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Die Nachfolge Reichs

30. Oktober 2019

Myron Sharaf hat mal gesagt, daß es die Nachfolger Reichs in mancher Hinsicht schwerer haben, als dieser selbst. Nachdem Reich die Psychoanalyse verlassen hatte und auf eigene Entdeckungsfahrt gegangen ist, war er frei seine eigene Begrifflichkeit an die Natur so anzupassen, wie er sie wahrnahm. Seine Nachfolger haben diese Freiheit nicht mehr: sie bewegen sich in jenem Gebäude, das Reich errichtet hat. Man könnte jetzt sagen, daß sie doch einfach das Gebäude verlassen sollen und Reich in dem Sinne nachfolgen sollen, daß sie selbst auf ihre eigene Entdeckungsfahrt gehen und eigene Gebäude errichten. Dazu möchte ich zweierlei sagen:

  1. hat jeder, der eine solche eigene Entdeckungsfahrt gemacht hat (z.B. Alexander Lowen oder Charles Kelley) kein besseres Gebäude errichtet, sondern ein weitaus schlechteres; und
  2. betrachte ich das Reichsche Gebäude weniger als fixes Gebäude, denn als geordnete Ansammlung von Werkzeugen, die gepflegt werden müssen, an ihren angestammten Platz zurückgebracht werden müssen, etc.

Mein Haupteinwand gegen Sharafs ansonsten richtige Anmerkung ist jedoch, daß Reich das Gebäude („die Panzerung“) – imgrunde jedwedes Gebäude – verlassen hat und ins Freie getreten ist. Oder, wie Reich selbst es ausgedrückt hat: er hat einen neuen Kontinent entdeckt und am Strand ein paar wenige Stützpunkte eingerichtet, von denen aus seine Nachfolger in die unerforschten Weiten vorstoßen müssen, um über die Generationen hinweg den Kontinent zu ihrem eigenen zu machen.

Kann Peter für die Orgonomie sprechen? (Teil 2: Henning van Brokenkröt [Teil 3])

25. Oktober 2019

Vorbemerkung: Dies ist eine fiktive Satire. Jede Ähnlichkeit mit Zeitgenossen wäre rein zufällig. Die beiden ersten Teile („Ein zorniger Brief über „Reichianische“ Therapeuten“ und „Ein Brief an Henning van Brokenkröt über das von ihm entwickelte Orgongerät“ finden sich hier.

Der umtriebige Henning van Brokenkröt versucht zunehmend das Gesicht der „Wilhelm-Reich-Bewegung“ in Deutschland zu werden. Ich denke da etwa an diverse Interviews, die im Internet kursieren – nun gut, mit Klickzahlen, die sich an einer Hand abzählen lassen… Der Inhalt soll uns hier nicht weiter interessieren, wichtiger ist das Wie. Wie ich an anderer Stelle und in einem ganz anderen Zusammenhang ausgeführt habe, ist das pausenlose und (soweit das physiologisch überhaupt möglich ist „blinkfreie“) Anstarren des Gegenübers eine sehr effektive Art und Weise der Hypnose und gleichzeitigen Selbsthypnose. Der direkte und frontale Blick in die Augen ist für Primaten extrem stressig. Beispielsweise ist es ein todessicherer Weg Gorillas oder Schimpansen extrem aggressiv zu machen. Diese über viele Minuten, vielleicht sogar über Stunden auszuhalten, ist prinzipiell nur möglich, wenn es zu einer Spaltung zwischen Erregung und Wahrnehmung kommt. Man selbst und das angestarrte Gegenüber „geht weg“. In einem „orgonomischen“ Zusammenhang kann diese Praxis sogar als „kontaktvoll“ verkauft werden, da ein intimerer Kontakt abgesehen von direkten Körperberührungen tatsächlich kaum vorstellbar ist. Und genau diese okulare Panzerung induzierende bzw. aufrechterhaltende Praxis übt Brokenkröt bei seinen „Interviews“ aus. Selten habe ich eine derartige Erstarrung bei einem Menschen gesehen, der ständig von „Lösung des Erstarrten“ spricht. Überhaupt dieses ewige Gelaber vom „bioenergetischen Bauchempfinden“… Das gesamte „Reichianische“ und pseudo-orgonomische Oeuvre weltweit kommt „tief“ daher, in Wirklichkeit ist das aber durchweg nichts anderes als oberflächlichster Moralismus und Psychologismus, der nichts, aber auch rein gar nichts, mit der Orgonenergie zu tun hat!

Im übrigen geriert sich Brokenkröt mittlerweile als eine Art „Kollege“ von mir, indem er an die „werten Interessenten“ seines „Wilhelm Reich Instituts“ regelmäßig eine streng vertrauliche Zeitschrift verschickt (Auflage 7 Exemplare), die mir bis heute einer seiner Vertrauensleute postwendend zur Verfügung stellt. In diesen photokopierten Rundbriefen geht es neben seinem Therapieansatz und dem „Orgonapp Booster“ insbesondere um – mich.

Erst einmal ist es nicht zu rechtfertigen, den Namen „Wilhelm Reich“ zu benutzen, um á la Brokenkröt etwas zu präsentieren, was weniger ist als Orgonomie. Es ist doch offensichtlich absurd, etwas „nur“ als „Wilhelm Reich-Sache“ zu betrachten. Jeder kann tun und lassen, was er will, aber niemand hat das Recht, dazu den Namen anderer Menschen zu mißbrauchen. Reich wollte, daß sein Name für die Orgasmustheorie und die Entdeckung der kosmischen Orgonenergie steht. Heute wird er von Leuten verwandt, die genau mit diesen Grundlagen der Orgonomie ein Problem haben – und deshalb den Begriff „Orgonomie“ tunlichst vermeiden.

Brokenkröts Ausführungen über Therapie sind, wie zu erwarten war, absolut verheerend. Beispielsweise beschreibt er das „Training des Orgamusreflexes“ (sic!) so, daß der Kopf beim Ausatmen nach vorne geht, statt nach hinten. Ich habe das mit dem Kopf beim Lesen gemacht und konnte stundenlang nicht mehr richtig atmen und war wirklich biophysisch desorientiert. Noch jetzt bin ich durcheinander, wenn ich dran denke. Und das von einem Therapeuten! Man stelle sich mal vor, wie der seine „Patienten“ beeinflußt: das ist so, als wenn ich mit meinen rostigen Hobbywerkzeugen in der Freizeit Chirurgie betriebe und dann noch Artikel über das Entfernen von Blinddärmen veröffentlichte. Oder etwa die Sache mit dem Mobilisierung des Brustsegments: es ist genauso typisch für Laientherapeuten wie absolut verheerend hier mit Gewalt und Nachdruck vorzugehen. Es hat eine Funktion, wenn Menschen nicht atmen! Hier mit körperlicher Gewalt vorzugehen, kann zum Zusammenbruch führen oder paradoxerweise die Blockade noch weiter verstärken und sogar unaufhebbar machen. Ich kann immer mehr nachvollziehen, wie es Rudolf in der „Therapie“ mit Brokenkröt ergangen sein muß.

Im Zentrum steht eine eingehende Beschreibung von Brokenkröts frei erfundener Orgontherapie bei einem Orgonomen in Portugal, der ihn orgastisch potent gemacht habe. Dazu gehören etwa der Fahrten mit dem Thalys und Aufenthalte, in den Spitzenhotels von Lissabon, alles bis ins kleinste Detail beschrieben – und, wie gesagt, frei erfunden. Neben diesen Romanfragmenten sind Brokenkröts Elaborate von überwertigen Ideen bestimmt: wie gesagt „Peter Nasselstein“ (ein genauso verachtenswertes wie böses „Kind eines Hafenarbeiters“) aber auch Portugiesen im Vergleich zu Deutschen, die Schönheiten Lissabons, Videobotschaften von Swami Durcheinanda und Musikvideos von Xavier Naidoo (siehe z.B. das Video unten, das mich am Geisteszustand von allen Xavier-Naidoo-Fans zweifeln läßt), eine abgrundtiefe Verachtung für die Arbeiterklasse, die er schlichtweg mit dem Faschismus gleichsetzt, eine „private Liebesgeschichte“ um eine „süße Araberin“ und seinen Rivalen, einen bitterbösen Beamten des Ordnungsamtes, Brokenkröt beim Einkaufen und wie die Leute in Aachen auf ihn, diese Verkörperung kontaktvoller, genitaler Gesundheit, reagieren; finstere Machinationen gegen ihn, geplante Gerichtsprozesse, die er gegen meine Wenigkeit angestrengt habe, Ausbrüche unbändiger Freude, wenn ihm mal wieder etwas geglückt ist, das ihm seinen Traum näherbringt, mit Hilfe der Orgonomie reich und berühmt zu werden und überhaupt Zeugs wie, daß man in Zusammenhang mit seiner „Love Story“ mit der arabischen Schönheit versuche in Aachen allen Ernstes über den Umfang seiner Einkäufe im Biosupermarkt zu eruieren, über wieviel Geldmittel er verfüge, da man „eine solche Dame“ auch ernähren müsse. Seine „Informationen“ über mich und andere, schöpfte er aus einem Telefonat mit einem ebenfalls selbsternannten „Orgonomisten“, der sich nunmehr daranmacht „Orgongeräte“ im großen Stil zu produzieren. Brokenkröt will mit ihm zusammen den „arabischen Markt“ erschließen und sucht Kooperationspartner, die ihm helfen seinen „Orgonapp Booster“ zu promoten. Er sieht sich als einziger Vertreter einer wirklich „originalen Reich-Körpertherapie“ (sic!) und als großen Forscher.

Seine frühpubertär anmutenden Geschichten über seine „arabische Dame“ und daß „es“ bald passieren werde, mündeten in einem Gerichtsverfahren, bei dem sich Brokenkröt weigerte sich einer vom Gericht angeordneten psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen. Es wurde also nach „Aktenlage“, d.h. aufgrund seiner Liebesbriefe und der bombastischen Blumengebinde, die er an den städtischen Arbeitsplatz der über alle Maßen Angebeteten geschickt hatte, eine Diagnose gestellt. Seitdem sind alle Psychiater Quacksalber und die Psychiatrie eine Pseudowissenschaft! Das sind die Verfolgungen, die er als ausgesprochen attraktiv aussehender orgastisch Potenter ausgesetzt ist.

Er habe für viel Geld den Computer seines „Instituts“ vor Außenangriffen abschirmen müssen, um seine „Kontakte“ zu schützen. Ich nehme an vor dem Meisterhacker Peter Nasselstein, das Genie des Bösen. Oder, wie Brokenkröt sich ausdrückt, „der Abschaum der Menschheit“. Aus Rache für imaginierte „Nachstellungen“ will er mich vor Gericht zerren. Hinzu kommen haltlose Phantasien von Macht und Kontrolle durch einstweilige Verfügungen des Amtsgerichts Hamburg, das Brokenkröt über meine Machenschaften informieren werde. (Brokenkröt ahnt nicht, daß seine ständigen Kopfschmerzen, über die sein Lamentieren nicht aufhören will, daher rühren, daß Flo und ich heimlich Elektroden nach der Freiburger Methode in sein Gehirn pflanzen ließen, um seine Gedanken direkt an der Quelle anzuzapfen!)

Das ganze wird darauf hinauslaufen, daß Brokenkröt sich gegen die Orgonomie selbst wenden wird. Erste Anzeichen dieser gegen die Orgonomie gerichteten Vernichtungstendenz finden sich darin, daß er es gerne sähe, die Titel „Orgonomie“, insbesondere aber „medizinische Orgonomie“ rechtlich schützen zu lassen. Mit anderen Worten: Brokenkröt will eine Wissenschaft den Gesetzen des Markenrechts unterwerfen, also Wissenschaft verunmöglichen.

Kann Peter für die Orgonomie sprechen? (Teil 1)

24. Oktober 2019

Ab und an wird mir vorgehalten, ich würde mir anmaßen für die Orgonomie zu sprechen. Tatsächlich zucke ich selbst manchmal schuldbewußt zusammen, wenn ich als „Homepage der Orgonomie“ daherkomme, aber dieses Projekt (anfangs natürlich offline!), in dem der Leser diese Zeilen liest, ist fast 40 Jahre alt und Dinge, die ich im jugendlichen Überschwang in Gang gesetzt habe, kann ich nicht zurückholen. Heute würde ich weitaus kleinere Brötchen backen. Andererseits: lieber ICH habe http://www.orgonomie.net als irgendjemand anderes in Deutschland! Man weise mir doch bitte in den zig tausend (sic!) von mir veröffentlichten Druckseiten zur Orgonomie auch nur einen einzigen substantiellen Fehler oder besser gesagt eine einzige substantielle Entstellung der Orgonomie nach!

Ich hätte auch gerne meinen Namen draußen vor gelassen und mich, wie fast alle anderen, hinter einem Pseudonym versteckt, doch das war wegen der langen Geschichte dieses Projekts (fast vier Jahrzehnte!) nie eine Option. Presserecht und vor allem Kontinuität! Als Anonymous hätte ich nämlich anfänglich gar keine Leser gehabt!

Die Orgonomie ist eine Wissenschaft und ich habe das gleiche Recht über sie zu schreiben, wie ich das Recht habe über Biologie, Physik oder Astronomie zu schreiben. Wer sollte es mir verwehren etwa http://www.soziologie.net zu kaufen und mich über die Soziologie von Durkheim bis heute auszulassen – solange ich nicht kompletten Unsinn verzapfe? Und selbst das (ein Auftrumpfen aus dem Nichts kommend) habe ich, wie gesagt, mit der Orgonomie nicht getan, denn meine Netzseite und der Blog sind nicht „vom Himmel gefallen“, sondern organisch gewachsen. Ich verbitte mir Vorhaltungen von Leuten, die noch nicht mal geboren waren, als ich anfing mich mit Reich zu beschäftigen, und die, wie alle bisherige Erfahrung zeigt, in wenigen Jahren nichts mehr mit Reich am Hut haben werden!

Und, gemach, daß und vor allem WIE meine ganz persönliche Neurose (charakterliche Abwehr) in diesem Blog auf denkbar fundamentale Weise zum Ausdruck kommt, ist mir schmerzlich bewußt.

Filmbesprechung: LOVE, WORK AND KNOWLEDGE. THE LIFE AND TRIALS OF WILHELM REICH

13. September 2019

Ein Film, den jeder, der an der Orgonomie interessiert ist, sich anschauen sollte, allein schon wegen den sensationellen Photos und Filmsequenzen aus den Archiven. Auf vimeo gehen, mit Kreditkarte ausleihen und anschauen!

Wie immer in derartigen Filmen nerven die nichtssagenden Interviews, in denen in absurd kurzen Segmenten allbekannte Allgemeinplätze verbreitet werden, die ebensogut von der Hintergrundstimme präsentiert hätten werden können. Und was sollen die paar Minuten Außenaufnahmen in Europa? Sinnlos herausgeworfenes Geld der Spender! Die Macher hatten ein ganzes Archiv von Filmrollen und Tondokumenten zu ihrer Verfügung. Warum werden wir dann mit den Gesichtern irgendwelcher Geisteswissenschaftler und Psychotherapeuten aus Wien, Düsseldorf, Berlin und Oslo, deren Gesichter die Atmosphäre des Films bestimmen, gequält? Außerdem: ich will in einem quasi offiziellen Reich-Film ums Verrecken nicht den Vorsitzenden der „Alexander Lowen Foundation“ sehen oder Lowens ehemalige Mitarbeiterin Alice Ladas. Auch nicht irgendwelche Psychiater und Psychoanalytiker aus New York. Gleichzeitig kommt (außer Morton Herskowitz) kein einziger Orgonom zu Wort. Übrigens schließt der Film (jedenfalls ist der Film Sekunden, vielleicht eine Minute später zuende) mit dem Verweise auf Reichs Die Massenpsychologie des Faschismus und wie aktuell das Buch doch heute sei – eindeutiger Verweis auf Donald Trump…

Was die Klinik der Orgontherapie betrifft ist der Film ein Ausfall, stattdessen konzentriert er sich vor allem auf Reichs wissenschaftliche Beiträge, Orgon-Biophysik. Es wird aber kaum beschrieben was er getan hat und wie er es getan hat und wie die Gerätschaften im einzelnen aussehen. Man sieht kein Orgon leuchten oder in der Atmosphäre wabern, keinen Reich-Bluttest und keine Anwendung des Orgonenergie-Akkumulators. Macht die Orgonomie ohne psychiatrische Orgontherapie überhaupt Sinn? Es ist ja schließlich ein emotionales, kein „wissenschaftliches“ Problem, daß das Orgon nur die Provenienz von ein paar isolierten Sektierern ist! Und wer nun auf die „Kinder der Zukunft“ verweist: die fehlen in dem Film, wie auch A.S. Neill und die Trobriander.

Nichts über Reichs Aufenthalt in Washington, den Gerichtssaal, das Gefängnis, die Zelle, in der er gestorben ist oder auch nur seine Wohnverhältnisse auf Orgonon. Die einzigen Interviewpartner, die sich lohnen, sind Herskowitz, der aber nichts von seinem Verhältnis zu Reich, und wie Reich so war, sagt, und die noch lebenden Zeitzeugen aus Maine. Weltbewegendes hat einzig und allein Andreas Peglau zu sagen, nämlich daß Reich bis 1940 der einzige Psychoanalytiker war, der öffentlich den Nationalsozialismus und Faschismus mit psychoanalytischen Erkenntnismitteln angegangen ist. Der Rest waren feige Opportunisten!

Wie alle derartigen Produktionen ist der Film einerseits mit Material überfüllt, andererseits, wie angedeutet, lückenhaft. Das ist ein Film für die Schule und für das späte Abendprogramm von Spartensendern, aber nichts fürs Kino oder etwas, mit dem man Reich bekannter machen könnte. Man hätte ein Thema wählen und das im Film entwickeln sollen. Ich hätte das gewählt, was im Film auffällig fehlt: das autonome Nervensystem, der Orgasmusreflex auf der einen und die Emotionelle Pest auf der anderen Seite. Keines der heutigen Kids will eine dröge Biographie, die so vor sich hinplätschert, sehen. Wenn ich mich schon langweile! Das muß knalliger rüberkommen – was in diesem Fall auch funktioneller wäre. Etwa: „Wien: Kulturdebatte Reich/Freud, Berlin: Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Stalinismus, skandinavisches Exil: sexualökonomische Lebensforschung, amerikanisches Exil: Reich/Einstein, der Kalte Krieg: Mildred Brady und die FDA, die fünfziger Jahre: Atombomben und UFOs.“ Mit jeweils 15 Minuten wird es schon knapp, aber es wäre eine runde Sache. Da macht man sechs kurze Filmessays über Reich, die, da leicht zu handhaben, jeweils perfekt sind und vor allem den heutigen Sehgewohnheiten entsprechen, schneidet sie zusammen, Vorgeschichte und Nachspann – Film fertig!

Heute hat kein Mensch mehr den Atem, um sich eine fast zweistündige Dokumentation anzuschauen! Filme sind nicht dazu da, um zu informieren (sollen die Leute doch Bücher lesen oder meinetwegen hören!), sondern um etwas zu tun, was kein anderes Medium tun kann: langes und wirres Gerede durch bewegte Bilder ersetzen, alles „augenfällig“ machen und mit filmischen Mitteln Spannungsbögen erzeugen, mit denen man bioenergetisch mitgehen kann. Ich verweise nur auf Reichs Diskussion mit dem sowjetischen Filmemacher Sergei Eisenstein! (siehe mein Buch Der Rote Faden).

Was mir wirklich auf den Keks gegangen ist, ist die Geschichte mit den diversen Untersuchungen Reichs durch Regierungsbehörden wie dem FBI, der Einwanderungsbehörde und sogar dem Außenministerium. Diese durchweg „anti-kommunistischen“ Untersuchungen hatten, bis auf die zweiwöchige Internierung auf Ellis Island Ende 1941 (schlimm genug!), keinerlei negative Folgen für Reichs Arbeit, zumal sie kaum von ihm wahrgenommen wurden! Überflüssige Filmzeit! Tatsächlich ist die FBI-Sache der Aufhänger des ganzen Films, denn mit ihr beginnt er. (Tatsächlich ist der Beginn des Films mit seinen zeitlichen Sprüngen verwirrend und desorientierend.) Gleichzeitig wurde der ganze eindeutig kommunistisch inspirierte Komplex Mildred Brady, Garfield Hays und die amerikanische Pressekampagne kleingeredet und relativiert. (Ich verweise dazu erneut auf mein Buch Der Rote Faden.)

Verwirrend ist auch, daß der Wiener Justizpalast im Film zweimal brennt, PA- und SAPA-Bione mit dem gleichen Filmmaterial illustriert werden und die gleichen kleinen Orgonenergie-Akkumulatoren, die zur Krebsforschung dienten, auch das ORANUR-Experiment illustrieren. Das wirkt auf den Zuschauer nicht nur irritierend, sondern schlichtweg dilettantisch! Ärgerlich auch, daß die Photos, die von Reich im Verlauf des Films gezeigt werden, nicht streng chronologisch angeordnet sind. Wenn vom Reich des Jahres 1933 die Rede ist, möchte ich kein Photo von der Reise nach Moskau 1929 sehen. (Übrigens auch von der kein Wort!)

Das einzige Aha-Erlebnis, das ich bei diesem Film hatte, betrifft Reichs Auseinandersetzung mit der FDA und seine Expedition nach Arizona 1954/55. Etwas, was ich nie so klar gesehen habe: Reich habe diese Unternehmung zur Begrünung einer Wüste vor allem auch deshalb unternommen, um der Regierung zu zeigen, wie unbedingt wichtig seine Arbeit ist und wie nichtig im Vergleich dazu seine juristischen Probleme. Auf diese Weise wollte er den Gordischen Knoten zerschneiden und seinen Hals aus der Schlinge ziehen. Diese dergestalt extrem wichtige, für Reich persönlich überlebenswichtige Expedition, brauchte natürlich Geld, weshalb Reichs Mitarbeiter Michael Silvert auf eigene Initiative die auf Orgonon gelagerten Orgonenergie-Akkumulatoren über mehrere Landesgrenzen hinweg nach New York City verfrachtete, um sie dort gewinnbringend an Patienten zu vermieten. Das war tragischerweise aber genau die Aktion, die die Gerichtsauflagen brach und Reich zwei Jahre später ins Gefängnis brachte…

Dobzauer Erinnerungen

4. September 2019

Besprechung von: Hampl, Stefan (2017). Dobzauer Erinnerungen. Eine (Zeit-)Reise zum Geburtsort von Wilhelm Reich. In T. Slunecko, M. Wieser, & A. Przyborski (Hrsg.), Kulturpsychologie in Wien (S. 90–127). Wien: Facultas Verlag

von Robert (Berlin)

 

Hampl ist Vizedekan an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität, die ein Analogon in Berlin hat. Im o.g. Sammelband befasst er sich mit den Jugendorten Reichs, über die bisher wenig geforscht wurde. Ich werde seine Überlegungen zu Erinnerungskultur, Geschichte und andere Themen hier außer Acht lassen und mich nur auf seine Ergebnisse zu Reichs Leben konzentrieren. Über die Ukraine plaudernd, behauptet Hampl, „der Psychoanalytiker und Naturforscher Wilhelm Reich entwickelte seine Theorie der Sexualität und Charakterpanzerung aufgrund seiner Erfahrungen am väterlichen Gutshof“. Zurecht stellt er fest, in „Wilhelm Reichs Autobiografie stellt der Name seines Geburtsorts eine überraschende Leerstelle dar“.

Nachdem er kurz Reichs Vita passieren lässt, kommt er zu dessen Geburtsort. Er schreibt: „Laut Eintrag 93 aus dem Trauungsbuch des israelitischen Matrikenbezirkes Lemberg (Abb. 2) haben Reichs Eltern 1895 geheiratet. Die Mutter Cecylia stammte aus Brody nahe der ehemals österreichisch-russischen Grenze, der Vater Leon war wohnhaft in Dobrzanicy bzw. Dobrzanica (poln.; dt. Dobzau, ukr. Dorbrjanytschi), wo er eine Landwirtschaft betrieb. Laut Ratz (1994) wurde auch Wilhelm Reich dort geboren“.

Hampl berichtet uns nun von seiner Autofahrt 2015 nach „Dobzau (…), das auf Polnisch Dobrzanica und auf Ukrainisch Dobrjanytschi heißt.“ Er trifft den Bürgermeister, dieser berichtet, „Fremde Leute kommen nicht oft in diese Gegend. Das letzte Mal seien vor etwa fünf Jahren ein paar Ausländer hier gewesen. Diese hätten ebenso nach Wilhelm Reich gesucht …“. Vergeblich versucht Hampl, bei älteren Dorfbewohnern fündig zu werden. Auch die Suche nach dem Geburtshaus endet in eine Sackgasse, da es ja keine Zeitzeugen mehr gibt und es zeitgeschichtlich ethnische bzw. religiöse Säuberungen gegeben hat. Nun versucht er es mit den Resten des deutschen Friedhofs. Dazu Hampl: „Die Einträge im Trauungsbuch (Abb. 2) bestätigen, dass Reichs Mutter Cäcilie Roniger-Reich offensichtlich aus dem 90 Kilometer entfernten Brody stammte. In den Biografien von Wilhelm Reich selbst (W. Reich 1994) sowie jener seiner Frau Ilse (I. O. Reich & Reich 1975) und der seines Sohns Peter (P. Reich 2015) gibt es jedoch keine Angaben zum Verbleib der Großeltern. … Wo Josef Blum und Josephine Roniger genau begraben sind, ist nicht bekannt. Auch der Verbleib von Leon Reichs Bruder, dem Juristen Arnold Reich, ist ungewiss“.

Zurück in Wien stellt Hampl Recherchen zur deutschen Kolonie in Dobzau an, wobei er herausfindet, „Die deutsche Kolonie in Dobzau wurde 1786 errichtet …“. Bemerkenswert erscheint mir, dass nach „Auffassung der k.u.k-Chronisten gab es (…) zwei Speerspitzen des Deutschtums in Galizien: die Protestanten und die deutschsprachigen Juden, zu denen auch die Familie von Wilhelm Reich gehörte. So paradox es aus heutiger Sicht klingen mag, wurde gerade in die jüdischen Kolonist/inn/en die Hoffnung gesetzt, das Deutschtum in Galizien zu verteidigen. Diese grenzten sich von den galizischen Juden ab, die vorwiegend Jiddisch sprachen.“

Hampl versucht dann, auf dem Friedhof der deutschen Kolonie „noch eine Spur zu Wilhelm Reich zu finden. Laut seiner Autobiografie (W. Reich 1994) sind seine beiden Eltern zirka 200 Kilometer südlich in Jujinetz bei Czernowitz verstorben. Dass wir auf die Gräber weiterer Familienangehöriger stoßen könnten, halten wir für unwahrscheinlich. Für Juden gab es mit Sicherheit, wie auch in anderen Dörfern Galiziens, einen separaten Friedhof. Die jüdischen Friedhöfe wurden jedoch vielfach von den Sowjets zerstört, die Grabsteine entfernt und teilweise als Baumaterial verwendet.“ Zwar findet er z.Z. der Abfassung des Artikels nichts, aber dann ist es besonders Interessant, dass er später, wie auf seiner Website dokumentiert, doch den Grabstein der Mutter entdeckt.

Als Fazit stellt er fest: „Die Gespräche mit den heutigen Bewohner/inne/n und die Untersuchung der materiellen Kultur des Dorfs Dobrjanytschi haben gezeigt, dass Wilhelm Reich an seinem Geburtsort weder Teil der persönlichen bzw. kommunikativen noch der materiellen Erinnerung ist. Sein Name, seine Existenz und auch die deutsch-österreichische Kultur, der er angehörte, wurden dort tatsächlich ausgelöscht“.

Fotos und Kartenabbildungen runden die Abhandlung ab.

 

Quintessenz:

Die Abhandlung hat gezeigt, dass vor Ort nicht mehr viel zu eruieren ist. Die Suche in Archiven bleibt als einzige Möglichkeit erhalten.

Hampl hat eine hochinteressante (englischsprachige) Website, auf die ich hier im Blog schon häufiger hingewiesen habe und die zu dem Thema Daten sammelt: https://www.wilhelmrei.ch/

 

Literatur (nach Hampl):

Reich-Ollendorf, Ilse & Reich, Wilhelm (1975). Das Leben des grossen Psychoanalytikers und Forschers, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin. München: Kindler. [Diese Literaturangabe ist natürlich fehlerhaft, da Reich an Ilse Ollendorffs Biographie nicht mitgewirkt hat.]

Reich, Peter (2015) A book of dreams. London: John Blake Publishing Ltd.

Reich, Wilhelm (1994) Leidenschaft der Jugend – Eine Autobiographie 1897-1922, hrsg. von Chester M. Raphael & Mary Boyd Higgins. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Ratz, Wolfram (1994) Wilhelm Reich. In Oskar Frischenschlager (Hrsg.) Wien, wo sonst! Die Entstehung der Psychoanalyse und ihrer Schulen. Wien: Böhlau.

Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM, No. 7 (Teil 4)

19. August 2019

Teil 3

Diese Besprechung soll durchaus kein vollkommener Verriß werden. Läßt man die Verwirrung hinter sich, die die spanischen Übersetzungen beim Durchblättern des Hefts hervorrufen, zeigt sich die innere Logik der Textauswahl. Man wird organisch in Reichs damalige Gedankenwelt versetzt. Das ganze ist keine willkürliche Zusammensetzung irgendwelcher gerade verfügbarer Reich-Texte, wie in den vorhergegangenen Ausgaben von Orgonomic Functionalism, sondern wohlüberlegt . Die innere Logik macht das ganze geradezu zu einem weiteren Buch Wilhelm Reichs – ohne vorzugeben ein solches zu sein.

Ohnehin ist es immer gut Reich selbst zu lesen, vor allem in einer derartig organischen Textauswahl. Das letztere, die organische, in sich logische Darstellung des Reichschen Werkes soll die Sekundärliteratur leisten. Was nützt es, einen isolierten Text Reichs zu lesen und nur Bahnhof zu verstehen? Um so unverzeihlicher sind Klopse, wie der folgende. In Reichs „Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung“ lesen wir:

Bisher glaubte man hypothetisch, daß das Leben in Gestalt von „Sporen“ aus dem Weltenraume auf die Erde kam; primitive Anschauungen sprechen von „Eiweißflocken“. Ich glaube, daß das Leben an Ort und Stelle entstand.

Daraus wurde in der deutschen Übersetzung von Myron Sharafs Reich-Biographie… Ich zitiere aus meiner Besprechung:

Erstaunt hat mich der Satz: „Er ließ sich voll darauf ein (auf die UFO-Geschichten, PN), da er seit langem geglaubt hatte, daß das Leben sich im Universum und nicht auf unserem Planeten entwickelt hatte“ (S. 498). Das war mir wirklich neu! Kein Wunder, denn bei Sharaf steht etwas vollkommen anderes: „He was primed to respond, for he had long believed that life had developed in the universe and was not confined to our planet.“ Reich hat das Gegenteil dessen geglaubt, was in Der Heilige Zorns des Lebendigen suggeriert wird: Reich hatte aus den Bion-Experimenten geschlossen, daß sich Leben überall entwickelt, während hier das diametrale Gegenteil suggeriert wird, nämlich eine Art „kosmische Luftkeimtheorie“!

Reichs Polemik gegen Gene und „Sporen“ mutet in Zeiten der Gentechnik und der wachsenden Akzeptanz der Panspermie-Theorie wie aus der Zeit gefallen an, zumal er sie mit dem Dialektischen Materialismus zu widerlegen sucht. Die Natur ist weitaus konservativer als Reich glaubte – und es ist Reich selbst, der in diesem Vortrag eine direkte Verbindung zwischen Naturauffassung und politischer Auffassung zieht. Man kann getrost davon ausgehen, daß Reichs Angriffe gegen den Konservatismus den Herausgebern von Orgonomic Functionalism sehr zupaß kamen. Die „Lebensforschung“ seither weist aber in eine ganz andere Richtung oder legt zumindest eine ausgewogenere Betrachtungsweise nahe!

In Orgonomic Functionalism No. 7 wird ein erster Teil der Broschüre „Die natürliche Organisation der Arbeit in der Arbeitsdemokratie“ abgedruckt und zwar in einer (schlechten) Übersetzung, die offenbar von Reich selbst stammt.

Ein Beispiel für Reichs Übersetzungskunst und gleichzeitig für die etwas zweifelhafte Leistung der Herausgeber findet sich bereits in „Bion Experiments on the Cancer Problem“. Dort heißt es auf S. 58 bei Reich: „The submaxillary gland of the same mouse, showing change in the gland cells, solution from the membrane, strong coloring.” Der Kommentar der Herausgeber: „The meaning of the phrase ‘…solution from the membrane,…’ is not clear.” Jedem, der nur etwas Deutsch kann, muß der die Doppelbedeutung des Wortes „Lösung“ gewärtig sein.

Reichs Werk, speziell das Konzept der Arbeitsdemokratie, kann man m.E. nur verstehen, wenn man es „dialektisch“ betrachtet, d.h. es geht nicht um qualitative Veränderungen, sondern um qualitative Sprünge. In einem Brief wird Reich über die politischen Auswirkungen gefragt, die mit dem Schritt „vom jetzigen zum vollständigen Geschlechtsleben“ einhergehen. Darauf Reich:

Das Wesentlich ist, daß hier nicht ein Schritt zu erfolgen hat von einem „weniger vollständigen“ zu einem „vollständigen“ Geschlechtsleben. „Vollständig“ und „unvollständig“ besagt hier nichts. Es geht hier nicht um ein „mehr“ gegenüber einem „weniger“, sondern um eine grundsätzliche Änderung im Erleben des Geschlechtlichen, wie des Lebens überhaupt, also um eine qualitative und nicht quantitative Angelegenheit. (S. 66)

Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM, No. 7 (Teil 3)

28. Juli 2019

Teil 1
Teil 2

Weder die Originalüberschrift in den Archiven „Der Besuch Professor Roger Du Teil’s von der Universität Nizza in Oslo vom 26.7 bis 7.8.1937“, noch die von den Herausgebern gewählte Überschrift „A Report on the Biological Experimental Work at the Institute for Sex-Economic Life Research in Oslo, 7 August 1937“ trifft den Text. In diesem dritten Beitrag dieser Nummer von Orgonomic Functionalism beschäftigt sich Reich mit dem irrationalen Umgang mit seinen bioelektrischen und Bion-Experimenten. Zunächst geht es um Dr. Löwenbach, Reichs Assistenten bei den bioelektrischen Versuchen. Löwenbach kennen wir bereits aus Jenseits der Psychologie. Er tat alles, um Reichs Ergebnisse, nämlich daß sich die körperliche und „seelische“ Erregung im Verlauf des elektrischen Hautpotentials (unterhalb der Haut gegen Hautoberfläche) widerspiegelt, zu hintertreiben. Das tat er mit dem Leugnen klarer Ergebnisse, deren Wegerklärung, beispielsweise als Artefakte, und durch das Verlangen nach ausufernden (und vor allem kostspieligen) Kontrollexperimenten.

Ähnlich gestaltete sich das Treffen mit Albert Fischer, Leiter des Rockefeller Institute for Biology in Kopenhagen und die Auseinandersetzung mit Professor Tjötta vom Institut für Bakteriologie in Oslo. Zwei Figuren, die wir ebenfalls aus Jenseits der Psychologie kennen. Diese Irrationalität wird mit dem Verhalten von Prof. DuTeil aus Nizza kontrastiert, der Fachkollegen um deren Expertise bat und den Aufwand auf sich nahm, nach Oslo zu reisen und dort die Experimente unter Anleitung selbst durchzuführen. Das ganze verweist natürlich auf Reichs damals sich langsam formierendes Konzept der „Emotionellen Pest“!

Der vierte Beitrag stammt wieder aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie. Es geht um Reichs am 1. Mai 1937 gehaltene Eröffnungsrede seines neuen Laboratoriums in Oslo: „Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung – Bericht über die Bion-Versuche“. Auf sein sich bereits langsam ausformendes Konzept der „Arbeitsdemokratie“ verweist, daß er sich dagegen verwahrt den „Arbeitenden“ auf den Proletarier zu beschränken (wie es nach der Mehrwerttheorie nur folgerichtig ist, PN), sondern auch auf einen „Laborarbeiter“ wie ihn auszuweiten. Hierher gehört auch, daß er als erstes Grundelement des Dialektischen Materialismus (dem späteren orgonomischen Funktionalismus) die „Einheit von Theorie und Praxis“ hervorhebt.

In der Rede scheint auch die ganze Widersprüchlichkeit von Reichs damaliger Position durch. Einerseits ist seine Polemik gegen die Spezialisierung in der „Lebensforschung“ (warum ein Psychologe wie er sich mit Mikrobiologie beschäftigt) deutlich eine Entsprechung der Marxschen Polemik gegen die Arbeitsteilung im Kapitalismus (die sich letztendlich in der Spaltung zwischen ausbeutendem Kapitalisten und ausgebeutetem Proletarier zeigt), andererseits beruht Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie ja gerade auf Spezialistentum. Das war jedenfalls der Einwand des jungen Willy Brandt auf Reichs erste Formulierungsversuche des besagten Konzepts (die Tyrannei der Fachidioten würde drohen).

Die Rede Reichs ist leicht zugänglich (oben den Link anklicken!) und sollte unbedingt von jedem Studenten der Orgonomie gelesen werden!

Es folgt als fünfter Beitrag Reichs Vortrag von 1938 „Bion Experiments on the Cancer Problem“, der hier in Reichs eigener Übersetzung abgedruckt wird. Das deutsche Original wurde noch nie veröffentlicht, die Herausgeber traktieren uns ja lieber mit spanischen Übersetzungen – weitgehend der englischen Übersetzungen… Der Inhalt mitsamt fast aller Illustrationen und Mikrophotos ist in Reichs Der Krebs aufgegangen.

Es folgt Reichs: „Die natürliche Organisation der Arbeit in der Arbeitsdemokratie (Teil 1)“ und drei weitere Arbeiten, deren Inhalte später in Der Krebs aufgegangen sind: „Beobachtungen über Strahlungsphänomene bei SAPA-Bionen“ (unveröffentlichtes Manuskript,), „Drei Versuche am statischen Elektroskop“ (ursprünglich zusammen mit „Bion Experiments on the Cancer Problem“ veröffentlich), „Die Auswirkungen der Luftfeuchtigkeit auf Orgonstudien“ (unveröffentlichtes Manuskript).

Buchbesprechung: SEX-POL-Essays, 1929-1934 (Teil 4)

6. Juli 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

„Das Elend ist älter als der Kapitalismus“ – das ist der Kern. Es war Reichs Arbeit mit der Orgasmus-Theorie, mit den Bionen und der Orgonenergie und seine funktionellen sozialen Wahrnehmungen, die sein frühes Denken veränderten – nicht nur eine Ernüchterung hinsichtlich der Mechanismen zur Umsetzung des Sozialismus. Der Sozialismus konnte den Test der Entdeckungen Reichs über das Leben und die Charakterstruktur nicht bestehen. So war die Ablehnung der sozialistischen und marxistischen Bewegungen und all dessen, was sie an Mechanistischem mit sich brachten, ein natürlicher Auswuchs von Reichs Entdeckungen im biologischen und kosmischen Bereich. Kleinliche politische Köpfe, die im Morast des ökonomischen Determinismus versunken sind (jetzt mit einem Schuss von Reichs Sexualtheorien gewürzt), können Reich und seine Arbeit nur als ein weiteres Werkzeug für ihre bornierten Bestrebungen wahrnehmen.

So betrachten sie Reich lediglich als ein „Hinzufügen einer psychologischen Dimension zu Marx‘ Ideologiebegriff“ (S. xviii), oder sie verbinden ihn im schlechtesten Sinne mit einem „revolutionären Potential“ der Bewegung des 22. Märzo in Frankreich und solchen Gefolgsleuten wie Danny Cohn-Bendit – besser bekannt als „Danny der Rote“ (S. xxvi).p

Dieser Band mit seinen „unrevidierten Übersetzungen“, darunter mehrere über Techniken zur Politisierung der Massen, ist also nichts anderes als ein weiterer Entwurf für die Art von Revolution, die Reich nicht nur voll Abscheu von sich wies, sondern auch durch die Entdeckung von deren zugrunde liegenden Mechanismen bekämpft hat.

Schließlich ist es bezeichnend, dass in einer persönlichen und öffentlichen Konfrontation, die ich mit einem der Übersetzerq dieses Bandes hatte, dieser feststellte, dass Reich sich erheblich irrte als er die Arbeit an Säuglingen und Kindern als den ultimativen Weg in eine bessere Welt betonte. Er zeigte damit, dass er die Essenz von Reichs funktionellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen verfehlt hat.

 

Anmerkungen des Übersetzers

o Die Pariser Demonstrationen 1968 gingen von der Universität Paris-Nanterre aus. Nach einer Aktion gegen den Krieg in Vietnam gründete eine Gruppe von linken Studenten verschiedenster politischer Herkunft an der philosophischen Fakultät die radikale „Bewegung 22. März“. Zunächst wurde das Verwaltungsgebäude besetzt, um hochschulpolitische Ziele, aber auch die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Studentenheimen durchzusetzen. Führende Sprecher dieser Gruppe war u.a. Daniel Cohn-Bendit, der in den folgenden Monaten und Ereignissen auch als „Dany le Rouge“ in der Presse häufig als Redner zitiert wurde. Sein erster öffentlich bekannt gewordener Auftritt fand bei einer Schwimmbadeinweihung in Nanterre am 8. Januar 1968 statt, als er den anwesenden Sport- und Jugendminister öffentlich u.a. dafür kritisierte, sich nicht für die sexuellen Schwierigkeiten der Jugend zu interessieren. (Wiki)

p „Im Februar 1967 sprach der französische Trotzkist Boris Fraenkel vor mehreren hundert Studenten der Nanterre-Abteilung der Universität Paris über Reich und die soziale Funktion der sexuellen Unterdrückung. Ich kann persönlich die begeisterte Reaktion des Publikums bezeugen, denn ich war dort. In der Woche nach dem Vortrag wurde Reichs Broschüre Der sexuelle Kampf der Jugend in allen Wohnheimen von Tür zu Tür verkauft. Dies führte zu einer weit verbreiteten Sexualaufklärungskampagne, die – wie Danny Cohn-Bendit uns erzählt – auf den revolutionären Ideen von Reich beruhte und zur Besetzung von Frauen- und Studentenheimen durch Frauen und Männer führte, um gegen ihre restriktiven Regeln zu protestieren.“ (S. xxvi, Einleitung von B. Ollman). Zu Ollmans Positionen siehe auch: https://thecharnelhouse.org/2016/06/10/the-marxism-of-wilhelm-reich/

q Übersetzer waren Anna Bostock, Tom DuBose und Lee Baxandall. Es ist wahrscheinlich, dass er Baxandall meint.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 120-124.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: SEX-POL-Essays, 1929-1934 (Teil 3)

5. Juli 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Die Motive des Herausgebers und seiner Gefolgsleute sind eindeutig. Sie wollen Reich mit den Aktivitäten und Ideen von Linken wie Marcuse, Fanonm, Goodman und Cohn-Bendit verbinden, um nur einige zu nennen. Weiterhin impliziert der Herausgeber im Vorwort, dass Reich seine marxistischen Werke aufgrund seiner Ernüchterung über die damals wirkenden Stalinisten und Freudianer und nicht aufgrund eines wissenschaftlichen Sinneswandels revidiert hätte – dass die Änderungen von Reich eine verständliche Reaktion auf den damals bestehenden kommunistischen und marxistischen Apparat waren und keine echte Ablehnung des Marxismus an sich und des Konzepts der kapitalistischen Schuld. Die Betonung der kapitalistischen Schuld ist in den Aussagen des Herausgebers und in der Einleitung von Ollman überall präsent, was darauf hindeutet, dass das Thema des Buches eher politisch und ideologisch ist, statt funktionell und wissenschaftlich wie Reichs Konzepte. Beispielsweise sagt Ollman, wenn es um die Befreiung der Frau geht:

Wie vorhergesagt, können dieselben Qualitäten [der Ungleichheit] im gesamten kapitalistischen Leben beobachtet werden. Ungleichheit … und die allgemeine Frustration, die sich daraus ergibt, sind Hauptmerkmale der von Marx [S. xi] beschriebenen Entfremdung. Kurz gesagt, ist das Leben im Kapitalismus nicht nur für unsere Überzeugungen verantwortlich, sondern auch für damit verknüpfte Ideen … [und] spontane Reaktionen [S. xviii]. Wenn Reichs „Sexualökonomie“ jemals ein integraler Bestandteil des Marxismus werden soll, müssen die charakteristischen kapitalistischen Qualitäten der sexuellen Unterdrückung … näher beleuchtet werden (S. xxv).

Man beachte die Hierarchie, Marx steht über Reich, und vergleiche das obige mit diesem weiteren Reich-Zitat:

Jetzt zu den Kommunisten: ich war nie ein Kommunist im üblichen Sinne. Ich war nie ein politischer Kommunist. Ich möchte, dass Sie das betonen. Niemals. Oh ja, ich habe in der Organisation gearbeitet. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Ich war überzeugt, dass der Kapitalismus schlecht ist, aber ich glaube heute nicht mehr, dass das Elend durch den Kapitalismus verursacht wurde. Das Elend ist älter als der Kapitalismus (5)n.

 

Anmerkungen des Übersetzers

m Frantz Fanon (1925-1961), französischer Psychiater, Politiker, Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung. PN

n Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 77.

 

Literatur

5. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich speaks of Freud. New York: Farrer, Straus & Giroux, 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 120-124.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM, No. 7 (Teil 2)

3. Juli 2019

Der Aufsatz „Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität“ stammt gleichfalls aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie. Es geht um die weitere Fundierung der „Orgasmusformel“ (Spannung → Ladung → Entladung → Entspannung) in der Natur. Reich schreibt dazu:

Wenn wir in der Spannung und Entspannung und der damit einhergehenden elektrischen Ladung nicht nur das Kernelement der orgastischen Funktion, sondern vielmehr auch eine Grunderscheinung der lebenden Substanz zu sehen vermeinen, so muß sich diese Funktion auch an der Wurzel des Lebens, an der Kopulation zweier Einzeller bestätigen lassen. Gelingt dieser Nachweis, dann ist noch der andere zu erbringen, daß auch die sogenannte ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Teilung und Sprossung im Prinzip der gleichen orgastischen Funktion unterliegt.

Das letztere erläutert Reich in Der Krebs: Zellteilung und Knospung sorgen für eine geringere Spannung der Membran. Die geschlechtliche Anziehung versucht er in diesem Beitrag mit Hilfe von Max Hartmanns Theorie der „relativen Sexualität“ zu erklären. Es ziehen sich nicht nur männliche und weibliche Gameten an, sondern auch starke männliche Gameten schwächere männliche Gameten. Desgleichen bei weiblichen Gameten. Mit der Entwicklung der Genetik seit Reichs Zeiten scheinen diese Ausführungen hoffnungslos überholt, aber immerhin beobachtet man im Tierreich entsprechendes, etwas was Reich nicht erwähnt: in gleichgeschlechtlichen Gruppen, etwa bei Schimpansen, verhalten sich in der Rangordnung tiefer stehende Tiere weiblich gegenüber im Rang über ihnen stehende Tiere, egal ob Weibchen oder Männchen. Ähnliches findet sich bei Zwitterwesen, etwa Schnecken, wo stets das schwächere bzw. unterlegene Tier den weiblichen Part übernehmen muß. Dieses Machtgefälle erinnert etwas an das später von Reich formulierte „orgonomische Potential“. Es sei auch an Reichs schlußendliche Erklärung der geschlechtlichen Anziehung erinnert: die Überlagerung zweier Orgonenergie-Ströme (siehe Die kosmische Überlagerung).

Wie sehr dem damals linkssozialistischen Reich diese zwingende aber denkbar politisch unkorrekte Schlußfolgerung (männliche Dominanz, weibliche Unterwerfung) gegen den Strich ging, zeigt folgende Fehlleistung:

Gehen wir von der experimentell erwiesenen Tatsache aus, daß sich ein schwächerer Gamet gegenüber einem stärkeren des gleichen Geschlechts gegengeschlechtlich verhält; daß also ein schwacher weiblicher einem stärkeren weiblichen gegenüber, gleichgültig, worin dieses „Stärkersein“ besteht, männlich und daß ein schwacher männlicher sich einem stärkeren männlichen Gameten gegenüber weiblich benimmt.

Nein, der relativ schwächere Gamet ist immer weiblich, der relativ stärkere Gamet immer männlich!

Für den naiven Leser ordnet sich der zweite Artikel dieser Ausgabe von Orgonomic Functionalism lückenlos dem ersten bei: der Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und der Kampf gegen Sexismus. Das Lebendige sei im Kern bisexuell und die Sexualität „relativ“! Reich wird zum Heros des antiautoritären, „demokratischen“ Amerika, in dem Männer rosa Fotzenhüte tragen und Frauen kahlgeschoren wie Marines auftreten.

Übrigens ist das Sexualleben dieser menschlichen „Zwitterwesen“ ähnlich von Gewalt und „Dominanz“ geprägt, wie das Leben der erwähnten Schnecken. Die Trennung in Geschlechter hat in der Natur für eine ungemeine Befriedung gesorgt – und hat so erst Befriedigung ermöglicht. Wenn die Geschlechtsrollen erst ausgefochten werden müssen, wie in Gefängnissen oder etwa unter deutschen Kriegsgefangenen des letzten Krieges, kommt es zu Mord und Todschlag. Das erklärt auch zwanglos die Gewaltaffinität der geschlechtlich amorphen Fetischszene und die Horrorkabinette, in denen sich schwule und lesbische Sexualität „entfaltet“. Die Genderideologie führt schnurstraks in die Hölle.