem man Hunden, Affen und Papageien über das Antippen von Symbolen, Gebärdensprache und Papageien sogar über Vokalisation beachtliche Wortschätze von über tausend Worten beibrachte, also Sprache auf alltäglichem Konversationsniveau, begann selbst diese scheinbar letzte Grenze zu bröckeln. Immerhin gibt es aber eine letzte Hürde, die die menschliche Einmaligkeit sichert: die Grammatik, also die Fähigkeit sich über einfachste kurze Aussagensätze hinaus zu verständigen und abstrakte Sachverhalte darzustellen und zu entwickeln. Was ist Grammatik? Mustererkennung und das selbständige Anwenden dieser Muster, die sich irgendwann in der Sprachgemeinschaft herauskristallisiert haben.

Interessanterweise entstehen ständig neue Sprachen („Pidgin“), etwas auf Neuguinea, wenn vorher isolierte Völker sich etwa auf Indonesisch und Englisch verständigen müssen. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich, ohne daß es eine erkennbare „Führung“ gibt, spontan eine vollkommen neue Grammatik herausbildet, die manchmal gar nichts mehr mit den Ursprungssprachen zu tun hat. Das ist wirklich ein Wunder der Arbeitsdemokratie: die organische Selbstorganisation der Gesellschaft. Bewußtsein ist untrennbar mit unserer Existenz als Gruppenwesen verbunden.

Wir kontrollieren unsere Atmung, um sprechen zu können – und legen damit die Grundlage unserer Panzerung. Und wir filtern die Welt durch ein Netz von Regeln – und legen damit die Grundlage der Emotionellen Pest („Vor-Urteile“). Berühmt ist Nietzsches Satz aus der Götzen-Dämmerung, wir würden Gott solange nicht los, wie wir noch an die Grammatik glaubten. Das letztere versucht die woke Sprache aufzuheben, indem die Gesetze der Grammatik systematisch zerstört werden, um ja niemanden irgendwelche „Muster“ überzustülpen. Das ganze erinnert an Wittgenstein, an Zen und nicht zuletzt an Stirner, d.h. die angestrebte Rückkehr zum authentischen „unsagbaren“ Ich, indem man die Sprache (und damit letztendlich die Panzerung) selbst überwindet.

Stirner antwortete seinen Kritikern:

Stirner nennt den Einzigen und sagt zugleich: Namen nennen dich nicht; er spricht ihn aus, indem er ihn den Einzigen nennt, und fügt doch hinzu, der Einzige sei nur ein Name; er meint also etwas anderes als er sagt, wie etwa derjenige, der dich Ludwig nennt, nicht einen Ludwig überhaupt, sondern dich meint, für den er kein Wort hat.

Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff; was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 17)

31. August 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Das ist auch so eine Sache mit Stirner (und ich habe es auch immer wieder bei „Reichianern“ gefunden): fast schon a la Schopenhauer wird behauptet, daß es doch eh keine wirkliche Entwicklung gebe, daß alles gleich schlecht wäre, daß wir immer in der Falle sitzen, solange nicht der Ausgang gefunden wird, etc. Nun, ich bin den Kreuzrittern maßlos dankbar, daß sie die Araber und Türken aus Europa rausgehalten und sogar zurückgedrängt haben. Ich bin dankbar, daß ich in einem demokratischen Europa leben kann. Und ich bin dankbar, daß alle „Freiheitsbewegungen“ gescheitert sind und die „Emanzipation“ trotzdem (bzw. gerade deshalb) langsam aber dafür sicher fortgeschritten ist. Überhaupt glaube ich, daß dieser Fortschritt in allen Gesellschaften praktisch automatisch abläuft. Selbst in islamischen und asiatischen Gesellschaften. Einfach, weil die Menschen nicht nur „gepanzert“ sind, sondern imgrunde durchweg rational und auf das Eigene bedacht. Das ist ein Element, daß in jedem Menschen zu finden ist und auf dem man aufbauen kann, wenn man nur behutsam vorgeht.

Das ist ja auch ein Hauptelement von Reichs „Arbeitsdemokratie“. Es gibt nur eine Menschengruppe, bei der man diese nicht findet und daß sind ausgerechnet jene Freiheitskrämer, die mit Gewalt die „Falle“ aufsprengen wollen. Verächtlich und kontaktlos wird über die Toleranzgrenze der Menschen hinweggegangen, infolge wird alles schlimmer als jemals zuvor und der langsame organische Fortschritt ist zerstört – vielleicht für immer. Die Emanzipationsbewegungen gegen König, Stammesherrschaft und Schah im Iran und in Afghanistan sind dafür typische Beispiele. Kurz gesagt: die arbeitenden Menschen sind anständig (d.h. prinzipiell „stirner-fähig“) und zwar gerade die und gerade in jenen Eigenschaften, die von den angeblichen „Emanzipatoren“ mit Verachtung gestraft werden.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum Reich mit den „einfachen Menschen“ klar kam, nicht jedoch mit den (pseudo-)intellektuellen „Fenichels“ – und diese nicht mit Reich. Übrigens findet man bei Stirner ähnliches, desgleichen beim bodenständigen LaMettrie. – Der Unterschied zwischen Stirner und Reich ist nur, daß letzterer halt auch die besagten „reaktionären“ Kreuzritter würdigen konnte. Ich rechtfertige natürlich nicht jeden konservativen Schwachsinn, aber… Immerhin kann ich die Logik dahinter nachvollziehen: Weder „Freiheit“ noch Reaktion, sondern eine ausgeglichene „funktionelle“ Entwicklung in Harmonie mit der (gepanzerten und ungepanzerten) Natur des Menschen.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 6)

