Posts Tagged ‘Körperpsychotherapie’

Paul Mathews: Symposium des Esalen-Instituts über Wilhelm Reich: Oder was Orgonomie nicht ist (Teil 1)

23. August 2021

Symposium des Esalen-Instituts über Wilhelm Reich: Oder was Orgonomie nicht ist (Teil 1)

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 8)

18. Juli 2021

von Robert Hase

Reich beschreibt nun anhand eines Beispiels die Differenz zwischen formaler Demokratie und Arbeitsdemokratie.

Er berichtet von folgendem Vorfall, der die Bedeutung der Praxis in der Arbeitsdemokratie betont. Er zeigte deutlich die Behinderung des demokratischen Funktionierens durch das Festhalten am Formalismus und die Überlegenheit des arbeitsdemokratischen Prinzips. Nach einer Schulung in Sexualökonomie plante eine Gruppe von Pädagogen die Einrichtung eines Kindergartens. Sie setzten sich zusammen und wählten, rein formalistisch, einen Leiter, einen Schriftführer und einen Kassenwart sowie einige „Ehrenmitglieder“, von denen einer gewählt wurde, weil er versprochen hatte, Geld beizusteuern, was natürlich keine Arbeitsleistung darstellte. Sie mieteten ein Haus, richteten es ein und glaubten nun, sie könnten Kinder aufnehmen. Doch bald zeigten sich schlechte Gefühle, Unstimmigkeiten traten auf und das sichere Zeichen des Scheiterns, „irrationale Ausbrüche“, kam zum Vorschein. Das Unterfangen war spontan entstanden, ohne dass Reich es vorgeschlagen hatte. Aber als die Dinge anfingen, schief zu laufen, wollte er die Leute nicht tiefer in die unglückliche Situation geraten lassen und lud sie zu einem Gespräch ein. Die Situation stellte sich dann wie folgt dar: Der Lehrer, der zum „Geschäftsführer“ gewählt worden war, protestierte gegen die Überlastung mit Arbeit. Die „stellvertretende Direktorin“ wollte keine Arbeit machen, weil sie eine Stelle an einer öffentlichen Schule hatte. Die Sekretärin hatte andere Verpflichtungen und der ehrenamtliche Vorsitzende konnte auch nichts tun. Reich wies darauf hin, dass eine Geldspende keine Arbeitsleistung darstellt. Eine offene Diskussion brachte die irrationalen Hintergründe an den Tag. Der Geldgeber und die Lehrerin, die keine Zeit hatte, waren mit der geheimen Absicht in das Unternehmen eingestiegen, einen Platz für ihr eigenes Kind zu finden. Eine andere Lehrerin gestand, dass sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle und eine dritte gab offen zu, dass sie Angst vor dem Wort „Sexualökonomie“ hatte.

Kurzum, so Reich, sei das Ganze ein klassisches Beispiel für eine rein formalistische Organisation mit allerlei versteckten Motiven, die mit der konkreten Arbeitsfunktion eines Kindergartens überhaupt nichts zu tun hatten. Da alle Beteiligten eine charakterliche Umstrukturierung hinter sich hatten, war die Klärung der Situation nicht schwer. Trotz der bereits getätigten Investitionen entschied man sich, den Plan aufzugeben und auf eine bessere Gelegenheit zu warten. Es wurde deutlich, dass der Plan aus dem Gefühl „wir müssen etwas tun“ erwachsen war und nicht organisch aus den Arbeitsbedürfnissen. Ein Jahr später hatten bis auf eine Ausnahme alle Teilnehmer ihr eigenes konkretes Arbeitsfeld im Rahmen der Sexualökonomie gefunden. Alle blieben gute Freunde; nicht nur ein Kindergarten, sondern mehrere Zweige der Arbeit entwickelten sich organisch. Es gab keine Intrigen und keinen Irrationalismus. So siegte das Prinzip der organischen Entwicklung der Arbeitsinteressen über den zum Scheitern verurteilten Formalismus.

Reich lässt sodann seine wissenschaftliche Entwicklung Revue passieren.

