Antiorgontherapie (Teil 2)

Der früh verstorbene „Orgontherapeut“ Heiko Lassek hat 1997 in seinem Buch Orgontherapie seine Behandlungsmethode beschrieben. Er, Lassek, habe die Orgontherapie wieder etabliert. Hingegen würden die Schüler jenes Therapeuten, nämlich Elsworth F. Baker, der von Reich beauftragt wurde, die zukünftigen Orgonomen auszubilden, nur eine verwässerte und wenig wirksame „Orgontherapie“ vertreten. Lassek wörtlich:

Ein enger Mitarbeiter Reichs, der Psychiater Elsworth F. Baker, gründete das „College of Orgonomy“, in dem während der folgenden Jahrzehnte einige wenige Ärzte in der Einbeziehung des Körpers in den charakteranalytischen Therapieprozeß unterrichtet werden; die biophysikalischen Einwirkungen und die späte Form der Orgontherapie Reichs aber spart man aus Angst vor den amerikanischen Aufsichtsbehörden aus. Mit dieser eingeschränkten Form der Behandlung lassen sich die Heilungserfolge der Orgontherapie jedoch nicht wiederholen, und so gibt man die Beeinflussung schwerer Erkrankungen weitgehend auf. Zum Schwerpunkt der Ausbildung wird damit eine Art Psychoanalyse unter Einbeziehung des Körpers – eine Behandlungsform, die Reich Anfang der dreißiger Jahre praktizierte. (Orgontherapie, S. 30f)

Es ist mir einfach zu dumm, solche Sachen richtigzustellen. Nur so viel: ich war im Laufe der Jahrzehnte bei drei medizinischen Orgonomen in Behandlung, habe die vollständige orgonomische Literatur von 1919 bis heute studiert, – und muß konstatieren, daß Herrn Lasseks „Grundlagenwerk zur Arbeit Wilhelm Reichs“ nichts mit Reichs Orgontherapie zu tun hat.

Kann sich überhaupt irgend jemand auch nur im entferntesten ausmalen, wie Wilhelm Reich „auf Orgonon“ auf diese Usurpierung reagiert hätte?! Man nehme dazu den Briefwechsel Zeugnisse einer Freundschaft zur Hand und suche im Register nach „Paul Ritter“, einem englischen „Orgontherapeuten“, der beispielsweise den „Reichianischen Therapeuten“ David Boadella „ausgebildet“ hat.

Es läßt sich auch beispielsweise auf Reichs Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Schule Wilhelm Stekels in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse von 1928 zurückgreifen. In einer Buchbesprechung legt Reich dort rücksichtslos die Verworrenheit von Stekels Gruppe bloß, die die negative Übertragung ignoriert und für die daraus folgende Unfähigkeit des Therapeuten, die Widerstände sorgfältig zu beheben, das böse Unbewußte des Patienten verantwortlich macht. Natürlich verwirft Stekel auch das Konzept der Libidostauung und spricht stattdessen vom „symbolischen Ausdruck bestimmter Vorstellungen“, die nur bewußtgemacht werden müßten. Gegen diese Verballhornung der Psychoanalyse durch den „Praktiker“ Stekel gemahnt Reich an die Systematik und Theoriebildung als unerläßliche Werkzeuge wissenschaftlicher Forschung. Insbesondere fordert Reich eine korrekte Charakterdiagnose, bevor man versucht, den Patienten zu behandeln. Am Ende beklagt Reich, wie sich Stekel und auch Adler durch laute Propaganda und vorschnelle Erfolgsmeldungen als Kliniker und Praktiker beim Publikum anbiedern und Freud in die Ecke des esoterischen „Philosophen“ stellen.

Wer hätte damals auch nur ahnen können, daß eines Tages Reichs vermeintliche „Schüler“, wie Alexander Lowen und wie sie alle heißen, sich als „Pragmatiker“ der „Körperpsychotherapie“ hinstellen und frech Reichs Erbe beanspruchen. Sie faseln irgendeinen Dünnschiß von der „Mobilisierung der Energie“ und wie man mit „Streßpositionen“ Widerstände brechen kann. Sie produzieren eine Literatur, die ganze Bibliotheken füllt, Zeitschriften mit vielen Jahrgängen, organisieren große Konferenzen und Gesellschaften, die vorgeben, Reichs Therapie „weiterzuentwickeln“. Tatsächlich sind das alles neue „Stekels“, die in ihrer Ignoranz den einen oder anderen Teil bei Reich herausgreifen, der dann überproportionale Bedeutung gewinnt. Auf diese Weise entstehen Privatlehren, die getreulich den Charakter ihres Urhebers widerspiegeln. Ich rede von den diversen „Reichianischen“ und „Neo-Reichianischen“ „Therapien“, die von medizinischen und/oder psychiatrischen Laien aus der Orgontherapie entwickelt wurden. Etwa Lowens „Bioenergetik“, Boadellas „Biosynthese“, Charles Kelleys „Radix“ oder Heiko Lasseks „Pulsationsarbeit“.

Pesttherapie

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9 Antworten to “Antiorgontherapie (Teil 2)”

  1. O. Says:

    Lassek hat Patienten behandelt??? Er hat seine „Auszubildenden“ – es muss genauer gesunde Fortbildungsteilnehmer heißen – angefasst: sie in Stresspositionen stehend bis zum muskulären Zittern gebracht und dann irgendwelche Punkte gedrückt bis sie schrien. Später wurden einige von ihnen krank, was u. a. auch an der Vermischung der „energetischen Medizin“ mit der angeblichen Geistheilung gelegen haben soll.
    Das war seine Kunst, die er mit falschem Label versehen hat.
    Angeblich habe er ca. ein Dutzend austherapierte Krebspatienten mit dem Freihold-Orac in den Tod begleitet, das war lange vor der Idee Markenmissbrauch zu betreiben.

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich hat seine Krebspatienten auch in den Tod begleitet.

    • Robert (Berlin) Says:

      Die Frage ist doch, ob die Krebsbehandlung oder die Benutzung des Shooters wesentlich für die psychiatrische Orgontherapie sind.

      • Klaus Says:

        „Benutzung des Shooters“ – wieso soll denn das nun wesentlich sein? Gerade was Krebs betrifft, wurde doch meistens der energetische Zustand des Gesamtorganismus betont. Der Shooter -> Wundheilung, OP’s, u. dgl.
        „ob die Krebsbehandlung oder die Benutzung des Shooters wesentlich für die psychiatrische Orgontherapie“ – Krebs wäre ja eventuell nur EIN Grund, dessentwegen psychatrische Orgontherapie erwogen wird.
        ????

      • Klaus Says:

        Ach, tschuldigung, jetzt verstehe ich vielleicht den Zusammenhang: Das sollte in Frage stellen, ob Lassek den Ansprüchen psychaitr. Orgontherapie überhaupt nahe kam, wenn/sofern er Schwerpunkte auf Shooter bzw. Krebs legte. (Dass er sich besonders intensiv mit dem Shooter befasste, wäre mir neu.)

      • Peter Nasselstein Says:

        Psychiatrische Orgontherapie ist:

        1. Aufrechterhaltung von Kontakt
        2. Atmung
        3. Lösung von Muskelkrämpfen

        Das Atmen dient vor allem der Aufladung. Hier hat der Orgonakkumulator durchaus seinen Platz, aber kaum in der Praxis des Therapeuten.
        In der Praxis selbst kommt allenfalls der Medical DOR Buster zum Einsatz, weil der Muskelkrämpfe (akkumuliertes DOR) auf dramatische Weise auflösen kann.

        Siehe dazu die Website von Dr. Foglia:

        http://www.albertofoglia.ch/de/medizinische-orgontherapie/

  2. Peter Nasselstein Says:

    American College of Orgonomy
    AVAILABLE NOW:
    The Journal of Orgonomy Vol. 54 no. 1

    July 5, 2022

    This issue of the Journal of Orgonomy marks the first that Howard Chavis, M.D., formerly Associate Editor of the Journal of Orgonomy since 1991, takes over as Editor of the Journal. Charles Konia, M.D. with this issue begins his new role of Editor Emeritus. Dr. Chavis’ editorial is a must read for anyone interested in looking at the chaos of our present world seen from a functional perspective.

    This remarkable collection of articles focuses on the consequences of COVID-19 as seen by ACO therapists as well as business owners who are in the Social Orgonomy Training Program.

    -Christopher Burritt, D.O. describes his treatment of a young woman who was distracted and depressed when she first began therapy at his office in person. Subsequently, Dr. Burritt describes how, because of the pandemic, it was necessary to shift the therapy to video sessions. Dr. Burritt describes how, using a virtual medium, he helped this young woman emotionally handle the death of a loved one, develop healthy relationships and also get through the isolation of the pandemic.

    -Dee Apple, Ph.D. presents an engaging example of his work with children and delineates his view of the problems resulting from therapy done remotely. He also shows how he was able to connect with a new young patient who, despite severe learning disabilities and a complex way of relating to others, was able to improve her life when he became her champion.

    -Christopher Burritt, D.O. shares a vignette about how one set of parents – both in individual medical orgone therapy with him – dealt with their own character limitations when handling their toddlers’ “meltdowns.“ The drawbacks and dangers of the current trend in giving puberty-blocking drugs to children who are confused about their sexual identity are examined by Virginia L. Whitener, Ph.D.

    -In her continuing series, “The Emotional Plague in Everyday Life,” Virginia L. Whitener, Ph.D. goes back in history to the 1860’s when a Belgian priest administered to a leper colony in Hawaii for 20 years, despite the negative reaction to lepers at the time. From here she provides an incisive review of the discovery and identification of the emotional plague by Wilhelm Reich, M.D. through the elucidation and understanding of Drs. Elsworth F. Baker and Charles Konia. From this vantage point Dr. Whitener lays out an extraordinary, comprehensive examination of the pandemic and the government reaction to it through the lens of the emotional plague, offering a well-researched depiction of how that affected every aspect of peoples’ lives.

    -Virginia L. Whitener, Ph.D. contrasts the handling of the bubonic plague breakout in 17th century Tuscany to the response to COVID-19 in our time.

    -Alexis Packer, Esq. spells out the exhausting and grueling experience she had as a business owner dealing with Oregon governor’s numerous, conflicting, and confusing restrictions during the pandemic.

    -Toni Helstein, M.Ed. movingly expresses the effect of the pandemic on her private and professional life and includes observations of its impact on colleagues, families, teens and young children in her capacity as a consultant to a preschool agency.

    And much more.

    If you are not already a subscriber, this is an opportunity to become one. Anyone who subscribes or renews has the opportunity to gift a free one-year electronic subscription to any person of their chosing. Call (732) 821-1144 or email aco@orgonomy.org or Subscribe today at the ACO Store.

    The Journal of Orgonomy

    Innovative, Intelligent, Insightful.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Ein Brief von Reich 1950:

    https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=30570408319&cm_mmc=ggl-_-ZVAB_Shopp_Rare-_-naa-_-naa&gclid=CjwKCAjwwo-WBhAMEiwAV4dybcACm1zpkxr-YjWso20AvKW3gGu0X7iXvN8oveRjpiPXmyFZR4pn3xoCUTIQAvD_BwE

  4. Peter Nasselstein Says:

    Ein weiterer etwas durchgeknallter Kritiker von Elsworth Baker:

    https://wilhelmreichloveworknowledge.wordpress.com/2021/08/29/the-einstein-affair-part-i/

    Das passiert, wenn… Nicht ohne Grund, ist die Orgonomie ausgerechnte bei PSYCHIATERN in guten Händen!

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