Peters Lektüre von KINDER DER ZUKUNFT (Teil 2)

Kommen wir zum eigentlichen Buch, d.h. Reichs Text Kinder der Zukunft. Zur Prävention sexueller Pathologien. Herausgeber ist das Paar Mary Boyd Higgins und Chester M. Raphael. Der letztere war enger Mitarbeiter von Reich, seine Partnerin war ursprünglich seine Patientin.

Muß man eigentlich Philologie studiert haben, um zu wissen, wie man korrekt wissenschaftliche Schriften herausgibt? Das ist kein „Reich-Buch“, sondern eine kleine Sammlung seiner Schriften zur Kindererziehung und entsprechend müßte auch der Untertitel lauten! Diese Sammlung gruppiert sich um das Manuskript des Buches „Kinder der Zukunft“, das Reich aber nach vier oder fünf Kapiteln aufgegeben hat. Der Leser erfährt davon kein einziges Wort!

Im amerikanischen Original von 1983 wird immerhin erwähnt, daß das Kapitel „Fallangst bei einem drei Wochen alten Säugling“ Reichs Buch Der Krebs entnommen wurde, wo es sich um einen Abschnitt handelt. Warum dieser Abschnitt bzw. das „Kapitel“ vom deutschen Übersetzer aus dem amerikanischen rückübersetzt wurde, ist mir schleierhaft.

Es folgt das Kapitel „Mißhandlungen von Kindern“. Weder die amerikanischen Herausgeber noch der Übersetzer halten es für nötig, darauf hinzuweisen, daß das eine Notiz aus Reichs Zeitschrift International Journal of Sex-economy and Orgone Research aus dem Jahre 1942 ist mit dem weitaus passenderen Titel „Disastrous Fads in Infant Upbringing“ (1(3), November, S. 276-278).

Petitessen kann ich mir nicht verkneifen. Etwa, daß auf Seite 14 das amerikanische „orgonomist“ (der Orgonom) mit „Orgonomist“ übersetzt wird. Das wäre so, als würde man das amerikanische „agronomist“ mit „Agronomist“ übersetzen! Ein anderes Beispiel wäre der Astronom. Es gibt Pessimisten, Bigamisten, Alchimisten und Leninisten, aber keine „Orgonomisten“. Oder auf S. 197 der Verlag auf den „Wilhelm Reich Infant Trust Fund“ verweist. Die Organisation heißt heute „Wilhelm Reich Infant Trust“!

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5 Antworten to “Peters Lektüre von KINDER DER ZUKUNFT (Teil 2)”

  1. O. Says:

    Wie gut Peter, dass du hier immer ins Detail gehst und auch die Fehler findest bzw. auf die Vorveröffentlichungen verweisen kannst.

    „Artikelsammlung von W. Reich zum Thema Kinder der Zukunft“ wäre der besser Buchtitel gewesen und mit einer Malerei von Reich und nicht das Gekrickel von Klee.

    Das alle erscheinen im linken Psychologenverlag, wo sich unsere Reichianer wider mal anbiedern in der Absicht Reich bekannt zu machen – wo ihn jeder kennt. Der Lapsus „Orgonomisten“ musste kommen. Hätte Reich nichts über das Orgonom gesagt, hätte man vielleicht von Orgonomen sprechen können, mir gefällt das Wort nicht.

    • Peter Nasselstein Says:

      Wissenschaftler: es gibt „iker“, wie bei Physik und Chemie, es gibt „nomen“, wie bei Astronomie und Ökonomie, und es gibt „logen“, wie bei Biologie und Geologie. Aber es gibt in der Wissenschaft keine „isten“! Oder fällt Dir ein Gegenbeispiel ein?

    • Robert (Berlin) Says:

      Das ist die erste Reich Publikation seit 20 Jahren, also sollten wir dafür dankbar sein. Dass alle deutschen Ausgaben fehlerhaft sind, daran muss man sich gewöhnen.
      Die Übersetzung ist ganz flüssig, nur eine hot tomato hätte ich nicht mit heiße Tomate, sondern heiße Kartoffel sinnbildlich übersetzt.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Der Übersetzer, Anton Sàlat, konterkariert eine Aussage Reichs in einer Fußnote. Reich schreibt über den Vaginismus, dazu erklärt Sàlat als Allgemeinmediziner: „Diese Störung wird oft mit Dilatatoren behandelt, also mit mechanischer Dehnung. Auch Beckenbodengymnastik kann hilfreich sein“ (S. 169, Fn 4).
    Er behauptet also, mechanische Dehnung wäre hilfreich. Genau das Gegenteil schreibt Reich: „Wenn dann eine Methode wie die mechanische Dehnung der Scheidenöffnung angewendet wird, so hat dies nicht nur keinen Wert, sondern verstärkt durch die damit verbundenen Schmerzen nur die sexuelle Angst des Mädchens“ (S. 170).
    Man hat den Eindruck, dass der Übersetzer Reich gar nicht ernst nimmt.

    • Peter Nasselstein Says:

      Bin erst bei S. 35: eine Mutter oder „ein Ausbilder einer Pflegeschule“ könnten doch genausogut mit einer Verstopfung umgehen, wie eine Kinderarzt. AUSBILDER EINER PFLEGESCHULE?! Habe gleich total verstört im amerikanischen Original nachgeschaut: „nursery school teacher“ – das ist ein KINDERGARTENLEHRER bzw. schlicht eine Kindergärtnerin.

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