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Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 3)

16. September 2020

von Paul N. Mathews

 

Der Rest des Buches ist einer von Abneigung geprägten Sicht auf die Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren gewidmet, mit ihrer Verurteilung von Alger Hissb als Meineidigem auf Seiten der Roten und der Hinrichtung der „sogenannten ‚Atom-Spione‘ Ethel und Julius Rosenberg“ („auf dem elektrischen Stuhl geröstet“). Er spricht verächtlich von Eisenhower, als „einen Kriegsgeneral, der kaum das Wort ’nuklear‘ aussprechen kann und der Präsident werden soll“. Aus diesem Grund, meint Mairowitz, „kann ein bösartiger Kommunismus-Renegat wie Reich jetzt gar nicht anders, als kräftig in die Schmähungen gegen ‚Rote Faschisten‘, ‚Heckenschützen‘ der Kommunistischen Partei und ‚Chinesische Rote Teufel‘ einzustimmen“. Mairowitz glaubt den letzteren Beschreibungen offensichtlich nicht. Für ihn ist man „bösartig“, wenn man antikommunistisch ist. Interessanterweise habe ich den Begriff „bösartig“ zur Beschreibung eines Nazigegners noch nie verwendet gesehen. Reich wird der Mystifizierung der Kinder beschuldigt, das Konzept der emotionellen Pest leite sich aus seiner „theologischen Vision“ ab, die eine „Quelle des Bösen“ erfordert – und anderen solchen Unsinn. Auf alle Fälle zeugt dieser letzte Teil des Buches von der offensichtlichen linken Orientierung des Autors, auch wenn er in bestimmten Passagen kritisch gegenüber der Linken sein kann – aber als freundlicher Kritiker. Etwas, was er jedoch niemals im Fall der Rechten ist.

Das Buch endet mit dem schließlichen Tod Reichs nach der Verfolgung und dem Prozess durch die FDA. Es gereicht dem Autor zur Ehre, daß er die Nachwirkungen von Reichs Tod in einem „Epilog“c erzählt, in dem er den Missbrauch von Reichs Sexualtheorien durch die Neue Linke, die reaktionären sexuellen Vorstellungen des pädiatrischen Helden der Linken, Dr. Benjamin Spock, und den Wahnsinn derjenigen beschreibt, die Reich als „Irren“ bezeichneten – all dies sollte deutlich machen, was ich mit den „Unklarheiten und Zweideutigkeiten“ des Autors meine.

Dies wird noch durch seine „Schlussbemerkung“ unterstrichen, in der er seine europäische, wiewohl britische, Überlegenheit gegenüber Reichs „derzeitigen Treuhändern, Herausgebern, Übersetzern usw. zeigt, [die] vor allem Amerikaner sind, die ihn erst gegen Ende seines Lebens [d.h. seiner Orgonphase] kannten und die im Allgemeinen seine ‚antipolitische‘ Voreingenommenheit teilen“. Er informiert und warnt seine Leser, dass die gegenwärtige Arbeit der „Reichianer“ sich „nur aus einem schmalen Bereich Reichs entwickelt. Sie spiegeln die eher ‚private‘ Phase von WR wider. Sie sind nicht die Erbsöhne des Mannes, der illegale Abtreibungen (usw.) arrangierte, oder gar des ‚Verrückten‘, der sagte: ‚Wir werden lernen, den mörderischen Formen der Atomenergie die lebensfördernde Funktion der Orgonenergie entgegenzusetzen, um sie damit unschädlich zu machen.’“

