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Der Hauptunterschied zwischen den „Reichianischen“ „Therapien“ und der Orgontherapie

18. März 2019

Die Techniken der Orgontherapie sind einfach. Sie sind einfach zu „erlesen“ und, als Patient, abzuschauen. Und schon macht man sich daran „Patienten“ zu „behandeln“. Es gibt weltweit zigtausende solcher „Therapeuten“. Sie verabreichen diese „Techniken“ auf eine mechanische Weise, haben keine Ahnung von den Grundlagen der Orgontherapie, wissen nichts von Charakteranalyse und Orgonometrie, können keine biopsychiatrische Diagnose stellen, etc. Aber das sind nur die Werkzeuge und die Kenntnis ihres korrekten Gebrauchs, der alles entscheidende Unterschied ist ein ganz anderer: (bioenergetischer) Kontakt mit dem Patienten aufnehmen und vor allem den Patienten dazu bringen, mit ihm, den Therapeuten, Kontakt aufzunehmen. Ohne diesen Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten machen all die „Techniken“, egal wie oberflächlich korrekt sie angewendet werden, überhaupt keinen Sinn.

Intuitiv spürt der „Reichianische“ „Therapeut“ den Mangel an Kontakt und versucht das mit extremem „therapeutischen“ Aktivismus wettmachen (ähnlich wie kontaktlose Paare zu einem ganzen Arsenal von „Sextoys“ greifen, um ihre vermeintliche „Liebe“ zu retten). Mit schier unendlich langen Listen von „Methoden“ versucht er zu zeigen, wie kompetent er doch sei, offenbart aber tatsächlich nur seine Kontaktlosigkeit. Das entscheidende am Kontakt zwischen Therapeut und Patienten ist nicht nur, daß erst so die Techniken richtig angewendet werden können und wirksam sind, sondern auch daß erst dadurch, daß der Patient lernt Kontakt mit dem Therapeuten aufzunehmen, er lernt mit seinem EIGENEN KERN Kontakt aufzunehmen.

Dieses letztere Element ist der Wesenskern der Reichschen Therapie seit den Tagen der Charakteranalyse in den 1920er Jahren. Es geht um Übertragung und damit um die Dramen der frühen Kindheit, die die gegenwärtige Neurose erst erzeugt haben. Es geht um den bioenergetischen Kontakt mit den Eltern, der funktionell identisch ist mit dem Kontakt mit dem eigenen Kern. Wir sind BIOSOZIALE Wesen, keine bloßen Objekte, an denen Pseudotherapeuten ihren kontaktlosen Narzißmus ausleben können.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 3)

1. Februar 2019

in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN

Es gibt heute Wissenschaftler und Psychotherapeuten, die nicht unbedingt mit der Orgonomie vertraut sind, aber Aspekte der Emotion, des Nervensystems (einschließlich des ANS), der Geist-Körper-Beziehung und der Beziehung zwischen verbalen und nichtverbalen Bereichen beschreiben, die in gewisser Weise Befunde aus der Orgonomie unterstützen oder parallel zu ihnen verlaufen.

Reich war Schüler von Sigmund Freud. Freuds Theorien waren zu Beginn seiner Karriere viel körperorientierter als später, als Freud die Ich-Psychologie entwickelte. Zum Beispiel definierte Freud den „Trieb“ als „psychischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden, in die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist“ (Freud 1915). Eine interessante Entwicklung war vor kurzem die Gründung eines Forschungsgebiets namens „Neuropsychoanalyse“ durch Mark Solms, einem Neuropsychologen und Psychoanalytiker. Solms gründete 1999 eine Zeitschrift mit dem Titel Neuropsychoanalysis und hat eine Reihe von Büchern zu diesem Thema verfaßt (siehe beispielsweise Solms 1997; Solms und Turnbull 2002; Kaplan-Solms und Solms 2002; Pace-Schott, Solms et al 2003). Solms hat neurowissenschaftliche Beweise geliefert, die viele Ansichten der Freudschen Psychoanalyse unterstützen, insbesondere die Freudsche Traumtheorie. Solms betont insbesondere neurowissenschaftliche Beweise für den Primat der Emotionen bei der Arbeit des menschlichen Gehirns und der Psyche. Da jede Diskussion über Emotionen dazu neigt, irgendwann eine Diskussion über den Körper einzubeziehen, führt Solms Betonung der Emotion zu einer Art Neurowissenschaft, die den Körper nicht vollständig ausläßt. Beispielsweise schreibt er:

