Reich hat nie bestritten, daß es „Komplexe“ gibt, so etwas wie Freudsche perverse Triebe, Ranksche Geburtstraumata, Jungsche „Archetypen“ und einen Adlerschen „Willen zur Macht“. Es ist nur so, daß durch die Orgasmusfunktion diesen seelischen Gegebenheiten die Energie entzogen wird. So hat die Orgasmustheorie einen grundsätzlich anderen Charakter als „andere“ monokausale Theorien. Der Reichsche Gesundheitsbegriff beinhaltet nicht, daß einer keine perversen Triebe hat, sondern daß diesen Trieben die Energie entzogen wird. Wenn man einen harmlos tropfenden Wasserhahn mit dem Daumen zudrückt, spritzt er nach einiger Zeit gefährlich.
Beispielsweise ist der Rassismus biologisch vorgegeben. Menschen „fremdeln“. Wie sollte es anders sein? Durch den neurotischen Energiestau aufgrund orgastischer Impotenz bricht dieses potenziert aus. Die Kultur versucht das zu beherrschen, indem entweder jede Menge zusätzlicher Dämme und Kanäle gebaut werden, um die hervorsprudelnde Irrationalität zu beherrschen, oder es wird versucht sozusagen den Wasserhahn ganz abzudrehen, wie etwa im Buddhismus. Als Illustration möge der Unterschied in den Philosophien Hegels (vernunftgemäße Kanalisierung der Dynamiken) und Schopenhauers (Verneinung des „Willens“) dienen.
Die Grundfrage ist, ob die natürliche „Triebausstattung“ jenseits der Frage, ob diese Triebe „gut“ oder „böse“ sind, grundsätzlich mit genitalorgastischer Selbstregulation vereinbar sind oder nicht. Freud, für den der Mensch ein „sadomasochistisches Tier“ war, verneinte dies, während Reich der inhärenten Rationalität der Natur vertraute.
Moral bedeutet den primären, genitalen Antrieben den Vorzug zu geben vor etwaigen prägenitalen und sadistischen Antrieben, die durch Frustrationen hervorgerufen wurden. Nicht zu verwechseln mit der Zwangsmoral: die Befolgung von aufoktroyierten Regeln, die den genitalen Antrieben entgegenstehen.
Ich habe also erst einmal gar nichts gegen Moral, aber alles gegen Zwangsmoral, die letztendlich die Grundlagen jeder wirklichen Moral untergräbt.
Zweitens würde ich Reichs Begriff „Zwangsmoral“ glatt mit „Ethik“ gleichsetzen, weil Reich in Die sexuelle Revolution gesagt hat, daß jede Ethik prinzipiell antisexuell und damit verdammenswert sei.
Ethik bedeutet zweierlei: 1. Wertlehre und 2. Morallehre.
Daß die „Lehre von den sittlichen Werten“ primär gegen die „unsittliche“ Sexualität gerichtet ist, sollte wohl klar sein, d.h. aber natürlich nicht, daß „Werte“ per se verdammenswert sind. Orgonomisch betrachtet sind Werte nichts anderes als die „Fassadenrepräsentanz“ (Peripherie) von Kernbestrebungen. Wahre Werte sind eine unverfälschte Widergabe des Kerns, neurotische Werte sind beim Durchgang durch die sekundäre Schicht verzerrt worden (wie beim sentimentalen oder moralistischen „Wertkonservativen“). Und dann gibt es noch „falsche Werte“, d.h. Werte, die mit dem Kern nichts zu tun haben, sondern einfach nur der sekundären Schicht dienen: das sind die „Werte“ der Linken (des pseudoliberalen [modern liberal] Charakters und Roten Faschisten). Dem absolut Bösen schlechthin!
Ähnliches läßt sich zur „Lehre von den sittlichen Forderungen“ sagen, nur daß es da bioenergetisch weniger um die Fassade als vielmehr um die mittlere Schicht geht. Nach dem Motto: „Mensch, Junge, reiß Dich zusammen und zeig Charakter!“ Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, doch hier zeigt sich dann doch wieder der innere Widerspruch jeder Moral. Gerade die zwangsmoralische Charakterformation verhindert, daß man wirklichen Charakter zeigt. Man funktioniert vielmehr wie ein Automat (also z.B. immer zwangsneurotisch oder immer chronisch-depressiv) – und ist deshalb imgrunde ziemlich „charakterlos“ im umgangssprachlichen Sinne. Es geht darum, die Kernbestrebungen möglichst effektiv und fachgerecht durchzusetzen: Charakter zu zeigen. Das kann nur der genitale Charakter, nicht jedoch der neurotische Charakter.
In einer neurotischen Welt ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man einem Kind immer wieder die Kernrepräsentanz in der Fassade, also Werte vor Augen führt und es so mit seinem Kern in Kontakt hält. Man bringt ihm also Werte bei, etwa immer wahrhaftig, also „kernrepräsentativ“ zu sein. Das hat Reich bei seinem Sohn Peter getan, um ihn gegen die ansteckende Krankheit Emotionelle Pest zu immunisieren. Leider ist es aber so, daß den Kindern heutzutage irgendwelche „Werte“ aufoktroyiert werden, die das Kind nicht mit dem Kern in Kontakt halten, sondern nur noch weiter vom Kern trennen. Man denke nur an die ganze pestilente Regenbogen-Agenda.
Wir helfen den Kindern nicht, wenn wir ihnen alle Wiederstände aus dem Weg räumen, sie z.B. unwidersprochen Lügen lassen, weil die Lüge für sie viel bequemer ist. Nein, genauso wie sie durch Überwindung von materiellen Hindernissen eine Muskulatur ausbilden, sollen sie durch Überwindung von „moralischen“ Widerständen auch eine Charakterstärke ausbilden – und z.B. lernen, damit umzugehen, wenn man Scheiße gebaut hat. In unserer antiautoritären Gesellschaft ist es aber so, daß man sowas durchgehen läßt, weil die Eltern selbst viel zu bequem und kontaktlos sind. Andererseits werden Kinder nach wie vor mit Forderungen konfrontiert, die nichts mit dem aktuellen bioenergetischen Funktioniere des Kindes zu tun haben. Etwa: „Ich habe Dich beim Akkordeonkurs angemeldet! Und Du gehst hin. Keine Widerrede. Als Kind wollte ich immer Akkordeon lernen, konnte das aber nicht! Und jetzt gebe ich Dir die Chance, Du undankbarer Balg!“ So wird durch moralische Forderungen der Charakter nicht etwa gestärkt, sondern kaputtgemacht.
Kann es also eine orgonomische Ethik geben? Diese Frage ist abstrakt und sinnlos, wenn man nicht die obigen Überlegungen einbezieht und das dann vom individual-bioenergetischen auf den gesellschaftlichen arbeitsdemokratischen Bereich überträgt. Die Frage muß in diesem Fall lauten, ob die Arbeitsdemokratie eine Ethik für ihr funktionieren braucht.
Was die aktuelle real existierende Arbeitsdemokratie braucht, sind klare Leitlinien, die die Mitarbeiter immer wieder an den Kern der ganzen Sache erinnern, so daß sie mit ihm in Kontakt bleiben („Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens!“), und Forderungen, die die Mitarbeiter davon abhalten sitzenzubleiben und sie dazu ermahnen, diese Leitlinien auch durchzusetzen („Liebe, Arbeit und Wissen sollten das Leben auch regieren!“). Reichs Labor war mit derartigen Sprüchen gepflastert: „It can be done!“ Ethik im Sinne einer bioenergetischen Funktion, statt eines Über-Ichs, das gegen die Bioenergetik kämpft.
Das ist eben das grundsätzliche Problem mit dem Begriff „Ethik“. In der griechischen Philosophie ist sie etwas, das aus der überweltlichen Ideenwelt herabkommend der niederen, bösen, chaotischen Materie ihren göttlichen Stempel aufdrückt; und in der jüdischen Religion ist sie eine überweltliche, unbegreifliche und logisch nicht rechtfertigbare göttliche Offenbarung, die aus dem bösen Tier einen guten, „beschnittenen“ Menschen macht. Auf dem Prokustesbett des Ideals sadistisch verstümmelte Körper, verstümmelte Genitalien! Mit dieser Ethik will ich nichts zu tun haben, Du dumme Sau!
Rousseau, Nietzsche und beispielsweise Foucault waren wie Filter, die den jeweils ursprünglichen Impuls (LaMettrie, Stirner und Reich) so modulierten, daß die ursprüngliche lebenspositive Botschaft so entkernt wurde, daß sie einerseits immer noch auf geradezu „magische“ Weise Widerhall fand, ein Faszinosum, andererseits aber das lebensfeindliche System nicht wirklich gefährdete, sondern eher noch stabilisierte. Mit anderen Worten wurden die erstgenannten zu einem anerkennten Kulturgut und gleichzeitig die kontrollierte „Opposition“ gegen eben diese Kultur. In diesem Zusammenhang möchte ich an Myron Sharafs Wortspiel „Fury on Earth“ erinnern. Das System fängt den wütenden Angriff ab, siebt das wirklich revolutionäre fein säuberlich heraus und verwandelt ihn dergestalt zu einer „revolutionären“ Stütze des Systems. Ein profanes Beispiel ist die Popmusik: aus Johnny Rotten wurde – Campino!
Das 18. und 19. Jahrhunderts stand unter dem Bann Rousseaus. Kant (menschliche Freiheit und moralisches Gefühl), Marx (Entfremdung), die gesamte romantische Bewegung (das Primat des Gefühls über den Verstand) standen unter seinem Stern, selbst Nietzsche. Dieser wiederum war davon überzeugt, daß sich in seiner, Nietzsches Person das Schicksal der nächsten zwei Jahrhunderte vorzeichne. Und tatsächlich gehört das 20. und 21. Jahrhundert Nietzsche: alle Philosophen, Psychologen und Kulturkritiker nach ihm waren und sind durch die Bank nur ein schwacher Abklatsch von ihm. Der Existentialismus, Heidegger, alle Schulen der Psychoanalyse, alle Kulturheinis, ob nun Gottfried Benn oder Thomas Mann oder wer auch immer – alle standen sie unter seinem Bann. Nicht zuletzt Reich war stark von Nietzsche beeinflußt. Ein Portrait Rousseaus war der einzige Wandschmuck in Kants Arbeitszimmer. In Reichs Arbeitszimmer der 1920er Jahre hing Nietzsches berühmte Totenmaske. Ohne Reich selbst wäre die gesamte heutige woke Kultur aus Frankfurter Schule, Fromm, Marcuse, Foucault, Deleuze, Derrida etc. undenkbar. Genauso wie vorher Nietzsche nur ein verzerrender „Filter“ war, durch den Stirner wirkte. Bei Rousseau war es LaMettrie, wie Bernd A. Laska und Christian Fernandes (LSR-Projekt) nachgewiesen haben.
In Betrieben, Behörden, Kliniken etc. bestimmen nicht die Gesetze der angeblich „natürlichen Arbeitsdemokratie“, sondern die natürlichen Gesetze einer Primatenhorde, in der die nach vorne kommen, die sich am lautesten auf den Brustkorb trommeln und dem Chef am effektivsten in den Arsch kriechen. Wie Primatenforscher zeigen, sind das alles ganz natürliche Verhaltensweisen für die Tiergruppe, zu der auch wir gehören. Auf eine verwickelte Weise ist dieses „natürliche“ Verhalten jedoch ein denkbar unnatürliches, saharia-sisches Verhalten!
Die Bonobos leben eine Affengesellschaft vor, in der diese „natürlichen Anlagen“ energetisch einfach nicht besetzt sind, weil die Gesellschaft durch die ständige genitale Entladung bestimmt wird. Genauso vernünftig sollte auch die menschliche Gesellschaft funktionieren. Daß sie es nicht tut, ist dem saharasia-sischen Einfluß zu schulden.
Meines Erachtens gibt es zwischen Genitalität und Primaten-Machismo einen graduellen Übergang, je nach der Situation. Reich, der „weiche“ Ungepanzerte auf der einen und Reich, der „harte“ „Hecht im Karpfenteich“ und Frauentyp auf der anderen Seite ist dafür das beste Beispiel. Das ist eine Frage der variablen energetischen Ladung.
Was den Erfolg im Leben betrifft gibt es drei Gruppen von Menschen: die pestilenten Arschlöcher, die sich durchsetzen; die kleinen arbeitssamen Männer, die viel leisten, aber trotzdem übersehen werden; und schließlich jene anständigen Menschen, die ebenfalls arbeitssam und ehrlich sind, aber die auch von einem Charisma umgeben sind und entsprechend Erfolg haben. Die pestilenten Psychopathen haben ein ähnliches Charisma, weil sie innerlich tot sind und deshalb Angst, Scham und Schuld kaum kennen. Im Zweifelsfall folgen die Massen ihnen (den Barabassen) und nicht den genitalen Charakteren (Christussen).
Es ist deshalb nur natürlich, daß jene Männer und Frauen die „blenden“ auf deiner Arbeitsstätte und überhaupt in deinem Leben Erfolg haben bzw. hatten. Das ist ein orgonotisches Phänomen. Sie projizieren Lebensdynamik ohne Orgasmusangst zu provozieren; sie fallen auf, werden bevorzugt und haben Erfolg ohne die Panzerung zu gefährden. Kommt es zur Erstrahlung, werden vor allem die sekundären Triebe hervorgekitzelt. Man denke nur an das Dritte Reich oder an den deutschen „Reichianismus“ der letzten Jahrzehnte und dessen groteske Blüten!
Hinter den pestilenten Blendern steckt trotz ihren typischerweise kurzzeitigen Erfolg keinerlei Substanz. Alexander Lowen ist dafür ein gutes Beispiel: von Anfang an wollte er „erstrahlen“, wurde dabei sogar von Reich unterstützt („Ja, ich werde Sie berühmt machen!“) und Lowen hat es auch spektakulär geschafft, aber es steckt nichts, aber auch rein gar nichts dahinter. Ich denke auch an einen deutschen Pseudo-Orgontherapeuten, der mit einem Projekt nach dem anderen reüssierte, um sich dann schließlich zu Tode zu saufen.
Das bringt mich zum Willen zur Macht: Alles ist Willen zur Macht. Das fängt beim Schulhof-Macho an und hört beim therapeutischen Superstar Lowen und Adolf Hitler auf. Aber das ist alles nur Kinderkram, da sich wirkliche Macht an der Zeitdauer zeigt, in der sie wirksam ist. Nietzsche selbst ist dafür das allerbeste Beispiel. Zu Lebzeiten war er, was den Willen zur Macht betrifft, eine Witzblattfigur und eine peinliche Erscheinung. Aber langfristig war sein Einfluß einfach ungeheuerlich: das fängt mit der Psychoanalyse an und hört beim russischen Marxismus und indischen Islam, auf die er merkwürdiger Weise einen großen Einfluß hatte, auf. Woran liegt dieser Erfolg: einfach daran, daß er sich frech in den Vordergrund drängt. Leute, die an Gott glauben, kann man mit Nietzsches Hilfe abkanzeln, aber auch Atheisten: Alles und jedes wird von Nietzsche fertiggemacht und was bleibt ist Nietzsche selbst. Genauso bei Reich, der niemanden neben sich geduldet hat – und auch postmortem niemanden neben sich duldet. Schon gar nicht irgendwelche pestilenten Nullen!
Ein Mensch wie Lowen, oder z.B. Erich Fromm, hat Erfolg, weil er sich mangels Substanz und Eigenständigkeit bei allen einschleimt, aber dieser Erfolg verflüchtigt sich schnell und nichts bleibt. Menschen wie Nietzsche oder Reich haben vergleichsweise wenig Erfolg, aber sie bleiben über ihren Tod hinaus im Geschäft und wachsen schließlich sogar post mortem. Das ist wahrer Wille zur Macht, weil er im Einklang mit dem Lebendigen schlechthin steht.
Dazu kommt etwas, daß auf den ersten Blick geradezu das Gegenteil von „Wille zur Macht“ ist: die GERECHTIGKEIT. Es geht nicht darum irgendeine Phantasiewelt zusammenzubrüten und dann der Welt zu präsentieren. Wirklicher Wille zur Macht zeigt sich daran, der Wirklichkeit gerecht zu werden, wirklich mutig den Fakten zu folgen, wohin sie auch immer führen mögen. Zum Beispiel hat Reich sich immer durch die Klinik und Experimente leiten lassen, auch wenn sie seinen persönlichen Überzeugungen ins Gesicht schlugen. Das ORANUR-Experiment, das einen Großteil seiner vorhergehenden Theorien schlechtweg falsifizierte, ist dafür das beste Beispiel. Wirklicher Wille zur Macht ist also das Gegenteil von selbstherrlicher Willkür, die ein Zeichen von Schwäche ist, wie jeder Psychotiker, der den Napoleon spielt, beweist.
Ähnliches läßt sich zum zwischenmenschlichen Verhalten sagen: wirklicher Wille zur Macht zeigt sich nicht in der Kleinheit des miesen kleinen Dränglers, der überall nach seinem persönlichen Vorteil sucht und überall vordrängelt, sondern er zeigt sich in der Großzügigkeit des Mächtigen, der aus seiner Überfülle gibt. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß der Mächtige ein Idiot ist, mit dem man alles machen kann und der sich alles gefallen läßt. Ganz im Gegenteil geht es ja darum, die Welt objektiv und unverzerrt zu betrachten: mit einem ungepanzerten okularen Segment – mit Perspektive, einer souveränen Perspektive.
Reich ist stets sicher seinen Weg gegangen, auch wenn am Anfang wenig objektives Material vorhanden war, auf das er zurückgreifen konnte. Ich denke z.B. daran, wie er bei den elektrodermalen Experimenten „souverän“ über Einwände der Fachleute von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hinweggegangen ist und stattdessen seiner Intuition vertraut hat. Reich war sich einfach seiner Gefühle und ihrer Objektivität sicher und hat entsprechend selbstbewußt und „rücksichtslos“ sein von Freud ihm unterstelltes „Steckenpferd“ geritten. Leider hat ihn dieses Selbstvertrauen auch manchmal hoffnungslos in die Irre geführt, z.B. was kontaktelektrische Erscheinungen oder geheime angebliche Unterstützer bzw. Feinde betraf.
Als Kind hatte ich das deutliche Gefühl, daß die Luft „lebendig“ war. Es war ein seltsames Gefühl, in der Schule erfahren zu müssen, daß es sich dabei nur um Gas handelte, Stickstoff, Sauerstoff, Spurengase. Die Welt verwandelte sich in einen toten, langweiligen Ort. Und dann die Naturwissenschaftslehrer selbst: Sie hatten immer einen emotionslosen, gelangweilten, niedergeschlagenen Gesichtsausdruck, d.h. sie waren eine Verkörperung der toten Welt, die sie vermittelten. Der Biologieunterricht war kaum besser und ging bruchlos in den Sexualkundeunterricht über.
Das ist kein Plädoyer für eine „Wiederverzauberung der Welt“, sondern für einen grundsätzlich anderen Ansatz. Um was es geht, zeigt sich daran, daß in den Medien typischerweise einigermaßen gesunde Emotionen verspottet werden; alles, was die Gefühle anspricht, wird sofort lächerlich gemacht. Interessanterweise verspotten sie niemals verzerrte Gefühle, wie sie etwa bei CSD-Paraden zur Schau geführt werden. Dort wird die Welt wie kaum sonst „verzaubert“ – und gleichzeitig alles auf totes Fleisch reduziert.
Reich zufolge leiden „etwa 80% aller Frauen an vaginaler Anästhesie und Frigidität“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 385). Nach gängigen Standards gelten immer noch 70% der Frauen als frigide. Zur Abhilfe wurde Millionen Frauen gesagt, das läge allein daran, daß die Männer nicht zu oralen und manuellen Manipulationen greifen, nicht einfühlsam und romantisch genug sind, etc. Worum es wirklich geht, nämlich das Problem der Genitalität und die Lebensenergie, bleibt draußen vor. Sie sind innerlich so tot, wie sie sich die Atmosphäre vorstellen!
Was das generelle Ausweichen vor dem Wesentlichen betrifft, muß ich an folgende weit zurückliegende Geschichte denken: Der 1992 New Age-Guru Vincent LaDuke („Sun Bear“) war ein Geschäftemacher, der vermeintlich indianische „Spiritualität“ in Form von Seminaren und irgendwelchen Gimmicks vermarktete. Ausgerechnet James DeMeo pries ihn in seiner Zeitschrift Pulse of the Planet No. 2, S. 35. Siehe dagegen dazu Roman Schweidlenka: Altes blüht aus den Ruinen, Wien 1989, S. 77.
Schwedlenka schreibt über die authentische indianische Spiritualität, z.B. der Hopis:
Die indianische Botschaft – nicht zu verwechseln mit den esoterischen Lehren der neuen Schamanen, die der spirituelle Supermarkt unserer Gegenwart zu einem großen Modetrend werden ließ – hat nichts Okkultes oder Spektakuläres: Sie besagt, daß die Erde ein lebendiger Organismus ist, der Mensch nur ein kleiner Teil desselben; Achtung und eine nicht ausbeuterische Haltung gegenüber dem gesamten natürlichen Universum, verbunden mit einem einfachen, vom Prinzip des Teilens geprägten Lebensstils sind das „Geheimnis“ für die richtigen Handlungen der Menschen. (ebd. S. 9)
Schweidlenka weiter:
Auch für den indianischen Geschäftemacher Sun Bear scheint die Radioaktivität im Gegensatz zu den durch den Uranabbau sterbenden Indianern ein Anlaß zur Heiterkeit zu sein. Bei einem Vortrag in der BRD erklärte er: „Vor zwei Jahren hatte ich ein Programm in Frankfurt und da passierte der Unfall von Tschernobyl. Die atomare Wolke kam, und für Frankfurt wurde Regen vorausgesagt. Da fing ich schnell zu beten an. Ich sagte: ‚Donnerwesen, schickt das bloß woanders hin!‘ Dann ging es in Wiesbaden herunter. Tut mir leid.“ Auf der vom Aviva Verlag vertriebenen Kassette, die diese Worte enthält, ist sodann das laute, schallende Gelächter Sun Bears und seiner Fans zu hören. „Vieles im New Age scheint die Menschen auf das Grab vorzubereiten“, schreibt die US-Zeitschrift The Merry Mount Messenger (Nr. 3/87). Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf. Ich glaube zwar auch, daß wir uns trotz der atomaren Bedrohung eine lebensbejahende innere Einstellung bewahren und aufbauen sollten. Nur wird uns diese nicht vom Damoklesschwert des schleichenden nuklearen Todes befreien. Die auf der Positivneurose und dem Dogma „mein Bewußtsein schafft die Realität“ aufbauenden Verdummungsstrategien des Neuen Bewußtseins lenken von unserer letzen Chance auf ein Überleben ab: Der weltweiten Solidarität im kompromißlosen Widerstand gegen den atomaren Holocaust. (ebd. S. 137)
Um sich über die originale Spiritualität der Indianer ein Bild machen zu können jenseits solcher Leute wie Sun Bear verweist Schweidlenka auf das Buch: Alexander Buschenreiter: Mit der Erde – für das Leben – Der Hopi-Weg der Hoffnung (Freiburg im Breisgau, 1989).
Das erinnert mich an den alternativen Umweltgipfel in Rio 1992, der von „spirituellen Zeremonien“, Yoga-Sitzungen etc. geprägt war. Bei einer „Massenmeditation“ streckten alle im Auditorium ihren Rücken und schlossen die Augen, nur die Indios, auf die die Kamera gerichtet war, saßen hilflos da und wußten nicht, was denn überhaupt Sache ist. Sun Bear hätte sicherlich mitmeditiert und das als alte indianische Überlieferung verkauft.
Dabei liegt es mir fern „indigene Spiritualität“ zu idealisieren. In Afrika (aber auch in Teilen von Asien und sogar Südamerika) sind zusammen 230 000 000 Mädchen und Frauen beschnitten bzw. genitalverstümmelt! Das entspricht exakt der gesamten weiblichen Bevölkerung der EU! Nicht nur, daß insbesondere die schwerste und radikalste Genitalverstümmelung, die Infibulation („pharaonische Beschneidung“) praktisch tödlich weh tut (manche Mädchen sterben am Schmerzschock), sondern noch schmerzhafter ist danach die Geburt von Kindern. Und nach der Geburt muß alles wieder zugenäht werden. (Da kann man sich ja vorstellen, welches Verhältnis diese Frauen zu ihren Babys gewinnen!) Man kann sich gar keine schlimmere, grausigere Art vorstellen, einen Menschen zu foltern. Und selbst die Männer leiden, weil jeder Beischlaf für die Frau und damit auch für den Mann eine schmerzhafte Folterung ist. Und warum das ganze? Aus Todesangst vor der angeblich unstillbaren, alles zerstörenden weiblichen Sexualität (deshalb auch die Verschleierung). In Afrika breitet sich dieser Brauch durch die neuen Verkehrsverbindungen, Flüchtlingsströme, etc. auch auf Stämme aus, die ihn noch nicht kannten, denn niemand will als unbeschnitten = unrein gelten.
Dir wird Angst gemacht, du kontrahierst und verlierst die Kontrolle, dann fängst du dich und findest wieder zu deiner „Statur“ durch die Kontraktion der Muskulatur und spielst den Coolen. Also erst Anorgonie (das Gegenteil von Panzerung), die vom „Willen zur Macht“ überwunden wird. Deshalb hat Panzerung immer mit „Vornehmheit“ zu tun!
Alle Deformationen Saharasia, Schädelverformungen, Produkte der Inzucht (z.B. die berühmte hängende Unterlippe der Habsburger), Beschneidung und andere Verstümmelungen, wurden später Zeichen des Adels. Der Adel ist gepanzert, siehe z.B. Malinowskis Trobriander, wo, Reich zufolge, die Panzerung in der Häuptlingsfamilie anfängt. „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“
Bei Angstpsychosen, Soziopathen, Manikern und Drogenabhängigen hat die Panzerung versagt, d.h. sie leiden unter zu wenig Panzerung! Also nochmals: Panzerung ist immer mit Vornehmheit korreliert! Beim Pöbel versagt entweder die Panzerung (z.B. Freuds „Perverse“ als Gegensatz zu den Neurotikern, Bakers „unsatisfied blocks“ und Reichs „triebhafter Charakter“ aus dem Bodensatz der Gesellschaft) oder er ist gar nicht gepanzert, wie die indischen Ureinwohner (Parias). Überhaupt das Kastensystem in Indien und Europa. Wobei sich letzteres bis heute in Rudimenten erhalten hat: man ist „vornehm“, egal was dieser Krampf persönlich an Lebensqualität kostet. Der Status muß signalisiert und damit erhalten bleiben!
Das Zeichen des Adels ist die Selbstbeherrschung, d.h. die intakte wohlfunktionierende Panzerung. Ist diese Struktur gestört, wie beim unbefriedigten oralen Block, kommt es zur unvornehmen peinlichen Triebhaftigkeit, z.B. Freßsucht. Der genitale Charakter, z.B. der für uns befremdend peinlich offene Eskimo, ist ebenfalls durch seinen Mangel an (Zurück-) Haltung unvornehm. Panzerung ist deshalb immer mit Vornehmheit verbunden und umgekehrt. Wenn Reich irgendetwas auszeichnete, dann war es, daß er Bauarbeiter etc. ohne jedwede Herablassung als ihm ebenbürtig behandelte. Hochnäsigkeit und Hochmut entsprechen der bioenergetischen Bewegung weg vom Genital – sie sind der „höchste“ Ausdruck von Panzerung.