Die Geschichte wiederholt sich immer wieder, was es möglich macht Grundmuster zu erkennen. Was Beispielsweise Peter Gay in seiner Freud-Biographie über Alfred Adler geschrieben hat, trifft wortwörtlich alles auf Alexander Lowen zu. Adler hatte mit einer „Psychoanalyse ohne Libido“, die ganz auf den Gegensatz von Machtstreben und Gemeinschaftsgefühl aufgebaut war, einigen Erfolg. Bei Lowen war es eine Karikatur der Orgontherapie ohne Orgonenergie und Genitalität. Ich zitiere Gay. Freud habe gesagt, Adlers Darstellungen seien so abstrakt, „daß sie oft unverständlich seien“. Und weiter:
Außerdem neige Adler dazu, bekannte Ideen unter neuen Namen zu präsentieren. „Man hat den Eindruck, daß in dem ‚männlichen Protest‘ irgendwie die Verdrängung steckte.“ Mehr noch, „unsere alte Bisexualität heißt bei ihm psychischer Hermaphroditismus, als ob es etwas anderes wäre“. Aber eine falsch, fabrizierte Originalität sei noch das Geringste: Adlers Theorie vernachlässige das Unbewußte und die Sexualität. Sie sei nur „allgemeine Psychologie“, zugleich „reaktionär und retrograd“. (Freud, Fischer TB, 2006, S. 253)
Hinzu kommt Ferenczis Hinweis, daß Adlers „Minderwertigkeitslehre“ eine breitere Ausführung des Freudschen Konzepts des „körperlichen Entgegenkommens“ sei. Freud sagte damals voraus: „All diese Adlerschen Lehren werden großen Eindruck machen und der Psychoanalyse zunächst sehr schaden“ (ebd., S. 254). Wie gesagt, alles wie mit Lowen und der Orgonomie!
Schlagwörter: Alexander Lowen, Alfred Adler, Bisexualität, das Unbewußte, Gemeinschaftsgefühl, Individualpsychologie, Libidotheorie, Machtstreben, männlicher Protest, Minderwertigkeitsgefühl, Peter Gay, psychischer Hermaphroditismus, Psychologie, Sándor Ferenczi, Sexualität, Verdrängung
22. Juli 2016 um 09:17 |
Freuds „körperliches Entgegenkommen“ war aber nie ein zentrales Konzept. Adler dagegen sah Organminderwertigkeiten und dessen Kompensation als Zentral an, war also an diesem Punkt mehr Darwinist. Freuds „Penisneid“ wurde bei Adler zum „männlichen Protest“ der Frauen. Beide Begriffe sind schlecht gewählt.
14. Dezember 2025 um 19:03 |
Aus: Handbuch Körperpsychotherapie (2. Auflage), Klett-Cotta, 2023, S. 43
Erst in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts und nach ihrem erfolgreichen Durchbruch im Kontext des human potential movements öffnete sich die körperpsychotherapeutische Strömung langsam auch diskursiv gegenüber der größeren Welt der etablierten Psychotherapie. Eher stellvertretend als exklusiv für die Pionierleistungen bei der Entwicklung einer dialogfähigen Theorie der Körperpsychotherapie in dieser Zeit seien hier einige ihrer wichtigsten Vertreter genannt: Zuallererst Alexander Lowen, der als Grandseigneur der Bioenergetik die reichianische Strömung wieder mit der psychoanalytischen Theorie und dem psychodynamischen Denken verbunden hat. Er überwand mit seinem Werk sowohl die hermetischen und sektiererischen Sprachbarrieren der reichianischen Zirkel als auch deren partielles Desinteresse am psychodynamischen Teil charakteranalytischer Arbeit. Große Bedeutung hatte auch Stanley Keleman, der sich sehr konsequent um eine somatische Theorie der formativen oder formgebenden Aspekte in Hinblick darauf, welchen Einfluss psychisch-emotionale Erfahrungen auf die Struktur des Körpers haben, verdient gemacht hat.