Posts Tagged ‘Wilhelm Reich’

Brief [über Stirner und Nietzsche] 2002

22. Oktober 2026

Brief [über Stirner und Nietzsche] 2002

Reich in Davos

21. Oktober 2026

Ende 1926 bis Frühjahr 1927 kurierte Reich seine TBC-Erkrankung im berühmten Schweizer Luftkurort Davos aus. Wie ernst die Lage war, ist allein schon daraus ersichtlich, daß sein jüngerer Bruder Robert 1926 an TBC verstorben war!

Man wird kaum zeitgenössische Berichte über oder Erinnerungen an Reichs Aufenthalt finden, da Reich damals ein vollkommen unbedeutender Arzt war, welcher selbst von psychoanalytischen Insidern andauernd mit Theodor Reik verwechselt wurde. Wie es auf dem berühmten „Zauberberg“ allgemein zuging, kann man sich in Thomas Manns 1924 erschienenen gleichnamigen Roman erlesen. Reich ist damals in einem Massenbetrieb untergegangen, denn TBC war wirklich eine Massenkrankheit und „Davos“ die Standardkur.

Die einzige Spur, die man anführen könnte, ist ein Aufsatz von Anny Angel (1898-1992). Angel war Schülerin Reichs und begleitete ihn nach Davos. Hier das Abstract „Betrachtungen über das Leben in Davos“ (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIV(4), 1928, S. 435-436 – Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Wiener Psychoanalytische Vereinigung I. Quartal 1928: 25. Januar 1928: 8. Kleine Mitteilungen und Referate: Schriftführer Dr. R.H. Jokl):

Versuch, den „Zauberberg“ Davos, d.h. die Beobachtung, daß leichte Fälle von Tuberkulose dort nicht gesund werden können und schon Gesundete jahrelang dort verweilen, aus unbewußten Lustquellen zu erklären. 6000 bis 8000 Kranke leben dort im selben Rhythmus; sie haben die orale Konstitution gemeinsam und bilden eine homogene Masse, die den gleichen psychologischen Gesetzen folgt. Sie führen das Leben von Säuglingen, liegen den ganzen Tag fest eingepackt, unterbrochen nur durch die reichlichen Mahlzeiten und das „Lutschen“ am Thermometer. Beschäftigungslos dösen sie vor sich hin, der Zeitsinn ist ihnen verloren gegangen. Das Leben entspricht einer Massenregression in das Säuglingsstadium, aus dem die Lustquellen stammen, die diese Menschen jahrelang am Orte festhalten.

Diskussion: Frau Dr. Deutsch, Federn, Dr. Perls (a.G.), Reich.

Der Artikel selbst erschien 1928 in: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Jg. 2, Heft 11/12, S. 407–411. Dort werden drei weibliche Fallbeispiele präsentiert. Nach Abraham stehe Optimismus mit einer glücklichen oralen Phase in der Kindheit zusammen. Dieser Optimismus müsse durch das Realitätsprinzip geformt werden, um wirklich wirksam zu sein. Bei Frauen gehöre dazu, daß sie das Fehlen eines eigenen Penis akzeptieren, während bei Männern Optimismus eher mit dem Gefühl einer Einheit mit der Mutter Erde verbunden ist. Und so weiter und so fort.

Das übliche obskurantistische Geschwurbel der Psychoanalytiker, die selbst offensichtlich den größten Dachschaden haben! Natürlich sind die Grundgedanken valide und fruchtbar, aber die Psychoanalytiker haben auf diesem soliden Fundament eine windschiefe Bruchbude errichtet, in deren morscher Ruine heute nur noch schwindsüchtige Gespenster hausen.

Die heutigen direkt auf Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker und Charles Konia zurückgehenden Orgonomen sind die einzigen, DIE EINZIGEN, legitimen Vertreter der Libido- und Strukturtheorie Freuds! Es ist unausdenkbar wäre Reich damals an TBC gestorben…

Freud, Rank, Jung, Adler und Reich

19. Oktober 2026

Reich hat nie bestritten, daß es „Komplexe“ gibt, so etwas wie Freudsche perverse Triebe, Ranksche Geburtstraumata, Jungsche „Archetypen“ und einen Adlerschen „Willen zur Macht“. Es ist nur so, daß durch die Orgasmusfunktion diesen seelischen Gegebenheiten die Energie entzogen wird. So hat die Orgasmustheorie einen grundsätzlich anderen Charakter als „andere“ monokausale Theorien. Der Reichsche Gesundheitsbegriff beinhaltet nicht, daß einer keine perversen Triebe hat, sondern daß diesen Trieben die Energie entzogen wird. Wenn man einen harmlos tropfenden Wasserhahn mit dem Daumen zudrückt, spritzt er nach einiger Zeit gefährlich.

Beispielsweise ist der Rassismus biologisch vorgegeben. Menschen „fremdeln“. Wie sollte es anders sein? Durch den neurotischen Energiestau aufgrund orgastischer Impotenz bricht dieses potenziert aus. Die Kultur versucht das zu beherrschen, indem entweder jede Menge zusätzlicher Dämme und Kanäle gebaut werden, um die hervorsprudelnde Irrationalität zu beherrschen, oder es wird versucht sozusagen den Wasserhahn ganz abzudrehen, wie etwa im Buddhismus. Als Illustration möge der Unterschied in den Philosophien Hegels (vernunftgemäße Kanalisierung der Dynamiken) und Schopenhauers (Verneinung des „Willens“) dienen.

Die Grundfrage ist, ob die natürliche „Triebausstattung“ jenseits der Frage, ob diese Triebe „gut“ oder „böse“ sind, grundsätzlich mit genitalorgastischer Selbstregulation vereinbar sind oder nicht. Freud, für den der Mensch ein „sadomasochistisches Tier“ war, verneinte dies, während Reich der inhärenten Rationalität der Natur vertraute.

Orgonomie, LSR, Charakteranalyse und „sexualökonomisches Marketing“

16. Oktober 2026

Wer in den letzten Jahren den Inhalt des Journal of Orgonomy verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, daß es zunehmend sozusagen „oberflächlicher“ geworden ist. Keine Artikel mehr über Orgonbiophysik, und selbst die über die medizinische Orgonomie enthalten sich weitgehend eines „orgonomischen Jargons“ und könnten in einer entsprechenden nicht-orgonomischen Zeitschrift erscheinen, ohne groß aufzufallen. Das gleiche gilt für Artikel über die soziale Orgonomie, die immer mehr den Inhalt dominiert. Teilweise kann man ganze Nummern durchlesen, ohne großartig auf spezifisch Orgonomisches zu treffen.

Ganz ähnlich ist es mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt bestellt. Es ist praktisch unmöglich mit Rückgriff auf Laska selbst einem Außenstehenden zu erklären, worum es eigentlich geht; was denn der Kern, die Essenz, dessen sein soll, für das die Namen LaMettrie, Stirner und Reich stehen! Im Laufe der Jahre, also seit der „Reichianer“ Laska Ende der 1970er Jahr Stirner für sich entdeckte, reduzierte sich sein damals langsam Gestalt annehmendes Projekt immer mehr auf Rezeptionsgeschichte bzw. „Repulsionsgeschichte“. Wie in der Charakteranalyse ging es zunehmend nicht mehr um die Deutung des Inhalts, sondern um die Analyse des Widerstands eben dieses Inhalts, bis von dem überhaupt nicht mehr die Rede war. Laska wollte nicht das vollends „zerreden“, was eh abgewehrt wird!

Beim American College of Orgonomy ist es ähnlich: da alles Tiefergehende, d.h. der eigentliche Inhalt der Orgonomie durch die gepanzerte Menschheit von vornherein abgeblockt und „bestenfalls“ (was hier gleichbedeutend mit schlimmstenfalls ist) heillos mystifiziert wird, ist es besser, das Publikum da abzuholen wo es ist, also wie in einer Orgontherapie vorzugehen: mit der Oberfläche anfangen.

