Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 6)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Reichs Triebhafter Charakter

Der Begriff „Psychopath“ bedeutet für viele Menschen mehrere Dinge. Die vielleicht populärste Vorstellung ist die des skrupellosen Hedonisten, der seinen Impulsen nachgeht, ohne das geringste Schuldgefühl oder Skrupel zu haben. In Wirklichkeit ist das Bild viel komplizierter und wird oft mit anderen Diagnosetypen vermischt. Hier kann Reichs Monographie ein beträchtliches Licht auf die Ätiologie und die hervorstechenden Merkmale dieses Typs werfen.

Nach Reich ist das Kennzeichen des Triebhaften ein schwerer Defekt in seiner Fähigkeit, Verdrängungsmechanismen zu nutzen. Er steht dabei im Kontrast zum triebgehemmten Neurotiker, der sich stark auf Verdrängungsmechanismen stützt, um sich gegen den Durchbruch unbewusster Wünsche zu wehren. Der letztere Typus kann Ängste binden, der erstere nicht.

Aber die Fähigkeit, Angst zu binden, wenn auch oft im Dienste der Neurose, zeugt immer noch von einem gewissen Maß an Ich-Reife. Hierin liegt ein zweites Unterscheidungsmerkmal: Der triebhafte Charakter leidet unter schweren Entwicklungsdefekten des Ichs. So ist der größte Teil seiner libidinösen Energie auf einem sehr primitiven Entwicklungsstadium festgelegt und er behält ein übermäßiges Maß an Narzissmus bei. Während sich alle prägenitalen Stadien bis hin zum Phallischen in seiner Struktur widerspiegeln, zeigt er eine extreme Instabilität und Brüchigkeit, ganz anders als jeder andere Typ. Die Fähigkeit zu sinnvollen Objektbeziehungen ist nicht entwickelt. Was an Objekten vorliegt, dient lediglich als Versorgungslieferant. Der Neurotiker zeigt ebenfalls viele prägenitale Komponenten, aber aufgrund seiner Fähigkeit, Energie zu binden, leidet er nicht unter der extremen Instabilität des Triebhaften. Der Triebhafte wird von sekundären (d.h. sadistischen, destruktiven) Trieben bombardiert, die seine unreife Ich-Struktur nicht eindämmen kann, während der Neurotiker in der Lage ist, eine Reaktionsbildung herbeizuführen, die den Durchbruch der antisozialen Triebe verhindert.

Aufgrund der Unreife des Ichs funktioniert der Triebhafte hauptsächlich nach dem Lustprinzip, d.h. sofortiger Befriedigung. Seine Frustrationstoleranz ist sehr gering. Gleichzeitig fehlt ihm aufgrund der gestörten libidinösen Ökonomie die Fähigkeit, Spannungen effektiv abzubauen. In Folge leidet er unter einer übermäßigen Ladungsspannung, die er weder, wie der Neurotiker, binden noch verdrängen kann. Das Ausagieren wird dann zu seiner einzigen Möglichkeit der Entladung.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

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4 Antworten to “Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 6)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „Die vielleicht populärste Vorstellung ist die des skrupellosen Hedonisten, der seinen Impulsen nachgeht, ohne das geringste Schuldgefühl oder Skrupel zu haben.“
    Das wird heute noch immer, besonders in Kriminalfilmen und -büchern, kolportiert.

    „Die Fähigkeit zu sinnvollen Objektbeziehungen ist nicht entwickelt. Was an Objekten vorliegt, dient lediglich als Versorgungslieferant.“
    Das sticht besonders bei Drogensüchtigen hervor, bei denen alle Objektbeziehungen nur zur Drogenversorgung dienen.

    „Der Triebhafte wird von sekundären (d.h. sadistischen, destruktiven) Trieben bombardiert, die seine unreife Ich-Struktur nicht eindämmen kann, während der Neurotiker in der Lage ist, eine Reaktionsbildung herbeizuführen, die den Durchbruch der antisozialen Triebe verhindert.“
    Ich frage mich, wie weit unsere Gesellschaft schon in diese Richtung gewandert ist.

    „…aufgrund der gestörten libidinösen Ökonomie“
    Freud sprach auch von Libidoökonomie, warum aber dann das neue Wort Sexualökonomie? Weil der soziopolitische Einfluss jetzt zusätzlich analysiert wird – die gesellschaftlichen Faktoren.

    • Peter Nasselstein Says:

      Auch Freud sprach sowohl von individueller als auch gesellschaftlicher „Libidoökonomie“, etwa was Drogenkonsum betraf. Der Bruch trat ein, als Reich Klartext redete und das auf die Sexualität „verkürzte“ und auf die Funktion des Orgasmus zuspitzte. Freud mußte auch den Eindruck gewinnen, daß Reich dergestalt Freiraum für den Marxismus schaffen wollte, denn die „Libidoökonomie“ sollte natürlich schlichtweg alles erklären. Das Pflügen des Bauerns war beispielsweise ein inzestuöser Akt an der „Muttererde“. Die Sexualökonomie hat derartigen Unsinn in die Schranken gewiesen. Siehe DER EINBRUCH DER SEXUELLEN ZWANGSMORAL im Vergleich zu DAS UNEBEHAGEN IN DER KULTUR.

    • Robert (Berlin) Says:

      Das Unbehagen in der Kultur:

      „Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben.“

    • Peter Nasselstein Says:

      Bei Freud sind Drogen „direkt“ Libidoökonomie, während das bei Reich nur über den Umweg über die Sexualität der Fall ist: Drogen sind die Ersatzbefriedigung orgastisch Impotenter.

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