Posts Tagged ‘libidinöse Energie’

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 7)

28. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

In Der triebhafte Charakter untersuchte Reich die Genese dieser Störung sehr detailliert anhand von Fallgeschichten seiner klinischen Patienten. Zu dieser Zeit (1925) bewegte er sich noch innerhalb des psychoanalytischen Rahmens (wenngleich in der Monographie bereits Andeutungen seiner Abkehr erkennbar sind). So sind, erklärt der junge Reich, Triebunterdrückung und Sublimierung die Eckpfeiler der Kultur. Das infantile Lust-Ich muss eine Versagung erfahren, damit Reifung stattfinden kann. Damit einher geht die Etablierung der Realitätsprüfung und die Bildung von Objektbeziehungen. Aber jede Versagung führt zu einer Aufspaltung der libidinösen Energie. Einem Säugling die Brust anzubieten und sie ihm dann wieder zu entziehen stellt zum Beispiel die Dualität von Triebbefriedigung und Triebverweigerung dar – das früheste Modell für Ambivalenz. (Zu dieser Zeit wurde allgemein angenommen, dass ohne Ambivalenz keine psychische Entwicklung stattfinden könne.) Reich schlug vier mögliche Verläufe der Ambivalenz vor, wobei alle bis auf den ersten zu einem pathologischen Ergebnis führen:

1. Bei einer liebevollen Bezugsperson erfährt der Säugling partielle Triebbefriedigung und partielle Versagung und entwickelt dadurch allmählich eine gewisse Fähigkeit zur Verdrängung. Das Kind kann die Versagung aufgrund seiner Liebe zur Bezugsperson tolerieren; die partielle Verdrängung lässt anschließend Raum für die Ersatzbefriedigung des Triebes.

2. Das Kind erfährt gleich zu Beginn eine vollständige (und nicht nur allmähliche) Triebfrustration, z.B. durch harte Entwöhnung oder totale Einschränkung der Masturbation. Dies führt zu einer totalen Verdrängung, wobei die Ambivalenz den Hass bevorzugt. Die Fähigkeit zur Liebe ist stark beeinträchtigt und es entsteht ein zwanghafter Charakter.

3. Im frühesten Stadium besteht eine völlige Abwesenheit von Triebfrustration. Das Kind wächst z.B. ohne Aufsicht und mit uneingeschränkter Triebbetätigung auf, nur um später im Leben in einen schweren Konflikt mit der Umwelt zu geraten. Vor einem solchen Hintergrund entstehen die kriminellen Typen.

4. Einer ausgiebigen frühen, uneingeschränkten Triebbefriedigung steht eine plötzliche, verspätete Triebfrustration brutaler, traumatischer Natur gegenüber. Daraus entsteht der Triebhafte, der in der Regel eine Vorgeschichte von unbeständiger Erziehung besitzt und früh der Sexualität von Erwachsenen ausgesetzt ist.

Beim Triebhaften wird die Sexualität in einem abnorm frühen Stadium stimuliert und ausgelebt. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem Selbstregulationsansatz, der den Ausdruck der kindlichen Sexualität auf einem altersgemäßen (und energetisch angemessenen) Niveau zulässt. Aus den Fallgeschichten wird ersichtlich, dass Reichs triebhafte Patienten ein pornografisches sexuelles Umfeld erlebten, in dem die Betreuer oder Außenstehende Überstimulation offerierten und sexuellen Missbrauch, einschließlich Inzest, ausübten. Sie waren folglich sexuell sehr überladen und überstimuliert. Von gesunder Genitalität konnte hier aber keine Rede sein, sondern eher von einer Eruption prägenitaler Triebe und polymorph-perverser Neigungen.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 6)

26. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Reichs Triebhafter Charakter

Der Begriff „Psychopath“ bedeutet für viele Menschen mehrere Dinge. Die vielleicht populärste Vorstellung ist die des skrupellosen Hedonisten, der seinen Impulsen nachgeht, ohne das geringste Schuldgefühl oder Skrupel zu haben. In Wirklichkeit ist das Bild viel komplizierter und wird oft mit anderen Diagnosetypen vermischt. Hier kann Reichs Monographie ein beträchtliches Licht auf die Ätiologie und die hervorstechenden Merkmale dieses Typs werfen.

Nach Reich ist das Kennzeichen des Triebhaften ein schwerer Defekt in seiner Fähigkeit, Verdrängungsmechanismen zu nutzen. Er steht dabei im Kontrast zum triebgehemmten Neurotiker, der sich stark auf Verdrängungsmechanismen stützt, um sich gegen den Durchbruch unbewusster Wünsche zu wehren. Der letztere Typus kann Ängste binden, der erstere nicht.

Aber die Fähigkeit, Angst zu binden, wenn auch oft im Dienste der Neurose, zeugt immer noch von einem gewissen Maß an Ich-Reife. Hierin liegt ein zweites Unterscheidungsmerkmal: Der triebhafte Charakter leidet unter schweren Entwicklungsdefekten des Ichs. So ist der größte Teil seiner libidinösen Energie auf einem sehr primitiven Entwicklungsstadium festgelegt und er behält ein übermäßiges Maß an Narzissmus bei. Während sich alle prägenitalen Stadien bis hin zum Phallischen in seiner Struktur widerspiegeln, zeigt er eine extreme Instabilität und Brüchigkeit, ganz anders als jeder andere Typ. Die Fähigkeit zu sinnvollen Objektbeziehungen ist nicht entwickelt. Was an Objekten vorliegt, dient lediglich als Versorgungslieferant. Der Neurotiker zeigt ebenfalls viele prägenitale Komponenten, aber aufgrund seiner Fähigkeit, Energie zu binden, leidet er nicht unter der extremen Instabilität des Triebhaften. Der Triebhafte wird von sekundären (d.h. sadistischen, destruktiven) Trieben bombardiert, die seine unreife Ich-Struktur nicht eindämmen kann, während der Neurotiker in der Lage ist, eine Reaktionsbildung herbeizuführen, die den Durchbruch der antisozialen Triebe verhindert.

Aufgrund der Unreife des Ichs funktioniert der Triebhafte hauptsächlich nach dem Lustprinzip, d.h. sofortiger Befriedigung. Seine Frustrationstoleranz ist sehr gering. Gleichzeitig fehlt ihm aufgrund der gestörten libidinösen Ökonomie die Fähigkeit, Spannungen effektiv abzubauen. In Folge leidet er unter einer übermäßigen Ladungsspannung, die er weder, wie der Neurotiker, binden noch verdrängen kann. Das Ausagieren wird dann zu seiner einzigen Möglichkeit der Entladung.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 3)

19. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Für Freud war die „psychische Energie“ eine Metapher, während sie für Reich eine physische objektive Existenz als „Orgonenergie“ hatte, die er experimentell nachweisen konnte. Reich argumentierte, dass ein Mensch zur Erhaltung seiner Gesundheit einen geordneten Energiestoffwechsel haben müsse, was eine periodische Entladung durch einen genitalen Orgasmus erforderlich mache. Die Fähigkeit dazu bedeutete emotionale Reife (Genitalprimat) und Freiheit von somatischer Panzerung (pulsierende Motilität). In Ermangelung dieser Fähigkeit wurde die libidinöse Energie im Organismus aufgestaut (Stase) und bildete den somatischen Kern der Neurose. Als Hauptursache dieser Stauung sah er die sexuelle Unterdrückung.

Mit dieser Ansicht entfernte sich Reich radikal vom analytischen Rahmen (obwohl er einen großen Teil von Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung beibehielt). Es ist außerdem diese Sichtweise, die größtenteils den Anlass zu den Entstellungen und Fehlinterpretationen über Reich geführt hat. Während Freud das Kind als triebdominierte Bestie sah, die durch sexuelle Unterdrückung (Frustration des ödipalen Inzestwunsches) gezähmt werden muss, sah Reich in der sexuellen Repression die Wurzel der Krankheit des Menschen.

Einer von Freuds monumentalen Beiträgen war die Entdeckung von sexuellen Regungen in der Kindheit; eine Enthüllung, die die wissenschaftliche Welt auf den Kopf stellte. Zu diesen Regungen gehörten nicht nur alle Arten von „polymorph-perversen“ Tendenzen, sondern auch die berühmte und schockierende Enthüllung des Ödipus-Komplexes, wonach das Vierjährige den Elternteil des anderen Geschlechts begehrt und seinen Rivalen, den gleichgeschlechtlichen Elternteil, eliminieren möchte. Er vertrat ferner die Ansicht (obwohl nicht alle Analytiker ihm zustimmten), dass destruktive Triebe mitsamt den sexuellen ebenfalls angeboren (d.h. primär) seien. Daher sei Verdrängung unbedingt erforderlich, um die Schaffung hedonistischer Wilder zu vermeiden, die keinerlei integrierte moralische Abschreckung aufweisen. Kultur und Moral könnten ohne sie nicht existieren.

Reich hingegen hatte eine rousseauistische Sichtweise: Der Mensch im Zustand der Natur ist inhärent gut. Wenn man den Menschen in Harmonie mit der Natur erzieht, wird das Ergebnis gut sein. Aber das erfordert eine einheitliche Sicht des Menschen, die seine dualen Aspekte, psychologisch und physisch, zu einer einzigen Gesamtheit vereint, die von Energiefunktionen reguliert wird. Der Mensch ist ein pulsierendes Wesen, dessen Energie ständig Psyche und Soma, Kern und Peripherie aktiviert. Darüber hinaus erzeugt er kontinuierlich ein Orgonenergiefeld, das mit dem der anderen sowie mit dem atmosphärischen Orgon in Resonanz steht und interagiert.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]