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Bert, Klabund und Peter (Klabund und Hafis, Teil 3)

24. August 2020

Zunächst ein Blick zurück auf Bartoks alles überragende Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. An ihr kann man perfekt zeigen, was große Kunst ausmacht, nämlich zweierlei:

  1. Die Vereinigung von relativer Bewegung und koexistierender Wirkung: Nehmen wir ein kartesisches Koordinatensystem: horizontal verläuft die Zeit und vertikal wird der „Raum“ (in diesem Fall etwa die Tonhöhe) abgetragen, so daß eine Welle bzw. ein „Gebirgszug“ sich abzeichnet. Wie haben eine Symphonie oder so etwas vor uns. Große Musik wird das aber erst, wenn es, wie etwa auf überragende Weise Bartoks Stück, nicht nur irgendein beliebiger willkürlicher Ablauf ist, sondern wenn die erste Note und die letzte Note und alle Noten dazwischen eine zwingende Einheit bilden. Dazu kippen wir den besagten „Gebirgszug“ (relative Bewegung) um 90 Grad nach links, so als würde sich alles gleichzeitig zutragen (koexistierende Wirkung), d.h. als wäre das Musikstück eine Statue von Michelangelo oder so. Etwas entwickelt sich in der Zeit, bleibt dabei aber eine in sich stimmige Einheit („Gleichzeitigkeit“).
  2. Das Erzeugen und Auflösen von Spannung: Alle großen Komponisten haben mit Dissonanzen gespielt, ohne die ihre Stücke unerträglich gefällig dahinplätschern würden. Es ist wie bei einem Gespräch etwa in einer lauten Kantine: man muß selbständig aus den Tonfetzen, die vom Gegenüber bei einem ankommen, eine sinnvolle Einheit rekonstruieren, d.h. wieder von der relativen Bewegung (die gestört wird) zur koexistierenden Wirkung („Gestaltfindung“) switschen. Auf diese Weise wird der Kontakt nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar intensiviert. Wobei natürlich nicht eine gewisse Grenze überschritten werden kann, denn aus bloßem Krach kann nichts rekonstruiert werden. Beides ist auf jeweils eigene Weise absolut nervtötend: tonale Gefälligkeit ohne Ecken und Kanten und atonale Kakophonie, die allenfalls für den Musiktheoretiker Sinn macht, wenn er das Notenblatt penibel analysiert.

Wegen genau dieser beiden Punkte reden Musiker ständig davon, Musik sei „nicht von dieser Welt“ und etwas „Metaphysisches“: eine Abfolge in der Zeit ruft Zeitlosigkeit hervor. Genau umgekehrt ist das bei der Malerei: große Kunst „bewegt uns“ und man vermeint eine ganze Symphonie zu hören. Man nehme etwa die Bilder meines Lieblingsmalers Paul Klee. Beides zusammen, etwa Wagners Musikdrama oder Hollywoods „Melodramen“, hat etwas zutiefst Totalitäres! Das trifft natürlich nicht auf die Poesie, selbst wenn sie vorgetragen wird. Sie hat ebenfalls etwas von beidem, denn einerseits ist sie offensichtlich wie ein Musikstück aufgebaut (und ruft geradezu nach Vertonung), andererseits stellen sich vor dem geistigen Auge instantan Bilder ein (Illustration). Nehmen wir meinen Klabund:

Die Funktion des Orgasmus endete ursprünglich dem Originalmanuskript zufolge ebenfalls mit einem Gedicht Klabunds bzw. einer Nachdichtung eines Gedichts von Hafis (siehe hier und auch hier). Am Anfang seiner Orgonforschung sah Reich einen innigen Zusammenhang zwischen dem Orgon und der Sonne. Man nehme etwa seine Drei Versuche mit Gummi am statischen Elektroskop von 1939: SAPA-Bione, die Sonne und der menschliche Körper (insbesondere die Stelle über dem Solar plexus!) laden auf gleiche Weise Gummistücke auf.

Das war bevor Reich 1940 die atmosphärische Orgonenergie (das Flimmern in der Atmosphäre) entdeckt hatte und auch danach noch immer nicht an den „Äther“ dachte, etwa als er Anfang 1941 Einstein traf. Hier steht „Sonne“ deshalb stellvertretend für einen „kosmischen“ Bezug des Orgons. Es zeigt auch, daß man in der Orgonomie nicht wirklich Dichtung (tiefgehendes orgonotisches Empfinden) und naturwissenschaftlicher Forschung unterscheiden kann. Als etwa Oppenheimer angesichts der Atombombe sehr frei nach der Bhagavat Gita die Verse vortrug: „Wenn das Licht von tausend Sonnen am Himmel plötzlich bräch‘ hervor, das wäre gleich dem Glanze dieses Herrlichen, und ich bin der Tod geworden, Zertrümmerer der Welten“, ist das nur eine hirnzentrierte bildungsbürgerliche Reminiszenz, ohne tiefere bioenergetische Bedeutung. Bei Reich geht es darum, daß orgonotische Funktionen auf den unterschiedlichen Größen- und Funktionsebenen weitgehend identisch ablaufen. Siehe die von mir hervorgehobene Stelle:

… Ihr Zentrum bleibt, was es immer war: das Rätsel des Liebens, dem wir Sein und Werden verdanken. Die Entdeckung der Orgon-Strahlung und ihrer Herkunft aus der Sonnenstrahlung scheint ein persisches Gedicht aus dem 14. Jahrhundert naturwissenschaftlich wahrmachen zu wollen:

In welcher Sprache ich auch schreibe,
Persisch, und türkisch gilt mir gleich.
Ein Himmel wölbt sich über jedes Reich,
Und Liebe reimt sich überall auf Liebe.

Als Reich das schrieb, komponierte der Schönberg-Schüler Viktor Ullman diese Lieder (wenn auch in einer anderen Übersetzung) – kurz bevor er 1942 ins KZ kam, etwas, was Reich mit einiger Gewißheit widerfahren wäre, hätte er nicht das allerletzte Schiff nach Amerika erwischt:

Übrigens war es eine gute Intuition Klabunds seinen Band von „übersetzten“ (nachgedichteten) Hafis-Gedichten mit Der Feueranbeter zu betiteln, denn alles was an der islamischen, insbesondere aber an der persischen Kultur so großartig ist, ist eine direkte Übernahme der zoroastrischen „Feueranbeter“; einer Religion, die, im denkbar krassen Gegensatz zum ursprünglichen Islam, alles tut, um die sekundären Triebe (Ahriman) einzuschränken und den bioenergetischen Kern (Ahura Mazda) zu stärken.

Bert, Klabund und Peter (Teil 2: Ein Abend im August. Fünf Gedichte von Peter)

22. August 2020

 

An der Quelle

Von der fernsten Warte aus,
Zwischen all den Eichen,
Weht Windeseile

Mein Auge wirft von oben
Herab auf die Wipfel.
Wir sitzen im Moos.

Über den Duft der Wiesen
Atme ich die Sonne.
Meer in deiner Brust.

Ähren wogen, weiße Gischt
Aufgefangen vom Grün,
Bleibt es im Kraushaar.

Eisenbraun wie totes Laub
Das Blau fällt in den Quell‘
Von Blättersproßen.

 

Alte und junge Bäume

Die gestandenen Bäume.
Geschrei der Balgen hassen?
Sie stützen das Firmament.

Bin ich gar ein Verräter?
Um mich her das Kirchenschiff,
Daß sie da sind, wirklich da.

Alles, was sie verkünden, ist.
Meine Gedanken laufen,
grüne Wolken zu werden?

Wie die jungen Triebe noch,
weg wie nervöse Jungen.
Nicht da, streben sie wonach?

 

Am Bach

Es grünt dicht.
In diesen Wipfeln hinoben,
Aus modrigem Grunde.

Singt der Wind.
Ohn‘ Wiederhall die Libelle,
Hin und her, vor, zurück.

Webt ihr Flies.
Für das eindringende Dunkel,
Der kristallene Bach.

Verheißt Dich.
Meandert im satten Grüne,
Fort in Deinen Augen.

 

Beim See

Beim See.
Zwischen den Buchen
Altvertrautes Lied.

Zweige
Singen vom Abgrund.
Ich verhalte mich.

Rühre
Nicht dran Goldsonne.
Luftmeer fließt durch mich.

Bitte,
Versinken ist schwer.
Vögel wie Fische.

Fallen.
Ferner Straßenlärm;
Er ist wie Brandung.

 

Im Hain

Grün vor dem Gold,
Da der Bräutigam mit ihr
am Horizont sich vereint.
Es ist hier.

Schwarze Krume
Spielt um mich herum verzückt.
Wird feucht und kühl und Schwere.
Es ist leicht.

Das Laub rauscht leis‘
und der beschwingte Tanz beginnt,
Es ist belebend ziehend.
Ein Drittes.

Schönster Moment
Wenn Himmel und Erde eins
zwischen heute und morgen.
Tief und jetzt.

 

Das Schreiben von Gedichten (oder das Malen von Bildern) ist immer ein ausbalancieren der beiden Funktionen „relative Bewegung“ und „koexistierende Wirkung“. Ich beschreibe die Bewegung des Windes in den Bäumen etc. Ein wirkliches Gedicht wird aber erst draus, wenn durch bestimmte Kunstgriffe diese realistischen Bilder sich überlappen und der aufmerksame Leser dergestalt aus Alltagsbewußtsein herausgerissen wird und „tiefer blickt“, um unerwartete Zusammenhänge zu sehen und vor allem mitzufühlen. Genauso auch in der Malerei. Es ist sinnlos einen Wald realistisch abzumalen, denn das kann jeder Photoapparat weitaus besser. Wirkliche Kunst wird erst draus, wenn eine „tiefere Wirklichkeit“ aufscheint.

Eine einfache Beschreibung ist kein Gedicht und eine akademische Zeichnung kein Kunstwerk. Dasselbe gilt umgekehrt auch für zu viel „dadaistische“ Abstraktion, wenn man überhaupt nicht mehr ergründen kann, worum es im Gedicht oder in der Zeichnung überhaupt geht. Es wird bedeutungsloses Geschmiere a la Kandinsky und der ganzen übrigen modernen entarteten „Kunst“. Kontakt ist sozusagen die Schnittfläche zwischen realistischer „relativer Bewegung“ und subjektivistischer „koexistierender Wirkung“. So auch etwa in der modernen Klassik: Richard Strauß (Programmusik, relative Bewegung) ist langweilig, der späte Arnold Schönberg oder gar Edgar Varese (absolute Musik, koexistierende Aktion) sind langweilig, aber bei Bela Bartok springt der Funke über, vor allem auch weil seine Werke nicht zusammengewürfelt sind, sondern eine organische Einheit ergeben (die koexistierende Wirkung „hält die Bewegung zusammen“). Voila, mein Lieblingsstück:

nachrichtenbrief158

21. Juni 2020

Marx’ ursprüngliche Botschaft (Teil 2)

12. März 2020

Im Zentrum von Hegels Philosophie steht die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Man kennt das Paradoxon von Zenon: Ein Pfeil kann sich vom „philosophischen“ Standpunkt aus nicht bewegen, weil der Pfeil in jedem Moment, in dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, stillsteht. Wie die Bilder eines Filmes. Nach Hegel ist die Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (der Pfeil ist entweder hier oder er ist dort) koexistieren können (Bewegung des Pfeils). Diese Einheit von „hier“ und „da“ ist die synthetische Funktion des Geistes, und somit ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfremdung des „reinen Geistes“ der Logik und seiner Bewegungsgesetze in Zeit und Raum hinein: These, Antithese, Synthese. Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Geist („hier“) noch dein Geist („dort“), sondern der universelle Geist.

Der zunächst reine und dann entfremdete Geist wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo er sich schließlich seiner selbst bewußt wird. Dieser „absolute Geist“ ist die höhere Synthese des „subjektiven Geistes“ des Individuums und des „objektiven Geistes“ der Ethik: Familie, Gesellschaft, Staat. Der „objektive Geist“ manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte von Staaten, Reichen und Dynastien. Das Endziel dieser Entwicklung ist eben der „absolute Geist“. Daher muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, um jeden Preis unterworfen werden, d.h. muß vollständig der Ethik unterworfen werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, oder vielmehr der Staat führt zur endgültigen Manifestation Gottes als „absoluter Geist“.

So waren „Staaten mit philosophischem Ziel“ wie Nazideutschland und die (durch und durch „deutsche“) Sowjetunion die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens. Das ist keine „Verschwörungstheorie“, sondern das Fortwirken einer besonderen Weltanschauung, die ansteckend ist. Man kann sie auf Hegel zurückführen, auf Martin Luther, auf die Gründer der römischen Kirche, auf Platon und weiter zurück auf die alten saharasischen Götterreiche, die James DeMeo beschrieben hat.

Marx war die Fortsetzung von Hegel: die völlige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee der Menschheit, d.h. der preußischen Schule. Max Stirner war das Gegenteil von Hegel: „egoistische“ Selbstregulierung, d.h. Neills Summerhill. Stirner war ein Todfeind der Ethik an sich. Er war gegen das „Über-Ich“ und für „die Kinder der Zukunft“.

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David Holbrook, M.D.: ORGONOTISCHE FUNKTIONEN IN DER KLINISCHEN SITUATION. DIE BIOENERGETISCHE EINHEIT VON PSYCHE UND SOMA (Teil 7)

27. Februar 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Orgonotische Funktionen in der klinischen Situation. Die bioenergetische Einheit von Psyche und Soma

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 47

4. Januar 2020

orgonometrieteil12

47. Die bioenergetischen Grundlagen dieses Buches

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 39

1. Dezember 2019

orgonometrieteil12

39. Gefühle, mechanistische Wissenschaft und Kunst

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

19. September 2019

 

Paul Mathews:
Der genitale Charakter und die genitale Welt

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 7

5. März 2019

orgonometrieteil12

7. Orgonomie 4.0

Deutsches Wesen und Arbeitsdemokratie

10. Mai 2018

Kein Volk der Weltgeschichte hat materiell und ideel mehr geleistet als das deutsche, und kein Volk hat sich jemals mehr zerfleischt. Das zeigt der Altnazi in dem hiermit verlinkten Vortrag sehr schön. Durchaus hörenswert! Neben der Verehrung für Hitler, den der Redner in seinem Duktus auch noch zu imitieren scheint, habe ich aber ein weiteres gewichtiges Problem mit dieser Rede: sie verfehlt das deutsche Wesen und die deutsche Mission grundlegend.

Wir sind wie einst die antiken Griechen, die in Stadtstaaten zersplittert waren und trotzdem bzw. DESHALB den gesamten Planeten geprägt haben, – weil sie sich im „olympischen“ Geist ständig gegenseitig zu äußersten Höchstleistungen angestachelt haben („Agon“). Was die Weltherrschaft Griechenlands betrifft, muß nicht viel erläutert werden: die Kultur des Römischen Reiches und aller seiner Ausläufer bis heute war griechisch und selbst der Osten bis zum fernen Japan: eine Buddha-Statue ist griechische Kunst und die indischen Epen sind nichts anderes als ein fader Aufguß der Homerschen Epen! Genauso ist weltweit heute die Naturwissenschaft, Philosophie, Literatur, Musik, Kunst und Kultur deutsch.

Worum es geht, kann man an Wagners und Nietzsches Reaktion auf die Gründung des Zweiten Reiches durch Bismarck ermessen. Wagners deutscher Mythus endet in der Götterdämmerung, die Hitler dann auch im ganz großen Stil inszenierte, und Nietzsche empfand nichts als Verachtung für den neuen „Kaiser“. Genau wie das antike Griechenland lebt Deutschland in Streit, Zwietracht und Zersplitterung. Das führte dazu, daß man sich ständig gegenseitig zu Hochleistungen hochputschte und jedes Provinznest, etwa Schwerin, Weimar oder Mannheim, von Hochkultur geradezu platzt. Deutschland LEBT! Einigung und Gleichschaltung zerstört dieses Leben. Ein Zentrum, eine „Welthauptstadt Germania“ und ein „Führer“ ist der deutschen Nation wesensfremd. Ja, etwas Totes und Abgestandenes wie „die Nation“ ist uns wesensfremd. Anders als Rom, Rußland, England, Frankreich oder heute „Europa“ ist Deutschland kein imperialistisches „Projekt“, sondern ein Organismus, ein Baum mit vielen Ästen, die gleichermaßen am Licht teilhaben.

Das erste Kaiserreich der Deutschen hat in 1000 Jahren nie seine Nachbarn angegriffen, sondern sich allenfalls selbst zerfleischt. Es war, wie das antike Griechenland, kein mechanisches Gebilde, das jemand „entworfen“ hat, sondern ein sich organisch entfaltendes funktionelles Geflecht. Ähnlich wie die Arbeitsdemokratie kann man Deutschland nicht „entwerfen“, wie es das elende Gesindel versucht, das uns heute beherrscht. Tod den Nationalisten, den Sozialisten, den Visionären, den Faschisten, den Tyrannen!