Orgonomie und Metaphysik (Teil 36)

Religiöse Vorstellungen sind weder irrelevant, noch einfach nur nichtig, sie können sogar eine mehr oder weniger notwendige Stimulans für das lebendige Leben sein, doch leider Gottes besteht ihr gegenwärtiges Wirken ganz im Gegenteil in der Behinderung des Lebens. Es ist wie mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean, der sich in uns sozusagen „selbstverwirklicht“, was sich ins Gegenteil verkehrt, wenn wir z.B. über KKWs ORANUR-produzierend auf ihn rückwirken. Genauso wie wir im kosmischen Rahmen, haben die Religionen im biosozialen Rahmen in ihrer rationalen Funktion versagt. Es war die Funktion der Aufklärung die Integrität des Lebens gegen die zerstörerische Einflußnahme der „höheren Welten“ zu verteidigen und in Fortführung von Nietzsches „Kunst des Zweifels“ und der Freudschen Psychoanalyse ist Reichs Orgonomie der Höhepunkt dieser kostbaren europäischen Tradition der Vernunft, die wir unter allen Umständen verteidigen müssen. Ziel der Sexualökonomie war es immer, den Gottesglauben mit der Wurzel aus der menschlichen Seele zu reißen. Nur so wäre beispielsweise im Nahen Osten Frieden möglich. Ecrasez l’Infame!

Wenn da nicht ein ganz entscheidendes Handikap wäre: wie Nietzsche sagt, haben wir zuwenig Religion, um die Religion zu vernichten (Nachgelassene Fragmente 1875-1879, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 8, S. 344). Wir glauben einfach zu wenig an das Leben, als daß wir z.B. dem todessüchtigen Glaubenseifer der Moslems auch nur irgendetwas entgegenhalten könnten. Wie will man gegen Feinde kämpfen, die den Tod verachten? Immerhin hat eine orientalische Horde von schwachsinnigen religiösen Fanatikern es fertiggebracht, die antike Welt zu vernichten. Das gleiche könnte auch dem heutigen Europa widerfahren.

Das lebendige Orgonom ist durch den Widerspruch zwischen seiner „gefrorenen“ Struktur und der beweglichen, freien organismischen Orgonenergie gekennzeichnet, die nach „Befreiung“ drängt.

https://www.youtube.com/watch?v=4bj6SqgT4SQ

Reich spricht vom „Gefühl von etwas getrennt zu sein“, das bei sensiblen, gesunden Menschen auftritt. Reich:

Es drückt sich am klarsten im Schmerz aus, in der schmerzlichen Pein vom Liebsten getrennt zu sein, ob es das Kind, die Frau, der Ehemann ist; mit einem Verlangen wieder vereint zu sein, wieder zusammen zu sein, wieder den Kontakt zu spüren. Aber ich denke, daß diese Liebeserfahrung eine der Funktionen, eine der Variationen einer viel tieferen Sache ist. Irgendwie kommst du zu solchen Gedanken in sehr stillen Nächten, ohne Geräusche in der Umgebung außer dem Wind; Gedanken darüber, vom kosmischen Orgon-Ozean getrennt zu sein, sozusagen abgesondert zu sein. Und das, was sie Nirwana nennen oder kosmisches Verlangen, all dies scheint der tiefste Ausdruck eines sehr tiefen Wunsches oder einer Tendenz zu sein („Wunsch“ ist zu psychologistisch, um dies zu beschreiben), zum kosmischen Orgon-Ozean zurückzukehren. Und hier hatte Freud irgendwie Recht mit seinem Todestrieb, aber er wußte es nicht. Und keiner wußte es zu jener Zeit. Die innige Rückkehr, die als Rückkehr zur Gebärmutter beschrieben wurde, die Rückkehr zu den Müttern in den alten griechischen Mythensammlungen, die Rückkehr zum Orgon-Ozean. Dieses Verlangen ist nicht so schmerzhaft, wenn du dich in einer funktionierenden, guten Liebesbeziehung befindest oder wenn du ein Kind hast, das du liebst, und so weiter. Es kann dort befriedigt werden. („Man’s Roots in Nature“. Orgonomic Functionalism Vol. 2, 1990, S. 68)

Die Sehnsucht nach Transzendenz, der Drang das Energetische, das „Feinstoffliche“, den „Geist“ von den Banden des Körpers zu befreien, scheint also eine natürliche Bestrebung zu sein, die durch die Panzerung in seiner Dringlichkeit nur verstärkt wird. Entsprechend ist die Religion des gepanzerten, orgastisch impotenten Menschen nach dem Muster einer masochistischen Perversion gestaltet: monotone Riten, Zwangshandlungen, Geißelungen, Todessehnsucht. Man könnte deshalb den Tod als einen „finalen Orgasmus“ betrachten, bezeichnen doch die Franzosen den Orgasmus als „den kleinen Tod“.

Ist die Abwehr des Todes vielleicht so etwas wie Hingabeunfähigkeit? Von alters her galt sexuelle Enthaltsamkeit als Garant für ein langes Leben. Zum Beispiel glauben die Chinesen, daß mit jeder Ejakulation der Mann einen Teil seiner Lebenszeit verliert. Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Reich hat gesagt, daß „Todes- und Sterbensangst identisch mit unbewußter Orgasmusangst ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 119).

Aus der Vegetotherapie ist bekannt, daß sich orgastische Empfindungen unter dem Druck der Orgasmusangst als Sterbensangst äußern: „Sterben“ im Sinne von Zergehen, Zerfließen, Bewußtseinverlieren, Sich-Auflösen, „Nichtsein“! (Der Krebs, Fischer TB, S. 199)

Hermann Hesse hatte 1919 diese Zusammenhänge in seiner Erzählung Klein und Wagner beschrieben. Alle Ängste einschließlich der Todesangst „waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen“. Und Edgar Allan Poe hat sehr schön dargestellt, daß der Schrecken gerade darin bestehen kann, nicht sterben zu können, sondern wie ein „Untoter“ unerlöst im Leben festzusitzen. Siehe auch den christlichen Ahasver-Mythos, den „Fliegenden Holländer“ oder den Film Highlander.

Bei der sadomasochistischen Todessehnsucht nach dem „orgastischen Paradies“ kann man auch an das japanische Harakiri denken (siehe Charakteranalyse  und Die Funktion des Orgasmus). Der Tod des englischen Politikers Stephen Milligan 1994 war dergestalt wohl ein Ergebnis echter spiritueller Bestrebungen: Über seinen Kopf war eine Plastiktüte gestülpt, um seinen Hals war ein Stromkabel gewickelt und in seinem Mund steckte eine geschälte Apfelsine, in der sich eine Drogenkapsel befand. Diese Teilstrangulierung bis an die Grenze des Exitus soll zu einem ganz außergewöhnlich starken Orgasmuserlebnis führen. In Klöstern passiert nichts anderes, wenn auch mit anderen Mitteln. Mönche tragen keine Strapse wie englische Politiker.

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5 Antworten to “Orgonomie und Metaphysik (Teil 36)”

  1. David Says:

    Man könnte deshalb den Tod als einen „finalen Orgasmus“ betrachten …

    Rajneesh, auch bekannt als Bhagwan oder Osho, hat meines Wissens genau das gesagt.

  2. Denis Roller Says:

    „… Ziel der Sexualökonomie war es seit jeher, den Gottesglauben mit der Wurzel aus der Seele zu reissen. Nur so ist bspw. Frieden im Nahen Osten möglich…“ Bullshit. Meine Sexualökonomie jedenfalls nicht. Wir müssen überhaupt nichts „herausreissen“. Wir müssen „pflegen“. Wir müssen den Gottesglauben nicht vernichten, wir müssen „den lebendigen Gott“ endlich ausleben! Anstatt ihm immer nur hinterher Dackeln, nachmachen und nicken- leben. Nicht immer NUR „Nein“- Werte (so nötig sie sein mögen, sie sind nicht alles), „gegen den Islam“ oder „gegen dieses und jenes“ sondern „Ja“- Werte, „für“ den lebendigen Gott: Das ist a) ne viel tiefere Funktion als der Sieg gegen kurz- oder langlebigen Wahnsinn, b) die einzige Weise, endlich im Orgon- Ozean aufzugehen durch die Hingabe funktionellen Lebens und c) die beste Weise, auf den Tod zu kacken. Wenn ich mit Leib und Seele dem „lebendigen Leben“ diene- identisch mit dem „lebendigen Gott“ (sie trugen das Zeichen des lebendigen Gottes auf Ihrer Stirn, sprich: sie hatten die entsprechende Lebenseinstellung, die eben nicht „gottlos“ war, Aussage der Bibel)- kann ich zwischen „Arbeit“ und „Liebe“ frei pendeln. Wenn ich aber meine „Ja“- Werte verliere oder durch die ganzen „Neins“ gänzlich verkümmern lasse, hängen wir wieder in der reaktionären sekundären Schicht fest. Der biologische Kern ist „Ja“!!! Ok, natürlich heißt jedes „Ja“ auch automatisch „Nein“, das eine bedingt das andere. Aber diese „Begriffsepilepsie“ bringt letztlich nur Streit. Deswegen meinte ich auch, wir bräuchten eine „neue Sprache“, eine „Phantasiesprache“, um da weiter zu machen, wo Nietzsche umnachtete, Reich cholerisch wurde und Jesus Christus, der zurück kehren will, aber noch nicht kann, weil die Menschen ihn nicht verstehen würden, heute wahrscheinlich steht, etc., ich weiß, Sie verstehen mich.

  3. O. Says:

    Jenseits des Glaubens hat Reich das Wissen gestellt, dass wir aus dem Orgonozean gekommen sind, aus ihm bestehen und zu ihm zurückgehen werden. Wie sich das anfühlt, hängt von uns ab. Ebenso, wie wir damit umgehen.
    So lange wir leben, wird es um die Liebe gehen – psychisch; und physisch um die Libido. Der Tod kann warten.

    • Denis Roller Says:

      Der Tod kann warten, ganz klar. Oder wie Epikur meinte: Der Tod geht mich nix an. Leb ich, bin ich nicht tot. Lebe ich aber nicht mehr- bin ich auch nicht und erfahre somit nichts über den Tod.

  4. Robert (Berlin) Says:

    “ Wir glauben einfach zu wenig an das Leben, als daß wir z.B. dem todessüchtigen Glaubenseifer der Moslems auch nur irgendetwas entgegenhalten könnten. Wie will man gegen Feinde kämpfen, die den Tod verachten? Immerhin hat eine orientalische Horde von schwachsinnigen religiösen Fanatikern es fertiggebracht, die antike Welt zu vernichten. Das gleiche könnte auch dem heutigen Europa widerfahren.“

    Mit dieser Frage (irgendetwas entgegenhalten) beschäftigt sich Michael Ley in seinem Buch „Reconquista: Menschenrecht oder Islam“, 2020. Dazu meint er, dass die neuen Aufklärer und Kämpfer gegen den islamischen Totalitarismus keine historischen Vorbilder haben werden.

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