Posts Tagged ‘Psychotherapie’

Wahrheit und Gegenwahrheit in der klinischen Situation (Teil 2)

14. Juli 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Es gibt einen Grund für das Vorhandensein der Abwehr, eine „Gegenwahrheit“, die vom Therapeuten zumindest intuitiv wahrgenommen werden muß, um Fehler in der Behandlung zu vermeiden, die dem klinischen Äquivalent dessen entsprechen, was Reich in einem soziologischer Kontext als „Freiheitskrämerei“ bezeichnet hat. Mit anderen Worten, wenn der Therapeut aufgrund seines kontaktlosen therapeutischen Über-Ehrgeizes die Art der Abwehr des Patienten und die Gründe, warum diese vorhanden ist, nicht wahrnimmt und nicht mit ihr in Kontakt kommt; wenn der Therapeut die Gegenwahrheit der Abwehr des Patienten nicht wahrnimmt, dann besteht die Gefahr, den Patienten zu schädigen und die Therapie zu sabotieren, und zwar durch eine Art „Therapiekrämerei“ oder „Kernkrämerei“ bzw. „Gesundheitskrämerei“. UM ZU VERSTEHEN, WARUM EIN ORGANISMUS NICHT FREIHEITSFÄHIG IST, ALSO UM KEIN FREIHEITSKRÄMER ZU SEIN, MUSS MAN VERSTEHEN, WARUM EIN ORGANISMUS ES VORZIEHT, OHNE FREIHEIT UND KONTAKT ZU LEBEN. VON DAHER KANN DIE WAHRNEHMUNG DER GEGENWAHRHEIT IN MANCHEN ZUSAMMENHÄNGEN DIE ESSENZ VON KONTAKT SEIN und verhindern, daß der Therapeut ein „Kontaktkrämer“ wird.

Genauso wie Reich empfahl, daß das Angehen der Abwehrstruktur des Patienten dessen zugrundeliegende gesündere Kernimpulse spontan befreien würden, indem die Hindernisse für ihren Ausdruck beseitigt werden, und genauso wie er empfahl, daß das Verständnis der Gegenwahrheit ein wesentlicher erster Schritt auf der Suche ist, der Wahrheit zu erlauben, das menschliche Leben spontan zu regieren, empfahl er auch, daß, damit sich die gesunden Kernimpulse auf der soziologischen Ebene ausdrücken können, zunächst die Hindernisse angegangen werden müssen, die die Emotionelle Pest einem gesunden natürlichen Ausdruck im den Weg stellt. DIE GESUNDEN KERNIMPULSE, SOWOHL AUF DER INDIVIDUELLEN ALS AUCH AUF DER GESELLSCHAFTLICHEN EBENE, WERDEN SICH SELBST REGIEREN UND IN EINER SPONTANEN WEISE ENTWICKELN, WENN DIE HINDERNISSE ENTFERNT WERDEN:

„Wir sollten uns … vor allem auf die Pest und nicht auf die Wahrheit konzentrieren und in erster Linie der Dürre und dem Frost vorbeugen, anstatt darauf zu achten, was der Sämling macht oder machen könnte. Der Sämling wird seinen Weg zur lebensspendenden Sonne finden. … Man braucht nicht auf die ersten Gehversuche eines Kindes achtzugeben, sondern auf den Stein oder den Abgrund auf seinem Wege.“ (Reich 1953, S. 313)

Diese Aussagen zur Gegenwahrheit und zur Pest haben direkte klinische Relevanz. Wie Konia und Harman gesagt haben: „Die Emotionelle Pest ist unser Patient.“ (Konia 2014). „Sequestration und Beseitigung der Pest durch die Lebensfunktionen … ist letztlich die beste Beschreibung der Aufgabe des Therapeuten.“ (Harman 2012). Reich erklärte: „Die Technik der Charakteranalyse zielte grundsätzlich darauf ab, die stagnierende, in der Panzerung, in der ‘mittleren Schicht’ der Charakterstruktur enthaltende Energie zu mobilisieren.“ (1955, S. 464) und wie Dr. Harman ausführt: „Aus Reichs Beschreibungen (1949, 1953) … wird deutlich, daß die sekundäre Schicht … als strukturierte Form der Emotionellen Pest innerhalb des gepanzerter Organismus verstanden werden kann.“ (2012, S. 37)

Zusammenfassend bedeutet die erfolgreiche Bekämpfung der Abwehr des Patienten ein Verständnis der Gegenwahrheit innerhalb des Patienten, und die Gegenwahrheit und die von ihm aufgewandte Abwehr sind letztlich eine Funktion der Emotionellen Pest. In diesem Sinne sind charakteranalytische und orgon-biophysikalische Techniken Methoden, um die Gegenwahrheit und deren ultimative Ursache, die Pest, bei individuellen Patienten auszumachen und zu eliminieren.

Während unseres ganzen Lebens führen wir alle einen Kampf auf Leben und Tod. Um uns sicher zu fühlen oder unerträglichen Ängsten oder Gefahren zu entgehen, opfern wir oft die ganze Palette unserer Lebendigkeit und unserer emotionalen Freiheit, sogar unserer körperlichen Gesundheit.

Der Panzer beengt und bewahrt das Leben. Er ist Teil der Natur und es gibt ihn aus einem Grund. Wenn wir als medizinische Orgontherapeuten den Panzer stören, sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, um sicherzustellen, daß wir verstehen, was wir da tun: wir beeinflussen die Natur tatsächlich und unsere Interventionen haben Konsequenzen.

Wieviel Lebendigkeit verträgt ein Patient? Wird das Ergebnis der Störung des Panzers durch den Therapeuten immer für den Patienten von Nutzen sein?

Ich denke, es ist schwer zu sagen, wieviel Lebendigkeit ein bestimmtes Individuum erfahren „sollte“. Der medizinische Orgontherapeut muß das Gleichgewicht zwischen Lebendigkeit und Sicherheit sorgfältig abschätzen, er muß die Funktion des Panzers verstehen, seine Gegenwahrheit. Das ist die Essenz des Kontakts zwischen Therapeut und Patient.

 

Literatur

  • Crist P 2013-2014: klinische Seminare des ACO und private Supervision
  • Harman R 2012: Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id. The Journal of Orgonomy 46(1):20-47
  • Holbrook D 2009: “Word Language”: Character Analysis in the Early Stages of Medical Orgone Therapy. The Journal of Orgonomy 43(1):33-38
  • Holbrook D 2011: A Schizophrenic Approaches the Couch. The Journal of Orgonomy 44(2):7-21
  • Holbrook D 2012: “Not So Fast”: The Treatment of a Paranoid Schizophrenic Character. The Journal of Orgonomy 46(1):53-62
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 1981: Hazards of Body Therapies: Three Case Studies. The Journal of Orgonomy 15(1):64-73
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry Part III: Armored Thought. The Journal of Orgonomy 38(2): 93-100
  • Konia C 2014: 2. März 2014, klinisches Seminar, Amercian College of Orgonomy Training Program
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978
  • Reich W 1955: Die emotionale Wüste. In: Ausgewählte Schriften, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1976
  • Wolfe TP 1949. In: Reich W: Character Analysis, Third, enlarged Edition. New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 6)

24. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Schlußfolgerung

George hat gesagt, daß die emotionalen Ereignisse in seiner oben beschriebenen sexuellen Beziehung die tiefsten „therapieartigen“ Erfahrungen sind, die er jemals gemacht hat. Er hat das Gefühl, daß er in der Liebesbeziehung zu Angela in die Lage versetzt wird, noch tiefer zu gehen, als dies normalerweise in der formalen therapeutischen Situation in meinem Büro möglich ist. Auf der anderen Seite ist es die Therapie und sowohl die tiefe nonverbale als auch die verbale Arbeit, die es ihm ermöglicht hat, diese tiefen Erfahrungen in seiner Liebesbeziehung zu ertragen und mit ihnen in Kontakt zu treten und diese Erfahrungen zu nutzen, um in Richtung Gesundheit zu wachsen.

George und Angela bemühen sich, ihren eigenen einzigartigen Weg zur tiefsten Liebesbeziehung zu finden, die sie tolerieren können. Dabei folgen sie, soweit es ihnen möglich ist, dem Rat von Reich:

„Es gibt nur eine, allgemein gültige Regel, wie man die eigene, besondere Wahrheit finden kann: Lernen, geduldig in sich hineinzuhorchen und sich so Gelegenheit geben, den eigenen Weg zu finden, der zu einem selbst und zu niemandem sonst gehört. Dies führt nicht ins Chaos oder in wilden Anarchismus, sondern letztendlich in den Bereich, wo die gemeinsame Wahrheit für alle verwurzelt ist. (…) Daher sind auch die grundlegenden Wahrheiten in allen Lehren der Menschheit die gleichen; sie laufen alle auf das Eine hinaus: den eigenen Weg zu finden zu dem, was man fühlt, wenn man liebt oder schöpferisch tätig ist, wenn man sich sein Haus baut, wenn man seine Kinder zur Welt bringt oder nachts zu den Sternen schaut.“ (Reich 1953, S. 311f)

[Weitere Informationen finden sich bei Holbrook 2013.]

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Hamilton AE 1997: My Therapy With Wilhelm Reich (Part I). The Journal of Orgonomy 31(1):3-21
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of a Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Holbrook D 2014: Truth, Countertruth, and the Emotional Plague in the Clinical Situation. unveröffentlichtes Manuskript [erscheint demnächst im NACHRICHTENBRIEF]
  • Holbrook D 2015: Orgonotic Functions in the Clinical Situation: The Bioenergetic Unity of Psyche and Soma. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 2000: Orgonotic Contact Part II. The Journal of Orgonomy34(2):50-59
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.]
  • Reich W 1935: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press
  • Reich W 1951: Die kosmische Überlagerung, Frankfurt: Zweitausendeins, 1997
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Bist du auf der Suche nach dir selbst?

14. Juni 2019

Millionen sind auf der Suche nach sich selbst. Manche reisen um die ganze Welt, „um sich zu finden“. Keiner sieht, daß sein Selbst hinter einer Mauer aus Angst und Terror verborgen ist und daß „die Suche nach sich selbst“ in Wirklichkeit nur die lebenslange Flucht vor dieser Furcht und diesem Schrecken ist. Einzig und allein in der Orgontherapie durchschreiten Menschen die besagte „Mauer“, die Panzerung.

 

 

 

David Holbrook, M.D.: DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE

29. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Der Weg eines Orgonomen zur Orgonomie

 

David Holbrook, M.D.: ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLELEN ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE AUFWEISEN

22. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Ergebnisse der zeitgenössischen Neurowissenschaft und Psychotherapie, die Parallelen zur orgonomischen Perspektive aufweisen

 

David Holbrook, M.D.: EMOTIONEN SPRECHEN LAUTER ALS WORTE

12. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Emotionen sprechen lauter als Worte

 

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 5)

31. März 2019

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman

 

Fallgeschichte (Fortsetzung)

Die nächsten paar Sitzungen waren weiterhin durch ihre direkt gegen mich gerichteten aggressiven Wünsche geprägt. Die Abwehr des „gutes kleines Mädchen“ wurde intensiviert. Ich wies darauf hin, dass dies eine Abwehr gegen Kontakt und ihren Wunsch sei, dass ich mich um sie kümmern soll. Ihre Wut nahm zu, aber mit ihr kam die Angst vor Vergeltung. Ich brachte sie dazu, ihre Wut in den Augen zum Ausdruck zu bringen. Sie wollte nicht glauben, dass es sicher war, Wut zu entladen und hatte das Gefühl, sie würde eine gewischt kriegen (trotz ihrer Entladung feindseliger Gefühle in früheren Sitzungen). Hier war wieder eine Vertiefung ihrer Mutterübertragung: sie erwartete von mir die gleiche Vergeltung, die ihre Mutter ihr in der Vergangenheit zu Teil hat kommen lassen.

Auf Wunsch der Patientin folgte ein Monat Urlaub von der Therapie. Sie wechselte den Beruf, hatte einen neuen Zeitplan und brauchte Zeit, um ihr Leben neu zu organisieren. Ich hatte den Eindruck, dass sie vor ihren wütenden Gefühlen auf der Flucht war, es ihr zu viel wurde und sie eine Verschnaufpause brauchte.

Nach einem Monat kam sie zurück. Sie hatte einen viel besseren und befriedigenderen Job gefunden und war sehr gut darin. Die Augen waren jedoch blockiert und sie konnte sie nur schwer drehen. Auf der Couch konnte sie viel Boshaftigkeit ausdrücken. Die Trennung für einen Monat schien die Mutterübertragung auf mich und die Verwechslung mit der Mutter, die sie verlassen hatte, mit mir zu vertiefen. Ich benutzte die Stiftlampe an ihren Augen und weckte zunächst tiefe Wut, danach Schrecken und schließlich intensive Sehnsucht. Sie streckte ihre Arme aus und rief: „Mami, Mami!“

Die nächsten beiden Sitzungen brachten durch die Intensivierung der Übertragung einen erhöhten Widerstand. Dieser lag nahe an der Oberfläche und konnte leicht interpretiert werden. So konnte sie nun ihre bisher unausgesprochene Sicht auf mich als „hysterisch“ und „ungepflegt“ auf die Art in Bezug setzen, wie sie ihre Mutter sah. Sie drückte auch ein Schuldgefühl darüber aus, dass sie mich umbringen würde. Ich benutzte die Lampe und sie konnte mich mit großer Überzeugung und Engagement symbolisch auf der Couch schlagen. Es folgte entweder das Auftreten einer spontanen frühen Erinnerung (wie es bei einer starken affektiven Entladung auftreten kann) oder das Wiedererleben eines psychedelischen Erlebnisses: Sie fühlte sich plötzlich sechs Monate alt und konnte ihre Angst vor der Verlassenheit, die sie als Angst, dem Tod überlassen zu werden erkannte, deutlich erleben. Sie konnte regredieren und trotzdem gleichzeitig das beobachtende Ich ausreichend intakt halten, um über die Erfahrung zu berichten. Die laufenden Sitzungen waren hauptsächlich mit einer Intensivierung der Trauerreaktion über die Mutter angefüllt.

Die Patientin berichtet, dass sie nach ihren Sitzungen manchmal tagelang weint und dies als unerträglich und überwältigend empfindet. Es gibt jedoch keinen Funktionsverlust bei der Arbeit oder im Studium. Sie bemerkt auch, dass das zwanghafte Grübeln verschwunden ist und sie beginnt zu verstehen, wie es sich anfühlt, in Kontakt zu sein. In letzter Zeit hat sie Episoden, manchmal Stunden lang, von echtem binokularem Sehen erlebt.1 Doch sie fühlt sich unsicher und ist voller Angst, gefühlsmäßig „zu viel Staub aufzuwirbeln“. Ich habe ihr gesagt, dass ich auch sehr besorgt bin, sie nicht überwältigt werden solle, ich die Situation sorgfältig überwache und dass sie mir sagen muss, wenn sie das Gefühl hat, dass wir zu weit gehen. Das Problem scheint eine intensive Intoleranz für Expansion und eine zu leichte Freisetzung des Verdrängten zu sein – insbesondere dessen, was sie in ihren früheren Drogenerfahrungen wachgerufen hat. Die Fähigkeit ihres Biosystems, Angstzustände zu binden, ist ziemlich gering. Wie sehr der Drogenkonsum dies beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese Patientin aus gutem „Material“ besteht und in der Lage sein wird, dem letztendlichen Schrecken der Auflösung zu widerstehen. In der Zwischenzeit ist Vorsicht angesagt.

