Bert, Klabund und Peter (Teil 2: Ein Abend im August. Fünf Gedichte von Peter)

 

An der Quelle

Von der fernsten Warte aus,
Zwischen all den Eichen,
Weht Windeseile

Mein Auge wirft von oben
Herab auf die Wipfel.
Wir sitzen im Moos.

Über den Duft der Wiesen
Atme ich die Sonne.
Meer in deiner Brust.

Ähren wogen, weiße Gischt
Aufgefangen vom Grün,
Bleibt es im Kraushaar.

Eisenbraun wie totes Laub
Das Blau fällt in den Quell‘
Von Blättersproßen.

 

Alte und junge Bäume

Die gestandenen Bäume.
Geschrei der Balgen hassen?
Sie stützen das Firmament.

Bin ich gar ein Verräter?
Um mich her das Kirchenschiff,
Daß sie da sind, wirklich da.

Alles, was sie verkünden, ist.
Meine Gedanken laufen,
grüne Wolken zu werden?

Wie die jungen Triebe noch,
weg wie nervöse Jungen.
Nicht da, streben sie wonach?

 

Am Bach

Es grünt dicht.
In diesen Wipfeln hinoben,
Aus modrigem Grunde.

Singt der Wind.
Ohn‘ Wiederhall die Libelle,
Hin und her, vor, zurück.

Webt ihr Flies.
Für das eindringende Dunkel,
Der kristallene Bach.

Verheißt Dich.
Meandert im satten Grüne,
Fort in Deinen Augen.

 

Beim See

Beim See.
Zwischen den Buchen
Altvertrautes Lied.

Zweige
Singen vom Abgrund.
Ich verhalte mich.

Rühre
Nicht dran Goldsonne.
Luftmeer fließt durch mich.

Bitte,
Versinken ist schwer.
Vögel wie Fische.

Fallen.
Ferner Straßenlärm;
Er ist wie Brandung.

 

Im Hain

Grün vor dem Gold,
Da der Bräutigam mit ihr
am Horizont sich vereint.
Es ist hier.

Schwarze Krume
Spielt um mich herum verzückt.
Wird feucht und kühl und Schwere.
Es ist leicht.

Das Laub rauscht leis‘
und der beschwingte Tanz beginnt,
Es ist belebend ziehend.
Ein Drittes.

Schönster Moment
Wenn Himmel und Erde eins
zwischen heute und morgen.
Tief und jetzt.

 

Das Schreiben von Gedichten (oder das Malen von Bildern) ist immer ein ausbalancieren der beiden Funktionen „relative Bewegung“ und „koexistierende Wirkung“. Ich beschreibe die Bewegung des Windes in den Bäumen etc. Ein wirkliches Gedicht wird aber erst draus, wenn durch bestimmte Kunstgriffe diese realistischen Bilder sich überlappen und der aufmerksame Leser dergestalt aus Alltagsbewußtsein herausgerissen wird und „tiefer blickt“, um unerwartete Zusammenhänge zu sehen und vor allem mitzufühlen. Genauso auch in der Malerei. Es ist sinnlos einen Wald realistisch abzumalen, denn das kann jeder Photoapparat weitaus besser. Wirkliche Kunst wird erst draus, wenn eine „tiefere Wirklichkeit“ aufscheint.

Eine einfache Beschreibung ist kein Gedicht und eine akademische Zeichnung kein Kunstwerk. Dasselbe gilt umgekehrt auch für zu viel „dadaistische“ Abstraktion, wenn man überhaupt nicht mehr ergründen kann, worum es im Gedicht oder in der Zeichnung überhaupt geht. Es wird bedeutungsloses Geschmiere a la Kandinsky und der ganzen übrigen modernen entarteten „Kunst“. Kontakt ist sozusagen die Schnittfläche zwischen realistischer „relativer Bewegung“ und subjektivistischer „koexistierender Wirkung“. So auch etwa in der modernen Klassik: Richard Strauß (Programmusik, relative Bewegung) ist langweilig, der späte Arnold Schönberg oder gar Edgar Varese (absolute Musik, koexistierende Aktion) sind langweilig, aber bei Bela Bartok springt der Funke über, vor allem auch weil seine Werke nicht zusammengewürfelt sind, sondern eine organische Einheit ergeben (die koexistierende Wirkung „hält die Bewegung zusammen“). Voila, mein Lieblingsstück:

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2 Antworten to “Bert, Klabund und Peter (Teil 2: Ein Abend im August. Fünf Gedichte von Peter)”

  1. Frank Says:

    „Richard Strauß (Programmusik, relative Bewegung) ist langweilig“
    Zumindest seine Vier letzten Lieder gehören (mehr kenne ich auf Anhieb nicht von ihm) für mich zu den absoluten Höhepunkten menschlichen Schaffens. Auch der Text von Joseph von Eichendorff: 4. Im Abendrot.

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