Posts Tagged ‘Ejakulation’

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 2)

6. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 1. Die Entdeckung der orgastischen Potenz

Von Freud wurde Anfang dieses Jahrhunderts erstmals die umfassende Bedeutung der Sexualität für die menschliche Entwicklung entdeckt. Er entwickelte den Begriff „Libido“, unter dem er einen spezifischen Sexualtrieb verstand. Dieser Trieb war jedoch selbst nicht faßbar, lediglich Triebabkömmlinge, die sich in sexuellen Vorstellungen und Affekten äußerten, konnten beobachtet werden. Freud vertrat die Ansicht, daß die psychische Energie, die Libido, eine physiologische Grundlage habe, die aber erst noch gefunden werden müsse.1

Reich beschäftigte sich schon zu Beginn seiner psychoanalytischen Tätigkeit mit Fragen nach der Herkunft und Energie der Triebe.2 Im Hintergrund seiner Arbeit stand für ihn die Frage, „ob es möglich sein könnte, den Freudschen Begriff ‚psychische Energie‘ konkret zu fassen oder gar dem allgemeinen Energiebegriff einzuordnen“.3

Bei der Behandlung neurotischer Störungen machte Reich wichtige Beobachtungen. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage nach den Energiequellen der neurotischen Störungen. Angstneurosen und Neurasthenie waren nach Freud unmittelbarer Ausdruck gestauter Sexualenergie. Dagegen grenzte Freud die Psychoneurosen, insbesondere die Zwangsneurose und die Hysterie ab, in deren Mittelpunkt die Inzestphantasie und die Angst vor Beschädigung des Sexualapparats standen. Reich sah diese Grenze nicht so scharf: Auch die Psychoneurosen wiesen einen aktualneurotischen Kern gestauter Sexualerregung auf, aus dem sie ganz offensichtlich ihre Energie bezogen. Er folgerte: „Die Stauungsneurose ist eine körperliche Störung, hervorgerufen durch falsch gelenkte, weil unbefriedigte sexuelle Erregung. Doch ohne eine seelische Hemmung könnte die Sexualerregung nie falsch gelenkt werden.4

Die Bedeutung ungehinderter Sexualität für die Gesundheit der neurotischen Patienten erwies sich in der klinischen Praxis. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:5

  • Die Beschwerden eines an Zwangsgrübeln, Zwangsrechnen, analen Zwangsphantasien, gehäufter Onanie in Verbindung mit schweren neurasthenischen Symptomen, Rücken- und Hinterhauptschmerzen, Zerstreutheit und Übelkeit leidenden Studenten verschwanden, als die Aufdeckung der Onanieschuldgefühle gelungen war und der Patient mit Befriedigung onanieren konnte. Er heiratete bald und blieb gesund.
  • Ein an kompletter Erektionslosigkeit leidender Kellner blieb trotz Aufhellung der Urszene impotent. Das Bewußtmachen der Urszene, Ziel der Psychoanalyse, reichte allein zur Heilung nicht aus.

Es stellte sich bald heraus, daß die Schwere jeder Art seelischer Erkrankung in direktem Verhältnis zur Schwere der Sexualstörung steht, und daß die Heilungsaussicht und die Heilerfolge direkt von der Möglichkeit abhängen, die volle genitale Befriedigungsfähigkeit herzustellen.6 Bei Frauen beobachtete Reich in allen Fällen gestörte vaginale Befriedigung, jedoch litten nur 60 – 70 % der behandelten Männer an Impotenz. Das schien die Behauptung, Kern jeder Neurose sei nicht befriedigte Sexualenergie, zu widerlegen. Dieses Problem führte Reich zur Untersuchung der gesunden Genitalität. Die genaue Analyse des genitalen Verhaltens jenseits der Worte „Ich habe mit einer Frau bzw. mit einem Mann geschlafen“ war in der Psychoanalyse streng verpönt. Die genaue Beschreibung des Verhaltens während des Geschlechtsaktes ließ erkennen, daß die Kranken hier ausnahmslos schwer gestört sind. „Das traf vor allem auf die Männer zu, die am lautesten großsprecherisch aufzutreten pflegen, möglichst viele Frauen besitzen oder erobern, die in einer Nacht wieder und wieder ‚können‘. Es wurde eindeutig klar: Sie sind erektiv sehr potent, doch sie erleben beim Samenerguß keine Lust, geringe Lust oder sogar das Gegenteil davon, Ekel und Unlust. Die genaue Analyse der Phantasien des Aktes ergab meist sadistische oder eitle Einstellungen bei den Männern, Angst, Zurückhaltung oder Männlichkeitserleben bei den Frauen. Der Akt bedeutete für den angeblich potenten Mann durchbohren, bewältigen oder erobern der Frau. Sie wollten ihre Potenz just beweisen oder wegen der erektiven Ausdauer bewundert werden. Diese ‚Potenz‘ ließ sich durch Aufdeckung der Motive leicht zerstören. Dahinter kamen schwere Störungen der Erektion und der Ejakulation zum Vorschein. Bei keinem dieser Fälle gab es auch nur eine Spur von Unwillkürlichkeit oder Verlust der Aufmerksamkeit im Akt.“7

Diese Entdeckung führte zum Begriff „orgastische Potenz“.8 Darunter ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen zu verstehen. Die Sexualerregung wird komplett abgebaut. Die volle orgastische Potenz fehlt heute bei den meisten Menschen, aber nur wenige wissen davon. „Der Begriff ‚orgastische Potenz‘ wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigner subjektiver Erfahrung.“9

 

Fußnoten

  1. Diese Auffassung äußerte Freud z.B. in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1961. Vgl. S. 85ff.
  2. Das kommt in seinen beiden Abhandlungen „Trieb und Libidobegriffe von Forel bis Jung“ (1921) und „zur Triebenergetik“ (1923) zum Ausdruck.
  3. Reich, W., Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt 1972, S. 74
  4. ebenda, S. 75
  5. Vgl. ebenda S. 69f
  6. Vgl. ebenda S. 77f
  7. ebenda S. 80
  8. der Begriff „orgastische Potenz“ ist ausführlich dargestellt in: ebenda S. 81–87
  9. Greenfield, J.: Über Probleme als „Reichianer“ in: Wilhelm-Reich-Blätter, 5/76, S. 98f

Tantra (1996/1997)

10. Dezember 2016

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Tantra (1996/1997)

 

 

O. 2011: Ein sehr klar und bestens formulierter Beitrag. Er trifft den Kern des Gegensatzes zwischen den zwei sexual-energetischen Ansätzen. Nun beide Richtungen sind letztlich eine Quälerei – Psychotherapie ist kein Vergnügen und das, was wie pures sexuelles Vergnügen in Form von Tantra aussieht, womöglich mit einer schönen Frau, ist nicht nur sexuelle Triebunterdrückung, sondern zugleich Gehirnwäsche mit dem Ziel Körper und Geist (in diesem Fall kann man davon sprechen) zu formen. Energetische Aufladung als Machtinstrument für mystisch-religiöse Zwecke und zur Bildung von Abhängigkeiten mit Suchtcharakter.
Was hier unerwähnt bleibt, ist, dass die Reichzene mit ihrer socalled „Ogrontherapie“ (etc.) nicht anderes macht!!!
Energetisches Wissen kann immer wieder missbraucht werden zur Bildung faschistoider Strukturen. Dies wird natürlich nicht bewußt, so doch wissentlich angewandt und konzipiert. Wer hierfür blind ist, dem ist nicht zu helfen. Ohne ein vernünftige Psychotherapie – ich wage nicht mehr von Orgontherapie zu sprechen – ist eine faschistische Orgontherapie a la östlicher „Energetik“ vorprogrammiert. Und diese Form der „deutschen Orgonomie“ ist leichter zu ertragen, als sich mit den Schmerzen seiner Psyche in einer Körpertherapie auseinanderzusetzen.
Deswegen ist man noch lange kein „Reichianer“, weil man sich einen Orgonakkumulator baut und da reinsetzt, oder weil man Eva Reichs Methode benutzt, um andere von der „Reichlehre“ zu überzeugen. Man ist noch derselbe Faschist, der man vorher strukturell war. Nur dass hier keine Rassenideologie verbreitet wird, sondern Reichs Dogma „orgastischer Puslation“ zum Kriterium für die Heilslehre genommen wird.
So wird aus einem kleinen privaten esoterischen Interesse eine faschistische Interpretation und Okkupation der Orgonomie. PN hat den Mut dies hier in den vielen Artikeln zu diskutieren. Und die Vermischung von blauen, roten und braunen Faschismus zerstört jeden Ansatz Reichs Gesellschaftskritik zu einer erkenntnistheoretischen und strukturellen Veränderung werden zu lassen. Es macht keinen Unterschied, ob Reich bildlich gekreuzigt wird, seine Bücher verbrannt werden oder ob man Reich auf diese Weise vertritt und in den blauen Himmel der lebensenergetischen Forschung lobt, wo die Engelchen fliegen.

Klaus: „Meditation führt zur Panzerung des okularen Segments und zur Zerstörung des Orgonenergie-Feldes.“
Solche Aussagen interessieren mich sehr; ich kenne regelmäßig Meditierende, die mir tatsächlich irgendwie so vorkommen, und eigene Versuche z. B. mit Stille-ChiGong erweckten bei mir den Eindruck einer merkwürdigen Einkapselung des Energiegefühls in einzelne ‚Bahnen‘, was einerseits für eine Weile konzentrationsfördernd sein konnte, sich andererseits aber unangenehm künstlich und verengt anfühlte. Doch gibt es Erfahrungen – etwa aus therapeutischer Praxis -, die diese Annahme in Bezug auf das okulare Segment und das Orgonfeld genauer stützen?

Peter 2011: Ich verweise etwa auf http://www.w-reich.de/nelson.html
Noch etwas:

Yoga, meditation, and mind control are processes of relaxed concentration that slow down the autonomic functions (breathing, heart, etc.) whereby the intuitive and telepathic processes are tapped. Demonstrably, they work, despite the mystical trappings usually associated with them; but, for most, they lessen contact with their direct organ perceptions. This was as true for me when I took courses in mind control and meditation, as it was for some of my classmates. Yet, when these orgonotic senses are used spontaneously and naturally, they have no side effects. Dr. Elsworth Baker says he habitually uses this kind of contact in treating patients, but he doesn’t hold his breath or slow down his heartbeat. When I, on rare occasions, have spontaneously had telepathic and intuitive experiences, they have not been accompanied by any detectable changes in other functions. This is not conclusive, but it is fairly good circumstantial evidence that mind control, meditation, and yoga are artificial, forced ways of achieving what is natural to the unarmored. The deliberate efforts to attain orgonotic sensory perceptin tend to fail or are at least miniscule in their results compared to the great effort put into them, probably because they are an effort to force an orgonotic function, and that doesn’t work any better than does trying to force love or human contact – they are purely spontaneous events that occur from the free flow of energy. (Loi Wyvell: „Orgone and You“ Offshoots of Orgonomy No. 1, S. 19f)

Tzindaro 2016: While in India, I visited a Reichian Ashram where the guru had a copy of Reich’s function Of The Orgasm on his bookshelf. He told me he thinks he is the only married guru in India. He said this is because his own teacher had a stroke at the age of 75 and after meditating on it, told his students he thought it had happened to him because of pent-up pressure from more than 50 years of sexual abstinence, so he advised his students to marry.

Denis Roller 2012: Ja, es gibt sie noch, die echten Vampirjäger, Exorzisten und-Männer. Nehmt euch in Acht ihr Spassemacken. Wir fackeln nicht lange…

Klaus: „Liste von „Erleuchteten“, die an somatischen Biopathien, insbesondere Krebs, verreckt sind“
Darüber wüsste ich gerne mehr!
Warum ‚Erleuchtung‘ überhaupt erstrebenswert sei, wird auch nie gesagt.

Klaus: Etwa so stelle ich mir das vor: http://blog.stuttgarter-zeitung.de/licht/2011/03/15/erleuchtungsram/

Robert: Der einzige Heilige in Hamburg-Altona

O.: Wer bei Reich bis jetzt die Erleuchtung des Orgasmus gefunden haben mag, wird hier fündig:
Nein jetzt kommt nicht Fischers Seite, sondern die hier:
http://www.advaita-tantra.de/wordpress/

Robert: Hier mal was zum Thema Körpertherapie bei Amazon läuft
http://www.amazon.de/gp/bestsellers/books/557528/ref=pd_zg_hrsr_b_1_5_last

Robert 2014: OSHO: Jenseits der Grenzen des Verstandes. Das Märchen von der Psychologie
Wilhelm Reich, ein Tantra-Meister unserer Zeit
Der deutsche Psychologe Wilhelm Reich stieß auf ein paar innere Geheimnisse der Bioenergetik, und er wandte sie auch in der Behandlung seiner Patienten an. Aber man warf ihm vor, er sei anti-sozial; er wurde eingesperrt und für verrückt erklärt. Was war es, woran Reich gearbeitet hat und woran ist er gescheitert ? … Wilhelm Reich fing an, mit der menschlichen Energie zu arbeiten. Und natürlich, wenn du mit der menschlichen Energie arbeitest, dann stößt du unweigerlich auf die Quelle von allem – und das ist die sexuelle Energie … Und im Gefängnis müssen sie ihn ungeheuer gequält haben. Er war kein Mann, der so leicht zerbricht; er war ein ausgeglichener Mensch, und diejenigen, die ihn kannten, haben bezeugt, dass es nur wenige gibt, die so stark, so in sich gefestigt und mit beiden Beinen auf der Erde sind, wie er es tat – aber im Gefängnis wurde er verrückt. Ich habe den Verdacht, dass man ihn mit Absicht in den Wahnsinn getrieben hat … Ich nenne Wilhelm Reich einen modernen Tantra-Meister, obwohl er selbst sich dessen nicht bewusst war. … Wilhelm Reich wird eine Renaissance erleben, denn was er getan hat, war absolut wissenschaftlich. … Er gehört zu uns. Ich gebe ihm nachträglich Sannyas.
http://h0rusfalke.wordpress.com/bernd-senf-uber-wilhelm-reich-die-bildung-des-charakterpanzers-in-der-kindheit/

Breger: Freud. Darkness in the Midst of Vision (2000)

24. August 2016

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Breger: Freud. Darkness in the Midst of Vision (2000)
 

 

O. schrieb 2012: Mal abgesehen davon, dass Louis Breger keiner kennt – zumindest meine Wenigkeit hat nie zuvor von ihm gehört – sollte er seine Ansichten von Sexualität nicht für „reif“ oder „normal“ halten, damit fängt eine Kritik wohl schon mal an. Zweitens wovon man offensichtlich keine Ahnung zu haben scheint, sollte man schweigen.
Es ist erbärmlich, was für schräge Ansichten über Sexualität vorherrschen und wie stark die Sexualunterdrückung noch funktioniert – neben der pornographischen „Revolution“.
Welche Absurdität noch über den „Ödipuskomplex“ zu referieren ohne ein Wort ums Wesentliche zu verlieren: Die (zwangs-) moralische Sozialkontrolle über Partnerwahlen und die Vorstellung vom Glück in der Einehe-Beziehung, die lediglich der Geldakkumumulation und dem Anhäufen von Gütern dient und unter dem Mantel der „Liebe“ verdeckt wird, um diese zu ersticken bis Krebs das Ergebnis sein wird.
Im Ödipuskomplex steckt nicht die Liebe des Jungen zur Mutter, sondern die homosexuelle Neigung eines Freud, der wohl die Mutter als Nebenschauplatz brauchte, wo es doch immer um die Anerkennung um den Vater ging. Hier kann man viel deuten, wenn die eigene Fantasie dazu ausreicht. Man wird aber am allerwenigsten von der Liebe des Jungen (Ödipus) zu seiner Mutter (unbewußt) kommen, vielmehr zum inzestiösen Wunsch des Vaters nach seiner Tochter, wo wahre Vatergefühle durch Sexualverdrängung zu perversen Gelüsten führt. (vgl. Sigmund und Anna Freud miteinander turtelnd.)
Die Ursache ist klar: Die Partnerwahl zur Frau ist nicht mehr befriedigend und war wohl die falsche Wahl, zumindest für einen späteren Zeitpunkt, doch man verbleibt aus sozialen Gründen bei ihr bis das der Tod sie scheide. Und die Frau, die davon zehrt, dass der „Alte“ bei ihr bleibt, als Strafe für seine Wünsche zu anderen, will dass ihr Mann die Zeit mit ihr verbüßen muss und gibt dafür auch noch die Tochter her.
Eine ödipale Bindung entsteht wohl eher zwischen Tochter und Vater, wobei es nicht von der Tochter zunächst ausgeht.

Robert: Ferenczi hat ja schon zu Lebzeiten Freuds die Mutterbedeutung hervorgehoben und später dann Spitz und Winnecott die Mutter-Kind-Bindung. Also es gab immer Korrekturversuche an Freuds Vaterbild, wo der Vater typisch patriarchalisch eine übergroße Bedeutung hat, während heutzutage im Zeitalter des Staatsfeminismus (z.B. finanzierte die CIA die feministische Zeitschrift ‚Ms‘) der Vater und Mann eine marginale, ausgebeutete und versklavte Rolle zugewiesen bekommt.

Dolphin: Für mich gehörte der „Ödipuskomplex“ immer schon zu den abstruseren Fantasiegeburten.
Nie habe ich auch nur entfernt irgendetwas in dieser Art bei mir (oder Bekannten) feststellen müssen.
Ich lese mit großer Zustimmung „Freud war wirklich ein emotional zutiefst gestörter Mann mit den teilweise denkbar abstrusesten Vorstellungen!“.
Gab es aber davor nicht Zustimmung zu einem „libidinöse(n) Grunddrama des Ödipuskomplexes“?
Für überzeugende Aufklärung (ich meine vor allem bzgl. Ödipuskomplex …) bin ich durchaus offen.
Ich wundere mich sehr, wie solche abstrusen Lehren eines zutiefst gestörten Mannes eine solche Aufnahme und Wirkung entfalten konnten/können.
Vergleichbar mit z.B. Lehre und Wirken von Karl Marx.
Auch hier würde ich mich über Aufklärung sehr freuen.

O.: Nun ein Therapeut würde vielleicht fragen „Was hat das mit Ihnen zu tun, dass Sie den Ödipuskomplex, sprich die Liebe zur Mutter und den Hass auf den störenden Vater leugnen müssen?“
Und wenn man sich schon darum Gedanken machen muss, kommt man vielleicht auf sinnvolle Beziehungsmuster und Themen. Das Thema Liebe zum Beispiel oder meine Beziehung zur Mutter und schließlich die zum Vater,das sind alle zentrale und wichtige Themen, die in der Regel emotional besetzt sind.
Würde man umgekehrt an Freud die Frage richten, was keiner wagte aufgrund seiner Authorität, so würde man vielleicht hinterfragen wollen: „Herr Freud, was verdeckt der Ödipuskomplex, die Sohn-Mutter-Analyse? Wie sieht es mit ihrer Liebe zur eigenen Tochter aus? Würden Sie hieraus auch eine Tochterliebe zum Vater machen?“ Freud: „Unbedingt!“ müsste Freud kontern. Ist nicht die Fixierung der Tochter auf den Vater eine der Grundvoraussetzung für die spätere Partnerwahl?
Kinder weden psychisch an ihre Eltern gebunden, erzogen und geprägt. Und dies geschieht libidonös. Reich erklärte das bestens in der „Charakteranaylse“ (Reich 1933, 1945).
_______________________
Die Frage ist wie wörtlich will man den Ödipuskomplex als Motor der Psychodynamik eines Erwachsenen nehmen, dem etwas in der Kindheit unterstellt wird, was im Erwachsenen Schuldgefühle machen soll? Klienten mit unauflösbaren Schuldgefühlen bleiebn länger in Therapie und zahlen besser, sie bleiben abhängige Kinder vom „Vater“, dem Therapeuten.
Die Übertragung leitet sich hieraus ab, sie wird so eingeleitet. Dies erspürt der Therapeut in der Gegenübertragung. Eine Therapeutin wird mehr die Mutterrolle übernehmen.
Die Frage hinter dem Ödipus ist, was ist mit den eigenen Triebwünschen (kindliche Sexualität) geworden, wer hat sie versagt? In der Regel der gleichgeschlechtliche Elternteil – das ist die drohende Kastration des Kindes (psychisch gesehen) und kann bei jedem von uns angenommen werden, weil keiner (außer Reich :)) in der Kindheit seine Sexualität früh ausleben durfte. Stattdessen haben wir unsere Dispositionen zu zwanghaften, hysterischen, masochistischen oder narzisstischen Eigenschaften unseres Charakters (Persönlichkeit) entwickelt.
Unsere Liebe zur Mutter bleibt uns verborgen, so wie in der Mythologie Ödipus nicht wusste, dass er seine Mutter liebte und später seinen Vater töten wird.
Ich hoffe mal ein paar Gedanken hierzu ausgelöst zu haben, warum das was Freud sagte nicht völlig Unsinn ist, wenn es einem natürlich auch irgendwie so scheint. Ich stelle mir aber oft auch dieselbe Frage.

Dolphin: Vielen Dank für die Gedanken!
„die Liebe zur Mutter und den Hass auf den störenden Vater“: Das sind Begriffe/Gedanken/Gefühle der Erwachsenenwelt, die Welt des Kleinkindes ist eine andere (natürlich auch irgendwie erotisch=vom Orgon erfüllt).
Und überhaupt klingt das nach einem furchtbar „primitiven“ und armseligen Gefühlsleben, wenn jemand in solchen Begriffen fühlt (Hass, störend).
Die Liebe des Kindes oder von mir aus auch des Knabens zur Mutter ist eine andere als die spätere Liebe zur Frau.
Es scheint mir unbestreitbar, dass sich die „echte“ Sexualität erst später entwickelt, eben mit der Geschlechtsreife.
Schade, dass Meister Peter sich nicht äußert, meine Frage „wie solche abstrusen Lehren eines zutiefst gestörten Mannes eine solche Aufnahme und Wirkung entfalten konnten/können“ und nach Parallelen mit dem Kommunismus scheint mir doch eine gute und wichtige Frage zu sein.

O.: Bitte, gerne Dolphin!
Die Vorstellung Freuds in Bezug auf den Ödipuskomplex klingt sehr schematisch und abstrakt. Freud geht eben nicht auf die kindliche „Erotik“ ein (Erotik ist ein zu erwachsener Begriff), sondern bleibt in prägenitalen Phasen (oral, anal) stecken.
Das Kind darf gerade seine eigene Libido (Lust) nicht ausleben und fixiert sich auf den versagenden Elternteil, so entsteht erst etwas wie ein „Ödipuskomplex“. Das ist abstrakte Theorie, die zu erklären versucht, was mit dem (Liebes-)Trieb geschieht, wenn er sich nicht ausdrücken darf.
Die Liebe des Knaben bezog sich ursprünglich wohl kaum auf die Mutter, sieht man von der Brust ab, was aber unter notwendige Ernährung zu zählen ist. Freud hat schon die frühsten Verhaltensweisen analysiert und erotisiert. Die kindliche Sexualität hat er hingegen aufgegeben, da er hiermit nur Widerstand bei Kollegen erzeugte. Sobald der Knabe aus der Fütterungsphase heraus ist und sozial tätig wird, beginnt die Liebe primär zu anderen – in diesem Fall kleinen Mädchen. Die Mutter wird nur zum Ersatzobjekt, da sie die (kindlich-) genitalen Strebungen des Sohnes unterbindet.
Und somit nimmt die Katastrophe der psychischen Entwicklung ihren Lauf, die Befriedigungsfähigkeit des Kindes ist für immer zu einer (normal) neurotischen Persönlichkeit gestört.
Literaturempfehlung: W. Reich: „Charakteranalyse“ 1933, 1. Aufl. immer wieder mal lesen, das kann ich nur empfehlen, ich entdecke da immer wieder etwas Neues.
Freud hatte seine eigenen Konflikte und Kämpfe und war auch nicht so frei in seinen Gedanken, zum Schluss war er überangepasst und hatte keine Kraft mehr zu kämpfen. Sein Mundkrebs spricht Bände: Er hat sich oft den Mund verboten und die Kraft fehlte, da das Sexuelle nicht gelebt werden konnte bei ihm – mit dem Ergebnis des Krebses. Reichs Krebsforschung sehe ich als eine Art „Bringschuld“ oder seinem geistigen Vater Freud noch helfen wollend, wenn auch nur noch symbolisch mit dem Buch „Der Krebs“.
Angesichts FREUDS Leistungen – wie verquer man es heute auch beurteilen kann – bleibe auch ich mit ihm nachsichtig, trotz seines teilweise miesen Umgangs gegenüber Reich und anderen Psychoanalytikern.

edmalek 2014: In his early days (i.e., Studies in Hysteria), Freud was a functional thinker in the following ways:
a-He used direct observation of the natural state of his patients instead of following the mechanistic theories of his time (e.g., the „brain“ is the mind)
b-Was able to see discrepancy in his patient’s emotional state between what they said and how they reacted (precursor to Character Analysis).
c-Used words such as „foreign body and parasite“–indication of energy.
d-Was aware of an energetic factor in the buildup of emotions– which when not allowed expression, converted to hysteria.
e-Was able to „guess“ the functionality of the armor segments even though he was unaware of them: neuralgia in throat meant patient had to „keep quiet“ etc.
f-Hysteria did not follow the neurology of organs, but a functional one.
g-was aware that erotic life is most important for human development and did not dismiss this as his contemporaries did.
h-When Freud discovered a “law”, he always sought for the deeper level, never sufficing with the superficial.
He also was aware of symptomatic behavior of his patients (e.g., doubt revenge) that led him to discover resistance and transference.
Generally speaking, had Freud continued in his functional thinking instead of turning to “ego psychology” and nihilism, he would have possibly discovered bioenergetic orgone before his student Reich had the good fortune to.

O. 2012: „Psychologen“ (Psychotherapeuten und die bekannten Ärzte eingeschlossen, die sich mit Psyche beschäftigten) befassen sich mit der physikalischen „Energie“ und umgekehrt befassen sich die Physiker mit der Wirkkraft der „psychischen“ (dynamischen … etc.) Energie. Beide versuche zu beweisen, was nicht ihrer Fachrichtung angehört, den Beweis der Existenz auf dem anderen Gebiete.
Ein Physiker war bereits wesentlich konkreter und räumte mit dem „Placebo-Effekt“ auf, wie er hier benannt ist: „Breger zufolge seien Heilerfolge „zweifellos“ auf den Placebo-Effekt und die persönliche Zuwendung durch den Arzt zurückzuführen.“ (Zitat PN oben)
Breger ist der typische Schwätzer (wenn er solches behauptet hat, auch Stefan Zweig versuchte Mesmer in diese Richtung zu interpretieren, weil eine andere Richtung (wie die von Mesmer oder Reich) nicht gestattet zu sein scheint.
Über den Heilerfolg des Mesmerismus gab es zu seiner Zeit und danach keine Differenz, diese Methode hatte außerordentliche Erfolge. Über die Erklärung jedoch wurde gestritten: Es wurde Mesmer abgesprochen, dass es sich um eine physikalische Energie handeln dürfe, das Agens sollte eine „psychische Kraft“ sein. In diese Richtung ge- und verdrängt, entwickelte sich hieraus der Hypnotismus (Hypnose). Und der sog. Placeboeffekt wurde als mächtige „Wirkkraft ohne Erklärung“ akzeptiert und als Mystikum der Wissenschaft hinzugefügt, an der sich die Psychologie und Medizin messen lassen musste. Es ist falsch anzunehmen, das ein Placebo aus „Nichts“ bestehe, noch ist ihre suggestive Kraft wirkungslos. Der Glaube eines Menschen habe alleine schon eine Wirkung die eine Kraft des Mesmerismus darstellt, aber nicht deren ursprüngliche Kraft ist.
Freud hätte sich mit dem Phänomen hinter der Suggestion von Bernheim und der Hypnose von Charcot befassen können, statt einer „Bioelektrizität“ nachzujagen und in die Psychoanalyse abzudriften. Doch der Weg zum Mesmerismus war durch Meinungen und negative (Vor-)Urteile bereits versperrt. Heute geht es nicht mehr um die Frage, ob es eine physikalische Energie ist, die Mesmer benutzt hat – dies wird verneint, sondern um das Verschwinden der Heilkräfte und deren Methode.
Ebenso geht es in der Orgonomie weniger um dessen Effizienz, was gleichfalls bestritten wurde, sondern um das Verschwinden dieser Technik; und wie wir sehen gelingt dieses bestens – abseits von diesem Blog.

Robert: Wie Herbert Will in Was ist klassische Psychoanalyse?: Ursprünge, Kritik, Zukunft aufführt, ist das, was später als klassische Psychoanalyse bezeichnet wurde, ein Konstrukt der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, das selbst von Eissler u. A. stammt!
Freud selbst war viel flexibler zu seinen Patienten, wie man es bei den Erlebnissenberichten (Blum, Wortis, Kardiner, Blanton, Andreas-Salome, Koellreuter) der Patienten oder Schüler liest.

O.: Freud hat wohl immer wieder noch experimentiert, seine Technik verändert und war auf der Suche, wissend das er die Lösung noch nicht gefunden hatte. Nachfolger können tatsächlich eine „Pest“ sein, ohne das sie überhaupt verstehen warum – eben, weil sie nicht verstehen „warum“.
Sehr schön zu sehen hier, dass Freud empathisch und vernünftig Therapie machen konnte. Letztlich war dieser Einzelfall nach Reichs Thesen gelöst worden, wie es Breuer ihm zuvor auch schon geraten hatte und er es entweder nicht verstand oder zunächst ingnorierte und stattdessen die merkwürdige „Psychoanalyse“ entwickelte. – Merkwürdig aufgrund ihrer inhaltlichen Fantasterei über sexuelle Triebe – Interpretationen über vergangene Bedeutungen.
Nach der Karikatur schläft selbst der Analytiker dabei ein.
Freud hatte sich auch in der Suggestion und Hypnose versucht, sie studiert und scheiterte – auch daraus erwuchs die Psychoanalyse.
Reich studierte diese Seite von Freud nicht. Er war zu sehr von der Pychoanalyse überzeugt und sucht diese (unfähige) Therapie zu bessern – nachzubessern. Breuers Hinweis wird doch noch zum Leitbild: Katharsis – emotionale Erinnerung! Hieraus entstand die Vegetotherapie!
Keine Pulsationsarbeit, wie heutige Jünger es uns glauben machen wollen, auch kein Taoyoga der „energetischen Medizin“ – was nichts mit Reich zu tun hat außer ein Lippenbekenntnis, wie der christliche Glaube zu einem unsichtbaren Gott.
Die Therapieforschung und -geschichte könnte einmal belegen, dass der eingeschlafene Psychoanalyitker besser therapiert als der wach und smart agierende Analytiker.
Der Körperpsychotherapeut der hierüber schmunzeln möchte, sollte wissen, dass die Psychoanalyse bereits weiß, dass sie nicht wirkt und wirken konnte, die Körperpsychotherapie wird diese Erkenntnis erst noch erringen müssen.
Hatte (auch) Reich etwas falsch gemacht? Dies ist die nicht gestellte Frage. Was es von Freud zu lernen gibt, ist, dass Genialität nicht vor Fehlern schützt. Reich hat sich dieses Recht auf Fehler bewußt zugestanden, auch wenn er sich bezüglich seiner Therapie für unfehlbar hielt. Auch die Nachfolger halten ihn in allen seinen Phasen für unffehlbar, für therapeutisch genial. Dies steht auch außer Zweifel, doch darf man deswegen (vor Anbetung) nicht in Schreckstarre verfallen und nur noch Altare für Reich bauen, sondern darf weitergehen, neu forschen.
Reich hat Freud verteidigt, dies war seine Mission. Freuds Mission war es eine neue Theorie und Therapie zu schaffen und Psyche zu definieren. Missionen haben meist nur ein Ziel! Sie sind blind gegen den Prozess und dessen Früchte. Hier liegt der mögliche Fehler der beiden Pioniere.

Robert: „Indes hier ist es an der Zeit, ein Mißverständnis abzuwehren. Ich habe nicht die Absicht zu behaupten, daß die Analyse überhaupt eine Arbeit ohne Abschluß ist. Wie immer man sich theoretisch zu dieser Frage stellen mag, die Beendigung einer Analyse ist, meine ich, eine Angelegenheit der Praxis. Jeder erfahrene Analytiker wird sich an eine Reihe von Fällen erinnern können, in denen er rebus bene gestis vom Patienten dauernden Abschied genommen hat. Weit weniger entfernt sich die Praxis von der Theorie in Fällen der sogenannten Charakteranalyse. Hier wird man nicht leicht ein natürliches Ende voraussehen können, auch wenn man sich von übertriebenen Erwartungen ferne hält und der Analyse keine extremen Aufgaben stellt. Man wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen Eigenarten zugunsten einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar zu fordern, daß der »gründlich Analysierte« keine Leidenschaften verspüren und keine inneren Konflikte entwickeln dürfe. Die Analyse soll die für die Ichfunktionen günstigsten psychologischen Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Aufgabe erledigt.“
Wieso „theoretische“ Charakteranalyse? Freud schreibt doch überhaupt nicht davon.

Peter: Siehe bei Freud Anfang Abschnitt VIII:
In therapeutischen ebenso wie in Charakteranalysen wird man auf die Tatsache aufmerksam, daß zwei Themen sich besonders hervortun und dem Analytiker ungewöhnlich viel zu schaffen machen.

Robert: Nochmal: wo steht dort die ‚Theorie‘, da du von „(theoretischen) Charakteranalysen“ schreibst. Soll es die Charakteranalyse nur theoretisch geben und nicht praktisch?

Peter: „In therapeutischen [Analysen] ebenso wie in Charakteranalysen (…).“!

O.: Ist mir peinlich und unverständlich was Freud da über die Wünsche von der Frau (seiner Tochter?) und dem Manne (seine homo. Neigungen?) allgemeinsgültig vom Stapel lässt.
Die Anspielungen auf Reich sind auch wenig erhellend, wenn auch nur reflektierend „über den Anfang und Abschluss einer Therapie“ (natürlich ist die Charakteranalyse gemeint) und auch hier muss man fragen: Wieso kommt noch auf Reich?

Robert: ‚Wieso kommt er noch auf Reich?‘
So schnell konnte er ihn wohl doch nicht vergessen. 1935 bekam er noch einen Appell von Malinowski wegen der Aufenthaltsgenehmigung Reichs und 1939 erwähnt Federn Reich nochmal in „Das psychoanalytische Volksbuch“, außerdem hatte Reich ja noch Anhänger und Schüler in der IPV.

O.: Er nennt Reich nicht (soweit ich es wüßte), aber der hier zitierte Bezug ist auf Reich gemünzt, was mich auch verwundert, dass er überhaupt sich damit auseinandersgesetzt hat.

David: … als wenn man die Frauen bewegen will, ihren Peniswunsch als undurchsetzbar aufzugeben, und wenn man die Männer überzeugen möchte, daß eine passive Einstellung zum Mann nicht immer die Bedeutung einer Kastration hat
Penisneid??
Offenbar gibt es Mädchen, die ab und zu mit dem Penis männlicher Kameraden spielen.
In Heiden bei Rorschach (Schweiz) ist irgendwo der folgende Witz angeschrieben:
Verärgert fragt in der Schule die Lehrerin: wer hat meinen Namen in den Schnee gepinkelt?
Meldet sich in der letzten Reihe Fritz: „Prönzlet han i, aber gschribbe hat mei große Schwester.“
oder so ähnlich.

Robert: Freud hat sich nur indirekt öffentlich zu Reich geäußert, nämlich in Anspielungen. Siehe Hoevels: Wilhelm Reich, S.37f

Die Funktion des Orgasmus (Teil 1)

16. Juli 2014

Das folgende ist eine Vertiefung von Fickende Gehirne.

Alte Sexualmoral und moderne „Esoterik“ töten, da sie die organismische Pulsation unterbinden und dadurch verhindern, daß die Gewebe, insbesondere im Beckenbereich, ständig von frischen Sekreten um- und durchspült werden. Enthaltsamkeit ist hochgradig unhygienisch. Das gilt insbesondere für Frauen, aber auch Männer sind betroffen, wie 2003 eine australische Studie über Prostatakrebs zeigte.

Ein Team unter Prof. Graham Giles vom Cancer Council Victoria verglich die Sexualpraktiken von 1079 Prostatakrebs-Patienten mit denen von 1259 gesunden Männern. Wer vom 2. bis 4. Lebensjahrzehnt öfter als fünf mal pro Woche ejakuliert, senkt diesen Ergebnissen zufolge sein Risiko für Prostatakrebs um ein Drittel. Giles geht davon aus, daß häufiges Ejakulieren den Rückstau der mit chemisch hochaktiven Substanzen überladenen und deshalb möglicherweise karzinogenen Samenflüssigkeit verhindert. Der gesundheitsfördernde Effekt häufigen Ejakulierens sei mit der Senkung des Brustkrebsrisikos durch Stillen vergleichbar.

Ein Jahr später wurde dieses Ergebnis durch eine amerikanische Studie mit mehr als 30 000 Probanden in vollem Umfang bestätigt.

Der gleiche Chemiecocktail, der Männern schadet, ist für das Wohlbefinden von Frauen unerläßlich, da das Sperma antidepressiv wirkende Hormone und Wachstumsfaktoren enthält, die von der Schleimhaut der Vagina resorbiert werden.

2002 veröffentlichte ein Team um den Psychologen Gordon Gallup (State University of New York) eine Studie an 293 College-Studentinnen, die einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Kondomen und der Häufigkeit von depressiven Stimmungen (und sogar Selbstmordversuchen) bei jungen Frauen nachwies. Junge Frauen, die ohne Kondom Geschlechtsverkehr hatten, litten signifikant seltener an Depressionen. Auch seltener Geschlechtsverkehr hatte negativen Einfluß auf die Stimmungslage. Die Depressionen nahmen mit längerer Enthaltsamkeit deutlich zu.

David Greening, der an der privaten Fruchtbarkeitsklinik Sydney IVF in Australien forscht, machte 2009 seine Studie zur Spermaqualität publik. Er hatte 118 Probanden mit schlechter Spermaqualität zu täglichem Geschlechtsverkehr aufgefordert. Bei 81 Prozent der Studienteilnehmer ging die Zahl der beschädigten Spermien nach sieben Tagen um 12 Prozent zurück.

Entsprechend fordert Greening Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zu besonders häufigem Geschlechtsverkehr auf. Bezeichnenderweise rieten Fortpflanzungsmediziner bisher eher zu längerer Abstinenz, damit sich ausreichend Sperma sammelt.

Regelmäßiger Geschlechtsverkehr hat ganz allgemein eine positive Auswirkung auf das kardiovaskuläre System und die Immunabwehr. Eine sich über 10 Jahre hinziehende Langzeitstudie mit 2500 Männern zwischen 45 und 59, die von Wissenschaftlern der britischen University of Bristol und der nordirischen Queen’s University of Belfast durchgeführt wurde, zeigt, daß ein aktives Sexualleben die Gesundheit des Mannes fördert und ihn vor Schnupfen, Krebs, Schlaganfällen und vielen anderen Leiden schützt. Bei 3 bis 4 Geschlechtsakten pro Woche sinke beispielsweise das Risiko eines Herzinfarkts um die Hälfte. Zudem sei Geschlechtsverkehr ein wirksames Schmerzmittel. Beim Sex ausgeschüttete Hormone würden bei Gelenk- und Kopfschmerzen helfen. Zusätzlich stärken sie das Immunsystem, schützen vor Arterienverkalkung und Osteoporose.

Forscher von der Wilkes University in Wilkes-Barre, Pennsylvania konnten zeigen, daß Leute, die ein- oder zweimal pro Woche Geschlechtsverkehr haben, ihr Immunsystem stärken. Das ermittelten sie über die Konzentration bestimmter Antikörper im Speichel. Deutlich mehr oder aber weniger Geschlechtsverkehr reduzierte die Menge an Antikörpern.

Im Anschluß daran haben Forscher der Technischen Hochschule Zürich in einer Studie herausgefunden, daß sich regelmäßiger Geschlechtsverkehr positiv auf das Immunsystem auswirkt. Ideal sei zwei- bis dreimal pro Woche. Sowohl eine höhere als auch eine niedrigere Frequenz macht den positiven Effekt zunichte.

Weder eine ungezügelte Sexsucht noch die mancherorts propagierte Enthaltsamkeit haben sich als vorteilhaft erwiesen.

Bei den Probanden erhöhte sich unmittelbar nach dem Orgasmus die Konzentration von „Killerzellen“ im Blut auf das Doppelte.

Die Auswirkung auf das Immunsystem konnte bisher aber nur bei Männern nachgewiesen werden.

1976 hat eine Studie an israelischen Frauen zwischen 40 und 60 den Zusammenhang zwischen Frigidität und Herzerkrankungen beleuchtet. Dazu wurden 100 Frauen, die wegen einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden waren, über ihr Sexualleben befragt und das mit einer Kontrollgruppe von 100 Frauen verglichen, die aus anderen Gründen im Krankenhaus lagen. Frigidität und sexuelle Frustration (vor allem wegen Ejaculatio praecox oder Impotenz des Ehemannes) fanden sich bei 65% der Herzpatienten, aber nur bei 24% der Kontrollgruppe. Außerdem hatten die Wechseljahre bei den Herzpatienten früher eingesetzt.

Ein reges Geschlechtsleben sorgt für ein längeres Leben. So meint der amerikanische Forscher Michael Roizen, daß ein Mann, der 350 Orgasmen pro Jahr hat, etwa vier Jahre länger lebt und sich dabei acht Jahre jünger fühlt, als der durchschnittliche Geschlechtsgenosse, der nur 81 Orgasmen hat. 700 (sic!) Orgasmen würden die Lebenszeit sogar um acht Jahre verlängern.

Der Neuropsychologe David Weeks vom Royal Edinburgh Hospital in Schottland kam nach der Untersuchung von 3500 Personen zu dem Ergebnis, daß regelmäßiger Geschlechtsverkehr, d.h. mindestens dreimal pro Woche, die Menschen um durchschnittlich 10 Jahre jünger aussehen läßt. Er führt das auf die Aktivierung des Wachstumshorms Somatotropin zurück, das das Bindegewebe verjüngt. Der Effekt ist desto größer, je mehr die Menschen im Geschlechtsleben auch emotional befriedigt sind.

Und immer so weiter, Studie auf Studie… Beispielsweise könnte man ausführen, daß nach dem Orgasmus bei den Partnern das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet wird und zu einer wohligen Entspannung und erholsamem Schlaf führt. Die ausgeschütteten Endorphine wirken wie ein Schmerzmittel, sorgen Depressionen und Angststörungen vor und verhindern Fettsucht, weil sie Freßattacken verhindern.

Tatsächlich kann man an der Adipositas den zentralen Punkt festmachen: die überschüssige Orgonenergie, die nicht über den Orgasmus abgeführt wird („Befriedigung“), wird in jedem Fall anders reguliert – mit verheerenden Folgen. Kirsi Pietiläinen von der Universität Helsinki und ihre Kollegen haben festgestellt, daß Übergewicht zu einer Beeinträchtigung der Zellkraftwerke, den Mitochondrien führt: der Körper verliert an Energie.

Dadurch werden Nahrungsfette und andere Nährstoffe sehr viel weniger effizient verbrannt (…). Gleichzeitig entstehen größere Mengen an ungesunden Nebenprodukten – ähnlich wie bei einem schlecht laufenden Automotor, der zu viele Abgase produziert. Die Folgen sind die typischen gesundheitlichen Probleme bei Übergewicht, wie etwa eine Fettleber, hohe Entzündungswerte und Störungen im Zuckerstoffwechsel.

geschlechtsreife

Guilia Siegel und Cameron Diaz

27. April 2014

In der „konservativen“ Bild-Zeitung finden sich ständig Überschriften wie „Sex macht schön und gesund“:

Bei diesen Studien möchte man am liebsten gleich wieder ins Bett springen: Sex stärkt den Immunhaushalt, ist somit gut gegen Erkältungen. Einmal Sex pro Woche erhöht bei Frauen den Östrogengehalt im Blut – sorgt für straffere Haut. Bei achtmal Sex pro Monat soll die Frau bis zu zehn Jahre jünger aussehen. Und: Bei zweimal Sex pro Woche ist der Mann doppelt so gut gegen Herzinfarkte geschützt wie ein Sexmuffel.

Vergleicht man das mit den „antisexuellen“ Hetze der konservativen Massenpresse zu Reichs Lebzeiten (siehe Der Blaue Faschismus)…

Es wäre ziemlich lächerlich, so etwas madig zu machen und „kritisch zu hinterfragen“. Das einzige, was zum Kotzen ist, sind die unappetitlichen Trash-Promis, insbesondere deren „Erotik-Tipps“. Etwa die „drei besten Sex-Tipps“ von Giulia Siegel:

Orgasmus verzögern: Übe mit Handarbeit. Hol dir einen runter, stoppe kurz, bevor du kommst, warte, bis sich der größte Druck gelegt hat, und mach dann weiter. Irgendwann hast du’s so drauf.

Wie viele Millionen „Männer“ lesen das und „üben“ sich nun in orgastische Impotenz ein, um eine ewig unbefriedigte neurasthenische Zicke, die in ihrem Leben noch keine sexuelle Befriedigung erfahren hat und nie erfahren wird, zu – ficken.

In Die Funktion des Orgasmus unterscheidet Reich zwischen zwei Phasen der sexuellen Erregung:

  1. Phase der willkürlichen Beherrschung der Luststeigerung
  2. Phase der unwillkürlichen Muskelkontraktionen

Die willkürliche Verlängerung der ersten Phase des Geschlechtsaktes bis zu einem gewissen Grade ist unschädlich und wirkt luststeigernd; dagegen ist das Unterbrechen oder unwillkürliche Abändern des Ablaufs der Erregung in der zweiten Phase schädlich, weil in ihr der Ablauf reflektorisch erfolgt. (Fischer TB, S. 84)

Und was nun den schwachsinnigen Sex-Tipp aus dem Dschungelcamp betrifft:

In diesem Stadium ist die Unterbrechung des Aktes für Mann und Weib absolut unlustvoll: Die Muskelkontraktionen, die den Orgasmus sowie die Ejakulation beim Manne vermitteln, laufen bei Unterbrechung krampfhaft anstatt rhythmisch ab; das bereitet heftigste Unlust und gelegentlich auch Schmerzempfindungen am Beckenboden und im Kreuz; überdies erfolgt der Samenerguß infolge des Krampfes früher als bei ungestörter Rhythmik. (ebd., Hervorhebungen hinzugefügt)

Aber es gibt zum Glück auch Promis, die sich ein natürliches Lebensgefühl bewahrt haben. Mit der Funktion solcher Leute habe ich mich an anderer Stelle auseinandergesetzt. Hier zwei Ausschnitte aus einem Interview, das die von innen her wunderschön erstrahlende Schauspielerin Cameron Diaz der Bild-Zeitung (24. April 2014) gab:

Sex ist sehr, sehr wichtig, weil es ja der einzige Mann ist, den du liebst und mit dem du’s machst. Ohne Sex geht’s nicht – ohne Sex kannst du nicht lieben!

Du mußt deinen Körper lieben – er ist,dein bester Freund. Und du mußt deinen Hunger umarmen – er ist dein zweitbester Freund. Du wachst jeden Tag mit ihm auf. Kein Fast Food, wenig Fett. Grundregel: Essen, was deinem Körper Energie gibt. Obst, Salat, Fisch, Vollkorn. Intuitives Essen, das Körper und Seele gut tut.

Nichts weltbewegendes: Sex und Liebe sind voneinander untrennbar und verstärken einander. Es geht darum, daß sich die Menschen wohlfühlen und in Frieden leben mit sich und ihrem Körper, dabei sich aber nicht gehen lassen, sondern ihrem bioenergetischen Kern (ihrer „Intuition“) und dem entsprechenden Ichideal folgen.

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Tod und Erlösung (Teil 1)

9. Oktober 2012

Religiöse Vorstellungen sind weder irrelevant, noch einfach nur nichtig, sie können sogar eine mehr oder weniger notwendige Stimulans für das lebendige Leben sein, doch leider Gottes besteht ihr gegenwärtiges Wirken ganz im Gegenteil in der Behinderung des Lebens. Es ist wie mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean, der sich in uns sozusagen „selbstverwirklicht“, was sich ins Gegenteil verkehrt, wenn wir z.B. über KKWs ORANUR-produzierend auf ihn rückwirken. Genauso wie wir im kosmischen Rahmen, haben die Religionen im biosozialen Rahmen in ihrer rationalen Funktion versagt. Es war die Funktion der Aufklärung die Integrität des Lebens gegen die zerstörerische Einflußnahme der „höheren Welten“ zu verteidigen und in Fortführung von Nietzsches „Kunst des Zweifels“ und der Freudschen Psychoanalyse ist Reichs Orgonomie der Höhepunkt dieser kostbaren europäischen Tradition der Vernunft, die wir unter allen Umständen verteidigen müssen. Ziel der Sexualökonomie war es immer, den Gottesglauben mit der Wurzel aus der menschlichen Seele zu reißen. Nur so wäre beispielsweise im Nahen Osten Frieden möglich. Ecrasez l’Infame!

Wenn da nicht ein ganz entscheidendes Handikap wäre: wie Nietzsche sagt, haben wir zuwenig Religion, um die Religion zu vernichten (Studienausgabe, Bd. 8, S. 344). Wir glauben einfach zu wenig an das Leben, als daß wir z.B. dem todessüchtigen Glaubenseifer der Moslems auch nur irgendetwas entgegenhalten könnten. Wie will man gegen Feinde kämpfen, die den Tod verachten? Immerhin hat eine orientalische Horde von schwachsinnigen religiösen Fanatikern es fertiggebracht, die antike Welt zu vernichten. Das gleiche könnte auch dem heutigen Europa widerfahren.

Das lebendige Orgonom ist durch den Widerspruch zwischen seiner „gefrorenen“ Struktur und der beweglichen, freien organismischen Orgonenergie gekennzeichnet, die nach „Befreiung“ drängt.

Reich spricht vom „Gefühl von etwas getrennt zu sein“, das bei sensiblen, gesunden Menschen auftritt. Reich:

Es drückt sich am klarsten im Schmerz aus, in der schmerzlichen Pein vom Liebsten getrennt zu sein, ob es das Kind, die Frau, der Ehemann ist; mit einem Verlangen wieder vereint zu sein, wieder zusammen zu sein, wieder den Kontakt zu spüren. Aber ich denke, daß diese Liebeserfahrung eine der Funktionen, eine der Variationen einer viel tieferen Sache ist. Irgendwie kommst du zu solchen Gedanken in sehr stillen Nächten, ohne Geräusche in der Umgebung außer dem Wind; Gedanken darüber, vom kosmischen Orgon-Ozean getrennt zu sein, sozusagen abgesondert zu sein. Und das, was sie Nirwana nennen oder kosmisches Verlangen, all dies scheint der tiefste Ausdruck eines sehr tiefen Wunsches oder einer Tendenz zu sein („Wunsch“ ist zu psychologistisch, um dies zu beschreiben), zum kosmischen Orgon-Ozean zurückzukehren. Und hier hatte Freud irgendwie Recht mit seinem Todestrieb, aber er wußte es nicht. Und keiner wußte es zu jener Zeit. Die innige Rückkehr, die als Rückkehr zur Gebärmutter beschrieben wurde, die Rückkehr zu den Müttern in den alten griechischen Mythensammlungen, die Rückkehr zum Orgon-Ozean. Dieses Verlangen ist nicht so schmerzhaft, wenn du dich in einer funktionierenden, guten Liebesbeziehung befindest oder wenn du ein Kind hast, das du liebst, und so weiter. Es kann dort befriedigt werden. (Orgonomic Functionalism, Vol. 2, Fall 1990, S. 68)

Die Sehnsucht nach Transzendenz, der Drang das Energetische, das „Feinstoffliche“, den „Geist“ von den Banden des Körpers zu befreien, scheint also eine natürliche Bestrebung zu sein, die durch die Panzerung in seiner Dringlichkeit nur verstärkt wird. Entsprechend ist die Religion des gepanzerten, orgastisch impotenten Menschen nach dem Muster einer masochistischen Perversion gestaltet: monotone Riten, Zwangshandlungen, Geißelungen, Todessehnsucht. Man könnte deshalb den Tod als einen „finalen Orgasmus“ betrachten, bezeichnen doch die Franzosen den Orgasmus als „den kleinen Tod“.

Ist die Abwehr des Todes vielleicht so etwas wie Hingabeunfähigkeit? Von alters her galt sexuelle Enthaltsamkeit als Garant für ein langes Leben. Zum Beispiel glauben die Chinesen, daß mit jeder Ejakulation der Mann einen Teil seiner Lebenszeit verliert. Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Reich hat gesagt, daß „Todes- und Sterbensangst identisch mit unbewußter Orgasmusangst ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 119).

Aus der Vegetotherapie ist bekannt, daß sich orgastische Empfindungen unter dem Druck der Orgasmusangst als Sterbensangst äußern: „Sterben“ im Sinne von Zergehen, Zerfließen, Bewußtseinverlieren, Sich-Auflösen, „Nichtsein“! (Der Krebs, Fischer TB, S. 199)

Hermann Hesse hatte 1919 diese Zusammenhänge in seiner Erzählung Klein und Wagner beschrieben. Alle Ängste einschließlich der Todesangst „waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen“. Und Edgar Allan Poe hat sehr schön dargestellt, daß der Schrecken gerade darin bestehen kann, nicht sterben zu können, sondern wie ein „Untoter“ unerlöst im Leben festzusitzen. Siehe auch den christlichen Ahasver-Mythos, den „Fliegenden Holländer“ oder den Film Highlander.

Bei der sadomasochistischen Todessehnsucht nach dem „orgastischen Paradies“ kann man auch an das japanische Harakiri denken (siehe Charakteranalyse und Die Funktion des Orgasmus). Der Tod des englischen Politikers Stephen Milligan 1994 war dergestalt wohl ein Ergebnis echter spiritueller Bestrebungen: Über seinen Kopf war eine Plastiktüte gestülpt, um seinen Hals war ein Stromkabel gewickelt und in seinem Mund steckte eine geschälte Apfelsine, in der sich eine Drogenkapsel befand. Diese Teilstrangulierung bis an die Grenze des Exitus soll zu einem ganz außergewöhnlich starken Orgasmuserlebnis führen. In Klöstern passiert nichts anderes, wenn auch mit anderen Mitteln. Mönche tragen keine Strapse wie englische Politiker.

Der orgasmische Affe (Teil 3)

10. November 2011

Betrachten wir Homo sapiens‘ Sexualleben im Rahmen der etwa 200 anderen Primatenarten. Bärenmakaken-Männchen vollziehen durchschnittlich zehn Kopulationen pro Tag. Rhesusaffen und Paviane benötigen eine Serie von Kopulation, bevor es zur Ejakulation kommt. Interessant ist, daß dies nur die ranghöchsten Männchen tun, während rangniedere nur jeweils einmal kopulieren können, so daß es bei ihnen gar nicht zur Ejakulation kommt. Und wie wir im zweiten Teil gesehen haben, haben auch die ständig unter Streß stehenden höchsten Männchen alles andere als ein gesundes sexualökonomisches Leben.

Die gewaltigen Gorillas haben einen 2 Zentimeter langen Penis, sodaß es kaum zu einem energetischen Kontakt kommen kann. Schimpansen haben wohl 7 Zentimeter zur Verfügung, aber von der Intromission bis zur Ejakulation bleiben nur 7 oder 8 Sekunden mit 15 hektischen Friktionen, so daß auch hier jeder energetische Kontakt wohl unmöglich ist.

Was nun im Vergleich dazu den Primaten Homo sapiens betrifft (der mit dem Schimpansen so nah verwandt ist, daß man direkt von einer „Schimpansenunterart“ sprechen könnte) nimmt merkwürdigerweise die Dauer des Geschlechtsakts mit dem Ausmaß einer unnatürlichen Einstellung zur Sexualität ab: Spitzenreiter ist Dänemark mit 15 Minuten, im Mittelfeld liegen Länder wie Frankreich mit 7 Minuten und am Endpunkt liegt China mit 2 Minuten – und in wirklich pathologischen Weltgegenden wie Arabien kann man solche Erhebungen erst gar nicht anstellen. Man fragt sich nun, was hier denn „natürlich“ ist. Ganz kraß gesagt, ist nämlich, im Vergleich mit unseren nächsten Verwandten im Tierreich, der Araber in seinem Sexualverhalten weit „natürlicher“ als z.B. der Trobriander! Und umgekehrt sind „nach menschlichen Maßstäben“ unsere nächsten tierischen Verwandten die gleichen „phallischen Narzißten“ wie die Araber. Sie beide kompensieren ihr Ejaculatio praecox-Problem durch Vielweiberei und ständiges exhibitionistisches Zurschaustellen ihrer Männlichkeit.

Beim Affen kann man die ganze pathologische Palette des Mißbrauchs von „Sex“ für Machtzwecke finden: Schimpansen reiten als Zeichen des Unterwerfens oder der passiven Unterwerfung ohne Penetration auf, auch bei Gleichgeschlechtlichen (sogar Weibchen gegenüber rangniederen Weibchen). Bei manchen Affenarten imitieren die männlichen Tiere die genitalen Brunstschwellungen und -färbungen der Weibchen. Bei anderen Affenarten entwickelte sich die Klitoris der Weibchen zu einem Pseudopenis, so daß man die Geschlechter kaum unterscheiden kann, zumal sich bei einigen Arten zusätzlich auch ein Pseudohodensack entwickelt hat. Das Präsentieren des Hinterteils bei Weibchen und Männchen zur Beschwichtigung des Höhergestellten und umgekehrt das Präsentieren des erigierten Penis, das der Drohung gegen gruppenfremde Individuen und zur Demonstration des Ranges innerhalb der Gruppe dient, findet sich bei allen Affen. Der Penis ist hier neben Lustorgan in erster Linie Drohorgan.

Exhibitionisten, ob sie nun psychisch krank sind oder nur enge Jeans tragen, sind typische Rückkehrer zu atavistischem Primatenverhalten. Ähnliches gilt auch für die Weibchen, auch wenn es denen weniger um Macht und Ansehen, als vielmehr ums Fressen geht: Bei den allernächsten Verwandten des Menschen, den Bonobo-Zwergschimpansen hat man beobachtet, daß die Frauen für sich und ihre Kinder das notwendige tierische Eiweiß bei den jagenden Männern gegen Sex tauschen. Prostitution, aus der sich die menschliche Ehe entwickelt hat. Die sekundären Triebe sind so gewissermaßen die „primären“.

Zwischen den Schimpansenhorden gibt es unglaublich brutale Kriege, bei denen schon ganze Gruppen von ihren Gegnern ausgerottet wurden. Schnappt eine Gruppe von Männchen bei der Pirsch ein einzelnes männliches Mitglied einer verfeindeten Gruppe, wird dieses Männchen langsam zu Tode gequält, die Glieder verrenkt, das Fleisch von den Knochen gerissen und das Blut getrunken. Hier erwischt es sogar ein Weibchen:

Man sieht, dieser Aufsatz ist nichts für vegetarische Naturfreunde und Rousseauistische Wilhelm-Reich-Freaks! Nur Wahnsinnige können sich einen Schimpansen halten!

Hans Hass schließt aus der Beobachtung von Tieren, daß aggressive Stimmungen die sexuelle Bereitschaft des Männchens verstärken, jene des Weibchens jedoch abschwächen. Andererseits vermögen Angstzustände beim Weibchen sexuelle Gestimmtheit erheblich zu steigern, während sie diese beim Männchen mindern. Daß Angst (Kontraktion) positiv mit weiblicher Sexualität (Expansion) korreliert sein soll, wirft für die Orgonomie schwer zu beantwortende Fragen auf, denn diese tierischen „natürlichen“ Zustände lassen sich nicht auf den gesunden Menschen übertragen. Beim gesunden Mann verschwindet die Erektion bzw. kommt gar nicht erst zustande, wenn er gegen seine Partnerin wütend wird. Genauso bleibt jede Frau unerregt, sollte sie Angst vor ihrem Partner haben. Man kann eben nicht die tierische und die genitale Sexualität gleichsetzen.

Es ist offensichtlich, daß sich infolge eines Energiestaus neurotische Mechanismen beim Mann „sadistisch“ (phallisch), bei der Frau „masochistisch“ (hysterisch) festsetzen können, die dann Humanethologen wie Hass als natürlich imponieren. Was sie gewissermaßen auch sind! Aber… – immer, wenn sich der Mensch wie ein Affe benimmt, verhält er sich krankhaft. Es ist aus Sicht der Primaten „natürlich“, daß man Kinder auf den Bauch legt und nicht, wie es die Orgonomie fordert, auf den Rücken. Es ist „natürlich“, daß der Erwachsene neurotisch-depressiv gebückt und hängend „wie ein Affe“ durch das Leben schlurft, demgegenüber ist Aufrechtgehen vollkommen „unnatürlich“. Die „natürliche“ a tergo-Stellung im Geschlechtsakt, ist, wenn sie beim Menschen zur Regel wird, pathologisch (Vermeidung von Kontakt).

Evolutionsbiologen behaupten, die Überbevölkerung wäre biologisch vorgegeben, da das alte Genom darauf programmiert sei, möglichst viele Nachkommen gegen die hohe Sterberate hervorzubringen. Dies ist Blödsinn, denn die Überbevölkerung kam nachweislich mit dem Patriarchat, das altes Wissen über Verhütung verdrängte. Naturvölker leiden nicht an einem Bevölkerungsüberschuß, da sie eben kein „natürliches“ Sexualleben führen. Zum Beispiel entsprechen die Affenhorden mit ihrem „Harem“, dem ein „Pascha“ vorsteht, doch durchaus der Freudschen „Urhorde“, aber eben, wie Reich feststellte, nicht der („)natürlichen(“) Urgesellschaft.

Von jeher haben Dichter aus allen Kulturen in ihren Fabeln neurotisches Verhalten gerne anhand von Tieren verdeutlicht. Übrigens hat auch Reich, mit Tieren neurotische Charakterzüge illustriert: schleichender Fuchs, watschelnde Ente, schnurrende Katze, trampelnder Elefant (vgl. Offshoots of Orgonomy, No. 3, S. 6). Der körperliche Gesamtausdruck des Patienten drängt von allein zu einem zusammenfassenden Begriff. „Es sind merkwürdigerweise meist Formeln und Bezeichnungen aus dem Tierreiche wie ‚Fuchs‘, ‚Schwein‘, ‚Schlange‘, ‚Wurm‘ u.ä.“ (Funktion des Orgasmus, S. 228). Entsprechend empfanden sich natürliche, matristische Völker nicht als Tiere (Hans Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 38). Die Trobriander entfernen künstlich alle „äffische“ Körperbehaarung und ihr ganzes Schönheitsideal, ihr „züchtender Gedanke“ (Nietzsche), ist eindeutig eine Verneinung des Schimpansenvetters im bzw. am Menschen.