Posts Tagged ‘Orgasmus’

David Holbrook, M.D.: FRAGE UND ANTWORT: SEX UND LIEBE

7. September 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Frage und Antwort: Sex und Liebe

 

Warum all die langweiligen Fallgeschichten im JOURNAL OF ORGONOMY? (Teil 2)

25. Juli 2019

Der erste Teil schloß mit Dr. Konias Verdammung der Laientherapie. Was wirkliche Orgontherapie ist, hat Konia wie folgt auf klassische Weise dargestellt:

Orgastische Potenz ist die Fähigkeit, sich der unwillkürlichen Erschütterung des Organismus vollständig zu ergeben und die sexuelle Erregung auf dem Höhepunkt der Genitalumarmung vollständig zu entladen. Personen mit dieser Fähigkeit sind genitale Charaktere.

Bei der klinischen Beobachtung von Individuen und Gruppen fand Reich heraus, daß die große Mehrheit der Menschen an einer Störung der orgastischen Potenz leidet. Die Bedeutung dieses allgegenwärtigen Zustands ist tiefgreifend: er hindert den Organismus daran, seine Energiewirtschaft zu regulieren. Gleichzeitig manifestiert sich die überschüssige Energie, die nicht ausreichend entladen wird, über das gesamte Spektrum der menschlichen Gefühls- und Verhaltenspathologie hinweg. Die Charakterdiagnose des Individuums ist lediglich eine Beschreibung der Art und Weise, in der spontane orgastische Empfindungen und Bewegungen blockiert werden. Der Patient ist in seinem Panzer buchstäblich eingeschlossen. Eine korrekte Charakterdiagnose ist der notwendige Schlüssel, um seine neurotische Struktur zu entsperren. Die klinische Beobachtung zeigt immer wieder, daß die erfolgreiche Auflösung der neurotischen Charakterstruktur (Panzer) des Patienten auf der Grundlage einer korrekten Charakterdiagnose letztendlich von spontanen Bewegungen des Gesamtorganismus und überwältigenden Lustempfindungen im Genital begleitet wird – beides Voraussetzungen für orgastische Potenz. Ohne die strikte Einhaltung des Standards der orgastischen Potenz mit dem Ziel der Genitalität als Gesundheitskriterium ist eine medizinische Orgontherapie nicht möglich. Die Ausrichtung der Therapie wird streng von diesem Ziel bestimmt. Ohne sie ist die Therapie richtungslos und das Ergebnis eine Sache des Zufalls. (The Journal of Orgonomy 50(2), S. 215f)

Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM, No. 7 (Teil 2)

3. Juli 2019

Der Aufsatz „Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität“ stammt gleichfalls aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie. Es geht um die weitere Fundierung der „Orgasmusformel“ (Spannung → Ladung → Entladung → Entspannung) in der Natur. Reich schreibt dazu:

Wenn wir in der Spannung und Entspannung und der damit einhergehenden elektrischen Ladung nicht nur das Kernelement der orgastischen Funktion, sondern vielmehr auch eine Grunderscheinung der lebenden Substanz zu sehen vermeinen, so muß sich diese Funktion auch an der Wurzel des Lebens, an der Kopulation zweier Einzeller bestätigen lassen. Gelingt dieser Nachweis, dann ist noch der andere zu erbringen, daß auch die sogenannte ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Teilung und Sprossung im Prinzip der gleichen orgastischen Funktion unterliegt.

Das letztere erläutert Reich in Der Krebs: Zellteilung und Knospung sorgen für eine geringere Spannung der Membran. Die geschlechtliche Anziehung versucht er in diesem Beitrag mit Hilfe von Max Hartmanns Theorie der „relativen Sexualität“ zu erklären. Es ziehen sich nicht nur männliche und weibliche Gameten an, sondern auch starke männliche Gameten schwächere männliche Gameten. Desgleichen bei weiblichen Gameten. Mit der Entwicklung der Genetik seit Reichs Zeiten scheinen diese Ausführungen hoffnungslos überholt, aber immerhin beobachtet man im Tierreich entsprechendes, etwas was Reich nicht erwähnt: in gleichgeschlechtlichen Gruppen, etwa bei Schimpansen, verhalten sich in der Rangordnung tiefer stehende Tiere weiblich gegenüber im Rang über ihnen stehende Tiere, egal ob Weibchen oder Männchen. Ähnliches findet sich bei Zwitterwesen, etwa Schnecken, wo stets das schwächere bzw. unterlegene Tier den weiblichen Part übernehmen muß. Dieses Machtgefälle erinnert etwas an das später von Reich formulierte „orgonomische Potential“. Es sei auch an Reichs schlußendliche Erklärung der geschlechtlichen Anziehung erinnert: die Überlagerung zweier Orgonenergie-Ströme (siehe Die kosmische Überlagerung).

Wie sehr dem damals linkssozialistischen Reich diese zwingende aber denkbar politisch unkorrekte Schlußfolgerung (männliche Dominanz, weibliche Unterwerfung) gegen den Strich ging, zeigt folgende Fehlleistung:

Gehen wir von der experimentell erwiesenen Tatsache aus, daß sich ein schwächerer Gamet gegenüber einem stärkeren des gleichen Geschlechts gegengeschlechtlich verhält; daß also ein schwacher weiblicher einem stärkeren weiblichen gegenüber, gleichgültig, worin dieses „Stärkersein“ besteht, männlich und daß ein schwacher männlicher sich einem stärkeren männlichen Gameten gegenüber weiblich benimmt.