16. Juli 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Warum haben LaMettrie, Stirner und vor allem Reich all das, was ihre „Aufklärungsarbeit“ ihnen abverlangte, auf sich genommen. Myron Sharaf meint, was den Fall Reich betrifft, um seine ödipale Schuld abzutragen. Andere meinen, entweder weil er seinen existentiellen Konflikt als „Außenstehender“ lösen wollte oder weil er so seinen bioenergetischen Lebenshunger stillen wollte. Das heißt doch nichts anderes, als Reich auf eine orgastisch impotente Pathologie zu reduzieren. Meines Erachtens ist es fatal, bei Reich auf diese Weise zwischen Sein und Handeln, Motiv und Aktion zu unterscheiden. Dieser Unterschied macht nur in der sozialen Fassade und in der mittleren Schicht der Charakterstruktur Sinn, nicht jedoch, wenn man aus dem bioenergetischen Kern heraus lebt. Dann springt man z.B. nicht unter Lebensgefahr in einen reißenden Strom, um ein Kind zu retten, weil es das Gewissen diktiert, sondern man springt, weil man anders gar nicht kann. Dann ist man ein Retter und verändert die Umwelt so, daß es dem eigenen Wesen entspricht. Man lebt, während die anderen nur Marionetten sind.

Dies ist übrigens wieder die unheimliche Nähe zwischen Modju und dem genitalen Charakter: beide folgen einem strukturellen Zwang. Es ist sinnlos zu fragen, warum Hitler die Juden vergast hat oder warum Reich diese Pest bekämpft hat, genauso wie die Frage sinnlos ist, warum ein Fischreiher Fische fängt, sonst wäre er nämlich ein „Kartoffelreiher“ oder so.

Tue das, was du bist, und sei das, was du tust und dann wirst du deinen Weg gehen. Dabei ist die Frage natürlich, ob dieser Weg wirklich Glück beschert. Wer ist wirklich glücklich: der, der seinen Weg verraten hat und als Lohn auf einer Luxusjacht durch die Adria schippert und die innere Leere mit Champagner auffüllt; oder der, der unter unsäglichen Qualen in einem Folterkeller eines faschistischen Regimes verreckt, aber das im Bewußtsein tut, sich treu geblieben zu sein? Ich habe den Eindruck, daß es sich an dieser Stelle ähnlich verhält wie mit Stirners Dichotomie von Freiheit und Eigenheit. Unsere Freiheit ist ewig eingeschränkt. Da heißt wir können wohl nicht z.B. durch Wände gehen, aber wir können innerhalb unserer beschränkten Möglichkeiten des „Freiseins“, wir selbst bleiben. Ähnlich verhält es sich mit dem Glück: der Weg mag beschwerlich und dunkel sein, aber es ist dein Weg und damit der einzig mögliche Weg. Jeder andere würde dich ohnehin unglücklich machen.

Antiorgontherapie (Teil 8)

13. Juli 2022

Der grundlegende Unterschied zwischen der Psychoanalyse à la Theodor Reik („Hören mit dem dritten Ohr“) und der Charakteranalyse von Wilhelm Reich: in der Psychoanalyse werden alle Arten von „Gefühlen“ objektiviert und ins Hier und Jetzt versetzt („Bewußtmachen des Unbewußten“), während in der Charakteranalyse umgekehrt das Hier und Jetzt („Sie beschreiben den Tod Ihrer Mutter. Warum lächeln Sie?“) „emotionalisiert“ wird. Das hat drei Aspekte:

In der Psychoanalyse wird alles sexualisiert, d.h. das Sexuelle im Gehirn „verarbeitet“ und so „überwunden“, während in der Charakteranalyse umgekehrt stets von der Ich-Abwehr ausgegangen wird, um schließlich „von oben nach unten fortschreitend“ den Sexus zu befreien.

In der Psychoanalyse wird der vermeintliche „Kern“ angesprochen; der vermeintliche „Primärvorgang“, den die Surrealisten mit ihrem Suhlen in sekundären Trieben sichtbar machen. Das wird insbesondere an der aus ihr abgeleiteten Jungschen „Analytischen Psychologie“ deutlich: während in der Charakteranalyse „chirurgisch“ von außen nach innen vorgegangen wird und sorgsam Primäres (das authentische Selbst) vom Sekundären (gesellschaftliche Konditionierungen) getrennt wird, wird in diesen Psychotherapien an das „innere Kind“ appelliert und irgendwelche vagen „geistigen Wirkstrukturen“, „Kräfte“ und „Energien“ mobilisiert. Das ganze erinnert eher an religiöse Erweckungsbewegungen und hat nichts mit einer verantwortungsvollen Psychotherapie zu tun.

In der Psychoanalyse wird die Vergangenheit in die Gegenwart getragen („Verdrängtes bewußtgemacht“), während in der Charakteranalyse umgekehrt das gegenwärtige Verhalten schrittweise mit der Vergangenheit verbunden wird, d.h. Verhaltensmuster („Charakter“) werden herausgeschält.

Zur Illustration dieser drei Punkte nehme man etwa die „Urschreitherapie“ (und sämtliche pseudo-Reichianischen Therapien plus den ganzen „Tantra-Komplex“): am Ende steht immer ein wachsendes Desinteresse an sexueller Entladung, weil die Energie vor allem im Gehirn gebunden wird; das „Selbst“ wird zunehmend von „Archetypen“ überwuchert, d.h. der Mensch auch im Kern „vergesellschaftet“ („du wirst zum Buddha, wenn du dich mit Buddha identifizierst“); und man wird Infantilisiert, d.h. abhängig gemacht.

