Archive for the ‘Psychotherapie’ Category

David Holbrook, M.D.: ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLELEN ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE AUFWEISEN

22. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Ergebnisse der zeitgenössischen Neurowissenschaft und Psychotherapie, die Parallelen zur orgonomischen Perspektive aufweisen

 

David Holbrook, M.D.: EMOTIONEN SPRECHEN LAUTER ALS WORTE

12. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Emotionen sprechen lauter als Worte

 

Der Orgasmusreflex, ein trügerisches Zeichen für Gesundheit

8. Mai 2019

Im Journal of Orgonomy (50(2), S. 76) beschreibt Elsworth F. Baker eine Patientin, die mit einem frei beweglichen, also weitgehend ungepanzerten Beckensegment in Therapie gekommen war. Am Ende der Therapie führte die Beseitigung restlicher Spannungspunkte im Becken und die Mobilisierung des Beckens (Aufforderung die Schließmuskeln des Anus und der Vagina widerholt anzuspannen und wieder loszulassen) zu einem starken Zittern der Schenkel und sie war fähig, beim Ausatmen das Becken nach vorne zu stoßen. Baker war es jedoch nicht möglich den Orgasmusreflex auszulösen. Dazu schreibt er: „Reich wies darauf hin, daß, obwohl einige Fälle ein hohes Gesundheitsniveau erreichen können, sie niemals den Reflex zeigen und manche nie [orgonotische] Strömungen verspüren.”

Umgekehrt berichtet im gleichen Heft (S. 178) Charles Konia von einer Patientin, die er von einem anderen Orgonomen übernommen hatte, bei der bloßes Atmenlassen auf der Couch sofort zu einem generellen Zittern des Körpers und zu einem Orgasmusreflex führte. Das trat zu einem Zeitpunkt auf, als von einer Heilung noch nicht im Entferntesten gesprochen werden konnte, war aber kein Grund zur Besorgnis, weil der vorangehende Orgontherapeut das okulare Segment ausreichend mobilisiert hatte, um eine geregelte Fortführung der Therapie zu garantieren.

Bei Patienten, die in den oberen Segmenten stark verpanzert sind, aber ein freies Becken haben, kann der „Beckenreflex“ auftreten, sozusagen „der halbe Orgasmusreflex“. Dieser kann sogar ein schlechtes Zeichen sein, weil insbesondere bei Schizophrenen zunächst die oberen Segmente entpanzert werden müssen, was nur durch Herstellung einer Panzerung (Immobilisierung) im Becken gelingen kann (die dann am Ende der Therapie natürlich wieder beseitigt werden muß).

Laientherapeuten können das alles nicht richtig einschätzen. Hinzu kommt, daß manchmal der „Orgasmusreflex“ (bzw. etwas, was der Laie für ihn halten könnte) in der ersten Sitzung auftritt. Jedenfalls war das zu meiner eigenen starken Verwunderung bei mir der Fall. Dr. Schwartzman versicherte mir damals, daß dies mitnichten der Orgasmusreflex sei. Am Anfang ist der Organismus (soweit er nicht vollständig erstarrt ist) noch vollkommen unvorbereitet, „naiv“ und es gibt noch keine Übertragung. Der quasi „hysterisch“ erregte Organismus ist deshalb der Situation hilflos ausgeliefert und läßt sich sozusagen gehen. Sehr bald panzert man sich jedoch in der therapeutischen Situation ab und die Illusion von Gesundheit verpufft. Laientherapeuten (Freiheitskrämer) leben von der Kultivierung solcher Illusionen. Ich denke nur an das „Orgasmusreflex-Training“.

Beim Schreiben dieses Blogeintrags flattert eine Einladung des „Instituts der Deutschen Gesellschaft für Intensive Psychodynamische Kurzzeittherapie nach Davanloo“ auf den Schreibtisch. Es geht um die „12. Jahrestagung mit Einführungkurs: Metapsychologie und Technik der IS-TDP nach [Habib] Davanloo: DIE SUCHE NACH DEM WIDERSTAND“. Das ganze findet im „Exerzitienhaus der Diözese Würzburg HIMMELSPFORTEN“ statt. Bei diesem ganzen Zauber geht es um die Nutzung der Übertragung, die einen Widerstand gegen emotionale Nähe mobilisiert. Schon mal Wilhelm Reichs Buch Charakteranalyse gelesen? Der hatte aber Respekt vor dem Widerstand des Patienten, der im Kern ein charakterlicher Widerstand ist. Das alles zu Umgehen und, wie es im Flyer, heißt u.a. einen „vertikalen Zugang zum Unbewußten“ zu finden, ist von einer erschreckenden Rücksichtslosigkeit: die Abwehr wird mit Gewalt durchbrochen. Ähnlich wie das „Orgasmusreflex-Training“ wirkt es wie eine Karikatur des Reichschen Ansatzes. Das ganze gemahnt an das, was Morton Herskowitz über Lowen und Janov geschrieben hat: http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf (dort S. 154-160).

Über Spaltung

26. April 2019

von David Holbrook, M.D.