Nein, der relativ schwächere Gamet ist immer weiblich, der relativ stärkere Gamet immer männlich!

Für den naiven Leser ordnet sich der zweite Artikel dieser Ausgabe von Orgonomic Functionalism lückenlos dem ersten bei: der Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und der Kampf gegen Sexismus. Das Lebendige sei im Kern bisexuell und die Sexualität „relativ“! Reich wird zum Heros des antiautoritären, „demokratischen“ Amerika, in dem Männer rosa Fotzenhüte tragen und Frauen kahlgeschoren wie Marines auftreten.

Übrigens ist das Sexualleben dieser menschlichen „Zwitterwesen“ ähnlich von Gewalt und „Dominanz“ geprägt, wie das Leben der erwähnten Schnecken. Die Trennung in Geschlechter hat in der Natur für eine ungemeine Befriedung gesorgt – und hat so erst Befriedigung ermöglicht. Wenn die Geschlechtsrollen erst ausgefochten werden müssen, wie in Gefängnissen oder etwa unter deutschen Kriegsgefangenen des letzten Krieges, kommt es zu Mord und Todschlag. Das erklärt auch zwanglos die Gewaltaffinität der geschlechtlich amorphen Fetischszene und die Horrorkabinette, in denen sich schwule und lesbische Sexualität „entfaltet“. Die Genderideologie führt schnurstraks in die Hölle.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 6)

24. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Schlußfolgerung

George hat gesagt, daß die emotionalen Ereignisse in seiner oben beschriebenen sexuellen Beziehung die tiefsten „therapieartigen“ Erfahrungen sind, die er jemals gemacht hat. Er hat das Gefühl, daß er in der Liebesbeziehung zu Angela in die Lage versetzt wird, noch tiefer zu gehen, als dies normalerweise in der formalen therapeutischen Situation in meinem Büro möglich ist. Auf der anderen Seite ist es die Therapie und sowohl die tiefe nonverbale als auch die verbale Arbeit, die es ihm ermöglicht hat, diese tiefen Erfahrungen in seiner Liebesbeziehung zu ertragen und mit ihnen in Kontakt zu treten und diese Erfahrungen zu nutzen, um in Richtung Gesundheit zu wachsen.

George und Angela bemühen sich, ihren eigenen einzigartigen Weg zur tiefsten Liebesbeziehung zu finden, die sie tolerieren können. Dabei folgen sie, soweit es ihnen möglich ist, dem Rat von Reich:

„Es gibt nur eine, allgemein gültige Regel, wie man die eigene, besondere Wahrheit finden kann: Lernen, geduldig in sich hineinzuhorchen und sich so Gelegenheit geben, den eigenen Weg zu finden, der zu einem selbst und zu niemandem sonst gehört. Dies führt nicht ins Chaos oder in wilden Anarchismus, sondern letztendlich in den Bereich, wo die gemeinsame Wahrheit für alle verwurzelt ist. (…) Daher sind auch die grundlegenden Wahrheiten in allen Lehren der Menschheit die gleichen; sie laufen alle auf das Eine hinaus: den eigenen Weg zu finden zu dem, was man fühlt, wenn man liebt oder schöpferisch tätig ist, wenn man sich sein Haus baut, wenn man seine Kinder zur Welt bringt oder nachts zu den Sternen schaut.“ (Reich 1953, S. 311f)

[Weitere Informationen finden sich bei Holbrook 2013.]

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Hamilton AE 1997: My Therapy With Wilhelm Reich (Part I). The Journal of Orgonomy 31(1):3-21
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of a Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Holbrook D 2014: Truth, Countertruth, and the Emotional Plague in the Clinical Situation. unveröffentlichtes Manuskript [erscheint demnächst im NACHRICHTENBRIEF]
  • Holbrook D 2015: Orgonotic Functions in the Clinical Situation: The Bioenergetic Unity of Psyche and Soma. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 2000: Orgonotic Contact Part II. The Journal of Orgonomy34(2):50-59
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.]
  • Reich W 1935: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press
  • Reich W 1951: Die kosmische Überlagerung, Frankfurt: Zweitausendeins, 1997
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 5)

22. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Diskussion (Fortsetzung)

Auf der tiefsten Ebene steht die Orgasmusangst hinter der Unfähigkeit der Menschen sich zu bewegen. In diesem Sinne führt Orgasmusangst zu einer Art „Pulsationsangst“, die den natürlichen Wechsel zwischen Expansion und Kontraktion des Organismus einschränkt, vermittelt durch das autonome Nervensystem (und wahrscheinlich auch eine Art „Kreiselwellen-Angst“). Orgasmusangst verursacht Angst vor der Freiheit der Bewegung, die die Menschen daran hindert, die notwendigen Aufgaben zu erfüllen, die sie zum Überleben bewältigen müssen. Man kann dies sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene sehen, wo es der Welt nicht gelungen ist, sich auf die lebenswichtigen Entdeckungen von Wilhelm Reich und anderen Orgonomen „zuzubewegen“, Entdeckungen, die seit 80 Jahren ignoriert und umgangen werden. Reichs Entdeckung der Orgasmusangst ist ein zentraler Bestandteil des Verständnisses der Wahrheit und der „Gegenwahrheit“ des menschlichen Lebens und der menschlichen Kultur:

