Schopenhauer und Reich (Teil 2)

Das zweite, was bei mir an jenem Sonntagvormittag haftengeblieben ist, war die folgende Aussage Safranskis:

Schopenhauer war kein Buddha, und zu seinem Glück zwang er sich auch nicht dazu, es werden zu wollen. Klug ist er jener Tragödie ausgewichen, die darin besteht, daß einer versucht, den eigenen Inspirationen, den eigenen Einsichten hinterherzuleben. Schopenhauer hat sich nicht mit sich selbst verwechselt. Denn es geht nicht gut aus, wenn man versucht, sich selbst beim inspirierten Wort zu nehmen, versucht, es zu „verwirklichen“, „umzusetzen“, „anzueignen“. Man sollte das Selbst geschehen lassen. Selbstgeschehenlassen und nicht Selbstaneignung ist das Geheimnis des Schöpferischen.

Man denke an Freud und die restlichen Psychoanalytiker, die ironisch und mit kaum verhohlener Verachtung auf Reichs Gesundheitskonzept reagiert haben („orgastische Potenz“). Bis zum heutigen Tag werden genüßlich die vermeintlichen und wirklichen neurotischen Züge bei Reich hervorgekehrt. Ein Mann, „der sich mit sich selbst verwechselt hat“, und schließlich an der Eigenstilisierung scheiternd ein tragisches Ende genommen hat.

Zunächst einmal ist hier einzuwerfen, daß Reichs aller erster Beitrag, sein Vortrag über Peer Gynt vor der psychoanaltischen Vereinigung im Jahre 1919 genau davon handelt: dem Konflikt zwischen dem Draufgänger, der das Leben lebt, und den ach so klugen „Schopenhauern“, an denen das Leben vorbeizieht.

Tatsächlich geht es um die Todesangst vor Bewegung, vor der Hingabe, vor der Konsequenz. Es ist genau jene Angst, die uns in der Falle hält – und die Safranski als höchste Weisheit preist.

Ihr haßt Reich, weil ihr das Lebendige haßt! Ihr habt Angst von der Bewegung der Lebensenergie in euren Gliedern zerrissen zu werden. Eure gesamte Weisheit, all eure Philosophie und „Wissenschaft“ ist Ausdruck dieser Angst. Was ihr verbreitet, ist nicht nur wertloses Geschwafel, es ist mörderisches Geschwafel!

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5 Antworten to “Schopenhauer und Reich (Teil 2)”

  1. Avatar von Robert (Berlin) Robert (Berlin) Says:

    Ihr habt Angst von der Bewegung der Lebensenergie in euren Gliedern zerrissen zu werden.

    Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt, dann könnte man behaupten, sie hätten „Orgasmusangst“. Reichs Abwehr entsteht aus der neurotischen Orgasmusangst seiner „Kritiker“. Darum auch der hanebüchene Blödsinn und die nie fehlenden Entstellungen über sein Leben und Werk. Man ist vollkommen verwundert, wenn ein Artikel einmal durchgehend korrekt ist, fragt sich, was hat den denn getrieben, wieso lügt und verdreht der nicht?

  2. Avatar von O. O. Says:

    Bei dem Gedanken der Orgasmusangst macht mich etwas stutzig:
    Die Ablehnung Reichs entsteht durch die „einfältige Darstellung“ von Reichs Theorien; – es scheint dem gepanzerten Menschen zwar möglich die Theorie nachzuvollziehen und den Ärger aus der Provokation seines Panzers zu spüren und daher ablehnend sich zu äußern, aber für eine Orgasmusangst reicht es noch nicht, da der Panzer noch nicht genug aufgelöst wurde.
    Orgonomie stört die Panzerung und das OR-Wissen kann nicht intergriert werden, es scheint dem „Normalneutroiker“ fremd – rational nicht nachvollziehbar. Emotional nicht nachvollziehbar, wird es erst durch die Therapie, wenn alte Charakterstrukturen sich aufzulösen beginnen und eine neue Struktur sich nicht gebildet hat.

    Die Emotionelle Pest hat keine Orgasmusangst – sie kann diese Erfahrung nicht machen, weil sie zu weit davon entfernt ist. Sie ist offen sexualfeindlich und daher bekämpft sie jeden Gedanken, der in die positive Richtung geht.

    Ferner zeigt Reich den (einzig) „richtigen“ Weg und läßt keinen Platz für andere Wege, das kränkt andere Menschen – daher wird er vielleicht auch schon abgelehnt.
    Also muss ein anderer Weg her, den es wohl erst zu entwickeln gilt.

    In Orgasmusangst kommen doch genau die Menschen, die sich intensiv mit Reich beschäftigen und dann ihr Drama erkennen, aber es nicht lösen können. Diese Jünger sind weitaus gefährlicher als Leute, die WR ignorieren oder mit ihm nichts anfangen können.

    • Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

      Es ist wie in der Orgontherapie, wo die Ängste zu Beginn und am Ende ziemlich gleich sind – am Ende nur viel intensiver und vor allem eindeutiger. Es ist die Angst vor Bewegung, „die in die Glieder fährt“. Am Anfang sind noch manche ambivalent, wenn sie mit Reich zusammentreffen, doch am Ende laufen so gut wie alle auf die eine oder andere Weise weg.

  3. Avatar von O. O. Says:

    Könnte man das erstere nicht eher als Sexualangst sehen und das letztere (am Ende oder nach einem intensiven Therapieprozess) Orgasmusangst.
    Bei der Sexualangst schwingt mehr die Ambivalenz mit, sich auf einen Veränderungsprozess einlassen zu wollen; im zweiten Fall ist es keine Ambivalenz mehr, da man sich für den Weg der Veränderung entschieden hat – aber es ist ein Kampf um das Können. „Kann“ ich es aushalten und zwar mit Haut und Haaren bio-energetisch. Ertrage ich die freiwerdende Energie im Körper?
    Und hier kommt dann wieder das „human no“ (WR, tape ca. 1952), stärker und unfreiwilliger als zuvor. Es ist tatsächlich zum Wegrennen!

    Selbst, wenn der nächste Schritt noch gelingt – dann folgt wieder der Urkonflikt mit der sozialen Umwelt (Familie, Partner/-in, Arbeitswelt etc.)
    – Und wie wird man sich dann entscheiden? Blockade aus Furcht oder Kampf und später der Rückzug, wenn man sich nicht schützen kann.
    Selten wird man einen Weg finden und neu beginnen.

    Aber genau darum geht es!

  4. Avatar von O. O. Says:

    Bei allem philosophischen Geschwafel von Leuten, die nicht begreifen über was sie reden, und was sie selbst sagen wollen, kann A. Schopenhauer nicht als der gelten, der die Wilhelm Reich übergangen hätte. Er hat diesen seiner Zeit, nämlich Franz Anton Mesmer und den Mesmerismus entschieden verteidigt und hat Partei für ihn eingenommen, ein Mut der heute seinesgleichen sucht, aber nicht finden wird.

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