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Die soziopolitische Diathese

19. Juli 2019

 

Paul Mathews:
Die soziopolitische Diathese

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 25

15. Juli 2019

orgonometrieteil12

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Buchbesprechung: SEX-POL-Essays, 1929-1934 (Teil 1)*

30. Juni 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Diese Taschenbuch-Anthologie hat eine interessante Geschichte. Nach Reichs Tod 1957 erschienen eine Reihe von Artikeln in verschiedenen Zeitschriften und Magazinen, mal abgesehen von den üblichen verzerrten und sexuell ausbeuterischen Schriften, gaben diese Artikel vor, eine faire Analyse des Reichschen Werkes zu bieten. In der Zeitschrift Liberationa wurde beispielsweise ein Artikel mit dem Titel „Wilhelm Reich: Zwei Beurteilungen“ von Don Calhoun und Paul Goodmanb veröffentlicht (1). Obwohl Calhoun Reichs wissenschaftlichen Entdeckungen einige Anerkennung zollte, während Goodman sie verunglimpfte, lobten beide Reich als Revolutionär im libertären und anarchistischen Sinne. Damals empfand ich ein Unbehagen an dieser Identifikation, nicht nur, weil Reich, wie Goodman zugabc, diese Verbindung verärgert verworfen hatte, sondern auch, weil ich spürte, dass dies ein Vorläufer der gesellschaftspolitischen Verzerrung und Ausbeutung von Reich durch die politische Linke sein könnte – eine, die seine naturwissenschaftlichen und funktionellen Erkenntnisse verleugnen würde, um seine früheren, von ihm selbst zurückgewiesenen, marxistischen Ideen wiederzubeleben.

Erst in den 1960er Jahren zeichnete sich dieses Muster jedoch deutlich ab und hat sich bis heute fortgesetzt. 1966 widmete eine Zeitschrift mit dem Titel Studies on the Leftd (einer ihrer Herausgeber war derselbe Lee Baxandall,e der den hier besprochenen Band herausgegeben hat) fast eine ganze Ausgabe dem Thema „Wilhelm Reich on Marx and Freud“, ein Heft, das sich aus einer Reihe von bisher unübersetzten frühen marxistischen Aufsätzen Reichs zusammensetzt. Die Veröffentlichung dieser Ausgabe harmonierte mit linksextremer und neuer linker Agitation in verschiedenen Teilen der Welt und in den USA. Der Vietnamkrieg stand im Mittelpunkt und die Drogenkultur und Gegenkultur gehörten zum revolutionären Arsenal. Viele der Führer und Anhänger dieser Bewegungen proklamierten plötzlich Reich als einen ihrer großen ideologischen Propheten, wobei seine unrevidierten freudo-marxistischen Schriften als Teil ihrer Evangelien dienten. Um Baxandall zu zitieren: „Aber in den 1960er Jahren in den Jugendbewegungen der Neuen Linken … ist die untergegangene, aber kaum zerfallene Figur von Wilhelm Reich wieder auferstanden, in den Blick gerückt von der frischen Generation der radikalen Jugend“ (S. vi). Die Idee, die sie unterstützen, ist, dass der patriarchalisch-autoritäre Kapitalismus die Massen durch sexuelle Repression der einen oder anderen Art unterdrückt. Marcuse zufolge wurde dies nicht nur durch sexuelle Unterdrückung, sondern insbesondere durch die „Tyrannei der Genitalität“ gegenüber einer prägenitalen Freiheit-für-Alle herbeigeführt (2). Die Lösung bestand also darin, alle diese Ketten in einer wilden revolutionären Orgie des „befreiten“ Ausdrucks zu brechen, unterstützt durch Drogen, Promiskuität, wahllose Angriffe auf das Establishment usw., um so ein soziopolitisches Nirwana zu erreichen. Auch hier wieder das, was Reich als Freiheitshausieren bezeichnete – völlige Unbekümmertheit darüber, ob die Massen strukturell in der Lage sind, verantwortungsvolle Freiheit zu erlangen.

Anschließend erschienen verschiedene andere Arbeiten in Artikeln, Büchern und Filmen von Rieff, Robinson, Rycroft, Makavejev aus Jugoslawien, Cattier in Frankreich und Luigif in Italien.1 Das ultimative Thema all dieser Autoren war, dass Reich ein großer Revolutionär, aber ein verrückter Wissenschaftler war.

 

Anmerkungen

* SEX-POL-Essays, 1929-1934, by Wilhelm Reich. Edited by Lee Baxandall, with an Introduction by Bertell Ollman. New York, Vintage Books, 1972, 378 pp., paperback $2.45.

1 Die meisten davon wurden in früheren Ausgaben des Journal of Orgonomy besprochen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Die Zeitschrift Liberation (1956–1977) war ein Magazin in den Vereinigten Staaten, das in den 1960er Jahren mit der Neuen Linken identifiziert wurde.
Die redaktionellen Positionen des Magazins waren mit denen von Dissent und Studies on the Left vergleichbar. Redaktionell unterstützte Liberation die kubanische Revolution, den SDS (Students for a Democratic Society) und den Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Hinzu kam die Unterstützung für einseitige nukleare Abrüstung.

b Goodmans Beitrag findet sich in: Paul Goodman: Natur heilt, Edition Humanistische Psychologie, 1989, S.111-116, Kapitel: Ein großer Pionier, aber kein Libertärer.

c Goodman: Natur heilt, S.115: „Lassen sie mich eine persönliche Geschichte erzählen. Reich rief mich 1945 an und bat mich, ihn kurz zu besuchen. Ich war erfreut und erstaunt und hoffte begeistert, daß dieser bemerkenswerte Mann eine Aufgabe für mich hätte. (Mein Problem ist, daß ich der Anleitung bedarf.) Aber er wollte, daß ich aufhörte, seinen Namen mit Anarchisten und Libertären in Verbindung zu bringen‘ – wahrscheinlich hatte er den lobenden Text gelesen, den ich im Juli 1945 in Politics über ihn verfaßt hatte. Ich war von seinem Anliegen überrascht; ich erklärte ihm, daß seine Hauptziele schließlich anarchistische Ziele seien, daß wir ihn bräuchten und er nie etwas gesagt habe, daß uns völlig gegen den Strich ging, wiewohl er einige unbedachte Formulierungen von sich gab. Er bestritt meine Aussagen – es wurde klar, daß er nie Kropotkin gelesen hatte; als ich einige pädagogische Allgemeinplätze aus Fields, Factories and Workshops fallenließ, verriet sein Gesicht charmanterweise eine kindliche Verblüffung – ich war von seiner Offenheit, mit der er seine Überraschung zeigte, sehr beeindruckt. ‚Was macht es Ihnen denn aus, Dr. Reich‘, sagte ich schließlich, ‚wenn wir jungen Leute Sie als Anarchisten bezeichnen?‘ Er erklärte mir – dieses mal zu meinem Überdruß – , daß es für A.S. Neill in England doppelt so schwierig sein würde, seine Oberschicht-Kinder in der progressiven Summerhill-Schule zu halten, falls der Bewegung auch noch der Stempel des Anarchismus aufgedrückt würde.“
Der Artikel in Politics heißt: „Die politische Bedeutung einiger neuerer Revisionen an Freud“, in: Goodman: Natur heilt, S. 71-99.

d Studies on the Left war eine Zeitschrift des Radikalismus der Neuen Linken in den Vereinigten Staaten, die zwischen 1959 und 1967 veröffentlicht wurde.

e Lee Raymond Baxandall (1935 – 2008) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Übersetzer, Redakteur und Aktivist. Er war für sein Engagement in der Neuen Linken mit kulturellen Themen bekannt.
In den 1960er und 1970er Jahren zeigte Baxandall ein starkes Interesse an der Beziehung zwischen Kultur, insbesondere Theater, und Radikalismus. Er übersetzte Stücke von Peter Weiss und Bertolt Brecht, bearbeitete eine Sammlung von Schriften des deutschen Sozialkritikers und Psychologen Wilhelm Reich, verfasste eine kommentierte Bibliographie zu Marxismus und Ästhetik und schrieb zahlreiche Essays über bedeutende Literaten, darunter Bertolt Brecht und Franz Kafka. (Wiki)

f Luigi De Marchi.

 

Literatur

1. Calhoun, D. und Goodman, P.: „Wilhelm Reich: Two Appraisals“, Liberation, Januar 1958, S. 4-9

2. Mathews, P.: Besprechung von The Freudian Left von P. Robinson, Journal of Orgonomy 4:136-40, 1970

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 120-124.
Übersetzt von Robert (Berlin)

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