Reichs Interview mit Eissler dreht sich (jedenfalls aus REICHs Perspektive) einzig und allein um die Genitalität. Das Thema Freud ist nur ein Anlaß, um „on the record“ zu gehen. Reich beschreibt, wie beeindruckt er 1919 in dieser Hinsicht von Freud war: „He couldn’t possibly have been [genitaly] disturbed“ (Higgins/Raphael, S. 17). Was machen 2026 die Übersetzer der deutschen Ausgabe daraus? Das GEGENTEIL, ein neurotisches Wrack: „…und daß er [also Freud] unter keinen Umständen beunruhigt werden konnte“ (Psychosozial, S. 42). In der ach so schlechten Übersetzung des „Übersetzungskollektivs“ von 1969 heißt es richtig: „Er konnte unmöglich gestört sein“ (Raubdruck, S. 11).
Rätsel gibt folgender Satz auf, in dem Reich die zweite Silbe von „Modju“ erklärt: „Und DJU (ich meine selbstverständlich nicht das Jüdische) ist Djugashvili“ (Psychosozial, S. 43). Was soll das bedeuten? In der amerikanischen Ausgabe von Reich Speaks of Freud, ein ranziger „Schweizer Käse“, fehlt die Stelle in den Klammern. Meinte Reich: „Natürlich nicht die Anrede ‚Du‘, wie wir sie im Jiddischen verwenden!“? Der Leser muß Reich doch, ohne eine solche Erklärung, für beknackt und verwirrt halten!
Eine Seite weiter eine andere auffällige Stelle. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob hier überhaupt ein Fehler vorliegt bzw. wer ihn gemacht hat, denn die deutsche Version dieses Absatzes ist deutlich länger als das amerikanische Original. Dort fehlen ganze Sätze! Higgins und Raphael waren dafür bekannt, selbstherrlich die Reichschen Texte zu redigieren… Anyway, die Übersetzer hatten das von Reich persönlich beglaubigte Originaltranskript vor sich. Im Amerikanischen sagt Reich in Bezug auf Krebs: „you just give up, you resign – and, then, you shrink“ (Higgins/Raphael, S. 20). Im Deutschen heißt es, “daß man schrumpft, aufgibt, man anfängt, hinzufallen, wenn man resigniert, wenn man in Resignation verfällt” (Psychosozial, S. 44). Spielt Reich auf die Fallangst aufgrund von Anorgonie an oder ist „hinzufallen“ ein Übersetzungsfehler?
Die ganze Problematik der Editionen des Eissler-Interviews zeigt sich in folgendem Absatz:
It is quite clear that people seduce you if you are a leader, if you have something to give. They seduce you by admiration so that you will give them as much as possible, and they can then thrive on you. Freud didn’t know that. He tended to identify with the leader. But there is no doubt that he should have stayed alone, completely alone. I know what I’m talking about. I’ve had quite a few experiences myself with this seductive admiration. I have had to destroy one organization after another in order to remain free. You get my point? Any questions now? (Higgins/Raphael, S. 34f)
Die Übersetzung des Originaltranskripts:
Das ist doch klar. Die Leute verführen einen, wenn man ein Führer ist, wenn man etwas zu geben hat. Sie verführen einen durch ihre Bewunderung, damit man ihnen so viel wie möglich gibt, und sie von einem profitieren können. Und Freud wußte das nicht. Er neigte dazu, sich mit dem „Führer“* zu identifizieren, mit dem Anführer in der Masse, auf dem Gebiet der Ich-Psychologie und der Massenpsychologie. Aber er hat sich dann überlegen gefühlt (?) Daran besteht kein Zweifel. Er hätte allein bleiben sollen, ganz allein, ja. Ganz allein. Ich weiß, wovon ich spreche, wissen Sie warum? Ich habe auch einige solcher Erfahrungen gemacht. Ich mußte eine Organisation nach der anderen zerstören, um frei zu bleiben und nicht gezwungen zu sein, klein beizugeben. Verstehen Sie, was ich meine? Ja. Haben Sie Fragen?
[* Im Originaltext auf Deutsch. „Führer“ ist ein Begriff aus dem Buch Christusmord. Menschen, die die eigene Lebendigkeit nicht zulassen können, projizieren diese auf eine charismatische Person. Diese wird zum Hoffnungsträger und gleichzeitig zum Sündenbock, auf den die Aggression entladen wird (Anm. d. Übers.).] (Psychosozial, S. 54f)
Warum haben Higgins und Raphael den Text so verstümmelt. Warum kein Hinweis darauf, daß Reich an einer Stelle nicht „leader“, sondern explizit „Führer“ gesagt hat? Und ist in der deutschen Ausgabe, der Verweis auf Christusmord wirklich weiterführend? Und wie soll ich das Fragezeichen zwischen den Klammern interpretieren? Philologie und gar Wissenschaft… Seufz!
Schlagwörter: Übersetzer, Übersetzung, Führer, Freud, Genitalität, Hoffnungsträger, Ich-Psychologie, Jiddisch, Massenpsychologie, Philologie, Sündenbock, Stalin, Wilhelm Reich
25. Juli 2026 um 10:36 |
Lieber Peter, Sie mahnen zu Recht Korrektheit ein im Umgang mit den Schriften von Reich. So möchte ich dieses Recht auch für uns, die Übersetzerinnen beanspruchen: Sie nennen immer Harms als Autor hinter den Zitaten. Das ist so nicht korrekt. Thomas Harms zeichnet für das Vorwort verantwortlich, das bei Seite 30 des Buchs aufhört. Das heißt nicht, dass Sie jeweils uns als Übersetzerinnen hinter jedem Zitat nennen müssen, es genügt die Seitenzahl.
Gemäß Urheberrecht haben die Übersetzerinnen Autorinnenrecht. Korrekt ist der Buchtitel folgender:
Wilhelm Reich, Kurt R. Eissler: Reich über Freud. Aus dem Amerikanischen von Lisa Teichmann und Beatrix Teichmann-Wirth. Mit einem Vorwort von Thomas Harms.
Herausgegeben von Thomas Harms, Ingo Diedrich, Wolfram Ratz, Marc Rackelmann und Beatrix Teichmann-Wirth.
Wir haben 12 Übersetzungsdurchgänge gemacht und dabei auch die Higgins Ausgabe beziehungsweise die darauf begründete erste Übersetzung zum Vergleich herangezogen. Und da finden sich viele Unterschiede, um es einmal neutral zu formulieren, zum Original aus dem Reich Archiv (wie gesagt Hand getippt und mit Handschriftlichen Anmerkungen und Korrekturen von Reich), das die Grundlage unserer Übersetzung ist. Es finden sich Streichungen wie zum Beispiel zum Schluss des Buchs ebenso wie Hinzufügungen, ohne dass diese ausgewiesen wurden.
Wenn Sie weiter über das Buch schreiben, was mich grundsätzlich freut, da ich es wirklich als eine Sammlung von Essenzen sehe, dann bitte ich um eine korrekte Wiedergabe. Danke.
25. Juli 2026 um 16:28 |
Hallo, ich meinte natürlich jeweils „Higgins-Edition“ bzw. „Harms-Edition“. So ein Blogeintrag verträgt keine ausführlichen Fußnoten und ausführlichen bibliographischen Hinweise.
25. Juli 2026 um 22:12 |
Es gibt keine Harms Edition! Und auch ist Psychosozial kein Autor, wie es jetzt verändert wurde. Reich war immer sehr um Genauigkeit bemüht. Ich kann nicht verstehen, warum derart ausführliche Blogbeiträge keine korrekten Hinweise vertragen. Oder dienen diese vielleicht überhaupt einem anderen Zweck.
26. Juli 2026 um 13:57 |
Ich bin weit entfernt von irgendeiner Art von Muttersprachlerniveau, was Englisch betrifft. Aber ich finde, dass man sich Übersetzungen aus dem Englischen sparen kann. Ist das nicht einfach Zeitverschwendung, mit der man unnötig Fehler riskiert? Wenn verfügbar, lese ich möglichst das Original. Bei Reich ist nur noch bedenkenswert, dass er kein Muttersprachler war. Z.B. beim „Krebs“ frage ich mich öfter, in welcher Sprache er jeweils am besten sagt, was er meint, und wie angewiesen er auf Wolfe war. Er hat sich wohl erstaunlich schnell und gut ins Englische eingelebt, wobei es insbesondere in dem Eissler-Interview oft etwas holprig klingt.
27. Juli 2026 um 19:06 |
Liebe Beatrix, in meiner englichen Ausgabe ist Wilhelm Reich der Autor von Reich speaks of Freud – edited by Higgen/Raphael, translated from the german by Therese Pol (pinguin books 1976, zuvor Farrer, Straus & Giroux 1967). Es müsste also eine deutsche Ausgabe geben. Wenn sie mir in die Hände fällt, werde ich sie gerne als Originalausgabe veröffentlichen.
27. Juli 2026 um 19:12 |
WITH TRANSLATIONS FROM THE GERMAN BY THERESA POL! Es geht um den weitgehend deutschen Anhang, der in der englischen Ausgabe mehr als die Hälfte des Buches ausmacht.
27. Juli 2026 um 23:58 |
Neben dem Eissler Interview gibt es noch Teil 2 Briefwechsel bis 1948 mit diversen Personen (Englisch) u. Teil 3 „miscellaneous“ (Englisch). – Das habe ich bisher übersehen. (250 Seiten)
Und das interview only:
1972 Paris „Reich parle de Freud“: für den, der es lieber in Französisch liest.
1976 „Reich über Freud“ – für den, der lieber Deutsch mag, ohne es nochmal 3x hin und zurück übersetzen zu wollen. (120 Seiten)