Antiorgontherapie (Teil 7)

12. Juli 2022

Bei aller unbestreitbaren historischen Kontinuität muß doch gesagt werden, daß die Orgonomie imgrunde das Gegenteil der Psychoanalyse und aller aus ihr hergeleiteten Therapieformen ist! Diese „Bewußtseinstechniken“ wirken, weil die Energie, die sich in neurotischen Symptomen geäußert hat, im „Charakter“ gebunden wird (Panzerung). Psychotherapie ist die Flucht vor den Emotionen.

Vor 15 Jahren haben Matthew Lieberman und seine Kollegen an der University of California in Los Angeles mit bildgebenden Verfahren die Gehirnaktivität von 30 Probanden analysiert, die auf Bilder blickten, auf denen Gesichter gezeigt wurden, die bestimmte Emotionen zum Ausdruck brachten. Sie mußten zwischen zwei Namen, einem weiblichen und männlichen, je nach dem Geschlecht der Person, deren Gesicht zu sehen war, und zwischen zwei Wörtern wählen, um die Emotion richtig zu benennen. Beim Auswählen des Namens traten keine nennenswerten Veränderungen auf, doch beim Benennen der Emotion wurde eine Region im präfrontalen Cortex, dem „obersten Kontrollzentrum“, aktiviert, die mit dem In-Worte-fassen von emotionalen Erfahrungen assoziiert ist. Entsprechend reduzierte sich die Aktivität im „triebhaften“ Limbischen System, der Amygdala. Bei jenen Probanden, die Meditation und andere „Bewußtseinstechniken“ ausüben, traten diese Veränderungen besonders stark hervor. Sie haben sich im Griff, indem sie ganz im Hier und Jetzt bleiben und beispielsweise zu sich sagen: „Ich bin wütend“ – und sich so von eben dieser Wut distanzieren. Wenn man Gefühle in Worte faßt, ist es als trete man bei der emotionalen Reaktion auf die Bremse. Deshalb ist es auch hilfreich über seine Gefühle zu sprechen. Sie werden auf diese Weise „bewältigt“. Ein Gutteil der Psychotherapien funktioniert auf diese Weise.

Wir alle kämpfen mit unseren Emotionen und Gefühlen. Ein Zen-Meister wird sagen: bilde einen freien Raum zwischen dir und der störenden Emotion und laß sie dich nicht beherrschen. Letztendlich sollen wir uns nicht nur von unseren Ängsten, sondern auch von unseren Sexualtrieben lösen, um „frei zu sein“! Imgrunde ist das ganze Psychozeugs nichts anderes als „Let’s talk about Sex!“ In der Orgontherapie lernt man genau das Gegenteil: komme in Kontakt mit Deinen Gefühlen. Du wirst merken, daß je mehr du dich ihnen überläßt, sie desto angenehmer und „beherrschbarer“ werden. Die üblichen Psychotherapien sind im tiefsten Sinne „reaktionär“, weil sie nicht Energien befreien, sondern binden. Psychopharmaka ergänzen diesen Abpanzerungsprozeß. Und eure „Spiritualität“ (Achtsamkeit, Yoga, Meditation etc.) könnt ihr euch sonstwohin stecken!

Antiorgontherapie (Teil 6)

9. Juli 2022

Der individualistische Rechte sagt dir: „Mensch, reiß dich zusammen!“ – bzw. sagte er dir das in der autoritären Gesellschaft. Das ist die Essenz der autoritären Erziehung: „Hör auf zu flennen, reiß dich am Riemen und komm endlich – oder verrecke hier! Ist mir doch scheiß egal!“ Das soll die Kinder hart und verpanzert machen. Schrecklich, aber immerhin ein verborgener Appell an die eigenen Ressourcen und letztendlich an die Selbststeuerung.

Heute in der antiautoritären Gesellschaft wird dir geholfen. Je hilfloser du dich gibst, desto besser wird es dir im Endeffekt ergehen. Das quasi offizielle Motto der kollektivistischen Linken lautet: „Nobody is left behind!“, d.h. niemand wird ausgegrenzt und allen wird geholfen. Was dazu führt, daß jeder in sich schaut, um irgendwelche Wehwehchen zu finden, aufgrund derer er diese Solidarität vom Kollektiv einfordern kann. Alles ist weich, „empathisch“ und „ungepanzert“ – und erzeugt unselbständige, von anderen abhängige Menschen, bzw. „Menschen“.

An diesem absurden Widerspruch zerbricht das therapeutische Erbe Reichs: daß sich Leute zu diesem Erbe hingezogen fühlen, die ihren Mitmenschen helfen wollen, dabei aber systematisch bei diesen das unterminieren, was das Menschsein ausmacht, nämlich die Eigenverantwortung. Eltern, Kindergärtner, Lehrer und schließlich Psychotherapeuten züchten den antiautoritären Menschen, der tatsächlich körperlich weitgehend ungepanzert ist, – weil sich seine gesamte Panzerung auf das Augensegment konzentriert. Diese orientierungslosen „Menschen“ haben jede Perspektive verloren und tappen hilflos durchs Leben. Keine Peilung! Charles Konia spricht von „clueless“.

„Rechte“, also die Fossilien und unzeitgemäßen Irrläufer der einstigen autoritären Gesellschaft, haben hingegen keinerlei Zugang zu Wilhelm Reich, dem Urvater der „sexuellen Revolution“, die die Transformation zur antiautoritären Gesellschaft letztendlich auslöste. Tragischerweise sind sie die einzigen, die überhaupt ein Gespür für Selbststeuerung haben. Nur sie können richtige Orgontherapeuten sein, d.h. ihre Patienten aus der Matrix lösen, während „Reichianische“ Therapeuten nur Freiheitskrämer sind, die zur allgemeinen Versklavung beitragen und sie perpetuieren – im Namen Reichs…

Antiorgontherapie (Teil 5)

8. Juli 2022

Das Wilhelm Reich Museum in Rangeley, Maine hält im August eine Konferenz ab, in der die Antiorgontherapie promoted wird – im Namen Wilhelm Reichs. Das reicht (u.a.!) von Charles Kelleys „Radix-Therapie“, über Alexander Lowens „Bioenergetik“ und John Pierrakos „Core-Therapie“ bis zu Gerda Boysens „Biodynamik“ und David Boadellas „Biosynthese“ und kulminiert in der famosen „deutschen Orgontherapie“, die Heiko Lassek meiner unverifizierten Theorie nach… lassen wir’s…

Ich bin auf diesen ganzen Komplex in „Reichianische Bücher“ (hier, hier und hier) bis zum Überdruß eingegangen, deshalb hier nur kurz: statt die „inneren Hierarchien“ (Fremdbestimmung, Über-Ich, Panzerung) abzubauen, werden neue errichtet (Political Correctness, Spiritualität, etc.), die Charakterstruktur wird an die antiautoritäre Gesellschaft angepaßt (Verstärkung der okularen Panzerung, Triebgehemmtheit wird durch Triebhaftigkeit ersetzt) und es wird systematisch verschleiert, daß es jeweils nur EINE korrekte therapeutische Intervention geben kann und deshalb nur EINE Orgontherapie. Mehrere „Schulen“ als mögliche Alternativen vorzustellen, ist von vornherein Emotionelle Pest. Mit Wilhelm Reich hat diese ganze Kackscheiße nichts, aber auch rein gar nichts zu tun!

Die Orgonomen des American College of Orgonomy haben sich wiederholt mit den „Reichianischen” Körpertherapien auseinandergesetzt, seien diese nun eher mechanistisch orientiert, wie die „Bioenergetik” von Alexander Lowen, oder mystisch, wie das „Core Energetics” von John Pierrakos. Ihnen allen gemeinsam seien verschwommene Therapieziele. Statt einfach nach und nach und vor allem systematisch den Panzer zu beseitigen (jeder einzelne Teil des Panzers hat eine Funktion!), solle „Energie in Bewegung gebracht werden“ oder „die Balance der Körperenergie soll wiederhergestellt werden“. Die Reichianischen „Therapeuten“ folgten ihrer „Intuition“ und erzeugten regelmäßig chaotische therapeutische Situationen.

Und was die Orgontherapie (bzw. was sich so nennt!) selbst betrifft gibt es meines Erachtens, d.h. auf Grundlage eigener Beobachtungen an mir und anderen Patienten, fünf Kennzeichen, die auftreten, wenn etwas grundlegend schiefläuft:

  1. wird die Energie des Patienten von den realen Anforderungen des Alltags abgezogen und auf obskurantistische Nabelschau, „spirituelle Krisen“, religiöse Sehnsüchte, etc. abgelenkt (Ersatzkontakt statt Kontakt);
  2. werden zeitweise Lösungen eröffnet, die das charakterliche Grundproblem nur noch weiter verkleistern und noch unzugänglicher machen, so daß sich die charakterlichen Probleme untergründig nur noch weiter verfestigen;
  3. bindet sich der Patient zu stark an den Therapeuten (Ersatzkontakt), was das eigentliche Ziel der Therapie untergräbt, nämlich die Selbst-Steuerung;
  4. dazu gehört auch, daß sich durch ständige Interventionen des Therapeuten der Eindruck verfestigt, daß Erfolge auf den Therapeuten zurückgehen, während tatsächlich der Patient selbst an sich arbeitet (bzw. arbeiten sollte);
  5. wird der Patient viel zu schnell auf ein zu hohes Energieniveau gehoben, auf dem er weder adäquat funktionieren kann, noch das er mittelfristig aufrechterhalten kann, was schließlich zur Resignation führt.

Auf diese Weise wird mittelfristig Verwirrung und heimlicher Groll gegen die Orgonomie hervorgerufen, da die therapeutischen Interventionen strukturell einfach nicht greifen.

Orgontherapie ist nicht, halbnackt auf einer Matratze liegen und wie ein Irrer strampeln und schreien! Orgontherapie ist sich seinen Ängsten im Alltag stellen und zu handeln, obwohl man Angst hat. Es ist vollkommen lächerlich zu glauben, daß man durch irgendwelche „Techniken“ auf quasi magische Weise „entpanzert“ wird, um dann ein glückliches Leben zu führen. Warum man denn dann überhaupt einen Orgontherapeuten aufsucht? Damit der einen mit der eigenen Kontaktlosigkeit in Kontakt bringt – nicht damit er neue und effektivere Arten von Ersatzkontakt bereitstellt.

Ein Beispiel wäre beispielsweise eine Hysterikerin, die vom Therapeuten ummuttert bzw. „umvatert“ wird, um Verletzungen aufgrund ihrer „Frühstörung“ zu heilen, und deren vorgeblich „spirituellen Krisen“ er hilft zu bewältigen. Statt ihr ständiges charakter-strukturelles Weglaufen anzugehen, wird es unterstützt und weiter verfestigt. Egal wieviel „Charakteranalyse“ und „biophysische Arbeit“ hier auch immer geleistet wird, so etwas als „Orgontherapie“ zu bezeichnen ist schlichtweg absurd!

Ein untrügliches Zeichen dafür, daß etwas grundsätzlich falsch läuft, ist ein narzißtisches Auftreten sowohl des Therapeuten als auch seiner Patienten. Ein echter Orgontherapeut spielt niemals eine Rolle, sondern er ist im besten Sinne des Wortes „ein ganz normaler Mensch“. Das gleich trifft auf Patienten zu, die so tun, als wären sie ob ihrer „Umstrukturierung“ etwas besseres als wir, das gemeine Volk. Groteskerweise ist es genau umgekehrt: Neurotiker umgeben sich mit Auren („Ich bin ein Denker!“, „Ich bin etwas besseres!“, „Ich bin ein Akademiker!“, „Ich habe den Durchblick!“, etc.), während gesunde Menschen schlichtweg sie selbst sind: Menschentiere!

Antiorgontherapie (Teil 4)

7. Juli 2022

Orgontherapie ist keine „Arbeit“ an irgendeinem „Objekt“, das auf der Couch liegt und bei dem man „die Energie in Bewegung“ bringt. Es sind auch keine hochkomplizierten „Psychotechniken“, die zum Einsatz gebracht werden. Es sind zunächst einmal ganz normale psychotherapeutische Gespräche, die dezidiert un-psychoanalytisch gehalten sind, d.h. sich auf das Hier und Jetzt beziehen, vor allem aber auf das konkrete Verhalten und Gehabe des Patienten. Dann der „biophysische“ Teil, bei dem der Patient so gut wie gar nicht mit den Händen berührt wird und ihm auch nicht gesagt wird, was er zu tun und zu lassen hat. Die Autonomie des Patienten wird in jedem Fall respektiert und er bestimmt, wie weit das ganze geht.

Tatsächlich kann eine Orgontherapie teilweise hochdramatisch aussehen, man denke nur an die Dokumentation Room for Happiness, aber das kommt erst später nach einer langen Eingewöhnungszeit und kommt auch dann aus dem Patienten selbst. (Ohnehin ist die Charakteranalyse filmisch kaum darstellbar, so daß Room for Happiness leider einen falschen Eindruck vermittelt.)

Es kann wirklich nichts Schlimmes passieren, zumal man in den Händen von Medizinern ist, die darüber hinaus Psychiater sind und in der gängigen tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ausgebildet wurden. Das ganze hat nichts „Esoterisches“ oder „Verwickeltes“ an sich. Und letztendlich gibt es nur einen einzigen wichtigen Heilungsfaktor: die Motivation des Patienten. Vor dem Computer sitzend ist das einfach: „Klar bin ich motiviert!“, aber wenn man mit den eigenen verschrobenen Idiosynkrasien auf dem Charakteranalyse-Stuhl und der schmerzhaften Atemhemmung auf der Matratze unmittelbar konfrontiert ist, sieht das schon anders aus mit der Motivation…

In einer guten Orgontherapie wird ein Heilungsprozeß in Gang gesetzt, der vielleicht nie zum Ziel findet, bei dem es aber auch kein Zurück gibt.

Es ist ein ständig abfallender Weg vom dürren Hochgebirge der Neurose hinab zum Meeresstrand der Gesundheit. Das Gefälle bestimmt man weitgehend selbst und wenn man nicht weiter kann/will ist man zumindest in fruchtbareren, „meeresnäheren“ Landschaften angelangt – und rollt vielleicht dank der Gravitation noch sozusagen „autonom“ langsam weiter bergab seewärts.

Das Gute ist, daß wenn man im Hochgebirge vom Therapeuten beispielsweise aufgefordert wird, damit aufzuhören sich selbst ständig ein Bein zu stellen, einem dies zwar vollständig absurd vorkommt („Warum komme ich denn zur Therapie, wenn das so einfach ist?!“), jedoch weiter unten auf dem Weg abwärts der Satz plötzlich sinnvoll wird, – er wird eine Selbstverständlichkeit, das Leben wird einfacher: „Ja, warum stelle ich nicht einfach mein neurotisches Verhalten ein!“ Man wird Herr im eigenen Haus und kommt aus dieser idiotischen, peinlichen Opferrolle raus. „Ich kann nicht anders!“ Neurotischer Quatsch!

Man kann keine Wunderdinge von der Orgontherapie erwarten, aber eins kann man mit Fug und Recht erwarten: daß man, um im obigen Bild zu bleiben, ins Rollen kommt, vielleicht millimeterweise, aber man rollt und dieses Rollen wird nie mehr aufhören.

Was der Orgontherapeut vor allem braucht, um dem Patienten helfen zu können, ist Souveränität. Sie ermöglicht es ihm, auf die Selbstheilungsprozesse der organismischen Orgonenergie zu vertrauen, d.h. die Selbstregulation sich (wieder) entwickeln zu lassen, statt aus heimlicher Unsicherheit in blinden Aktionismus zu verfallen. Er wird sich niemals dazu hinreißen lassen, irgendwelche abgeschmackten Psychotechniken (Manipulationstechniken), etwa Suggestion und Induktion „anderer Bewußtseinszustände“, und „Körperübungen“, „Streßpositionen“, „Massage“ oder ähnliche „körpertherapeutische Techniken“ zu verwenden. All dies zeugt von der Angst und Kontaktlosigkeit des Therapeuten.