Er wirft also die „Neo-Reichianer“ und die „Post-Reichianer“ in einen Topf mit den Orgonomen und versucht, die Ziele der Orgonomie zu ändern, von der Arbeit für den Wandel durch die Erziehung gesünderer Kinder und die Wiederherstellung der Genitalität bei nicht gesunden Menschen hin zu einem politischen Aktivismus der einen oder anderen Art – genau das Gegenteil von Reichs letztendlichen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Ich persönlich empfand das Comic-Format geschmacklos, als ablenkend und unangemessen für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Materials, das es zu bieten vorgibt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Alger Hiss (1904-1996) war ein amerikanischer Rechtsanwalt und Regierungsbeamter, dem Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde und den 1950 ein Bundesgericht wegen Meineid zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bis zu seinem Lebensende bestritt Hiss die Vorwürfe. Seit der Auswertung sowjetischer Archivmaterialien herrscht unter amerikanischen Historikern die Auffassung vor, dass er Informant der sowjetischen Geheimdienste war. Auch die in Moskau erscheinende Tageszeitung Prawda nannte Hiss einen sowjetischen Spion. (Wiki)

c Zitat aus http://www.lsr-projekt.de/miscwr.html : „Leider fehlen in der deutschen Ausgabe die sieben Seiten des ´Epilogs`, in dem Mairowitz einige Schlaglichter auf die Folgen der fehlgegangenen bzw. ausgebliebenen Rezeption Reichs wirft und auf einige nicht weithin bekannte, aber durchaus wichtige Eigentümlichkeiten der Editionspraxis Reichs und seiner Nachlassverwalter hinweist.“

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 2)

14. September 2020

von Paul N. Mathews

 

Letzteres würde auch für die „Kritik Nr. 2“ des Autors gelten, die sich mit Reichs „Widersprüchen“ in Bezug auf seine Haltung gegenüber der militärischen Autorität und der Disziplin seiner eigenen Kinder befasst. Die Frage ist, ob diese angeblichen Ungereimtheiten tatsächlich bestanden oder ein Missverstehen von Reichs Beharren auf der Unterscheidung zwischen Freiheit und Zügellosigkeit waren. Es war auch klar, dass Reich starke Gefühle für die Unterstützung rationaler militärischer Autorität und Maßnahmen gegen eine bedrohliche „bewaffnete, organisierte emotionale Pest“, wie er es nannte, hegte. Die Tatsache, wie gesagt, dass sein Sohn Peter diesen Aspekt des Denkens seines Vaters bedauerte, gibt Peter nicht notwendigerweise recht und Reich unrecht.

In der letzteren Kritik offenbart der Autor etwas von seiner eigenen Ideologie, d.h. antimilitärisch, gegen das Establishment, pro-vietnamesisch („Peter, der für die US-Militärmaschinerie gegen das Volk von Indochina kämpfte . . .“). In der folgenden „Kritik Nr. 3“ offenbart er weiter seine politische und ideologische Neigung. Hier zeigt er seine Unzufriedenheit über Reichs Ablehnung eines politischen Wegs zur Veränderung und erhebt den Vorwurf: „Einige seiner götzendienerischen Jünger – darunter die Herausgeber seines Nachlasses – behaupten gar, ‚er ist nie politisch eingestellt gewesen‘. Als ob das ein so schreckliches Stigma wäre!“

Natürlich hat Reich selbst seine Politik geleugnet – und erklärt, er sei nie ein „politischer Kommunist“ gewesen, womit er einen ideologischen, nicht funktionellen gemeint habe. Reich – und „seine götzendienerischen Jünger“ – haben es nie abgelehnt, den politischen Prozess funktionell zu nutzen, d.h. zu funktionellen, orgonomischen Zwecken im Vergleich zu mystischen, mechanistischen. Es ist wie der Unterschied zwischen neurotischer und rationaler Aggression im Dienste der Selbstverteidigung oder der gesunden Leistung. In diesen Kritiken offenbart der Autor seinen schwerwiegendsten Mangel – eine Unfähigkeit zum funktionellen Denken.

Wenn sich der Autor in das Feld von Reichs späteren Entdeckungen begibt – die Bione, die Orgonenergie, das DOR, die Überlagerung, das Cloudbusting – stellt er sie auf ziemlich klare, wenn auch rudimentäre Weise dar. Er stellt jedoch diese Periode von Reichs Leben und Werk in Frage, indem er betont, dass an diesem Punkt seine „Paranoia und Obsessionen zunehmen“. Außerdem stellt er fest: „Entweder seine [Reichs] Entdeckungen stimmen und 99 Prozent der früheren Wissenschaft ist Schrott, oder WR bereitet seine Wahl auf den Thron Gottes vor.“ Hier lässt der Autor einem – so wie er es präsentiert – keine größere Wahl als Letzteres.

Dann wird der Autor zunehmend ironisch und ein wenig sarkastisch über Reichs Einreise in die Vereinigten Staaten und seine Begeisterung für sie. Er stellt die Einstein-Affäre in einer verzerrten Weise dar, so dass Reich verblendet und gegen Rote hetzend erscheint. Der Autor stellt fest: „Reich wendet sich jetzt nach innen“ und die „Arbeitsdemokratie ist eine Art Charakterpanzer“. Weiter stellt er missbilligend fest: „Bedauerlich für zukünftige Zeiten ist, daß er sie [seine Bücher in englischer Übersetzung] ‚durchsieht‘ und so überarbeitet, daß sie mit seiner Entdeckung des Orgons übereinstimmen.“ Offensichtlich zieht Mairowitz die „politische“ Orientierung vor.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 1)

11. September 2020

Reich – for Beginners. Von David Zane Mairowitz. Writers and Readers Publishing, Inc., New York, 1986, 174 Seiten, 6,95 $
[Wilhelm Reich kurz und knapp, Zweitausendeins, Frankfurt/M, 1995, 167 Seiten]

von Paul N. Mathews, M.A., Brooklyn, NY

 

Ich nehme an, es war unvermeidlich, dass jemand ein Buch über Reich mit dem Titel Reich – for Beginners1 schreiben würde. Ehrgeizig durchläuft der Autor das gesamte Spektrum von Reichs Leben und Werk von der Kindheit bis zum Tod, von der Psychoanalyse bis zum Cloudbusting. Wie erfolgreich er ist, ist eine andere Sache. Nicht unpassend für den Titel ist das Comic-Format. David Mairowitz, der Autor, zeigt dennoch mehr als Anfängerwissen über Reich und manchmal sogar ein Verstehen. Es ist offensichtlich, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und einen ironischen und satirischen Sinn für Humor hat. Es ist auch offensichtlich, dass dieser 174-seitige Band viele Unklarheiten und Zweideutigkeiten sowie einige Fehler und Verzerrungen enthält.

Letztere manifestieren sich in mehreren „Kritiken“ und „Zwischenbemerkungen“, in denen der Autor seine eigenen Vorstellungen und Interpretationen von Reich zu mehreren entscheidenden Fragen darlegt. Die erste dieser „Kritiken“ wirft Reich vor, „genital besessen“ zu sein, und in der der Autor seine eigene These darlegt, dass es eine Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Sexualität gibt, „die oft erbringt, daß sexuelle Lust nicht unbedingt vollständig auf der genitalen Hingabe beruhen muss“. Er stellt fest, dass die Stimulation der Klitoris auch eine Funktion der sexuellen Befriedigung bei Frauen ist … „wobei ein männlicher Partner nicht einmal nötig ist“. Offensichtlich hat der Autor bei all seinen Lektüren und Studien über Reich den häufig gemachten Standpunkt von Reich und seinen Mitarbeitern übersehen, dass prägenitale Funktionen sehr wohl eine Rolle für die sexuelle Lust spielen und nur dann pathologisch werden, wenn sie das Endziel der genitalen orgastischen Befriedigung ersetzen.

