Posts Tagged ‘Neue Linke’

Die Oranur Research Laboratories, Inc. Ein Bericht zum zehnjährigen Jubiläum (Teil 1)

2. Februar 2021

von Paul Mathews, M.A., Sekretär
Richard Blasband, M.D.
März 1972

 
Der Tod Wilhelm Reichs im Jahr 1957 hinterließ bei vielen seiner Mitarbeiter und Anhänger Angst, Verwirrung, Unentschlossenheit und Feindseligkeit. Es gab auch jene, die einfach flohen. Auch alle Kult- und Randgruppen, die potentiellen Verzerrer und Eklektiker – zu Reichs Lebzeiten etwas in Schach gehalten – wurden entfesselt. Verschiedene Schulen „neuer“ Therapien, die sich in verzerrter Form mit den physischen und emotionalen Aspekten der Panzerung befassten, schossen wie Pilze aus dem Boden. Einige versprachen schnelle und absolute „Heilungen“. Einige haben die Priorität von Reich in grundlegenden Bereichen anerkannt und andere wiederum nicht. Auf gesellschaftspolitischem Gebiet begannen einige jener Linken, die zuvor durch Reichs Hass und sein Anprangern ihres Freiheitshausierens frustriert waren, seine Arbeit als Allheilmittel im Interesse des Marxismus und der Neuen Linken zu propagieren. Einige behaupteten sogar, den „echten Reich“ durch bloßes Herausfiltern der funktionellen, orgonomischen Aspekte seines Werks gerettet zu haben, die seiner „Paranoia“ zugeschrieben wurden, einer Krankheit, die mutmaßlich im Einklang mit seinem Abwenden von seiner frühen Zugehörigkeit zum Marxismus stehen sollte. Es war offensichtlich, dass Reichs düstere Vorhersagen über die Folgen seines Todes in Erfüllung gingen.

Unter den wenigen engen Mitarbeitern Reichs war einer, der nicht in Panik geriet, sondern im Stillen seiner Arbeit nachging, nicht nur als Orgontherapeut, sondern als Lehrer und Förderer rationaler orgonomischer Arbeit – Dr. Elsworth F. Baker. Es war Dr. Baker, dem Reich verschiedene Aufgaben und Verantwortlichkeiten übertrug, die er bis dahin selber wahrgenommen hatte, als er beschloss, sich ganz der wissenschaftlichen Orgonforschung zu widmen – die Ausbildung von Orgontherapeuten, den Vorsitz des Erziehungsausschusses und die Herausgabe der orgonomischen medizinischen Zeitschrift (Orgonomic Medicine).

Etwa fünf Jahre nach Reichs Tod schloss sich unter der Inspiration und Anleitung von Dr. Baker im Mai 1962 eine Gruppe von zehn medizinischen Orgonomen, einem Physiker und einem Pädagogen zusammen, um die Oranur Research Laboratories zu gründen. In der Folge wurde Dr. Baker zum ersten Ehrenmitglied gewählt. Der Name des Labors bezog sich auf die Krise, die durch atmosphärische Bedingungen aufkam, hervorgerufen durch schädliche Nebenprodukte der Orgonenergie, die auf nukleare und andere Schadstoffe reagierte. Die Organisation wurde am 7. Dezember 1962 als gemeinnützige Forschungseinrichtung gegründet und eingetragen. Sie umfasst nun sechzehn Mitglieder.

Das Labor fördert seriöse und verantwortungsbewusste Forschung und versucht, wo immer möglich, Aktivitäten entgegenzuwirken, wie z.B. unkoordiniertes Cloud-Busting, die schädlich oder gefährlich sein könnten. Das Letztgenannte haben wir versucht durch die Veröffentlichung der Gefahren im Journal of Orgonomy und in dem Kurs über Wilhelm Reich, angeboten an der New York University, abzuwenden. Leider ist es nicht möglich, Verantwortung einzufordern oder rechtliche Beschränkungen geltend zu machen.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 104-107.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 2: Mathews)

13. November 2020

Antwort von Professor Paul Mathews
 

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich Myron Sharaf voll und ganz zustimme, dass wir die Untersuchung des Einflusses von Karl Marx auf Wilhelm Reich nicht verhindern oder ausschließen sollten. Genau das meinte ich mit dem „historischen Interesse“ an Reichs frühen marxistischen Schriften. Es tut mir leid, dass ich den Eindruck erweckte, wir sollten uns ihnen verschließen und uns niemals mit ihnen befassen.

Dennoch war es, wie Dr. Sharaf richtig feststellt, in der Tat meine Absicht, mich auf die Motivationen der Herausgeber dieses Bandes zu konzentrieren und unvorsichtige Leser vor deren Hintergedanken zu warnen, Reich mit einer Bewegung der Neuen Linken in Verbindung zu bringen, die ihm ein Gräuel war. Auch dies passt zu Reichs eigenem Eindruck, dass scheinbar freundliche Schriften – in diesem Fall seine eigenen – gegen das Wohl der Orgonomie verwendet werden könnten. Diese Enthüllung schien mir von größter Bedeutung zu sein und tut es immer noch.

Dies bedeutet nicht, dass diese Schriften keinen funktionellen oder pragmatischen Wert haben, aber wie Dr. Sharaf sehr wohl weiß, hat sich die Orgonomie schließlich sogar noch weiter von Marx und dem Marxismus entfernt als von der Psychoanalyse. Wir verwenden immer noch eine stattliche Anzahl von Freuds Konzepten, um unsere therapeutischen Ziele zu verstehen und umzusetzen, während Reich, abgesehen von den von Sharaf angeführten Zitaten, sagte: „Ich glaube, daß von der Marxschen Lehre nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehen bleiben wird.“ (People in Trouble, S. 131d). Soweit wir wissen, hat Reich möglicherweise absichtlich den Begriff „Soziologie“ statt „Marxismus“ verwendet, da er „Psychoanalyse“ nicht in „Psychologie“ oder „Verhaltensforschung“ umbenannt hat.

Ja, jeder Aspekt des historischen Einflusses auf Reich ist genauso interessant wie wichtig, aber es wäre falsch, Bereiche über zu bewerten, die Reich selbst von sich gewiesen hat oder von denen er meinte, dass sie heute nicht mehr bedeutsam sind, sodass man sowohl die gegenwärtige Natur und Stellung der Orgonomie als auch ihre Todfeinde aus den Augen verlieren könnte.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d Menschen im Staat, Stroemfeld Verlag, Frankfurt/M., 1995, S. 20.
People in Trouble, New York, 1976, S. 10.
People in Trouble, Rangeley, Maine, 1953, S. 131.
Die Ausgaben von 1953 und 1976 unterscheiden sich in Teilen voneinander. Das Zitat von Reich steht in der späteren Ausgabe in der Einführung.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 1: Sharaf)

12. November 2020

Brief an den Herausgeber [des Journal of Orgonomy] von Myron R. Sharaf, Ph.D., 1. Juli 1973
 

In seiner Besprechung der Sex-Pol-Essays, 1929-1934 von Wilhelm Reich (herausgegeben von Lee Baxandall), im Journal of Orgonomy, Vol. 7, Nr. 2a, macht Paul Mathews zu Recht auf die tendenziöse Verwendung dieser Schriften durch den Herausgeber für politische Zwecke aufmerksam. Wenn Mathews seine Rezension jedoch auf diesen Punkt konzentriert, unterschätzt er meiner Meinung nach die Bedeutung der Schriften selbst.

Mathews erwähnt, dass die Schriften von „historischem Interesse“ sind und dass sie offenbaren, wie „Reichs funktionelles Denken in das, was er als das fehlerhafte Denken und die fehlerhaften Schlussfolgerungen dieser Periode betrachtete, eindrang“ (S. 122). Die Aufsätze – insbesondere „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ – zeigen jedoch auch, wie brillant Reich die richtigen Einsichten von Marx und Engels genutzt und erweitert hat. Als Reich 1927 sein ernsthaftes Studium des Marxismus begann, war sein eigenes Werk (vgl. Die Funktion des Orgasmus, 1927) an einem Punkt angelangt, an dem er sich auf eine tiefgreifende Kritik statischer psychoanalytischer Konzepte bezüglich „Kultur“ und „menschlicher Natur“ zubewegte. Bei Marx und Engels fand Reich eine dynamische Denkmethode, die den sozialen und kulturellen Wandel betonte und damit die Veränderung der „menschlichen Natur“. Er griff zu mächtigen konzeptionellen Waffen, die er weiter verfeinerte, um die damals vorherrschende psychoanalytische Tendenz zu bekämpfen, soziale und biologische Faktoren zu „psychologisieren“.

Noch im Jahre 1946, also lange nach der Veröffentlichung wichtiger Arbeiten über Orgonenergie, schrieb Reich, dass „der dialektische Materialismus, wie er von Engels skizziert wurde … sich zum biophysikalischen Funktionalismus entwickelte“ (The Mass Psychology of Fascism, 3. Auflage, 1946, S. xxi)b. Und im gleichen Vorwort schreibt Reich, dass „die Psychoanalyse der Vater und die Soziologie die Mutter der Sexualökonomie ist“ (S. xix)c. Im Zusammenhang ist klar, dass Reich mit „Soziologie“ insbesondere den Marxismus meinte.

Wir brauchen dringend sorgfältige Studien über den Einfluss von Marx auf Reich, z.B. die Ähnlichkeiten als auch die Unterschiede, nicht nur in der Auffassung des Gesellschaftlichen, sondern ebenso in der Denkweise der beiden Männer. Die Veröffentlichung einiger der wichtigsten Sex-Pol-Essays von Reich in einer guten englischen Übersetzung erleichtert diese Art von Studium erheblich. Die Fehler von Marx und die späteren abscheulichen Verzerrungen seiner Gedanken (z.B. der Stalinismus und die Angriffe von „Marxisten“ und „Neomarxisten“ auf die Orgonomie) sollten uns nicht von solch genauen Untersuchungen abhalten.

Um eine Analogie zu verwenden, die auf der Beziehung zwischen Freud und Reich basiert: Psychoanalytiker irren sich gewaltig, wenn sie Reichs analytische Beiträge in den 1920er Jahren als seine „guten“ Publikationen ansehen, denen später eine Degeneration folgte. So auch die „Neue Linke“, wenn sie Reichs Engagement für die marxistischen Parteien in den frühen 1930er Jahren verherrlicht und die späteren Entwicklungen seines wissenschaftlichen und sozialen Denkens verunglimpft. Diejenigen von uns, die seine Arbeit in ihrer Gesamtheit schätzen, irren sich jedoch, wenn wir Marxens Einfluss auf Reichs Entwicklung minimieren, wie wir es auch tun würden, wenn wir den enormen Einfluss von Freud herunterspielten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Muss Nr. 1 heißen.

b Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 24. „Der dialektische Materialismus, den Engels in seinem Anti-Dühring in den Grundzügen entwickelt hatte, entwickelt sich zum energetischen Funktionalismus.

c Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 22. „Die Psychoanalyse ist die Mutter, die Soziologie der Vater der Sexualökonomie.“ In der Übersetzung sind Vater und Mutter vertauscht.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 3)

16. September 2020

von Paul N. Mathews

 

Der Rest des Buches ist einer von Abneigung geprägten Sicht auf die Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren gewidmet, mit ihrer Verurteilung von Alger Hissb als Meineidigem auf Seiten der Roten und der Hinrichtung der „sogenannten ‚Atom-Spione‘ Ethel und Julius Rosenberg“ („auf dem elektrischen Stuhl geröstet“). Er spricht verächtlich von Eisenhower, als „einen Kriegsgeneral, der kaum das Wort ’nuklear‘ aussprechen kann und der Präsident werden soll“. Aus diesem Grund, meint Mairowitz, „kann ein bösartiger Kommunismus-Renegat wie Reich jetzt gar nicht anders, als kräftig in die Schmähungen gegen ‚Rote Faschisten‘, ‚Heckenschützen‘ der Kommunistischen Partei und ‚Chinesische Rote Teufel‘ einzustimmen“. Mairowitz glaubt den letzteren Beschreibungen offensichtlich nicht. Für ihn ist man „bösartig“, wenn man antikommunistisch ist. Interessanterweise habe ich den Begriff „bösartig“ zur Beschreibung eines Nazigegners noch nie verwendet gesehen. Reich wird der Mystifizierung der Kinder beschuldigt, das Konzept der emotionellen Pest leite sich aus seiner „theologischen Vision“ ab, die eine „Quelle des Bösen“ erfordert – und anderen solchen Unsinn. Auf alle Fälle zeugt dieser letzte Teil des Buches von der offensichtlichen linken Orientierung des Autors, auch wenn er in bestimmten Passagen kritisch gegenüber der Linken sein kann – aber als freundlicher Kritiker. Etwas, was er jedoch niemals im Fall der Rechten ist.

Das Buch endet mit dem schließlichen Tod Reichs nach der Verfolgung und dem Prozess durch die FDA. Es gereicht dem Autor zur Ehre, daß er die Nachwirkungen von Reichs Tod in einem „Epilog“c erzählt, in dem er den Missbrauch von Reichs Sexualtheorien durch die Neue Linke, die reaktionären sexuellen Vorstellungen des pädiatrischen Helden der Linken, Dr. Benjamin Spock, und den Wahnsinn derjenigen beschreibt, die Reich als „Irren“ bezeichneten – all dies sollte deutlich machen, was ich mit den „Unklarheiten und Zweideutigkeiten“ des Autors meine.

Dies wird noch durch seine „Schlussbemerkung“ unterstrichen, in der er seine europäische, wiewohl britische, Überlegenheit gegenüber Reichs „derzeitigen Treuhändern, Herausgebern, Übersetzern usw. zeigt, [die] vor allem Amerikaner sind, die ihn erst gegen Ende seines Lebens [d.h. seiner Orgonphase] kannten und die im Allgemeinen seine ‚antipolitische‘ Voreingenommenheit teilen“. Er informiert und warnt seine Leser, dass die gegenwärtige Arbeit der „Reichianer“ sich „nur aus einem schmalen Bereich Reichs entwickelt. Sie spiegeln die eher ‚private‘ Phase von WR wider. Sie sind nicht die Erbsöhne des Mannes, der illegale Abtreibungen (usw.) arrangierte, oder gar des ‚Verrückten‘, der sagte: ‚Wir werden lernen, den mörderischen Formen der Atomenergie die lebensfördernde Funktion der Orgonenergie entgegenzusetzen, um sie damit unschädlich zu machen.’“

Er wirft also die „Neo-Reichianer“ und die „Post-Reichianer“ in einen Topf mit den Orgonomen und versucht, die Ziele der Orgonomie zu ändern, von der Arbeit für den Wandel durch die Erziehung gesünderer Kinder und die Wiederherstellung der Genitalität bei nicht gesunden Menschen hin zu einem politischen Aktivismus der einen oder anderen Art – genau das Gegenteil von Reichs letztendlichen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Ich persönlich empfand das Comic-Format geschmacklos, als ablenkend und unangemessen für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Materials, das es zu bieten vorgibt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Alger Hiss (1904-1996) war ein amerikanischer Rechtsanwalt und Regierungsbeamter, dem Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde und den 1950 ein Bundesgericht wegen Meineid zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bis zu seinem Lebensende bestritt Hiss die Vorwürfe. Seit der Auswertung sowjetischer Archivmaterialien herrscht unter amerikanischen Historikern die Auffassung vor, dass er Informant der sowjetischen Geheimdienste war. Auch die in Moskau erscheinende Tageszeitung Prawda nannte Hiss einen sowjetischen Spion. (Wiki)

c Zitat aus http://www.lsr-projekt.de/miscwr.html : „Leider fehlen in der deutschen Ausgabe die sieben Seiten des ´Epilogs`, in dem Mairowitz einige Schlaglichter auf die Folgen der fehlgegangenen bzw. ausgebliebenen Rezeption Reichs wirft und auf einige nicht weithin bekannte, aber durchaus wichtige Eigentümlichkeiten der Editionspraxis Reichs und seiner Nachlassverwalter hinweist.“

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen

3. Juli 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 4)

25. April 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Das Reich des Teufels

25. Januar 2020


Die Linke ist die Partei Satans.

Das Reich des Teufels

Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 1)

20. Dezember 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Mit seiner Analyse von Reich und Geza Roheim, dem großen Anthropologen, sowie mit seiner politischen Bereinigung von Freud, scheint Dr. Paul A. Robinson (ein Assistenzprofessor für Geschichte an der Stanford University) in diesem Bucha beweisen zu wollen, dass Marcuse der wahre Erbe von allem ist, was an der freudschen Tradition revolutionär war. Zu diesem Zweck lässt er eine beeindruckende Reihe von wissenschaftlichen Dokumenten und Fakten Revue passieren (und das auch noch in einem extrem intellektuellen Jargon), die er neu interpretiert, um Reich und Roheim als Beispiele für den „Freudschen Linksradikalismus“ hinzustellen und als Sprungbretter für den heutigen Aktivismus der Neuen Linken unter Leitung ihres Chefideologen Marcuse. Authentizität dieses Prozesses der Neuinterpretion kann jedoch nur seiner Betrachtung Marcuses zugesprochen werden, der, laut Robinson, Einsicht ins Manuskript hatte und es wohlwollend abnickte. Seine Behandlung von Roheim erscheint äußerst respektvoll, obwohl er in seinen Interpretationen von Roheims Ansichten und Arbeiten voller Anmaßung ist. Bei seiner Behandlung von Reich zeichnet sich seine bösartige Einstellung jedoch am deutlichsten ab.

Unter Reichs Kritikern und Historiographen kann man zwei Grundtypen ausmachen (anders als bei authentischen orgonomischen Biographen): diejenigen, die ihn schlechtweg für inakzeptabel befinden und ihn entweder für irregeleitet oder verrückt (oder beides) halten, und diejenigen, die nur sein Werk der frühen psychoanalytischen und der charakteranalytischen Zeit für akzeptabel erachten. Auch wenn man unter Letzteren jene findet, die nach eigener Einschätzung Reich gegenüber freundlich gesinnt sind und sogar einige wenige, die sich als „Reichianer“ sehen, sind die Ersteren wegen der fehlenden Zweideutigkeit wohl zu bevorzugen. Es ist viel schwieriger, den Mangel an Objektivität gegenüber und den Hass auf Reich bei Letzteren zu erkennen und das macht es leichter, ihren ungenauen Bewertungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie werden die „Brillanz seiner Vision“ anerkennen, wie Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic,1 aber die Gültigkeit seiner Ergebnisse aus Gründen persönlichen Mystizismus, Moralismus oder Politisierens in Abrede stellen. Die zugrundeliegende Motivation ist Hass auf die Genitalität, wie sie durch Reichs Orgasmus-Theorie bejaht wird. Die Implikationen dieser Entdeckung zu verstehen und zu akzeptieren, wäre für sie äußerst verheerend. Ihre einzige Zuflucht ist daher Verzerrung, Gespött und absichtliche Falschdarstellung (genannt „Neuinterpretation“), wie es Rieff, Robinson und Norman Brown2b und nicht zuletzt der ultimative Held von The Freudian Left, Herbert Marcuse, exemplifizieren.

Wortgewandtheit, Verzerrungen, Irrtümer, Falschdarstellungen und glatte Verleumdung würzen Robinsons Darstellung von Reichs Werk.3 Nachsichtig ist er natürlich was Reichs frühe Periode betrifft, die durch seine Beschäftigung mit dem Marxismus und den Versuch, ihn mit der Psychoanalyse in Einklang zu bringen, gekennzeichnet war: „Aus meiner Sicht ist Reich jedoch hauptsächlich als Sozialphilosoph von Interesse, der vielleicht konsequenter als jeder andere die kritischen und revolutionären Implikationen der psychoanalytischen Theorie herausgearbeitet hat“ (S. 10). Er geht aber auch kurz auf Reichs eigene Abkehr von dieser Phase seines Denkens ein und betrachtet diese im Einklang mit dessen „verrückter“ Exkursion in die Orgonomie sowie dessen Antikommunismus: „Während Reichs politische Ideen utopisch waren, können seine biologischen und kosmologischen Spekulationen nur als geisteskrank bezeichnet werden“ (S. 59).

 

Fußnoten:

1 New York; Harper and Row, 1966. (Besprochen in Jg. 2, Nr. 2 dieser Zeitschrift.)

2 In seinem Life Against Death (New York: Vintage Press, 1959).

3 In Anbetracht dessen kann man die Tatsache nicht erklären, dass der Wilhelm Reich Infant Trust Fund dem Autor die Erlaubnis erteilt hat, aus Reich zu zitieren, wie in den Danksagungen des Buches angegeben.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Paul A. Robinson: The Freudian Left, New York: Harper and Row, 1969. Zu lesen unter https://archive.org/details/freudianleftwilh00robi

b Deutsch unter Zukunft im Zeichen des Eros, Neske Verlag 1962.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Paul Mathews: People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest

1. November 2019

 

Paul Mathews:
People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest

 

Über Panzerung, Krieg und Frieden

6. Juni 2019

 

Paul Mathews:
Über Panzerung, Krieg und Frieden