DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 1)

von Jim Martin [entnommen aus der Zeitschrift für Orgonomie, Peter Nasselstein, Bd. 7, Heft 1, Jan. 1992]

Vorbemerkung des Herausgebers: Die „Situationistische Internationale“ (SI) war eine westeuropäische Künstlervereinigung, deren deutscher. Ableger die im Herbst 1957 in München gegründete „Gruppe SPUR“ war, aus der z.B. Dieter Kunzelmann hervorgegangen ist. Im SPUR-Manifest vom Januar 1961 heißt es: „So wie Marx aus der Wissenschaft eine Revolution abgeleitet hat, leiten wir aus der Gaudi eine Revolution ab. Die sozialistische Revolution mißbrauchte die Künstler. Die Einseitigkeit dieser Umstürze beruhte auf der Trennung von Arbeit und Gaudi. Eine Revolution ohne Gaudi ist keine Revolution.“ Man denke an die revolutionären Witzbolde der „Kommune 1“ Rainer Langhans, Fritz Teufel und eben Kunzelmann. Das Manifest der SI von Mai 1960 beantwortet die Frage, was die „Situation“ sei, wie folgt: „Sie ist die Verwirklichung eines höheren Spiels, genauergesagt, die Provokation zu dem Spiel, das die menschliche Gegenwart ist. Die revolutionären Spieler aller Länder können sich in der Situationistischen Internationale vereinigen, um dann zu beginnen, aus der Nichtgeschichtlichkeit des alltäglichen Lebens hervorzutreten. … Welches müssen die grundlegenden Eigenschaften einer neuen Kultur, sein, und zwar im Vergleich zur jetzigen Kunst? Entgegen dem Schauspiel führt die realisierte situationistische Kultur die umfassende Teilnahme ein. Entgegen der konservierten Kunst ist sie eine Gemeinschaft des direkt erlebten Augenblicks. … Ihre Versuche beabsichtigen wenigstens eine Revolution des Verhaltens und einen dynamischen unitären Urbanismus, fähig, sich über den ganzen Planeten auszubreiten und darauf über alle bewohnbaren Planeten ausgebreitet zu werden“ (CheSchahShit. Die Sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow, Berlin 1984, S. 188).

Vor fast zehn Jahren stand ich eines Montagsmorgens auf, um mir eine Tasse Kaffee zu machen. Ich ging in die Küche und nahm einen Becher vom Trockengestell, wodurch ich glücklicherweise ein chinesisches Hackbeil auf meinen großen Zeh fallenließ. Ich wurde von meinem Job in der Gemeinwesenarbeit freigestellt und verbrachte eine Woche im Liegen und Sitzen, wobei ich die Situationist International Anthology las. Großartig. Hier fand ich endlich eine Stimme für meine eigenen Frustrationen über den scheiß Reformismus und ein neues Vokabular, mit dem ich meine Mitmenschen beleidigen konnte. Die Kritik aus einem Guß, die die Situationisten präsentierten, sagte mir zu, ihr Angriff auf die Spezialisierung und ihre rücksichtslose Rhetorik gegen die traditionelle linke Politik. Doch als ich versuchte, diese Grundsätze in meiner Lebenspraxis anzuwenden, wurde ich in eine Sackgasse geführt.

Ich erfuhr bald, daß die Situationisten zu der Zeit sehr en vogue waren, besonders in San Francisco. Es gab viele Leute, die ihre Ideen in detournierte* progressive Politik integrierten. Hier ist nicht der Raum (und ich habe nicht die Geduld), um eine vollständige Geschichte der Situationisten zu bieten, aber ich empfehle sehr die Anthology, sowie Vague #16-17 mit seinem einführenden Leitfaden zur Situationistischen Internationale. Ich werde auch andere Linkslibertäre behandeln, die über Reich schrieben, da sie zu einer allgemeinen Erörterung von Reichs Gedanken gehören.

Kurz gesagt war Wilhelm Reich (1897-1957) einer der strahlenden jungen Sterne aus Freuds innerem Kreis, bis er die Toleranz der älteren Psychoanalytiker durch sein Beharren überstrapazierte, daß die orgastische Potenz für die Gesundheit wesentlich sei. Weiter belastete er die Beziehung, indem er auf die Fruchtlosigkeit der individuellen Therapie hinwies, während die Gesellschaft im ganzen eine wahrhaftige Neurosenfabrik bliebe. Als Mitglied der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen in Deutschland verfocht er eine kompromißlose politische Plattform, die auf umfassenden sexuellen Fragen beruhte, einschließlich den sexuellen Rechten von Jugendlichen, der Legalisierung von Geburtenkontrolle und der Beseitigung der Zwangsgesetzgebung für Sexualität und Ehe. Dies brachte wiederum Parteifunktionäre auf, was Reich dazu zwang, seine Haltung zur Marxistischen Politik neu zu bestimmen.

Ich schreibe weder als genitaler Charakter noch als Revolutionär. Ich hinke durchs Leben und ertaste blind meinen mit Verlusten übersäten Weg. Aus zwei Gründen werde ich an dieser Stelle nicht Reichs Schriften wiederkäuen. Erstens drückt er sich in seinen Büchern selbst treffend aus und jeder Versuch, seine Arbeit zu paraphrasieren, entartet ausnahmslos zur Parodie (siehe Vaneigem). Zweitens ist die gegenwärtige Treuhänderin seines Erbes, Mary Boyd Higgins, bei der Erteilung der notwendigen Erlaubnis sehr zurückhaltend. Obwohl dies für Forscher frustrierend ist, wirkt es sich in vielfacher Hinsicht positiv für Reich aus, da er ein ausgezeichneter Schriftsteller ist. Seine Prosa hat einen ganz persönlichen Rhythmus. Er stieß sich oft daran, daß sein Übersetzer, Theodore Wolfe, versuchte, seine, wie Reich sie nannte, krachenden Höhepunkte zu glätten. Reichs Arbeit auszugsweise wiederzugeben, bedeutet, sie ganz aus dem Zusammenhang zu reißen.

Auf der anderen Seite beachteten die Situationisten in Übereinstimmung mit ihrer „Eigentum ist Diebstahl“-Haltung nie das Urheberrecht. Dies hat sich zu ihren Gunsten als famoser Werbegag erwiesen. Zitate, Auszüge und Übersetzungen tauchen überall auf. Im Gegensatz zu Reich kann man aus dem situationistischen Oeuvre problemlos etwas herausreißen. Einzelne Sätze und Redewendungen können fast überall entnommen werden und doch bleibt die Atmosphäre stupiden Einhämmerns erhalten. Von allen Situationisten hatte nur Vaneigem das Gespür eines Prosaisten.

* Aus dem Französischen, mit der buchstäblichen Bedeutung „Entführen“. Bezieht sich auf die Praxis, Elemente der populären Kultur einen subversiven Inhalt zu verleihen.

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3 Antworten to “DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 1)”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Das alles ist brandaktuell:

    Es ist diese Brutalität und Heimtücke, die in der deutschen Presse Betretenheit ausgelöst hat, von Irrlichtern wie Wimmer abgesehen. Zwischen verkühlten Berichten und gewundenen Kommentaren schimmert die Angst auf, sich im Laufe der Jahre eine neue RAF herangezüchtet zu haben. Eine linke Spaß-Guerilla, die lange Zeit mit wohlwollendem Augenzwinkern betrachtet wurde, bis es dann plötzlich blutig wurde.

    https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2021/ruhekissen-antifa-gesinnung/

  2. Robert (Berlin) Says:

    Es ist auch auffallend, dass die Kommunarden sich intensiv mit Reich auseinander gesetzt haben, sowohl die K1 (Klau mich von Rainer Langhans und Fritz Teufel) wie die K2 (Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums.).

  3. Robert (Berlin) Says:

    Hier das engl. Original

    http://library.nothingness.org/articles/SI/en/display/244

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