„Wahrheit ist voller, unmittelbarer Kontakt zwischen wahrnehmendem und wahrgenommenem Leben. Je besser der Kontakt ist, desto voller ist das wahrheitsgetreue Erleben. Je besser die Funktionen der lebendigen Wahrnehmung koordiniert sind, desto umfassender ist eine jeweilige Wahrheit. Und die lebendige Wahrnehmung ist genau in dem Grade koordiniert, wie die Bewegung des lebendigen Protoplasmas koordiniert ist. So ist die Wahrheit eine natürliche Funktion …“ (Reich 1953, S. 297, kursiv im Original) „Wahrheit ist als Manifestation des vollsten Kontakts des Lebens zu sich selbst und seiner Umgebung unauflöslich mit dem Energiehaushalt des Lebens verbunden. Daher wühlt Wahrheit, wenn sie voll gelebt wird, die tiefsten Emotionen auf und steigert damit den Drang zur genitalen Umarmung. Da nun aber der Kern der Energieentladung des Lebendigen von den Menschen jahrtausendelang ausgeschlossen und geächtet war, mußte man auch der Wahrheit ausweichen. (Reich 1953, S. 300f, kursiv im Original)

„Es muß eine entscheidende Wahrheit unterschiedlicher Art geben, die die Durchsetzung der eigentlichen Wahrheit verhindert. Wir nennen sie die GEGENWAHRHEIT.“ (Reich 1953, S. 354, kursiv im Original.) „…die VOLLE Wahrheit [schließt] immer die Gegenwahrheit mit ein…“ (Reich 1953, S. 258, kursiv im Original.)

„Um zu verstehen, warum ein Organismus nicht freiheitsfähig ist, … muß man verstehen, warum ein Organismus lieber ohne Freiheit und Kontakt lebt. Die Wahrnehmung der Gegenwahrheit kann von daher in einigen Zusammenhängen die Essenz des Kontakts sein.“ (Holbrook 2014).

„Die Menschen weichen der Wahrheit aus, weil schon das erste bißchen Wahrheit, das ausgesprochen oder gelebt würde, weitere Wahrheit hervorriefe; und dies würde sich unberechenbar fortsetzen und die meisten Menschen aus ihrer gewohnten Bahn werfen. … Menschen …. unterstützen die Lüge, weil sie zu einer Krücke geworden ist, ohne die das Leben nicht mehr möglich wäre.“ (Reich 1953, S. 309).

Die emotionelle Pest „…entwickelt bitteren Haß gegen jeden Vorgang, der die eigene orgastische Sehnsucht und mit ihr Orgasmusangst provoziert.“ (Reich 1949a, S. 344, Fettdruck von mir)

„DIE WAHRHEIT ZU BERÜHREN, IST DAS GLEICHE, WIE DIE GENITALIEN ZU BERÜHREN.“ (Reich 1953, S. 339, Hervorhebungen im Original)

Das Verstehen der Orgasmusangst bildet somit die entscheidende Grundlage für das Verständnis der menschlichen Gegenwahrheit.

 

Literatur

  • Holbrook D 2014: Truth, Countertruth, and the Emotional Plague in the Clinical Situation. unveröffentlichtes Manuskript [erscheint demnächst im NACHRICHTENBRIEF]
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 4)

20. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Diskussion

Ich fühle mich an Reichs Beschreibung des therapeutischen Prozesses in der medizinischen Orgontherapie erinnert:

„Normalerweise beginnen wir, den Panzer an den vom Genital am weitesten entfernten Stellen aufzulösen. Aus dieser Region wurde die Energie durch die Angst vertrieben, um sich dort niederzulassen, wo immer sie sich binden konnte. Die Schwere jeder Neurose steht in direktem Zusammenhang mit der Schwere der Störung der Genitalität. Wir müssen versuchen herauszufinden, wohin diese gestörte genitale Energie gegangen ist, sich verankert hat … .“ (Hamilton 1997, S. 14)

In Georges Beschreibung seiner Hinterhaupt-Phänomene können wir erkennen, wo sich die gestörte Genitalenergie bei Schizophrenen verankert hat. Diese statische Energie im Hinterhaupt des Schizophrenen muß sich selbst freisetzen, damit sich die gesamte körperliche Erregung der genitalen Umarmung entwickeln und zum Orgasmus übergehen kann:

„Die vollständige organismische Erregung geht der speziellen genitalen Erregung voraus“ (Reich 1953, S. 76, Hervorhebungen von D.H.)

Die Integration von Liebe und Sex in der genitalen Umarmung erfolgt als Endergebnis eines langen Prozesses der Beziehungsentwicklung:

„Leben [läßt] seine Liebesbeziehungen langsam … anwachsen. Leben drängt nicht zur Umarmung zu. Es ist nicht in Eile, ….“ (Reich 1953, S. 71)

Orgasmusangst verursacht „Liebesangst“. Wie die spontane Bewegung der Orgonenergie ist auch die Liebe spontan. Ich sage meinen Patienten oft, daß sie auf Anzeichen von Liebesangst achten müssen. Wenn du mit deiner Angst in Kontakt bleiben kannst und sie nicht in irgendeiner Weise ausagierst, um die Beziehung zu beschädigen, kümmert sich die Beziehung normalerweise um sich selbst und entwickelt sich spontan entsprechend ihren eigenen Funktionsgesetzen.

George und Angela, die mit orgonomischen Schriften vertraut sind, haben gesagt, daß sie sich irgendwie „im selben Orgonstrom“ fühlen und daß dies irgendwie mit der Art und Weise zu tun hat, wie sie dazu gekommen sind einander zu finden. Ihre Liebesbeziehung erleben sie als ein Abenteuer des Entdeckens, einen Prozeß, von dem es viel zu lernen gibt, etwas, das über sie hinausgeht und das sie ehrfürchtig macht. Manchmal zitieren sie scherzhaft die Figuren, die John Belushi und Dan Akroyd in dem Film The Blues Brothers spielten und sagen: „Wir sind auf einer göttlichen Mission.“

Diese Erfahrung der Liebe als etwas, die jenseits von einem selbst steht, wurde von Reich in Die kosmische Überlagerung ausgedrückt: „Die orgastische Sehnsucht, die eine so riesenhafte Rolle im Leben des Tieres spielt, erscheint nunmehr als Ausdruck dieses ‚Über-sich-hinaus-Strebens‘, als ‚Sehnsucht‘, aus dem engen Sack des eigenen Organismus hinauszugelangen. … es ist die orgonotische Überlagerung, die den lebenden Organismus mit der ihn umgebenden Natur verknüpft“ (1951, S. 67f, kursiv im Original).

Das „Mysterium der Liebe“ war über die Jahrtausende hinweg schwer zu verstehen, zum Teil weil Liebe sowohl ein psychisches als auch ein somatisches Phänomen ist und bis zur Entwicklung des orgonometrischen Verständnisses der psychosomatischen Beziehung keine adäquaten Werkzeuge zur Verfügung standen, um sich dem Problem zu nähern:

„…sowohl psychische als auch somatische Prozesse umfassen alle oder fast alle Funktionen, die in der Gleichung für Kontakt dargestellt werden. Dazu gehören nicht nur Funktionen im Bereich der relativen Bewegung, wie etwa Kreiselwelle und Pulsation (einschließlich der Schwankungen der Pulsation: Expansion und Kontraktion), sondern auch im Bereich koexistierender Wirkung, wie etwa Erstrahlung und Anziehung (und die Variationen der Anziehung: Assoziation und Dissoziation)“ (Holbrook, 2015).4

Bei der Liebe müssen die Orgonenergie-Felder eines jeden Individuums auf ganzheitliche und ungepanzerte Weise erregt werden können. Wenn die Energie frei genug ist, um sich zu bewegen, wird das Energiefeld jedes der Individuen angezogen: „Biosexuelle Erregung ist mit der Anziehung zweier orgonotischer Systeme und dem Erstrahlen ihrer Orgonenergie-Felder verbunden“ (Konia 2000, S. 51). In dem Maße, in dem dies möglich ist, bewegen sich die Energiefelder der Individuen in Richtung einer Überlagerung. Dieser Prozeß geht dem endgültigen Vollzug der genitalen Umarmung voraus:

„Die Genitalien sind bloß ausführende Organe der physischen Durchdringung, nachdem die gegenseitige Verschmelzung der Orgonenergiefelder schon einige Zeit vor der schließlichen Erfüllung geschah.“ (Reich 1953, S. 76, kursiv im Original)

Wenn orgastische Potenz vorhanden ist, ist eine uneingeschränkte genitale Umarmung möglich und die Energiesysteme von Mann und Frau können sich vollständig überlagern, was während des Orgasmus zu einem zeitweilig integrierten einzigen Energiesystem führt.

Reich schrieb: „Jede Neurosenform hat die ihr analoge Genitalstörung“ (Reich 1942, S. 126, kursiv im Original). Ich glaube, daß wir bei Georges Beschreibungen die Erfahrung einer Schizophrenie mit Orgasmusangst erkennen können.

 

Anmerkungen

4 Jedes Element dieser Ausführungen basiert auf Zitaten aus den veröffentlichten Arbeiten von Konia im Journal of Orgonomy. Siehe Holbrook 2015 für spezifische Passagen und Referenzen.

 

Literatur

  • Hamilton AE 1997: My Therapy With Wilhelm Reich (Part I). The Journal of Orgonomy 31(1):3-21
  • Holbrook D 2015: Orgonotic Functions in the Clinical Situation: The Bioenergetic Unity of Psyche and Soma. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 2000: Orgonotic Contact Part II. The Journal of Orgonomy34(2):50-59
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1951: Die kosmische Überlagerung, Frankfurt: Zweitausendeins, 1997
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 3)

18. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

George hat Komponenten eines Gesichtsorgasmus erlebt – Zucken von Lippen und Kinn – während Episoden von verstärktem Schrecken, Sehnsucht und Traurigkeit, die er im Bett mit Angela erlebt hat. Diese okularen und oralen Phänomene gemahnen an Reichs Beschreibung der Schwierigkeit des schizophrenen Charakters, sein okulares und orales Funktionieren biophysisch mit dem Rest seines Organismus zu integrieren:

Es gibt „…eine Störung im Augensegment, von der wir glauben, daß sie etwas mit dem oralen Orgasmus zu tun hat, mit dem Gesichtsorgasmus beim Säugling.“ (Reich 1949b, S. 52) „Ich habe noch keinen Schizophrenen gesehen, der keine schwere traumatische Erfahrung in der Entwicklung seiner oralen Sehnsucht gemacht hat … Der Schizophrene ist energetisch stärker als jeder andere Typ. Da gibt es einen sehr starken Energiepush nach außen. Wenn er draußen auf nichts trifft, einfach nichts. Es gibt keinen Kontakt … [Aber das Kind] kann sich noch nicht panzern … Es könnte Wut entwickeln, schreiende Wut… Nun die Augen … die kommen hier ins Spiel … Wenn es einen derartigen Mangel an Verschmelzung der verschiedenen Funktionen gibt, eine Schwäche, und die Augen beginnen bei einem oralen Orgasmus, einem Gesichtsorgasmus zu zucken …. dann wird die Verbindung zwischen dem Zucken und einer schweren traumatischen Erfahrung in der Entwicklung der oralen Sehnsucht in die spätere orgastische Erfahrung in der Pubertät übertragen …. Schizophrenie tritt hauptsächlich in der Pubertät auf …. Es gibt einen großen Aufschwung, wenn die orgastische Funktion einsetzt … Es gibt einen enormen Schock oder Angst bzw. Schrecken mit Augen und Mund und Zucken aus … dem Säuglingsalter …. Dann kann es in der Pubertät zu einem Zusammenbruch kommen, wenn der gesamte Organismus in orgastische Kontraktionen zu geraten beginnt …. die Augen sind sehr involviert …. Nicht nur in der Krankheit, vor allem aber in den Endphasen [der medizinischen Orgontherapie], wenn die orgastischen Funktionen einsetzten. Dann passiert etwas mit den Augen. Die Augen passen nicht dazu. Der Organismus weigert sich sozusagen, die Augen in die Gesamtfunktion einzubringen, als wäre damit Terror verbunden. Und in den Augen liegt Schrecken. In den Augen setzt ein Terror ein, der die umfassende Funktion der Zuckungen verhindert und ihnen, die angenehm sein sollten, widerspricht. Und das scheint spezifisch für den schizoiden Charakter zu sein … der Schizophrene … ist hervorragend in der Integration. Er ist intelligent. Er weiß so viel. Er integriert sich gut. Aber gerade das ist seine Gefahr … Seine große Intelligenz, seine hochenergetische Funktion, die nach vollständiger orgasmischer Beteiligung verlangt. Nur das stellt die Gefahr dar [kursiv und fett von mir – DH] … Die Basis des Gehirns paßt nicht dazu … Es gibt einen Riß … die schizophrene Spaltung bzw. der Riß ist im Kopf zentriert, vor allem in zwei Regionen. Eines sind die Augen, die mit der Basis des Gehirns verbunden sind, und das andere ist der Mund. Beide, insbesondere die Augen, gehen offenbar zurück auf die ersten zwei oder drei Lebenswochen, in denen das Neugeborene die Welt ergreift und beginnt, die Welt zu integrieren und sich von der Welt zu trennen….Man kann den Schizophrenen an seinem Unwillen erkennen, seine Augen und den gesamten oberen Bereich innerhalb des restlichen Funktionierens schwingen zu lassen.“ (Reich 1949b, S. 67-70)

Über ihre ganze sexuelle Beziehung hinweg erlebte George häufig klare Episoden bewußten Schreckens. Diese treten in der Regel unmittelbar nach dem Beginn des Intimwerdens im Bett auf. Meistens ist er in der Lage, ohne offensichtliche Angst intim zu sein, aber er hat diese Episoden des Schreckens auch häufig. Während dieser Episoden wird er überwältigt und verspürt das Bedürfnis, sich von Angela loszureißen (glücklicherweise ist Angela, eine ziemlich gesunde Hysterikerin, bemerkenswert verständnisvoll, geduldig und empathisch). Er liegt dann mit Angstzuständen auf dem Rücken, meistens stumm, starrt an die Decke und vermeidet vollständig jeglichen Augenkontakt.

Während dieser Episoden ist sein Körper zunächst steif. Er geht in seinen Augen „weg“ und kann Angela nicht ansehen. Er hat das Gefühl, sich in sein Hinterhaupt zurückzuziehen, so als ziehe sich seine Energie zu diesem Ort zurück, um sich irgendwie zu verstecken. Allmählich erlebt er kleine Zuckungen, die in seinem Hinterkopfbereich beginnen und langsam seinen Körper bis zu seinen Füßen hinunterlaufen. Ich habe solche Episoden auch in seiner Therapie miterlebt. Wenn sich dieses Zucken entwickelt, wandelt es sich in ein allgemeines Zittern um. George hat das Gefühl der Zuckungen, die aus seinem Hinterhaupt stammen und sich auf seinen ganzen Körper ausbreiten, mit einem alten zerfallenden Steingebäude verglichen, in dem Teile eines Steinvorsprungs – sein Hinterhaupt – abbrechen und zu Boden prasseln.

Wenn das Zittern voranschreitet, bilden sich gemeinhin Tränen in seinen Augen. Zunächst gibt es kein offenes Weinen. Es ist das Bild von jemandem, der zu sehr Angst davor hat zu weinen und dergestalt nach Hilfe zu rufen – gelähmt. Mentale Bilder und Gedanken beginnen sich George aufzudrängen und er ist dann in der Lage, Angela verbal mitzuteilen, was er sieht und denkt und fühlt. Manchmal ist er mit traurigen Gedanken und Gefühlen über seine gescheiterte Ehe überfordert. Zu anderen Zeiten ist er über seine Kinder tief traurig und wünscht sich, er hätte ihnen ein besseres Familienleben bieten können. Manchmal hat er Gedanken und Gefühle über seine Mutter und seinen Vater und darüber, wie ungeliebt, allein und geschädigt er sich in seiner Herkunftsfamilie fühlte. All dies wird im allgemeinen zu sehr tiefem, quälendem Schluchzen führen, begleitet von einem tiefen kosmischen Gefühl, im Universum verloren und losgelöst zu sein, verzweifelt allein und vernachlässigt. Er ist jedoch in der Lage, diese Gefühle gegenüber Angela auszudrücken, und so wird es ihm möglich, sich emotional wieder mit ihr zu verbinden, was dann zu einem erfolgreichen Neuansatz der genitalen Umarmung führt.

Einmal, im Bett mit Angela, aber in einem dieser ängstlichen, tiefen und einsamen „kosmischen“ Gefühlszustände (die m.E. mit seiner Erfahrung mit der schizophrenen Spaltung zu tun haben), präsentierte sich vor seinem geistigen Auge ein mentales Bild des Seins im Mutterleib. Anstatt sich im Mutterleib warm und verbunden zu fühlen, hatte er ein seltsames Gefühl von Trennung und Kälte, Einsamkeit, Leere und Berührungslosigkeit, etwas ähnlich dem Gefühl, wie oben beschrieben, im Universum losgelöst und verloren zu sein. Diese Erfahrung war sehr unheimlich und fühlte sich für ihn äußerst überzeugend an. Er schluchzte sehr tief, während er neben Angela im Bett lag. Er hatte das Gefühl, daß er eine tatsächliche somatische Erinnerung an den Mutterleib hatte und daß dieses Gefühl der Unverbundenheit, des schizophrenen Autismus, dort im Uterus seiner Mutter begonnen haben könnte. Ich glaube, daß es nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist, daß seine Schizophrenie im Mutterleib begann und daß dies in der Tat eine wirkliche somatische Erinnerung an den Mutterleib gewesen sein könnte, obwohl es unmöglich ist, dies mit Sicherheit zu wissen.

Bei einer anderen Gelegenheit, diesmal während einer therapeutischen Sitzung mit mir, während er in einem tiefen Gefühlszustand auf dem Rücken lag, bekam er das Bild und das Gefühl, ein Säugling zu sein und auf einem kalten Edelstahltisch in einem Operationssaal auf dem Rücken zu liegen.3 Bei dieser Gelegenheit hatte er auch den Eindruck, daß er irgendwie eine tatsächliche somatische Erinnerung durchlebt hat und auf irgendeine Art von Operationstisch im OP gelegt wurde nach seiner Geburt durch einen geplanten Kaiserschnitt. Das Datum seiner Geburt wurde vorher gewählt, ohne auf das Einsetzen der Wehen zu warten, um mit dem Kaiserschnitt zu beginnen. Die Wehen werden normalerweise durch Hormone ausgelöst, die vom Fötus abgegeben werden, wenn der Fötus „fertig“ ist. George hat gesagt, er fühle sich im Leben immer als „nicht bereit“, und er fühle ständig Angst und Alleinsein, auch in Gesellschaft anderer.

 

Anmerkungen

2 In seinem alltäglichen Leben ist er sich im Laufe der Jahre sehr bewußt geworden, daß sich sein Hinterkopf zusammenzieht, wenn er sich davon abhält etwas auszudrücken.

3 Diese Art von Bildern und Gedanken „kommen zu ihm“, statt die Eigenschaft eines bewußt gewollten Denkens zu haben. Es ist, als ob das Bild in ihn eindringt. Das Phänomen hat eine abgespaltene Qualität, als ob der Gedanke oder das Bild nicht sein eigen wären.

 

Literatur

  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 2)

16. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel

George ist ein 42-jähriger geschiedener Rechtsanwalt und Vater von drei Kindern. Er war 9 Jahre mein Patient. Er kam zunächst wegen Depressionen aufgrund seiner unglücklichen Ehe zu mir. Kurz nachdem er zu mir kam, löste sich seine Ehe auf und innerhalb von zwei Jahren begann er mit seiner aktuellen Freundin Angela auszugehen.

George hat in der Therapie große Fortschritte gemacht. In den letzten Jahren, als sich seine Beziehung zu Angela vertiefte, hatte er im Zusammenhang mit ihrer Liebesbeziehung eine Reihe außergewöhnlicher psychischer (psychologischer) und somatischer Erfahrungen, von denen einige wie Manifestationen von Orgasmusangst erscheinen. Ich werde diese Erfahrungen weiter unten beschreiben.

Obwohl George von Anfang an in vielerlei Hinsicht in der Lage war, mit Angela emotional offen zu sein, nahm die Entwicklung ihrer sexuellen Beziehung längere Zeit in Anspruch.

Auf der psychischen (Liebes-) Ebene hatte George das Gefühl, als erlebe er Liebe auf eine Art und Weise, wie er sie noch nie zuvor in seiner Entwicklung erlebt hatte. Mit anderen Worten, es war nicht so, daß er diese Art von Liebe in der Vergangenheit erlebt hatte, und es lange her war, seit er sie gefühlt hatte; vielmehr empfand er diese Liebe als etwas Neues, das er weder als Erwachsener noch als Kind oder sogar als Baby erfahren hat. In den frühen Stadien seiner Beziehung zu Angela beschrieb er, wie er in seinem Bett lag und fühlte, „als ob Energie aus dem Universum buchstäblich in meinen Körper strömte – ich hatte fast das Gefühl, als würde ich dem Bett entschweben“. Dies ist ein anschauliches Beispiel für die Tatsache, daß Liebe eine biophysikalische Aktivität ist.

Als seine Ehe fehlschlug und schließlich tot war, war er immer depressiver geworden und es war immer schwieriger, die Dinge zu tun, die er zu tun hatte. Sein Einkommen sank und er schob viele lebensnotwendige Aufgaben vor sich hin. Aber er hatte nie suizidale Anwandlungen und gab nie völlig auf. Man spürt, daß er eine innere Stärke hat, die praktisch unbezwingbar ist. Auf der anderen Seite hatte er sich mehr und mehr „erstarrt“ gefühlt, bevor er Angela traf. Er sah sich oft als einen Mann, der in einem Schneesturm durch die gefrorenen Steppen ging und wußte, daß er die menschliche Zivilisation niemals erreichen werde und zum Sterben im Schnee verdammt sei, aber trotzdem immer weiterschritt. Eine andere Metapher, die er häufig verwendete, war Davy Crockett in Alamo. Er wußte, daß Hilfe fast sicher niemals eintreffen werde, aber er kämpfte weiter und konzentrierte sich auf die Aufgabe im Hier und Jetzt, jeden eindringenden Soldaten einzeln zu töten.

Seine Ehe war viele Jahre lang ohne Sex gewesen und die neue körperliche Beziehung zu Angela fühlte sich an, als würde er zum ersten Mal die Sexualität entdecken. Sogar nachdem er und Angela sich sexuell näher gekommen waren, bemerkte George, daß er zwar in einem nicht-sexuellen Kontext oft in der Lage ist, tiefen Augenkontakt mit ihr herzustellen, doch es in der genitalen Umarmung viel schwieriger ist, diesen Blickkontakt aufrechtzuerhalten. Im nicht-sexuellen Kontext findet er es auch oft „zu viel“, wenn er lange Blickkontakt hält, obwohl er für kurze Zeit sehr tiefen Augenkontakt herstellen kann. Er sagt, daß er dies auch während der genitalen Umarmung tun kann, aber schließlich spüre er, wie Energie von seinen Genitalien nach oben zu seinem Hinterkopf abfließt, als würde die Energie aus seinen Genitalien fliehen, um sich in seinem Kopf zu verstecken.1 Wenn die Energie seine Genitalien verläßt, verliert er infolge seine Erektion. Er findet, daß, wenn er seine Augen schließt, es leichter fällt die Erregung in seinen Genitalien aufrechtzuerhalten, entsprechend wechselt er zwischen geschlossenen Augen mit kürzeren Zeitabschnitten des Augenkontakts mit Angela.

In der Therapie kann George spüren, wo sich die Energieladung in seinem Körper befindet, und dann die Energie ausdrücken und bewegen. Ich denke dabei manchmal an eine Form von „somatischer freier Assoziation“, bei der er seine nonverbalen Impulse ohne Hemmung einfach wahrnimmt und ausdrückt, ähnlich wie in der Psychoanalyse ein Patient versucht, die Grundregel zu befolgen und zu sagen, was ihm in den Kopf kommt. Wenn Georges Energie an einem bestimmten Tag in seinem Kopf ist, muß er sich manchmal aufsetzen und sprechen, um sie abzulassen, oder er kann auf der Couch liegen und Laute von sich geben. Dieses Hervorbringen von Nichtworten kann dann dazu führen, daß die Energie aus seinem Brustsegment ausgedrückt wird, wobei das Schreien zu Schluchzen führen kann. Das kann dann voranschreiten zum Treten und Strampeln.

Wenn sich sein Hinterkopf angespannt anfühlt, kann er ihn manchmal lockern, indem er den Kopf nach hinten vom Rand der Therapiecouch herabhängen läßt oder indem er den Kopf in einer „Nein“-Bewegung sehr kräftig hin und her schüttelt. Normalerweise erlebt er eine Welle akuter Fallangst, wenn er dies tut, als Ergebnis der zuvor gebundenen, jetzt aber plötzlich freigesetzten Energie aus seinem Hinterkopf, die an der Vorderseite seines Körpers heftig nach unten strömt.

Wenn er spürt, daß die Energie in seinem Kopf steckenbleibt und sich als übermäßiger innerer Dialog manifestiert, was ihm eine frustrierende „intellektualisierende“ Erfahrung in seinem Kopf verschafft, wird er diese mentale Energie manchmal durch Schreien entladen und freisetzen. „Halt‘s Maul, halt‘s Maul, halt‘s Maul!!!“ Dies kann einen äußerst wütenden Charakter annehmen und führt stets dazu, daß sich die internen „Stimmen“ auflösen. Er ist dann freier, Emotionen und Energie in anderen Segmenten zu erleben. Wir haben hier ein Beispiel für das orgonomische Verständnis der Psyche als energetischen Prozeß:

Ideen können entstehen und vergehen. Ihre Existenz hängt vom Zustand der Energiebewegung im Körper ab“ (Reich 1950, S. 6, kursiv im Original). „… Gedanken beruhen teilweise auf der hohen orgonotischen Ladung des Gehirns, die die Energie von Emotionen und Sensationen aus dem Körper abzieht“ (Konia 2004, S. 108). Sobald die Energie des Gedankens entladen ist, ist die Energie des Körpers wieder frei, um sich zu demjenigen Segment zu bewegen, das zu diesem Zeitpunkt das höchste orgonotische Potential besitzt.

 

Anmerkungen

1 Das Hinterhaupt ist der Bereich des Kopfes, an dem der Schädel sich mit dem Hals verbindet, ein Grenzbereich zwischen der okularen und der oralen Panzerungszone, der innen mit der Basis des Gehirns korrespondiert.

 

Literatur

  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter* (Teil 1)

15. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

 

„Die sexuelle Energie ist die biologische Aufbauenergie der psychischen Apparatur, die die menschliche Gefühls- und Denkstruktur bildet. ‚Sexualität‘ (physiologische Vagusfunktion) ist die produktive Lebensenergie schlechthin.” (Reich 1935, S. 18)

„Die innere Beschaffenheit der Liebesfunktion hat auf jede einzelne Teilfunktion auch aller anderen Aktivitäten des Individuums bestimmenden Einfluß.“ (Reich 1953, S. 80)

„[Orgastische Potenz] ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung.“ (Reich 1942, S. 81, kursiv im Original) „Die Fähigkeit, sich trotz mancher Widersprüche mit der gesamten affektiven Persönlichkeit zeitweise auf das genitale Erleben einzustellen, ist eine weitere Eigenschaft der orgastischen Potenz.“ (Reich 1927, S. 43, kursiv im Original)

„Wird die sexuelle Erregung gebremst, so entsteht ein fortschreitender Widerspruch: Die Bremsung steigert die Erregungsstauung; die gesteigerte Erregungsstauung schwächt die Fähigkeit des Organismus, sie abzubauen. Dadurch erwirbt der Organismus eine Angst vor der Erregung, mit anderen Worten, die Sexualangst. Sie ist somit durch äußere Versagung der Triebbefriedigung veranlaßt und durch die Angst vor der gestauten Sexualerregung innerlich verankert. Daraus leitet sich die Orgasmusangst ab. Sie ist Angst des dem Lusterlebnis entfremdeten Ichs vor der überwältigenden Erregung des Genitalsystems. Die Orgasmusangst bildet den Kern der allgemeinen strukturellen Lustangst. Sie äußert sich gewöhnlich als allgemeine Angst vor jeder Art vegetativer Empfindungen und Erregung oder der Wahrnehmung solcher Erregungen und Empfindungen [kursiv von mir – D.H.]. Lebenslust und Orgasmuslust sind identisch. Die äußerste Erscheinung der Orgasmusangst bildet die allgemeine Lebensangst.“ (Reich 1942, S. 124, kursiv im Original, sofern nicht anders angegeben)

„…die allgemeine psychische Kontaktlosigkeit (…) [ist] nur die allgemeine Ausstrahlung orgastische[r] Kontaktangst…“ (Reich 1949a, S. 429, kursiv im Original)

„Letzten Endes steckt die Orgasmusangst hinter allen Manifestationen der Panzerung.“ (Baker 1967, S. 32)

 

Anmerkungen

* Seit der Zeit Wilhelm Reichs hat das American College of Orgonomy (ACO) –vor allem durch die Arbeit von Dr. Charles Konia – das Konzept der Schizophrenie auf ein ganzes Spektrum schizoider Charakteristika ausgeweitet, die als typisch für das gesehen werden, was nunmehr als „schizophrener Charakter“ bezeichnet wird, ein Charaktertyp, der normalerweise nie psychotisch war, aber dennoch viele der Merkmale der schwereren Form aufweist, die im Hauptstrom der Psychiatrie als „Schizophrenie“ bekannt ist. Daher würde die Person, die in der Mainstream-Psychiatrie als Schizophrener bezeichnet wird, auch beim ACO als schizophrener Charakter betrachtet werden, stellte aber nur die extremste Form dieses Charaktertyps dar. Schizophrene Charaktere haben im Allgemeinen genug Ichstärke, um was auch immer zu erreichen, und sie sind in jedem Bereich des Lebens präsent. Weitere Informationen zu den verschiedenen Charaktertypen finden sich bei Baker 1967.

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.
  • Reich W 1935: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Frage und Antwort: Sex und Liebe

3. Juni 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Frage und Antwort: Sex und Liebe