Während sich die Sexualökonomie im Zusammenhang mit der Theorie Freuds und der kritischen Widerlegung seines mechanistischen Kulturbegriffs entwickelte, wuchs die Orgonbiophysik eigengesetzlich. Dabei sei die Kritik an der psychoanalytischen Kulturtheorie nicht möglich gewesen, wenn Reichs Arbeit nicht von Anfang an (1919) vom Prinzip des Funktionalismus geleitet worden wäre, dem Prinzip, das 16 Jahre später zur Entdeckung der kosmischen Orgonenergie führte. Seine funktionelle Methode hat ihre Wurzeln in früheren Studien zur Wahrnehmung (7), also einem Phänomen des Bewusstseins. Ihre Beziehungen zur Psychoanalyse wären sekundär. Das zentrale Problem, das der Plasmapulsation, stände im strikten Gegensatz zur psychoanalytischen Triebtheorie. Während es richtig sei, die Sexualökonomie als einen Abkömmling der Freudschen Theorie zu betrachten, sei es falsch und irreführend, die Originalität der Orgonbiophysik zu leugnen. Die Orgonbiophysik könne nicht als ein Anhängsel der Sexualökonomie und damit der Psychoanalyse betrachtet werden.

Fußnoten

(7) Reich dürfte sich hier – neben Anderen – auf den Naturphilosophen Hans Driesch beziehen, der zur Wahrnehmung Studien betrieb. [Siehe dazu Peters morgige Ergänzung.]

Paul Mathews: Antwort auf David Boadellas „Occupational Hazards in Orgonomy“

26. Mai 2021
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Antwort auf David Boadellas „Occupational Hazards in Orgonomy“

Die Orgonomie: Tod durch Isolation oder durch Verflachung

16. Mai 2021

1928 schrieb Reich in seinem Aufsatz Dialektrischer Materialismus und Psychoanalyse etwas, was ich hier nummerisch aufschlüssele:

    1. So würgt die momentane kapitalistische Daseinsweise der Psychoanalyse [die Neurosenheilung] von außen und von innen ab.
    2. Freud behält Recht: Seine Wissenschaft geht unter – wir fügen aber hinzu: in der bürgerlichen Gesellschaft; wenn sie sich ihr nicht anpaßt, sicher, wenn sie sich ihr aber anpaßt,
    3. dann erleidet sie den gleichen Tod, den der Marxismus bei den reformistischen Sozialisten erleidet, nämlich den Tod durch Verflachung, vor allem durch Vernachlässigung der Libidotheorie.
    4. Die offizielle Wissenschaft wird nach wie vor nichts von ihr wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassenmäßigen Gebundenheit nicht akzeptieren darf.
    5. Die hinsichtlich der Ausbreitung der Analyse optimistischen Analytiker irren gewaltig. Diese Ausbreitung gerade ist Zeichen ihres beginnenden Untergangs. Da die Psychoanalyse, unverwässert angewendet, die bürgerlichen Ideologien untergräbt, da ferner die sozialistische Ökonomie die Grundlage der freien Entfaltung des Intellekts und der Sexualität bildet, hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus.

Von den Marxistischen Floskeln befreit, kann man das unmittelbar auf die Gegenwart übertragen:

  1. Die lebensfeindliche mechano-mystische „Daseinsweise“ bedrängt die Orgonomie von außen und unterhöhlt sie von innen.
  2. Dergestalt ist sie sowohl gefährdet, wenn sie sich nicht anpaßt (Abdrängen ins Abseits, vollständige Isolation) – und wenn sie sich anpaßt.
  3. Wenn sie sich anpaßt, erleidet sie „den Tod durch Verflachung“. Dieser erfolgt, wenn sie, um „akzeptabel“ zu werden, die Orgasmustheorie und die Entdeckung des Orgons hintanstellt.
  4. Die offizielle Wissenschaft will von der Orgonomie nichts wissen, da die Wissenschaft an die mechano-mystische Daseinsweise gebunden und von ihr abhängig ist und entsprechend mechano-mystisch denken muß.
  5. Die Ausbreitung der Orgonomie wäre ein sicheres Zeichen ihres Untergangs. Ihre Zukunft liegt im Projekt „Kinder der Zukunft“, d.h. in zukünftigen Generationen, deren Charakterstruktur, nicht zuletzt durch den Einfluß der Orgonomie, sukzessive immer weniger rigide sein wird.