So sehr ich diese Herangehensweise zu würdigen weiß, halte ich sie doch für problematisch. Erstens ist es eindeutig Selbstsabotage durch „Selbstzensur“. Auf diese Weise erscheinen jeweils das LSR-Projekt und die Orgonomie als geradezu langweilig. Das Faszinosum geht flöten, das erst mal das Publikum auf einen aufmerksam macht.

Es ist wie bei einer jungen Frau, die durch ihr Outfit und Gehabe auf den ersten Blick weitaus mehr verspricht, nämlich Sex, als sie zumindest anfangs zu geben bereit ist. Was soll der Augenaufschlag, die rotbemalten Lippen, das Dekolleté und die Nuancierung aller sonstigen weiblichen Körpersignale denn anderes bedeuten als eine Aufforderung zum Koitus?! Erst danach fängt das mühsame Geschäft des langsamen Überwindens der Widerstände an, bis es dann endlich wirklich zur Sache kommt. Sie würde als alte Jungfer sterben, wenn sie von Anfang an so deeskalierend auf dem Markt des Flirtens erscheinen würde, nämlich trocken, zugeknöpft und weit entfernt von jedwedem Sexappeal!

Wenn das so weitergeht, wird das LSR-Projekt und die Orgonomie genauso enden…

Verkomplizierend kommt die gottverfluchte lebensfeindliche Pornographie hinzu, die alles vergiftet, Konfusion erzeugt und Signale wertlos macht. Genau das ist ja auch ihre pestilente Funktion! Bei der Orgonomie ist es all das „Orgonit“ und der ganze restliche „energetische“, „spirituelle“, „esoterische“ Firlefanz, so daß man das Wort „Orgon“ kaum noch aussprechen mag. Bei LSR ist es all der pseudoaufklärerische Dreck, der, wie insbesondere von Nietzsche vorexerziert, alles „LSRische“ in einer Kakophonie erstickt, die irgendwo im Niemandsland zwischen LaMettrie und DeSade, Stirner und Marx, Reich und Freud/Marcuse/Foucault wie eine Giftwolke aus Schwefelwasserstoff wabert.

Die drei Filter durch die die wirklichen Erschaffer der Gegenwart auf stark entstellte Weise wirkten und durch die ihr Lebenswerk gleichzeitig ins Gegenteil verkehrt wurde

13. Oktober 2026

Rousseau, Nietzsche und beispielsweise Foucault waren wie Filter, die den jeweils ursprünglichen Impuls (LaMettrie, Stirner und Reich) so modulierten, daß die ursprüngliche lebenspositive Botschaft so entkernt wurde, daß sie einerseits immer noch auf geradezu „magische“ Weise Widerhall fand, ein Faszinosum, andererseits aber das lebensfeindliche System nicht wirklich gefährdete, sondern eher noch stabilisierte. Mit anderen Worten wurden die erstgenannten zu einem anerkennten Kulturgut und gleichzeitig die kontrollierte „Opposition“ gegen eben diese Kultur. In diesem Zusammenhang möchte ich an Myron Sharafs Wortspiel „Fury on Earth“ erinnern. Das System fängt den wütenden Angriff ab, siebt das wirklich revolutionäre fein säuberlich heraus und verwandelt ihn dergestalt zu einer „revolutionären“ Stütze des Systems. Ein profanes Beispiel ist die Popmusik: aus Johnny Rotten wurde – Campino!

Das 18. und 19. Jahrhunderts stand unter dem Bann Rousseaus. Kant (menschliche Freiheit und moralisches Gefühl), Marx (Entfremdung), die gesamte romantische Bewegung (das Primat des Gefühls über den Verstand) standen unter seinem Stern, selbst Nietzsche. Dieser wiederum war davon überzeugt, daß sich in seiner, Nietzsches Person das Schicksal der nächsten zwei Jahrhunderte vorzeichne. Und tatsächlich gehört das 20. und 21. Jahrhundert Nietzsche: alle Philosophen, Psychologen und Kulturkritiker nach ihm waren und sind durch die Bank nur ein schwacher Abklatsch von ihm. Der Existentialismus, Heidegger, alle Schulen der Psychoanalyse, alle Kulturheinis, ob nun Gottfried Benn oder Thomas Mann oder wer auch immer – alle standen sie unter seinem Bann. Nicht zuletzt Reich war stark von Nietzsche beeinflußt. Ein Portrait Rousseaus war der einzige Wandschmuck in Kants Arbeitszimmer. In Reichs Arbeitszimmer der 1920er Jahre hing Nietzsches berühmte Totenmaske. Ohne Reich selbst wäre die gesamte heutige woke Kultur aus Frankfurter Schule, Fromm, Marcuse, Foucault, Deleuze, Derrida etc. undenkbar. Genauso wie vorher Nietzsche nur ein verzerrender „Filter“ war, durch den Stirner wirkte. Bei Rousseau war es LaMettrie, wie Bernd A. Laska und Christian Fernandes (LSR-Projekt) nachgewiesen haben.

Meine letzte Begegnung mit Bernd Senf

10. Oktober 2026

Es gab zwei Bernds in der Reich-Szene. Der eine, Bernd Laska, verlor nach einer Zeit das dezidierte Interesse an Reich und erkor zwei Philosophen zu seinem Interesse, die er als Vorläufer des frühen Reich hielt. Der andere, Bernd Senf, hielt jahrzehntelang Vorträge über Reichs Forschungen und sorgte dafür, dass Reichs Spätwerke ins Deutsche übersetzt wurden.

Als ich mit meiner damaligen Freundin am Spandauer Havelufer in Berlin spazieren ging, traf ich zufällig Bernd Senf am 22.08.2022. Es war ein schöner Spätsommertag. Zufällig hatten wir vorher noch einen Bekannten meiner Freundin getroffen, so dass diese sich mit diesem unterhalten konnte.

Ich erkannte Bernd Senf sofort. Ich sprach ihn auch direkt an und sagte, ich kenne ihn schon seit 1980. Ich lobte ihn, dass er sehr viel für das Interesse an und die Bekanntmachung von Wilhelm Reich getan hat.

Ich bedankte mich bei ihm dafür, und er fragte mich, ob ich damals dabei gewesen bin, als der Therapeut Navarro ihn vor allen Augen bei einen seiner Vortrags-Abende angegangen war. Bernd Senf schien noch immer sehr betroffen über diese therapeutische Intervention gewesen zu sein.

Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit, miteinander zu reden, da ich auf meine Freundin Rücksicht nehmen musste. Ich verabschiedete mich deswegen bald wieder von ihm, und damit war die letzte Begegnung mit Bernd Senf geschehen. Immerhin konnte ich noch dieses Abschiedsfoto machen.

100 Jahre Orgonomie und Kommunismus

1. Oktober 2026

Die orgonomische Theorie, wie Reich sie 1933 formulierte, besagt, daß der Nationalsozialismus eine sekundäre Reaktion auf den Bolschewismus war: „das Aufbäumen einer sexuell ebenso wie wirtschaftlich todkranken Gesellschaft gegen die schmerzhaften, aber entschiedenen Tendenzen des Bolschewismus zur sexuellen, ebenso wie ökonomischen Freiheit“ (Massenpsychologie des Faschismus, 1933, S. 94). Das würde heute jeder Linke unterschreiben und im Kampf gegen die AfD entsprechend anpassen, was LGBTQAI+ betrifft und unsere sozialen Sicherungssysteme – für den Nahen Osten, Afrika und die Kokaine.

Später, nachdem Reich den wahren Charakter des Kommunismus durchschaut hatte, hat die Orgonomie dies um den Punkt ergänzt, daß der Nationalsozialismus ein ebenso verzweifelter wie pestilenter Versuch war, mit der zerstörerischen Rebellion der linken Freiheitskrämer fertigzuwerden (Charles Konia: „Cancer and Communism (Part II)“, The Journal of Orgonomy, Nov. 1996). Daß also primär die Linke schuldig geworden ist, weil sie unverantwortlich und kontaktlos, wie es ihrem Wesen entspricht, eine „Reaktion“ angestoßen hat (für deren Eigendynamik sie natürlich nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann).

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Nutzen wir den etwas kurzgeratenen Blogeintrag für Kunst im Netz: Bild 22

Email [Philosophie] 2010

30. September 2026

Email [Philosophie] 2010

Wie die Umwelt auf die Orgonomie blickt

27. September 2026

Wie Reich heute gesehen wird? Nicht anders als zu seiner Zeit. Liest man die FBI-Akten über Reich, wird man depressiv. Reich schickt ihnen Material, sie fragen bei der Atomenergie-Kommission AEC („Photoeffekt, Compton-Effekt, Paarbildungseffekt, Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen, RBW, Gray, Sievert, Bequerel und Röntgentechnik“) und bei der von der Rockefeller Foundation kontrollierten Gesundheitsbehörde FDA nach – und erfahren, daß Reich „Pseudowissenschaft“ betreibt. Er gibt ihnen das Conspiracy-Material und sie schließen, daß die darin dokumentierten Reich-Gegner doch vollkommen recht haben: gefährliche Pseudowissenschaft. Unter jedem Brief, der an Reich ging, als interne Anmerkung: „…pseudo science…mentally unsoud…mental case…“. Er schickt ihnen den Plan für das ORANUR-Experiment zu und ihre einzige Reaktion ist die Nachfrage beim Postministerium, ob das überhaupt rechtens ist, daß eine solche pseudowissenschaftliche Geschäftemacherei-Organisation wie die Wilhelm Reich Foundation über den Postweg für Spenden wirbt.

Und wie sieht es bei den vermeintlichen Gegnern des Systems aus? Wolfgang Rieger im Nachwort zu Wilhelm Burian: Sexualität, Natur, Gesellschaft (Freiburg 1985):

Um den marxistischen Reich (…) gruppieren sich verschiedene Zirkel: die hauptsächlich in Freiburg agierende Marxistisch-Reichistische Initiative und die Wilhelm-Reich-Initiative Berlin. Sie versuchen „die politökonomische Analyse der marxistischen Theorie“ (emotion 1:112) zu erweitern um den von Reich entwickelten (…) Ansatz (…). Bunter wird es, betrachtet man, wer sich auf den späten Reich bezieht. Hierher gehören dann die Reich-Therapeuten: angefangen bei Fritz Perls und Paul Goodman, auf die die Gestalt-Therapie zurückgeht, über Alexander Lowen, den Begründer der Bioenergetik, Dieter Duhm, der in seiner Kommune Rudolf Steiner und Wilhelm Reich zusammenbringen will („Nur wo Hoden, Vaginalwände und Herzmembranen pulsationsfähig sind, kann Lebendiges sich einnisten“), und Otto Mühl, dem aktionistischen Chef der AAO, bis hin zu den zahllosen Heilpraktikern und Therapeuten, die ihre Dienste marktschreierisch anpreisen. Hierher gehören aber auch die Ufologen, Kosmolgen, Esoteriker, Wünschelrutengänger und Schwerkraftforscher, die fleißig Zeitungen, Blätter und Blättchen publizieren mit so kuriosen Titeln wie „Die Wolken sterben“. Darin erinnert ein gewisser Jerome Eden Vergeßliche: „Für regelmäßige orgastische Entladung sorgen!“

Der amerikanische Anthropologe Richard Grossinger schreibt ähnliches in seinem Buch Wege des Heilens (München 1982): Für Reich wären „die Galaxien selbst (…) ungeheure ‚Bestien‘, die sich über Millionen Jahre der Kopulation hingeben, ausgedehnt über das Gewebe von Zeit und Raum, getrennt von uns durch eine bloße Membran, die sich peristaltisch bewegt, uns aber auch mit ihr verbindet.“

So sah es vor 40 Jahren aus, als die Orgonomie eine genauso kurze wie kleine Renaissance erlebte. Danach kam dann die Sache mit dem Orgonit (in Kunstharz eingegossener Elektroschrott), der die gesamte Orgonomie förmlich aufgefressen hat. Interessiert sich heute jemand für Orgon und googelt, wird er vor allem auf Orgonit, Chemtrails und anderen Esoterik-Müll stoßen. Und was Reich selbst betrifft, hassen ihn die Linken, weil er der ultimative genital-normative Denker ist. Die Rechten hassen ihn, weil er irgendwo zwischen Frankfurter Schule, Kinsey und Foucault schweineigelt.

Dem schwarzen Faschisten dringen verzerrte (perverse) Empfindungen aus dem Kern ins Bewußtsein: um den Zwiespalt zwischen gesundem Empfinden und extremer Perversion zu lösen, bekämpft er die letztere in seiner Umwelt als absolute gesetztes Böses („Kommunisten“, „Homosexuelle“, etc.) und verteidigt dagegen verzweifelt Symbole des orgonotischen Kerns („Ehre“, „Reinheit“, „Nation“, etc.). Der Kommunist hat diesen Kontakt (selbst wenn er abstoßend verzerrt ist) vollkommen verloren, so daß bei ihm der Konflikt zwischen der mittleren (asozialen) Schicht und der (pseudosozialen) Oberfläche besteht. Um diesen zu lösen, muß er sich eine verabsolutierte Ideologie zulegen, mit der er mit allem moralischen Elan nach Belieben morden kann. Was also beide soziopolitischen Bastarde der Religion verbindet, ist, daß verzweifelt der Himmel auf Erden erstrebt wird.

Ich kann mich noch gut an die Religion erinnern, in das die Reich-Renaissance eingebettet war, das „New Age“, dessen ideologisches Gebäude sich durch folgendes Kombinationsschema beschreiben läßt (Psychologie heute, Okt. 1985) – das noch heute die Grüne Politik und damit DIE Politik bestimmt:

Alle Worte kann man beliebig miteinander kombinieren, etwa „harmonische Dissipationssynthese“!

In einer Vorlesungsreihe an der Berliner FHW mit dem Titel Wege aus der ökologischen Krise (die im Sommer 1986 Parallel zu den Wilhelm Reich-Vorlesungen der emotion-Redaktion lief) finden wir natürlich „Fritjof Capra’s ‚Wendezeit’“ (für den Reich noch im „alten Paradigma“ befangen ist – da Reich nicht ins obige Verschiebungsschema paßt), „Rationalität und Transzendenz“ sollen verbunden werden, „Wendezeichen“ mehren sich und die Frage „New Age – Post-Moderne – was kommt danach?“ wird beantwortet.

Ich muß da immer an Reichs Blick auf den Nationalsozialismus denken – in dem sich, Reich zufolge, das vegetative Leben seine Bahn brach (Die sexuelle Revolution).

Ähnlich wie der Nazismus ist auch die New-Age-Bewegung wie eine gigantische Organisation aufgezogen. Und genau wie der Nazismus basiert auch diese Bewegung auf einer Hierarchie (…). Die Oberen (…) wissen immer mehr als die einfachen Gefolgsleute. (…) Nazismus und New-Age-Bewegung sind politisch-spirituelle Größen, die auf den gleichen esoterischen Grundlagen basieren (…) Das politische Klima in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ist vergleichbar mit der heutigen Situation. Die Vereinigten Staaten befinden sich in einer sehr ähnlichen Lage. Seit dem Vietnamkrieg hat sich eine starke Wende zu „Wandervogel“-Ideen und östlichen Mystizismus vollzogen. Die New-Age-Bewegung wie der Nazismus beschreiben den „Weg“ zur Erlangung eines „transzendentalen Bewußtseins“, zur Transformation der Massen durch Einweihung in „Mysterien“. (…) Ein anderer gemeinsamer Punkt (…): „(…) Eine neue Rasse betritt den Planeten. Die herrschende Rasse ist eine sterbende Rasse. das zunehmende Interesse an Psychotechnologien, geistigen Übungen und heiligen Traditionen ist die Offenbarung einer neuen, intelligenten Rasse, die sich unter dem Widerstand der herrschenden Rasse formiert und eine einheitliche planetarische Kultur entwickelt.“ (John White) Hitler sagte fast genau dasselbe. (C.E. Cumbey z.n. H.-J. Ruppert: New Age, Wiesbaden 1985)

Die erwähnten Psychotechniken (Meditation, Reichianische Körpertherapien, etc.) zerstören systematisch das körperliche Orgonfeld und weiten es konfus aus, wobei Autonomie und Willenskraft zerstört wird.

Mechano-mystische Pseudologik

25. September 2026

Wie man an jeder Katze und jedem Hund beobachten kann, überwiegt bei biopsychologischer Gesundheit der Parasympathikus bzw. die „Vagotonie“. Wenn wir entspannt und in einem biophysiologisch expansiven Zustand sind „chillen“ wir, wir verdauen und schlafen.

Man darf nicht an bloßen Worten und deren inhärenten Logik („am Logos“) haften. Für den Mechano-Mystiker gibt es eine „Substanz“, die ein Attribut hat, nach dem Muster: Vagotonie —> Expansion —> stimmt nicht überein mit kontraktiler Verdauung und Schlaf. Das Konzept (die „Substanz“) Vagotonie wird durch ihr Attribut Expansion definiert, da aber Verdauung und Schlaf der Kontraktion zugeordnet werden können, tun sich Widersprüche auf und die Orgonomie ist der haltlosen Vereinfachung überführt.

Das ist vollkommen logisch, aber nicht funktionell gedacht. Für Reich gibt es nicht Substanz und Attribut, sondern die Beziehung eines Teils zum Ganzen, d.h. Funktion, die man nicht kausal, sondern nur interpretativ erklären kann. Die Vagotonie ist eine funktionelle Einheit, in der der Körper die vorübergehende Kontrolle über seine Umwelt erlangt hat und sich deshalb gehenlassen kann. Löwen können den ganzen Tag rumdösen („Kontraktion“), eben weil sie die Savanne beherrschen („Expansion“).

Solche ganzheitlichen Interpretationen kann man logisch auseinanderreißen („Kontraktion ungleich Expansion“) und so die ganze Orgonomie widerlegen. Man vergißt dabei aber, daß das ganze Leben derartig „unlogisch“ ist. Es ist unlogisch, daß ein bestimmtes Kind von asozialen Trinkern ein genitaler Charakter ist, ein anderes Kind aus geregelten Verhältnissen hingegen ein Neurotiker, da man es kausal nicht erklären kann. Sieht man die Sache aber funktionell, d.h. als einen multidimensionalen „Lebensroman“, kann diese Geschichte trotz aller gegenteiligen Theorie durchaus stimmig sein.

Abstrakt geht man wie folgt vor: Patient X (die „Substanz X“) hat folgende Symptome („Attribute“): a, b und c, folglich ist es weder eindeutig der Charakter A noch B oder C. Der konkrete funktionelle Ansatz sieht es aber wie eine kleine „unlogische“ Novelle: die Ganzheit X umfaßt u.a. die Teile a, b und c, wobei der Teil a die Rolle der Hauptabwehr spielt, wenn die Ganzheit X(a.b,c) ihre Integrität bewahren will, deshalb ist die Ganzheit X(a.b,c) ganz eindeutig der Charakter A.

Der Unterschied zwischen der mechanomystischen und der funktionellen Logik ist, daß in ersterer „logisch“ alles (a, b und c) gleich gewichtet wird, während im funktionellen Ansatz jedes Element (a, b und c) perspektivisch gewichtet wird. Die Elemente a, b und c müssen nicht alle auf einer „Ebene“ sein, sondern jeweils auf allen möglichen Funktionsebenen verortet sein: