Archive for the ‘www.orgonomie.net’ Category

Orgonomie, LSR, Charakteranalyse und „sexualökonomisches Marketing“

16. Oktober 2026

Wer in den letzten Jahren den Inhalt des Journal of Orgonomy verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, daß es zunehmend sozusagen „oberflächlicher“ geworden ist. Keine Artikel mehr über Orgonbiophysik, und selbst die über die medizinische Orgonomie enthalten sich weitgehend eines „orgonomischen Jargons“ und könnten in einer entsprechenden nicht-orgonomischen Zeitschrift erscheinen, ohne groß aufzufallen. Das gleiche gilt für Artikel über die soziale Orgonomie, die immer mehr den Inhalt dominiert. Teilweise kann man ganze Nummern durchlesen, ohne großartig auf spezifisch Orgonomisches zu treffen.

Ganz ähnlich ist es mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt bestellt. Es ist praktisch unmöglich mit Rückgriff auf Laska selbst einem Außenstehenden zu erklären, worum es eigentlich geht; was denn der Kern, die Essenz, dessen sein soll, für das die Namen LaMettrie, Stirner und Reich stehen! Im Laufe der Jahre, also seit der „Reichianer“ Laska Ende der 1970er Jahr Stirner für sich entdeckte, reduzierte sich sein damals langsam Gestalt annehmendes Projekt immer mehr auf Rezeptionsgeschichte bzw. „Repulsionsgeschichte“. Wie in der Charakteranalyse ging es zunehmend nicht mehr um die Deutung des Inhalts, sondern um die Analyse des Widerstands eben dieses Inhalts, bis von dem überhaupt nicht mehr die Rede war. Laska wollte nicht das vollends „zerreden“, was eh abgewehrt wird!

Beim American College of Orgonomy ist es ähnlich: da alles Tiefergehende, d.h. der eigentliche Inhalt der Orgonomie durch die gepanzerte Menschheit von vornherein abgeblockt und „bestenfalls“ (was hier gleichbedeutend mit schlimmstenfalls ist) heillos mystifiziert wird, ist es besser, das Publikum da abzuholen wo es ist, also wie in einer Orgontherapie vorzugehen: mit der Oberfläche anfangen.

So sehr ich diese Herangehensweise zu würdigen weiß, halte ich sie doch für problematisch. Erstens ist es eindeutig Selbstsabotage durch „Selbstzensur“. Auf diese Weise erscheinen jeweils das LSR-Projekt und die Orgonomie als geradezu langweilig. Das Faszinosum geht flöten, das erst mal das Publikum auf einen aufmerksam macht.

Es ist wie bei einer jungen Frau, die durch ihr Outfit und Gehabe auf den ersten Blick weitaus mehr verspricht, nämlich Sex, als sie zumindest anfangs zu geben bereit ist. Was soll der Augenaufschlag, die rotbemalten Lippen, das Dekolleté und die Nuancierung aller sonstigen weiblichen Körpersignale denn anderes bedeuten als eine Aufforderung zum Koitus?! Erst danach fängt das mühsame Geschäft des langsamen Überwindens der Widerstände an, bis es dann endlich wirklich zur Sache kommt. Sie würde als alte Jungfer sterben, wenn sie von Anfang an so deeskalierend auf dem Markt des Flirtens erscheinen würde, nämlich trocken, zugeknöpft und weit entfernt von jedwedem Sexappeal!

Wenn das so weitergeht, wird das LSR-Projekt und die Orgonomie genauso enden…

Verkomplizierend kommt die gottverfluchte lebensfeindliche Pornographie hinzu, die alles vergiftet, Konfusion erzeugt und Signale wertlos macht. Genau das ist ja auch ihre pestilente Funktion! Bei der Orgonomie ist es all das „Orgonit“ und der ganze restliche „energetische“, „spirituelle“, „esoterische“ Firlefanz, so daß man das Wort „Orgon“ kaum noch aussprechen mag. Bei LSR ist es all der pseudoaufklärerische Dreck, der, wie insbesondere von Nietzsche vorexerziert, alles „LSRische“ in einer Kakophonie erstickt, die irgendwo im Niemandsland zwischen LaMettrie und DeSade, Stirner und Marx, Reich und Freud/Marcuse/Foucault wie eine Giftwolke aus Schwefelwasserstoff wabert.

Meine letzte Begegnung mit Bernd Senf

10. Oktober 2026

Es gab zwei Bernds in der Reich-Szene. Der eine, Bernd Laska, verlor nach einer Zeit das dezidierte Interesse an Reich und erkor zwei Philosophen zu seinem Interesse, die er als Vorläufer des frühen Reich hielt. Der andere, Bernd Senf, hielt jahrzehntelang Vorträge über Reichs Forschungen und sorgte dafür, dass Reichs Spätwerke ins Deutsche übersetzt wurden.

Als ich mit meiner damaligen Freundin am Spandauer Havelufer in Berlin spazieren ging, traf ich zufällig Bernd Senf am 22.08.2022. Es war ein schöner Spätsommertag. Zufällig hatten wir vorher noch einen Bekannten meiner Freundin getroffen, so dass diese sich mit diesem unterhalten konnte.

Ich erkannte Bernd Senf sofort. Ich sprach ihn auch direkt an und sagte, ich kenne ihn schon seit 1980. Ich lobte ihn, dass er sehr viel für das Interesse an und die Bekanntmachung von Wilhelm Reich getan hat.

Ich bedankte mich bei ihm dafür, und er fragte mich, ob ich damals dabei gewesen bin, als der Therapeut Navarro ihn vor allen Augen bei einen seiner Vortrags-Abende angegangen war. Bernd Senf schien noch immer sehr betroffen über diese therapeutische Intervention gewesen zu sein.

Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit, miteinander zu reden, da ich auf meine Freundin Rücksicht nehmen musste. Ich verabschiedete mich deswegen bald wieder von ihm, und damit war die letzte Begegnung mit Bernd Senf geschehen. Immerhin konnte ich noch dieses Abschiedsfoto machen.

Wie die Umwelt auf die Orgonomie blickt

27. September 2026

Wie Reich heute gesehen wird? Nicht anders als zu seiner Zeit. Liest man die FBI-Akten über Reich, wird man depressiv. Reich schickt ihnen Material, sie fragen bei der Atomenergie-Kommission AEC („Photoeffekt, Compton-Effekt, Paarbildungseffekt, Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen, RBW, Gray, Sievert, Bequerel und Röntgentechnik“) und bei der von der Rockefeller Foundation kontrollierten Gesundheitsbehörde FDA nach – und erfahren, daß Reich „Pseudowissenschaft“ betreibt. Er gibt ihnen das Conspiracy-Material und sie schließen, daß die darin dokumentierten Reich-Gegner doch vollkommen recht haben: gefährliche Pseudowissenschaft. Unter jedem Brief, der an Reich ging, als interne Anmerkung: „…pseudo science…mentally unsoud…mental case…“. Er schickt ihnen den Plan für das ORANUR-Experiment zu und ihre einzige Reaktion ist die Nachfrage beim Postministerium, ob das überhaupt rechtens ist, daß eine solche pseudowissenschaftliche Geschäftemacherei-Organisation wie die Wilhelm Reich Foundation über den Postweg für Spenden wirbt.