Wir haben es hier schlicht und ergreifend mit der Emotionellen Pest zu tun, die dadurch gekennzeichnet ist, daß sie die freie Entfaltung der Orgonenergie in anderen Menschen nicht ertragen kann. Um wieviel effektiver ist Modju doch, wenn er seinen tiefsitzenden Haß auf das Lebendige im Namen der „Menschenliebe“, im Namen der „Selbstregulation“ und gar im Namen der „orgastischen Potenz“ ausleben kann, indem er nach Glück strebende Menschen mit irgendwelchen „Techniken“ (NLP, Lowensche Bioenergetik, etc.pp.) manipuliert!

Bei diesen „Therapeuten“ wird die Charakteranalyse ein Weg, um ihrer Verachtung Ausdruck zu verleihen und den Patienten so fertigzumachen, daß er unmittelbar nach der Sitzung Selbstmord begeht. Die „Körpertherapie“ ist für sie ein Weg, ihren Sadismus auszuleben und nach Belieben Grenzüberschreitungen zu begehen. Imgrunde ist das Vergewaltigung, für das das Opfer auch noch zu zahlen hat!

Letztendlich ist es egal, wie lange die Therapie dauert und ob man jemals ans Ziel gelangt. Wichtig ist einzig und alleine, daß man aus der emotionalen und körperlichen Erstarrung herauskommt, – ein autonom verlaufender Heilungsprozeß in Gang gesetzt wird. Aktivistische Therapeuten hintertreiben und zerstören diesen Prozeß. Gar keine Therapie wäre besser.

Aber gibt es nicht unterschiedliche Therapieschulen, die sich auf Reich berufen? Nein! Wie bereits in Teil 2 erwähnt (Reich führt das in der Charakteranalyse aus), gibt es in einer bestimmten therapeutischen Situation nur eine einzige richtige Vorgehensweise. Es gibt nur eine einzige richtige therapeutische Herangehensweise. Jede andere kann nur Schaden anrichten. Reich selbst hat Charakteranalytiker, Vegetotherapeuten und schließlich Orgontherapeuten nacheinander in Wien, Berlin, Kopenhagen, Oslo und New York ausgebildet. Wie kann es da Platz für „unterschiedliche Schulen“ gegeben haben?

Mit der Veröffentlichung der dritten Auflage der Charakteranalyse im Jahre 1949, in der er die segmentäre Anordnung der Panzerung vorstellte und sich insbesondere mit dem okularen Segment beschäftigte, war die Entwicklung der Therapie weitgehend abgeschlossen. Nachdem Reich ganzjährig nach Rangeley, Maine gezogen war, um sich ganz der Forschung zu widmen, übernahm ab 1950 Elsworth F. Baker die Verantwortung für die Ausbildung angehender Orgontherapeuten. Eine Aufgabe, die er bis zu seinem Tod 1985 wahrgenommen hat. Seitdem leitet Charles Konia das Ausbildungsprogramm der Orgonomie. Wie kann es da Platz für „unterschiedliche Schulen“ geben?

Orgontherapie ist Orgontherapie! Leute, die von sich behaupten, sie würden in einer anderen als der hier kurz umrissenen Tradition stehen, so als wäre das ganze ein sich verästelnder Baum, haben nichts mit Orgontherapie zu tun. Wie gesagt: Es gibt in einer bestimmten therapeutischen Situation nur eine einzige richtige Vorgehensweise. Es gibt nur eine einzige richtige therapeutische Herangehensweise. Jede andere kann nur Schaden anrichten.

Orgontherapie verläuft von der Gegenwart in die Vergangenheit (das Aktuelle steht im Vordergrund, dann wird sich langsam in die „Psychohistorie“ vorgearbeitet), von außen nach innen (beispielsweise heißt dies, daß man nicht mit „tiefsinnigen“ Deutungen, die nur den Narzißmus des Therapeuten befriedigen sollen, ein heilloses seelisches Chaos hervorruft) und von oben nach unten, insbesondere das Beckensegment wird nicht vorzeitig mobilisiert (etwa durch „Üben des Orgasmusreflexes“ und ähnlichen verbrecherischen Unsinn). Entsprechend wird die Therapie anfangs von der Charakteranalyse dominiert, erst später nehmen mehr „körpertherapeutische“ Elemente eine prominentere Rolle ein.

Bei den „anderen Reichianischen Schulen“ ist das teilweise, manchmal sogar durchweg, umgekehrt: der Patient wird mit haltlosen Spekulationen über seine „Psychodynamik“ malträtiert und das dann als „Charakteranalyse“ hingestellt, wenn er nicht gleich „körpertherapeutisch“ ordentlich in die Mangel genommen und sein Erleben dann im Anschluß aufgearbeitet wird. Statt die „Ausdruckssprache des Lebendigen“ freizusetzen („agieren“), wird umgekehrt auf sadistische Weise der Organismus soweit in die Enge getrieben, daß er reagieren muß. (Es wird also genau das gemacht, was erst zur Bildung der Panzerung geführt hat!) Von Beginn an wird die Sexualität (letztendlich das Becken) in den Vordergrund gestellt – weil man ja schließlich „Reichianer“ ist. „Bioenergetische Prozesse“ werden ohne erkennbare Logik mobilisiert, so als hätte Reich die Charakteranalyse nie geschrieben. Es ist alles eine große Perversion, durch Leute, die sich als „innovative Autoritäten“ aufspielen, tatsächlich aber nichts, wirklich rein gar nichts verstanden haben.

