Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 5)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman

 

Fallgeschichte (Fortsetzung)

Die nächsten paar Sitzungen waren weiterhin durch ihre direkt gegen mich gerichteten aggressiven Wünsche geprägt. Die Abwehr des „gutes kleines Mädchen“ wurde intensiviert. Ich wies darauf hin, dass dies eine Abwehr gegen Kontakt und ihren Wunsch sei, dass ich mich um sie kümmern soll. Ihre Wut nahm zu, aber mit ihr kam die Angst vor Vergeltung. Ich brachte sie dazu, ihre Wut in den Augen zum Ausdruck zu bringen. Sie wollte nicht glauben, dass es sicher war, Wut zu entladen und hatte das Gefühl, sie würde eine gewischt kriegen (trotz ihrer Entladung feindseliger Gefühle in früheren Sitzungen). Hier war wieder eine Vertiefung ihrer Mutterübertragung: sie erwartete von mir die gleiche Vergeltung, die ihre Mutter ihr in der Vergangenheit zu Teil hat kommen lassen.

Auf Wunsch der Patientin folgte ein Monat Urlaub von der Therapie. Sie wechselte den Beruf, hatte einen neuen Zeitplan und brauchte Zeit, um ihr Leben neu zu organisieren. Ich hatte den Eindruck, dass sie vor ihren wütenden Gefühlen auf der Flucht war, es ihr zu viel wurde und sie eine Verschnaufpause brauchte.

Nach einem Monat kam sie zurück. Sie hatte einen viel besseren und befriedigenderen Job gefunden und war sehr gut darin. Die Augen waren jedoch blockiert und sie konnte sie nur schwer drehen. Auf der Couch konnte sie viel Boshaftigkeit ausdrücken. Die Trennung für einen Monat schien die Mutterübertragung auf mich und die Verwechslung mit der Mutter, die sie verlassen hatte, mit mir zu vertiefen. Ich benutzte die Stiftlampe an ihren Augen und weckte zunächst tiefe Wut, danach Schrecken und schließlich intensive Sehnsucht. Sie streckte ihre Arme aus und rief: „Mami, Mami!“

Die nächsten beiden Sitzungen brachten durch die Intensivierung der Übertragung einen erhöhten Widerstand. Dieser lag nahe an der Oberfläche und konnte leicht interpretiert werden. So konnte sie nun ihre bisher unausgesprochene Sicht auf mich als „hysterisch“ und „ungepflegt“ auf die Art in Bezug setzen, wie sie ihre Mutter sah. Sie drückte auch ein Schuldgefühl darüber aus, dass sie mich umbringen würde. Ich benutzte die Lampe und sie konnte mich mit großer Überzeugung und Engagement symbolisch auf der Couch schlagen. Es folgte entweder das Auftreten einer spontanen frühen Erinnerung (wie es bei einer starken affektiven Entladung auftreten kann) oder das Wiedererleben eines psychedelischen Erlebnisses: Sie fühlte sich plötzlich sechs Monate alt und konnte ihre Angst vor der Verlassenheit, die sie als Angst, dem Tod überlassen zu werden erkannte, deutlich erleben. Sie konnte regredieren und trotzdem gleichzeitig das beobachtende Ich ausreichend intakt halten, um über die Erfahrung zu berichten. Die laufenden Sitzungen waren hauptsächlich mit einer Intensivierung der Trauerreaktion über die Mutter angefüllt.

Die Patientin berichtet, dass sie nach ihren Sitzungen manchmal tagelang weint und dies als unerträglich und überwältigend empfindet. Es gibt jedoch keinen Funktionsverlust bei der Arbeit oder im Studium. Sie bemerkt auch, dass das zwanghafte Grübeln verschwunden ist und sie beginnt zu verstehen, wie es sich anfühlt, in Kontakt zu sein. In letzter Zeit hat sie Episoden, manchmal Stunden lang, von echtem binokularem Sehen erlebt.1 Doch sie fühlt sich unsicher und ist voller Angst, gefühlsmäßig „zu viel Staub aufzuwirbeln“. Ich habe ihr gesagt, dass ich auch sehr besorgt bin, sie nicht überwältigt werden solle, ich die Situation sorgfältig überwache und dass sie mir sagen muss, wenn sie das Gefühl hat, dass wir zu weit gehen. Das Problem scheint eine intensive Intoleranz für Expansion und eine zu leichte Freisetzung des Verdrängten zu sein – insbesondere dessen, was sie in ihren früheren Drogenerfahrungen wachgerufen hat. Die Fähigkeit ihres Biosystems, Angstzustände zu binden, ist ziemlich gering. Wie sehr der Drogenkonsum dies beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese Patientin aus gutem „Material“ besteht und in der Lage sein wird, dem letztendlichen Schrecken der Auflösung zu widerstehen. In der Zwischenzeit ist Vorsicht angesagt.

 

Anmerkungen

1 Beschrieben bei Baker (1, S. 18).

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

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Eine Antwort to “Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 5)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Bei der Übersetzung war ich genervt von der langen Fallgeschichte, aber jetzt finde ich sie sehr faszinierend, weil sie die Schwierigkeiten aufzeigt, die hinter der Drogenbenutzung stehen. Wie Koopman schrieb, kann Drogensucht unbehandelbar machen. In der Umgebung meiner Jugend gab es viele junge Männer, die gefährliche Drogen nahmen und es war sehr leicht, diese zu erhalten. Doch heutzutage dürfte es noch leichter sein. Die Schäden kann man kaum ermessen.

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