Fanatismus und Charakteranalyse

Mir gefällt Eric Hoffers Idee, daß Fanatismus um seiner selbst willen ist. „Und es ist leichter für einen fanatischen Kommunisten, zum Faschismus, Chauvinismus oder Katholizismus zu konvertieren, als ein nüchterner Liberaler zu werden.“ Ich habe mal von einem deutschen Neonazi gehört, der zum Judentum konvertierte und ein fanatischer Siedler in der Westbank wurde. Da die soziopolitische Orgonomie so sehr auf das soziopolitische Spektrum fixiert ist, wurde dies („Fanatismus um seiner selbst willen“) in der orgonomischen Theorie nie gewürdigt, soweit ich mich erinnere.

Zweifel werden nicht zugelassen und ganz im Gegenteil wird missioniert, d.h. Zweifel in den Glaubenssystemen anderer hervorgerufen. Man setzt sich mit anderen auseinander, aber niemals mit sich selbst. Alles wird in Frage gestellt, nur man selbst stellt sich nie in Frage. In vieler Hinsicht ist das das genaue Gegenteil einer Charakteranalyse, die ja nichts anderes ist, als sich selbst in Frage stellen zu lassen. „Warum lächeln Sie!“ „Warum atmen Sie nicht!“ „Ihr Gesicht ist zu einer Maske erstarrt!“

Soeben habe ich einen typischen Fanatiker beschrieben mit seinem situationsunangebrachten „Lächeln“, der unnatürlichen Verkrampfung oder je nachdem unnatürlichen „Gelassenheit“, dem stereotypen Verhalten und dem maskenhaften Gesicht. Die absolute Hingabe „an die Sache“ oder „an den Führer“ ist nichts anderes als Ersatzkontakt: Verweigerung von und gleichzeitig Ersatz für wirkliche Hingabe.

Das führt zu dem Paradoxon, daß etwa eine dröge und vollkommen kontaktlose, meinetwegen, CDU-Veranstaltung, die letztendlich harmlos ist, bioenergetisch nicht zu vergleichen ist mit einem mitreißenden Reichsparteitag der NSDAP, also der organsierten Emotionellen Pest. Im evangelischen Kirchenkreis muß man gegen den Schlaf ankämpfen, während in einer aus Amerika kommenden charismatischen Glaubensgemeinschaft der Funke überspringt und man ganz und gar für Jesus Christus entflammt ist. Und genau darum geht es, mitgerissen zu werden, sich selbst zu vergessen. Eine Art Drogenrausch. Wie dieser Rausch hervorgerufen wird, ist letztendlich egal.

Daß dabei die Funktionen Liebe, Arbeit und Wissen vor die Hunde gehen, man nicht mehr wirklich lieben kann, zu einem bloßen Roboter wird und nur noch realitätswidrigen Unsinn von sich gibt – gehört zum Konsum der Droge „Fanatismus“. Und genau so endet auch der Fanatismus stets: im Untergang. Eins fehlt nämlich immer: die Selbstreflektion und damit die Möglichkeit zur Selbstkorrektur, das Umsteuern am Rande des Abgrunds. Also das, was die Charakteranalyse letztendlich als Ziel hat: die Wiederherstellung der Selbstregulation.

Jetzt versuche man mal jemanden zu erklären, daß Fanatismus stets ein letztendlich sexualökonomisches Problem ist! Etwa mit Verweis auf die durch und durch spießige, von der CDU geprägte BRD der 1950er Jahre mit all ihrer Nüchternheit, im Vergleich zum Fanatismus im ungleich sexuell freizügigeren „Dritten Reich“ oder dem Fanatismus in der „DDR“, wo noch viele sich ganz und gar mit der sozialistischen Vision identifizierten und die (trotz all des konsumistischen Firlefanzes des Westens) weitaus sexuell freizügiger war als die BRD. Derartige „Widersprüche“ treten auf, weil die Panzerung alles verzerrt. Wie gesagt war beispielsweise eine NSDAP-Inszenierung mit all dem Ersatzkontakt, die sie bot, bioenergetisch weitaus „lebendiger“ als eine ein oder zwei Jahrzehnte spätere der CDU.

Das war bereits 1933 das Thema von Reichs Massenpsychologie des Faschismus: wie schwer es ist, angesichts der Verlockungen des Irrationalismus, den Massen die Rationalität nahezubringen. Später mußte er sich bereits in Skandinavien, insbesondere aber in Amerika mit Libertären, Anarchisten, Freaks, Beatniks etc. und anderen Freiheitskrämern rumschlagen, die zwar „sexuell frei“ waren, aber vollkommen irrational, weil sie keinerlei Sinn hatten für die charakterstrukturelle Freiheitunfähigkeit der Massen, geschweige denn der eigenen – die vollkommene Unfähigkeit zur Selbstreflektion.

In James Reichs neuem Buch Wilhelm Reich and the Flying Saucers findet sich die kurze Korrespondenz zwischen einem Vertreter der genannten Leute, Tuli Kupferberg, der in Dusan Makavejevs Film WR: Mysteries of the Organism eine prominente Rolle spielt, und Reich. Sozusagen Reichs vorweggenommene Antwort auf die „68er“. Zunächst 1949:

Es erfordert ein vollständiges und gründliches Studium der Orgonomie und unserer Art von Massenpsychologie, um zu verstehen, daß die Arbeitsdemokratie ein tatsächlicher bio-sozialer Prozeß und kein politisches Programm ist. Außerdem ist es die universelle Biopathie in den Menschen aller Richtungen und Klassen, die die rein wirtschaftlichen Probleme so ungeheuer kompliziert macht. Die Hauptsache ist, daß unsere heutige Erziehung das Massenindividuum ohne sein Verschulden unfähig oder weniger fähig macht, Verantwortung für seine individuelle und die allgemeine gesellschaftliche Lage zu übernehmen. (S. 177f)

1950 ergänzt Reich: „Es geht immer mehr darum, den Menschen auf Massenmaßstab ihre große Verantwortung für die gesellschaftlichen Prozesse bewußt zu machen.” Selbstreflektion!

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5 Antworten to “Fanatismus und Charakteranalyse”

  1. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Warum mein HASS gegen die Grünen nicht übertreffbar ist!

  2. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Man sieht hier den DOR-Panzer (über Saharasia, Haifa) und das Wechselspiel der Triebe (Raketen und Raketenabwehr):

    Versuche mal jemandem zu erklären, was unsereins sieht…

  3. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Interessant, daß Ea zunehmend zum Mainstream wird. Gleichzeitig verschuldet sich die gesamte Menschheit immer mehr, der Kipppunkt, an dem die Verschuldung alle Produktivität auffrißt, kommt rasend schnell auf uns zu, will sagen dieser Planet „ist pleite“. Und alle fragen sich, bei wem genau wir eigentlich verschuldet sind. Die Kontrolle jedes Atemzugs jedes Bürgers rückt rapide näher, zusammen mit einer Machtkonzentration, die alles Bisherige übertrifft. Stehen wir unmittelbar vor der offenen Besetzung des Planeten durch Außerirdische?

    „Peter spinnt!“ Das will ich doch sehr stark hoffen!!!

  4. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    American College of Orgonomy

    Webinar with

    Chris Burritt, D.O.

    „The Salesman Who Needed to Cry“

    Saturday, October 19, 2024 at 4:00 PM

    October 10, 2024

    We hope you will join us for this month’s free on-line webinar in our A Different Kind of Psychiatry Case Presentation Series featuring Chris Burritt, D.O. in a discussion with interviewer/host Salvatore Iacobello, M.D., entitled „The Salesman Who Needed to Cry“ on Saturday, October 19, 2024 from 4:00 to 5:00PM (EDT) . During this presentation, you will have the opportunity to submit questions privately using the Q and A function on Zoom. Questions will be addressed during the Q and A portion of the webinar. Please note that as an attendee, you will not be seen or heard on screen and you can choose to submit a question anonymously.

    Please watch the short video about this exciting upcoming webinar.

    https://youtu.be/roKGdxpgizA

    Many of the ACO’s past webinars are available for viewing on the ACO’s YouTube channel: ACO YouTube Channel Link

    American College of Orgonomy

    http://www.orgonomy.org

    http://www.adifferentkindofpsychiatry.com

    About Chris Burritt, D.O.

    Dr. Burritt treats children, adults, couples, and families, in his private psychiatric practice in West Chester, PA. Dr. Burritt graduated from the Philadelphia College of Osteopathic Medicine in Philadelphia, Pennsylvania and did his residency in general psychiatry at Albert Einstein Medical Center in Philadelphia, Pennsylvania and his fellowship in child and adolescent psychiatry at Thomas Jefferson University Hospital in Philadelphia, Pennsylvania. He is board certified in both child and adolescent psychiatry and general psychiatry. He is a Clinical Associate of the American College of Orgonomy and he developed and hosts the ACO’s podcast program A Different Kind of Psychiatry.

    About Salvatore Iacobello, M.D.

    Dr. Iacobello is a board-certified psychiatrist and a Clinical Associate of the ACO. He is in private practice in Fairfield, Connecticut where he helps people overcome obstacles to better emotional, mental and physical health and find increased satisfaction in life. He is an assistant editor (medical sciences) of the Journal of Orgonomy, where he has also published articles on clinical and social orgonomy.

  5. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Der BRD-Faschismus verliert seine Maske!

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