Antiorgontherapie (Teil 3)

6. Juli 2022

Eines der Hauptübel des sogenannten „Reichianismus“ ist die Zerstörung der von Reich entwickelten Therapietechnik. Diese beruht auf folgender Gleichung:

Der orgonotische Kontakt kommt insbesondere in kurzen und präzisen Interventionen und Äußerungen von Seiten des Therapeuten zum Ausdruck. Es geht nicht um ausgefeilte körperliche „Übungen“ wie in der „Bioenergetik“ a la Alexander Lowen und dem kontaktlosen Unsinn, der als „energetische Medizin“ verkauft wird. Zur Zerstörung der Therapie gehören insbesondere genaue Anweisungen, wie der Patient zu liegen hat, wie irgendwelche Gliedmaßen angewinkelt sein müssen, etc. Auch geht es nicht um irgendwelche langen verbalen Erläuterungen, sondern schlicht darum, den Patienten mit seiner eigenen Kontaktlosigkeit in Kontakt zu bringen. Wenn der beispielsweise langatmig „möglichst präzise“ sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen erklären will, geht es von seiten des Therapeuten nicht darum den Patienten mit irgendwelchen „brillanten“ Analysen übertrumpfen zu wollen, sondern ihn zurück zu seinem grundlegenden emotionalen Problem zu führen: „Sie haben schlichtweg Angst!“

Das ist Orgonomie! Es hat nichts mit dem pseudointellektuellen und „pseudoenergetischen“ Komplexitäten der mechano-mystischen Weltanschauung zu tun, die auf einer einzigen Maxime beruht: dem Ausweichen vor dem Wesentlichen. Wenn du als Patient einem dieser Wichtigtuer gegenübersitzt, der „präzise“ jede Muskelspannung bearbeiten will, ohne vorher deren Funktion erfaßt zu haben, und mit vermeintlich brillanten Bonmots jede unbewußte Regung erklärt – lauf weg! Das zeigt alles nämlich nur eins: den mangelnden orgonotischen Kontakt beim Therapeuten, den er durch aufgesetztes „Spezialistentum“ wettmachen muß.

Wie Charles Konia in „Orgone Therapy: Part III. The Application of Functional Thinking in Medical Practice” (The Journal of Orgonomy, Vol. 20, No. 2, November 1986, S. 285-292) ausführt, bestimmt das, der orgonotische Kontakt, die gesamte Beziehung zwischen Therapeut und Patient:

In der therapeutischen Beziehung ist der Therapeut weder „besser“ als der Patient, noch sind Patient und Therapeut „gleichgestellt“, also keine Freunde oder Kameraden. Sowohl elitäres als auch anti-elitäres Denken sind in der Therapie neurotische Tendenzen, die entweder von Seiten des Patienten oder von Seiten des Therapeuten ausgehen. Diese Einstellungen werden den Fortschritt der Therapie stören. In der therapeutischen Beziehung repräsentieren Patient und Therapeut einfach unterschiedliche Funktionen. Sowohl der Patient als auch der Therapeut müssen in der Lage sein und die Bereitschaft zeigen, ihre jeweiligen Rollen einzunehmen. Der Patient repräsentiert den Vorgang der einer ärztlichen Behandlung unterliegt, während der Therapeut den ärztlichen Behandlungvorgang vertritt. Ohne diese Übereinkunft kann es keine Therapie geben. (…) Neurotische Gegenentwürfe zur therapeutischen Beziehung treten auf, wenn der Patient vom Therapeuten „gefesselt“ ist, ihn als „Kumpel“ und „Spezi“ empfindet, ihn „idealisiert“, sich als „Mitarbeiter“ oder bloße „Schachfigur“ des Therapeuten fühlt oder wenn der Therapeut zum „Guru“ oder zum „Freund“ des Patienten wird.

Sollte sich der vermeintliche „Orgontherapeut“ dir gegenüber unprofessionell verhält, d.h. einen auffallenden Mangel an Distanz zeigt oder so tut, als schwebe er in höheren Sphären und wäre mehr als ein Arzt, dann ist er dermaßen krank, daß er im Zweifelsfall wahrscheinlich mehr Hilfe benötigt als du selbst.

Ein guter Therapeut stellt ein ganz normales, der Situation angemessenes Arzt-Patient-Verhältnis her. Und wie jeder gute Arzt weiß er, was er tut, d.h. er ist in seinen Interventionen sparsam und zielgerichtet. Es ist wie in jeder anderen Lebenssituation auch. Der gute Handwerker fällt in wenigen Schritten eine Diagnose und behebt den Schaden entsprechend zielgerichtet. Der kontaktlose Pfuscher hingegen weiß nicht was er tut und hinterläßt ein hoffnungsloses Chaos. Er geht immer nach Schema F vor oder improvisiert ziellos vor sich hin.

Ich habe am Rande selbst mitbekommen, wie es Patienten von Möchtegern-„Orgontherapeuten“ von Sitzung zu Sitzung schlechter ging. Andere „Orgontherapeuten“ erklärten ihren enttäuschten und verzweifelten Patienten schließlich frech, daß Reichs Ansatz mittlerweile halt überholt sei, die Menschen heute „frühgestört“ seien und der Patient deshalb eine neue Serie von (ebenso kontaktlosen) „therapeutischen“ Interventionen über sich ergehen lassen müsse. Die Anzahl der Methoden, die ein „Orgontherapeut“ anbietet, korreliert mit dem Ausmaß seiner Kontaktlosigkeit. Den Anfang machte Ende der 1950er Jahre Alexander Lowen mit seinen „bioenergetischen Übungen“.

Das Elend der Psychotherapie ist weit verbreitet. Louis Berger, ein führender Psychoanalytiker in den USA, beschreibt in seiner Freud-Biographie Freud: Darkness in the Midst of Vision (New York 2000), wie er im Laufe der Zeit mit den führenden Ausbildungs-Analytikern und ihren Patienten in Kontakt kam, die langfristigen Effekte der Therapien sah – und nur bestätigen kann, was der bekannte Psychotherapie-Kritiker Jeffrey M. Masson 1992 über dessen eigene Ausbildungsanalyse geschrieben hatte: der führende Analytiker sei autokratisch gewesen, seine Vorgehensweise von Willkür und Machtmißbrauch geprägt (S. 376 und 386).

Leute, laßt Euch nicht von „Therapeuten“ für dumm verkaufen, die einen größeren Dachschaden haben, als ihr selbst!

Antiorgontherapie (Teil 2)

5. Juli 2022

Der früh verstorbene „Orgontherapeut“ Heiko Lassek hat 1997 in seinem Buch Orgontherapie seine Behandlungsmethode beschrieben. Er, Lassek, habe die Orgontherapie wieder etabliert. Hingegen würden die Schüler jenes Therapeuten, nämlich Elsworth F. Baker, der von Reich beauftragt wurde, die zukünftigen Orgonomen auszubilden, nur eine verwässerte und wenig wirksame „Orgontherapie“ vertreten. Lassek wörtlich:

Ein enger Mitarbeiter Reichs, der Psychiater Elsworth F. Baker, gründete das „College of Orgonomy“, in dem während der folgenden Jahrzehnte einige wenige Ärzte in der Einbeziehung des Körpers in den charakteranalytischen Therapieprozeß unterrichtet werden; die biophysikalischen Einwirkungen und die späte Form der Orgontherapie Reichs aber spart man aus Angst vor den amerikanischen Aufsichtsbehörden aus. Mit dieser eingeschränkten Form der Behandlung lassen sich die Heilungserfolge der Orgontherapie jedoch nicht wiederholen, und so gibt man die Beeinflussung schwerer Erkrankungen weitgehend auf. Zum Schwerpunkt der Ausbildung wird damit eine Art Psychoanalyse unter Einbeziehung des Körpers – eine Behandlungsform, die Reich Anfang der dreißiger Jahre praktizierte. (Orgontherapie, S. 30f)

Es ist mir einfach zu dumm, solche Sachen richtigzustellen. Nur so viel: ich war im Laufe der Jahrzehnte bei drei medizinischen Orgonomen in Behandlung, habe die vollständige orgonomische Literatur von 1919 bis heute studiert, – und muß konstatieren, daß Herrn Lasseks „Grundlagenwerk zur Arbeit Wilhelm Reichs“ nichts mit Reichs Orgontherapie zu tun hat.

Kann sich überhaupt irgend jemand auch nur im entferntesten ausmalen, wie Wilhelm Reich „auf Orgonon“ auf diese Usurpierung reagiert hätte?! Man nehme dazu den Briefwechsel Zeugnisse einer Freundschaft zur Hand und suche im Register nach „Paul Ritter“, einem englischen „Orgontherapeuten“, der beispielsweise den „Reichianischen Therapeuten“ David Boadella „ausgebildet“ hat.

Es läßt sich auch beispielsweise auf Reichs Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Schule Wilhelm Stekels in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse von 1928 zurückgreifen. In einer Buchbesprechung legt Reich dort rücksichtslos die Verworrenheit von Stekels Gruppe bloß, die die negative Übertragung ignoriert und für die daraus folgende Unfähigkeit des Therapeuten, die Widerstände sorgfältig zu beheben, das böse Unbewußte des Patienten verantwortlich macht. Natürlich verwirft Stekel auch das Konzept der Libidostauung und spricht stattdessen vom „symbolischen Ausdruck bestimmter Vorstellungen“, die nur bewußtgemacht werden müßten. Gegen diese Verballhornung der Psychoanalyse durch den „Praktiker“ Stekel gemahnt Reich an die Systematik und Theoriebildung als unerläßliche Werkzeuge wissenschaftlicher Forschung. Insbesondere fordert Reich eine korrekte Charakterdiagnose, bevor man versucht, den Patienten zu behandeln. Am Ende beklagt Reich, wie sich Stekel und auch Adler durch laute Propaganda und vorschnelle Erfolgsmeldungen als Kliniker und Praktiker beim Publikum anbiedern und Freud in die Ecke des esoterischen „Philosophen“ stellen.

Wer hätte damals auch nur ahnen können, daß eines Tages Reichs vermeintliche „Schüler“, wie Alexander Lowen und wie sie alle heißen, sich als „Pragmatiker“ der „Körperpsychotherapie“ hinstellen und frech Reichs Erbe beanspruchen. Sie faseln irgendeinen Dünnschiß von der „Mobilisierung der Energie“ und wie man mit „Streßpositionen“ Widerstände brechen kann. Sie produzieren eine Literatur, die ganze Bibliotheken füllt, Zeitschriften mit vielen Jahrgängen, organisieren große Konferenzen und Gesellschaften, die vorgeben, Reichs Therapie „weiterzuentwickeln“. Tatsächlich sind das alles neue „Stekels“, die in ihrer Ignoranz den einen oder anderen Teil bei Reich herausgreifen, der dann überproportionale Bedeutung gewinnt. Auf diese Weise entstehen Privatlehren, die getreulich den Charakter ihres Urhebers widerspiegeln. Ich rede von den diversen „Reichianischen“ und „Neo-Reichianischen“ „Therapien“, die von medizinischen und/oder psychiatrischen Laien aus der Orgontherapie entwickelt wurden. Etwa Lowens „Bioenergetik“, Boadellas „Biosynthese“, Charles Kelleys „Radix“ oder Heiko Lasseks „Pulsationsarbeit“.

Pesttherapie