Exemplifizieren wir diese Punkte:

  1. Die Angriffe auf die Orgonomie haben sich in Ton und Inhalt seit den Pressekampagnen gegen Reich zunächst in Skandinavien und dann in Amerika in keinster Weise geändert. Neuerdings gewinnen sie auch ihre alte Intensität zurück. Man denke nur an das Buch Adventures in the Orgasmatron und seine Rezensionen in wirklich jeder bedeutenden Zeitung der englischsprachigen Welt. Wie fremd und bedrohlich die Orgonomie dem mechano-mystischen Denken ist, sieht man auch daran wie schwer es auch den engagiertesten Studenten der Orgonomie fällt korrekte funktionelle Formulierungen vorzubringen.
  2. Die Orgonomie hat sich beispielsweise bei der Darstellung der Orgontherapie den gängigen Mustern angepaßt. Zunächst einmal durch Elsworth F. Bakers Buch Man in the Trap (Der Mensch in der Falle) von 1967, das weitgehende Konzessionen an die damals noch immer dominierende psychoanalytische Ausrichtung der Psychiatrie machte. Entsprechend vermittelt es einen falschen Eindruck, wie eine Orgontherapie wirklich abläuft. Ähnliches gilt für den Dokumentarfilm Way to Happiness, in dem weitgehende Konzessionen an die filmische Darstellbarkeit gemacht werden und die Orgontherapie so wirkt, als wäre sie eine hochdramatische „Körpertherapie“. Doch ohne derartige Konzessionen wäre die Orgontherapie schon längst vergessen, kaum mehr als ein exotischer Geheimtip bzw. eine bizarre Legende.
  3. Was geschieht, wenn die Anpassung sogar die beiden Essentials (Orgasmustheorie und Entdeckung des Orgons) umfaßt, hat auf drastische Weise die sogenannte „Reichianische Bewegung“ gezeigt. Es geht dabei nicht nur um das explizite Leugnen, sondern bereits um das taktische, gar „strategische“ Verschweigen der besagten Kernelemente der Orgonomie. Die angeblichen Freunde der Orgonomie nehmen den Feinden der Orgonomie die Drecksarbeit ab!
  4. Es ist kein Geheimnis, daß die Wissenschaft weitgehend von ihren Geldgebern abhängig ist bzw. ihre Geldgeber von sich abhängig macht, etwa durch das Zeichnen von Krisenszenarios, die immer neue Geldmittel erforderlich machen. Man denke nur an die „Klimaforschung“! Bei den Sozialwissenschaften geht das soweit, daß teilweise nicht einmal mehr der Anschein von Wissenschaftlichkeit gewahrt wird. Etwa wenn „Islamwissenschaftler“ apodiktische Behauptungen über den Islam aufstellen, die sie mit keiner einzigen Lehrmeinung irgendeiner islamischen Autorität belegen können. Derartiges wird immer wieder moniert. Vollkommen unberücksichtigt in der Wissenschaft bleibt jedoch, daß sich die Wissenschaftler instinktiv daran orientieren, daß Mensch und Gesellschaft so bleiben wie sie sind: gepanzert.
  5. Entsprechend wäre die Ausbreitung der Orgonomie ein sicheres Zeichen ihres Untergangs: Sie wäre dann offensichtlich keine Gefahr mehr für die gepanzerte Gesellschaft – und damit keine Orgonomie mehr. Sie kann nur eins tun: So weit es irgend möglich ist, die Denkweise der Zukunft vorrausnehmen und dadurch dazu beitragen die Daseinsweise der Zukunft vorzubereiten. Die gepanzerten Menschen müssen aufgeklärt werden und ungepanzerte Menschen müssen großgezogen werden. Die Orgonomie ist dabei jeweils nur der „bewußte“ Teil einer umfassenden „unbewußten“ Bewegung, die die gesamte Gesellschaft durchzieht. Ab und an wird in diesem Blog auf den einen oder anderen Vertreter dieser „Bewegung“ hingewiesen.

Avanti dilettanti!

12. April 2021

Auf Facebook war neulich folgende satirische Nachricht zu lesen:

Ihre KFZ-Bude informiert

Neu im Angebot: Experimentelles Motorenöl (von FlexmobOil)

Testen Sie jetzt das neue Motorenöl. Das neuartige Motorenöl hat zwar bisher nur eine vorläufige Zulassung vom Tüv bekommen, weil noch nicht feststeht, welche Auswirkungen das Öl auf den Motor Ihrer Autos hat. Weiter ist unbekannt, ob und wie lange Ihr Motor mit dem neuen Öl reibungslos funktioniert.

Mögliche Schäden: Motorschaden, Überhitzen des Motors, Klappern im Motorraum, Platzen der Ölschläuche, Kolbenfresser, Ventilschäden

Vertrauen Sie uns! Es sind nur sehr wenige Autos, die das neue Öl nicht vertragen! Für eventuelle Schäden kommen wir nicht auf!

Gemünzt ist das natürlich auf die Corona-Impfstoffe, die durchweg nicht richtig getestet wurden. Es ist erstaunlich, daß die meisten Menschen mit ihrem Auto pfleglicher und vor allem vorsichtiger umgehen als mit ihrem eigenen Körper!

Würden Sie an Ihrem Auto das Getriebe und die Bremsen statt von einem KFZ-Meister, lieber von einem Diplompolitologen, einem ehemaligen Kindergärtner oder einem Schlossermeister richten und reparieren lassen? Warum gehen sie dann, wenn sie emotionale („psychische“) Probleme haben, zu irgendwelchen „Reichianischen Therapeuten“ oder angeblichen „Orgontherapeuten“, deren Qualifikation meist nur darin besteht, irgendwann mal selbst Patient eines „Reichianischen Therapeuten“ oder eines Orgontherapeuten gewesen zu sein? Offenbar gehen Sie mit Ihrem Auto vorsichtiger und pfleglicher um als mit Ihrem eigenen Organismus!

Orgontherapeuten sind approbierte Psychiater! Das ist nicht meine Meinung, das ist der Standard, der von Reich persönlich durchgesetzt wurde. Nehmen wir beispielsweise den berühmten Alexander Lowen. Er kam als Gymnastiklehrer zu Reich. Reich zwang Lowen, der bereits ein Jurastudium absolviert hatte, in die Schweiz zu gehen, um dort Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Nach seiner Rückkehr in die USA wandte sich Lowen von Reich ab, als dieser von ihm verlangte, sich zusätzlich zum Facharzt für Psychiatrie ausbilden zu lassen. Daraufhin begründete Lowen die „Bioenergetische Analyse“, die auf denkbar krasse Weise zeigt, daß Lowen weniger als nichts von der psychiatrischen Krankheitslehre verstand. EIN DEGOUTANTER BIZARRER WITZ! Hier zeichnete sich das Muster für andere derartige Leute ab, die als „Schulengründer“ auftraten, – weil sie vollkommen unqualifiziert waren…

Dem vielleicht ersten der modernen „Reichianischen Therapeuten“, Paul Ritter, schrieb Reich am 9. Oktober 1950 persönlich, daß er auf keinen Fall Leute in „Therapie“ nehmen solle, egal wie sehr es ihn auch dränge, ihnen zu helfen. Reich fuhr fort:

Sie (die Orgontherapie) ist nicht mehr und nicht weniger als bio-psychiatrische Chirurgie und kann nur von versierten und gut ausgebildeten Menschen mit der entsprechenden (Charakter-) Struktur auf eine sichere Weise durchgeführt werden. Sie ist deshalb auf Ärzte beschränkt. (Journal of Orgonomy, May 1977)

Aber „Reichianer“ pflegen Reich zu ignorieren.

Besonders erschreckend an der ganzen Angelegenheit ist, daß solche Laien ganz in der Tradition ein Lowen zumeist explizit Körpertherapeuten sind, die „über den Körper die Seele heilen“ wollen. Aus ihrer eigenen Unsicherheit (vielleicht sogar um Macht auszuüben!) versuchen sie Panzerungen aufzubrechen, Energie in Bewegung zu setzen und bei ihren „Patienten“ dramatische Emotionen zu provozieren. Wie bei Bühnenzaubereren ist alles, wenn man so sagen kann, auf „Affekt und Effekt“ ausgerichtet. Und wie bei Bühnenzauberern ist alles eine Lüge, denn im Grunde bleibt der Patient unberührt. Tatsächlich wirken diejenigen, die eine „Reichianische“ Therapie durchlaufen haben, merkwürdig „verflacht“, so als seien sie „kurzgeschlossen“.

Peter Crist, Präsident des American College of Orgonomy, hat folgendes zur Therapie zu sagen:

Es bringt nichts, es ist weder sinnvoll, noch überhaupt möglich, den Patienten dazu zu bringen, eine Emotion zu fühlen oder ihn in Bewegung zu bringen. Wir müssen nur den Einzelnen dabei unterstützen, die Hindernisse für spontane Emotionen und Bewegung zu beseitigen. Wir können niemanden gesund machen. Wir können ihn nur darin unterstützen, das zu überwinden, was ihn daran hindert, spontanen Kontakt mit der und Funktionieren aus der Gesundheit zu haben, die in ihm bereits vorhanden ist.

Es geht in der Orgontherapie um die verlorengegangene Fähigkeit zur Selbstregulierung, nicht um die „Heilung“ durch irgendwelche impotenten, machtgeilen Blender!

Paul Mathews: Leserbrief an Paul Ritters Zeitschrift ORGONOMIC FUNCTIONALISM

10. April 2021

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Leserbrief an Paul Ritters Zeitschrift ORGONOMIC FUNCTIONALISM

Zum Gedenken an Elsworth F. Baker (Teil 1)

10. Februar 2021

von Paul Mathews, M.A.

 
Ich begegnete Dr. Elsworth F. Baker zum ersten Mal vor etwa 35 Jahren, als er für die diagnostische Klinik des Orgone Institute in Forest Hills, N.Y., zuständig war, das auch das Wohnhaus von Wilhelm Reich war. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit ihm. Ich hatte den Empfangsraum betreten, wo mich der Anblick von Reich in einem weißen Arztkittel sofort beeindruckte, als dieser an mir vorbeiging. Eine Empfangsdame führte mich in Dr. Bakers Büro, wo ich fast ebenso beeindruckt von der Erscheinung eines Mannes war, der mit den direktesten und ernsthaftesten Augen, die ich je gesehen hatte, an einem Schreibtisch saß. Man hatte sofort das Gefühl, dass man nichts verstecken konnte, und es wäre sinnlos, es zu versuchen. Nach ein paar einfachen, aber eindringlichen Fragen wurde ich mit einer unmissverständlichen Stimme aufgefordert, mich auf eine Liege der Klinik zu legen und ich fühlte, wie seine bohrenden Finger meine Panzerung mit einer unbestreitbaren Kraft und Autorität aufspürten. Wie es seine Aufgabe war, überwies er mich an einen Orgontherapeuten, und zwei Jahre später wechselte ich zu Dr. Baker und begann meinen ständigen Kontakt mit ihm als Patient und Mitarbeiter.

Dr. Baker war ein Therapeut der Superlative. Er war ein scharfsinniger Charakteranalytiker mit einer Beherrschung der Charaktertypen, die ihn zum ultimativen Diagnostiker machte. Er verstand die Bedeutung der negativen Übertragung gut und war nicht leicht zu schmeicheln oder zu täuschen. Er schien instinktiv zu wissen, wie weit man gehen konnte oder sollte, ermunterte die Eigenarbeit in der Sitzung bis zum Limit und arbeitete physisch nur dort, wo es absolut notwendig war – aber mit absoluter Überzeugung und Wirkung. Es war nicht schwer zu verstehen, warum Reich von ihm so beeindruckt war.

Ich habe mich immer auf meine Gespräche mit ihm so sehr gefreut wie auf die Therapie an sich und ihn im Laufe der Jahre, als Student und Kollege, für sein volles kontaktfreudiges Einfühlungsvermögen und seine Beteiligung an meinen persönlichen und charakterlichen Problemen lieben gelernt. Ich erinnere mich mit großem Gefühl und Nostalgie an viele Begebenheiten und Situationen von Wärme und Humor in therapeutischen, beruflichen und persönlichen Situationen: seine gelegentlichen und unerwarteten ironischen Briefe über jemanden oder etwas, das uns beschäftigt hatte, seine einfache Weisheit, die ein Miasma komplizierter Gedanken und Probleme sauber durchbrach, seine Bescheidenheit und Schüchternheit und sogar seine kindliche Freude und Stolz auf etwas, das ihm gegeben wurde oder das er erworben hatte – wie ein Gemälde eines Löwen, das meine Freundin und ich ihm auf einer seiner Geburtstagsfeiern geschenkt hatten. Ich erinnere mich an eine Terrassenparty bei ihm zu Hause für Ola Raknes, der zu Besuch war, wie er mich zur Seite rief und sagte: „Lass mich dir meine neue Bibliothek zeigen.“ Er führte mich, fast geheimnistuend, durch das Haus zu dem speziellen Bibliothekstrakt, den er zwischen dem Haus und dem Büro errichtet hatte und zeigte mir stolz die bescheidene, aber schöne Bibliothek, in der er alle Bücher in einem Raum zusammenstellen konnte, die er liebte und benötigte. Sein Gesicht hatte einen sehr heiteren und glücklichen Ausdruck.

Dr. Baker hatte einen scharfen und ironischen Sinn für Humor und es gab Zeiten, in denen er urkomisch war oder auf Humor mit großem Gelächter reagierte. Er war nicht abgeneigt, gelegentlich Clownerie zu betreiben, wie zu der Zeit, als er und ich bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung wie zwei Napoleons, mit den Händen in den Jackenfronten, posierten. Er hatte diese innere Stärke eines Menschen, die auf den Prinzipien der Familien von Pionieren des Alten Westens beruhte und war sogar auf den kleinen Teil von ihm stolz, der Indianer war. Sicher, es gab Stoizismus und Depressionen in seinem Charakter, aber es fehlte ihm nie an Wärme und Menschlichkeit. Seine Schüchternheit und Bescheidenheit konnte als Distanziertheit missverstanden werden, aber er war nicht distanziert, außer wenn er keine Dummheiten oder Torheiten ertragen konnte. Er war aus gutem Grund vorsichtig und doch konnte er auch übermäßig vertrauensvoll sein. Er sagte manchmal, dass er „Paranoiker“ um sich herum brauche, um seine Vertrauensseligkeit auszugleichen.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Elsworth F. Baker Commemorative Issue, S. 113-116.
Übersetzt von Robert Hase

Die Oranur Research Laboratories, Inc. Ein Bericht zum zehnjährigen Jubiläum (Teil 1)

2. Februar 2021

von Paul Mathews, M.A., Sekretär
Richard Blasband, M.D.
März 1972

 
Der Tod Wilhelm Reichs im Jahr 1957 hinterließ bei vielen seiner Mitarbeiter und Anhänger Angst, Verwirrung, Unentschlossenheit und Feindseligkeit. Es gab auch jene, die einfach flohen. Auch alle Kult- und Randgruppen, die potentiellen Verzerrer und Eklektiker – zu Reichs Lebzeiten etwas in Schach gehalten – wurden entfesselt. Verschiedene Schulen „neuer“ Therapien, die sich in verzerrter Form mit den physischen und emotionalen Aspekten der Panzerung befassten, schossen wie Pilze aus dem Boden. Einige versprachen schnelle und absolute „Heilungen“. Einige haben die Priorität von Reich in grundlegenden Bereichen anerkannt und andere wiederum nicht. Auf gesellschaftspolitischem Gebiet begannen einige jener Linken, die zuvor durch Reichs Hass und sein Anprangern ihres Freiheitshausierens frustriert waren, seine Arbeit als Allheilmittel im Interesse des Marxismus und der Neuen Linken zu propagieren. Einige behaupteten sogar, den „echten Reich“ durch bloßes Herausfiltern der funktionellen, orgonomischen Aspekte seines Werks gerettet zu haben, die seiner „Paranoia“ zugeschrieben wurden, einer Krankheit, die mutmaßlich im Einklang mit seinem Abwenden von seiner frühen Zugehörigkeit zum Marxismus stehen sollte. Es war offensichtlich, dass Reichs düstere Vorhersagen über die Folgen seines Todes in Erfüllung gingen.

Unter den wenigen engen Mitarbeitern Reichs war einer, der nicht in Panik geriet, sondern im Stillen seiner Arbeit nachging, nicht nur als Orgontherapeut, sondern als Lehrer und Förderer rationaler orgonomischer Arbeit – Dr. Elsworth F. Baker. Es war Dr. Baker, dem Reich verschiedene Aufgaben und Verantwortlichkeiten übertrug, die er bis dahin selber wahrgenommen hatte, als er beschloss, sich ganz der wissenschaftlichen Orgonforschung zu widmen – die Ausbildung von Orgontherapeuten, den Vorsitz des Erziehungsausschusses und die Herausgabe der orgonomischen medizinischen Zeitschrift (Orgonomic Medicine).

Etwa fünf Jahre nach Reichs Tod schloss sich unter der Inspiration und Anleitung von Dr. Baker im Mai 1962 eine Gruppe von zehn medizinischen Orgonomen, einem Physiker und einem Pädagogen zusammen, um die Oranur Research Laboratories zu gründen. In der Folge wurde Dr. Baker zum ersten Ehrenmitglied gewählt. Der Name des Labors bezog sich auf die Krise, die durch atmosphärische Bedingungen aufkam, hervorgerufen durch schädliche Nebenprodukte der Orgonenergie, die auf nukleare und andere Schadstoffe reagierte. Die Organisation wurde am 7. Dezember 1962 als gemeinnützige Forschungseinrichtung gegründet und eingetragen. Sie umfasst nun sechzehn Mitglieder.

Das Labor fördert seriöse und verantwortungsbewusste Forschung und versucht, wo immer möglich, Aktivitäten entgegenzuwirken, wie z.B. unkoordiniertes Cloud-Busting, die schädlich oder gefährlich sein könnten. Das Letztgenannte haben wir versucht durch die Veröffentlichung der Gefahren im Journal of Orgonomy und in dem Kurs über Wilhelm Reich, angeboten an der New York University, abzuwenden. Leider ist es nicht möglich, Verantwortung einzufordern oder rechtliche Beschränkungen geltend zu machen.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 104-107.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 3)

29. Dezember 2020

von Paul Mathews, M.A.
Brooklyn, N.Y.

 
Als Antwort auf diese Argumente darf ich die Leser zunächst auf die bereits zitierte Rezension von Myron Sharaf verweisen. Dr. Sharaf weist darauf hin, dass Boadella „in die tückischen Stromschnellen der psychiatrischen Diagnose Reichs“ geraten ist und dass Boadella wirklich nicht in der Lage ist, weder die Gültigkeit von Reichs späteren Erkenntnissen und Hypothesen noch seine Beziehungen zu Mitarbeitern und Studenten zu beurteilen. Er stellt nicht die zugrundeliegenden Motive für Boadellas Behauptungen in Frage, vielleicht weil er ein sanfterer und freundlicherer Mann ist als ich. Beispielsweise beklagt sich Boadella, dass Reich ihn (in einem Brief an Ritter) dafür gegeißelt habe, er habe zu voreilige Schlussfolgerungen über UFOS gezogen, Reich dies jedoch in seinen letzten Tagen selbst getan habe.k Hier geht Boadella davon aus, dass eine Schlussfolgerung, zu der er ohne Empirie gelangt ist und eine, zu der Reich durch seinen Erfahrungsschatz kam, in Autorität und Gültigkeit gleichwertig sind. Wie weit ist dies eigentlich von der Arroganz und Verachtung entfernt, die Boadella mit der von ihm betriebenen selbst titulierten „Orgontherapie“ in den 60er Jahren offenbarte? Reich war in den 50er Jahren gegenüber Ritter und Boadella ziemlich hart, aber sie setzten ihren eingeschlagenen Weg unbeeindruckt fort und lieferten damals nur einige wenige fadenscheinige Gründe für ihr Verhalten. Aber gab es vielleicht eine unterschwellige Verbitterung gegenüber Reich, weil der sie entlarvte und kritisierte? Reich hat Myron Sharaf einmal gebeten, einen Artikel durchzugehen, den Sharaf selbst geschrieben hatte – einen Artikel, der viele von Reichs Konzepten des charakterbedingten Versteckspiels bejahte –, um zu eruieren, ob dieser von einem Feind der Orgonomie hätte geschrieben sein können (5). Sharaf antwortete schließlich bejahend und sagte, dass er im Kontext verstehen könne, warum eine solche Frage sogar ihm gestellt werden konntel. Möglicherweise könnte diese Frage Boadella am ehesten gestellt werden.

