Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 1)

von Paul Mathews, M.A.

 

Mit seiner Analyse von Reich und Geza Roheim, dem großen Anthropologen, sowie mit seiner politischen Bereinigung von Freud, scheint Dr. Paul A. Robinson (ein Assistenzprofessor für Geschichte an der Stanford University) in diesem Bucha beweisen zu wollen, dass Marcuse der wahre Erbe von allem ist, was an der freudschen Tradition revolutionär war. Zu diesem Zweck lässt er eine beeindruckende Reihe von wissenschaftlichen Dokumenten und Fakten Revue passieren (und das auch noch in einem extrem intellektuellen Jargon), die er neu interpretiert, um Reich und Roheim als Beispiele für den „Freudschen Linksradikalismus“ hinzustellen und als Sprungbretter für den heutigen Aktivismus der Neuen Linken unter Leitung ihres Chefideologen Marcuse. Authentizität dieses Prozesses der Neuinterpretion kann jedoch nur seiner Betrachtung Marcuses zugesprochen werden, der, laut Robinson, Einsicht ins Manuskript hatte und es wohlwollend abnickte. Seine Behandlung von Roheim erscheint äußerst respektvoll, obwohl er in seinen Interpretationen von Roheims Ansichten und Arbeiten voller Anmaßung ist. Bei seiner Behandlung von Reich zeichnet sich seine bösartige Einstellung jedoch am deutlichsten ab.

Unter Reichs Kritikern und Historiographen kann man zwei Grundtypen ausmachen (anders als bei authentischen orgonomischen Biographen): diejenigen, die ihn schlechtweg für inakzeptabel befinden und ihn entweder für irregeleitet oder verrückt (oder beides) halten, und diejenigen, die nur sein Werk der frühen psychoanalytischen und der charakteranalytischen Zeit für akzeptabel erachten. Auch wenn man unter Letzteren jene findet, die nach eigener Einschätzung Reich gegenüber freundlich gesinnt sind und sogar einige wenige, die sich als „Reichianer“ sehen, sind die Ersteren wegen der fehlenden Zweideutigkeit wohl zu bevorzugen. Es ist viel schwieriger, den Mangel an Objektivität gegenüber und den Hass auf Reich bei Letzteren zu erkennen und das macht es leichter, ihren ungenauen Bewertungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie werden die „Brillanz seiner Vision“ anerkennen, wie Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic,1 aber die Gültigkeit seiner Ergebnisse aus Gründen persönlichen Mystizismus, Moralismus oder Politisierens in Abrede stellen. Die zugrundeliegende Motivation ist Hass auf die Genitalität, wie sie durch Reichs Orgasmus-Theorie bejaht wird. Die Implikationen dieser Entdeckung zu verstehen und zu akzeptieren, wäre für sie äußerst verheerend. Ihre einzige Zuflucht ist daher Verzerrung, Gespött und absichtliche Falschdarstellung (genannt „Neuinterpretation“), wie es Rieff, Robinson und Norman Brown2b und nicht zuletzt der ultimative Held von The Freudian Left, Herbert Marcuse, exemplifizieren.

Wortgewandtheit, Verzerrungen, Irrtümer, Falschdarstellungen und glatte Verleumdung würzen Robinsons Darstellung von Reichs Werk.3 Nachsichtig ist er natürlich was Reichs frühe Periode betrifft, die durch seine Beschäftigung mit dem Marxismus und den Versuch, ihn mit der Psychoanalyse in Einklang zu bringen, gekennzeichnet war: „Aus meiner Sicht ist Reich jedoch hauptsächlich als Sozialphilosoph von Interesse, der vielleicht konsequenter als jeder andere die kritischen und revolutionären Implikationen der psychoanalytischen Theorie herausgearbeitet hat“ (S. 10). Er geht aber auch kurz auf Reichs eigene Abkehr von dieser Phase seines Denkens ein und betrachtet diese im Einklang mit dessen „verrückter“ Exkursion in die Orgonomie sowie dessen Antikommunismus: „Während Reichs politische Ideen utopisch waren, können seine biologischen und kosmologischen Spekulationen nur als geisteskrank bezeichnet werden“ (S. 59).

 

Fußnoten:

1 New York; Harper and Row, 1966. (Besprochen in Jg. 2, Nr. 2 dieser Zeitschrift.)

2 In seinem Life Against Death (New York: Vintage Press, 1959).

3 In Anbetracht dessen kann man die Tatsache nicht erklären, dass der Wilhelm Reich Infant Trust Fund dem Autor die Erlaubnis erteilt hat, aus Reich zu zitieren, wie in den Danksagungen des Buches angegeben.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Paul A. Robinson: The Freudian Left, New York: Harper and Row, 1969. Zu lesen unter https://archive.org/details/freudianleftwilh00robi

b Deutsch unter Zukunft im Zeichen des Eros, Neske Verlag 1962.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

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7 Antworten to “Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Robinsons Buch wurde leider nie übersetzt, obwohl es eins der Grundlagenwerke im englisch-sprachigen Raum zum Freudo-Marxismus ist.
    Hier schreibt der „frühe“ Mathews, der noch nicht ganz die Perfidie der Champagner-Sozialisten durchschaut hat.

    „Die zugrundeliegende Motivation ist Hass auf die Genitalität, wie sie durch Reichs Orgasmus-Theorie bejaht wird.“
    Dies ist nicht nur so daher geschrieben! Reimut Reiche distanziert sich in seinem Frühwerk „Sexualität und Klassenkampf“ explizit von Reichs Orgasmustheorie und der Orgonomie. Reiche ist praktisch das deutsche Pendant zu Robinson. Beide schrieben ein Buch zum Freudo-Marxismus mit Reich als Thema und später sehr Intensiv zur Homosexualität (Robinson: Gay Lives; Reiche: Der gewöhnliche Homosexuelle). Ihr Interesse ist wie bei Marcuse der Perversion gewidmet, der explizit eine Theorie der Anti-Genitälität aufstellt, in der er die skurrile Theorie aufstellt, Genitalität wäre die Waffe der Imperialisten zur Ausbeutung und Prägenitalität die Befreiung. Also das genaue Gegenteil zu Reich.

    „Die Implikationen dieser Entdeckung zu verstehen und zu akzeptieren, wäre für sie äußerst verheerend.“
    Darum sind diese Werke a l l e als Abwehr zu verstehen! Diese Schreiberlinge würden verzweifeln, Alkoholiker werden oder schwer depressiv, wenn sie sich Reichs Orgasmustheorie stellen würden. Nicht wenige wie Foucault wählten lieber den Freitod (der übrigens von Robinson bewundert wurde).

  2. Corgo Says:

    There are plenty of Leftists who agree with the orgasm theory. Bertell Ollman, Lee Baxendall, Paul Ritter, David Boadella, Mitchel Cohen, and Petros Evdokas are all Leftists who accept the orgasm theory and see it as a crucial part of a Left-wing criticism of Capitalist society. As far as can be determined from their writings, none of them endorses homosexuality, all consider it a neurosis, but think as did Reich, that since it is harmless and there is currently no known cure it should be tolerated, not punished.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Marcuses Triumph:

    Konservative Christen, die die Evolutionslehre ablehnen, werden belächelt – aber in der Debatte um Transsexualität sollen biologische Fakten auf einmal nicht mehr gelten. In den vergangenen Jahren nahm der Tanz ums Goldene Kalb immer seltsamere Formen an. 2017 trugen Feministinnen beim Frauenmarsch, der sich gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump richtete, sogenannte Pussy Hats, pinke Wollmützen, die weiblichen Genitalien nachempfunden sein sollen. Schon ein Jahr später nahm man davon wieder Abstand. Man hatte erkannt, daß die „pussy hats“ rassistisch und transphob waren, schließlich würden sie Frauen mit „braunen Genitalien“ und Frauen mit Penissen ausschließen.

    Jessica Yaniv, die sich als Frau fühlt, aber immer noch über Penis und Hoden verfügt, wittert überall Transphobie. Schließlich werde sie gezielt von Intimwaxing und dem Besuch eines Gynäkologen ausgeschlossen. Sessie Blanchard durfte im Magazin „Vice“ verwundert fragen, warum heterosexuelle Männer keinen Sex mit ihr haben wollten, das sei ja intolerant. Die feministische Gleichung „Nein heißt Nein“, laut der Sex immer einvernehmlich sein soll, scheint in diesem Fall nicht zu gelten.

    Gleichzeitig beschwerte sie sich über Männer, die gezielt den Sex mit Transsexuellen suchten. Und der Meinungsbeitrag eines Mannes, der vom Sex mit einer Lesbe schwärmt, wäre vermutlich im linksliberalen Lager als sexistisch, aber nicht als „mutig“ aufgenommen worden.

    https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2019/tanz-ums-rosane-kalb/

  4. Peter Nasselstein Says:

    Hier das perfekte Lied zum Thema:

  5. Peter Nasselstein Says:

    Sehr gute Beschreibung des Wirkens des Roten Faschismus heute:

    http://www.pi-news.net/2019/12/der-weg-in-den-schoenen-neuen-weltstaat-ist-eine-sackgasse/

    Bemerkenswert ist folgender Absatz:

    Besonders fatal: Es gibt im politischen System nahezu keine Entsprechung, keinen Fachausschuss, keine Institution, mittels derer man diesem Treiben Einhalt gebieten könnte. Vielmehr gilt es, in jedem Mosaiksteinchen des gesamtpolitischen Bildes die ideologischen Elemente zu identifizieren und demokratisch zu bekämpfen.

    Reich hat zu seiner Zeit gerade dieses Problem angesprochen und mit den geplanten „Büros für die Prävention der Emotionellen Pest“ angehen wollen.

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