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Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 7)

15. Juli 2021

von Robert Hase

Im weiteren Verlauf seines Artikel erklärt Reich das Wesen der Arbeitsdemokratie, wie etwa, dass seine Assistenten im Labor, das der Erforschung der Bione gewidmet ist, deshalb zu ihm kämen, weil sie an der Arbeit interessiert sind. Einer blieb jahrelang, weil er sein Interesse praktisch anwenden konnte. Der andere wollte nur Angestellter sein, ohne verantwortliches Interesse an der Arbeit zu haben, während ein Dritter nur „berühmt“ werden wollte, ohne praktische Leistung, so dass er bald von selbst ausschied.

Ein Arzt kehrte in sein Land zurück und begann spontan mit dem Aufbau einer sexualökonomischen Kinderkrippe. Im Anschluss lernte Reich so viel von dessen Erfahrungen, wie der Arzt zuvor von seinen gelernt hatte. Reich hatte ihn nicht angewiesen, dieses Unterfangen zu beginnen und hatte es nicht einmal vorgeschlagen. Der Arzt hatte selbst Kinder. Deren Entwicklung, verbunden mit seinem beruflichen Interesse, brachte ihn auf den Gedanken eines sexualökonomischen Studiums von Kleinkindern.

„Es gibt also objektive biologische Arbeitsinteressen und Arbeitsfunktionen, die die menschliche Zusammenarbeit regeln können. Fachgerechte Arbeit organisiert ihre Funktionsformen organisch und spontan“, wenn auch nur allmählich, tastend und oft mit Fehlern. Im Gegensatz dazu gingen die politischen Organisationen mit ihren „Kampagnen“ und „Plattformen“ ohne jeden Zusammenhang mit den Aufgaben und Problemen des täglichen Lebens vor.

Eine Gruppe von Sozialisten in Holland, die Reich nicht persönlich kannte, veröffentlichte Werke über politische Psychologie und hatte bald viele Anhänger in verschiedenen Städten. Da sie aber zum Teil auf der Grundlage parteipolitischer Prinzipien arbeiteten, gab es bald Streit, Ideologiebildungen und leere, formale Organisationspolitik und die Bewegung zerfiel. Hier im Nachrichtenbrief wurden die Vorworte dieser Gruppe zu Reichs Die Sexualität im Kulturkampf publiziert. (6)

Nach der Beschreibung der international verbreiteten Sexualökonomie und ihrer Kreise, erklärt Reich, warum Diskussionen ohne praktische Kenntnisse nichts bringen.

Zum Auseinanderklaffen von politischem Vorgehen und sachlicher Arbeit erzählt er das folgende Beispiel. In der alten Sexpol wäre es üblich gewesen, wissenschaftliche Fragen in der Art formal-demokratischer Parteiorganisationen zu „diskutieren“. Reich erinnerte sich an ein Treffen Anfang 1936, nach der Entdeckung der Bione, in dem er eine Diskussion unter politisch Orientierten anregte. Er zeigte einen Film über das Bion und erklärte das Prinzip. In der Diskussion wurden alle möglichen Meinungen, Einwände und Zweifel geäußert, alle ohne jede sachliche Grundlage. Daraus lernte er folgende Tatsache: „Sachliche Prozesse können nicht diskutiert werden, wenn die Teilnehmer nicht selbst praktisch arbeiten und praktische Erfahrungen haben“. In Deutschland und Österreich war es üblich gewesen, dass Parteipolitiker über Geburtenkontrolle, Sozialmedizin, Erziehungsmethoden usw. abstimmten. „Was für ein Unsinn!“, meint Reich zu diesem Sachverhalt. Wie könne ein Amtsträger oder Gewerkschaftsfunktionär bestimmen, welche Maßnahmen in der Sozialmedizin gut oder schlecht sind? Wie könne ein Parteisekretär die Anforderungen an eine Mentalhygiene-Organisation kennen? Aber in Deutschland und Österreich hinge diese Art von Arbeit von der Mentalität eines Parteisekretärs ab, und zwar von einem neurotischen obendrein. Das praktische Ergebnis war dem Zufall überlassen: ob dieser oder jener Funktionär ein menschlich offener oder ein asketischer Charakter war. Allein diese Tatsache hätte in vielen gesellschaftlichen Bereichen unermesslichen Schaden angerichtet.

Reich beschreibt nun seine Zusammenarbeit mit A.S. Neill und Theodore Wolfe im Rahmen der Arbeitsdemokratie.

Nur seine geschulten und praktisch tätigen Assistenten könnten mit ihm zusammen die Aufgabenstellung der Orgonforschung bestimmen. Nur Neills Schüler und Lehrer könnten zusammen mit ihm das Schicksal der Summerhill School bestimmen, nicht Reich oder der Sekretär des Orgone Institute oder der Leiter der Orgone Institute Press. Solange Neills Erziehungsmethoden sachlich in Richtung Selbstregulierung wirkten und solange Reich im Orgon-Institut sachlich mit ihm in Kontakt stände, funktionierte das arbeitsdemokratische Verhältnis. Sollte Neill morgen autoritäre Bestrafungsmethoden einführen, während Reich weiterhin für Selbstregulierung eintritt und körperliche Bestrafung als gefährlich betrachte, oder, umgekehrt, sollte Reich für die Unterdrückung infantiler Sexualität eintreten, während Neill weiterhin an Selbstregulierung und Sexualbejahung festhielte, würde die Zusammenarbeit automatisch enden. Um sich von ihm zu trennen, bräuchte Neill nicht gegen ihn zu hetzen oder ihn erschießen. Die Beziehung würde sich von selbst auflösen, denn es gäbe kein gemeinsames Interesse und keine wechselseitige Verstärkung des Funktionierens mehr.

Ein weiteres Beispiel, das Reich präsentiert, ist sein Mitarbeiter Wolfe, der sich um The International Journal of Sex-economy and Orgone Research kümmerte. Das Interesse an der Zeitschrift hatten beide mit den anderen Mitarbeitern des Instituts gemeinsam. Solange Wolfe seine Arbeitsfunktion ausfüllt und Reich und andere Artikel schreiben, die den Anforderungen der Arbeit entsprechen, bestehe das arbeitsdemokratische Verhältnis fort. Es mochten zwar diese oder jene Meinungsverschiedenheit auftreten, „aber die Funktion des Journals hat Vorrang“, sie allein bestimmt den Verlauf der Arbeit. Es mögen Meinungsverschiedenheiten über den Umfang oder den Charakter der Publikationen geben, aber all dies bliebe im Rahmen des rationalen Arbeitsinteresses. Wenn aber Wolfe eine schlechte redaktionelle oder publizistische Arbeit machen würde, wenn er das Journal für persönliche statt für sachliche Zwecke benutzen würde; oder wenn Reich seine wissenschaftliche Arbeit nicht im Interesse der Forschung und der Entwicklung des Gesamtwerkes machte, wenn er sie z.B. zur Erlangung eines Nobelpreises modifizieren würde, also irrationale Motive in die Arbeit einfließen lasse, würde das arbeitsdemokratische Verhältnis zusammenbrechen und das Journal mit ihm.

Fußnoten

(6) Siehe auch https://archive.org/details/reichseksualiteitennieuwecultuur/mode/2up

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 3)

5. Juli 2021

von Robert Hase

Reich gibt sodann Aufschluss darüber, wieso Tagespolitik, in die sich auch die besten und ehrlichsten Sozialisten und Liberalen verstrickt hatten, sinnlos ist. Nach der Erkenntnis der biosozialen Katastrophe des Menschentieres entfernte sich die Gruppe der Sexualökonomen im gleichem Maße von der Tagespolitik, wie die Forschungen in die Tiefe vordrangen. Sie verstanden den Widerstand der Politiker, die die Verantwortung trugen, die Größe des Problems, das die „Gesellschaft des irrational reagierenden Menschentieres“ darstellt, zur Kenntnis zu nehmen. Denn je mehr man darüber erfuhr, desto aussichtsloser erschien es, desto schrecklicher erschien die gesellschaftliche Illusion von der Möglichkeit des Fortschritts „ohne Beseitigung jener menschlichen Struktur, die sich nach einem Führer sehnt“. (3)

Je dringlicher die Tagespolitik nach praktischen Maßnahmen rief, desto schärfer trat der Befund der Naturwissenschaft hervor: Die soziale Misere hat ihre Wurzeln weit, weit tiefer unten, als die Politiker es zu erkennen wagten. Sie ist verankert in der gepanzerten Charakterstruktur der Menschenmassen. Diktatoren sind nicht wichtig. Wichtig sind nur die Menschenmassen. Sie allein tragen, so Reich, die Verantwortung. Sie allein können sich selbst bewältigen. Reich betrachtet den Menschen als das einzige Tier, das den Kontakt zum Leben verloren hat, das unbeweglich wurde und aus seiner biologischen Steifheit heraus das heutige Chaos geschaffen hat. Die Voraussetzung für jede echte Freiheitsbewegung sei, so Reich weiter, die Beseitigung der Bedingungen und Institutionen, die eine Charakterpanzerung schaffen.

Dies war eine erschütternde Erkenntnis, denn sie zeigte, wie sinnlos es wäre, nur gegen Diktatoren und die politische Maschinerie zu kämpfen! Das würde nichts ändern, denn die hilflosen, obrigkeitshörigen Massen würden sofort neue Diktatoren der einen oder anderen Art schaffen und sich ihnen unterwerfen. (Wie gesagt: nur die Menschen selbst können sich bewältigen! [PN]) „Der Faschismus verdankt seine Macht der sozialen Hilflosigkeit der Massen und der unbewussten Sympathie vieler demokratischer Politiker für den Faschismus (München, 1938; Stalin-Hitler-Pakt, 1939).“

Anschließend behandelt Reich den Unterschied zwischen praktischer Arbeit und Ideologie: Die Parole „Bejahung des jugendlichen Sexuallebens“ klinge einfach, selbstverständlich und „revolutionär“, sei aber nur ideologisch, weshalb, wie er später schrieb, die historische Sexpol auf jeden Fall scheitern mußte. In dem hier beschriebenen Text schlägt Reich stattdessen vor, man solle es doch einmal praktisch versuchen, die Hindernisse zu beseitigen, die einer Jugendgruppe auf dem Weg zu einem gesunden Sexualleben entgegen stehen. Dabei werde man unweigerlich scheitern, solange man nicht wisse, wo man den Feind zu suchen hat: im Parteisekretär, der um die „Reinheit“ der Parteiideologie besorgt ist, im Schuldirektor, der um seinen Job fürchtet, und im Jugendlichen selbst, der unter Orgasmusangst leidet, ganz zu schweigen von Ministern und Staatsanwälten gleich welcher Parteiideologie.

Reich stellt fest, dass der Faschismus wie Unkraut wucherte, und das nicht nur in den Kreisen der Kapitalisten, sondern auch in den Kreisen des „kleinen Mannes“. Dass die Kapitalisten den Faschismus für ihre Zwecke nutzten, als er einmal da war, und dass wiederum der kleine Mann den Kürzeren zog, sei eine andere Geschichte. Wenn der Faschismus endgültig besiegt werden solle, müsse man sich klar vor Augen halten, dass all die nationalistischen Diktaturen, die den Weltkrieg entfachten, ihre Kraft aus den unterdrückten Massen bezogen. Das hätte mit Ökonomie direkt nichts zu tun, sondern sei Ausdruck der Massenstruktur, ein biopsychologisches Problem, das psychohygienische Maßnahmen in gigantischem Ausmaß erfordere. Kein Soziologe oder Politiker des vergangenen Jahrhunderts hätte voraussehen können, dass die unterdrückten Massen selbst eines Tages den irrationalen politischen Veitstanz unterstützen würden.

„Das war 1939 klar und der Krieg hat diese Erkenntnisse bestätigt. Aber ich wagte es erst 1942 aufzuschreiben und es wurde erst 1943 veröffentlicht („Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“, lnternat. J. of Sex-economy and Orgone Research, 2, 1943, 97-121).“ (4)

Fußnoten

(3) Führer im engl. Original

(4) 1946 in der englischen Ausgabe integriert als 2. Unterkapitel von Kapitel X.

Siehe https://www.bibliotecapleyades.net/archivos_pdf/masspsychology_fascism.pdf

In der von Higgens-revidierten Ausgabe Kapitel XII. Siehe https://d-nb.info/1012166651/04

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 1)

1. Juli 2021

von Robert Hase

In einem Artikel von Reich, der früher gekürzt auf der alten Website des Wilhelm Reich Museums herunterladbar war (1), sind bisher weitgehend unbeachtete Details zu finden, die einige wichtige Fragen klären, die in den bisher veröffentlichten Texten nur kurz angeschnitten werden. Der Artikel „Work democracy in action“ stammt aus der ersten Nummer der Annals of the Orgone Institute aus dem Jahre 1947. Der Artikel selber wurde früher fertig gestellt, da Reich an seinem Ende schrieb:

Orgonon, Maine

August, 1944

Die Frage stellt sich, warum dieser Text bisher nie ins Deutsche übersetzt wurde. Einerseits war er schwer erhältlich, auch größtenteils unbekannt, andererseits gibt er unbequeme Erklärungen zu brennenden politischen Problemen, die bis heute von Politikanten und Freiheitshausierern nicht gern gehört werden.

Reich erklärt in diesem Artikel, warum er die organisierte Politik aufgab, warum die Sexpol scheitern musste und diskutiert einige Probleme der Arbeitsdemokratie. Außerdem fließen manche Details seines Werdegangs ein.

Reich schreibt, dass das Orgone Institute keine homogene Gruppe sei und dass verschiedene Arbeitsgruppen weltweit agieren. „Auf der anderen Seite gibt es Soziologen mit sozialistischer Orientierung, die noch tief in den Ideologien der Vorkriegszeit oder gar in Parteiideologien verwurzelt sind und sich schwertun, mit unserer arbeitsdemokratischen sozialen Ausrichtung Schritt zu halten.“

Bevor Reich die emotionelle Pest entdeckte, stand er ihren Auswirkungen ratlos gegenüber. So meint er, dass erst im Laufe der letzten Jahre (also vor 1944) das Problem so deutlich hervorgetreten sei. Davor fühlte er sich völlig hilflos angesichts der immer wiederkehrenden Katastrophen in seiner Arbeit, die wie ein unabwendbares Schicksal erschienen. Er konnte das Geschehen nicht richtig einordnen, wusste nicht, wie er Einschreiten sollte und machte sich verständlicher Weise selbst Vorwürfe, dass eine Leerstelle in seinem Verständnis dafür mitverantwortlich war.

Man bedenke nur, wie übel Reich bei seinen Kindern mitgespielt wurde, die ihm von ihrer Mutter und deren psychoanalytischen Kollegen absichtlich entfremdet wurden.

Reich schreibt eine Chronologie seines Wirkens unter dem Aspekt der emotionellen Pest und meint, als er sich um 1922 ganz der Psychoanalyse widmete, führte diese Verschiebung des Hauptinteresses zum Verlust einer Reihe wertvoller Freunde, die bei der klassischen Naturwissenschaft blieben und seitdem mechanistische Biologen, Chemiker oder Physiker wurden. Er hätte keinen Kontakt mehr mit ihnen, aber dass man getrennte Wege ging, erzeugte keine Feindseligkeiten.

Darüber wissen wir wenig, aber es müssten Studienkollegen vor oder aus der Zeit seines Medizinstudiums sein. Er belegte ja nicht nur medizinische Vorlesungen.

Als er dann zwischen 1923 und 1926 begann, seine Orgasmus-Theorie zu entwickeln, verlor er eine Reihe guter Mitstreiter unter den Psychoanalytikern. Einige wurden bittere Feinde, die später zum Mittel der Diffamierung griffen. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch der Konflikt mit Freud. Andererseits gewann die junge Theorie neue und begeisterte Mitarbeiter unter den Psychoanalytikern im technischen Seminar in Wien und Berlin und später in Kopenhagen und Oslo.

Als er nach 1927 praktischen Kontakt mit der Soziologie aufnahm und die soziale Sexualökonomie entwickelte, wurden viele Marxisten seine Freunde und Mitarbeiter, während sich eine Anzahl befreundeter Psychoanalytiker von ihm abwandten. Als er jedoch zur Zeit der deutschen Katastrophe mit der Kritik des parteipolitischen Denkens begann (MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS u.a.), wurden viele Parteipolitiker zu seinen Feinden, weil die soziale Sexualökonomie und die strukturelle Psychologie (Charakteranalyse, politische Psychologie) zu hohe Ansprüche an sie stellten. Er fand sich allein, d.h. sowohl außerhalb der psychoanalytischen als auch der politischen Organisationen Europas wieder.

Zu dieser Zeit begann eine neue Diffamierungskampagne gegen ihn und seine Mitarbeiter. Diese wurde von den Politikern unter den Schlagworten „Freudismus“ oder „Sexualismus“ und von einigen Psychoanalytikern, zunächst erfolgreich, mit dem Schlagwort „Schizophrenie“ geführt. (Damit meinte er sicherlich zuerst Otto Fenichel, aber auch Anna Freud, seine Frau Annie Reich und andere. In diesen Zusammenhang fallen auch die Versuche, seine Kinder gegen ihn zu beeinflussen.)

„Ich habe meine Studenten aus den psychoanalytischen Seminaren verloren. Nicht einer von ihnen blieb; nicht einer von ihnen machte den Schritt in die Charakteranalyse und später in die Biophysik. Das war der härteste Schlag in meiner wissenschaftlichen Laufbahn.“

Als Reich 1937 den schwierigen Schritt von der rein psychologischen Methode der Charakteranalyse zur biophysikalischen Technik der Vegetotherapie machte, verlor er wieder einige wichtige und fähige Mitarbeiter, darunter den einflussreichen Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Oslo, Harald Schjelderup (2).

Die meisten der von Reich „nach 1933 ausgebildeten Ärzte, Psychologen und Pädagogen hielten jedoch dem Druck stand und machten mit, oft mit großen Schwierigkeiten, aber noch öfter mit Begeisterung“.

Fußnoten

(1) Jetzt hier zu finden: https://pdfcoffee.com/annals-of-the-orgone-institute-pdf-free.html

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Harald_K._Schjelderup

nachrichtenbrief203

2. Mai 2021

Die 15 Orgonomie-Gruppen (Teil 2)

10. Februar 2020

6. Reichs Tochter und anfängliche Treuhänderin seines Nachlasses, Eva Reich, hielt sich ebenfalls „aus allem raus“, begann aber in den 1970er Jahren eine Vortragstätigkeit und arbeitete weltweit mit wirklich fast jedem zusammen, der auch nur ein entferntes Interesse an Reich zeigte. Sie wurde dergestalt so etwas wie die Übermutter des „Reichianismus“. All das wurde gefärbt durch ihre absurde persönliche Ideologie („ich bin eine christliche Sozialistin“) und ihre bereits in den 1980er Jahren einsetzende Demenz. Übrigens war sie nie Orgontherapeutin und hat das auch nie von sich behauptet!

7. Neben Silvert war Robert McCullough, ein Biologe, der zweite wichtige Mitarbeiter Reichs im nichtmedizinischen Bereich. Insbesondere spielte er während der Expedition nach Arizona eine Rolle. Anfang der 1970er Jahre tat er sich mit dem anthroposophisch (sic!) und allgemein okkultistisch orientierten Cloudbuster-Operateur Trevor Constable zusammen. Ich verweise auf meine Rezension von dessen Buch The Cosmic Pulse of Life. Vor kurzem verstorben, bildete Constable bis heute sozusagen die „Schnittstelle“ zwischen Orgonomie und Okkultismus, insbesondere über die Borderland Science Research Foundation.

8. Jerome Eden, ebenfalls Cloudbuster-Operateur, war gewisserweise der Gegenpol Constables in der Orgonomie. Ich verweise auf den „Jerome Eden-Teil“ von www.orgonomie.net.

9. Paul Ritter und sein Mitstreiter David Boadella wirkten zwar nicht in Amerika, doch gehören sie hierher, weil es bereits in den frühen 1940er Jahren enge Kontakte zwischen Reich und der „englischen Gruppe“ gab, hierher gehört insbesondere der Name Derek Eastmond. Ritters 1954 erstmals erschienene Zeitschrift Orgonomic Functionalism war das einzige Periodikum, das ein Kontinuum zwischen der Orgonomie zu Reichs Zeiten, der vorangegangenen Sexpol (etwa in Holland) und den späteren Entwicklungen herstellte. Das Problem mit dem Architekten Ritter war, daß er sich als vollkommener Laie anmaßte „therapeutisch“ tätig zu sein und Reichs Funktionalismus „weiterzuentwickeln“. Einen Eindruck von der, zumindest zu Reichs Lebzeiten und kurz danach teilweise durchaus wertvolle, Arbeit der Gruppe vermitteln die Artikel von Boadella, die ich hier im Nachrichtenbrief veröffentlicht habe: „Orgonenergie, Liebe und Raumschiffe (1955)“ (11 Teile), „Einige orgonotische Erstrahlungseffekte. Eine vorläufige Mitteilung (1958)“ (7 Teile) und „Orgonotische Erregungseffekte II (1958)“ (8 Teile).

Mechanismus und Mystizismus bei Liberalen und Konservativen

25. Dezember 2019

Während der Liberale nur in seinem Kopf lebt (Zentrales Nervensystem, energetisches Orgonom), ist der Konservative bioenergetisch besser integriert. Dementsprechend ist das gesellschaftliche Leben des Konservativen: er geht mit Menschen rein instinktiv um, er geht aus seinem Bauch heraus mit Menschen um (Autonomes Nervensystem, orgonotische Pulsation). Er ist nicht „gesellschaftlich engagiert“, wie der Liberale sagen würde, nicht „sozial bewußt“. Hingegen ist das Innenleben des Konservativen durchaus „bewußt“ und „wach“, d.h. er „beherrscht sich“, „führt sich selbst“ und handelt verantwortlich. Er ist ein Erwachsener, d.h. wenn er etwas braucht, handelt er dementsprechend; bei Schmerzen geht er zum Arzt usw. Er handelt in seinen persönlichen Angelegenheiten achtsam und man kann mit ihm auf rationale, logische Weise diskutieren, obwohl es vielleicht alles ein bißchen mechanisch wirkt.

Natürlich neigt der Konservative zum Mystizismus in gesellschaftlichen Fragen (siehe die Ausführungen von Baker, Mathews und Konia), aber hier beziehe ich mich auf sein persönliches Alltagsleben. Die Starrheit der autoritären Gesellschaft, der Militarismus, das rigide Geschäftsleben, oder etwa die mechanische Art und Weise, wie Weihnachten in der Familie organisiert ist; all das, was Reich in Was ist Klassenbewußtsein? (1934) und Die Massenpsychologie des Faschismus (1933-1942) beschrieben hat. Die Nazis waren zweifellos Mystiker, aber der Alltag war äußerst mechanisch. Oder nehmen wir die Religion. Ihr Inhalt ist mystisch, aber die tatsächlichen Rituale und das Alltagsleben sind eine Karikatur des Mechanismus und von einer absurden Zwangsneurose nicht zu unterscheiden.

Der verkopfte Liberale versucht, das gesellschaftliche Leben zu kontrollieren, er analysiert alles zu Tode. Alles dreht sich um soziale Feinabstimmung und Mikromanagement. Das gesellschaftliche Leben ist für ihn kompliziert, unendlich komplex, aber gerade deshalb sein Gegenstand von Überlegungen und Planungen. Man ist verantwortlich für das, was in der Welt passiert (Schuldgefühle). Gleichzeitig fehlt seinem Innenleben Orientierung, d.h. er ist nicht in der Lage, sich selbst zu regulieren, und er ist Spielball äußerer (sozialer) und innerer (emotionaler) Kräfte – und empfindet sich so. Es ist ja alles so „ungerecht“ und ständig fühlt er sich „betroffen“ bzw. fühlt „Betroffenheit“. Er ist verantwortungslos und kann nicht von sich aus rational handeln und wartet daher auf Anweisungen und darauf, daß die Gesellschaft (andere Liberale!) sein Leben verwaltet. Er handelt nicht, er reagiert, und es ist unmöglich, mit ihm ein vernünftiges Gespräch von einer unabhängigen verantwortlichen Person zur anderen zu führen. Vielleicht findet man hier und da etwas auffällig Funktionales in seinen Argumenten, aber in all der emotionalen Verwirrung bleibt es isoliert.

Man schaue sich den ehemaligen Ostblock an, insbesondere die DDR: Das gesellschaftliche Leben war absolut mechanisch bis zum Äußersten, während auf persönlicher Ebene alle möglichen Freiräume herrschten. Das Mechanische schaffte bzw. hinterließ Leerräume, ließ Freiräume. Man denke nur an Phänomene wie Rolf Schilling oder auch Solschenizyn oder gar an die „psychotronische“ Forschung in der UdSSR und der Tschechoslowakei.

Das Problem mit dem Konservativen ist, daß er die Gesellschaft als naturgegeben betrachtet. Für ihn ist die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, zumindest eine traditionelle Version derselben, „natürlich“ und so, wie die Dinge sein und bleiben sollten. Der Liberale hingegen spürt, daß mit der Gesellschaft etwas grundlegend falsch läuft und geändert werden muß. Aber leider tragen fast alle Änderungen, die er verbreitet und zu institutionalisieren versucht, nur zur Verwirrung bei. Dies liegt daran, daß er keine Möglichkeit hat, in sich selbst zu schauen, um die bioenergetische/charakter-strukturelle Grundlage aller Irrationalität in dieser Welt zu erkennen. Stattdessen „verändert er die Gesellschaft“ auf verantwortungslose Weise ohne Sinn und Verstand. Der Konservative hingegen ist in der Lage, verantwortungsbewußt zu handeln, aber er ist taub und blind für die soziale Tragödie, die ihn umgibt. Alles ist in Ordnung – während, etwa durch den Katholizismus, eine junge Seele nach der anderen getötet wird.

Das Gegenteil beim Liberalen: während für ihn alles Soziale nur ein „Konstrukt“ ist, sieht er sein Innenleben als natürlich und unveränderlich an. (Deshalb sind ihm auch Homosexualität und alle möglichen anderen Neurosen und Perversionen „ganz natürlich“!) Orgontherapie ist ihm grundsätzlich fremd, weil sie etwas verändern will, nämlich den Charakter, der etwas ist, das er einfach nicht erfassen kann; ein Konzept, zu dem er einfach keinen Zugang findet. Aus genau diesem Grund ist die Charakteranalyse für die Behandlung des Liberalen so wichtig: um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es so etwas wie einen „Charakter“ gibt. In ähnlicher Weise ist es wichtig, den Konservativen der sozialen Orgonomie (die historisch auf den „Freudo-Marxismus“ und die „Sexpol“ zurückzuführen ist) auszusetzen, weil er keinerlei Sensorium dafür hat, daß „Gesellschaft“ als etwas existiert, das geändert werden kann und muß.

Sexpol 2018: Selbstregulation von Geburt an!

16. November 2018

Wir leben nicht mehr, wie zu Reichs Zeiten, im triebgehemmten autoritären, sondern im triebhaften anti-autoritären Zeitalter. Um so erstaunlicher ist es, daß seine erste größere Schrift vom „triebhaften Charakter“ handelte (1925), wo er dessen zerrissene Libido- und Ich-Struktur beschrieb. Sie entspricht weitgehend dem des Psychopathen, der innerlich tot ist, nach außen hin jedoch für wirres Chaos sorgt. Später, in der erweiterten Neuauflage von Die Massenpsychologie des Faschismus (1945) war Hitler der „Generalpsychopath“. Er war der Prototyp für das, was Reich nach dem ORANUR-Experiment als „emotionale Wüste“ beschreiben sollte. Heute wird diese flächendeckend in den „Kinderkrippen“ erzeugt. Das wird in einer Verwüstung münden, für die der Zweite Weltkrieg nur ein Vorgeschmack war.

Was Not tut ist eine revolutionäre Umgestaltung der Wirtschaftspolitik, auf daß Familien wieder auf eine ökonomisch sichere Grundlage gestellt werden und Frauen nicht (unter dem irrwitzigen ideologischen Versatzstück „Selbstverwirklichung“) in die Lohnsklaverei gepreßt werden. Es muß ein Ende gemacht werden mit einer Politik, in der die letzten noch funktionierenden Familien durch eine nur als verbrecherisch zu bezeichnende Steuer- und Abgabenlast bis in den Ruin hinein ausgepreßt werden. Produktive Arbeit wird systematisch bestraft, damit der Staat die menschliche Verfügungsmasse der Großkonzerne, das Gesindel, finanzieren kann.

TOD DER REAKTION!

Sexpol 2018: Vernichtet den Freudianismus und „Reichianismus“!

14. November 2018

Bei Freud und den anderen Vertretern der Psychoanalyse wird man vergeblich nach einer Beschreibung des genital-orgastischen Erlebens suchen. Es wird reduziert auf infantil-perverse Libidoanteile wie Saugen, Pissen und Defäkieren. „Orgasmus“ kommt nur vor als „Rückkehr in den Uterus“ bzw. als illusorische selige Erfahrung der einstigen symbiotischen Beziehung des Säuglings zur Mutter. Letztendlich ist für den Psychoanalytiker der Orgasmus eine „Illusion“ wie die Religion. Der reife, durchanalysierte Mensch kann über Kindereien wie die Reichs nur milde lächeln!

Die sexualfeindliche Reaktion ist zäh, weshalb im „Reichianismus“ Freud ständig neu aufersteht. Hier wäre beispielsweise Modju Alexander Lowen zu nennen, der ganz im Sinne Freuds die Funktion des Orgasmus durch das „Grounding“ ersetzte, die Verbindung zur „Mutter Erde“; das Ersetzen des Lustprinzips, durch das Realitätsprinzips. In „neo-Reichianischen“ Kreisen ist die Ablehnung der Konzepte „Genitalität“ und „genitaler Charakter“ universell. Imgrunde ist das alles eine Wiederkehr des Freudianismus und man kann es durchweg in die Tonne treten, Dieses Ungeziefer wird ausgemerzt werden, die Geschichte wird über diesen reaktionären Dreck hinwegschreiten!

TOD DER REAKTION!

Sexpol 2018: Buddhas Idioten

12. November 2018

Indische Heilige suchen die „unmittelbare spontane Erfahrung“, in der sie sich selbst verlieren. Alles, wirklich alles, ist auf diese Erfahrung ausgerichtet. Wer sich auch nur etwas in der Welt von Hinduismus, Buddhismus und Sufismus auskennt: es geht ausschließlich um Liebe und Sex bzw. um Ekstase und orgastische Befriedigung. Das ganze ist möglich, weil es in eine extrem sexualfeindliche Ideologie eingebettet ist. Da es ausschließlich arrangierte Ehen, meist innerhalb der Verwandtschaft, gibt, führt Flirten mit einiger Sicherheit in den Tod. Wer sich ausgerechnet als „Reichianer“ auf diese Welt einläßt, disqualifiziert sich selbst, erklärt sich selbst für unzurechnungsfähig.

Übrigens waren die Inder nicht solche kompletten Idioten, wie ihre europäischen Adepten, denn ähnlich den Schamanen bei den Naturvölkern, wurden praktisch ausschließlich psychisch Gestörte, „Intersexuelle“ und auf andere Weise Behinderte zu „heiligen Männern“. Man schaue sich doch Photos der bedauernswerten Gestalten an, die im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts den heutigen Hinduismus begründet haben. Der indische Mystizismus entsprach dem, was in Europa heute die Psychiatrie und die Fürsorge für Sorgenkinder ist. Auf diese Weise wurden die Unproduktiven produktiv gemacht, d.h. als Agenten der gesellschaftserhaltenden sexualfeindlichen Ideologie genutzt.

Ansonsten fällt mir nur der göttliche Frank Zappa ein:

TOD DER REAKTION!

Psychotherapie und Arbeitsdemokratie

25. Oktober 2018

Das Konzept „Arbeitsdemokratie“ kann man nicht jemanden „vorlegen“, man muß es sich mit ihm und anderen gemeinsam erschließen – erarbeiten! Die „Glossar-Einträge“ Reichs zum Thema sind eine erste Orientierung, um überhaupt ins Gespräch kommen zu können, doch das Wesen der Arbeitsdemokratie erschließt sich erst – durch Arbeitsdemokratie. Es ist wie in der Psychotherapie: Am Anfang arbeitete Freud autoritär mit Hypnose und Suggestion, schließlich Deutungen, doch angefangen mit der Verwissenschaftlichung der Therapie, zu der Reich im übrigen die entscheidenden Impulse gab, entwickelte sich die moderne Psychotherapie zu einem Arbeitsbündnis, in dem gemeinsam etwas erarbeitet wird unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Funktionen und des unterschiedlichen Informations- und Wissenstandes der beiden Partner. Aus dieser Warte kann man auch die Arbeitsdemokratie verstehen.

Auf die Frage, was die Orgonomie angesichts ihrer auch politischen Ursprünge („Sexpol“) jenseits der individuellen Psychotherapie tun könne, hatte Reich, Myron Sharaf zufolge, folgendes zu sagen:

Seine eigene Antwort war die zunehmende Betonung der organischen, langsamen individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung. Menschen, die wissen, was sie tun, sollten ruhig arbeiten und ein Beispiel geben, so daß lebenspositive Konzepte und Techniken sich langsam organisch ausbreiten und andere beeinflussen. Dieses Prinzip wurde in der Pädagogik, Psychiatrie, Soziologie und später in seiner biologischen und physikalischen Arbeit angewandt. Sein Punkt war: laßt die Arbeit selbst und die Verbindung zwischen den Arbeitenden die Entwicklung bestimmen. Laßt uns die übliche Agitation in ihrer üblichen politischen, ideologischen Form beseitigen. (Sharaf, M.R.: „Wilhelm Reich and the Bio-social Revolution, Part II“, Energy and Character, Vol. 3, No. 2, Sept. 1972, S. 57-62)