 

Anmerkungen

1 Beschrieben bei Baker (1, S. 18).

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 4)

29. März 2019

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman

 

Fallgeschichte (Fortsetzung)

Eine Mutterübertragung auf mich ließ nicht lange auf sich warten. An der Oberfläche nahm sie die Form an, dass sie das gute, klagende kleine Mädchen war, die der Mutter gefallen wollte. Dies bannte einen starken Negativismus, Boshaftigkeit und sadomasochistische Provokation. Nachdem oberflächliche Wut in den Augen mobilisiert war, konnte ich diesen Trotz leicht in unbegrenzten Mengen anzapfen, indem ich sie treten und „Nein!“ schreien ließ. Gleichzeitig wies ich immer wieder auf den Abwehrcharakter der Fassade des „guten kleinen Mädchens“ hin.

Die Therapie wurde auf dieser Schiene über etwa ein Dutzend Sitzungen mit konstanter Charakterarbeit fortgesetzt. Der Negativismus schien unermesslich zu sein – „‚Nein‘ unter Schichten von ‚Nein‘“, wie es die Patientin formulierte. Die Arbeit am Augensegment setzte sich in verschiedenen Verästelungen fort: Augenkontakt mit mir, wobei verschiedene Emotionen zum Ausdruck gebracht werden, die Augen weit aufreißen beim Einatmen, gleichzeitige stimmliche und Licht-Stimulation usw. Ich musste vorsichtig sein, da die Augenarbeit schnell Schwindel hervorrufen konnte, gefolgt von einer Kontraktion des gesamten Organismus und dem Gefühl, das Drogenerlebnis neu zu erfahren. Letzteres war nie allzu klar definiert, sondern bestand aus einem umfassenden Entsetzen oder einer schweren Angst, die manchmal von Angst vor der Auflösung geprägt war. Ich sah mich daher einerseits mit extremem Negativismus konfrontiert, andererseits mit einer beunruhigenden Fragilität. Das Problem bestand darin, sie zwischen den beiden zu „titrieren“e, ohne sie zu überfordern. Ich warnte sie, sie solle mir sagen, wenn sie das Gefühl habe, dass es ihr zu viel werde.

Während dieser Zeit nahm die Mutterübertragung eine weitere Verzweigung an. Ein Teil des Negativismus schien eine Abwehr gegen scheinbar positive Gefühle gegenüber mir zu sein. Eine Sondierung offenbarte tiefe Trennungsangst, die regelmäßig durch das bloße Ende einer Therapiesitzung hervorgerufen (aber regelmäßig unterdrückt) wurde. Sich auf mich einzulassen, bedeutete demnach die Möglichkeit, mich zu verlieren. Dies beruhte alles auf ihren tiefen Abhängigkeitsbedürfnissen und dem Wunsch, dass ich diese befriedigen würde.

Nach weiteren zwei Monaten „Titrieren“ zwischen der negativistischen Kontaktverweigerung und der Mobilisierung der Fernwahrnehmung begann Frau M., sich ihres eigenen Weggehens aus dem Kontakt, wie es sich in ihrem Alltag ereignete, gewahr zu werden und sich selbst zurückzurufen. Zum ersten Mal berichtete sie über eine klarere Wahrnehmung; wie es sich anfühlt, in Kontakt zu sein.

Ich machte weiter auf die Abwehrnatur ihrer „gutes kleines Mädchen“-Fassade aufmerksam. Trotz ständiger Bemühungen ihre negativen oder misstrauischen Gefühle über mich auszuloten, konnte sie erst im darauf folgenden Monat eine direkte Feindseligkeit gegenüber mir verbalisieren. Schließlich kam es zu einer Fülle von Beschwerden: Ich hätte keine Entscheidungen für sie getroffen; die Therapie ließe sie „zu viel fühlen“, sie wollte sich nicht vor mir „emotional verausgaben“, Kindheitserinnerungen kehrten zu unpassendsten Gelegenheiten zurück ungewollt und unwillkommen, so wie damals, als sie auf Droge war, ich sollte mehr körperlich mit ihr arbeiten. Ich wies darauf hin, dass sie wütend auf mich sei, mir misstraue und Dinge von mir wolle, die ich ihr vorenthalte. Sie antwortete, indem sie den Wunsch äußerte, mir, entsprechend ihrer Tochter, auf den Kopf zu schlagen, so wie es die Mutter mit ihr getan hatte. Sie war dann in der Lage, eine Menge Wut direkt gegen mich loszulassen, während sie auf die Couch schlug.

 

Anmerkungen des Übersetzers

e In der medizinischen Umgangssprache wird der Begriff Titration für die schrittweise Anpassung einer Medikamentendosis verwendet

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 2)

26. März 2019

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman

 

Der folgende Fall veranschaulicht einige der Fallstricke, die bei der Behandlung einer Patientin mit einer zweijährigen Marihuana-Vorgeschichte, plus drei LSD-„Trips“, aufgetreten sind. Zu der Zeit, als sie sich zur Behandlung vorstellte, hatte sie ein Jahr lang keine Drogen mehr genommen. Ein großes Problem überschattete jedoch den gesamten Verlauf der Therapie: Inwiefern hatte der vorangegangene Drogenkonsum den biophysikalischen Status der Patientin „kontaminiert“? Es war nie möglich, von einer Sitzung zur nächsten zu wissen, was sich aus den energetischen Wechselfällen der Therapie ergab, was historisch überdeterminiert war und was von möglichen Schäden durch Drogen ausgelöst wurde.

 

Fallgeschichte

Die 25-jährige weiße geschiedene Pädagogin/Psychologin und Mutter eines Kindes kam auf eigene Initiative im April 1968 zur Orgontherapie. Ihre Hauptbeschwerden waren Gefühle von Unruhe, Kummer, nicht mehr in Kontakt mit den Dingen zu stehen und zwanghaftes Grübeln über Tagesereignisse.

Die vorliegenden Beschwerden schienen mehrere Jahre lang chronisch zu sein, mit akuten Verschlimmerungen bei der Auflösung ihrer sechsjährigen Ehe im Jahr 1965. Acht Monate bevor ich sie sah, hatte Frau M. einen Therapeuten besucht, der seine Praxis anschließend in einen anderen Bundesstaat verlegte. Zu dieser Zeit kam sie „gerade von den Drogen runter“, hauptsächlich Marihuana, und fühlte sich allgemein „zerrissen“. Die Therapie war darauf ausgerichtet, sie wiederherzustellen und ihr in der schwierigen Übergangszeit zu helfen. Die endgültige Trennung von ihrem Mann, an den sie sich noch emotional klammerte, war ebenfalls ein zentrales Thema. Es gab keinen Versuch des Therapeuten, sich mit der negativen Übertragung zu befassen.

Vorgeschichte: Der Vater von Frau M. war ein kleiner Beamter im diplomatischen Dienst, ein Posten der bedingte, dass sie ihre frühen Jahre im Ausland zubrachte. Die Eltern trennten sich, als die Patientin sechs Jahre alt war und beide heirateten wieder. Danach gab es sporadische Besuche beim Vater, bis zur frühen Pubertät, als der Vater starb. Frau M. erinnert sich, wie sie sich nach ihm sehnte, aber nicht in der Lage war, ihn zu erreichen, da er in beiden Ehen von Frauen dominiert wurde und passiv war. Die Mutter, die sie als starke Trinkerin darstellt, ist manipulativ, mit Migränekopfschmerzen behaftet, schreit die Patientin ständig an oder schlägt ihr auf den Kopf. Die wichtigste mütterliche Botschaft war, die Patientin solle keinen Lärm machen, solle nicht zu hören sein und keine Gefühle ausdrücken. Sie ließ die Patientin stundenlang unbeaufsichtigt und schreiend zurück oder widersetzte sich ihren Annäherungsversuchen mit einem harten: „Lass mich in Ruhe“. Eine zwei Jahre jüngere Schwester war ihr wichtigstes Standbein; die einzige, die für sie „da“ war.

Frau M., die eine ausgezeichnete Studentin war, spricht von ihren College-Aktivitäten als dem glücklichsten Aspekt ihres Lebens. Sie hat ihren Abschluss mit hohen Auszeichnungen gemacht, verfügt über eine solide Berufserfahrung und einen beeindruckenden Lebenslauf.

Diese Funktionsbereiche stehen in scharfen Kontrast zu der Geschichte ihrer Objektbeziehungen, die die Heirat mit siebzehn Jahren mit einer borderline-gestörten, gleichwohl talentierten Person mit psychopathischen und schizoiden Eigenschaften, einschließt.

Die stürmische und sadomasochistisch geprägte Ehe brachte ein siebenjähriges Mädchen hervor. Die Patientin blickt zurück auf ihr Leben als Zustand der tiefen Kontaktlosigkeit. Mit viel Bedauern erkennt sie jetzt, dass sie ihr Kind aufgezogen hat, wie ihre Mutter sie aufgezogen hatte – sie hat ihren emotionalen Ausdruck abgesperrt, es in der frühen Kindheit viele Stunden allein gelassen, es am Kopf geschlagen und geschrien usw. Der Vater des Kindes, ein starker Konsument von Marihuana, war ebenfalls hart und verhielt sich dem Kind gegenüber wie ein Leuteschinder.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Der Hauptunterschied zwischen den „Reichianischen“ „Therapien“ und der Orgontherapie

18. März 2019

Die Techniken der Orgontherapie sind einfach. Sie sind einfach zu „erlesen“ und, als Patient, abzuschauen. Und schon macht man sich daran „Patienten“ zu „behandeln“. Es gibt weltweit zigtausende solcher „Therapeuten“. Sie verabreichen diese „Techniken“ auf eine mechanische Weise, haben keine Ahnung von den Grundlagen der Orgontherapie, wissen nichts von Charakteranalyse und Orgonometrie, können keine biopsychiatrische Diagnose stellen, etc. Aber das sind nur die Werkzeuge und die Kenntnis ihres korrekten Gebrauchs, der alles entscheidende Unterschied ist ein ganz anderer: (bioenergetischer) Kontakt mit dem Patienten aufnehmen und vor allem den Patienten dazu bringen, mit ihm, den Therapeuten, Kontakt aufzunehmen. Ohne diesen Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten machen all die „Techniken“, egal wie oberflächlich korrekt sie angewendet werden, überhaupt keinen Sinn.

Intuitiv spürt der „Reichianische“ „Therapeut“ den Mangel an Kontakt und versucht das mit extremem „therapeutischen“ Aktivismus wettmachen (ähnlich wie kontaktlose Paare zu einem ganzen Arsenal von „Sextoys“ greifen, um ihre vermeintliche „Liebe“ zu retten). Mit schier unendlich langen Listen von „Methoden“ versucht er zu zeigen, wie kompetent er doch sei, offenbart aber tatsächlich nur seine Kontaktlosigkeit. Das entscheidende am Kontakt zwischen Therapeut und Patienten ist nicht nur, daß erst so die Techniken richtig angewendet werden können und wirksam sind, sondern auch daß erst dadurch, daß der Patient lernt Kontakt mit dem Therapeuten aufzunehmen, er lernt mit seinem EIGENEN KERN Kontakt aufzunehmen.

Dieses letztere Element ist der Wesenskern der Reichschen Therapie seit den Tagen der Charakteranalyse in den 1920er Jahren. Es geht um Übertragung und damit um die Dramen der frühen Kindheit, die die gegenwärtige Neurose erst erzeugt haben. Es geht um den bioenergetischen Kontakt mit den Eltern, der funktionell identisch ist mit dem Kontakt mit dem eigenen Kern. Wir sind BIOSOZIALE Wesen, keine bloßen Objekte, an denen Pseudotherapeuten ihren kontaktlosen Narzißmus ausleben können.