Der Autor geißelt Reich auch wegen seiner angeblich „lebenslangen Haltung zur männlichen Homosexualität“ als „Neandertaler“. Er stellt fest, dass Reich Homosexualität als „Abweichung, die geheilt werden sollte“, betrachtete, dass er nie einen homosexuellen Patienten aufgenommen habe und dass er, einmal darum gebeten, geantwortet habe: „Ich will mit solchen Schweinereien nichts zu tun haben.“a Wiederum irrt er sich, was die Behandlung homosexueller Patienten durch Reich betrifft. Es nicht getan zu haben, wäre eine Unwahrscheinlichkeit für jemanden, der die Struktur des passiv-femininen Charakters klar verstanden und der den Artikel Das Problem der Homosexualität (J. of Orgonomy, 20(1), 1986) geschrieben hat, in dem er unmissverständlich seine Missbilligung der moralistischen, nichtklinischen Geringschätzung und Verfolgung von Homosexuellen zum Ausdruck bringt. Reich ist sich über die Pathologie der Homosexualität im Klaren und hier unmissverständlich, warnt aber vor einer moralischen und rechtlichen Verurteilung eines opferlosen, pathologischen Musters des sexuellen Ausdrucks. Der Autor hat seine Informationen offensichtlich aus dem Buch von Reichs ehemaliger Frau Ilse Ollendorff. Es ist weithin anerkannt, dass ehemalige Ehepartner häufig keine glaubwürdigen Quellen für genaue Informationen übereinander sind.

 

Anmerkungen

1 Vielleich sollte man darauf hinweisen, dass dieser Band zu einer Reihe von Büchern „für Anfänger“ gehört, die sich hauptsächlich mit linken Figuren wie Marx, Lenin und Engels beschäftigt haben – obwohl auch Einstein und Freud enthalten sind.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Zitat im Original in Deutsch.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Der Reichianer am Abgrund des Mystizismus (Teil 1)

29. August 2020

1. Der funktionelle Denker bringt Dinge zusammen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben, z.B. Wolken und Amöben.

2. Der psychotische Denker scheitert an der Integration disparater Dinge kläglich, weil er die Spannung nicht ertragen kann, sodaß er immer vor der Integration aufgibt und in der Gespaltenheit verharrt. Zum Beispiel spricht er davon, daß gigantische atmosphärische Amöben die Berge anknabbern oder ähnliches wirres Zeugs – was wohl irgendeinen und teilweise sogar einen sehr tiefen Sinn machen kann, aber den kann er selbst nicht erfassen, sondern allenfalls sein funktionell denkender Psychiater.

3. Der religiöse Denker will gar nicht erst dergestalt scheitern und gibt sich mit vorgefaßten Lösungen zufrieden – aus dem intuitiven Wissen heraus, daß das funktionelle Denken stets eine halsbrecherische Gradwanderung ist. Für die meisten „Reichianer“ ist diese Gradwanderung so gefährlich ist, daß es für sie besser wäre, sie hätten nie etwas von Reich gehört.

nachrichtenbrief157

14. Juni 2020

nachrichtenbrief156

7. Juni 2020

Lore Rubin Reich: ERINNERUNGEN AN EINE CHAOTISCHE WELT

26. März 2020

Dieses Buch ist eine Übersetzung des unveröffentlichten Originalmanuskripts. Obwohl die Autorin diese Übersetzung ausdrücklich lobt (S. 9), ist sie holprig und voller Fehler. Sätze wie: „Es gab kein Bedürfnis nach einer Revolution und auch kein Verlangen danach“ (S. 218). Es gab keinen Bedarf! Fast alle unterschätzen, wie schwer das Übersetzen vom Englischen ins Deutsche ist. Außerdem sollte der Übersetzer sich im Sujet auskennen. Wie kann man etwa von „Kamerad Thomas“ sprechen, statt „Genosse Thomas“! Und dann Reichs Tochter Lore selbst: wie, äh, aaarghhhh muß man sein, um Reichs Theorie damit zu „erklären“, daß nur der Orgasmus Neurosen auflösen könne (S. 30)?! Das macht ebensoviel Sinn, als behauptete man, nur Geschlechtsverkehr könne erektive Impotenz heilen oder nur das Gehen einen Querschnittgelähmten. Oder etwa zu schreiben: „Ich bin mir sicher, daß er seine Patienten dazu brachte, ihre Hemmungen soweit fallen zu lassen, daß sie vor ihm einen Orgasmus hatten“ (S. 155). Sic! Aus dem ganzen spricht einfach nur Böswilligkeit und Verachtung! Und dann sich fragen, warum Reich so „aggressiv“ gewesen sei!

Trotzdem verlohnt es „Mein Leben als Tochter von Annie Reich und Wilhelm Reich“ zu lesen, einfach weil es die Reich-Biographie plastischer macht. Da wäre die graue Kindheit der beiden Reich-Töchter und die Knappheit der Mittel, die es zum Problem machte eine vernünftige Hauskraft/Kindermädchen anzustellen. Die Familie war imgrunde arm, weil Reich nur genausoviel zur Familienkasse beitrug wie Annie, die als Mutter und psychoanalytische Anfängerin nur wenig verdiente. Wo erfährt man sonst, daß Annie sieben Abtreibungen hatte oder daß Lore dem armen Reich aufgedrängt wurde, um die Ehe zu einer Zeit zu retten, als Reich „politisch“ aktiv wurde. Entsprechend betrachtete er Lore stets als Annies Kind. Die ungemütlichen Wohnverhältnisse, da, wie damals bei Psychoanalytikern üblich, zuhause gearbeitet wurde; Reichs aufbrausendes und manchmal verstörendes Temperament; dazu das Kontrastprogramm: der dickliche und kleine Genosse Thomas als „Hausfrau“ (S. 140); bis hin zur Beschreibung von Reichs Beerdigung, bei der die Familie an den Rand gedrängt wurde. Lore hatte große Probleme im trüben November zum abgelegenen Orgonon zu gelangen, nur um auf der Beerdigung zu erfahren, daß gleich drei ihrer Kollegen an der psychiatrischen Klinik, in der sie zu der Zeit tätig war, führende Orgonomen waren und einen Flug nach Orgonon organisiert hatten. Sie hatten sich ihr nie zu erkennen gegeben und ignorierten sie auch auf der Beerdigung demonstrativ (S. 247f).

Die ganze Dynamik von Reichs erster Ehe wird in einer Szene deutlich, die gleichzeitig das definitive Ende der Beziehung zwischen Annie und Wilhelm beschreibt. Reich floh nach dem Reichstagsbrand sofort mit seiner Frau Richtung Österreich und zwar als Bergtouristen getarnt, um Grenzkontrollen zu entgehen. „Meine Mutter berichtete, daß mein Vater voller Angst war. Auf einmal verspürte sie eine enorme Verachtung ihm und seiner Angst gegenüber. In diesem Moment konnte sie sich endlich von der Knechtschaft, in der er sie gefangenhielt, befreien. Deswegen konnte sie umkehren und ihn auf dem Berggipfel alleine lassen. Sie kehrte nach Berlin zurück und organisierte den Umzug der Möbel aus der Wohnung“ (S. 38). Offensichtlich war bei einer Hysterikerin die Übertragung zerbrochen, als sich der angebetete Held selbst „hysterisch“ benahm.

Oder wie inflationär und laienhaft der Begriff „verrückt“ von Psychoanalytikern benutzt wurde, um das Renommee „abtrünniger“ Psychoanalytiker nachhaltig zu zerstören. Nicht nur Reich war Opfer dieser Taktik, sondern auch Rado, Rank, Jung, Adler, Tausk, Ferenczi, Melanie Klein und deren Tochter Melitta Schmiedeberg (S. 67). „Mein Vater war ein naiver und vertrauensvoller Mann“, der die psychotherapeutische Behandlung seiner Tochter Eva zwei Frauen überließ, nämlich Berta Bornstein und Anna Freud, welche Bornstein supervidierte, „die voller Haß ihm gegenüber waren“ (S. 77). Beide lebten „ihre Neurose wie bösartige Geister unter dem Deckmantel der psychoanalytischen Rechtschaffenheit aus“ (S. 80).

Lores Buch bietet einige Ergänzungen zu Der Rote Faden etwa, daß viele fanatische Trotzkisten später Neokonservative wurden. Lore selbst war von den späten 1940er bis zu den frühen 1960er Jahren in einer Trotzkistischen „Partei“ (Sekte!) aktiv. Oder etwa, wenn sie beschreibt, unter welcher Daueranspannung ihr Schwiegervater Genosse Thomas litt: „Eines Tages sah er in unserem Wohnhaus einen Psychoanalytiker in Begleitung eines Agenten der sowjetischen Geheimpolizei, den Thomas kannte. Aus Angst entdeckt zu werden, eilte er zurück in den Aufzug; er war schockiert von diesem Vorfall“ (S. 140). Dieser Vorfall habe, so Lore, auch gezeigt, welchen Zuspruch Stalins KP noch in den USA genoß. So hätten auch Psychoanalytiker Umgang mit der KP gepflegt, trotz all der Greueltaten.

Sie beschreibt die kommunistische Unterwanderung Amerikas sehr gut: Während sie in Europa nur Menschen getroffen hatte, die von der KP desillusioniert waren, traf sie in Amerika viele Erwachsene, die Kommunisten waren. New York sei voller genauso idealistischer wie ignoranter Leute gewesen, die die UdSSR verherrlichten. „Jahrelang, sogar nach dem Krieg, bis Mitte der 1950er Jahre, folgten diese Leute der kommunistischen Parteilinie ohne zu wissen, daß diese von Moskau aus diktiert wurde, marschierten in Maiparaden und hielten sich für ‚die Guten‘.“ Sie hielten sich stets an die jeweilige Linie der Partei, selbst wenn die, wie zu Anfang des Krieges, die Unterstützung Hitlers vorsah. „Heute sind Menschen der Meinung, daß man damals ‚unter jedem Bett einen Kommunisten sah‘ und verleugnen, wie groß die Anhängerschaft, zumindest in New York, war. Natürlich waren diese Menschen keine Spitzel, da sie diese Überzeugungen offen zur Schau stellten. Stattdessen übten sie enormen Druck auf die öffentliche Meinung, die Kunst und die Medien aus“ (S. 145f).

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nachrichtenbrief148

4. März 2020

Die 15 Orgonomie-Gruppen (Teil 3)

11. Februar 2020

10. Charles Kelley war in vieler Hinsicht sozusagen der „amerikanische Paul Ritter“. In seiner Militärzeit war er zum Meteorologen ausgebildet worden und hatte an der Universität als Psychologe wissenschaftliche Methodik kennengelernt. Er war der einzige, der zu Reichs Lebzeiten in Reichs Zeitschriften außer Reich jeweils einen Artikel über Orgonometrie und Theoretisches zur Meteorologie veröffentlicht hatte. Nach Reichs Tod gründete er das Interscience Institute, cloudbustete, hatte engen Kontakt zu Oscar Tropp und ging bei einem Schüler von Baker in Therapie. Er gründete die Zeitschrift The Creative Process, in der u.a. auch Jerome Eden veröffentlichte und nicht zuletzt Leute aus dem Umfeld Ritters. Obwohl Kelley grundsätzlich zu Baker hielt, kam es doch im Laufe der Zeit zu einer starken Entfremdung. U.a. weil sich Kelley zunehmend für die Arbeit von Alexander Lowen interessierte und empört war, wie schroff und radikal die amerikanischen Orgonomen diese vermeintlich „wichtigen“ Beiträge von sich wiesen. In seinem Frust löste sich Kelley von der Orgonomie und gründete „Radix“ mit einer eigenen Theorie und sogar Therapieform – jeweils Karikaturen der Orgonomie.

11. Alexander Lowen, ursprünglich Rechtsanwalt, war einer der ältesten Schüler Reichs in Amerika, hatte er doch bereits Reichs Vorlesungen an der New School for Social Research unmittelbar nach Reichs Ankunft in den USA beigewohnt. Er wollte Therapeut werden, woraufhin ihn Reich dazu zwang noch im reifen Mannesalter ein Medizinstudium auf sich zu nehmen, das er in der damals bettelarmen und deshalb für Amerikaner spottbilligen Schweiz absolvierte. Als Reich nach dessen Rückkehr von Lowen forderte auch noch Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zu werden, wandte sich dieser frustriert ab und gründete zusammen mit John Pierrakos die Bioenergetik, eine Disziplin, die plastisch zeigte, daß er nicht den blassesten Schimmer von der psychiatrischen Krankheitslehre im allgemeinen und der Psychoanalyse (die damals die Psychiatrie dominierte) im besonderen hatte.

12. Vollständig absurd wird es, wenn man daran denkt, daß sogar Reichs Klavierlehrer Al Bauman eine eigene „Reichianische“ Therapieform gründete, das heutige „Skan“ und ähnlich den Tropps eine Art „Kommune“ ins Leben rief. Ich habe mich an anderer Stelle mit Skan beschäftigt und werde hier nicht weiter auf diese Kackscheiße eingehen.

13. Alle bis hierher beschriebenen Abspaltungen von der Orgonomie waren zwar zum Großteil Ärgernisse, aber keine wirkliche Bedrohung für die Integrität der Orgonomie. Ganz anders war es um die Abspaltung des Institute for Orgonomic Science im Jahre 1982 bestellt. Wichtige, wenn nicht die wichtigsten Orgonomen, bildeten eine eigene Gruppe, darunter Bakers eigener Sohn Courtney Baker, der vor allem in der Orgonphysik tätig war, Robert Dew, Louisa Lance, Robert Ganz, die eine Reihe von Ausbildungskandidaten, also praktisch die Zukunft der Orgonomie, mit sich nahmen. Hinzu kam Lois Wyvell. Gründe für die Spaltung waren persönliche Auseinandersetzungen (es stellte sich heraus, daß Baker heimlich eine „Zweitfamilie“ gegründet hatte) und zunehmende Zweifel an der Urteilsfähigkeit des immer gebrechlicher werdenden Baker. Entsprechend war die Gruppe anfangs sozusagen „päpstlicher als der Papst“, doch nach dem Tod bzw. Ausscheiden der Gründungsmitglieder zerfiel sie sehr schnell zu einem Sammelsurium von „Linksorgonomen“ und es gab viele Überschneidungen zu den Gruppen um Sobey und Raphael. Jedenfalls hat sich die Orgonomie von diesem traumatischen Aderlaß nie wieder recht erholt.

14. Der letztendliche Grund für die Spaltung war der der Orgonomie inhärente Zielkonflikt zwischen Arbeitsdemokratie („Dezentralismus“) und einer effektiven, schlagkräftigen Führung, die etwas zuwege bringt („Zentralismus“). Dieser Konflikt zeigt sich in der letzten größeren Abspaltung im Jahre 2003, als der Orgontherapeut Dr. Gary Karpf zusammen mit wenigen anderen Orgonomen das American College of Orgonomy (ACO) verließ. Er hatte als neuer Präsident des ACO versucht „Schwung in den Laden zu bringen“ und die Orgonomie finanziell auf gesunde Beine zu stellen, nur daß niemand ihm folgte. In welche Richtung das ganze hätte gehen sollen, sieht man hier. Man sieht auch, wie der vor wenigen Tagen verstorbene Orson Bean, einer der Mitbegründer des ACO, für die Sache Werbung macht. So ungefähr würde heute die Orgonomie aussehen, wenn sich Dr. Karpf durchgesetzt hätte.

15. Last but not least ist natürlich der Geograph Dr. James DeMeo zu nennen, der seit Anfang der 1970er Jahre von Richard Blasband, einem der engsten und loyalsten Mitarbeiter Baker und nach dessen Tod Präsident des ACO, protegiert wurde. DeMeo ist der einzige in dieser Liste, der niemals Ambitionen in Richtung „Therapeut“ zeigte und sich ausschließlich auf den nichtmedizinischen Bereich, sozusagen die „wissenschaftliche“ Orgonomie konzentriert hat. Er steht heute vollkommen isoliert da und ist neben dem ACO die einzige Institution, die man ernstnehmen kann.

Es müßten zumindest noch Leute und Gruppen erwähnt werden, die sich auf Ola Raknes und Walter Hoppe berufen, aber dazu fehlen mir die Kenntnisse. Ohnehin wollte ich mich, wie anfangs gesagt, auf den amerikanischen (angelsächsischen Bereich) beschränken. Abgesehen vom ACO sind alle Gruppen heute tot oder allenfalls scheinlebendig (man schaue sich nur die verschiedenen Netzseiten an, die teilweise gar nicht mehr gepflegt werden!), selbst Alexander Lowens „Bioenergetik“, die als Therapieform derartig schlecht ist, daß kein gesunder Hahn mehr danach kräht.

Die 15 Orgonomie-Gruppen (Teil 2)

10. Februar 2020

6. Reichs Tochter und anfängliche Treuhänderin seines Nachlasses, Eva Reich, hielt sich ebenfalls „aus allem raus“, begann aber in den 1970er Jahren eine Vortragstätigkeit und arbeitete weltweit mit wirklich fast jedem zusammen, der auch nur ein entferntes Interesse an Reich zeigte. Sie wurde dergestalt so etwas wie die Übermutter des „Reichianismus“. All das wurde gefärbt durch ihre absurde persönliche Ideologie („ich bin eine christliche Sozialistin“) und ihre bereits in den 1980er Jahren einsetzende Demenz. Übrigens war sie nie Orgontherapeutin und hat das auch nie von sich behauptet!

7. Neben Silvert war Robert McCullough, ein Biologe, der zweite wichtige Mitarbeiter Reichs im nichtmedizinischen Bereich. Insbesondere spielte er während der Expedition nach Arizona eine Rolle. Anfang der 1970er Jahre tat er sich mit dem anthroposophisch (sic!) und allgemein okkultistisch orientierten Cloudbuster-Operateur Trevor Constable zusammen. Ich verweise auf meine Rezension von dessen Buch The Cosmic Pulse of Life. Vor kurzem verstorben, bildete Constable bis heute sozusagen die „Schnittstelle“ zwischen Orgonomie und Okkultismus, insbesondere über die Borderland Science Research Foundation.

8. Jerome Eden, ebenfalls Cloudbuster-Operateur, war gewisserweise der Gegenpol Constables in der Orgonomie. Ich verweise auf den „Jerome Eden-Teil“ von www.orgonomie.net.

9. Paul Ritter und sein Mitstreiter David Boadella wirkten zwar nicht in Amerika, doch gehören sie hierher, weil es bereits in den frühen 1940er Jahren enge Kontakte zwischen Reich und der „englischen Gruppe“ gab, hierher gehört insbesondere der Name Derek Eastmond. Ritters 1954 erstmals erschienene Zeitschrift Orgonomic Functionalism war das einzige Periodikum, das ein Kontinuum zwischen der Orgonomie zu Reichs Zeiten, der vorangegangenen Sexpol (etwa in Holland) und den späteren Entwicklungen herstellte. Das Problem mit dem Architekten Ritter war, daß er sich als vollkommener Laie anmaßte „therapeutisch“ tätig zu sein und Reichs Funktionalismus „weiterzuentwickeln“. Einen Eindruck von der, zumindest zu Reichs Lebzeiten und kurz danach teilweise durchaus wertvolle, Arbeit der Gruppe vermitteln die Artikel von Boadella, die ich hier im Nachrichtenbrief veröffentlicht habe: „Orgonenergie, Liebe und Raumschiffe (1955)“ (11 Teile), „Einige orgonotische Erstrahlungseffekte. Eine vorläufige Mitteilung (1958)“ (7 Teile) und „Orgonotische Erregungseffekte II (1958)“ (8 Teile).