Posts Tagged ‘Situationisten’

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 8)

11. Oktober 2021

von Jim Martin

ARBEITSDEMOKRATIE KONTRA ARBEITERRÄTE

Nach seiner Zurückweisung der Marxistischen Politik schlug Reich eine Theorie der Arbeit vor, die er als Arbeitsdemokratie bezeichnete. Ironischerweise ist die Arbeitsdemokratie das Stiefkind verschiedener Trotzkistischer Formulierungen, die während des Zweiten Weltkrieges verwaisten, aber neue Bedeutung beim Aufstieg unabhängiger Gewerkschaftsbewegungen in Ost- und Zentraleuropa erlangten, z.B. 1956 bei den Ungarischen Arbeiterräten. Arbeitsdemokratie beinhaltet, daß jene, die arbeiten, in ihrem Arbeitsgebiet auch die Zügel in den Händen halten sollen. Es ist eine Kritik am Stalinismus, Demokratischen Zentralismus und Staatskapitalismus. Abneigung gegen Bürokratie, politische Ideologie und religiösen Moralismus verbinden Reichs Arbeitsdemokratie mit der situationistischen Art von Rätekommunismus.

Beide erklärten, weder links noch rechts ausgerichtet zu sein, obwohl sie dies beim jeweils anderen in Zweifel zogen. Beide verspotteten die Spezialisierung. Beide glaubten, daß ihre Vorschläge nichts mit den bestehenden politischen Bewegungen zu tun hatten und beide bevorzugten lebendiges, spontanes Eingehen auf wirkliche Lebensbedingungen im Gegensatz zu aufgezwungener monotoner Arbeit und banalisiertem Sexualleben.

Während Reich äußerst pragmatisch und dennoch kompromißlos war, werden die Situationisten wegen der Unausführbarkeit ihrer Lösungen kritisiert. Reich war Teil der revolutionären Bewegung, als es wirklich eine gab. Zeitgenössische Entwicklungen haben es unmöglich gemacht, realistisch von der Übernahme der Staatsmacht wie bei der bolschewistischen Revolution zu sprechen. Die gallertartige Lichtdurchlässigkeit von Kapital und nationaler Souveränität lassen die alten gesellschaftlichen Mechanismen des traditionellen Marxismus altertümlich erscheinen. Die Situationisten kehrten zu dem Punkt zurück, wo Reich die Revolution hinter sich ließ – zum Punkt der Konsumtion. Sie verstanden Konsum, subjektive Entfremdungsgefühle und Triebverdrängung. Meines Erachtens versäumten sie es aber, Reichs Sinn für die Unfähigkeit der Individuen zu begreifen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Reich nannte diese Tendenz, den Aufstand zu propagieren, ohne die tatsächliche Fähigkeit der Menschen, echtes Leben zu ertragen, ins Kalkül zu nehmen, als Freiheitskrämerei.

Reichs Vorstellung von der Arbeitsdemokratie beruhte auf dem, was er als natürliche Organisation der Arbeit bezeichnete. Von seiner Untersuchung der Naturvorgänge des Lebens ausgehend stellte er fest, daß Arbeitsdemokratie Diktatur ausschließt. Es gab einen wichtigen Unterschied zwischen Rätekommunismus und Arbeitsdemokratie: Arbeitsdemokratie setzt voraus, daß die Bürger emotional frei werden und, was am wichtigsten ist, in der Lage sind, die volle Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Dies steht im Widerspruch zum Libertinismus der Situationisten. Massenneurotische Gesellschaften werden immer ein vormundschaftlich-autoritäres Regierungssystem erforderlich machen, das die innere Charakterstruktur des Durchschnittsbürgers widerspiegelt. Bei Reich hätten die Bürger ihre Demokratiebefähigung unter Beweis zu stellen. Reich machte die lahmen „Gutmenschen“ der liberalen und sozialistischen Demokratien für den Sieg Hitlers im nördlichen Europa verantwortlich. Hierbei stimmt er mit der situationistischen Verurteilung unechter, parlamentarische Demokratie überein, im Gegensatz zur Demokratisierung des wirklichen, täglichen Lebens.

Reich hat darauf hingewiesen, daß der entscheidende Unterschied zwischen ihm selbst und den Anarchisten (und es trifft auch auf Situs, Libertäre und Rätekommunisten zu) in der Frage der emotionalen Freiheitsfähigkeit des Durchschnittsbürgers lag. Zum Schluß muß ich Ken Knabbs Haltung beipflichten, daß das grundlegende Versäumnis der Situationisten ihre Unfähigkeit war, ihrem eigenen Charakter ins Gesicht zu sehen.

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 7)

8. Oktober 2021

von Jim Martin

ORGONOMIE

Diese Forschungsmethode führte Reich zur Frage der biologischen Energie. Gab es eine sich vom Elektromagnetismus unterscheidende, spezifisch biologische Energie, die nachvollziehbaren Gesetzen folgt, welche alles Lebendige steuern? Es waren diese Fragen, denen Reich weiter nachging, als er aus Norwegen vertrieben wurde und in die Vereinigten Staaten emigrierte.

Es sprengt den Rahmen dieses Artikels, den ganzen Umfang der Entdeckungen zu vermitteln, auf die Reich seit den Anfängen seiner neuen Wissenschaft, der Orgonomie, stieß. Es genügt der Hinweis, daß linke Meinungsführer ausrasten, wenn du das Orgon zur Sprache bringst.

Auch die Situationisten versuchten, sich der Kluft zwischen Ideologie und funktionellem Denken zuzuwenden. Obwohl sie von vielen Ideen Reichs abhingen (z.B. die entscheidende Bedeutung die der subjektiven Entfremdung der werktätigen Menschen zugesprochen wird im Vergleich mit der Entfremdung vom Mehrwert beim Vulgärmarxismus), scheint es, daß sie nur Reichs Arbeit aus seinen Prä-USA-Tagen lasen. Diese Werke, die größtenteils für das Milieu, von dem Reich ein Teil war, geschrieben wurden, fehlt es an der Einsicht, die Reich später für Modju*, den Roten Faschisten und den liberalen Verräter (recuperator) entwickelte. Reichs amerikanische Schriften sind in diesen Fragen so kompromißlos, daß es für den durchschnittlichen Linken fast unmöglich ist, über die ersten paar Seiten eines seiner Bücher hinauszukommen, ohne es voll Abscheu wegzuschleudern. Zu dieser Schwierigkeit kommt die Tatsache hinzu, daß Reich nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten damit anfing, seine Bücher in vollkommen überarbeiteten englischen Auflagen neu herauszugeben, in denen er seine frühere Arbeit umformuliert, um seine vormalige Stellung als Marxist richtigzustellen. Die Europäer haben ihren Reich und wir haben unseren.

Eine der auffallendsten Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Interpreten von Reichs Leben und Werk ist die Art und Weise, in der sie jeweils seine späte Periode betrachten, die von seinem Exil in den Vereinigten Staaten Anfang der Vierziger Jahre bis zu seinem Tod im Gefängnis 1957 reicht. In Amerika brachte Reich sich selbst Englisch bei und wich in zweifacher Hinsicht von seiner frühen Arbeit ab: er widmete der Naturforschung mehr Zeit und Energie, gipfelnd in der Entdeckung der Orgonenergie und seiner neuen Wissenschaft, der Orgonomie; und er schrieb seine früheren Schriften um und brachte sie mit einer kritischen Zurückweisung seines vorherigen Marxistischen Glaubens an die Revolution neu heraus. Zusammengenommen machen diese beiden Merkmale von Reichs späterer Arbeit ihn zu einer unverständlichen Gestalt für Europäer, die mit einer Kost aus reiner Sexualökonomie aufgewachsen sind.

Demnach sprechen europäische Pro-Situs liebevoll vom jungen Reich, während Amerikaner, die an Reich interessiert sind, von jenen dominiert werden, die an Maschinen für freie Energie und an universalen Allheilmitteln interessiert sind: Ideen über geheime Macht und die Macht geheimer Ideen. Robert Anton Wilson und William S. Burroughs sind Vertreter der amerikanischen Annäherung an Reich. Burroughs war von der Arbeit von Orgonomen fasziniert, die in den Vierziger Jahren mit Reich in New York City zusammenarbeiteten. Er besaß einen Orgonakkumulator und benutzte ihn. Seine Schriften gegen zentralisierte Behördenmacht greifen häufig auf Reichs Gleichsetzung von Kommunismus und Krebs zurück. Robert Anton Wilson ist ein Beispiel für das, was Judi Bari** als California woo-woo bezeichnet hat, ein spiritualistischer Eklektizismus. Hier ist das Orgon eine weitere Kuriosität im kosmischen Ramschladen.

Für jemanden, der zu Reichs Arbeit vom selben eurozentrischen Standpunkt kam wie die Situationisten, schien Reichs Massenpsychologie des Faschismus das Rätsel zu lösen, mit dem die Situationisten nicht fertig wurden: Warum war ihre dialektische Vorhersage, daß subjektiv unerträgliche Zustände zum allgemeinen Aufstand führen müßten, nicht eingetreten? Es war Reichs Kernpunkt, daß der Faschismus nicht eine einzelne Partei oder Bewegung war, sondern eine Gefühlslage. Es ist die Prämisse dieses Artikels, daß alles, worauf die Situationisten ihre Theorien begründeten, von Reich mehr als 30 Jahre früher erdacht worden war; und daß Reichs späte Periode sowohl wegen ihres provozierenden Wagemuts, als auch wegen ihrer praktischen Anwendbarkeit die situationistische Theorie weit überflügelt. Von besonderer Bedeutung war seine Unterstreichung der Neurosenprophylaxe durch den Schutz der Kinder vor der sexuellen Zwangsmoral, seine Entwicklung einer ganzen Reihe von Werkzeugen, die dem Schutz des Lebens dienen (der Orgonakkumulator, der Cloudbuster und die Orgontherapie) und seine Identifizierung der Rolle, die die Emotionelle Pest im menschlichen Elend spielt.

Nochmals, ich war so wie jeder andere auch von Reichs später Periode und seinem Wahn von einer biologischen Energie, die man Orgon nennt, entsetzt. Jedoch verdeutlicht Reichs Überarbeitung seiner frühen Bücher, daß er seine gesamte Arbeit, einschließlich seiner falschen Wendung nach links, als eine Ganzheit betrachtete. Versuche, irgendein Element zu entfernen, und es wird alles auseinanderfallen. Wenn es kein Orgon gibt, gibt es keine Libido, folglich keine Psychoanalyse. Wenn es keine Psychoanalyse gibt, ist es sinnlos über die emotionalen Grundlagen des Faschismus zu spekulieren. So schien es mir, daß jedes richtige Verständnis von Reichs Arbeit eine direkte Überprüfung der Versuche beinhalten müsse, die Reich in seinen späteren Büchern beschrieben hat, z.B. das To-T-Experiment, wo Reich eine positive Temperaturdifferenz zwischen der Luft in einem Orgonakkumulator und der Umgebungsluft behauptet. Durch einen Nachvollzug vergewisserte ich mich zu meiner eignen Zufriedenheit, daß die Hauptpunkte von Reichs orgonomischen Befunden unabhängig verifizierbar sind. Es übersteigt den Rahmen dieses Artikels, Beweisführungen für die Existenz der Orgonenergie zu bieten; tatsächlich haben sich auf diesem Gebiet zu viele auf Schriftdeutungen beschränkt, die an die theologischen Dispute des Mittelalters erinnern. Der einzige Weg die Erscheinungen zu verstehen, besteht darin, es mit dem Experimentieren selbst zu versuchen. Darf ich sagen, daß dies dialektisch ist? Wissenschaft ist zur Religion der Gegenwart geworden; es ist Zeit, die Bibel in die Volkssprache zu übersetzen.

Ich bin kein Physiker, doch es scheint mir, wenn ich vom in der High School gelernten ausgehe und meinem gesunden Menschenverstand folge, daß, wenn du eine Kiste baust und in deiner Garage stehen läßt, sie sich der Temperatur der Garage angleichen müßte. Sollte sie konstant wärmer als die Temperatur der Garage sein, kann man sich fragen, woher diese Wärme kommt. Ich habe Leute nach einer Erklärung gefragt, von denen ich wußte, daß sie in der Wissenschaft tätig sind, insbesondere progressive Wissenschaftler, die sich mit Solarenergie beschäftigen, doch beim Gedanken an das Orgon laufen sie vor Wut rot an. Für jeden, der an einer Einführung in die experimentellen Grundlagen interessiert ist, mit denen Reich die Existenz einer biologischen Energie demonstrierte, ist James DeMeos Das Orgonakkumulator-Handbuch das einzige erhältliche Buch, das sich direkt damit auseinandersetzt.

lch glaube, daß in Reichs späteren Schriften der unangenehmste Bestandtell, den Progressive zu verdauen haben, sein Wettern gegen den Roten Faschismus und die Emotionelle Pest ist. (Obwohl sie es niemals unterlassen die augenscheinliche Absurdität der Orgonenergie zu behaupten, verstecken sie sich nur hinter dieser Behauptung, um die Aufdeckung ihres wahren Charakters zu verhindern.) Seit Die Massenpsychologie des Faschismus zeigte Reich, daß der Nazismus (Schwarzer Faschismus) und Stalinismus (Roter Faschismus) funktionelle Entsprechungen darstellten. Wie die Anarchisten stellte er den Autoritarismus beider fest. Im Gegensatz zu jedem anderen politischen Autor konnte Reich jedoch auf seine jahrelange Erfahrung als in den Elendsvierteln Deutschlands unentgeltlich arbeitender Psychoanalytiker zurückgreifen, um den emotionalen Unterbau des Roten und Schwarzen Faschismus aufzudecken. Er fand heraus, daß die autoritäre, sexualverneinende und patriarchale Familie die Art von unempfindlich gemachten und erstarrten Erwachsenen reproduziert, die nötig sind, um die mechanische und banalisierte Arbeit im industriellen Kapitalismus auszuführen. Die Emotionelle Pest, bzw. die organisierte Unterdrückung des Lebens, verkörperte die Massenpsychologie des Faschismus. In seinen späteren Jahren sah Reich die Linke als bedrohlicher an als die Rechte und tatsächlich war es ein Artikel im linken The New Republic, der seine Verfolgung und Verhaftung heraufbeschwor, was in der Verbrennung seiner Bücher und Forschungsausrüstung gipfelte. Für einen Progressiven, der nicht willens ist, dem faschistischen Kleinen Mann entgegenzutreten, der in ihm selbst wohnt, ist das Lesen von Reichs Büchern kaum zu ertragen.

Zur Zeit seiner Niederlassung in Amerika war Reich schon lange von der Kommunistischen Partei und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden, weil er nach einem Weg gesucht hatte, wie die beiden einander behilflich sein könnten, das menschliche Elend zu beenden. Hier erkannte er die Schwierigkeiten einer politischen Veränderung. Reich war tiefer in die sozialistische Politik verwickelt, als man derzeit in diesem Land annimmt. Leute, die in Ost- und Westdeutschland in der Orgonomie arbeiten, weisen auf Parteiprotokolle aus den späten Zwanziger Jahren hin, die zeigen würden, daß Reich die extremsten revolutionären Positionen dieser Zeit teilte.

Man muß dabeigewesen sein, um etwas beurteilen zu können. Viele von Reichs späteren Schriften zielen darauf ab, seine Position vor Leuten, die seine Arbeit mißbrauchen wollten (recuperators), vor Kommunistischen Mitläufern und Freiheitskrämern zu schützen. Neben einer ehrlichen Neubewertung seiner frühen Standpunkte als Marxist-Leninist, gab es das Bedürfnis, sich gegen Angriffe von christlichen Schützern der Tugendhaftigkeit der Jugend zu verteidigen, die seine Ausweisung betrieben. Es ist ihm hoch anzurechnen, daß er nie dem Opportunismus anheimfiel und bis zu seinem Tode die rationalen Bestandteile des Dialektischen Materialismus als Methode des funktionellen Denkens vertrat.

* Reichs Bezeichnung für den bösartigsten Emotionelle Pest-Charakter. Verbindet den Namen von Mocenigo, der den mittelalterlichen Wissenschaftler Giordano Bruno verfolgte, mit Stalins ursprünglichem Namen Dschugaschwili.

** Judi Bari aus Nordkalifornien, ein Aktivist von Earth First! und Organisierer von freiwilligen Hilfskräften, wurde neulich bei einem Bombenanschlag verletzt, als er für Redwood Summer in Oakland, Kalifornien tätig war.

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 5)

2. Oktober 2021

von Jim Martin

REICHs „WAHN“

Ein Problem, daß bei der Erörterung von Reich und den Situationisten auftaucht, ist Reichs Vorstellung vom Roten Faschismus. Philosophen haben mit Unverständnis auf Reichs Kritik am charakterlichen Rebellen reagiert, der in der „Bewegung“ die emotionale Entsprechung zum Nationalsozialisten bzw. Nazi darstellt. Der charakterliche Rebell schafft es nicht, die erstarrte rebellische Pose unter sich verändernden Bedingungen abzulegen, die ein konstruktiveres Engagement erfordern. Der Emotionelle Pest-Charakter, ob er nun von der Linken oder von der Rechten her wirksam wird, arbeitet unbewußt jedoch unermüdlich an der Unterdrückung des Lebens und freier Bewegung, all dessen, was lebendig ist und in Blüte steht.

Traditionell haben Europäer jene Theorien Reichs sehr geschätzt, die er während der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre entwickelt hat, als er ein aktives Mitglied der deutschen Linken war. Zu dieser Zeit schrieb Reich seinen Klassiker Die Massenpsychologie des Faschismus. Mit dem gleichen logischen Roten Faden legte Reich die emotionalen Grundlagen frei, die sowohl Nazis als auch Stalinisten in der patriarchalen Familie haben. Er erklärte, daß die geschichtliche Sexualunterdrückung die Grundlage für die Fähigkeit der einzelnen Überlieferungen war, Massenpsychosen und Massenmorde hervorzurufen. Als Reich jedoch gezwungen war, in den Vereinigten Staaten Asyl von nazistischen Bücherverbrennungen und Todesdrohungen, kommunistischen Säuberungen und moralistischen Verfolgungen durch die Justiz der liberalen sozialistischen Staaten Skandinaviens zu suchen, begann er mit einer vernichtenden Kritik am Marxismus selbst, mit der sich die meisten progressiven Europäer nicht abfinden konnten. So wird seine Amerikanische Periode als Ergebnis von Geisteskrankheit und „verständlichem“ Verfolgungswahn abgetan, unter dem er wegen seiner früheren Verfolgung gelitten habe. (Man, es heißt, er habe Eisenhower gemocht.) Der Haß auf Reichs politische Haltung erstreckte sich auch auf seine wissenschaftliche Arbeit, insbesondere seine Entdeckung einer biologischen Energie, der Grundlage für Freuds Libidotheorie, die er Orgon nannte.

Es ist jedoch die Sache mit dem Orgon, die viele Progressive wirklich beunruhigt und stört. Es ist ein Thema, das immer wieder in linken Auseinandersetzungen mit Reichs Werk auftaucht, daß man die sexualökonomische Arbeit, die er als Marxist in den Zwanziger und Dreißiger Jahren in Deutschland leistete, nicht durch Reichs Verrücktheit und Verfolgungswahn seiner späteren Jahre verdunkeln lassen darf.

Ich möchte an dieser Stelle feststellen, daß diese Haltung absolut falsch ist. Zunächst war auch ich selbst von Reichs zukunftsweisender Analyse der modernen Politik überrascht und gleichzeitig enttäuscht über seinen „späteren geistigen Verfall“ mit der „Orgon-Geschichte“. Doch mittlerweile habe ich von Reich ersonnene Experimente durchgeführt und sehr zu meiner Überraschung eine vollständige Übereinstimmung mit seinen späteren Befunden festgestellt. Der Orgonakkumulator funktioniert.

Er erzeugt einen Bereich, der wärmer als die umgebende Luft ist, im direkten Widerspruch zum Zweiten Thermodynamischen Gesetz. Er unterstützt biologische Vorgänge und Heilungen. Reichs Cloudbuster kann Regen erzeugen, wo Umweltverschmutzung die Atmosphäre zum Stagnieren gebracht hat. Ich habe einen im Gebiet der Bai von San Francisco in den trockensten Sommermonaten zu einer Zeit eingesetzt, in der es nie regnet. Nach meinen Operationen gab es Überschwemmungen entlang des Russian River. (Ich stelle hier nicht notwendigerweise die Behauptung einer kausalen Beziehung auf, sondern erwähne nur die Tatsachen. Es hat mir gereicht, um aufzuhören damit herumzuspielen.)

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 4)

28. September 2021

von Jim Martin

DIE SITUATIONISTEN (Fortsetzung)

Später erschienen in den Vereinigten Staaten Streitschriften, die versuchten, Reich von einem situationistischen Standpunkt her zu rehabilitieren. In einem anrührenden Pamphlet, das 1973 unter dem Titel Remarks on Contradiction and its Failure erschien, wertete Ken Knabb seine eigene Beteiligung in einer amerikanischen Pro-Situ-Gruppe („Contradiction“) mit Hilfe der Betrachtungsweise der Reichschen Charakteranalyse aus. Dies war Reichs neuartige Therapietechnik, die die erstarrte Rolle identifizierte, welche vom Neurotiker gespielt wurde, um ihn vom vollständigen Kontakt mit dem Leben zu schützen. Sie richtet ihr Augenmerk besonders auf den Widerstand gegen die Analyse, und bedient sich tiefer Atmung zusammen mit der körperlichen Freisetzung des muskulären Festhaltens (Charakterpanzerung), um die Gesundheit wiederherzustellen.

„Die Mitglieder von Contradiction hätten ihrer Zwangslage mutig entgegentreten können, durch das Heranziehen jener grundlegenden Taktik, die Sackgasse gerade dadurch zu verlassen, daß man sich auf den Widerstand gegen die Analyse konzentriert. Dies hätte die Aufmerksamkeit nicht nur auf die grundlegenden Fehler kollektiver Organisation gelenkt, die ich in Remarks umrissen habe, sondern auch auf unseren individuellen Widerstand, will sagen unsere Charakter… Es sei nur gesagt, daß, obwohl unbestreitbar die Praxis der Theorie individuell therapeutisch wirkt, es mir ebenso wahr zu sein scheint, daß ein Angriff auf den Charakter des Einzelnen eine gesellschaftliche Strategie ist, ein praktischer Beitrag zur internationalen revolutionären Bewegung. Der Charakter des Pro-Situ wird durch das Schauspiel objektiv verstärkt (ein Charakter tritt natürlich am meisten durch seine Unfähigkeit hervor, seine Existenz als etwas anderes als ‚Banalität‘ wahrzunehmen, bis überstarke Symptome, die vielleicht seine gesellschaftliche Praxis sichtbar behindern, ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken). Auf der anderen Seite, verhindert es all die Klarheit eines Artaud, der seinen Charakter isoliert angreift, nicht, daß das ‚äußere‘ Waren-Schauspiel, das er verächtlich beiseite schiebt, in seiner inneren Welt als Phantasie von fremden, bösartigen Wesen wiederkehrt, von denen er besessen ist. Wie eine Revolution in einem kleinen Land muß der Mensch, der eine Blockierung, eine eingefahrene Routine oder einen Fetisch aufbricht, aggressiv nach außen gehen, um dort radikale Alliierte zu finden oder aufzuwiegeln oder er wird das verlieren, was er gewonnen hat und seinem eigenen inneren Thermidor zum Opfer fallen. Die Auflösung des Charakters und die Auflösung des Schauspiels sind zwei Bewegungen, die einander bedingen und erfordern.“

Hier legt Knabb seinen Finger auf den Kern des Problems. Er bietet eine Neuformulierung von Reichs Kritik am charakterlichen Rebellen. Mit dieser selbstbezüglichen Analyse übertrifft er alles, was die Situationisten jemals über Pro-Situs geschrieben haben. Im Gegensatz zu den französischen Philosophen war er in der Lage, Reichs Arbeit zu verstehen.

Im selben Jahr veröffentlichte Knabb eine Breitseite, Jean-Pierre Voyers Reich: How to Use. Voyer erörtert die Auflösung des Charakters und seine Rolle bei der Auflösung des Schauspiels.

„In allen Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsverhältnisse vorherrschen, nimmt die Unmöglichkeit zu leben die individuellen Formen des Todes, des Wahnsinns oder des Charakters an. Mit dem unerschrockenen Dr. Reich und gegen seine entsetzten kompromißlerischen und heuchlerischen Anhänger (recuperators)* und Verleumder postulieren wir die pathologische Natur aller Charakterzüge, d.h. alles Chronischen im menschlichen Verhalten. Für uns ist weder unsere individuelle Charakterstruktur, noch das Aufklären ihrer Entwicklung wichtig, sondern die Unmöglichkeit sie für die Schaffung von Situationen zu verwenden. Der Charakter ist deshalb nicht nur eine ungesunde Wucherung, die man isoliert behandeln könnte, sondern zur gleichen Zeit ein individuelles Heilmittel in einer umfassend kranken Gesellschaft, ein Heilmittel, das uns erlaubt, die Krankheit zu ertragen, während es sie gleichzeitig verschlimmert.

Wir glauben, daß die Menschen ihren Charakter nur dadurch auflösen können, daß sie sich gegen die ganze Gesellschaft stellen (dies steht insofern im Konflikt mit Reich, als er die Charakteranalyse von einem spezialisierten Gesichtspunkt aus betrachtete); während auf der anderen Seite die Funktion des Charakters in der Anpassung an die Umstände besteht, bereitet seine Auflösung eine umfassende Kritik an der Gesellschaft vor. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen.“

1975 gab in Detroit Black and Red ein Pamphlet der britischen Solidarity von Maurice Brinton neu heraus: Authoritarian Conditioning. Sexual Repression and the Irrational in Politics. Es enthält eine achtbare Darstellung von drei Büchern Reichs: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Die sexuelle Revolution und Die Massenpsychologie des Faschismus. Das erste dieser drei war eine Untersuchung über die Bedeutung der Arbeit des Anthropologen Bronislaw Malinowski für das Freilegen der kulturspezifischen Natur von Ödipuskomplex, Pathologie und Sexualunterdrückung. Die sexuelle Revolution ist hauptsächlich ein Bericht über Reichs Besuch in der Sowjetunion, der zu seiner Enttäuschung über die bolschewistische Revolution führte, welche ihre anfängliche Beseitigung des moralistischen Ehe- und Sexualrechts rückgängig gemacht hatte. Aus Die Massenpsychologie des Faschismus entnimmt Brinton Reichs Analyse „der verschiedenen Methoden, mit denen die moderne Gesellschaft ihre Sklaven so manipuliert, daß sie ihrer eigenen Versklavung zustimmen.“ Obwohl sich Brinton ziemlich tief in die Anthropologie Malinowskis eingearbeitet zu haben scheint, hat er offensichtlich einen der Hauptpunkte seiner Arbeit übersehen: die Untersuchung primitiver Ökonomien im Lichte des industriellen Kapitalismus. Eine der faszinierendsten Aspekte von Malinowkis Werk ist seine Erörterung des Geschenkaustausches; eine Ökonomie, die ohne Arbeitslohn auf Gegenseitigkeit beruhte und alle Aspekte des kulturellen Lebens durchdrang (einheitlich). Die gesamte Produktion war auf den freien Austausch von Geschenken bei Reisen zu benachbarten Klans ausgerichtet. Der Wettbewerb beruhte nicht darauf, wer am meisten bekommen, sondern wer das meiste geben konnte. Diese Art von Ökonomie wurde nur wenig berücksichtigt, obwohl eine pro-situationistische Zeitschrift vielsagend Potlatch betitelt war, was sich auf Geschenkgaben bei Primitiven bezieht.

Brintons Grundproblem ist, daß er es fast lieber gehabt hätte, wäre Reich 1936 gestorben. Bei Brinton werden wir vergeblich nach irgendeiner Erwähnung der Konzepte Roter Faschismus, Emotionelle Pest oder Orgon suchen.

* ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zum Wort recuperator (recuperateur, „Rückholer“) schreibt Jim Martin: „ein französisches Wort, das von den Situationisten benutzt wurde, um die Fähigkeit des ‚Schauspiels‘ (bzw. Kapitalismus/Kommunismus/moderne technologische Gesellschaft) zu beschreiben, sich den Widerstand gegen das Schauspiel einzuverleiben und dienstbar zu machen.“

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 3)

25. September 2021

von Jim Martin

DIE SITUATIONISTEN

In seinem ausgezeichneten Buch The Assault an Culture: Utopian Currents From Lettrisme to Class War führt Steward Hornes die Ahnenreihe vom Futurismus und Dada zum Surrealismus, Lettrismus, den Situationisten, Mail Art, Punk Rock und Neoismus fort. In dieser Einführung sagt er: „Da ‚Kunst‘ als Kategorie auf die religiösen Ikonen des Mittelalters zurückprojiziert wurde, ist es nicht überraschend, daß jene, die sich dagegen stellen, sich in eine ‚utopische Strömung‘ einfügen, die sie umgekehrt wiederum auf die Ketzerei im Mittelalters zurückführt.“ Obwohl die Situationisten sich schon 1957 zusammenfanden (dem Jahr, in dem Reich im Gefängnis starb), wurden sie erst mit Beginn der studentischen Besetzer-Bewegung in Frankreich Mitte der Sechziger Jahre bekannt. Plötzlich war eine Generation von Jugendlichen, die mit liberalen Hoffnungen hochgepeppelt worden waren, bereit, dieses Menü wieder von sich zu geben. In Städten wie Nanterre, Straßburg und Paris begannen Studenten den gesamten Bereich des modernen Lebens zu hinterfragen; eine einheitliche Kritik, wie sich die Situationisten ausdrückten, ihrer eigenen subjektiven Entfremdung zu entwickeln. (Reich würde es Kontaktlosigkeit nennen und die Verantwortlichkeit auf die Schultern des Individuums legen, anstatt abstrakte gesellschaftliche Kräfte verantwortlich zu machen.)

„In Frankreich wurde das Marxistische Denken von der Kommunistischen Partei dominiert und es dauerte bis nach der Befreiung, bevor es irgendeinen Versuch einer philosophischen Revision gab. In mancher Hinsicht ähnelte die Debatte jener, die in den Zwanziger Jahre in Deutschland geführt worden war“ (Home). Tatsächlich war Wilhelm Reich Teil dieser Debatten in den Marxistischen Kreisen Deutschlands in den Zwanziger Jahren und ich glaube, er ging mit seinen Überlegungen weiter als die Situationisten 40 Jahre später.

Der Leitstern der Bewegung des 22. Mai an der Universität von Nanterre in Frankreich war Daniel Cohn-Bendit, oder „der Rote Dany“. Er war von der Gesinnung der Pro-Situs* durchdrungen. Die SI kritisierte ihn offen wegen seines spektakulären Auftretens, mit dem er ein Medienstar wurde. Vielleicht waren sie eifersüchtig auf seine Fähigkeit, die Medien besser auszunutzen, als sie es getan hatten. Wie kam der Rote Dany ins Rampenlicht? Tom Vague beschreibt es in der Zeitschrift Vague (#16-17) wie folgt:

„Der erste größere Vorfall ereignete sich, als der Sportminister kam, um ein neues Schwimmbecken einzuweihen. Es war eine vandalistische Orgie für die Eröffnungsfeier geplant und die Route des Ministers war mit Graffiti vollgesprüht. Aber nichts passierte, bis der Minister gerade gehen wollte. In diesem Augenblick, so heißt es, trat ein rothaariger Jugendlicher aus der Menge heraus und rief:

‚Minister, Sie haben einen 600 Seiten-Bericht über die französische Jugend erstellt, aber es fällt dort kein einziges Wort über unsere sexuellen Probleme. Warum nicht?‘

Der Minister antwortete: ‚Ich bin durchaus bereit, diese Sache mit verantwortungsvollen ‚Leuten zu besprechen, aber Sie gehören sicherlich nicht dazu. Ich selber ziehe Sport der Sexualerziehung vor. Wenn Sie sexuelle Probleme haben, schlage ich Ihnen vor, daß Sie ins Schwimmbecken springen.‘

Darauf erwiderte Dany Cohn-Bendit, dies habe auch die Hitler-Jugend gesagt, woraufhin er sofort in die Schlagzeilen und die Akten der Geheimpolizei kam (wenn er in den letzteren nicht schon war).“

Direkte Hinweise auf Reich tauchen in den situationistischen Schriften nur selten und verstreut auf, obwohl es zahlreiche Parallelen zwischen ihren politischen Philosophien gibt. Es lohnt sich, den besten situationistischen Autor, Raoul Vaneigem, und seine Verweise auf Reich in seinem Klassiker The Revolution of Everyday Life zu betrachten.

„Die Suche nach der wahren Natur, nach einem natürlichen Leben, das nichts mit der Lüge der gesellschaftlichen Ideologie zu tun hat, ist eine der rührendsten Naivitäten eines guten Teils des revolutionären Proletariats, ganz zu schweigen von den Anarchisten und solchen bemerkenswerten Figuren wie dem jungen Wilhelm Reich.“

Man beachte die Hervorhebung des jungen Reich. Die Europäer haben die spätere Arbeit Reichs nie verstanden, insbesondere seinen Antikollektivismus und seine Orgonomie und haben sie vielleicht nur aus zweiter Hand kennengelernt.

„Die Ordnung der Dinge ist krank: dies wollen unsere Führer auf alle Kosten verbergen. In einer schönen Passage aus Die Funktion des Orgasmus erzählt Wilhelm Reich, wie nach langen Monaten psychoanalytischer Behandlung er es schaffte, eine junge Wiener Arbeiterin zu heilen. Sie litt unter Depressionen, die durch die Umstände ihres Lebens und ihrer Arbeit hervorgerufen worden waren. Als sie gesundete, schickte Reich sie wieder nach Hause. Vierzehn Tage später brachte sie sich um. Reichs unbeugsame Ehrlichkeit verurteilte ihn, wie jedermann weiß, zum Ausschluß vom psychoanalytischen Establishment, zu Isolation, Wahn und Tod im Gefängnis: die Zweideutigkeit unserer Neodämonologen kann man nicht ohne Angst vor Bestrafung bloßstellen.“

Soweit ich es bestimmen kann, zumindest nach der amerikanischen Ausgabe, taucht diese Passage in Die Funktion des Orgasmus nicht auf. Home hat ja darauf hingewiesen, daß es die Situationisten liebten, ihre eigenen Sichtweisen auf andere Leute zu projizieren.

„Es gibt keine Lust, die nicht nach ihrem eigenen Zusammenhalt strebt. Ihre Unterbrechung, das Ausbleiben von Befriedigung, verursacht eine Störung ähnlich der Reichianischen ‚Stauung‘. Die Unterdrückung durch die Macht hält Menschen in einem Zustand dauernder Krise gefangen. So ist die Funktion der Lust, als auch der Angst, die durch Abwesenheit von Lust hervorgerufen wird, im Wesentlichen eine gesellschaftliche Funktion. Das Erotische ist die Entwicklung der zu einer Einheit verschmelzenden Leidenschaften, ein Spiel von Einheit und Vielgestaltigkeit, ohne das es einen revolutionären Zusammenhalt nicht geben kann (Langeweile ist immer konterrevolutionär).“

Langeweile mag konterrevolutionär sein, aber sie ist eine Funktion des Grades an psychischem Kontakt, über den jeder einzelne Mensch verfügt. War es vielleicht mein eigener Mangel an psychischem Kontakt, der mich anfangs zu den Situationisten hinzog?

Um die Wurzeln des situationistischen Projekts zu untersuchen; muß man sehen, daß es die Tendenz repräsentierte, psychoanalytische Ideen mit dem Dialektischen Materialismus zu verbinden. So wie die Surrealisten Freudianische Traumanalyse in einen bolschewistischen Putsch der Künste einbrachten, hatten die Situs ihre Psychogeographie und ihr Entfremdungsbegriff, der vom Standpunkt subjektiven Verlangens ausging.

„Wilhelm Reich führt den Großteil des neurotischen Verhaltens auf Störungen des Orgasmus zurück, auf die, wie er es nannte, ‚orgastische Impotenz‘. Er behauptet, daß Angst durch die Unfähigkeit hervorgerufen wird, einen vollständigen Orgasmus zu erleben; durch eine sexuelle Entladung, die es nicht schafft, die gesamte durch vorangehende sexuelle Aktivitäten freigesetzte Erregung zu beseitigen. Die angesammelte und nicht verbrauchte Energie verteilt sich und verwandelt sich in Angst. Angst wiederum behindert die orgastische Potenz noch weiter.

Aber das Problem der Spannungen und ihrer Beseitigung gibt es nicht nur auf der Ebene der Sexualität. Es kennzeichnet alle menschlichen Beziehungen. Und obwohl Reich dies wahrnahm, unterließ er es, nachdrücklich genug darauf hinzuweisen, daß die gegenwärtige soziale Krise auch eine Krise orgastischer Art ist. Wenn es stimmt, daß ‚die Energiequelle der Neurose, in der Differenz zwischen der Anhäufung und Entladung der Sexualenergie liegt‘, scheint es mir auch so zu sein, daß diese neurotische Energie von der Energieansammlung und -entladung stammt, die durch menschliche Beziehungen in Bewegung gesetzt wird. Vollständiger Genuß ist noch immer im Augenblick der Liebe möglich, aber sobald man versucht, diesen Moment zu verlängern, es im gesellschaftlichen ,Leben selbst auszuleben, kann man nicht dem entgehen, was Reich ‚Stauung‘ nannte. Die Welt der Nichtbefriedigung und Nichterfüllung ist eine Welt ständiger Krise. Wie würde eine Gesellschaft ohne Neurose aussehen? Ein endloses Fest, bei dem die Lust der einzige Maßstab ist.“ (Vaneigem: The Revolution of Everyday Life, S. 196f)

Hier preist Vaneigem Reichs Theorie der orgastischen Potenz: der primäre biologische Impuls ist eine Sehnsucht nach Lust und Gesundheit und wird gesteuert von der Fähigkeit des Organismus, angesammelte Spannung durch den Orgasmus vollständig zu entladen. Reich enttäuscht Vaneigem durch seine Unterlassung, orgastische Lust zu politisieren. Es ist unwahrscheinlich, daß Vaneigem Reichs Buch Menschen im Staat gelesen hat, da es nicht vor 1953 in Englisch vorlag. Reich beschreibt seine Teilhabe am „gesellschaftlichen Irrationalismus in Zentraleuropa“ und zieht genau die Art von Parallele, die Vaneigem vermißt hat, nämlich die zwischen individuellem und kollektivem Verkehr. In einem bemerkenswert eindringlichen und intimen Bericht, vermittelt Reich seine tiefe Überzeugung, daß die Politik bankrott ist. Er verurteilt gleichermaßen den Mystizismus der Rechten wie den Mechanismus der Linken. Er scheint persönlich verletzt zu sein durch die Immobilisierung gesunder Aggression bei der Linken, ihrer Flucht vor dem Leben, ihrer emotionalen Stauung. Ihm schienen die Nazis mehr…direkt zu sein.

* Pro-Situ oder Pro-Situationist war die abschätzige Bezeichnung, die die Situationisten ihren Anhänger gaben; sie brandmarkte passive Vergötterung durch ihre Zuschauer. Doch am Ende wurden nach eigenem Eingeständnis sogar die Situationisten selbst zu Pro-Situs.

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 1)

19. September 2021

von Jim Martin [entnommen aus der Zeitschrift für Orgonomie, Peter Nasselstein, Bd. 7, Heft 1, Jan. 1992]

Vorbemerkung des Herausgebers: Die „Situationistische Internationale“ (SI) war eine westeuropäische Künstlervereinigung, deren deutscher. Ableger die im Herbst 1957 in München gegründete „Gruppe SPUR“ war, aus der z.B. Dieter Kunzelmann hervorgegangen ist. Im SPUR-Manifest vom Januar 1961 heißt es: „So wie Marx aus der Wissenschaft eine Revolution abgeleitet hat, leiten wir aus der Gaudi eine Revolution ab. Die sozialistische Revolution mißbrauchte die Künstler. Die Einseitigkeit dieser Umstürze beruhte auf der Trennung von Arbeit und Gaudi. Eine Revolution ohne Gaudi ist keine Revolution.“ Man denke an die revolutionären Witzbolde der „Kommune 1“ Rainer Langhans, Fritz Teufel und eben Kunzelmann. Das Manifest der SI von Mai 1960 beantwortet die Frage, was die „Situation“ sei, wie folgt: „Sie ist die Verwirklichung eines höheren Spiels, genauergesagt, die Provokation zu dem Spiel, das die menschliche Gegenwart ist. Die revolutionären Spieler aller Länder können sich in der Situationistischen Internationale vereinigen, um dann zu beginnen, aus der Nichtgeschichtlichkeit des alltäglichen Lebens hervorzutreten. … Welches müssen die grundlegenden Eigenschaften einer neuen Kultur, sein, und zwar im Vergleich zur jetzigen Kunst? Entgegen dem Schauspiel führt die realisierte situationistische Kultur die umfassende Teilnahme ein. Entgegen der konservierten Kunst ist sie eine Gemeinschaft des direkt erlebten Augenblicks. … Ihre Versuche beabsichtigen wenigstens eine Revolution des Verhaltens und einen dynamischen unitären Urbanismus, fähig, sich über den ganzen Planeten auszubreiten und darauf über alle bewohnbaren Planeten ausgebreitet zu werden“ (CheSchahShit. Die Sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow, Berlin 1984, S. 188).

Vor fast zehn Jahren stand ich eines Montagsmorgens auf, um mir eine Tasse Kaffee zu machen. Ich ging in die Küche und nahm einen Becher vom Trockengestell, wodurch ich glücklicherweise ein chinesisches Hackbeil auf meinen großen Zeh fallenließ. Ich wurde von meinem Job in der Gemeinwesenarbeit freigestellt und verbrachte eine Woche im Liegen und Sitzen, wobei ich die Situationist International Anthology las. Großartig. Hier fand ich endlich eine Stimme für meine eigenen Frustrationen über den scheiß Reformismus und ein neues Vokabular, mit dem ich meine Mitmenschen beleidigen konnte. Die Kritik aus einem Guß, die die Situationisten präsentierten, sagte mir zu, ihr Angriff auf die Spezialisierung und ihre rücksichtslose Rhetorik gegen die traditionelle linke Politik. Doch als ich versuchte, diese Grundsätze in meiner Lebenspraxis anzuwenden, wurde ich in eine Sackgasse geführt.

Ich erfuhr bald, daß die Situationisten zu der Zeit sehr en vogue waren, besonders in San Francisco. Es gab viele Leute, die ihre Ideen in detournierte* progressive Politik integrierten. Hier ist nicht der Raum (und ich habe nicht die Geduld), um eine vollständige Geschichte der Situationisten zu bieten, aber ich empfehle sehr die Anthology, sowie Vague #16-17 mit seinem einführenden Leitfaden zur Situationistischen Internationale. Ich werde auch andere Linkslibertäre behandeln, die über Reich schrieben, da sie zu einer allgemeinen Erörterung von Reichs Gedanken gehören.

Kurz gesagt war Wilhelm Reich (1897-1957) einer der strahlenden jungen Sterne aus Freuds innerem Kreis, bis er die Toleranz der älteren Psychoanalytiker durch sein Beharren überstrapazierte, daß die orgastische Potenz für die Gesundheit wesentlich sei. Weiter belastete er die Beziehung, indem er auf die Fruchtlosigkeit der individuellen Therapie hinwies, während die Gesellschaft im ganzen eine wahrhaftige Neurosenfabrik bliebe. Als Mitglied der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen in Deutschland verfocht er eine kompromißlose politische Plattform, die auf umfassenden sexuellen Fragen beruhte, einschließlich den sexuellen Rechten von Jugendlichen, der Legalisierung von Geburtenkontrolle und der Beseitigung der Zwangsgesetzgebung für Sexualität und Ehe. Dies brachte wiederum Parteifunktionäre auf, was Reich dazu zwang, seine Haltung zur Marxistischen Politik neu zu bestimmen.

Ich schreibe weder als genitaler Charakter noch als Revolutionär. Ich hinke durchs Leben und ertaste blind meinen mit Verlusten übersäten Weg. Aus zwei Gründen werde ich an dieser Stelle nicht Reichs Schriften wiederkäuen. Erstens drückt er sich in seinen Büchern selbst treffend aus und jeder Versuch, seine Arbeit zu paraphrasieren, entartet ausnahmslos zur Parodie (siehe Vaneigem). Zweitens ist die gegenwärtige Treuhänderin seines Erbes, Mary Boyd Higgins, bei der Erteilung der notwendigen Erlaubnis sehr zurückhaltend. Obwohl dies für Forscher frustrierend ist, wirkt es sich in vielfacher Hinsicht positiv für Reich aus, da er ein ausgezeichneter Schriftsteller ist. Seine Prosa hat einen ganz persönlichen Rhythmus. Er stieß sich oft daran, daß sein Übersetzer, Theodore Wolfe, versuchte, seine, wie Reich sie nannte, krachenden Höhepunkte zu glätten. Reichs Arbeit auszugsweise wiederzugeben, bedeutet, sie ganz aus dem Zusammenhang zu reißen.

Auf der anderen Seite beachteten die Situationisten in Übereinstimmung mit ihrer „Eigentum ist Diebstahl“-Haltung nie das Urheberrecht. Dies hat sich zu ihren Gunsten als famoser Werbegag erwiesen. Zitate, Auszüge und Übersetzungen tauchen überall auf. Im Gegensatz zu Reich kann man aus dem situationistischen Oeuvre problemlos etwas herausreißen. Einzelne Sätze und Redewendungen können fast überall entnommen werden und doch bleibt die Atmosphäre stupiden Einhämmerns erhalten. Von allen Situationisten hatte nur Vaneigem das Gespür eines Prosaisten.

* Aus dem Französischen, mit der buchstäblichen Bedeutung „Entführen“. Bezieht sich auf die Praxis, Elemente der populären Kultur einen subversiven Inhalt zu verleihen.