Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 7)

von Robert Hase

Im weiteren Verlauf seines Artikel erklärt Reich das Wesen der Arbeitsdemokratie, wie etwa, dass seine Assistenten im Labor, das der Erforschung der Bione gewidmet ist, deshalb zu ihm kämen, weil sie an der Arbeit interessiert sind. Einer blieb jahrelang, weil er sein Interesse praktisch anwenden konnte. Der andere wollte nur Angestellter sein, ohne verantwortliches Interesse an der Arbeit zu haben, während ein Dritter nur „berühmt“ werden wollte, ohne praktische Leistung, so dass er bald von selbst ausschied.

Ein Arzt kehrte in sein Land zurück und begann spontan mit dem Aufbau einer sexualökonomischen Kinderkrippe. Im Anschluss lernte Reich so viel von dessen Erfahrungen, wie der Arzt zuvor von seinen gelernt hatte. Reich hatte ihn nicht angewiesen, dieses Unterfangen zu beginnen und hatte es nicht einmal vorgeschlagen. Der Arzt hatte selbst Kinder. Deren Entwicklung, verbunden mit seinem beruflichen Interesse, brachte ihn auf den Gedanken eines sexualökonomischen Studiums von Kleinkindern.

„Es gibt also objektive biologische Arbeitsinteressen und Arbeitsfunktionen, die die menschliche Zusammenarbeit regeln können. Fachgerechte Arbeit organisiert ihre Funktionsformen organisch und spontan“, wenn auch nur allmählich, tastend und oft mit Fehlern. Im Gegensatz dazu gingen die politischen Organisationen mit ihren „Kampagnen“ und „Plattformen“ ohne jeden Zusammenhang mit den Aufgaben und Problemen des täglichen Lebens vor.

Eine Gruppe von Sozialisten in Holland, die Reich nicht persönlich kannte, veröffentlichte Werke über politische Psychologie und hatte bald viele Anhänger in verschiedenen Städten. Da sie aber zum Teil auf der Grundlage parteipolitischer Prinzipien arbeiteten, gab es bald Streit, Ideologiebildungen und leere, formale Organisationspolitik und die Bewegung zerfiel. Hier im Nachrichtenbrief wurden die Vorworte dieser Gruppe zu Reichs Die Sexualität im Kulturkampf publiziert. (6)

Nach der Beschreibung der international verbreiteten Sexualökonomie und ihrer Kreise, erklärt Reich, warum Diskussionen ohne praktische Kenntnisse nichts bringen.

Zum Auseinanderklaffen von politischem Vorgehen und sachlicher Arbeit erzählt er das folgende Beispiel. In der alten Sexpol wäre es üblich gewesen, wissenschaftliche Fragen in der Art formal-demokratischer Parteiorganisationen zu „diskutieren“. Reich erinnerte sich an ein Treffen Anfang 1936, nach der Entdeckung der Bione, in dem er eine Diskussion unter politisch Orientierten anregte. Er zeigte einen Film über das Bion und erklärte das Prinzip. In der Diskussion wurden alle möglichen Meinungen, Einwände und Zweifel geäußert, alle ohne jede sachliche Grundlage. Daraus lernte er folgende Tatsache: „Sachliche Prozesse können nicht diskutiert werden, wenn die Teilnehmer nicht selbst praktisch arbeiten und praktische Erfahrungen haben“. In Deutschland und Österreich war es üblich gewesen, dass Parteipolitiker über Geburtenkontrolle, Sozialmedizin, Erziehungsmethoden usw. abstimmten. „Was für ein Unsinn!“, meint Reich zu diesem Sachverhalt. Wie könne ein Amtsträger oder Gewerkschaftsfunktionär bestimmen, welche Maßnahmen in der Sozialmedizin gut oder schlecht sind? Wie könne ein Parteisekretär die Anforderungen an eine Mentalhygiene-Organisation kennen? Aber in Deutschland und Österreich hinge diese Art von Arbeit von der Mentalität eines Parteisekretärs ab, und zwar von einem neurotischen obendrein. Das praktische Ergebnis war dem Zufall überlassen: ob dieser oder jener Funktionär ein menschlich offener oder ein asketischer Charakter war. Allein diese Tatsache hätte in vielen gesellschaftlichen Bereichen unermesslichen Schaden angerichtet.

Reich beschreibt nun seine Zusammenarbeit mit A.S. Neill und Theodore Wolfe im Rahmen der Arbeitsdemokratie.

Nur seine geschulten und praktisch tätigen Assistenten könnten mit ihm zusammen die Aufgabenstellung der Orgonforschung bestimmen. Nur Neills Schüler und Lehrer könnten zusammen mit ihm das Schicksal der Summerhill School bestimmen, nicht Reich oder der Sekretär des Orgone Institute oder der Leiter der Orgone Institute Press. Solange Neills Erziehungsmethoden sachlich in Richtung Selbstregulierung wirkten und solange Reich im Orgon-Institut sachlich mit ihm in Kontakt stände, funktionierte das arbeitsdemokratische Verhältnis. Sollte Neill morgen autoritäre Bestrafungsmethoden einführen, während Reich weiterhin für Selbstregulierung eintritt und körperliche Bestrafung als gefährlich betrachte, oder, umgekehrt, sollte Reich für die Unterdrückung infantiler Sexualität eintreten, während Neill weiterhin an Selbstregulierung und Sexualbejahung festhielte, würde die Zusammenarbeit automatisch enden. Um sich von ihm zu trennen, bräuchte Neill nicht gegen ihn zu hetzen oder ihn erschießen. Die Beziehung würde sich von selbst auflösen, denn es gäbe kein gemeinsames Interesse und keine wechselseitige Verstärkung des Funktionierens mehr.

Ein weiteres Beispiel, das Reich präsentiert, ist sein Mitarbeiter Wolfe, der sich um The International Journal of Sex-economy and Orgone Research kümmerte. Das Interesse an der Zeitschrift hatten beide mit den anderen Mitarbeitern des Instituts gemeinsam. Solange Wolfe seine Arbeitsfunktion ausfüllt und Reich und andere Artikel schreiben, die den Anforderungen der Arbeit entsprechen, bestehe das arbeitsdemokratische Verhältnis fort. Es mochten zwar diese oder jene Meinungsverschiedenheit auftreten, „aber die Funktion des Journals hat Vorrang“, sie allein bestimmt den Verlauf der Arbeit. Es mögen Meinungsverschiedenheiten über den Umfang oder den Charakter der Publikationen geben, aber all dies bliebe im Rahmen des rationalen Arbeitsinteresses. Wenn aber Wolfe eine schlechte redaktionelle oder publizistische Arbeit machen würde, wenn er das Journal für persönliche statt für sachliche Zwecke benutzen würde; oder wenn Reich seine wissenschaftliche Arbeit nicht im Interesse der Forschung und der Entwicklung des Gesamtwerkes machte, wenn er sie z.B. zur Erlangung eines Nobelpreises modifizieren würde, also irrationale Motive in die Arbeit einfließen lasse, würde das arbeitsdemokratische Verhältnis zusammenbrechen und das Journal mit ihm.

Fußnoten

(6) Siehe auch https://archive.org/details/reichseksualiteitennieuwecultuur/mode/2up

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18 Antworten to “Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 7)”

  1. Kim Says:

    Das mit dem Nobelpreis verstehe ich nicht ganz… Oder geht es dabei um mechanistische Wissenschaft seitens des Nobelkomitees?

  2. Christian Says:

    Sehr geehrter Herr Nasselstein,

    Können Sie als erfahrener Sexualökonom uns im Nachrichtenbrief bitte erklären, WIE man „Sex mit Maske und zwei Metern Abstand“ haben kann???

    Schon rein technisch… Die Geschlechtsorgane dürfen sich vereinigen, nur die maskierten Gesichter müssen dabei zwei Meter voneinander entfernt sein – ich sage nur: AEROSOLE!!!

    Können Sie unseren ausgehungerten Olypioniken dazu wohl ein paar politisch korrekte Stellungen vorschlagen, damit es zu keinen akuten Stauungsneurosen kommt?

    Ein Mann von Welt wie Sie, Reichianer noch dazu, weiß da doch sicher Rat!

    —-

    Sex bei Olympia 2021 nur mit Maske und 2 Meter Abstand

    Die Organisatoren haben den Sportlern mehr oder weniger ein Sex-Verbot auferlegt. Denn eine der seltsamen Olympia-Regeln besagt, dass die Athleten Sex nur mit einem Abstand von zwei Metern und Maske praktizieren dürfen. Denn: „Masken dürfen nur zum Essen, Trinken und Schlafen abgelegt werden“ und „Es gilt zu jeder Zeit ein Mindestabstand von zwei Metern“ heißt es dazu im Regelbuch für die Olympia-Teilnehmer.

    https://www.news.de/sport/855928118/susan-tiedtke-packt-ueber-sex-wahrheit-bei-olympia-aus-ex-weitspringerin-verraet-was-athleten-dorf-wirklich-laeuft/1/

    Die seltsamen Regeln im Athleten-Dorf Olympia-Sex nur mit Maske und Abstand

    Sie haben (ja)panische Angst vor Corona!

    In neun Tagen beginnen in Tokio mit einem Jahr Verspätung die Olympischen Spiele (23. Juli bis 8. August). Um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, haben sich die Veranstalter unendlich viele Regeln ausgedacht.

    Eine davon: Während der Spiele gilt Sexverbot! Zumindest, wenn man ihn auf herkömmliche Art und Weise praktizieren möchte…

    Sie sind beliebt wie nie! Die Live-Wette. BILD sprach mit einem Wett-Profi über die Fallen und Chancen bei einer Live-Wette.

    Im Regelbuch für alle Teilnehmer steht: „Vermeiden Sie unnötige Formen des körperlichen Kontakts.“ Außerdem: „Masken dürfen nur zum Essen, Trinken und Schlafen abgelegt werden.“ Und: „Es gilt zu jeder Zeit ein Mindestabstand von zwei Metern.“

    So sah es 2016 bei Olympia noch

    Sex also nur mit Maske und zwei Metern Abstand?

    Theoretisch möglich. Aber viel Spaß dabei. Wer gegen die Regeln verstößt, muss mit einem Ausschluss von den Spielen rechnen – und das ist kein Witz.

    Es klingt also, als lägen die 160 000 Kondome im olympischen Dorf für die 18 000 Sportler völlig umsonst bereit. Die Benutzung soll erst „nach den Olympischen Spielen erfolgen“, verlangen die Japaner. Ob sich jeder daran hält?

    Es ist kein Geheimnis, dass es im olympischen Dorf traditionell hoch hergeht. Viele Sportler, die mit ihren Wettkämpfen durch sind, konzentrieren sich auf hautnahe Völkerverständigung und Partyleben. Das gehört zu Olympia. Doch in Japan wird alles anders sein.

    Seit Dienstag können Athleten ins olympische Dorf einziehen. Pandemie-Aufpasser sollen dann genau kontrollieren, wer mit wem aufs Zimmer verschwindet.

  3. Christian Says:

    Capital Bra ist ukrainischer Staatsbürger und besitzt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

    Mit dem öffentlich-rechtlichen YouTube-Format STRG_F sprach Capital Bra im September 2020 über seine langjährige Abhängigkeit vom Schmerzmittel Tilidin. Er warnte in dem Interview vor den Folgen der Sucht, da diese für ihn gravierend gewesen seien. STRG_F hatte zuvor eine Dokumentation über den Missbrauch von Tilidin als Rauschdroge veröffentlicht. Die Reportage wies darauf hin, dass das Schmerzmittel mehrfach in Songs von Capital Bra thematisiert wird. Dieser hatte daraufhin die Journalisten kontaktiert.

    Laut Experten sollen die Tilidin-Verschreibungen unter 15- bis 20-Jährigen zuletzt um das 30-fache angestiegen sein, was laut STRG_F mit der Popularität von Deutschrap-Songs über Tilidin zusammenhängen könnte.

  4. Robert (Berlin) Says:

    Was ist praktische Arbeitsdemokratie?

  5. Peter Nasselstein Says:

    Wir werden von dem allerletzten Gesindel regiert!

    Oder wie Tim Kellner auf Facebook schrieb:

    Armin Laschet, Sie sind eine asoziale Schande für Deutschland!
    Es ist ein unfassbares und unbegreifliches schamloses Verhalten!
    Der Kanzlerkandidat der CDU Armin Laschet lacht herzhaft während der Rede für die Flutopfer.
    Wie asozial kann ein Mensch sein?
    Wie erbärmlich, würdelos, charakterlos, ohne jegliche Empathie oder Anstand?
    Unzählige Menschen sind gestorben und unzählige Tiere qualvoll verendet.
    Familien haben ihren gesamten Besitz verloren und unermessliches Leid ist über so viele hereingebrochen.
    Und dieser Asoziale namens Laschet hat nichts Besseres im Sinn als herzhaft im Hintergrund zu lachen!
    Amin Laschet,
    Sie sind ein Asozialer!
    Sie sind eine unbeschreibliche Schande für dieses Land!
    Sie sind ein Heuchler, ein Lügner und ein ehrenloser Mensch!
    Schämen Sie sich in Grund und Boden!
    Treten Sie zurück und verschwinden Sie!
    Mir wird schlecht, wenn ich so etwas sehen muss.
    Sie und Ihresgleichen sind eine Bande von Heuchler.
    Und ich sage es euch allen da draußen:
    Unsere Freiheit ist unser höchstes Gut!
    Niemand wird sie uns nehmen!
    Keine Heuchler, Lügner und Angstmacher werden uns jemals beherrschen!
    Lasst Euch keine Angst machen von Ihnen mit ihren Panikbotschaften.
    Angst hat schon immer die Massen regiert.
    Wenn wir zusammenstehen, müssen wir vor gar nichts jemals Angst haben.
    Vergesst das niemals!
    Wir sind Deutsche!
    Deutschland immer zuerst!

    • Robert (Berlin) Says:

      Was ist an toten Menschen und Tieren so wahnsinnig witzig?

    • Robert (Berlin) Says:

      Dummer Landwirt – CIS-Mann – kapiert nicht, dass Gendertoiletten Priorität haben vor Banalitäten wie Katastrophen

    • Robert (Berlin) Says:

      Die Flut, die Plünderungen und die Migration.

      Die Flutkatastrophe überschwemmt gerade Österreich und Deutschland. Neben der nationalen Solidarität erleben wir auch, anders als im Jahr 2013, zahlreiche Plünderungen.

      Was ist der Grund dafür? Was ist die Basis für eine krisensichere solidarische Gesellschaft. Martin Sellner geht diesen Gedanken nach.

  6. Peter Nasselstein Says:

    Bei t-online heute als eine der wichtigsten Meldungen des Tages: „Mann erschlägt Möwe mit Kinderspaten“ sic!

  7. Peter Nasselstein Says:

    Das System hat seine Prioritäten, nämlich die Erhaltung des Systems, nicht die Menschen, die dieses System aufrechterhalten. Grosteske und verachtenswerte Figuren wie Laschet müssen geschützt werden, nicht etwa die von einer Naturkatastrophe betroffenen Bürger:

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