„… die Operation der Viszera [d.h. der inneren Organe des Körpers] … bildet die Grundlage unserer fundamentalen Antriebe oder ‚Triebe‘ (wie Freud sie nannte), und Veränderungen in unseren Trieben werden vor allem als Emotionen erfahren … Das limbische System [die Teile des Gehirns, die Emotionen verarbeiten] als Ganzes kann als ‚Assoziationsbereich‘ für viszerale Informationen betrachtet werden. Die Wahrnehmung von viszeraler Information wird bewußt als das Fühlen von Emotionen registriert und (durch Assoziation) als Reminiszenzen in Form von: ‚Ich habe das gesehen, und es hat mich dazu gebracht so zu empfinden‘“ (Solms und Turnbull 2002, S. 28-29). Solms beschreibt die „… einheitliche Erfahrung des Bewußtseins…“, indem er erklärt: „… was unsere äußeren Wahrnehmungen miteinander verbindet, ist die Tatsache, daß sie auf unseren inneren Wahrnehmungen beruhen – die wiederum Wahrnehmungen unseres körperlichen Ichs sind” (S. 74f). „Emotionen ähneln einer Sinnesmodalität – einer nach innen gerichteten Sinnesmodalität, die Aufschluß über den aktuellen Zustand des Körperselbst gibt …“ (S. 105). Wir können hier Resonanzen mit Reichs Sichtweise feststellen.

Im Bereich der Neurowissenschaften im allgemeinen kam es in den letzten 20 bis 30 Jahren zu einem zunehmenden Interesse an Emotionen (siehe beispielsweise Lewis 2008; Panksepp 1998; Panksepp, Biven 2012) und deren Beziehung zum Körper (Mate 2003). Sogar Kognitionspsychologen und Kognitionsneurowissenschaftler, die sich bislang ausschließlich auf das Gehirn konzentrierten, haben nun Modifikationen der kognitiv-psychologischen Theorie entwickelt, die einen wachsenden Bezug zum Körper beinhalten. Zum Beispiel gibt es jetzt eine Theorie der sogenannten „verkörperten Erkenntnis“ (siehe zum Beispiel Lakoff und Johnson 1999), die eine Betrachtung des Körpers und seiner geistigen Repräsentation in die Theorie der kognitiven Verarbeitung einbezieht. Mit dem Konzept der verkörperten Kognition theoretisieren Kognitionsneurolinguisten nun, daß alle Sprachen auf metaphorischen Ausgestaltungen grundlegender Grundbegriffe und Konzepte basieren könnten, die sich auf die Position des Körpers im Raum beziehen (siehe Lakoff und Johnson 1980, 1999; Johnson 1987; Lakoff 1987). Die Metapher selbst ist zu einem Lieblingsthema in psychoanalytischen Zeitschriften geworden, weil sie als etwas betrachtet wird, was eine Brücke zwischen Denken, Emotion und Körper darstellt (siehe beispielsweise Fonagy und Target 2007; Modell 2009; Rizzuto 2001).

Die Kognitivisten, die zunächst psychologische Modelle vorschlugen, die bewußte kognitive Prozesse als Primärphänomene und emotionale Prozesse als fast ausschließlich durch Kognitionen hervorgerufene Sekundärphänomene behandelten, mußten ihre Sichtweisen im Licht ihrer eigenen Forschung ändern (siehe beispielsweise Barlow 2002, S. 37-63). Während Freud von einem „dynamischen Unbewußten“ sprach, sprechen Kognitionspsychologen heute von einem sogenannten „adaptiven Unbewußten“ (siehe zum Beispiel Gladwell 2005), das in vielerlei Hinsicht dem dynamischen Unbewußten ähnelt, obwohl sie Sexualität und Aggression bei der Diskussion zu vermeiden scheinen. Jedenfalls haben moderne psychologische Forscher nun endlich angefangen mit Freud gleichzuziehen, denn sie schätzen, daß 95% unserer Handlungen unbewußt bestimmt sind (Bargh und Chartrand 1999).

 

Literatur

  • Bargh J, Chartrand T 1999: The unbearable automaticity of being. American Psychologist 54:462-479
  • Barlow D 2002: Anxiety and Its Disorders, 2nd Edition. New York: The Guilford Press
  • Johnson M 1987: The Body in the Mind: The Bodily Basis of Meaning, Imagination, and Reason. Chicago: University of Chicago Press
  • Fonagy P, Target M 2007: The rooting of the mind in the body: new links between attachment theory and psychoanalytic thought. Journal of the American Psychoanalytic Association 55(2): 111-156
  • Freud S 1915: Triebe und Triebschicksale. Kleine Schriften II. Kapitel 22
  • Gladwell M 2005: Blink. The Power of Thinking Without Thinking. New York: Little, Brown and Company
  • Kaplan-Solms K, Solms M 2002: Clinical Studies in Neuropsychoanalsis, 2nd Edition. New York: Karnac Books
  • Lakoff, G. 1987. Women, Fire, and Dangerous Things: What Categories Reveal About The Mind. Chicago and London: University of Chicago Press
  • Lakoff G, Johnson M. 1980: Metaphors We Live By. Chicago and London: University of Chicago Press
  • Lakoff G, Johnson M 1999. Philosophy in the Flesh: The Embodied Mind and Its Challenge to Western Thought. New York: Basic Books
  • Lewis M, Haviland-Jones J, Barret L (Eds.) 2008: Handbook of Emotions, 3rd Ed. New York and London: The Guilford Press
  • Mate G 2003: When the Body Says No: Exploring the Stress-Disease Connection. Hoboken, New Jersey: John Wiley & Sons, Inc.
  • Modell A 2009: Metaphor – the bridge between feelings and knowledge. Psychoanalytic Inquiry 29:6-11
  • Pace-Schott E, Solms M, Blagrove M, Harnad S 2003. Sleep and Dreaming: Scientific Advances and Reconsiderations. Cambridge: Cambridge University Press
  • Panksepp J: 1998. Affective Neuroscience. Oxford: Oxford University Press
  • Panksepp J, Biven L 2012: The Archeology of Mind: Neuroevolutionary Origins of Human Emotions. New York: W.W. Norton and Company
  • Rizzuto A 2001: Metaphors of a bodily mind. Journal of the American Psychoanalytic Association 49(2):535-568
  • Solms,M 1997: The Neuropsychology of Dreams
  • Solms M, Turnbull O 2002: The Brain and the Inner World: An Introduction to the Neuroscience of Subjective Experience. New York: Other Press [Dies ist tatsächlich eine hervorragende allgemeine Einführung in die Neurowissenschaften für Laien und eine interessante Übersicht auch für Wissenschaftler.]

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Psychotherapie, Körpertherapie, Orgontherapie

25. Juli 2018

Psychotherapie ist nicht das, was sie vorgibt zu sein, denn jedes längere Gespräch setzt euphorisierende Endorphine frei. Deshalb ist die Methode auch ziemlich gleichgültig, wie jeder ehrliche Psychotherapeut zugeben wird. Es kommt auf die Person des Therapeuten an, sein Charisma und seinen Rapport mit dem Patienten. Ähnlich ist es mit der Körpertherapie bestellt, etwa der „Bioenergetik“ nach Alexander Lowen. Die Aktivierung verspannter Skeletmuskulatur setzt Endorphine frei und entsprechend enthusiasmiert verläßt der Patient die Praxis. In beiden Fällen kommt das endorphin-freisetzende freiere Atmen hinzu.

Was rundweg allen diesen Ansätzen fehlt, ist die Libidotheorie Freuds, die einzig und allein Reich beibehalten und weiter ausgebaut hat. Dabei geht es nicht nur, wie es häufig dargestellt wird, darum, daß Reich das vage Konstrukt „Libido“ mit einer konkreten physikalischen Energie, dem Orgon, ausgefüllt hat. Wichtig sind die Libidostufen, d.h. die Befreiung der genitalen Libido von prägenitalen Überlagerungen. Das zwingt dem Gespräch und den körperlichen Interventionen von den Themen bzw. den Körperregionen her eine bestimmte Abfolge auf.

Orgontherapie ist „biophysische Chirurgie“ (Reich), d.h. die sprachlichen und die körperlichen Interventionen haben jeweils eine bestimmte FUNKTION, sind Teil eines strategischen Gesamtplans. Es geht nicht darum, daß es dem Patienten besser geht, d.h. er sich in seiner Neurose häuslicher einrichtet, sondern um die Umstrukturierung seiner Libidostruktur (= Charakterstruktur) in Richtung Genitalität (= Gesundheit, das Funktionieren des Organismus als Einheit).

Wilhelm Reichs Jüdischheit (Teil 2)

2. März 2017

Reich hat sich nie als Juden betrachtet, den er als Synagogengeher definierte, und „Reich hat oft angemerkt, daß jeder, der eine organisierte Religion praktiziert, kein Therapeut sein könne“ (Morton Herskowitz: „Recollections of Reich“, Journal of Orgonomy, 12(2), November 1978, S. 192).

Als Elsworth F. Baker ihm auf eine entsprechende Frage sagte, er, Reich, sei ein österreichischer Jude, wies Reich das vehement von sich und sagte er sei ein „Mischling“, die Behauptung, es gäbe eine „jüdische Rasse“, bestritt er. Ein Jude sei jemand, der in der jüdischen Religion aufgewachsen sei. Er sei das nicht und deshalb sei er kein Jude. Punkt (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, Commemorative Issue, February 1986, S. 49).

In seinem letzten Brief an Ola Raknes aus dem Jahre 1957 hob Reich anläßlich eines Artikels von Raknes nochmals hervor, daß er trotz seiner Herkunft auf keinen Fall als Jude betrachtet werden wolle (Myron Sharaf: Fury on Earth, 1883, S. 463 ).

Reich hat zu Michael Silvert gesagt, Silvert würde weniger wie ein Jude aussehen, je mehr er er selbst werden würde (Lois Wyvell: „Orgone and You: 3. An Extraordinary Ordinary Man“, Offshoots of Orgonomy, No. 3, Autumn 1981, S. 4). Dies sagt, glaube ich, das wesentliche über Reich und seine Jüdischheit: Reich hat sich über den Holocaust hinaus vom Judentum losgesagt, um er selbst zu sein und nicht á la Woody Allen ständig die jüdische Neurose, den jüdischen Selbsthaß, mit sich rumtragen zu müssen.

Emotionen sind für den Therapieerfolg wichtiger als Einsicht und Deutung

22. Februar 2017

So der Titel eines Tagungsberichts von dem Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Meißner im NeuroTransmitter (Feb. 2017), dem offizielles Organ der Nervenärzte, Neurologen und Psychiater. Im Gegensatz zur ursprünglichen Psychoanalyse sei heute die Therapie dieses Traditionsstranges intersubjektiv statt hierarchisch, partnerschaftlich statt autoritär. Die therapeutische Beziehung ist der entscheidende Wirkfaktor, nicht mehr Deutung und Einsicht. Früheste nonverbale Beziehungserfahrungen werden jenseits der Sprache im prozeduralen Gedächtnis („Beziehungsgedächtnis“) abgelegt und können deshalb nicht „gedeutet“ werden, sondern es kann in der therapeutischen Beziehung allenfalls zur Nachreifung kommen. Die Gesprächsatmosphäre wird wichtiger als die kognitive Verarbeitung, denn sie schafft einen „Entwicklungsraum“. Entsprechend kommt es ganz entscheidend auf die Wahrnehmungsfähigkeit, die Lebendigkeit und das Verständnis des Therapeuten an.

Liest man die entsprechenden Ausführungen, muß man spontan an Reichs Konzept von gegenseitiger orgonotischer Erstrahlung und Anziehung denken. Etwa wenn es bei Meißner heißt:

Es handelt sich [bei Therapeut und Patient] um ein analytisches Paar, das etwas neues Drittes erschafft, eine neue Wirklichkeit, eine neue gemeinsame Erfahrung, aus der nun beide Beteiligten verändert hervorgehen, verändert in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Ausmaß.

In dieser Art von Therapie hört der Patient auf, sich als bloßes Opfer längst vergangener Interaktionen zu betrachten, sondern (ganz wie in Reichs Charakteranalyse) tritt das Hier und Jetzt in den Vordergrund.

Soweit referiert Meißner Ausführungen des emeritierten Professors für Psychosomatik und Psychotherapie, Michael Erdmann. Im Anschluß daran beschreibt Meißner ergänzende Ausführungen des Professors für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie, Gerhard Roth:

Pränataler und früh postnataler milderer Streß der Mutter führt beim Kind zu einem erhöhten Kortisolspiegel, der einhergeht mit Überängstlichkeit, Melancholie oder Angststörungen. Bei stärkerem, chronischem und nicht bewältigbarem Streß führt der entsprechende Hyperkortisolismus zu atypischer Depression, Empfänglichkeit für posttraumatische Belastungsstörungen und zu emotionaler Unempfindlichkeit bis hin zur Psychopathie (wie man sie etwa beim „gefühllosen Berufskiller“ findet). Der Hyperkortisolismus geht fast immer mit einer verminderten Serotoninproduktion einher, was zu Störungen der Regulation von Nahrungsaufnahme, Schlaf, Temperaturregulation, der Fähigkeit der Verhaltensregulation, Beruhigung und Wohlbefinden, etc. führt. Reich sprach hier von „Sympathikotonie“, der chronischen energetischen Kontraktion des Organismus, die bereits im Uterus anfange, spätestens aber während und unmittelbar nach der Geburt.

Dem könne, so Roth, ein Oxytocinanstieg im Rahmen einer liebevollen Interaktion entgegenwirken. Die Kortisolproduktion werde verhindert, der Serotoninspiegel steige. Damit sei die Möglichkeit einer Kompensation früher psychischer (gemeint ist wohl eher emotionaler) Defizite gegeben.

Aus diesem Grund seien auch rein kognitive Therapiestrategien kaum erfolgreich. Die neurobiologische Forschung zeige, daß die Wirkung etwa der kognitiven Verhaltenstherapie auf emotional wirkenden Faktoren beruhen müsse, wie die Bindung zum Therapeuten und das konkrete verhaltenstherapeutische Training und Einüben im Hier und Jetzt. Ähnliches ließe sich über die „einsichtsvermittelnde und bewußtmachende“ Psychoanalyse sagen. „Eine rein sprachlich aufklärende Mitteilung wirke nicht auf die subkortikalen limbischen Zentren, erläuterte Roth. Wirksam wird die Behandlung, wenn emotionale Dinge eine Rolle spielen.“ Ähnliches sagte Reich in der damaligen Begrifflichkeit seit Anfang der 1930er Jahre. Die psychoanalytischen Sektierer haben ihn dafür mit einem gnadenlosen Haß und abgrundtiefer Verachtung gestraft.

Auf die Orgontherapie verweist folgende Stelle in Meißners Aufsatz: Durch die therapeutische Allianz komme es zu den erläuterten neurobiologischen Veränderungen hinsichtlich Kortisol, Serotonin, Oxytocin, etc. Doch „Roth wies darauf hin, daß die eigentlichen strukturellfunktionellen Defizite dabei aber offenbar nicht behoben werden, was die hohe Rückfallquote von 80% erklären könnte“. Deshalb spiele „das Aufspüren von Ressourcen und das Einüben alternativer Schemata im Fühlen, Denken und Handeln“ in einer zweiten Therapiephase eine große Rolle. Die neurobiologische Umstrukturierung brauche halt Zeit. Schön und gut, aber tatsächlich scheitern diese Therapien letztendlich, weil die PANZERUNG nicht angegangen wird!

Das Geheimnis der Orgontherapie

18. Dezember 2016

Augendrehen, das Gesicht und den Kiefer bewegen, Muskeldrücken, etc. mag oberflächlich wie „Orgontherapie“ wirken, ist aber vollkommen sinnlos, wenn nicht zwei Elemente hinzutreten:

  1. es muß geatmet werden und dabei versucht werden spontan zu atmen – eine Unmöglichkeit, aber es kommt auf den Versuch an; und
  2. es muß eine Beziehung zu einem Therapeuten hergestellt werden – auch schwierig, aber im Laufe der Zeit kann man sich nicht gegen die „Übertragung“ wehren.

Das Atmen erhöht das Energieniveau und der Versuch spontan zu atmen das „Frustrationsniveau“, infolge beginnt das neurotische Gleichgewicht zu wanken. Die Kunst des Therapeuten liegt darin, die Intervention genau in jenem Augenblick anzubringen, wenn dieses Gleichgewicht sich als Ergebnis ein Stückweit in Richtung Genitalität verschieben wird. Zu jedem anderen Zeitpunkt wird nur das energetische Chaos vergrößert und eine Heilung unmöglich.

Die Panzerung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist in einer Beziehung entstanden, d.h. im Familienleben. Entsprechend kann sie auch ausschließlich in einer Beziehung wieder aufgelöst werden. Man kann exakt das gleiche zuhause auf einer Matratze tun, was man in der Praxis des medizinischen Orgonomen macht, doch es wird keinerlei Wirkung zeitigen. Seine bloße Anwesenheit aktiviert genau jene Emotionen und Gefühle, die am Anfang der Panzerung standen und die auch wieder an ihrem Ende stehen müssen.

Freud, Retter der Kultur

23. Dezember 2014

Wenn man vom Libido-Konzept selbst absieht, ist die wichtigste Vorstellung, die Reich aus der Psychoanalyse übernommen hat, die, daß die Libido auf prägenitale Stufen bzw. Objekte (insbesondere das gegengeschlechtliche Elternteil) fixiert bleibt und deshalb nicht entladen werden kann.

Diese Vorstellung hat er dahin modifiziert, daß die genitale Sexualität die besagten infantilen Fixierungen entschärfen kann, indem ihnen die Energie entzogen wird, und daß umgekehrt durch Störung der genitalen Abfuhr an sich harmlose Erfahrungen in der Kindheit (etwa inzestuöser Natur) im nachhinein pathogen werden können, weil sie mit Energie aufgeladen werden.

Unglaublicherweise will die Psychoanalyse die genitale Befriedigung aber eindämmen und durch „Sublimierung“ ersetzen, die, wie Reich hervorhebt, jedoch von der uneingeschränkten genitalen Befriedigung abhängt. Nur wer genital befriedigt ist, kann prägenitale Strebungen sublimieren. Man kann also mit Karl Kraus sagen, daß die Psychoanalyse die Krankheit ist, deren Heilung sie vorgibt.

In Die Traumdeutung (Fischer TB, 1961, S. 470f) beschreibt Freud seinen therapeutischen Ansatz wie folgt: Unbewußte Wünsche blieben immer rege.

Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hiervon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nach dem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit der Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Ablassen der Erinnerung und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerden.

Nach Reich ist das Verdrängte, das Unbewußte („Ubw“) identisch mit der Muskelpanzerung. Genauer gesagt: die innere Erregung wird chronisch so umgeleitet, daß es zu automatischen („unbewußten“) Verhaltens- und Denkmustern kommt. Reichs Ansatz beinhaltet die Auflösung dieser Panzerung, so daß der Körper wieder situationsangemessen reagieren kann. Bei Freud geht es ganz im Gegenteil darum, die „Herrschaft des Vorbewußten (Vbw)“ aufzurichten, d.h. die vorbewußte (also jeder Zeit bewußtseinsfähige, ansonsten aber automatisch ablaufende) Kontrolle zu verschärfen – den Menschen noch mehr zu verpanzern.

Freud schreibt weiter:

Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seine Erregung für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt.

Durch die systematische Beseitigung der Panzerung wollte Reich die „orgastische Potenz“ herstellen, d.h. die geregelte Abfuhr der vegetativen Energie in Arbeit und Sexualität. Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.

Man muß Psychoanalytiker und ihre „erfolgreich therapierten“ Patienten persönlich kennengelernt haben, um zu sehen, daß das alles mehr als bloße Theorie ist.

Konkret geschieht die psychoanalytische „Bindung“ der Energie durch Verstärkung der Kopfpanzerung („Intellektualisierung“). Ganz ähnlich ist es um das angebliche Gegenteil der Psychoanalyse bestellt, die kognitiv-behaviorale Therapie.

Schon früh hatte Reich erkannt, daß nicht etwa der Neurotiker mit seinen auffallenden Symptomen der wirklich Kranke ist, sondern der „Charakterneurotiker“, Homo normalis, der sich reibungslos in diese kranke Gesellschaft einpaßt. Psychotherapeuten sollen die Neurotiker wieder auf Linie bringen.

Im Grunde ist das die Aufgabe unserer gesamten Kultur: all die Feuilletons, schlauen Bücher und Diskussionsrunden. Deshalb ist es auch so abwegig, „Intellektuelle“ von der Orgonomie überzeugen zu wollen. Bestenfalls ist sie ihnen „zu banal“.

Eine der effektivsten Techniken, um bei Menschen eine Panzerung des okularen Segments hervorzurufen, ist die Verunsicherung. Wir alle kennen das Gefühl des Weggehens in den Augen, wenn wir von verwirrten Menschen unvermittelt etwa gefragt werden: „Waren sie schon mal alt?“ „Hatten Sie nicht eben eine Decke in der Hand?“ Insbesondere aber, wenn sie absurde Deutungen von alltäglichen Erscheinungen und Vorkommnissen geben. Man stößt irritiert aus: „Leute, ihr bringt mich ganz durcheinander“ und schüttelt spontan den Kopf, so als wolle man die künstlich induzierte Augenpanzerung wieder abschütteln. Wieviel schlimmer muß das sein, wenn derartiger Schwachsinn einem mit der Autorität des Arztes aufgezwungen wird! Genau dies geschieht bei den fast durchweg absurden Deutungen der Psychoanalyse. Man denke nur an die Erinnerungen des „Wolfsmanns“.

Bei Reich war dies radikal anders, denn in der Charakteranalyse und Orgontherapie wird eben dem Patienten nicht gesagt, wogegen sich seine Abwehr richtet, vielmehr ist es Aufgabe des Patienten selbst zu ergründen, was sich hinter seiner Angst verbirgt. Die Psychoanalyse ist ein destruktiver Kult, der verboten gehört!

Die ganze Pestilenz der Psychoanalyse wird durch folgendes Zitat aus dem Jahre 1926 deutlich, als Freud in Die Frage der Laienanalyse schrieb:

Die sexuellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der Kinder – denn die Kinder tun dies, wie sie selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres Problem her.

Soweit, so lebenspositiv vernünftig, doch dann fährt der ach so aufgeklärte Freud fort:

Wie soll man sich gegen die Sexualbetätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

Für Freud ging die Kultur stets vor!

freudpestilenz

Psychopharmakotherapie – Psychotherapie – Orgontherapie

30. September 2014

Evan Mayo-Wilson (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health) et al. konnten in einer Metaanalyse von 101 klinischen Studien nachweisen, daß nicht etwa Medikamente, sondern Gesprächstherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, sich am besten für soziale Angststörungen eignet.

Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn ursprünglich galten Psychopharmaka als Erlösung von der Psychoanalyse, die im psychiatrischen Alltag ihre Versprechungen in keinster Weise hat einlösen können. Und zweitens ist es zumindest in den USA so, daß die Psychiater fast vollständig die Psychotherapie aufgegeben und sich ganz auf das bloße Verschreiben von Pillen spezialisiert haben. Die vermeintlich minderwertige Psychotherapie wird Laien (d.h. Nichtmedizinern) überlassen. Aber offensichtlich hat die Psychiatrie aufs falsche Pferd gesetzt! Psychotherapie ist nämlich nicht nur effektiver, sondern hat im Gegensatz zu den Psychopillen auch dauerhafte Auswirkungen auch lange nach Ende der Behandlung.

Nicht nur die Psychiatrie, sondern das gesamte Gesundheitswesen ist fehlgegangen, denn es gib einen eklatanten Mangel an ausgebildeten Psychotherapeuten, so daß der Griff zur Pille auch von daher fast zwangsläufig ist.

Für die Studie analysierten Mayo-Wilson und seine Kollegen Daten von über 13 000 Patienten, die alle unter schwerer und langanhaltender sozialer Angst litten. 9 000 erhielten die übliche Medikation oder ein Placebo, 4 000 erhielten eine Psychotherapie. Nur wenige der analysierten Studien untersuchten die Kombination von Medikation und Gesprächstherapie. Es gab keinerlei Evidenz dafür, daß eine kombinierte Therapie besser als eine pure Gesprächstherapie ist!

Im Vergleich der Gesprächstherapien erwies sich die kognitive Verhaltenstherapie im Einzelsetting als am effizientesten. Wenn es denn nicht anders gehe, seien unter den Medikamenten die SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) am wirksamsten. Doch könnten Medikamente mit schweren Nebenwirkungen verbunden sein, viele Menschen sprächen überhaupt nicht auf sie an und die Symptome würden nach Absetzen der Pillen wiedereinsetzen. Bei sozialen Angststörungen sollten Medikamente deshalb immer nur die zweite Wahl sein.

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie dreht sich alles um die Beziehung zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Den Patienten soll dabei geholfen werden, ihre irrationalen Ängste anzugehen und ihr Ausweichen vor sozialen Kontakten zu überwinden. Sie sollen sich ihrer Angst stellen und lernen unangenehme Erregungszustände auszuhalten, d.h. die Orgonenergie und ihre Bewegung. Das ist genau der Gegenteilige Ansatz zur Psychopharmakologie, wo es darum geht, das Erregungsniveau zu senken und die Patienten im wahrsten Sinne des Wortes „cooler“ zu machen.

Die Nähe der Verhaltenstherapie zur Orgontherapie ist evident! Charles Konia schreibt über die Verhaltenstherapie:

Das rationale Element der Verhaltenstherapie befaßt sich mit dem Problem der Toleranz für Energie, etc. Darüber hinaus wird die lebenswichtige Bedeutung des orgonotischen Kontakts zwischen Patient und Therapeut nicht vollständig erkannt. Ihr Vorhandensein in der therapeutischen Beziehung ist eine Sache des Zufalls.

Genau das ist der Beitrag, den die Orgontherapie leisten kann. Es geht dabei nicht um spezielle Techniken, etwa „körpertherapeutische“ Interventionen, sondern darum, jeweils das zu tun, was langfristig einen geregelten Energiehaushalt sichert. Wie das geschieht, ob mit Techniken der Psychoanalyse, der Verhaltenstherapie, der Körpertherapie oder sonstigem, ist von sekundärer Bedeutung. Entscheidend ist, was der orgonotische Kontakt diktiert. In der Verhaltenstherapie hingegen wird mit festgelegten „Manualen“ gearbeitet und der Patient kann nur hoffen, daß der Verhaltenstherapeut seine Interventionen mit Feingefühl und im Sinne des gesunden Menschenverstandes durchführt. Der tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapeut kann sich dann gegebenenfalls mit dem beschäftigen, was in der mechanisch vorgehenden Verhaltenstherapie unangetastet geblieben ist. Im schlimmsten Fall werden die Symptome „kognitiv verarbeitet“, d.h. sie werden durch Gehirnpanzerung und die damit einhergehende Kontaktlosigkeit gebunden. Das war mehr oder weniger explizit Freuds Therapiekonzept („bewußte Verurteilung der Triebe“).

Letztendlich geht es in den gängigen Therapien immer darum die Energie des Organismus zu drosseln, zu binden oder zu „konditionieren“. Nichts davon funktioniert wirklich, weil sich die Natur nicht bändigen läßt. Es gibt nur einen Weg: das Lebendige seiner Bestimmung nach sich frei entfalten lassen, d.h. die Herstellung von Selbstregulation (Orgontherapie).

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Orgontherapie (Teil I: Die psychosomatische Beziehung) (Teil 2)

15. Juli 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Charles Konia: Orgontherapie (Teil I: Die psychosomatische Beziehung) (Teil 2)

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The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 2, Fall/Winter 1993)

27. Juli 2012

In der Schulmedizin spielt die Definition von „Gesundheit“ in nur einer Beziehung eine Rolle, nämlich für die Einschränkung der ärztlichen Tätigkeit. Ethisch darf der Arzt nur dann eingreifen, wenn eine Krankheit vorliegt. Beispielsweise ist es geboten, künstliche Befruchtung nur vor der Menopause zur Anwendung zu bringen.

In der Psychotherapie kommt dieses Prinzip im „Neutralitätsgebot“ zum Ausdruck. Der Therapeut soll weder bei den inneren neurotischen Konflikten des Patienten, noch bei dessen neurotischen Verstrickungen in Beziehung, Familie und Freundeskreis Partei ergreifen.

Zunächst einmal ist offensichtlich, daß das ein entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen einem Gespräch mit einem Freund und einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten ist. Das erstere verstrickt uns eher weiter in unsere neurotische Welt, während das letztere für eine gewisse Distanz sorgt, so daß wir unser Leben neu ordnen können.

Damit der Psychotherapeut aber wirklich helfen kann, bedarf es, wie Peter A. Crist in „The Biosocial Basis of Family and Couples Therapy“ (S. 166-189) ausführt, zusätzlich der aktiven Unterstützung der gesunden Anteile. Die offizielle Psychotherapie, so wie sie an Universitätskliniken gelehrt wird, mag darin zwar einen groben Behandlungsfehler sehen, doch diese Einschätzung beruht darauf, daß es keine klaren Kriterien für Gesundheit und rationales Verhalten gibt.

Ein Orgontherapeut wird sich niemals entblöden, sich in die neurotische Welt des Patienten verwickeln zu lassen, aber er wird stets Partei für gesunde und rationale Strebungen ergreifen und beispielsweise auch die Partei des Patienten ergreifen, sollte der Opfer pestilenter Attacken werden.

Das so wichtige, notwendige und, richtig verstanden, vollkommen rationale Neutralitätsgebot wird zu einer Absurdität, wenn es genau das verstärkt, worunter der Patient zentral leidet: Kontaktlosigkeit, die eigene und die der Mitmenschen.

In diesem Fall entspricht das Neutralitätsgebot jener verlogenen „toleranten“ Haltung gegenüber der Sexualität, die Reich zeitlebens bekämpft hat. Es gelte sie bei Kindern und Jugendlichen nicht nur „liberal“ zu tolerieren, sondern sie vielmehr zu schützen und zu fördern. In einer gepanzerten Gesellschaft nur „Toleranz“ zu zeigen, ist gleichbedeutend mit Mittäterschaft.