So viele der spezifischen Vorkommnisse und Umstände, die Boadella als Beweis für Reichs Wahnsinn anführt, können funktionell und im Kontext genauso gut als rational, ein bisschen eifernd, irrational aber dennoch nachvollziehbar usw. interpretiert werden, statt einen Geist zu konstatieren, der „ohne Unterlass stolpert“. Dr. Elsworth Baker, kein „Ja-Sager“ gegenüber Reich und sicherlich in einer unendlich besseren Position, um Reichs Zustand und Charakter zu beurteilen, hat uns ein völlig anderes Bild von Reichs letzten Jahren gegeben (6), ebenso wie Dr. Sharaf (7) und Lois Wyvellm (siehe Seite 173 dieser Zeitschrift). Was liegt Boadellas fast drei Kapiteln zugrunde, um zu „beweisen“, dass Reich verrückt war? Wie spielt dies jenen in die Hände, die wollen, dass die Welt solches glaubt? An einem Punkt verwendet Boadella einen rhetorischen Trick, um den Leser nicht nur von Reichs Wahnsinn zu überzeugen, sondern auch davon, dass dieser selbst von der emotionellen Pest betroffen ist: „Im Falle Reichs hat sich die Aussage bewahrheitet“, schreibt er, „daß wer den Kampf gegen die Pest aufnimmt, selbst von ihr angesteckt wird; in gewisser Hinsicht ging Reich so bei der Abkehr von den besten seiner Einsichten selbst voran“ (Seite 285)n. „Hat sich die Aussage bewahrheitet“ bedeutet natürlich, dass Boadella es so sieht. Boadella regt sich insbesondere über Reichs farbenfrohe Terminologie in Bezug auf emotionelle Pestcharaktere und deren Verhalten auf. Man kann sich nur wundern, in welchem Ausmaß die Angst vor Aggressivität und Direktheit bei Boadella die Wahrnehmung und Bewertung beeinträchtigt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

k Siehe auch „Orgonenergie, Liebe und Raumschiffe“ von David Boadella in https://nachrichtenbrief.com/2018/05/04/orgonenergie-liebe-und-raumschiffe-1955-teil-1/
„Als Bestätigung hierfür läßt sich seine scharfe Reaktion auf eine Rezension werten, die ich über ein Buch von Leonard Cramp geschrieben hatte. Ich hatte darin die Reichschen Spekulationen über die Möglichkeit, daß die Ufos Orgonenergie als Antriebskraft benutzen, aufgenommen und sie zu den Beschreibungen in Beziehung gesetzt, die Cramp von verschiedenen Ufo-Erscheinungen gab. All dies war notgedrungen ein tastender und ganz theoretischer Versuch, da es natürlich keine sicheren Fakten gab, auf die man bauen konnte. Reich kommentierte in einem Brief an Paul Ritter diese Rezension: ‚Die Besprechung von Mr. Boadella zu dem Raumschiffbuch erscheint mir korrekt, aber in meinen Augen eilt sie unserem gesicherten Wissen etwas zu weit voraus. Die Thematik ist explosiv und gefährlich. Schon heute ist der Buchmarkt überschwemmt mit den sensationellen, mystischen, pathologischen Spielarten der Tatsachenentstellung. Ich würde äußerste Zurückhaltung vorschlagen.‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 291.

l „Myron Sharaf hat berichtet, wie Reich sich über einen – Sharafs – Aufsatz ‚Hiding and Spying‘ (‚Sich verbergen und spionieren‘) äußerte: ‚Beim nochmaligen Durchlesen vermochte ich weitere Zweifel nicht ganz abzuschütteln. Ich hatte das bestimmte Gefühl, daß dieser Aufsatz von Ihnen auch das Werk entweder eines perfekten Modju-Genies oder eines meisterhaften Witzboldes sein könnte. Ich versuche nicht, Ihnen Angst einzujagen oder Sie zu beleidigen … Ich bitte Sie deshalb darum, Ihren eigenen Aufsatz sorgfältig zu analysieren und sich eine Meinung zu den folgenden zwei Fragen zu bilden: 1. Könnte dieser Aufsatz, wie er dasteht, von einem überzeugten, ausgewachsenen politischen Modju verfaßt worden sein? Wenn ja, wie? 2. Könnte diesen Aufsatz ein scharfsinniger Witzbold geschrieben haben, um die Orgonomie in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren? Wenn ja, wie?‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 271f.

m Lois Wyvell, An Appreciation of Reich.

n Boadella, Scherz Verlag, S. 274.

 

Literatur

5. Sharaf, M.: Preface (November, 1957) to “Hiding and Spying: Organized and Unorganized (1953)”, Orgonomic Functionalism, January, 1959

6. Baker, E. F.: „Wilhelm Reich,” Journal of Orgonomy, 1:23-55, 1967.

7. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: A Personal Biography by Ilse
Ollendorff Reich, Journal of Orgonomy, 3:254-66, 1969.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 272-276.
Übersetzt von Robert (Berlin)

David Holbrook, M.D.: LIEBE UND ORGASMUSANGST BEI EINEM PARANOID-SCHIZOPHRENEN CHARAKTER (Teil 4)

18. Dezember 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter