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Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 11)

18. November 2020

Es gibt eine weitgehend übersehene funktionelle Identität von Reichs Reaktion auf Freuds Libidotheorie (Sexualenergie) und auf Marx‘ Arbeitswert- und Mehrwerttheorie (Arbeitsenergie):

A) Es gibt zwei Aspekte der Psychoanalyse:

1) Wenn man von einem Freudschen (sozusagen „psycho-faschistischen“) Standpunkt aus auf Liebe und Genitalität blickt, sieht man nur Perversion, Niedertracht und Gemeinheit, d.h. man „dekonstruiert“. Es ist alles prä-ödipale und ödipale Libido, primärer und sekundärer Narzißmus, Sadismus, Masochismus, Oralität und Analität; die Liebe wird zu einem desillusionierten, desillusionierenden pornographischen Alptraum. Das Endresultat der Therapie ist zwangsläufig die Verurteilung der dergestalt ekelerregenden Sexualität mit einem „gestärkten Ich“, das sich endlich vom Es befreit hat. Um Freud selbst zu paraphrasieren: die Analysanden befreien sich von „einer Illusion“.
In der Charakteranalyse/Vegetotherapie/Orgontherapie geschieht das genaue Gegenteil: Perversionen verlieren ihre Faszination, weil man beginnt, alles zu durchschauen. Alles Neurotische und Perverse ist eine bloße Verzerrung gesunder Antriebe, sodaß Gesundheit viel anziehender und befriedigender als jede Perversion wird. Man beginnt, perversen Antrieben gegenüber völlig interesselos und „reizunempfindlich“ zu sein und Pornographie schlichtweg zu hassen.

2) Die angebliche psychoanalytische „Heilung“ ist nichts anderes als die Umleitung von Energie zum Gehirn (Verachtung), um die intellektuelle (Psycho-) Abwehr (Analyse) zu stärken. Dies wird wiederum als eine „Stärkung des Ich“ fehlinterpretiert.
Bei der Charakteranalyse und Orgontherapie geschieht genau das Gegenteil: Die Energie wird von allen Abwehrmechanismen befreit und durch (letztendlich) orgastische Entladung (Energie, die vom Gehirn weggeleitet wird) wird das Ich wirklich gestärkt, weil es aus der Libidostauung befreit wird. Das Endresultat ist nicht Verachtung (so typisch für Menschen nach „erfolgreicher“ Psychoanalyse), sondern – Liebe.

B) Es gibt zwei Aspekte des Marxismus:

1) Der rote Faschist reagiert auf die Arbeitswert- und Mehrwerttheorie, indem er erkennt, daß aus „ökonomie-analytischer“ Sicht Wert Ergebnis von Ausbeutung ist. Um überhaupt irgendeinen „Mehrwert“ jenseits einer bloßen Subsistenzwirtschaft zu produzieren, müsse man die Menschen einem Zwangsregime aussetzen. Im Kapitalismus werden die Menschen von der Bourgeoisie ausgebeutet, während im Sozialismus diese Ausbeutung endet, weil der Mehrwert vom Staat abgeschöpft wird, der ihn dann „für die Massen“ investiert.
Für Reichs arbeitsdemokratische Ohren war diese sozialistische Ideologie nichts anderes als „Staatskapitalismus“. Sein Standpunkt war ein völlig anderer: Er sah, daß alles auf Arbeit basiert, ein Produkt der Arbeit ist, und daher alles von der Arbeitsfunktion regiert werden sollte – und nicht von einem „Staatskapitalisten“ wie Stalin. Arbeit, Liebe und Wissen (Genitalität) sollten die Gesellschaft regieren, nicht irgendwelche Ausbeuter, die sich als Befreier gerieren!

2) Der rote Faschist sieht das Heilmittel gegen das soziale Elend in der Zentralisierung der Macht, damit das gemeinsame Arbeitsprodukt auf rationale Weise verteilt werden kann. Das ist wieder intellektuelle Abwehr am Werk, denn hier ist letztendlich das Gehirn das Zentrum.
In der Arbeitsdemokratie wird die Arbeit selbst autonom (kommt sozusagen aus dem Bauch heraus), d.h. die Arbeit wird entsprechend den Bedürfnissen der tatsächlichen Arbeiter geleistet. Und da Arbeit nur durch die Zusammenarbeit vieler Spezialisten möglich ist, garantiert der Arbeitsprozeß selbst, daß die Produktion im langfristigen Interesse der Gesellschaft als Ganzer erfolgt.

Meines Wissens hat bisher niemand die funktionelle Identität von A und B herausgearbeitet.

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie

2. November 2020

Diese Arbeit von Klaus Heimann spiegelt die Orgonomie in Deutschland bzw. das orgonomische Wissen in Deutschland Mitte/Ende der 1970er Jahre wider. In diese Zeit reichen die Bemühungen zurück, die Orgonomie in Deutschland, nach der restlosen Zerstörung erster Anfänge auf deutschem Boden, die 1933 erfolgte, erneut zu etablieren. Das damalige orgonomische Wissen ist der Ausgangspunkt des NACHRICHTENBRIEFes und sollte deshalb von jedem, der neu zu unseren Netzseiten stößt, als Einführung gelesen werden, damit wir alle eine gemeinsame Grundlage haben. Klaus Heimanns Arbeit hat den Zauber des Anfangs an sich und möge in einer neuen Generation das Feuer von neuem entzünden:

ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER ORGONOMIE von Klaus Heimann

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 4)

23. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

Entgegen den jüngsten Rezensionen dieses Buches in der New York Times (3, 4) ist Reich weder gegen die Familie noch impliziert er, dass sich alle patriarchalischen Gesellschaften zu einem organisierten faschistischen Staat entwickeln müssen. Ihm geht es um die patriarchalische Zwangsfamilie, nicht um die natürliche Familie, und um jene Aspekte der menschlichen Charakterstruktur, die in einem faschistischen Staat kulminieren können. Eine weitere Implikation in diesen Rezensionen betraf Frauen in Nazi-Deutschland, die angeblich „ihren Sex genauso genossen haben wie die heutigen Mitglieder der Frauenbefreiungsligen“. Ein elementares Verständnis von Reichs Orgasmus-Theorie hätte ein solches Beispiel ausschließen können, denn Tatsache ist, dass sexuelle Aktivität und orgastische Potenz nicht identisch sind und dass „klitorale Orgasmen“ vaginale Orgasmen nicht ersetzen können (5).

Mit unfehlbarer Logik zeichnet Reich den Niedergang der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und ihren Verfall zum Nationalsozialismus nach. Und den vergleichbaren Prozess in der Sowjetunion nach den ersten Jahren, der zum Stalinismus und Roten Faschismus führte. In beiden Fällen weist Reich auf die charakterologischen Unfähigkeiten der Massen zu echter Sozialdemokratie hin und ihre starken Reaktionen auf ideologische Appelle, die auf Patriarchat, sexuellen Ängsten, Mystizismus und Chauvinismus beruhen.

Ich muss jedoch Reichs Einschätzung von Lenin widersprechen, dem er meines Erachtens mehr als verdiente Anerkennung sowohl für seine humanen Beweggründe als auch für sein funktionelles Verständnis der charakterologischen Unfähigkeit zu Freiheit seitens der Massen zollt.

Jüngste Dokumentationen, wie Robert Paynes The Life and Death of Lenin (6)g weisen darauf hin, dass Lenins Motivationen erheblich weniger human und funktionell waren, als Reich ihm zuschreibt:

Nachdem Lenin entschieden hatte, dass alle Mittel zulässig seien, um die Diktatur des Proletariats zu errichten, wobei er selbst im Namen des Proletariats regierte, hatte er Russland in unerträglicher Weise der menschlichen Freiheit beraubt. Seine Macht war nackte Macht; seine Waffe war die Vernichtung; sein Ziel war die Verlängerung seiner eigenen Diktatur. Er konnte schreiben: „Europa in Flammen setzen“ und sich nichts dabei denken. Er konnte den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen anordnen und ihr Tod war unerheblich, weil sie nur Statistiken waren, die den Fortschritt seiner Theorie behinderten. Das Gemetzel in den Kellern der Lubjanka interessierte ihn nicht. Er kaperte die russische Revolution und verriet sie dann und in diesem Moment machte er Stalin unausweichlich (6, S.631).

Obwohl man Payne widersprechen muss, es sei Lenin und nicht die russischen Massen gewesen, die „Stalin unvermeidlich machten“, ist klar, dass Lenin kein humanitärer Mensch war.

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Deutsch: Lenin und sein Tod. Rütten & Loening, München 1965.

 

Literatur

3. Lacqueur, W.: „The Mass Psychology of Fascism,“ New York Times Sunday Book Review, Dec. 20, 1970.
4. Lehman-Haupt, C. : „Again Into the Orgone Box,“ New York Times, Jan. 4, 1971.
5. Herskowitz, M.: „Orgasm in the Human Female,“ Journal of Orgonomy, 3:92-101, 1969.
6. Payne, R. : The Life and Death of Lenin. New York: Simon and Schuster, 1964.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 4)

25. September 2020

Generell muß ich über Marx und Reich folgendes sagen:

1. Wenn die Leute vor Marx‘ Zeiten, sagen wir, ein hochherrschaftliches Schloß betrachteten, dachten sie an den Fürsten oder König und vielleicht an den Architekten und einige große Künstler als „die Erbauer“. Wenn ein Marxist dasselbe Gebäude (oder etwas anderes von Menschenhand Geschaffene) betrachtet, sieht er nur die „lebendige Arbeitskraft“ in irgendeiner Materie verdichtet bzw. „geronnen“. Es ist ähnlich wie Reichs Konflikt mit den Freudianern, die nur Symbole und „Komplexe“ und anderes verkopftes psychisches Zeugs sahen, während Reich die freie Libido in verspannten Muskeln und Verhaltenssymptomen erstarren sah. Es geht um Arbeitsenergie (Marxismus) und Sexualenergie (Psychoanalyse).

2. Im Vergleich zu vorangegangenen Arbeiten zum Thema habe ich meine orgonometrische Sicht auf die Marxsche Werttheorie geändert, die die Arbeit auf das rein quantitative Maß der Zeit reduziert. Eigentlich steht hinter dieser Theorie das zentrale Konzept des Dialektischen Materialismus von „Quantität schlägt in Qualität um“, die primäre Materie wird gewissermaßen zum daraus abgeleiteten „Geist“, was eben den „Materialismus“ konstituiert. Heute glaube ich, daß hinter dieser Denkfigur etwas Funktionelles steckt, nämlich die orgonotische Kreiselwelle. Bei der Arbeitsenergie geht die über lange Zeit gedehnte Pulsfunktion („Quantität“) plötzlich in die Wellenfunktion („Qualität“) über. Ähnlich wie bei der Sexualität, also dem Bereich der Sexualenergie: lange Reibung, kurzer Höhepunkt.

3. „Reich’s Marx“ ist im Wesentlichen der Anfang von Das Kapital. Hier beschreibt Marx in klassischer Weise die Funktion der lebendigen Arbeit. Kein Wunder, daß Reich davon fasziniert war. Jeder ist fasziniert, der das liest. Aber der Pestcharakter Marx konnte seine wesentliche Einsicht nicht entwickeln, und der Rest von Das Kapital ist unlesbarer pseudodialektischer Müll. Noch schlimmer sind Band 2 und 3, die erst von Engels auf der Grundlage von Notizen geschrieben wurden, die Marx hinterlassen hatte. Die einzige Funktion der riesigen Buchstabenwüste besteht darin, daß Marxisten auf dicke Bände angeblicher „Wirtschaftswissenschaft“ verweisen können.

4. Wie ich bereits angedeutet habe, produziert nicht nur der Arbeiter einen „Mehrwert“, sondern auch der Kapitalist. Die letztere Funktion wurde vor Marx von allen gesehen (siehe Punkt 1), aber seit Marx vernachlässigt man sie. Heute sagt man zum Beispiel, daß die Neger Amerika aufgebaut haben, was natürlich eine Absurdität ist. Warum hatten die Schwarzen dann in ihrer afrikanischen Heimat nichts aufgebaut? Der weiße Meistergeist hinter ihrer Arbeit war natürlich wesentlich. Wenn man Reichs Massenpsychologie des Faschismus aufmerksam liest, sieht man, daß er versucht hat, beide Standpunkte, beide „Mehrwerte“, in einem gemeinsamen Funktionsprinzip zu harmonisieren. Auf unheimliche Weise taten die Stalinisten dasselbe, als sie in einer fast schon psychotischen Weise Stalin als den führenden Kopf hinter den „Errungenschaften der Sowjetunion“ darstellten.

5. Was ist Kommunismus? Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die Dutzende von „Marx-Bänden“ (fast alles Polemiken und endlose Notizen zu ökonomischen Fragen) sieht, hatte Marx nur drei Werke geschrieben: Das Kommunistische Manifest (zusammen mit Engels), den ersten Band Das Kapital und Fußnoten zum Gothaer Parteiprogramm der SPD. Und all das läuft auf das hinaus, was die vormarxistischen ursprünglichen Kommunisten der Arbeiterklasse lange vor dem Plagiator Marx gelehrt hatten:

Das Kommunistische Manifest: die rationale Organisation der Gesellschaft nach den Erfordernissen der Arbeit und nach denen, die tatsächlich die Arbeit verrichten (eine Art Arbeitsdemokratie = Sozialdemokratie).

Das Kapital: Arbeit wird in Zeiteinheiten gemessen.

Fußnoten zu Gotha: jeder Arbeiter sollte Bezugsscheine je nach der Zeit erhalten, in der er gearbeitet hat (Sozialismus) – später, in einer perfekten kommunistischen Gesellschaft, würde jeder diese Coupons nach seinen Bedürfnissen erhalten.

Offensichtlich gibt es hier eine gewisse Rationalität, denn auch beispielsweise medizinische Orgonomen werden streng nach der Zeit bezahlt, die Sie mit Ihren Patienten verbringen. Und in einem Wohlfahrtssystem erhalten die Bedürftigen „Bezugscoupons“ entsprechend ihren Bedürfnissen. Und es ist offensichtlich, wie all dies wegen der Emotionellen Pest allzuschnell in roten Faschismus („Stalinismus“) ausarten kann.

David Holbrook, M.D.: RASSISMUS, RECHTS UND LINKS / BORDERLINE-POLITIK / „INFLAMMATORISCHE POLITIK“ / GEWISSHEIT UND UNSICHERHEIT / WAHRHEIT UND ZWANG

15. September 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Rassismus, rechts und links

 

Borderline-Politik: Wer hat das „heiße Eisen“?

 

„Inflammatorische Politik“

 

Eine Haltung der Gewißheit ist oft eher ein Zeichen defensiver Unsicherheit als von Weisheit

 

Wahrheit und Zwang

 

nachrichtenbrief151

3. Mai 2020

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Paul Mathews: Über den Terrorismus

15. März 2020

 

Paul Mathews:
Über den Terrorismus

 

Die bio-ökonomischen Grundlagen unseres Gesellschaftssystems (Teil 3: Kapitalismus, Sozialismus, Arbeitsdemokratie)

31. Januar 2020

Der Mensch ist nicht so, wie es sich mystische Schwärmer auf der Linken vorstellen. Von Natur aus ist er kein Sozialist, der selbstlos alles teilt, sondern er wird in weiten Teilen vom Agon bestimmt. Beschäftigt man sich eingehender mit den Trobriandern, wie sie von Bronislaw Malinowski in mehreren Bänden dargestellt wurden, sieht man, daß selbst deren Leben von Konkurrenz und persönlichem Ehrgeiz geprägt war.

In Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral beschreibt Reich, wie die Trobriander auf ihren vor Neuguinea liegenden Inseln Reichtum („Yamswurzeln“) akkumulierten, um ihr gesellschaftliches Prestige durch die dadurch ermöglichte Freigiebigkeit zu erhöhen. Insbesondere tut dies aber der Häuptling, der sich so letztendlich die Loyalität seiner Untertanen erkauft – die er vorher ausgepreßt hat. Dieses System, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten „nach oben“ gibt und der dergestalt akkumulierte Schatz dann mehr oder weniger egalitär vom Oberen unter allen sozusagen „nach deren Bedürfnissen“ verteilt wird, ist die Essenz des Sozialismus. So funktionierten alle Gesellschaften, weltweit und von jeher. Das spiegelt sich nicht zuletzt in den religiösen Ritualen (aus denen sich letztendlich alle Caritas und Ethik ableitet): den Göttern wird etwa eine Kuh geopfert, deren Fleisch dann an die Gemeinde verteilt wird.

Dieser Sozialismus findet sich etwa bei den Wikingern oder bei den arabischen Stämmen. Auf diese Weise erkaufte sich der normannische Fürst, aber auch etwa Mohammed, die Loyalität seiner Krieger. Jeder einzelne Krieger ergatterte bei Raubzügen soviel er konnte, übergab den Großteil seiner Beute dem Stammesführer, der es sammelte und schließlich den Schatz gleichmäßig verteilte. Es diente einer gegenseitigen sozialen Beruhigung: das Stammesmitglied erkaufte sich das Wohlwollen des Stammesführers, indem es so viel darreichte, wie nur irgend möglich in seiner Kraft stand, und umgekehrt erkaufte sich der Stammesführer die Liebe seiner Untertanen durch seine blinde Gerechtigkeit: jeder erhielt den gleich Anteil.

Das ist Sozialismus, der dergestalt letztendlich auf dem Agon und Gewalt basiert. Die Krieger mußten Angst vor dem gewalttätigen Fürsten haben (ansonsten wäre er gar nicht erst Fürst geworden bzw. als solcher anerkannt worden) und beschwichtigten ihn mit ihren Gaben, wobei sie sich gegenseitig auszustechen suchten. Der Fürst mußte seinerseits Angst vor den Kriegern haben, weshalb er einen Großteil seines Vermögens unter ihnen verteilte. Loyalität war letztendlich wertvoller als alles Gold der Welt. Gleichzeitig sorgte dieser Mechanismus dafür, daß eine gewisse Egalität zwischen den Kriegern herrschte, die sich nämlich ansonsten wegen Neides und dem Streben, selbst an die Spitze zu gelangen, gegenseitig abgemurkst hätten. Die Funktion des Fürsten war es, sozusagen die Uhr immer wieder auf Null zu stellen, damit der Agon von vorne ansetzen konnte.

Sozialismus ist einfach nur ein Mechanismus, um bei wilden Bestien, d.h. Menschen, ein einigermaßen gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen. Und je gepanzerter Menschen sind, desto drängender wird dieses Motiv. Entsprechend ist auch der moderne Sozialismus in Skandinavien, Rußland, etc. nichts wirklich Modernes, sondern eine direkte Fortsetzung des vielleicht ältesten Gesellschaftssystems der Welt. Zum Roten Faschismus wird dieses System erst, wenn ihm die Grundlage entzogen wird, nämlich die viszerale Angst vor Gewalt. Wenn die Herrschenden keine Angst mehr vor den Beherrschten haben und wenn die Beherrschten auch untereinander friedlich bleiben würden, selbst wenn es keine Umverteilung von oben her gäbe – also wenn aus den Massen verachtenswerte Schoßhunde geworden sind, dann haben wir den Roten Faschismus vor uns. Mediokere Figuren wie Stalin, Mao oder Angela Merkel, getragen von blökenden Schafen.

Übrigens läßt sich so, frei nach Gunnar Heinsohn (nur ohne waghalsige Konstruktionen einer alternativen Geschichte auf den Spuren Velikovskys!), auch der Kapitalismus ableiten. Alle erhalten zu einer (ständig wiederkehrenden!) Stunde Null gleich viel – und das Monopoly kann seinen Lauf nehmen. Mord und Todschlag gehen ihren Gang, bis das System durch Monopolbildung zu kollabieren droht und die sozialistische Resettaste gedrückt werden muß, damit das kapitalistische Spiel von neuem beginnen kann.

Die Arbeitsdemokratie steht außerhalb dieses Wahnsinns und bildet gleichzeitig seine Grundlage. Wenn beispielsweise die Trobriander ein Kanu bauen, ist alles vom erworbenen Fachwissen und Geschick der Arbeitenden und der Rationalität des Arbeitsprozesses bestimmt. Die „irrationalen“ Leidenschaften bzw. das alles vorantreibende Agon ist dem nur aufgesetzt und abhängig von dieser „materialistischen“ arbeitsdemokratischen Grundlage. Je weniger orgastisch impotent die Menschen sind, desto eindeutiger tritt die Arbeitsdemokratie in den Vordergrund – jenseits von Sozialismus und Kapitalismus.

Paul Mathews: Das Weltgeschehen, die Medien und Modju

28. Dezember 2019

 

Paul Mathews:
Das Weltgeschehen, die Medien und Modju

 

Paul Mathews: People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest

1. November 2019

 

Paul Mathews:
People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest