Posts Tagged ‘Genitalität’

Peter liest die Übersetzung REICH ÜBER FREUD (Teil 3)

27. Juli 2026

Mittlerweile kenne ich keine Edition von Reichs Werken (abgesehen von Christian Fernandes‘ Neuausgabe von Christusmord), die nicht ein bedrückender Alptraum wäre. Eine klare Manifestation der Emotionellen Pest, die wenn nicht bewußt, dann unbewußt alles tut, um gegen die Genitalität, d.h. Wilhelm Reich vorzugehen! Offenbar wirkt in dieser universellen Sabotage ein tiefsitzender Widerstand gegen Reich, ein tiefsitzendes „Nein!“.

Die ganze editorische Problematik sieht man allein schon an dem Artikel „The Source of the Human ‚No‘“, den Reich 1955 in Elsworth F. Bakers Zeitschrift Medical Orgonomy veröffentlichte. Es handelt sich dabei um einen Ausschnitt des Eissler-Interviews. Als Higgins das 1982 in dem zusammengeklaubten Buch Children of the Future erneut veröffentlichte, war das merkwürdigerweise eine andere Version…

Warum haben Higgins und Raphael die Stelle mit dem „Gesellschaftsjesus“ („Society Jesus“) unterschlagen? (Higgins/Raphael, S. 60; Psychosozial, S. 73).

Manchmal ist die Übersetzung merkwürdig ungelenk. Beispielsweise wird aus: „In other words, if your destructiveness is just inhibited and you turn it against yourself and eat yourself up inside, then I agree with you fully“ (Higgins/Raphael, S. 72) – das folgende: „Wenn die Destruktivität gehemmt ist, und man sie gegen sich selbst wendet, weil man sich innerlich auffrißt, gewissermaßen – um es in einfachen Worten zu sagen –, dann stimme ich Ihnen vollkommen zu, ja“ (Psychosozial, S. 82). Das „Ihnen“ leitet fehl, da es aus Eissler einen Todestriebtheoretiker macht, was definitiv nicht gemeint ist. Warum „Ihnen“ nicht einfach streichen? Das vermeintlich so schlechte „Übersetzerkollektiv“: „wenn der Destruktionstrieb nur gehemmt ist, und er sich gegen die eigene Person richtet, man sich selber innerlich auffrißt, dann stimme ich mit ihnen vollkommen überein“ (Raubdruck, S. 47).

Über Karen Horney und ihre Theorie sagt Reich: „But without sex, without libido, without any bio-energy, without anything. She did a good job in taking many things“ (Higgins/Raphael, S. 74). Daraus wird im Deutschen das diametrale Gegenteil: aus einer pestilenten Diebin wird eine gute Arbeiterin! „Aber ohne Sex, ohne Libido, ohne jegliche Bioenergie, ohne all das. Sie hat eine gute Arbeit geleistet, um vieles zu erfassen“ (Psychosozial, S. 84). Im Original beklagt sich Reich darüber, sieht aber ein, daß das eh sinnlos ist. Folgt man der im Psychosozial Verlag erschienenen neuen deutschen Übersetzung wäre diese, seine Beschwerde sinnlos, da sie ja viel erfaßt und dabei gute Arbeit geleistet hat! Richtig wäre: „Aber ohne Sex, ohne Libido, ohne jede Bioenergie, ohne alles. Sie hat es verstanden, sich viele Sachen anzueignen“ (Raubdruck, S. 49).

Wie sehr Higgins und Raphael Reich verstümmelt haben, sieht man an diesem Beispiel:

You see, you couldn’t get at the mental-hygiene problem with ideas such as the oedipus complex. You couldn’t get at it. It didn’t make sense. What made sense was the frustration, the genital frustration of the population. Adolescents get frustrated. There is misery in marriage. Why is it so? How does it work? What can we do about it? And, here, you hit upon the social problem – the institution of marriage, laws, Catholic dogma, birth control, and all kinds of social stuff. Here we see sociology out in the open. (Higgins/Raphael, S. 79)

Hier, was die deutschen Übersetzer aus dem Transkript übersetzten:

R.: (…) Sehen Sie, man konnte an das Problem der mentalen Hygiene nicht mit Ideen wie dem Ödipuskomplex herangehen, verstehen Sie? So konnte man nicht herangehen Es machte keinen Sinn und führte zu nichts. Was Sinn macht bezüglich der mentalen Hygiene ist zuallererst die Frustration, die genitale Frustration der Bevölkerung im allgemeinen zu betrachten. Ist das klar?

E.: Ja.

R.: Es ist glasklar. Jugendliche sind generell frustriert Es gibt ein Elend in der Ehe. Wie entsteht das, wie funktioniert das, und vor allem, was kann man dagegen tun? Und hier trifft man sofort auf das soziale Problem, und auf das der Institution Ehe, des Gesetzes, der Gesetze sowie auf andere soziale Themen, auf das katholische Dogma, die Empfängnisverhütung auf direktem Weg, unmittelbar. Sofort. Und so weiter. Hier liegt die Soziologie offen vor uns. (Psychosozial, S. 87)

Englisch: „The admission of lay analysts into natural scientific psychoanalysis was a very great mistake” (Higgins/Raphael, S. 87). Deutsch: “Die Zulassung von Laienmedizinern zur naturwissenschaftlichen Psychoanalyse war ein sehr großer Fehler“ (Psychosozial, S. 94). Woher, um alles in der Welt, kommt das absurde Wort „Laienmediziner“?! Von Reich? Warum nicht schlicht: „Die Aufnahme der Laienanalytiker in die naturwissenschaftliche Psychoanalyse war ein großer Fehler“ (Raubdruck, S. 57).

Und: Wo ist die „Nachschrift“ Reichs an Eissler, die sich bei Higgins/Raphael und im Raubdruck findet, in der Reich nochmals auf den Inhalt des Gesprächs eingeht und Korrekturen anbringt, die sich aus seiner Lektüre der Freud-Biographie von Ernst Jones ergaben? Die Korrekturen betrafen Freuds Jüdischheit, seine vermeintliche genitale Gesundheit und die Libido als tatsächliche physische Energie.

Peter liest die Übersetzung REICH ÜBER FREUD (Teil 1)

25. Juli 2026

Reichs Interview mit Eissler dreht sich (jedenfalls aus REICHs Perspektive) einzig und allein um die Genitalität. Das Thema Freud ist nur ein Anlaß, um „on the record“ zu gehen. Reich beschreibt, wie beeindruckt er 1919 in dieser Hinsicht von Freud war: „He couldn’t possibly have been [genitaly] disturbed“ (Higgins/Raphael, S. 17). Was machen 2026 die Übersetzer der deutschen Ausgabe daraus? Das GEGENTEIL, ein neurotisches Wrack: „…und daß er [also Freud] unter keinen Umständen beunruhigt werden konnte“ (Psychosozial, S. 42). In der ach so schlechten Übersetzung des „Übersetzungskollektivs“ von 1969 heißt es richtig: „Er konnte unmöglich gestört sein“ (Raubdruck, S. 11).

Rätsel gibt folgender Satz auf, in dem Reich die zweite Silbe von „Modju“ erklärt: „Und DJU (ich meine selbstverständlich nicht das Jüdische) ist Djugashvili“ (Psychosozial, S. 43). Was soll das bedeuten? In der amerikanischen Ausgabe von Reich Speaks of Freud, ein ranziger „Schweizer Käse“, fehlt die Stelle in den Klammern. Meinte Reich: „Natürlich nicht die Anrede ‚Du‘, wie wir sie im Jiddischen verwenden!“? Der Leser muß Reich doch, ohne eine solche Erklärung, für beknackt und verwirrt halten!

Eine Seite weiter eine andere auffällige Stelle. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob hier überhaupt ein Fehler vorliegt bzw. wer ihn gemacht hat, denn die deutsche Version dieses Absatzes ist deutlich länger als das amerikanische Original. Dort fehlen ganze Sätze! Higgins und Raphael waren dafür bekannt, selbstherrlich die Reichschen Texte zu redigieren… Anyway, die Übersetzer hatten das von Reich persönlich beglaubigte Originaltranskript vor sich. Im Amerikanischen sagt Reich in Bezug auf Krebs: „you just give up, you resign – and, then, you shrink“ (Higgins/Raphael, S. 20). Im Deutschen heißt es, “daß man schrumpft, aufgibt, man anfängt, hinzufallen, wenn man resigniert, wenn man in Resignation verfällt” (Psychosozial, S. 44). Spielt Reich auf die Fallangst aufgrund von Anorgonie an oder ist „hinzufallen“ ein Übersetzungsfehler?

Die ganze Problematik der Editionen des Eissler-Interviews zeigt sich in folgendem Absatz:

It is quite clear that people seduce you if you are a leader, if you have something to give. They seduce you by admiration so that you will give them as much as possible, and they can then thrive on you. Freud didn’t know that. He tended to identify with the leader. But there is no doubt that he should have stayed alone, completely alone. I know what I’m talking about. I’ve had quite a few experiences myself with this seductive admiration. I have had to destroy one organization after another in order to remain free. You get my point? Any questions now? (Higgins/Raphael, S. 34f)

Die Übersetzung des Originaltranskripts:

Das ist doch klar. Die Leute verführen einen, wenn man ein Führer ist, wenn man etwas zu geben hat. Sie verführen einen durch ihre Bewunderung, damit man ihnen so viel wie möglich gibt, und sie von einem profitieren können. Und Freud wußte das nicht. Er neigte dazu, sich mit dem „Führer“* zu identifizieren, mit dem Anführer in der Masse, auf dem Gebiet der Ich-Psychologie und der Massenpsychologie. Aber er hat sich dann überlegen gefühlt (?) Daran besteht kein Zweifel. Er hätte allein bleiben sollen, ganz allein, ja. Ganz allein. Ich weiß, wovon ich spreche, wissen Sie warum? Ich habe auch einige solcher Erfahrungen gemacht. Ich mußte eine Organisation nach der anderen zerstören, um frei zu bleiben und nicht gezwungen zu sein, klein beizugeben. Verstehen Sie, was ich meine? Ja. Haben Sie Fragen?

[* Im Originaltext auf Deutsch. „Führer“ ist ein Begriff aus dem Buch Christusmord. Menschen, die die eigene Lebendigkeit nicht zulassen können, projizieren diese auf eine charismatische Person. Diese wird zum Hoffnungsträger und gleichzeitig zum Sündenbock, auf den die Aggression entladen wird (Anm. d. Übers.).] (Psychosozial, S. 54f)

Warum haben Higgins und Raphael den Text so verstümmelt. Warum kein Hinweis darauf, daß Reich an einer Stelle nicht „leader“, sondern explizit „Führer“ gesagt hat? Und ist in der deutschen Ausgabe, der Verweis auf Christusmord wirklich weiterführend? Und wie soll ich das Fragezeichen zwischen den Klammern interpretieren? Philologie und gar Wissenschaft… Seufz!

Wilhelm Reich, Bernd A. Laska und das Erahnenmachen des Kasus Knaxus

19. Juli 2026

Ich fand es immer schreiend komisch, daß sich die „letzten Wahrheiten“ der unterschiedlichen Religionen untereinander kraß widersprechen. „Wahrheiten“, für die sich Menschen selbst opfern und andere töten. Keine Gottesvorstellung und keine Seelenvorstellung stimmt mit der anderen überein. Man spürt und kann intellektuell nachvollziehen, daß sie sämtlich einer der zahllosen durch die Panzerung verzerrten Wahrnehmungen der kosmischen und organismischen Orgonenergie entsprechen, also durchaus einen Wahrheitskern haben, aber es ist halt genau das: ein Panoptikum absurdester sexueller Perversionen. Die Welt der Religionen ist eine bunte divers-perverse Regenbogenwelt! Von ihr etwas über die Orgonenergie erfahren zu wollen, ist etwa so sinnvoll wie in einem BDSM-Klub die Genitalität erforschen zu wollen! Aber, und dieses „aber“ ist entscheidend: die mystischen Religiösen haben wenigstens eine vage Ahnung von der Orgonenergie, während die mechanistischen Atheisten lebende Leichname sind. Seelenlos und innerlich tot, abgetrennt von der inneren und äußeren Natur. Wie in dem besagten Klub: es ist zwar eine widerliche Karikatur, aber immerhin annäherungsweise „Sex“ und ansatzweise sogar „Liebe“!

Das Ahnen der Orgonenergie bedeutet auch, daß das Instrument, das uns die Religion zur Verfügung stellt, nämlich die „Mythologisierung“, ein Potential hat, das der mechanistische Wissenschaft vollständig verschlossen bleibt. Man nehme Reichs Bücher Äther, Gott und Teufel über Gottvater, Die kosmische Überlagerung über den Heiligen Geist und Christusmord über den Sohn. Manche Dinge kann man gar nicht in „rein wissenschaftlicher“ Sprache ausdrücken. Die quasi religiöse Sprache muß auf den unvorbereiteten Leser befremdend, wenn nicht vollkommen bizarr wirken, aber es ist nun mal Fakt, daß es eine „Seele“ und „Gott“ wirklich gibt – nur vollkommen anders, als man es sich bisher vorstellte.

Das letztere ist auch einer der Gründe, warum ich so brutal abwehrend reagiere, wenn Leute mir mit Prana, Chi, Jakob Böhme, Anthroposophie und ähnlichem Dreck, gar einer „orgonomischen Spiritualität“ kommen. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts verstanden!

Man könnte natürlich einwenden, warum denn nicht schlicht Klartext gesprochen wird. Genau DAS ist ja aber das Problem: daß für manche Dinge die Sprache an ihre Grenze stößt. Von manchen Dingen kann man nur „raunen“, weil das Gegenüber sie selbst erfassen muß. Das fing schon mit Reichs Sexualökonomie an: „Ach Willi, Du meinst also das Ficken?!“ „Nein….“ „Also romantische reine Liebe?!“ „Äh, nein…“

Zuletzt hat Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt damit gerungen, wie er den Kasus Knaxus von „LSR“ eigentlich vermitteln soll. Und hat sich schließlich ganz auf die „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“ der Werke von LaMettrie, Stirner und Reich zurückgezogen, die den Kasus Knaxus erahnen lassen soll. Die ganze Problematik läßt sich vielleicht anhand des Wirkens von Hitlers Krohnjurist Carl Schmitt, der ein Krypto-Stirnerianer war, ja, erahnen. Ich verweise auf Laskas Schrift „Katechon“ und „Anarch“.

Als Schmitt im Zuchthaus der alliierten Kriegsverbrecher saß, also den absoluten Tiefpunkt seiner Existenz erreicht hatte, fand er Trost und Kraft bei „Max“. Seine gesamte Privatmythologie zielte auf diesen letzten Ausläufer des Späthegelianismus: Max Stirner. Mit ihm rang er privatmythologisch ein Leben lang: „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“

05In der Jugend von Nicolaus Sombart, Sohn des berühmten Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Werner Sombart, war Schmitt einer von Nikolaus väterlichen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin. Er erinnert sich an etwas, was man nur vor dem Hintergrund von Laskas LSR-Projekts wirklich würdigen kann. Das letzte Geheimnis, das keiner anspricht… Nicolaus Sombart:

Carl Schmitt testete an mir seine Formulierungen. Er brauchte solche Testpersonen, um ihre Wirkung zu erproben. Aber so machte Geschichte Spaß. (…) Offenbar gab es, soviel hatte ich schon begriffen, zwei Arten von Wissen und zwei Arten der Erkenntnis. Beide hatten sie ihre Regeln, ihre Methode, ihre Evidenz. Die eine kannte ich durch meinen Vater; die andere, von der mein Vater nichts hielt, war mir durch meine Freunde Robakidse und Bruno Goetz, aber auch durch meinen Mentor Celibidache vertraut. Es handelte sich offensichtlich um zwei völlig verschiedene Mentalitäten, zwei ganz unterschiedliche Denkstrukturen. Die eine operierte mit Begriffen und Fakten, die andere mit Symbolen und Bildern.

Der entscheidende Unterschied lag wohl in ihrem Begriff von Wahrheit. Für meinen Vater ging der Weg der Erkenntnis über ein Wissen, das allen allgemein und jederzeit zugänglich war. Jeder Mensch guten Willens konnte es sich aneignen und damit den Weg zur Wahrheit betreten. Die Wahrheit war die Summe dessen, was man wissen konnte, natürlich immer nur ein Annäherungswert gegenüber einem absoluten Wissen, aber soweit allgemein verständlich, verifizierbar, übertragbar. Jedem zugänglich, der das Wissensniveau seiner Zeit erreicht hatte, immer einsehbar und aussprechbar. Für den anderen Denktypus lag nun alles genau umgekehrt.

Die Wahrheit ist das, was man nie aussprechen kann und darf. Sie ist ihrer Natur nach „geheim“. Das Wissen, das mit ihr verbunden ist, kann nicht ohne weiteres vermittelt werden. Was öffentlich ausgesprochen und gewußt werden kann, ist nicht wert, gewußt zu werden. Man erschließt sich die Wahrheit nicht durch logisch-diskursives Denken, sondern „erschaut“ sie, wenn man den nötigen Reifegrad erreicht hat. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen ist ein Sakrileg. Sie ist das streng gehütete Geheimnis-Monopol einer kleinen Zahl von „Eingeweihten“, der Zugang zu ihr „Initiation“, die nicht jedem gewährt wird. Man muß dazu berufen. „auserwählt“ sein. Das Medium der Verständigung darüber (der Vermittlung des Unaussprechbaren) ist das mythische Bild.

So weit, so gut. Das hatte ich ungefähr kapiert. Hie ein System positiven Wissens, die Grundlage dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen – dort ein okkulter Traditionszusammenhang mystischer Gewißheiten und Sinndeutungen, der offenbar so lange zurückgeht, wie man menschliches Denken zurückverfolgen kann. Der Name dafür ist Gnosis.

In Carl Schmitt war mir nun eine sonderbare Mischform dieser beiden so konträren, wie man denken sollte, völlig inkompatiblen Denktypen begegnet. Er war ein Mann der Wissenschaft, des begrifflichen Denkens – ein Professor wie mein Vater, dem rationalen, diskursiven Denken verpflichtet, ein Meister des Syllogismus, der logischen Deduktion. Gleichzeitig aber war er auch der schauende Myste, der Epopt, der seine Einsichten nicht in Begriffen faßt und vermittelt, sondern in Symbolen und Bildern. Er beherrschte beide Register.

Er machte perfekte Wissenschaft – Staatstheorie, Verfassungslehre, Völkerrecht, immer mit einem leichten Vorbehalt, was die Positivität betrifft, aber mit einer emphatischen Betonung der „Wissenschaftlichkeit“. Dahinter stand seine Privat-Mythologie. Er maskierte seine Mythologeme mit einem Anschein von Theoriebildung. Seine Begriffe sind immer bildhaft, suggerieren Symbolisches, evozieren Archetypen. Er spielt mit dem Doppelsinn der Worte, die er als Zeichen benutzt, mit denen er aber Emotionen mobilisiert, die aus der Tiefe aufsteigen. Seine berühmten Formulierungen sind nie einfache „Sätze“, sondern Beschwörungsformeln. Wenn er auch nicht gerade von „Dämonen“ und „Wesenheiten“ sprach, so war doch so etwas im Spiel, wenn er die Mächte beschwor, die die Geschichte bewegen. Mit der griechischen und asiatischen Mythologie hatte er nichts im Sinn. Er bevorzugte die Gedankenfiguren der christlichen Theologie und Gnosis bis hin zu ihren hegelianischen Spätformen. Mit ihrer Hilfe mythologisierte er das ganze 19. Jahrhundert. (Nicolaus Sombart: Jugend in Berlin 1933-1943. Ein Bericht. München: Carl Hanser Verlag, 1984, S. 257-259)

Schmitt rang mit Stirner, weil dieser einerseits faszinierender „Versucher“ war, gleichzeitig aber auch die zu bekämpfende Negation der Kultur, also Satan höchstpersönlich. Er konnte ihn deshalb nicht „akademisch sachlich“ verarbeiten, sondern allenfalls im Rahmen einer Privatmythologie. Eine offene Auseinandersetzung hätte nur Werbung für „das Böse“ gemacht und Schmitts Anliegen gleichzeitig profanisiert und mit einer „demokratischen Zivilisation“ kompatibel gemacht, die er zutiefst verachtete. Tatsächlich hat er Stirner natürlich wie alle anderen intellektuell umgangen und emotional verdrängt. Laska seinerseits will den Kern von Stirners Anliegen durch das Kenntlichmachen dieses Umgehens und Verdrängens in den alleinigen Fokus rücken – und so unser eigenes Umgehen und Verdrängen unterlaufen.

Peter liest Thomas Harms‘ Vorwort zu REICH ÜBER FREUD

17. Juli 2026

In diesem Buch wird das Interview, das der Psychoanalytiker Kurt Eissler 1952 mit Reich führte, dokumentiert.

Zunächst verwundert, daß das Buch keine 1:1-Übersetzung des amerikanischen Originals Reich Speaks of Freud von 1967 ist, das von Mary Higgins und Chester Raphael mit einem denkbar umfänglichen editorischen Apparat und einem überbordenden Anhang herausgegeben worden war. Warum das alles weggelassen wurde, bzw. überhaupt das es weggelassen wurde (das Buch wäre mehr als doppelt so dick!), wird von Harms mit keinem Wort erwähnt. Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, denn wie Richard Blasband in seiner Besprechung der amerikanischen Originalausgabe (Journal of Orgonomy, 1968) hervorhob, lenkten die tatsächlich zahllosen und meist überflüssigen Fußnoten vom eigentlichen Inhalt des Gesprächs nur ab. Eissler und im Anschluß an ihn Higgins, Raphael und auch dem deutschen Herausgeber Thomas Harms drehte und dreht sich alles um Reichs Verhältnis zu Freud. Wie Blasband zu recht herausstellt, ging es Reich jedoch um etwas fundamental anderes: um sein, Reichs, Alleinstellungsmerkmal, die Genitalität. Und zwar nicht nur als Teil seines Lebenswerks, das man wohl oder übel erwähnen muß!

Bezeichnenderweise beginnt Harms etwas betulich daherkommende Einleitung mit einer Fußnote, in der er sich dafür entschuldigt, daß er in seinem folgenden Text nicht durchgehend gendert, aber natürlich jeweils immer alle „Geschlechtsidentitäten“ gemeint seien. Geschenkt, zusammen mit dem Verweis auf Reich als Vorläufer der „Körperpsychotherapien“ – die gleichfalls durchgehend auf der Negierung der Orgasmustheorie beruhen. Nicht geschenkt ist folgende vollkommen irreleitende und das gesamte Buch desavouierende Aussage. Harms beschreibt zunächst Reichs Erhebungen über die sexuelle Potenz von Neurotikern. Manche von diesen „schienen in ihrer Sexualität keinerlei Beeinträchtigungen aufzuweisen“. Korrekt, aber Harms fährt dann unglaublicherweise fort, daß dieses Ergebnis „zentralen Aussagen der damaligen psychoanalytischen Theorie“ widersprochen habe (S. 18). Das exakte Gegenteil ist der Fall! In Die Funktion des Orgasmus von 1942 erinnert sich Reich, seine psychoanalytischen Kollegen hätten darauf bestanden, daß seine Behauptung, die Genitalstörung sei für die Genese, Beurteilung und Behandlung der Neurosen von zentraler Bedeutung, schlichtweg falsch wäre (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 78). Reich hingegen insistierte: „Sollte meine Annahme zutreffen, die Genitalstörung also die Energiequelle für die neurotischen Symptome bildet, dann durfte sich kein einziger Fall von Neurose mit intakter Genitalität finden“ (ebd., S. 79, Hervorhebung hinzugefügt).

Wirkt wirr, aber dafür ist Harms verantwortlich! Also nochmals: Reich erhob (in der Psychoanalyse erstmals überhaupt) Daten über das konkrete Sexualleben der Patienten. Demnach war der Großteil der Neurotiker zwar sexuell gestört, aber nicht alle. Harms behauptet, dies widerspräche zentralen Aussagen der damaligen Psychoanalyse. „Wie kann es sein“, so fragt Harms, „daß erwachsene Menschen, die mit Angst-, Zwangs- oder anderen Persönlichkeitsstörungen in die Psychotherapie kamen, trotzdem eine intakte Sexualität aufwiesen?“ (S. 18) Das fragen jedoch nicht die Psychoanalytiker, sondern einzig und allein Reich, denn es widerspricht seiner Theorie. Deshalb hinterfragte er die Aussagen der Patienten, daß bei ihnen in sexueller Hinsicht alles in Ordnung sei, und entwickelte das Konzept der orgastischen Potenz.

Es ist im Lichte von Blasbands Analyse absolut symptomatisch, daß Harms ausgerechnet an dieser Stelle derartig ins Stolpern kommt! Uns aber Reich nahebringen wollen… „Man kann doch Fehler machen!“ Im zentralen Punkt des gesamten Buches?! In einem PSYCHOANALYTISCHEN Kontext so eine absurde Fehlleistung? Wie geht nochmal der Spruch? „Zum Glück bin ich kein Psychoanalytiker!“

Vielleicht wäre ich gnädiger, wenn Harms‘ Vorwort nicht so ungelenk und lieblos geschrieben wäre. Kennzeichnend dafür sind Stilblüten wie die folgenden beiden: „Nachdem Reich 1933 von den Nazis auf die rote Liste der politisch Verfolgten gesetzt worden war (…)“ (S. 24). „Seine therapeutischen Arbeiten nennt er, nachdem er die Orgonenergie postuliert hat – nun ‚Psychiatrische Orgontherapie‘“ (S. 26). Es lohnt einfach nicht, das alles zu kommentieren! Gut, einen habe ich noch: „Am Ende seines Lebens widmete sich Wilhelm Reich den Babys, den Schwangeren und den Eltern“ (S. 27).

Zum Abschluß nochmal das Zitat des Diplom-Psychologen (und „Körperpsychotherapeuten“ [sic!]) Harms: „Wie kann es sein, daß erwachsene Menschen, die mit Angst-, Zwangs- oder anderen Persönlichkeitsstörungen (sic!) in die Psychotherapie kamen, trotzdem eine intakte Sexualität aufwiesen?“ (S. 18) Meine Güte, Angst- und Zwangsstörungen sind keine Persönlichkeitsstörungen! Ohnehin ein Mitte der 1970er Jahre geprägter Begriff, der in diesem Kontext eh nichts zu suchen hat. Und wie heißt es drei Seiten weiter, wo Harms Reich referiert? „Anders als psychische Angst- oder Zwangssymptome wurden die Charakterhaltungen von den Patienten als Teil der Persönlichkeit erlebt“ (S. 21).

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 3. Orgontherapie, d. Orgontherapie nach Reich und Baker

12. Juli 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 3. Orgontherapie, d. Orgontherapie nach Reich und Baker

Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 4)

18. Februar 2026

Man könnte demnach einwenden, daß Goethe, Husserl und schließlich Reich das genaue Gegenteil des denkbar radikalen „Nominalismus“ Max Stirners verkörpern, bei dem es um den Gegensatz zwischen dem „lebenvollen Einzelnen“ und dem „leeren, leblosen Begriff“ geht (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254).

Hat nicht Reich die „orgastische Potenz“ bzw. die „Genitalität“, das „Orgon“ bzw. „die kosmische Lebensenergie“ und die Hegelsche Dialektik bzw. den Dialektischen Materialismus in Gestalt des „orgonomischen Funktionalismus“ mit seinen „kosmischen Formgesetzen“ als „Allgemeinheiten“ hingestellt! Allein schon seine Definition einer allgemeingültigen „Gesundheit“!

Es geht aber genau darum, daß es bei den Allgemeinheiten gar nicht um ein philosophische Problem geht, sondern um den einen Faktor: das, was Laska, etwas hilflos als „irrationales Über-Ich“ bezeichnet hat. Jeder Physiker weiß, daß die Welt nach „Platonistischen“ Gesetzen, sozusagen dem „rationalen Über-Ich“, funktioniert und jeder gegenständliche bildende Künstler weiß, daß er vor der Wirklichkeit nicht kapitulieren muß, denn alles läßt sich quasi kubistisch auf wenige Formen reduzieren, die dann nur „ausgemalt“ werden müssen.

Stirners „Nominalismus“ kann uns gleichgültig sein. Laska führt aus, daß Freud für die bunte absolut unerschöpfliche Erscheinungswelt der Neurosen stand, sozusagen für „Diversität“, während Reich quasi „Platonistisch“ der einförmigen Gesundheit das Wort redete (Laska: Status der Reich’schen Theorie. C. Freuds „Kommentar“ zu Reich. Wilhelm Reich Blätter 3/80:114-163, 1980).

  • Freud: „Nur das Zusammen- und Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt die Buntheit der Lebenserscheinungen.“
  • Reich: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltungsweisen.“

Als guter Demokrat preist Freud hier die Panzerung (sich wechselseitig blockierende und verstärkende Triebe), während Reichs Haltung an Schneeflocken denken läßt, die allesamt einförmig sechseckig sind – und doch gibt es keine zwei Schneeflocken, die identisch sind. Hegels Identität von Identität und Nichtidentität bzw. Reichs gleichzeitige Einheit und Gegensätzlichkeit.

Das Problem bei Stirner ist, daß diejenigen, die wegen ihrer Degeneration gesellschaftlich ausgestoßen sind, sich als „Eigner ihrer selbst“ gerieren, und wirklich alles, was sie als Zumutung empfinden, als „Fremdbestimmung“ denunzieren können. Dieses Problem hat Reich einfach durch die simple Überlegung gelöst, daß du nicht wirklich du selbst bist, wenn lebenswichtige Reflexe bei dir nicht auslösbar sind. Das fängt beim Gewebeturgor an, geht über die Auslösung des Brechreizes bis hin zum Reich‘schen Orgasmusreflex, der dich unmittelbar mit kosmischen Funktionen verbindet (siehe Die kosmische Überlagerung).

Hier sind wir wieder beim Problem des radikalen Nominalismus Stirners (die Hypostasierung des Individuellen): man kann Stirner dergestalt radikal interpretieren, aber dabei kommt dann doch stets ein lauwarmer Extremliberalismus heraus. Wirklich radikal ist es aber, Stirner im Sinne Laskas zu lesen. Es geht hier nicht um alte scholastische Scheinprobleme, sondern um die Liquidierung des verinnerlichten Fremden: das erst durch dessen Auflösung zum Selbst wird. Dann tritt der „Naturbursche“ Stirners, das „Menschentier“ Reichs, zutage und mit ihnen Naturgesetzlichkeiten, die nur das Wort mit menschlichen „Gesetzen“ gemein haben. Stirner spricht vom „Natursohn“, will die Ernüchterung (Stirner, S. 181), d.h. zu den „eigenen Gefühlen“ kommen (ebd., S. 70), die der „menschlichen Natur“ (ebd., S. 372), der Stimme des Fleisches entsprechen (ebd., S. 68).

Solche Überlegungen bringen mich zu einem Bekenntnis zum Naturrecht, wohl wissend, daß 99,9 Prozent aller, die etwas Fundiertes über Stirner sagen können, Stirner als geradezu den Gegner des Naturrechts hinstellen. Philosophisch und philologisch zu recht.

Mit Stirner antworte ich: daß „Gott, Gewissen, Pflichten, Gesetze usw.“ bloße Flausen sind, „mit denen man Euch Kopf und Herz vollgepfropft und Euch verrückt gemacht [hat]“. Während „die Naturstimme“ eben, so Stirner, keine teuflische Verführerin ist, sondern umgekehrt vielmehr Gottes- und Gewissensstimme „Teufelswerk“ sind: „das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung (…), [welche] die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (ebd., S. 179).

Diese „Naturstimme“ ist mir besonders wichtig angesichts der oben beschriebenen mechanistischen Weltanschauung, die heute in KI und Robotik kulminiert. Reich hat sich in Massenpsychologie des Faschismus breit darüber ausgelassen, daß der Mensch sich abpanzerte, also das Über-Ich triumphierte, als er sich mit dem identifizierte, was sein bloßes Werkzeug ist: die Maschine. Der Mensch versuchte das Lebendige mit Hilfe des Modells einer Maschine zu erklären und wurde dabei selbst maschinell: ein Teufelskreis.

Die Entwicklung des Seins

13. Oktober 2025

Die Vorstellung von einer Entwicklung der Lebewesen zu immer größerer Integration und Bewußtheit bis hin zum Menschen ist tief im menschlichen Denken verankert. Die Inder glaubten, daß nur der Mensch selbst-bewußt, sich selbst bewußt sei und nach Selbstvervollkommnung oder geistiger Freiheit streben könne, während die anderen Lebewesen lediglich zur Welt kämen, um die Früchte ihres vergangenen Karmas zu ernten. Nur der Mensch wäre zu einer Position in der kosmischen Entwicklung gelangt, die es ihm in seiner Reife ermögliche, dieses Naturgesetz der Kausalität von sich abzuschütteln. In dieser Hinsicht steht der Mensch selbst über den Göttern, die, jedenfalls für den „aufgeklärten“ Inder, auch nur Naturwesenheiten sind.

Eine ähnliche Vorstellung der Entwicklung ist in alle europäischen Utopievorstellungen eingegangen, z.B. der Marxistischen, wo der Mensch zum Herrn über die Geschichte wird und sich dergestalt von der Natur befreit. Diese Vorstellung ist tief in unserem philosophischen Erbe verankert, nicht nur in Hegels Geschichtsphilosophie, sondern auch bei Herbert Spencer und bei Nietzsche („Tier – Übertier Mensch – Übermensch“).

Es gibt die volkstümliche Weisheit: „Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier, wacht auf im Menschen.“ Entsprechend verkörpert sich bei Schopenhauer der „Wille“ in unterschiedlichen Stufen und bestimmt deren Bewußtseinsgrade. Der Wille zum Leben artikuliert sich vom Stein, über Pflanze und Tier und schließlich im Menschen immer deutlicher, um schließlich vom Menschen überwunden zu werden. Dies ist identisch mit der oben erwähnten indischen Lehre. In Fröhliche Wissenschaft (A 301) spricht Nietzsche von der Rangordnung vom niederen zum höheren Tier und weiter vom niederen zum höheren Menschen, wobei die jeweils höhere Stufe mehr wahrnimmt, gleichzeitig aber auch das Potential an Lust und Unlust anwächst.

Als seine Schrift Die Geburt der Tragödie herauskam, wurde Nietzsche in einem „Evangelischen Anzeiger“ vorgehalten, es handle sich bei dem Buch um „den ins Musikalische übersetzten Darwinismus und Materialismus“, Nietzsches Theorie sei der „Developpismus des Urschleims“, Nietzsches „Ureine“ aus der Geburt der Tragödie wurde mit „Darwin’s Urzelle“ verglichen (Brief an von Gersdorff, 5.4.1873). Hier fließen neoplatonistische Entwicklungsvorstellungen „aus dem Ureinen“ in eins mit der biogenetischen Entwicklung „aus der Urzelle“.

Der zu dieser Zeit noch etwas schopenhauernde Nietzsche schreibt:

(…) und wenn die gesamte Natur sich zum Menschen hindrängt, so gibt sie dadurch zu verstehen, daß er zu ihrer Erlösung vom Fluche des Tierlebens nötig ist und daß endlich in ihm das Dasein sich einen Spiegel vorhält, auf dessen Grunde das Leben nicht mehr sinnlos, sondern in seiner metaphysischen Bedeutsamkeit erscheint. (Schopenhauer als Erzieher, A 5)

Die „gesamte Natur“ dränge zum Genius hin (zu dem, was Nietzsche später „Übermensch“ nannte), um in ihm ihre Erlösung zu finden; „jenes Wunder der Verwandlung“, „jene endliche und höchste Menschwerdung, nach welcher alle Natur hindrängt und -treibt, zu ihrer Erlösung von sich selbst“. Ein paar Jahre zuvor kam Nietzsche der „schwindelnde“ Gedanke, „ob vielleicht der Wille, um zur (weltverklärenden, PN) Kunst zu kommen, sich in diese Welten, Sterne, Körper und Atome ausgegossen hat“. Der Genius sei ein Werkzeug des schöpferischen Weltgrundes, um sich durch ihn seiner selbst bewußt zu werden.

Der sich zur Aufklärung durchgerungene Nietzsche schreibt, daß, wenn Schopenhauer Recht hat und Genialität

in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntnis des gesamten historischen Gewordenseins – welches immer mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren abhebt und zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und Tier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat – ein Streben nach Genialität der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wäre kosmisches Selbstbewußtsein. (Vermischte Meinungen und Sprüche, A 185)

Und weiter:

So wird Selbst-Erkenntnis zur All-Erkenntnis in Hinsicht auf alles Vergangene: wie (…) Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All-Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschentum werden könnte. (ebd., II A 1,223)

1883 schrieb Nietzsche: „Sobald der Mensch vollkommen die Menschheit ist, bewegt er die ganze Natur“ (Umwertung aller Werte, dtv, S. 819).

Leider sind diese philosophischen Entwicklungsvorstellungen, die bezeichnenderweise immer in infantilen Allmachtsphantasien enden, durchweg dezidiert antisexuell. Sozusagen wird Genitalität durch „Genialität“, das Gehirn, ersetzt. 1876 notiert sich Nietzsche: „Hemmungen nötig, um Genius hervorzubringen“ (Studienausgabe, Bd. 8, S. 307). Das genaue Gegenteil des Genitalen Charakters.

Die neoplatonistische Kabbala scheint geistesgeschichtlich die einzige Ausnahme dieser antisexuellen Regel zu sein. In ihr ist ein Mensch erst Mensch, wenn er verheiratet ist. Ja, wirklich ganz wird er erst in der kompletten Genitalen Vereinigung. Und im (gemeinsamen gleichzeitigen) Orgasmus wird er/sie eins mit Gott – er/sie erlangt das kosmische Bewußtsein. Im genitalen Menschen sind „Geist“ und Sexualität keine Gegensätze mehr, sondern sie bedingen einander. (Keine einzelne Person hat einen Orgasmus. Auch haben Frau und Mann keinen je eigenen ihrem Geschlecht gemäßen Orgasmus. Vielmehr fließen Frau und Mann in der Genitalen Umarmung zu einem Organismus zusammen und dieses „neutrale“ Orgonom „hat“ einen Orgasmus.)

Schimpansen und Menschen (und einige wenige andere Tiere) erkennen sich im Spiegel selbst wieder, während alle anderen vergleichbaren Tierarten im Spiegelbild, wenn überhaupt, nur den Artgenossen erkennen. Die Schimpansen scheinen also schon Ansätze für ein Ich-Bewußtsein zu haben. Sprache und Werkzeuggebrauch sind ebenfalls rudimentär bei Schimpansen zu finden. Es ist nun interessant, daß Bewußtsein und die genitalorgastische Körperzuckung auf der gleichen Entwicklungsstufe auftreten. Die vom Aussterben bedrohte Schimpansen-Unterart der Bonobos, die die allernächsten Verwandten des Menschen sind, zeigen denn auch vielleicht tatsächlich zumindest erste Ansätze von Genitalität. Unter den Säugetieren kopulieren neben dem Menschen nur diese Zwergschimpansen (und die Wale, diese aber aus rein praktisch-anatomischen Gründen) in ventroventraler Stellung.

Reich glaubte, der Mensch wäre das erste Tier gewesen, das sich seiner orgastischen Plasmazuckung bewußt geworden sei und sich deshalb als erstes Tier gepanzert hätte (Die kosmische Überlagerung, letztes Kapitel). Betrachten wir die Entwicklung des Bewußtseins vom Blickwinkel des Biogenetischen Gesetzes her, können wir fragen, ob vielleicht der Mensch das erste gepanzerte, also orgastisch impotente Tier ist – weil er das erste Tier ist, das in der Anlage orgastisch potent ist. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch ist das einzige gepanzerte Tier, weil beim Mensch zum ersten Mal die Orgasmusfunktion voll durchbricht, also etwas da ist, wogegen er sich panzern „muß“.

Am Ende seines Artikels „The Evasiveness of Homo Normalis“ von 1947 befaßt sich Reich mit dem Wahrheitskern der irrationalen Aussage, daß der Mensch über dem Tierreich stehe: der besagte Kern ist natürlich die Panzerung, die den Menschen von den übrigen Tieren trennt. Der Mensch sei das einzige Tier, das nicht dem Gemeinsamen Funktionsprinzip allen tierischen Lebens folge: die Entladung aufgestauter Energie durch aufeinanderfolgende Kontraktionen des gesamten Organismus. Nur der Mensch verhindere die Abfuhr der in allen Lebewesen ständig generierten Energie durch seine Panzerung. Nur beim Menschen werde der einheitliche Impuls, der nach außen will, in zwei Bestandteile gespalten: in den ursprünglichen Impuls und dem aus ihm abgeleiteten aufstauenden Gegenimpuls – der Impuls kämpft gegen sich selbst. So etwas fände sich nirgends sonst in der gesamten Natur. Die Bifurkation von Funktionen sei normal und überall in der Natur zu beobachten, doch daß sich eine Funktion aufspaltet, um sich gegen sich selbst zu wenden, fände sich nur in der Pathologie des Homo normalis (Orgonomic Functionalism, Summer 1991, S. 86-91).

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (2. Drittel)

30. Juni 2025

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (2. Drittel)

Ödipuskomplex gegen sexuelle Revolution

1. Oktober 2024

Die folgenden drei Kurzvideos wirken harmlos und sogar „lustig“. Es geht jeweils darum, daß zweijährige Mädchen davon sprechen, daß sie nun einen gleichaltrigen Freund, bzw. Liebsten haben und der Vater sich darüber lustig macht und ihnen sogar „spielerisch“ droht.

Wir haben hier den Kern der neurotischen Entwicklung vor uns, den Ödipuskomplex, d.h. die widernatürliche, abartige, perverse „sexuelle“ Fixierung des Mädchens auf den Vater (des Jungen auf die Mutter) bzw. das Hintertreiben einer gesunden Entwicklung, bei der sich eine derartige Fixierung nicht ausformen kann. Natürlicherweise wendet sich die Libido nämlich Gleichaltrigen zu, was aber systematisch hintertrieben wird. Es ist schlichtweg ungeheuerlich, was hier passiert. Solange man es zuläßt, daß sich der Ödipuskomplex ausbildet, sollte man, was sexuellen Kindesmißbrauch betrifft, einmal innehalten, denn er ist exakt das!

Um dem Wahnsinn die Krone aufzusetzen, dreht sich das Drama in der Pubertät um, denn wenn zu dieser Zeit der Vater gegenüber seiner Tochter körperliche Nähe und väterliche Zärtlichkeit zeigt, wird insbesondere von sogenannter verbiesterter „feministischer“ und woker Seite neuerdings das Gezeter laut, dies sei übergriffig, unangebracht und sogar „ekelhaft“: im Grunde sexueller Kindesmißbrauch.

Im folgenden Video wird das anhand eines aktuellen Beispiels thematisiert:

Beides, die traditionelle „ödipale Sexualfeindlichkeit“ der Konservativen, der den Ödipuskomplex hervorruft, als auch der moderne linke Puritanismus, der allenfalls prägenitales „trans“ und „gay“ und „queer“ ertragen kann, bei jedem Anzeichen von Genitalität und genuiner Lebensfreude aber ausrastet, haben ein gemeinsames Funktionsprinzip: die Angst vor der Lust, die zu Lustfeindlichkeit führt – zur Unterdrückung jedweder echter Glücksempfindungen (Emotionelle Pest)

Haben derartig junge Kinder schon sexuelle Empfindungen? Jein! Beispielsweise schenkte ich als vielleicht Fünfjähriger einem gleichaltrigen Mädchen aus der Nachbarschaft meinen unfaßbar wertvollen Schatz aus winzigen bunten Glassplittern, den ich im Laufe der Zeit mühevoll aus dem nahen Bahngleis gesammelt hatte und in der magisch wunderbaren metallenen Keksdose aufbewahrte. Das war mein Verlobungsgeschenk, die Heirat war anvisiert. Die dumme Nuß habe ich danach nie wiedergesehen, auch nicht die, die mir mit ihrem weiblichen Charme das Poesiealbum meiner großen Schwester abschwatzte. Ich wurde, gerade mal vielleicht fünf Jahre alt, das Opfer zweier gewissenloser Heiratsschwindelerinnen, die mich um ein vermögen betrogen haben! Daß die sexualfeindliche Gesellschaft derartige Gefühle zwischen Kleinkindern auf Erwachsene abdrängt bzw. umlenkt („Ödipuskomplex“), ist eine denkbar perverse Ungeheuerlichkeit. Daß Erwachsene sich überhaupt in solche Kinder-Affären zwischen Gleichaltrigen einmischen, ist eine nicht zu tolerierende Übergriffigkeit. Dazu gehören auch „Sexualkundeunterricht“ und das, was man zu Recht als Frühsexualisierung anprangert. Kindern wird die erwachsene Sexualität aufgedrängt, was nichts anderes als sexueller Kindesmißbrauch ist! DAS IST NICHT SEXUALPOSITIV, SONDERN DAS GEGENTEIL: DIE FORTFÜHRUNG DES ÖDIPUSKOMPLEXES.

Was das Verhältnis der Mutter zum Knaben betrifft, fällt immer wieder die laszive Neugier auf, die dem Geschlechtsorgan des Kindes gilt. Ständig wird darauf bezug genommen, werden Witze gerissen und später geradezu ein weiblicher Sport daraus gemacht, den Jungen beim Onanieren zu ertappen. Was für eine Gaudi… Alles unglaublich „witzig“… Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die TV-Kultserie Eine schrecklich nette Familie, wo die Bloßstellung des Intimlebens des Sohnes ein Running Gag war. Diese Übergriffigkeit ist Kindesmißbrauch der übelsten Sorte – und er ist ubiquitär.

Und um zum Verhältnis des Vaters zur Tochter zurückzukehren: Wenn die oben diskutierte väterliche zärtliche Zuwendung fehlt, fangen etwa 12jährige Mädchen, unter dem lebenslangen Banne des Ödipus-Komplexes stehend, damit an, sich auffällig sexuell provokant zu kleiden, um (natürlich alles unbewußt) männliche Aufmerksamkeit, d.h. letztendlich die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu ziehen. Es ist grotesk und unbeschreiblich traurig, was sich in dieser Beziehung alltäglich auf Schulwegen abspielt.

Es ist alles so verkorkst, diese Gesellschaft ist im Kern so krank und ekelerregend PERVERS, weil Reichs Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral aktueller ist denn je, desgleichen Die sexuelle Revolution und Massenpsychologie des Faschismus, vor allem aber die Schriften, die man in Kinder der Zukunft findet. Leute, lest WILHELM REICH!!!

Besprechung von Christian Fernandes‘ Dissertation LA METTRIES „TUGENDHAFTE LUST“

10. August 2024

Bitte vorbestellen!

Ich verdanke Christian Fernandes sehr viel. Mit seiner akribischen und bahnbrechenden Herausarbeitung des Konzepts der „tugendhaften Lust“ bei LaMettrie hat er mir Reich und die Orgonomie neu erschlossen. Als, for lack of a better term, „Reichianer“ fristet man schon eine merkwürdige Existenz. Beispielsweise bin ich im vergangenen Wochenende vollkommen unvermittelt und unvorbereitet in den gigantischen Hamburger CSD-Umzug hineingeraten. Eine Millionenmetropole ganz im Zeichen der orgastischen Impotenz und der Feier der „Buntheit“ der sekundären Triebe. Vollkommen ausgetickt („Scheiße, ich MUSS hier weg!“) bin ich, angesichts eines lesbischen Paares mit der kleinen Tochter in der Mitte, die begeistert eine kleine Regenbogenfahne schwang. Entweder bin ich vollkommen gaga – oder alle anderen… Von all dem ganz offen antisexuellen Zeugs, das mir von konservativer Seite seit meiner Geburt meist nonverbal und subkutan eingetrichtert wurde, brauche ich gar nicht erst anfangen. Ein Außerirdischer erleidet eine Bruchlandung auf einem Planeten voller maliziöser Horrorclowns!

Die Lektüre dieses Buches war für mich eine große Erleichterung. Endlich eine Stimme, die nichts mit Reich zu tun hat, aber in jedem Satz und vollkommen unabhängig und im Rekurs auf einen Mann, der vor fast drei Jahrhunderten lebte, – die vollkommen in Übereinstimmung mit der Reichschen Orgasmustheorie steht. Endlich die Wahrheit der Sexualökonomie in eigenen Worten, frisch erzählt. Befreit vom ewig gleichen „Reichianischen“ Mantra konnte ich förmlich aufatmen. Genitalität existiert und ist der eine Faktor, um den sich das gesamte „Geistesleben“ der Menschen dreht.

Das Besondere an LaMettrie ist nicht nur, daß er im Gegensatz zu de Sade und Casanova und Rousseau etc. die Genitalität vorbehaltlos feiert, sondern stets im Zusammenhang mit dem Problem des zerstörerisch wirkenden Schuldgefühls sieht. Es ist eine Vorwegnahme von Reichs Orgasmustheorie und, wenn man so will, „Über-Ich-Theorie“ (Panzerungstheorie = Charakteranalyse). Genau wie bei Reich sind auch bei LaMettrie diese beiden Elemente nicht voneinander zu trennen. Die befriedigende Lust reguliert das Seelen- und Sozialleben, weil sie „tugendhaft“ macht und damit das Schuldgefühl, das der Untugend Grenzen setzen soll, überflüssig macht. Wobei umgekehrt das Schuldgefühl eine befriedigende Lust unmöglich macht. Es geht schlichtweg darum, die gesamte scheinbar rettungslos verpeilte Gesellschaft vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Wenn man sich jahrzehntelang mit Reich beschäftigt, wird man schließlich betriebsblind. Ich danke Christian Fernandes dafür, mich wieder zum Kern der Angelegenheit gebracht zu haben. Hinzu kommt, daß diese Arbeit die erste Fortführung und eigenständige Weiterentwicklung von Laskas LSR-Projekt darstellt. Besser geht es nicht!