Und wie sieht es bei den vermeintlichen Gegnern des Systems aus? Wolfgang Rieger im Nachwort zu Wilhelm Burian: Sexualität, Natur, Gesellschaft (Freiburg 1985):

Um den marxistischen Reich (…) gruppieren sich verschiedene Zirkel: die hauptsächlich in Freiburg agierende Marxistisch-Reichistische Initiative und die Wilhelm-Reich-Initiative Berlin. Sie versuchen „die politökonomische Analyse der marxistischen Theorie“ (emotion 1:112) zu erweitern um den von Reich entwickelten (…) Ansatz (…). Bunter wird es, betrachtet man, wer sich auf den späten Reich bezieht. Hierher gehören dann die Reich-Therapeuten: angefangen bei Fritz Perls und Paul Goodman, auf die die Gestalt-Therapie zurückgeht, über Alexander Lowen, den Begründer der Bioenergetik, Dieter Duhm, der in seiner Kommune Rudolf Steiner und Wilhelm Reich zusammenbringen will („Nur wo Hoden, Vaginalwände und Herzmembranen pulsationsfähig sind, kann Lebendiges sich einnisten“), und Otto Mühl, dem aktionistischen Chef der AAO, bis hin zu den zahllosen Heilpraktikern und Therapeuten, die ihre Dienste marktschreierisch anpreisen. Hierher gehören aber auch die Ufologen, Kosmolgen, Esoteriker, Wünschelrutengänger und Schwerkraftforscher, die fleißig Zeitungen, Blätter und Blättchen publizieren mit so kuriosen Titeln wie „Die Wolken sterben“. Darin erinnert ein gewisser Jerome Eden Vergeßliche: „Für regelmäßige orgastische Entladung sorgen!“

Der amerikanische Anthropologe Richard Grossinger schreibt ähnliches in seinem Buch Wege des Heilens (München 1982): Für Reich wären „die Galaxien selbst (…) ungeheure ‚Bestien‘, die sich über Millionen Jahre der Kopulation hingeben, ausgedehnt über das Gewebe von Zeit und Raum, getrennt von uns durch eine bloße Membran, die sich peristaltisch bewegt, uns aber auch mit ihr verbindet.“

So sah es vor 40 Jahren aus, als die Orgonomie eine genauso kurze wie kleine Renaissance erlebte. Danach kam dann die Sache mit dem Orgonit (in Kunstharz eingegossener Elektroschrott), der die gesamte Orgonomie förmlich aufgefressen hat. Interessiert sich heute jemand für Orgon und googelt, wird er vor allem auf Orgonit, Chemtrails und anderen Esoterik-Müll stoßen. Und was Reich selbst betrifft, hassen ihn die Linken, weil er der ultimative genital-normative Denker ist. Die Rechten hassen ihn, weil er irgendwo zwischen Frankfurter Schule, Kinsey und Foucault schweineigelt.

Dem schwarzen Faschisten dringen verzerrte (perverse) Empfindungen aus dem Kern ins Bewußtsein: um den Zwiespalt zwischen gesundem Empfinden und extremer Perversion zu lösen, bekämpft er die letztere in seiner Umwelt als absolute gesetztes Böses („Kommunisten“, „Homosexuelle“, etc.) und verteidigt dagegen verzweifelt Symbole des orgonotischen Kerns („Ehre“, „Reinheit“, „Nation“, etc.). Der Kommunist hat diesen Kontakt (selbst wenn er abstoßend verzerrt ist) vollkommen verloren, so daß bei ihm der Konflikt zwischen der mittleren (asozialen) Schicht und der (pseudosozialen) Oberfläche besteht. Um diesen zu lösen, muß er sich eine verabsolutierte Ideologie zulegen, mit der er mit allem moralischen Elan nach Belieben morden kann. Was also beide soziopolitischen Bastarde der Religion verbindet, ist, daß verzweifelt der Himmel auf Erden erstrebt wird.

Ich kann mich noch gut an die Religion erinnern, in das die Reich-Renaissance eingebettet war, das „New Age“, dessen ideologisches Gebäude sich durch folgendes Kombinationsschema beschreiben läßt (Psychologie heute, Okt. 1985) – das noch heute die Grüne Politik und damit DIE Politik bestimmt:

Alle Worte kann man beliebig miteinander kombinieren, etwa „harmonische Dissipationssynthese“!

In einer Vorlesungsreihe an der Berliner FHW mit dem Titel Wege aus der ökologischen Krise (die im Sommer 1986 Parallel zu den Wilhelm Reich-Vorlesungen der emotion-Redaktion lief) finden wir natürlich „Fritjof Capra’s ‚Wendezeit’“ (für den Reich noch im „alten Paradigma“ befangen ist – da Reich nicht ins obige Verschiebungsschema paßt), „Rationalität und Transzendenz“ sollen verbunden werden, „Wendezeichen“ mehren sich und die Frage „New Age – Post-Moderne – was kommt danach?“ wird beantwortet.

Ich muß da immer an Reichs Blick auf den Nationalsozialismus denken – in dem sich, Reich zufolge, das vegetative Leben seine Bahn brach (Die sexuelle Revolution).

Ähnlich wie der Nazismus ist auch die New-Age-Bewegung wie eine gigantische Organisation aufgezogen. Und genau wie der Nazismus basiert auch diese Bewegung auf einer Hierarchie (…). Die Oberen (…) wissen immer mehr als die einfachen Gefolgsleute. (…) Nazismus und New-Age-Bewegung sind politisch-spirituelle Größen, die auf den gleichen esoterischen Grundlagen basieren (…) Das politische Klima in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ist vergleichbar mit der heutigen Situation. Die Vereinigten Staaten befinden sich in einer sehr ähnlichen Lage. Seit dem Vietnamkrieg hat sich eine starke Wende zu „Wandervogel“-Ideen und östlichen Mystizismus vollzogen. Die New-Age-Bewegung wie der Nazismus beschreiben den „Weg“ zur Erlangung eines „transzendentalen Bewußtseins“, zur Transformation der Massen durch Einweihung in „Mysterien“. (…) Ein anderer gemeinsamer Punkt (…): „(…) Eine neue Rasse betritt den Planeten. Die herrschende Rasse ist eine sterbende Rasse. das zunehmende Interesse an Psychotechnologien, geistigen Übungen und heiligen Traditionen ist die Offenbarung einer neuen, intelligenten Rasse, die sich unter dem Widerstand der herrschenden Rasse formiert und eine einheitliche planetarische Kultur entwickelt.“ (John White) Hitler sagte fast genau dasselbe. (C.E. Cumbey z.n. H.-J. Ruppert: New Age, Wiesbaden 1985)

Die erwähnten Psychotechniken (Meditation, Reichianische Körpertherapien, etc.) zerstören systematisch das körperliche Orgonfeld und weiten es konfus aus, wobei Autonomie und Willenskraft zerstört wird.

Email [Der Kern von LSR] 2009

19. September 2026

Email [Der Kern von LSR] 2009

Frank-Reich (Teil 8)

16. September 2026

Bücher von Wilhelm Reich in Frankreich:

Payot-Rivages (Paris):

  • L’analyse caractérielle. 1996/1971
  • La psychologie de masse du fascisme. 1998/1972
  • L’irruption de la morale sexuelle: étude des origines du caractère compulsif. 1999/1972
  • Reich parle de Freud. 1998/1972
  • Ecoute, petit homme! 1996/1973
  • L’éther, Dieu et le diable: le fonctionnalisme orgonomique. 1999/1973
  • La superposition cosmique. 1999/1974
  • La biopathie du cancer. 1975 (vergriffen)
  • Premiers écrits (tome I). 1976 (vergriffen)
  • Les hommes dans l’Etat. 1978 (nicht autorisierte Übersetzung: Les homes et l’Etat, Nice: Constantin Sinelnikoff, 1972)
  • La génitalité dans la théorie et la thérapie des névroses: Premiers écrits (tome II). 1982 (eine Übersetzung der Ausgabe von 1927 wurde 1975 als „Die Funktion des Orgasmus“ veröffentlicht.)

Andere Verleger:

  • La révolution sexuelle: vers une autonomie caractérielle de l’homme. Christian Bourgois, 1993/1968
  • Le meurtre du Christ: la peste émotionnelle de l’homme. Champ Libre, Paris, 1971 (vergriffen)
  • La fonction de l’orgasme. L’Arche, Paris, 1997/1952 (Übersetzung von Reich korrigiert!)
  • Passion de jeunesse. L’Arche, Paris, 1990

Sexpol-Essays:

  • Matérialisme dialectique, matérialisme historique et psychanalyse. Paris: La pensée molle, 1970 (vergriffen)
  • Matérialisme dialectique et psychanalyse. Gît le coeur, 1972 (vergriffen)
  • Qu’est-ce que la conscience de classe? Paris: Lausanne, 1970 und Nice: Constantin Sinelnikoff, 1971 (vergriffen)
  • La lutte sexuelle des jeunes, Paris: Maspero, 1972 (übersetzt von J.-M. Brohm und J. Knieff) (vergriffen)

Andere Autoren:

Dr. Cammarellas SEDIFOR:

  • Ola Raknes: Wilhelm Reich et l’orgonomie. Toulouse: Erès/Editions SEDIFOR, 1988
  • Orson Bean: Moi et l’orgone: Un comédien américain raconte sa thérapie reichienne. Toulouse: Le Coudrier/Editions SEDIFOR, 1989
  • Elsworth Baker: L’homme pris au piège: Précis de biopsychiatrie orgonomique. Les rapports entre les blocages énergétiques et la structure caractérielle selon la théorie de Wilhelm Reich. Nice: Editions SEDIFOR, 1993
  • Ilse Ollendorff: Wilhelm Reich. Paris: Belfond, 1970
  • Peter Reich: A la recherche de mon père: rêves éclatés. Paris: Albin Michel, 1977
  • Roger Dadoun: Cent fleurs pour Wilhelm Reich. Paris: Payot, 1975, 2nd ed. 1998 (mit einführendem Essay „Qui a peur de Wilhelm Reich?“)
  • Gérard Guasch, M.D.: Wilhelm Reich, énergie vitale et psychothérapie. Paris: Retz, 1997; Quand le corps parle… Introduction à l’analyse reichienne. Vannes: Sully, 1998

Weitere französische Autoren: Nicolas, Cattier, Palmier, Sinelnikoff, Smirgel/Grunberger

Andere Übersetzungen: Rycroft, de Marchi, Navarro, Boyesen…

Leider verkauften sich die Bücher von Cammarellas SEDIFOR in Frankreich sehr schlecht, und die Gewinne konnten nicht einmal die Kosten für die Pflege ihrer Website decken, so daß sie diese schließen mußten. Bakers Man in the Trap ist in Frankreich praktisch unbekannt.

Champ Libre ist ein anarchistischer Verlag, der den Christusmord nicht neu auflegen wollte. L’Arche ist auf Literatur, Theater und Philosophie spezialisiert und hat nur Leidenschaft der Jugend und Die Funktion des Orgasmus. Payot ist ein großer Verlag, der sich auf Psychoanalyse, Geisteswissenschaften usw. spezialisiert hat, aber anscheinend nicht mehr an Reich interessiert ist, abgesehen von der Wiederveröffentlichung einiger Bücher im Taschenformat, wie in der Reich-Welle von 1998-1999. Die ersten beiden SEDIFOR-Bücher (Raknes und Bean) wurden in Zusammenarbeit mit zwei kleinen Verlagen herausgegeben, aber anscheinend war Man in the Trap zu viel für sie, so daß SEDIFOR es im Eigenverlag zu einem hohen Preis herausgeben mußte und das Buch nicht im Buchhandel erhältlich war.

Frank-Reich (Teil 6)

14. September 2026

Guiseppe Cammarella ging mit seiner italienischen Zeitschrift Scienza Orgonomica gegen die italienischen Reichianer vor. Logischerweise wurde er zur Zielscheibe ihrer Angriffe. Wenn Sie ein paar italienische Schimpfwörter lernen wollen, sehen Sie sich die Briefe an ihn an, die von Reichianischen Anonymen geschrieben wurden – Scienza Orgonomica 3: 238-39, 1981:

„… die Bakerianische Kirche [gemeint ist das American College of Orgonomy, dessen Vertreter Cammarella in Italien war] … ist ein unfruchtbarer Baum ohne Früchte, eine Gruppe elitärer, bürgerlicher, faschistischer, finsterer Machthaber; kurz gesagt: Sie ist Scheiße! Und in all diesem Mist bist du ein kleines Bäumchen … ein Geldgieriger der Orgonomie, der Einzige in Europa, der das Monopol auf orgastische Potenz hat, der Guru der Ejakulation, der Schutzpatron der orgiastischen Durchdringung der obskuren Windungen der Psyche. Giuseppe Cammarella ist der wahre und einzige Sexologe des Totalen Orgasmus!“ „… die Masse der Reichschen Bewegungen wird dich wie einen Wurm zermalmen …“ „… Man wird nicht dadurch zum Reichianer, daß man Baker & Co. ein paar Wochen lang den Arsch leckt. Armer Narr! Armer Schwachkopf!“ „… deine Zeitschriften enthalten nur das Gift deiner emotionalen Pest. Warum mußt du Reichs Namen mit deiner Paranoia in Verruf bringen, wo es doch bereits sehr geschätzte Reichianische Zeitschriften gab? Lerne von ihnen.“ „Scienza Orgonomica ist der Mülleimer, in den du das Gift deiner emotionalen Pest ausspeist und in den die echten Reichianer [gemeint sind die Orgonomen] scheißen. …“ „Wir sind uns nicht sicher, ob wir dir die rechte Hand abhacken oder deiner Frau in die Knie schießen sollen; und das ist noch zu wenig für den Modju des amerikanischen Imperialismus, der der Freimaurerloge von Baker angehört.“ „… Jetzt haben wir Reich, den Ufologen! „Unter deiner Schirmherrschaft gibt es nun in Italien die Reichsche Ufologengruppe, die den Cloudbuster einsetzt, um UFO-Phänomene hervorzurufen und mit den Außerirdischen zu kommunizieren. … Was für ein beschissener Reich-Anhänger bist du denn, wenn deine Scienza Orgonomica dazu gedient hat, Reich zum paranoidesten aller Ufologen zu machen? …“

Infolgedessen hörte er auf, sich mit die Thema „Reichianer“ zu befassen. Seine anschließende französische Sciences Orgonomiques hat nicht einmal erwähnt, daß es eine Reichianische Verzerrung der Orgonomie gibt. Ich kann verstehen, daß er sich und seine Frau nicht in Gefahr bringen wollte, da er mit seinen Aktivitäten ziemlich allein dastand.

In einem scharfen Artikel (Denigrare Reich… ovvero ingrandire se stessi – Reich verunglimpfen, d.h. sich selbst verherrlichen), der in Scienza Orgonomica, 1-2, 1979 veröffentlicht wurde, sagte Dr. Cammarella: Navarro und die anderen italienischen Reichianer und Pseudo-Orgonomen versuchten, vom American College of Orgonomy anerkannt zu werden. Es weigerte sich, sie auch nur zu empfangen, da sie nicht in die USA zur Therapie und Ausbildung gehen wollten, also wandten sie sich dagegen und erklärten sich selbst zu orgonomischen Autoritäten. Später gelang es ihnen, Ola Raknes dazu zu bringen, ihnen Therapie zu geben, und offenbar verleiteten sie diesen dazu, eine Bescheinigung über die Ausbildung auszustellen, dank eines sehr selektiven Übersetzers. Das ist ihre Vorgehensweise. Dann fuhren sie fort, naive oder oberflächliche Leute „auszubilden“ und schafften es, die ganze Welt zu infizieren. Es gibt tatsächlich eine Navarro-orientierte „International Federation of Orgonomic Colleges“!

Xavier Serrano ist das spanische Äquivalent zu Guasch in Frankreich oder Navarro in Italien, obwohl er im Gegensatz zu ihnen kein Doktor der Medizin ist. Er hat eine Online-Bibliographie seiner Schriften: vielleicht die längste Ein-Mann-Bibliographie, die ich je in der Orgonomie gesehen habe! Er gibt eine Zeitschrift heraus (die großzügigerweise ein „In Memoriam Elsworth Baker“ enthielt), er bildet Leute aus, hat eine Gruppe, die anscheinend mit dem Verleger verbunden ist, der das Orgon-Akkumulator-Handbuch auf Spanisch herausgegeben hat…

Ein Freund von mir traf einmal einen Schüler von Navarro, einen Psychologen, in einer Buchhandlung. (Mein Freund hatte zufällig ein Exemplar von Navarros Buch in der Hand.) Sie unterhielten sich ein paar Minuten und er begann meinem Freund zu erzählen, daß er Reich treu sei und daß mein Freund ihm Patienten schicken sollte! Ich schätze, daß man unter Navarros Jüngern noch Schlimmeres finden kann.

Die andere italienische Gruppe, die in Cammarellas Artikel scherzhaft Vattelapesca (Geh und fisch es) genannt wird, ist die von Luigi De Marchi, dem Autor einer großen Biographie über Reich: Wilhelm Reich: Biografia De Una Idea (Provenza Publishers, 1974, Barcelona). Das Buch erschien mir nicht so schlecht, als ich es vor einigen Jahren durchblätterte, aber ich fand einen Abschnitt, in dem De Marchi Reich und insbesondere Baker wegen ihrer „inakzeptablen“ gesellschaftlichen Ideen angreift. Seine Gruppe ist mehr Alexander Lowen-orientiert. Um Dr. Cammarella zu zitieren (in einer Anmerkung zu seiner Übersetzung von Levys „Cult of Orgonomy“): „Die ‚Schriften‘ bildeten Ritter aus, Ritter „schuf“ Boadella, Boadella schuf De Marchi, De Marchi schuf Marchino, und so weiter bis hinunter zum kleinsten Mann.“

Die gesamte psychiatrische Gemeinschaft – in Frankreich und Italien – ist von der Lowen-Propaganda infiziert. Diejenigen, die sich für Reich interessieren, geraten schnell in Lowens Fangnetz. Das zeigt sich in dem Kapitel, die ein jüngerer Autor in einem psychiatrischen Handbuch untergebracht hat. Er erwähnt, daß Reich keine präzisen Techniken hatte (weil er sie in seinen Büchern nicht beschrieben hat), und fährt dann fort zu sagen, daß Lowen sie entwickelt und die moderne Charakterologie geschaffen habe…

Frank-Reich (Teil 5)

13. September 2026

James DeMeos Orgone Accumulator Handbook (Manuel de l’accumulateur d’orgone) ist 2001 bei Editions Sully in Vannes, Morbihan (ein Departement im Süden der Bretagne) erschienen. Ein kleiner Verlag, der auch eines der Bücher von Gérard Guasch veröffentlicht hat: Quand le corps parle… introduction à l’analyse reichienne („Wenn der Körper spricht… Einführung in die Reichianische Analyse“, 1998). Die „Reichianische Analyse“ ist Dr.med. Guaschs eigene Version der Orgontherapie und wird von mehreren Laientherapeuten in Frankreich praktiziert. Ein Ausbildungsprogramm wurde an der von Guasch gegründeten „Pariser Reichianischen Schule“ angeboten. Anfang der 1990er Jahre sagte die Leiterin dieser Schule, Arlette Gastine, daß die Techniken von Elsworth F. Baker (die sie dank Guiseppe Cammarellas SEDIFOR-Ausgabe von Man in the Trap kannte) dem, was sie tun, sehr ähnlich sind… Zuvor hatte Guasch in der 1983 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift L’Arc über Reich das American College of Orgonomy für dessen Elitismus und „Versteinerung“ kritisiert.

Guaschs vorheriges Buch, Wilhelm Reich, énergie vitale et psychothérapie (1998), eine allgemeinere Einführung in Reich und die Orgonomie, enthielt bereits einiges an Material zur „Reichschen Analyse“. Es wurde von der linksnationalen Tageszeitung Libération erwähnt. Er fügte eine Liste von Organisationen hinzu, darunter der ACO, das OBRL, das IOS usw., aber nicht Cammarellas französische SEDIFOR! 2007 folgte die umfangreiche Biographie (369 Seiten) Wilhelm Reich, biographie d’une passion (Sully).

„SEDIFOR“ steht für Dr. Cammarellas Verlag zur Verbreitung der Orgonomie (S.E.DIF.OR. – Société d’Edition pour la Diffusion de l’Orgonomie).

Ich habe den Begriff „analisi reichiana“ auch in Italien gefunden, wo sie von einigen Ärzten wie Genovino Ferri und ihren Laienschülern praktiziert wird. Das ist etwas anderes als die Navarro-Schule mit ihrer „Vegetotherapie“ und „Somatopsychodynamik“. Ich habe ein Interview von Ferri gefunden, in dem er nicht nur Reich dafür kritisiert, daß er die physikalischen Eigenschaften der biologischen Energie studieren wollte, sondern auch sagt, daß er in seiner Praxis nie einen genitalen Charakter gesehen habe.

Thierry Carrasco, ein klinischer Psychologe, war Präsident des von Gérard Guasch gegründeten „Wilhelm Reich Institut“ in Paris. Er behauptet, eine Kombination aus Charakteranalyse und Primärtherapie („cri primal“) anzuwenden. Ich glaube nicht, daß Eva Reich sie „autorisiert“ hat, aber sie gab in den 1970er Jahren Seminare für sie. Die Ironie ist, daß der Neo-Reichianer wie Carrasco sagt, er sei fassungslos gewesen, als er Eva Reich in einer Gruppensitzung knien und für die Linderung eines Patienten beten sah! Eva bezeichnete sich selbst als „christliche Sozialistin“… Der bereits erwähnte Gérard Ponthieu, war Mitglied des „Wilhelm Reich Institut“.

Jean-Loic Albina war der Leiter der „Navarro-Schule“ in Frankreich. Obwohl er ein Vertreter der „orthodoxen Orgonomie“ am „Wilhelm Reich Institut“ war, bot er auch Gruppentherapiesitzungen an. Absolut lächerliche Veranstaltungen! Es wurde von einem Patienten eines anderen Navarro-Therapeuten berichtet, daß er durch die „Therapie“ geschädigt wurde. Offenbar wurden untere Panzersegmente angegangen, bevor die oberen frei waren. Noch Monate nach der vorzeitigen Beendigung der Therapie war er in seinem Funktionieren gestört. Der „Therapeut“ war selbst ein schwergestörter Mann.

Am Institut waren sie alle Freunde: André Tange, der „Liebestherapeut“, Gian Laurens, der Anarchisten und dessen Kumpane, die Leute von der Ecole Reichienne de Paris (von Guasch in den 1970er Jahren gegründet) usw. Henri Saigre, war Präsident des Ecole Reichienne de Paris und Begründer der „Maskentherapie“; einer Technik, die darin besteht, Gedanken auf einige Masken zu projizieren. Natürlich stellt er sie als einen wichtigen originellen Beitrag dar. Er habe sie aus Reichs Arbeit über Peer Gynt abgeleitet. Sic!

Aber niemand unter den Reichianern, nicht einmal an der Ecole Reichienne de Paris, erwähnte das Orgon, außer vielleicht Albina und einige Navarro-Leute. Der einzige, der das Wort „orgonomisch“ benutzte, um seine Aktivitäten zu beschreiben, war ausgerechnet der Reichianische „Liebestherapeut“ (seine Worte) André Tange. Er war eine angesehene Persönlichkeit am Pariser „Wilhelm Reich Institut“. Ich denke, die meisten französischen Neulinge in der Orgonomie landeten zuerst am Institut. Dort trafen sie auf Tange und sein Centre de bioénergie orgonomique, wo er Fotokopien der vergriffenen Bücher von Reich verkaufte. Wenn Tange seinen Namen in die Nähe von Reichs Namen rücken will, druckt er einfach „Die genitale Umarmung“ aus Christusmord nach und fügt seine Kommentare hinzu. Seine Gruppe, das besagte „bioenergetische Zentrum“, findet sich in den Ardennen, wo sie leben, arbeiten, Therapien und Gruppenmassagen durchführen.

2010 erschien sein Buch L’amour au coeur de l’homme (Liebe im Herzen des Menschen), das wie folgt beworben wurde:

Die Liebe ist unumgänglich und sitzt in den Herzen und Körpern aller Menschen. Es ist unmöglich, sich ihrem Einfluß völlig zu entziehen. Sie ist schon vor der Geburt im Mutterleib vorhanden und bleibt auch nach unserem Tod in der Erinnerung derer, die uns vermissen. Können wir unterscheiden, was Liebe und was Vergnügen ist? Die Verwechslung von Glück und Hedonismus ist heute in der Zivilisation der Objektivität die Norm. Leider ist die Liebe kein Gegenstand für wissenschaftliche Studien. Im Gegenteil, um sie zu beobachten, braucht sie unsere totale Subjektivität: warm und weitsichtig, sensibel und neugierig, respektvoll gegenüber allen Meinungen, die im Laufe der Geschichte geäußert wurden, und mit dem nötigen Mut, um die Menschen dazu zu bringen, zuzugeben, daß im Herzen des Menschen die Liebe steckt und daß sie uns braucht, um zu wachsen, zu verschönern und sich zu verbreiten. André Tange führt uns in die Beobachtung der Liebe ein, mit all ihrer Subjektivität, die hier enthüllt wird, um uns auf dem Weg zu einem besseren Bewußtsein für diesen Motor unseres Lebens zu begleiten.

Tange verwendete Aluminium in seinen Orgonakkumulatoren.

Alain Masson war ein Reichianischer Psychologe und protestantischer Theologe, der von Guasch als einziger orgonomischer Forscher in Frankreich dargestellt wurde. Seine Forschungen scheinen mir eher spekulativ und sogar mystisch zu sein. Man nehme sein 1996 erschienenes Buch Souffle de lumière (Hauch des Lichts), in dem er seine eigenen Fototechniken vorstellt, mit deren Hilfe er „unsichtbare Energien“ sichtbar macht, und über die Überlagerung von Energiefeldern aus dem Kopf spekuliert. Er spricht auch von einer Überlagerung von zwei Strömen aus den beiden Körperhälften.

Frank-Reich (Teil 4)

12. September 2026

Das „Institut Wilhelm Reich“ war eine 1977 von dem Arzt und „Psychosomatiker“ Gérard Guasch gegründete Organisation in Paris, wo man einigen echten Kommunisten begegnen konnte. In Frankreich sind die meisten Reichianer überhaupt nicht an Orgonomie interessiert, sondern nur an Therapie und Politik. Immerhin gründete eine Gruppe das „Laboratoire d’Orgonomie Générale“ (LOG), aber ich glaube nicht, daß sie wissenschaftlich viel erreicht haben. Der eine oder andere wird den Artikel „The Appropriation and Distortion of Orgonomy“ (Teil 2 und 3) des verstorbenen Dr. Robert Dew aus The Journal of Orgonomy von 1980 kennen. Wenn Sie sich den Brief des bereits erwähnten Anarchisten Gian Laurens an das College genau ansehen, werden Sie feststellen, daß aus seinem LOG ein „Laboratoire d’Ortho-Génétique“ (!) wurde. Nach eigener Aussage wolle er sich von der „orthodoxen“ Orgonomie distanzieren und diesen Begriff nicht mehr verwenden, sondern lieber „diese Pseudowissenschaft namens Genetik“ angreifen. Wobei Laurens Ingenieur ist, kein Biologe. Er hegte offensichtlich eine große Verachtung für das American College of Orgonomy.

Roger Dadoun (1928-2022), ein Psychologieprofessor, verfaßte 1975 ein freundliches und nicht allzu schlechtes Buch über Reich, Cent fleurs pour Wilhelm Reich (100 Blumen für Wilhelm Reich), das ins Italienische und Spanische übersetzt und 1999 auf französisch neu aufgelegt wurde. Es diente den Franzosen als eine Art Nachschlagewerk, und das ist auch gut so, denn es gab weitaus destruktivere Bücher. Eine sorgfältige Lektüre seines Buches zeigt, daß er Reich bereits 1975 „sanft“ für dessen angeblich moralistischen Ansichten über Homosexualität und prägenitalen Sex angegriffen hat.

Interessanterweise wurde in der Berliner Zeitschrift emotion Nr. 3, 1981, aus Dadouns Cent fleurs pour Wilhelm Reich genau dieses Kapitel über Homosexualität übersetzt. Dort wird Dadouns Opposition zur Orgonomie besonders deutlich. Hier und im Kapitel über Genitalität greift er Reich offen für dessen „konformistisches“ Ideal der sexuellen Normalität an. Reich wurde schon 1975 als engstirniger Cisgender entlarvt!

2007 veröffentlichte Dadoun das Buch Utopies sodomitiques: diagonales de l’anal, dessen Thema bereits im in der emotion veröffentlichen Kapitel anklang und das wie folgt beworben wurde:

Was kann dieses „schändliche Vergnügen“, dieses „schändliche Laster“, „dieses abscheulichste Verbrechen unter allen Verbrechen“ sein, das nur durch Enthauptung, Galgen oder Scheiterhaufen bestraft werden kann, wobei zuvor Feuerfolter, Auspeitschen und andere Mißhandlungen erforderlich sind – ein Verbrechen, das R.-P. Sinistrari von Ameno in seiner 1754 in Rom veröffentlichten Abhandlung De Sodomia mit so viel heiligem Zorn anprangert? Der Name stammt aus dem biblischen Text und lautet Sodomie, oder besser gesagt Sodomien, da die Frau und das Aneinanderreiben der Geschlechtsteile mit Klitoris, Dildos und vielen peniblen Details im Vordergrund stehen. Der Prälat beleuchtet damit nolens volens die Rolle der Sexualität, genauer gesagt der analen Sexualität, genauer gesagt des Anus, in einer theologischen und religiösen Sicht des Menschen, über der der Schatten Satans liegt. Diese Verbindung zwischen Satan und analer Libido untersucht Roger Dadoun methodisch – um eine entscheidende Antwort darauf zu geben – in seinen Sodomitischen Utopien, einem gelehrten Essay, in dem sich die rosa und schwarzen Diagonalen des Analen kreuzen: ein Luther, der auf der Latrine des Klosters Wittenberg hockt und die kommende Reformation halluziniert, ein Hieronymus Bosch, der ein Tausendjähriges Reich schmiedet, in dem der Teufel die Menschen verschluckt, um sie wie Kothaufen auszuscheißen, ein Dante, ein Sade, die Nazihorden, die Auschwitz zum „Anus der Welt“ machten, aber auch die exquisiten lustvollen Sonette des Aretino, Fourier und seine Neue Welt der Liebe, die Erzählungen eines Artaud oder Bataille, die entscheidenden Fortschritte der Psychoanalyse und die höchsten ästhetischen Schöpfungen, die dem Analen seine herausragende Funktion im lebendigen Energiekreislauf der menschlichen Realität zurückgeben.

Wirklich: angesichts des hier hervorgehobenen letzten Satzes sollte man nochmals Dadoun in emotion lesen!

Dadoun näherte sich im Laufe der Zeit immer mehr der Linken und den Anarchisten an und begann zu sagen, daß das Orgon „eher ein Zufallskonzept“ sei und ähnliches. „Qui a peur de Wilhelm Reich?“ (deutsch: „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“) ist ein Essay, der 1999 als langes Vorwort bzw. Begleittext zur Neuauflage von Cent fleurs pour Wilhelm Reich erschienen ist. Hier geht es u.a. um Umweltverschmutzung bis hin zur Pädophilie, er präsentiert aber nie eine solide, gute Darstellung der orgonomischen Sichtweise.

Der Journalist Gerard Ponthieu, ein enger Freund Dadouns, hat zahlreiche Reportagen und Artikel in französischsprachigen Medien veröffentlicht. Ponthieu und Dadoun haben 1999 ein Buch über die Sexualität älterer Menschen mit dem Titel Vieillir et jouir (Altern und Genießen) veröffentlicht. Ponthieu ist Autor mehrerer Bücher und leitete von 1975 bis 1980 die monatlich erscheinende Zeitschrift Sexpol. U.a. schrieb er dort „Reich – limites et contradictions“ (Reich – Grenzen und Widersprüche). Er konzentriert sich fast ausschließlich auf die Geschichte mit den Schwulen und greift Dadouns Argumente auf. Man erinnere sich an Dadouns verschiedene „Ebenen“ der Betrachtung des Problems, wie Dadoun es in emotion ausführt: Die tiefste war die, das Leben in jedem sexuellen Verhalten zu sehen. Das klingt kaum nach Orgonomie. Unter dem Artikel von Ponthieu ist ein Foto eines FKK-Camps zu sehen, in dem sich viele junge Leute um ein Schwimmbad drängen…

Sexpol war eine Zeitschrift für „Sexualität, Politik, Feminismus, neue soziale Bewegungen“. Herausgeber war „Grif“, ein Verbund politisch engagierter Frauen. Im Netz heißt es weiter: „In den 70er Jahren war Sexpol bekannt dafür, radikale Positionen zu Sexualität und Politik zu vertreten und eine Plattform für neue Stimmen zu sein. Das Magazin war ein wichtiger Akteur in der feministischen und linken Szene.“

Frank-Reich (Teil 3)

11. September 2026

Boris Fraenkel gab zwei Ausgaben der Zeitschrift Partisans über Reich heraus („Sexualité et répression“, Nr. 32-33, 1966, und 66-67, 1972). Die letztere Ausgabe enthielt Übersetzungen mehrerer Aufsätze von Reich, Otto Fenichel und Karl Teschitz aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie und des Reich-Bernfeld-Austauschs über „Der masochistische Charakter“ sowie Aufsätze verschiedener anderer Autoren. Beispielsweise Bertell Ollman und ein Johann Arnasson mit „Von Marcuse zu Marx“ und zwei Aufsätze über die Unterdrückung der Homosexualität von einem Pierre Hahn. Partisans wurde von François Maspero herausgegeben, einem kleinen linken Verleger, der durch die französische Ausgabe von Neills Summerhill bekannt wurde. Maspero veröffentlichte auch eine Übersetzung von Der sexuelle Kampf der Jugend.

Fraenkel stellte auch die Bibliographie für eine Ausgabe des Magazine littéraire (Nr. 74, 1973) zusammen, deren zentrales Dossier Reich gewidmet war. Die Ausgabe enthielt mehrere Beiträge von Personen, die sich für den Freudo-Marxismus interessieren: Constantin Sinelnikoff, Marc Kravetz, André Nicolas („Wilhelm Reich und die Arbeitsdemokratie“), François George („Reich, Freud et la psychanalyse“, kaum wohlwollend und in gewisser Weise ähnlich wie Guillebaud), sowie zwei Beiträge von Fraenkel selbst: „Repères biographiques“ (S. 12-13) und, wie erwähnt, eine Bibliographie (S. 14-18). In „Repères biographiques“ sagt Fraenkel fast nichts über Reichs orgonomische Forschung: „1934-1939: Aufenthalt in Oslo. WR wendet sich einer Art Bio-Energetik zu“ und „1954: Die FDA leitet ein Verfahren gegen ihn wegen illegaler Ausübung der Medizin ein“.

Fraenkel sagt auch, daß die französische Veröffentlichung von The Function of the Orgasm (1942) im Jahr 1952 völlig unbemerkt blieb, was bei La crise sexuelle (eine Übersetzung von 1934 des 1930 erschienenen Reich-Buches Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral, aus dem dann Die sexuelle Revolution wurde, gefolgt von einer Kritik durch den Kommunisten Sapir) nicht der Fall war. Ein Teil von The Function of the Orgasm war 1950 in der französischen psychoanalytischen Zeitschrift Psyché veröffentlicht worden. Die zweite Auflage von 1967 mit 3000 Exemplaren war jedoch schnell ausverkauft und Fraenkel lobt sich selbst dafür, daß er einer der ersten war, der sie verbreitete. Er merkt auch an, daß die französische Übersetzung von Die sexuelle Revolution (1968) besser ist als die in anderen Sprachen, weil der Übersetzer, der Freudo-Marxist Sinelnikoff, mit der Nachlaßverwalterin Higgins darum gerungen habe, dem Original so treu wie möglich zu bleiben.

Auf S. 17 des Magazine littéraire schreibt Fraenkel: „Von einem bestimmten Zeitpunkt an ebnete Reich alles immer mehr ein, politisch und persönlich.“ „[I]n diesem Zustand verstümmelte er seine frühere Arbeit und ging sogar so weit, sie in einigen Fällen schlicht und einfach zu fälschen.“ Mehrere Autoren haben Reich für seine ausgereiften gesellschaftspolitischen Ideen angegriffen, aber, soweit ich es überblicke, hat nur Fraenkel von Fälschung gesprochen. Über die 3. Auflage von Charakteranalyse schreibt er, sie sei ein „typisches Beispiel dafür, wie es Reich in der letzten Periode seines Lebens gelang, sich in den Augen einer ernsthaften und reifen Öffentlichkeit zu diskreditieren“ (S. 15). Und er äußert sich positiv über die Studie eines deutschen Trotzkisten, „der mir in seiner Kritik an Wilhelm Reich auf höchstem Niveau zu sein scheint“: Helmut Dahmer.

Einer der Autoren erwähnt einen Artikel von Claude Revault d’Allonnes aus dem Jahr 1971 (eine Psychologieprofessorin, damals bereits Dozentin – maître de conférences). Ich konnte ihn in der Rubrik „Die Jugend verstehen“ in der Zeitschrift Preuves, Nummer 8 der neuen Reihe, 1971, S. 81-92, lesen. Der Titel lautet „Pourquoi ils se passionnent pour Wilhelm Reich“ („Warum sie von Wilhelm Reich fasziniert sind“, gefolgt von „Lange Haare: mehr als eine Mode“). Der Aufsatz enthält einige gute Argumente, indem er beispielsweise die Entwicklung der sexuellen Normen, die in Richtung der sexuellen Revolution gehen, der Haltung der Behörden von 1968 gegenüberstellt, die die Forderung nach einem Miteinander der Geschlechter an der Universität von Nanterre nur für eine Laune hielten. Frankreich war damals ein Land mit einer sehr konservativen Moral, und der Mai 68 hatte auch gute Seiten. Aber selbst danach wurde ein Philosophielehrer mit festem Lehrauftrag entlassen, weil er im Unterricht Reichs Ideen diskutiert hatte.

Zu den Autoren derselben Ausgabe von Preuves gehörten François Mitterrand (der Reich in seinem 1978 erschienenen Buch L’Abeille et l’Architecte, dt. Titel: Die Biene und der Architekt, erwähnte), Chevènement (mehrfacher Minister in den sozialistischen Regierungen), Paul Stehlin, der damalige Pariser Abgeordnete, usw.

Revault d’Allonnes sagt, sie habe bemerkt, daß sich die Studenten viel häufiger auf Reich als auf Marcuse bezogen, „um ihre Kämpfe zu führen“. Sie luden sie auch ein, über Sexualität zu sprechen.

Frank-Reich (Teil 2)

10. September 2026

Praktisch alle französischen Reichianer waren entweder Trotzkisten oder Anarchisten (Gian Laurens, Gérard Guasch, Jacques Lesage de la Haye). Was speziell die Trotzkisten betrifft:

Der Einfluß des Trotzkismus war (…) immer größer als der seiner Organisationen. Sein Beitrag zu den Debatten über den Antikolonialismus sowie zur Analyse der UdSSR und des bürokratischen Phänomens ist unbestreitbar. Wir finden zahlreiche Trotzkisten oder ehemalige Trotzkisten in verschiedenen Bereichen wie Geschichte (Pierre Broué, Jean-Jacques Marie, Jacques Kergoat), Philosophie (Boris Fraenkel, Jean-Marie Vincent, Henri Malher, Daniel Bensaïd), Wirtschaft (Ernest Mandel, Isaac Johsua, Pierre Salama, François Chesnais), Soziologie (Pierre Naville, Claude Lefort, Pierre Fougeyrollas, Jean-Marie Brohm), Politikwissenschaft (Denis Berger, Philippe Corcuff, Enzo Traverso), Mathematik (Laurent Schwartz) und auch in den Medien. Ganz zu schweigen von der Politik, vor allem in der grünen und in der sozialistischen Partei.

Aus „La France, Trotski, les trotskismes“ von Jean-Guillaume Lanuque und Claude Pennetier, Le Monde, June 13, 2001. Michel Dreyfus, Lanuque und Pennetier sind die Co-Autoren von Maitron, dictionnaire biographique du mouvement ouvrier („Biographisches Wörterbuch der Arbeiterbewegung“).

Diesem Beitrag folgt ein kurzer Kommentar mit dem Titel „Qu’est-ce que l’entrisme?“ („Was ist der Eintritt?“) über die trotzkistische Taktik, eine Krise in einer linken Partei herbeizuführen und schließlich eine Abspaltung ihrer radikaleren Elemente zu bewirken. Beispielsweise in der französischen KP in den 1950er Jahren, in der britischen Labour Party und in jüngerer Zeit in der französischen Sozialistischen Partei und den Gewerkschaften. (Übrigens hat Reich mit seinen „Revolutionären Sozialdemokraten“ Ende der 1920er Jahre das gleiche in der SDAP probiert!)

Im Frankreich der 1990er Jahre waren die Trotzkistischen Parteien: Lutte ouvrière (Arbeiterkampf, eine Organisation, die aus den Maiunruhen von 1968 hervorging), die Ligue communiste révolutionnaire (Revolutionär-kommunistische Liga 1974 bis 2009) und die Parti des travailleurs (Arbeiterpartei, gegründet von Lambert, auf den ich gleich zurückkommen werde, 1991 bis 2008). Die beiden erstgenannten Parteien stellten bei den Präsidentschaftswahlen 1995 eine gemeinsame Kandidatin auf, Arlette Laguiller, die über 5 % der Stimmen erhielt.

Der oben angeführte Boris Fraenkel (1921-2006), ein Jude aus Danzig, behauptete, er sei derjenige, der 1968 „Herbert Marcuse und Wilhelm Reich in Frankreich eingeführt“ habe. Fraenkel hatte Reichs „Unterschiede zwischen liberalistischer Sexualreform und revolutionärer Sexualpolitik“ (Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, 1935) bereits in den 1930er Jahren übersetzt (La Rentrée, Oktober 1938). Daher galt er als Autorität in Sachen Reich und wurde von den Studenten in Nanterre (Stichwort Daniel Cohn-Bendit) eingeladen, 1968 einen Vortrag zu halten.

Vielleicht erinnern sich einige an den Skandal um den vor kurzem verstorbenen Sozialisten Lionel Jospin im Jahr 2001: „Moi, Boris Fraenkel, professeur de trotskisme de Lionel Jospin“ von Claude Askolovitch, Le Nouvel Observateur, 7. Juni 2001. Er war von 1997 bis 2002 Premierminister.

Fraenkel war zunächst in einer zionistisch-kommunistischen Bewegung (Hachomer Atzair) aktiv. Als Staatenloser wurde er im Juni 1968 von den französischen Behörden ausgewiesen, doch seine französische Freundin und eine christliche Vereinigung sorgten dafür, daß er zurückkehren konnte. Er war einer der Gründer der OCI (Organisation communiste internationaliste), zusammen mit Pierre Boussel, alias „Lambert“. Der bereits erwähnte Lambert, ein alter Trotzkist, war einst ein Präsidentschaftskandidat, wenn auch ein sehr erfolgloser, aber er wurde immerhin von Chirac nach dessen Wahl 1995 empfangen. Ich weiß dies aus einem sehr interessanten Interview von Stéphane Courtois, Autor von Das Schwarzbuch des Kommunismus, das in Le Figaro erschienen ist, in dem Courtois die versteckten Taktiken der Trotzkisten und insbesondere von Jospin erörtert und darauf hinweist, daß wir immer noch nicht wissen, welche Beziehungen Premierminister Jospin derzeit (bzw. natürlich zur damaligen Zeit) zu den Trotzkisten hat. Die OCI, die Organisation, die Jospins Werdegang prägte, war offenbar die geheimste und rigideste trotzkistische Gruppe in Frankreich. Immerhin erinnert uns Jean-François Revel in La connaissance inutile („Die Flucht vor der Wahrheit“) daran, daß die offizielle Bibliographie der Sozialistischen Partei, die in den 1970er Jahren unter Jospin, dem damaligen Parteisekretär, veröffentlicht wurde, Titel von Marx und Lenin enthielt.

Aber zurück zu Fraenkel: Er wurde 1966 aus dem OCI ausgeschlossen und sagt, er habe keine weiteren Treffen mit Jospin gehabt. Interessanterweise ist 1966 das Datum, an dem Fraenkels Essay „Für Reich“ in Partisans veröffentlicht wurde. Soweit ich weiß, zirkulierte sein Essay über Reich um diese Zeit auch in deutscher Übersetzung als Mimeographie und war möglicherweise der erste Text, den viele in Deutschland über Reich lasen!

„Fraenkel war der große Priester des ‚Freudo-Marxismus‘, im Namen, wie er sagt, ‚der wissenschaftlichen und revolutionären Wahrheit‘“ (Askolovitch). Im Jahr 1963 übersetzte er Marcuses Eros und Zivilisation (mit Jean-Guy Nény, eine vom Autor überarbeitete Übersetzung). Er war auch für sein Interesse an Reich bekannt, da er der Lehrer von Jean-Marie Brohm war, der 1968 zur Veröffentlichung von Die sexuelle Revolution beitrug (es gibt eine Dankesnotiz für ihn und für Daniel Guérin). In Jean-François Revels Without Marx or Jesus (1970) findet sich sogar ein (Maurice Thorez kritisierendes) Zitat aus einem von Brohms Veröffentlichungen in Partisans: „Der Kampf gegen die sexuelle Repression“. Im Jahr 2000 hat Brohm den Artikel „Sur la psychologie de masse du fascisme“ in der linken antifaschistischen Zeitschrift Mauvais Temps (Schlechte Zeiten) veröffentlicht.