Mit „Spaltung“ meine ich im Grunde, daß jemand den Kontakt zu sich selbst verliert, auf eine sehr tiefgehende Art und Weise. Es gibt unterschiedliche Grade des Kontaktverlusts zu sich selbst. Mildere Versionen sind die Abwehrmechanismen der Verleugnung und Verdrängung, die jeder anwendet. „Spaltung“ bezieht sich auf die schwereren Formen des Kontaktverlusts mit sich selbst: im Grunde psychotische Mechanismen. Selbst Menschen, die im formalen Sinne nicht psychotisch sind, können Spaltungs-Mechanismen nutzen. Zum Beispiel sagt mir ein Patient im Teenageralter, seine Faust treffe sein Gesicht von selbst, ohne daß dies intentional oder auch nur bewußt sei; daß dies geschehen wird, selbst wenn er glücklich ist. Diese Art von Phänomen wird durch Spaltung ermöglicht. Dieses spezielle Beispiel wird wahrscheinlich von den meisten Psychiatern als dissoziatives Phänomen und nicht als psychotisches Phänomen bezeichnet. In der Realität sind Dissoziation und Psychose sehr eng miteinander verbunden. Ein ausgeprägteres psychotisches Beispiel als der Teenager, der sich ins Gesicht schlägt, wäre jemand, der auditive Halluzinationen einer Stimme hat, die mit ihm spricht, die aber nicht seine eigene ist. Bei beiden Beispielen handelt es sich also um das Phänomen „Ich bin es nicht, es ist die Stimme“ oder „Nicht ich bin es, es ist meine Faust“. Die Spaltungs-Mechanismen entstehen, wenn man der großen Gefahr gewärtig ist Sachen wahrzunehmen, die man einfach nicht ertragen kann. Dies geschieht, wenn die üblichen Abwehrmechanismen der Verdrängung oder Verleugnung versagen.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Ein schizophrener Charakter trennt sich von seiner Freundin: Textaustausch mit einem Patienten

13. April 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Dies ist ein Textaustausch mit einem paranoiden und wahnhaften jungen erwachsenen Patienten von mir, dessen langjährige Freundin sich vor kurzem von ihm getrennt hat, was wahrscheinlich diese psychotische Episode ausgelöst hat. Die Freundin versucht immer wieder, mit ihm Kontakt aufzunehmen, und möchte, daß er ihr „Freund“ ist. Ich sagte ihm, daß er sie blocken muß.

P: Ich weiß nicht, wie ich einfach nicht mehr mit ihr reden soll, aber ich versuche es.

Ich bin auch wütend.

Wie auch immer, es spielt keine Rolle.

D: Seien Sie wütend! Es ist besser als depressiv zu sein! Sagen Sie nicht „Wie auch immer“! Sie waren verletzt und sind betrogen worden: Sie sollten wütend sein und Sie sollten auch einfach weitergehen und sie zurücklassen!

P: Danke schön.

Ich spüre eine ganze Reihe von Emotionen.

D: Gut! Emotion ist besser als Psychose!

Die Psychose ist nur eine Methode mit Emotionen umzugehen, die zu beängstigend sind, um sie zu fühlen.

P: Ich fühle mich so schlecht.

Ich möchte mit ihr Kontakt aufnehmen.

Ich denke, ich muß nur mit der Dunkelheit zurechtkommen.

D: Das ist keine Dunkelheit, das ist Schmerz. Sie müssen das Weinen zulassen. Haben Sie keine Angst zu weinen. Das saugt die negative Energie aus Ihrem Gehirn ab und leitet sie in Ihre Tränen ab. Atmen Sie sie mit Ihrem Schluchzen aus und ersetzen Sie die „negative Atemenergie“ durch neu eingeatmete frische Luft und Hoffnung.

P: Ich habe schon versucht zu weinen, aber ich kann nicht.

P: Ich fühle nur eine Leere in meinem Bauch.

D: Atmen Sie. Das Schluchzen wird dann irgendwann kommen.

P: Wie soll ich nie wieder mit ihr sprechen?

Es ist einfach so hart.

D: Ja, es ist eines der schwierigsten Dinge, die Sie jemals tun werden. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.

P: Vielleicht habe ich das verdient.

Vielleicht habe ich es verdient zu leiden.

D: Sie haben es nicht verdient zu leiden, niemand tut das. Wenn wir alle emotional gesünder wären, könnten wir besser einschätzen, wie wir uns selbst und andere zu behandeln haben.

Sie hat eindeutig ein begrenztes Verständnis für ihre Wirkung auf Sie. Ich denke, sie ist viel oberflächlicher als Sie. In gewisser Weise sind Sie tief. Sie versuchen sich wie alle anderen zu verhalten und die üblichen oberflächlichen Dinge zu tun, einschließlich der manchmal oberflächlichen Interaktion mit Frauen und Menschen im allgemeinen, aber das paßt nicht zu Ihnen. Sie haben keinen Kontakt zu sich selbst und Sie müssen sich und Ihre Gefühle besser verstehen und respektieren. Menschen, die auf schizoide Weise zusammenbrechen, sind tief. Wenn Sie sich selbst besser verstehen, können Sie Ihre Gefühle besser ertragen und müssen nicht auf psychotische Weise zusammenbrechen. Sie werden sich selbst besser sehen, und daher werden Sie in der Lage sein, Ihre Gefühle so wahrzunehmen, daß sie gesünder und stärker werden und Ihr Urteilsvermögen verbessern.

P: Das macht Sinn.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Der Hauptunterschied zwischen den „Reichianischen“ „Therapien“ und der Orgontherapie

18. März 2019

Die Techniken der Orgontherapie sind einfach. Sie sind einfach zu „erlesen“ und, als Patient, abzuschauen. Und schon macht man sich daran „Patienten“ zu „behandeln“. Es gibt weltweit zigtausende solcher „Therapeuten“. Sie verabreichen diese „Techniken“ auf eine mechanische Weise, haben keine Ahnung von den Grundlagen der Orgontherapie, wissen nichts von Charakteranalyse und Orgonometrie, können keine biopsychiatrische Diagnose stellen, etc. Aber das sind nur die Werkzeuge und die Kenntnis ihres korrekten Gebrauchs, der alles entscheidende Unterschied ist ein ganz anderer: (bioenergetischer) Kontakt mit dem Patienten aufnehmen und vor allem den Patienten dazu bringen, mit ihm, den Therapeuten, Kontakt aufzunehmen. Ohne diesen Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten machen all die „Techniken“, egal wie oberflächlich korrekt sie angewendet werden, überhaupt keinen Sinn.

Intuitiv spürt der „Reichianische“ „Therapeut“ den Mangel an Kontakt und versucht das mit extremem „therapeutischen“ Aktivismus wettmachen (ähnlich wie kontaktlose Paare zu einem ganzen Arsenal von „Sextoys“ greifen, um ihre vermeintliche „Liebe“ zu retten). Mit schier unendlich langen Listen von „Methoden“ versucht er zu zeigen, wie kompetent er doch sei, offenbart aber tatsächlich nur seine Kontaktlosigkeit. Das entscheidende am Kontakt zwischen Therapeut und Patienten ist nicht nur, daß erst so die Techniken richtig angewendet werden können und wirksam sind, sondern auch daß erst dadurch, daß der Patient lernt Kontakt mit dem Therapeuten aufzunehmen, er lernt mit seinem EIGENEN KERN Kontakt aufzunehmen.

Dieses letztere Element ist der Wesenskern der Reichschen Therapie seit den Tagen der Charakteranalyse in den 1920er Jahren. Es geht um Übertragung und damit um die Dramen der frühen Kindheit, die die gegenwärtige Neurose erst erzeugt haben. Es geht um den bioenergetischen Kontakt mit den Eltern, der funktionell identisch ist mit dem Kontakt mit dem eigenen Kern. Wir sind BIOSOZIALE Wesen, keine bloßen Objekte, an denen Pseudotherapeuten ihren kontaktlosen Narzißmus ausleben können.

Die Emotionelle Pest in Psychiatrie und Psychotherapie

16. März 2019

Reich hat sich in seinen Schriften ausgiebig mit der Emotionellen Pest in der Psychiatrie und Psychotherapie seiner Zeit auseinandergesetzt. Knapp zusammengefaßt ging es, SELBST IN DER PSYCHOANALYSE, um die Bekämpfung des „Bösen“ und „Degenerierten“, um die Zähmung des wilden Menschentiers. Das kulminierte im Holocaust, der im T4-Programm einen unmittelbaren Vorlauf hatte. Der Schrecken setzte sich fort in den entmenschten Erziehungsanstalten der BRD und DDR, wo man den Kindern „das Böse“ austreiben wollte. Und genauso war die Psychiatrie und Psychotherapie in der autoritären Gesellschaft geprägt: am Grunde der Menschen lauerte das grausame Unbewußte Freuds bzw. der sprichwörtliche Neandertaler, das bzw. der nachträglich zivilisiert bzw. per „Zwangsjacke“ eingedämmt werden mußte. Grundlage dieser Vorgehensweisen war die moralistische und zutiefst sexualfeindliche Grundhaltung des konservativen Charakters, der diese Epoche bestimmte.

Heute, im ANTIautoritären Zeitalter sieht das ganze vollkommen anders aus: der Mensch ist nicht mehr das böse Tier, sondern eine Maschine mit Fehlfunktionen. Der orgonomische Psychiater Edward Chastka schreibt dazu:

Der Wandel (…) zu einer antiautoritären Gesellschaft bedeutete nicht das Ende der Autorität, sondern die Abwertung traditioneller Autoritäten wie Eltern, Lehrer und Ärzte zugunsten eines soziopolitischen Zeitgeistes, der als „politische Korrektheit“ (PC) bezeichnet wird. PC ist in der Tat eine Front für die Emotionelle Pest. In der Psychiatrie hat sich dies als eine mechanistische Herangehensweise an den Patienten und seine Behandlung manifestiert, wobei die Verwendung von Testskalen für die Diagnose und von Medikamenten für die Therapie betont wird. Die unmittelbare und tiefgreifende Bedeutung der Emotionen und der Beziehung zwischen Arzt und Patient wird abgewertet. Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, daß Eltern ein Kind zur Beurteilung mitbringen, psychologische Tests auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) fordern und verlangen, man möge es doch mit stimulierenden Medikamenten (Amphetamin) versuchen. Nie wird in Betracht gezogen, zunächst einmal die emotionale Grundlage des Zustands des Kindes zu erforschen. Der Mythos eines „chemischen Ungleichgewichts“ im Gehirn, das mit Medikamenten behandelt werden könne, befreit die Eltern von ihren Gefühlen, einschließlich der Schuldgefühle hinsichtlich des Zustandes ihres Kindes, und von ihrer Verantwortung, dagegen etwas tun zu müssen, außer dem Kind die verschriebenen Medikamente zu verabreichen. (Chastka: A Second Chance, The Journal of Orgonomy 50(1))

Wie du Menschen helfen kannst, die dir wichtig sind, auch wenn du kein Therapeut bist

15. März 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Menschen (einschließlich der meisten Therapeuten) unterschätzen bei weitem die Macht, die es hat, einfach einem anderen Menschen zuzuhören, was immer es sei, was dieser zum Ausdruck bringen muß, bis er genug hat.

Da es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Kultur gegeben hat, die Emotionen verstanden hat und keine Angst vor ihnen hatte, wird uns allen implizit beigebracht, daß die schmerzhaften oder beängstigenden Emotionen eine Büchse der Pandora sind, deren Deckel niemals geöffnet werden dürfe. Dieses Mißverständnis ist darauf zurückzuführen, daß bis zum Auftreten des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich der Kern der menschlichen Natur nicht erkannt wurde. Alles, was wahrgenommen wurde, war das, was Reich die Mittlere Schicht nannte, die Schicht zwischen der oberflächlichen Fassade der Persönlichkeit und dem tiefen, natürlichen und gesunden Kern. Die Mittlere Schicht enthält all die verzerrten, zerstörerischen und furchterregenden Emotionen, die durch den „Panzer“, die Abwehrfunktionen der Psyche, erzeugt wurden.

Alle bisherigen Denksysteme, einschließlich aller Religionen und politischen Philosophien, haben den Kern nicht ergründet und die mittleren und oberflächlichen Schichten der menschlichen biopsychischen Struktur nicht verstanden. Infolgedessen wurde die Mittlere Schicht fälschlicherweise als die Kernnatur des Menschen wahrgenommen, weil der Kern durch die Mittlere Schicht verdeckt wurde und nicht wahrgenommen werden konnte. Wenn es wahr wäre, daß es keinen gesunden Kern im Menschen gibt und seine innerste Natur nur aus den Inhalten der zerstörerischen Mitteleren Schicht besteht, wäre es absolut richtig, daß die einzige Option sei, die Büchse der Pandora verschlossen zu halten. Und diese Büchse-der-Pandora-Theorie der menschlichen Emotion ist die Grundlage aller vorangegangenen menschlichen Denksysteme, bevor Reich das „funktionelle“ Denken einführte: Denken, das darauf basiert, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

Das Verständnis der Natur des Kerns öffnet das Tor, um die Angst zu verlieren, störenden Emotionen zuzuhören und ihnen eine Chance zu geben sich auszudrücken. Aus Angst vor Emotionen besteht die Tendenz einen Leidenden vorzeitig zu beruhigen oder ihm vorzeitig irgendwelche Ratschläge zu erteilen, um ihn von schmerzhaften Emotionen abzulenken, die als zu destruktiv oder beängstigend empfunden werden, um sie zu fühlen oder auszudrücken. Dieses Mißverständnis basiert auf der Annahme, daß es für Menschen schlecht sein muß, mit ihren unangenehmen Emotionen in Kontakt zu treten und diese auszudrücken. Infolgedessen unternehmen wohlmeinende, aber kontaktlose Menschen alle möglichen Manöver, um alle Löcher, die im Panzer von jemandem erscheinen, schnell zu stopfen, bevor all das „schlechte Zeugs“ herauskommt und „das Ruder übernimmt“. Es gibt keine Wahrnehmung des Kerns, also gibt es keinen Glauben an das Gute, keinen Glauben, daß das Gute das Böse besiegen wird. In Wirklichkeit ist es jedoch von großem Nutzen, einfach und ruhig jemandem zuzuhören, der seinen Schmerz, seine Angst oder seinen Zorn zum Ausdruck bringt, und es kann viel Gutes dabei herauskommen.

Eine verwandte Sache hinsichtlich der Emotionen, die nicht verstanden wird, ist, daß die Fähigkeit zur Vernunft auf einem gesunden emotionalen Funktionieren basiert und nicht umgekehrt. Infolgedessen ist es oft fruchtlos und sogar kontraproduktiv, zu versuchen, die Menschen mit Vernunftargumenten aus ihren irrationalen Emotionen herauszuholen. Der Glaube an die Macht des Kerns kann einem Zuhörer jedoch zur Erkenntnis verhelfen, daß das Denken dieser Person spontan immer rationaler wird, wenn du einfach zuhörst und jemandem die Möglichkeit gibst, seine Gefühle seinem Bedürfnis gemäß bis zum Ende emotional auszudrücken.

Wenn du einfach jemandem zuhörst, der dir etwas bedeutet, sendest du das Signal, daß du keine Angst vor dem hast, was derjenige in seinem Inneren hat. Das gibt ihm den Glauben, daß ER SELBST vielleicht auch keine Angst vor dem haben muß, was in ihm ist und daß das, was sich im Inneren befindet, nicht unbedingt „schlecht“ ist. In der Tat ist der Kontakt mit dem Kern die Grundlage allen Glaubens an die Güte, die Liebe und die Freiheit von Furcht und Leiden.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Antwort auf David Boadellas „The Breakthrough into the Vegetative Realm“ (Teil 2)

13. März 2019

von Paul Mathews

Bei der Behandlung der anderen Fallgeschichten ergibt sich das gleiche Muster, d.h. die Neigung Boadellas, fehlerhafte und unschmeichelhafte Schlüsse aus der unzureichenden Menge an Material zu ziehen, die eine Fallgeschichte insbesondere für den unqualifizierten Leser bietet, wenn sie nicht korrekt interpoliert und interpretiert wird. Ich werde nicht bei seiner „Analyse“ der Fälle der Drs. Sobey, Oller und Gold verweilen, die allesamt sehr klar im Widerspruch zu seinen Unterstellungen stehen. Stattdessen wende ich mich dem zu, was Boadella als „Kern der Kritik“ bezeichnet, dem Artikel von Dr. Elsworth Baker über „Ein schwerwiegendes therapeutisches Problem“. Hier spürt Boadella offenbar das Kaliber des Mannes, den er „kritisiert“ – den Mann, der von Reich ernannt wurde, ihn von der Ausbildung von Ausbildungskandidaten für die Praxis der Orgontherapie zu entlasten –, damit er seine gesamte Zeit der physikalischen Orgonforschung widmen konnte. Ihm bietet er diesen eher herablassenden Balsam (ausgesprochen wie „Bombe“) an: „Hoffentlich werden die unten gegebenen Kommentare in einem konstruktiven und nicht destruktiven Geist aufgegriffen werden.“ Dies leitet über in eine eingehende „Enthüllungsschrift“ über Bakers „Irrtümer“, „Fehler“, „Verzweiflung“ und „betrübliche Lagen“, nicht zu vergessen „düstere Feststellungen“. Darüber hinaus werden wir ermahnt (kein kleiner Trost für Dr. Baker), daß „die Fehler, die Baker gemacht hat, auch als ‚typisch‘ betrachtet werden und nicht in irgendeiner Weise als bezeichnend für diesen Therapeuten“.

Es sei darauf hingewiesen, daß sich Dr. Baker routinemäßig zur Gewohnheit machte, jeden zu veröffentlichenden Fall gründlich mit Dr. Reich zu diskutieren – natürlich vor der Veröffentlichung. „Ein schwerwiegendes therapeutisches Problem“ wurde ausführlich mit Dr. Reich diskutiert und analysiert, und Reich selbst sagte, er (Reich) hätte es nicht besser machen können, – daß diese Patientin ein unbehandelbarer Fall war.

Boadella versucht zu zeigen und in seinen Kommentaren zu diesem Fall zu implizieren, daß Dr. Baker solche elementaren Faktoren der Therapie wie die falsche positive Übertragung (die Boadella als „latente negative Übertragung“ bezeichnet) nicht kennt oder für sie nicht aufmerksam genug ist, die „chaotische“ Situation, die funktionelle Notwendigkeit mit Ich-Situationen entsprechend dem spezifischen Fall umzugehen usw. usw. Was jedoch in Wirklichkeit durch Boadellas Kommentare offenbar wird, sind sowohl Unkenntnis des orgontherapeutischen Prozesses als auch die Absicht, alle wichtigen Tatsachen, die in diesem Fall dargestellt werden, zu übersehen und wegzulassen. Tatsachen, die zeigen, daß Baker nicht nur die Dynamik des Prozesses genau versteht, sondern auch, daß der Fall – wie Reich sagte – ein unheilbarer Fall war. Hier einige wichtige Auslassungen:

Eine der Aufgaben des Orgonomen besteht darin, den Patienten daran zu gewöhnen, ein Funktionieren auf einem höheren Energieniveau zu ertragen. Das kann bei einem Patienten mit hoher Energieladung und wenig oder gar keiner Fähigkeit, sich anzupassen, eine sehr mühsame und sogar katastrophale Unternehmung sein. (Einleitender Absatz)

An einer Stelle meint Boadella, daß einem bestimmten Erfolg, den Baker bei dieser Patientin hatte, mißtraut hätte werden müssen – wie folgt: „Dieser Zustand des Wohlbefindens, der durch die Freisetzung von Muskelverspannungen hervorgerufen wurde, muß mit höchstem Mißtrauen betrachtet werden … denn Reich wies darauf hin, daß das Gefühl der Erleichterung oft dazu dient, ‚die wahre Situation in der Tiefe der biophysikalischen Struktur zu verschleiern‘.“ Schauen wir, wie Baker „getäuscht“ wurde (was Boadella impliziert). Dr. Baker kommentiert kurz nach dem Vorfall wie folgt:

Sie war in nichts freiwillig hineingegangen, obwohl sie darauf bestanden hatte, weiterzumachen, und sie schien mit dem, was geschah, nie wirklich in Fühlung zu sein. Ihre Angst kam wieder, zusammen mit ihrem Mißtrauen, der mörderische Gesichtsausdruck, die widerborstige, herabsetzende Haltung und der steife Hals. Genitale Empfindungen waren weiterhin vorhanden. (Anmerkung: Dieser Teil des Zitats wurde von Boadella absichtlich weggelassen, da er darauf hinweist, wie erfolgreich Baker bei diesem unheilbaren Fall gewesen war – ob Boadella dessen gewahr war oder nicht).

An einer Stelle behandelt Boadella ein Zitat so, daß es [insbesondere im Englischen, PN] den Anschein erweckt, daß Baker Dinge sagt, die die Patientin sagt: Boadellas Zitat:

Die Patientin beschuldigt den Therapeuten der Inkompetenz: „Sie begann, gegen mich aufzubegehren … ich gehe mit ihrer Übertragung auf mich nicht angemessen um, sondern übergehe sie zu rasch, weil ich sie nicht richtig verstanden hätte und sie nicht genug darüber reden lassen wolle. Das Thema ihrer Übertragung kam häufig zur Sprache, und ich hatte das Gefühl, sie müsse wohl recht haben, ich sei nicht richtig mit ihr umgegangen; aber ich konnte keine weiteren Hinweise auf das finden, was ich falsch gemacht hatte.“

Der vollständige Kontext:

Sie begann, gegen mich aufzubegehren; ich versuche, ihre Ehe zu zerstören, ich sei einfach nur eine Sexualbestie, ich gehe mit ihrer Übertragung auf mich nicht angemessen um, sondern übergehe sie zu rasch, weil ich sie nicht richtig verstanden hätte und sie nicht genug darüber reden lassen wolle. Tatsächlich sei ich nur daran interessiert, ein Tier aus ihr zu machen. Das Thema ihrer Übertragung kam häufig zur Sprache, und ich hatte das Gefühl, sie müsse wohl recht haben, ich sei nicht richtig mit ihr umgegangen; aber ich konnte keine weiteren Hinweise auf das finden, was ich falsch gemacht hatte. (Ich vermute, daß es nicht so sehr darauf ankam, wie ich mit der Übertragung umgegangen war, sondern sie es nicht verwinden konnte, mich nicht gewonnen zu haben.)

Wie unterschiedlich wir diesen Abschnitt doch lesen, wenn die Auslassungen aufgefüllt werden.

Der abschließende Absatz von Dr. Baker lautet:

Mein erster Eindruck von dieser Patientin war der, sie sei eine Vertreterin des üblichen phallischen Charakters, deren Abwehr zu bröckeln begann, aber das Problem war nicht so einfach. Die meisten Zeichen, die Reich als Gründe aufgezählt hat, eine Therapie abzubrechen, waren vorhanden, besonders die zähe Beharrlichkeit von Blockierungen.

Ich wußte im Verlauf ihrer Therapie, daß ich sie beachten sollte, aber ihre Not und ihre Entschlossenheit und ihr Flehen bewogen mich, weiterzumachen. Außerdem fiel es mir schwer, eine Niederlage zuzugeben. Es hat wenige Patienten gegeben, denen ich mehr hätte helfen wollen, und ich möchte hinzufügen, daß ich sie persönlich gern hatte und achtete, obwohl sie so schwierig war. (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)4

Ich habe diese weggelassenen und fragmentierten Auszüge vorgelegt, damit diejenigen, die keinen Zugang zu dieser Zeitschrift haben [d.h. dem Orgone Energy Bulletin], ein umfassenderes Bild von dem Fall bekommen und wie er verzerrt wurde.

Um einen Teil der Motive von Boadella zu verstehen, der versucht, Dr. Baker und die anderen Orgontherapeuten der ursprünglichen Gruppe um Reich zum „Affen“ zu machen, müssen wir zu folgender Zusammenfassung gehen. Laut Boadella ist Dr. Alexander Lowen – vom „Institut für Bioenergetische Analyse“ der einzige, der das tut, was Reich intendiert hatte (auch wenn er nie ein Orgontherapeut war und eine Zusammenarbeit mit Reich ablehnte, nachdem er seinen medizinischen Grad erhalten hatte). Lowen habe nun den Mantel von Reich geerbt, wie es Reich von Freud vor ihm getan hatte. Seltsamerweise erinnere ich mich nirgendwo in meiner Lektüre von Lowens Buch an irgendeinen Hinweis auf jene „präzisen“ therapeutischen Ziele, um die Bodella im Fall Raknes angeblich so besorgt ist, nämlich die orgastische Potenz und ihre Begleiterscheinungen; noch einer Erwähnung der Orgonenergie. Ich bin des weiteren amüsiert über die Anklage gegen Reich durch Lowen und Boadella, daß die somatisch und psychisch miteinander zusammenhängenden Probleme nicht systematisch dargestellt worden wären. Auf der einen Seite beschuldigen Schriftsteller wie Theodore Reik, Reich habe versucht, übermäßig zu systematisieren, und auf der anderen Seite haben wir die Aussage von Paul Ritter5: „Ich finde das Kapitel Reichs über die segmentäre Anordnung des Panzers weitaus systematischer und nützlicher als den Versuch Lowens bestimmte körperliche Symptome mit bestimmten Charakterstrukturen auf seine Weise gleichsetzen.“ Ritter sagt weiter: „Wenn man jeden Teil des Buches, der irgendwo im Werk von Reich zu finden ist, gewöhnlich besser ausgedrückt, penibel streicht, bleibt so wenig von Originalität und Bedeutung, daß für diejenigen, die nur eine begrenzte Zeit haben, meiner Meinung nach das sorgfältige Lesen der Charakteranalyse eine wertvollere Tätigkeit ist als das Lesen von [Lowens] Physical Dynamics of Character Structure.“ Aber ich vermute, daß auch Ritter beschuldigt wird, Lowen dessen „Unabhängigkeit“ zu verübeln.

Schließlich glaube ich, daß ein tiefer Einblick in die wirklichen Motive von denjenigen entsteht, die versuchen Verleumdungen auf eine derartig durchsichtige Art und Weise zu verbreiten. Um Reichs eigene Definition einer Autorität zu zitieren:

Eine Autorität ist jemand, der weiß, womit er es zu tun hat und nicht jemand, der niemals das gelernt hat, was er glaubt schon zu wissen. 6

 

Literatur

4. Baker, Elsworth F., M.D.: „A Grave Therapeutic Problem“ OEB, 1953

5. Ritter, Paul: Buchbesprechung, „Physical Dynamics of Character Structure“ von A. Lowen, M.D., Orgonomic Functionalism, September 1959

6. Reich, Wilhelm, M.D.: „The Orgone Energy Accumulator“, Orgone Institute Press, 1951

 

Aus der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 7 (1961), No. 2, S. 155-160.

Antwort auf David Boadellas „The Breakthrough into the Vegetative Realm“ (Teil 1)

12. März 2019

von Paul Mathews

Wilhelm Reich hat die Emotionelle Pest als „im sozialen Bereich destruktiv wirkende neurotische Charakter“ definiert. Er hat weiter gesagt: „Ein wesentlicher Grundzug der emotionellen Pestreaktion ist, daß Handlung und Begründung der Handlung einander niemals decken. Das wirkliche Motiv ist verdeckt, und ein scheinbares Motiv ist der Handlung vorgeschoben“ (CHARAKTERANALYSE, KiWi, S. 333). David Boadellas Artikel in der Januar-Ausgabe 1961 von Orgonomic Functionalism („The Breakthrough Into the Vegetative Realm“, Durchbruch in den vegetativen Bereich) ist ein Paradebeispiel für die Emotionelle Pest in Aktion. Er zeichnet sich weniger durch seinen Inhalt als durch seine Auslassungen aus. Er ist voll von Mutmaßungen, Verzerrungen, Ungenauigkeiten und Mißverständnissen, die die natürliche Konsequenz seiner Nichtqualifikation für die Art von „Kritik“ ist, die er versucht hat. Es erfordert wesentlich mehr als nur die Lektüre der Fachliteratur und verwandter Gebiete und die Ausübung einer Form von „Laientherapie“, die auf vergröberte Weise der Lektüre von Freud und Reich entlehnt wurde, ohne fachliche Vorbereitung und Ausbildung, wie er selbst zugegeben hat.1 Es ist jedoch ein so geschickt verführerischer Artikel, daß er im Interesse derjenigen, die irregeführt werden könnten, eine präzise Widerlegung fordert.

Boadella versucht einen Fall zu kreieren auf Grundlage der Vermutung – die er aus dem Studium mehrerer im Orgone Energy Bulletin veröffentlichter Fallgeschichten verschiedener Orgontherapeuten gezogen hat –, daß Reichs Kollegen die charakteranalytischen Aspekte ihrer orgontherapeutischen Praxis tendenziell übersehen haben. Er weist darauf hin, daß Reich selbst vor einem solchen Fehler „gewarnt“ hatte und daß ihm 1949 „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“ (S. 23). Diese Vermutung beruht auf einem (aus dem Zusammenhang gerissenen) Absatz aus dem Vorwort zur dritten Auflage von CHARAKTERANALYSE. Was Boadella jedoch ausläßt und nicht erwähnt, sind die Abschnitte, die seinem Zitat unmittelbar vorangehen und folgen:

Die „Emotionen“ mußten immer mehr Manifestationen einer realen BIOENERGIE, der organismischen Orgonenergie, angesehen werden. Langsam lernten wir, praktisch damit umzugehen, was heute „medizinische Orgontherapie“ genannt wird.

Obwohl der „psychische Bereich“ der Emotionen viel enger ist als ihr „bioenergetischer Bereich“, obwohl gewisse Leiden wie hoher Blutdruck nicht mit psychologischen Mitteln angepackt werden können, obwohl die Sprach- und Gedankenassoziation nicht tiefer eindringen können als bis zur Phase der Sprachentwicklung, also bis etwa zum zweiten Lebensjahr, bleibt der psychologische Aspekt des emotionalen Leidens bedeutsam und unerläßlich, obwohl er nicht mehr der wichtigste Aspekt der orgonomischen Biopsychiatrie ist. (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Und:

Wir wenden die Charakteranalyse nicht mehr so an, wie sie in diesem Buch beschrieben wird. Jedoch bedienen wir uns der charakteranalytischen Methode in bestimmten Situationen; wir gelangen immer noch über charakterliche Einstellungen zu den Tiefen menschlicher Erfahrung. Aber in der Orgontherapie gehen wir bioenergetisch vor und nicht mehr psychologisch.2

Man kann also sehen, wie falsch es war, aus dem Gesamtzusammenhang zu schließen, daß Reich „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“. Der Leser sollte daran erinnert werden, daß die von Boadella zitierten Artikel alle in den offiziellen Zeitschriften des Orgone Institute und der WRF [The Wilhelm Reich Foundation] unter der persönlichen Redaktion von Wilhelm Reich herauskamen. Nach meinem Verständnis und Wissen war Reich sehr sorgfältig bei der Auswahl der Fallgeschichten, daß sie wirklich repräsentativ, originell und kreativ waren.

Was nun die angeführten Fallgeschichten selbst betrifft, sei gesagt, daß sie hauptsächlich für den Austausch zwischen den qualifizierten Orgontherapeuten und den Ärzten in Ausbildung veröffentlicht wurden, die über den notwendigen Hintergrund und die Erfahrung verfügten, um Dinge zu interpolieren, die a priori bekannt sein sollten. Nur eine unqualifizierte Person kann nicht nachvollziehen, daß Ola Raknes, oder irgendein anderer Therapeut, der mit einer „Kurzbehandlung“ hantiert, dies nicht als Selbstverständlichkeit tut. Diese „Kurzbehandlungen“ sind auf die Beendigung der Therapie durch den Patienten aus Gründen, die mit den Umständen zu tun haben, zurückzuführen – und nicht auf die Illusion des Therapeuten, daß er eine vollständige Therapie erfolgreich abgeschlossen hat. Raknes wollte lediglich darauf hinweisen, daß in vielen Fällen gelegentlich positive und sogar bemerkenswerte Ergebnisse erzielt wurden. Um eine wesentliche Auslassung von Boadella aus den Artikeln von Raknes zu zitieren:

So hatte ich im letzten Jahr einige Versuche mit der Orgontherapie in Verbindung mit der Charakteranalyse in Fällen unternommen, in denen aufgrund der durch die Umgebung bedingten Umstände eine vollständige Behandlung nicht in Frage kam, in denen ich jedoch dachte, daß eine Verbesserung oder Erleichterung in der kurzen verfügbaren Zeit erzielt werden könnte.3 (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Diese einleitende Erklärung in Raknes‘ Artikel läßt kaum den Verdacht aufkommen, daß er die Schwierigkeiten und Ziele der Orgontherapie nicht kannte. Ihm vorzuwerfen, „das ursprünglich präzise Ziel der orgastischen Potenz … durch die eher vage Annahme der Aussage der Patientin, daß sie sich nach einigen Sitzungen besser fühle, und durch die Befreiung des Orgasmusreflexes“ ersetzt zu haben, ist absolut lächerlich. Ich sollte davor zittern, von einem Boadella behandelt zu werden. Raknes ist nie davon ausgegangen, daß er die ziemlich „präzisen“ Ziele der Orgontherapie in diesem kurzen Fall und in anderen Fällen hat erreichen können. Es gab keine „Umwandlung“ und kein „Ersetzen“ der ursprünglichen Ziele. Lediglich das Bewußtsein einer gewissen Erleichterung wurde erzielt, die zu einer günstigeren Zeit und in einer längeren, umfassenderen Therapie zu einer weiteren Verbesserung und sogar zu einer eventuellen Heilung führen könnte. Ich werde nicht auf Boadellas offensichtliche Unkenntnis der Natur und der Funktion des Orgasmusreflexes eingehen, außer sie zu erwähnen. Boadella meint, daß etwas, das bei ihm selbst möglich wäre – irrtümlicherweise „alle Arten von krampfartigen Bewegungen unterschiedlicher Intensität und Spontanität … für den vollen Orgasmusreflex“ zu betrachten – für die erfahrenen Kollegen von Reich möglich war und daß bestimmte Experimente Strömungen durch mechanische oder chemische Mittel auszulösen ein Beweis dafür sei, daß diese Mitarbeiter vom Weg abkamen.

 

Literatur

1. Boadella, David: Brief an A.S. Neill – Kopie an Paul Mathews – 28. Sept. 1959

2. Reich, Wilhelm, M.D.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

3. Raknes, Ola, Ph.D.: „A Short Treatment With Orgone Therapy“, OEB, 1950

 

Aus der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 7 (1961), No. 2, S. 155-160.