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Orgonomie: doktrinär, autoritär und kultisch?

12. September 2018

Doktrinär, autoritär und kultisch zu sein, wird der Orgonomie seit nunmehr 70, wenn nicht 80 Jahren vorgehalten. Deshalb sei sie steril und komme nicht voran. Da frägt man sich, was denn die beizutragen hatten bzw. hinterlassen haben, die gegen diese Doktrinäre, Autoritäre und Kultische gegenhielten! Was ist von Paul Ritter und David Boadella, deren Zeitschriften Orgonomic Functionalism und Energy and Character übriggeblieben? Liest man diese Periodika heute, stellt man fest, daß mit jedem Jahrgang, d.h. je mehr sie sich von Reich „emanzipierten“, die Beiträge flacher und unbedeutender wurden. Was an Originalität in den Vordergrund drang, war durchweg null und nichtig. Nicht ein fruchtbarer Gedanke, nicht einer! Nur Wirrnis und Leere. Ähnliches läßt sich über Alexander Lowen mit seiner „Bioenergetik“ sagen und Charles Kelleys „Radix“. Was bleibt, ist ein schlechtes Gefühl. Narzißten spreizen sich und wenn sie gegangen sind, bleibt nichts Produktives zurück.

Soweit die heterodoxen Nullen, aber mit den Orthodoxen ist es kaum besser. All die Orgonomen, die sich über die Jahrzehnte vom Hauptstrang der Orgonomie gelöst haben, um „frei“ zu sein… Dann hat man nie wieder von ihnen gehört. Bei manchen mag die Trägheit dafür gesorgt haben, daß die Bewegung einige Zeit anhielt, aber das verpuffte schnell. Am Ende stand eine gähnende Frustration.

Das, was diese Desperados von der Orgonomie entfremdete, war gar nicht das Doktrinäre, Autoritäre und Kultische der Orgonomie (das ich durchaus nicht bestreiten will!), sondern etwas ganz anderes: ihre eigene strukturelle Unfähigkeit Bewegung zu ertragen. Deshalb versuchen sie zu bremsen, die einheitliche, gerichtete Bewegung zu zersplittern und in chaotische Wärmebewegung zu transformieren. Sie sind im Organismus der Orgonomie das, was im einzelnen Organismus die Panzerung ist, die die einheitliche orgonotische Strömung eindämmt und zersplittert. Aus funktioneller Sicht sind deshalb SIE, die Rebellen der Orgonomie, doktrinär, autoritär und kultisch. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 1)

5. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

Einleitung

In Deutschland ist wenig echtes Wissen über die Orgonomie bekannt. Sie ist die Wissenschaft von der primordialen, kosmischen Energie, Orgonenergie genannt, die universell gegenwärtig ist und in den Lebewesen als biologische Energie funktioniert. Die Orgonomie erhebt den Anspruch, Naturwissenschaft zu sein. Obwohl ihr noch Pioniercharakter anhaftet, beruhen ihre Grundlagen auf klinisch-empirisch gut begründeten Thesen und aus Experimenten gewonnenen Einsichten. Das Stadium der bloßen Spekulation ist längst überwunden, was natürlich nicht heißt, daß es keine offenen, unbeantworteten Fragen mehr gibt.

Die Entdeckung der Orgonenergie in den Jahren 1936 bis 1939 und ihre weitere Erforschung ist im Wesentlichen das Werk Wilhelm Reichs. Reich begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Mitglied der damals von Freud geleiteten Wiener psychoanalytischen Gesellschaft, in die er 1920 noch als Student auf Grund klinischer und theoretischer Beiträge aufgenommen wurde. Die konsequente Verfolgung tiefenpsychologischer Fragestellungen und Probleme führte zunächst zum Versuch einer Synthesebildung zwischen Psychoanalyse und Marxismus, später dann zur Entdeckung der Orgonenergie. Reichs Schriften, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, wurden in der Studentenbewegung neu verlegt. Sie bildeten einen der theoretischen Stützpfeiler für die Forderungen nach Abschaffung der autoritär-patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen.

Jedoch erhielt die Ablehnung der Orgonomie durch die meisten von Reichs Zeitgenossen während der Studentenbewegung in Deutschland eine schicksalhafte Neuauflage. Die Reich-Renaissance der späten sechziger Jahre beschränkte sich auf seine frühen Schriften, die sich mit dem Zusammenhang von Sexualität und Politik befassen. Die Orgonomie wurde weiterhin ungeprüft abgelehnt.

In zahlreichen Gesprächen mit jungen, engagierten Intellektuellen zeigte sich, daß niemand, der sich mit dem frühen sexualpolitischen Schriften Reichs befaßt hatte, den logischen Schritt zur Beschäftigung mit der Orgonomie vollzogen hat. Mehrere Positionen lassen sich zusammenfassen.

  • „Ich weiß nichts über Orgonomie, ich kann da nichts zu sagen.“ Vertreter dieser Gruppe diskutieren ungeniert auf der Grundlage der sexualpolitischen Schriften Reichs Fragen zur Erziehung und Sexualität. Dieses anachronistisch anmutende Vorgehen ist in etwa vergleichbar dem Verhalten eines Mathematikers, der trotz Entdeckung der Computertechnik schwierige mathematische Aufgaben mit dem Rechenschieber zu lösen versucht, weil die neuen Erkenntnisse noch nicht Allgemeingut geworden sind.
  • „Wenn da was dran wäre, hätte schon längst jemand etwas gemerkt. Schließlich wird die Orgonomie ja von führenden Wissenschaftlern (klugen Köpfen!?) abgelehnt.“ Diese Aussage trifft oft gepaart mit einer anderen, im Folgenden beschriebenen Haltung auf.
  • „Reich stand unter dem Einfluß einer beginnenden Schizophrenie, als er sich mit der kosmischen Energie befaßte“ (statt als angesehener Therapeut, der er damals war, Geld und Anerkennung nachzujagen). Die Thesen der Orgonomie seien ja auch viel zu absurd, als daß man sich ernsthaft damit auseinandersetzen müßte.1
  • Von marxistischer Seite wird Reich die Aufgabe des Marxismus vorgeworfen. Eine Auseinandersetzung unterbleibt, man verweist in diesen Kreisen ebenfalls auf die vermeintliche Geisteskrankheit Reichs.

Gelegentlich bekam ich auch zu hören, die Orgonomie sei bereits widerlegt, jedoch wußte niemand anzugeben, wo eine wissenschaftliche Kritik nachzulesen ist. Ich selbst habe keine wissenschaftliche Veröffentlichung gefunden, die auf Grund von Überprüfung der Orgonenergie-Experimente zu einer Kritik an den gefundenen Phänomenen gelangt. Im Gegenteil: Wissenschaftler, die einzelne Experimente nachvollzogen haben, bestätigen die Reich’schen Entdeckungen. Darauf werde ich im Verlauf der Darstellung zurückkommen.2

Gegenwärtig mehren sich die Anzeichen für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Orgonomie. Seit 1975 gibt eine Wilhelm Reich Studiengruppe in der Bundesrepublik die Wilhelm-Reich-Blätter heraus, die die Information und Diskussion über die Orgonomie zum Ziele haben. Auch existieren inzwischen schon einige Orgonenergie-Akkumulatoren in Deutschland, mit deren Hilfe Experimente nachvollzogen werden können. Ich selbst besitze seit Januar 1977 einen Akkumulator. Auf meine eigenen Erfahrungen gehe ich im Rahmen dieser Arbeit noch ein.

Die Beschäftigung mit der Orgonomie – und damit mit der Lebensenergie – ist unmöglich von der Beschäftigung mit dem eigenen Denken und Fühlen, den Manifestationen der Lebensenergie im eigenen Organismus, zu trennen. Voraussetzung für den praktischen Nachvollzug der Entdeckung der Orgonenergie ist die biologische Funktionsfähigkeit des forschenden Organismus. Ein Wissenschaftler der – vielleicht ohne es zu wissen – unfähig ist, das natürliche Funktionieren der Lebensenergie im eigenen Körper zu erleben, sich im Orgasmusreflex gänzlich hinzugeben, also das unwillkürliche, konvulsive Zucken des gesamten Körpers zuzulassen, kann unmöglich über eben diesen Orgasmusreflex und dessen bioenergetische Grundlage wissenschaftlich urteilen. Hierin liegt sicher ein Grund, warum bisher nur so wenige versucht haben, die Orgonomie sachlich zu behandeln. Mich persönlich führte die Beschäftigung mit der Orgonomie schließlich zur Einsicht in die eigene Neurose und damit zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Orgontherapie mit dem Therapieziel: Herstellung des Orgasmusreflexes (orgastische Potenz). Da es gegenwärtig in Europa lediglich einen Orgontherapeuten gibt, muß ich eine längere Wartezeit in Kauf nehmen und kann daher die praktische Erfahrung einer Orgontherapie in diese Arbeit noch nicht einbeziehen.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die Entdeckung der Orgonenergie darzustellen und dem Leser einen ersten Eindruck zu vermitteln, wie die Orgonenergie funktioniert. Es ist nur allzu verständlich, daß viele Fragen auftauchen werden, die nicht alle in dieser Arbeit behandelt werden können. Die Entdeckung der Orgonenergie kann heute nur sehr schwer systematisch nachvollzogen werden. Einer der Gründe hierfür liegt in der Tatsache, daß die umfangreichen Veröffentlichungen, die sich auf einen Zeitraum von ca. 30 Jahren verteilen, infolge verschiedener politischer und sozialer Umstände nur sehr schwer zugänglich sind. Es wurde in den USA, wo Reich seit 1939 arbeitete, während der fünfziger Jahre die Verbreitung orgonomischer Literatur ebenso wie die Verbreitung sexualpolitischer Schriften in Nazi-Deutschland gerichtlich verboten. In Deutschland sind viele Schriften Reichs zur Orgonomie heute noch nicht veröffentlicht. Daher war es mir auch nicht möglich, Reichs Arbeit Contact with Space in diese Darstellung einzubeziehen.3 Ein Lehrbuch zur Einführung in die Orgonomie existiert nicht, und die vorliegende Arbeit kann die mühsame Auseinandersetzung mit der Originalliteratur nicht ersetzen. Das Ziel dieser Arbeit wäre erreicht, wenn der Leser zu näherer Beschäftigung mit der Orgonomie motiviert würde und somit an einer sachlichen Diskussion über die Orgonenergie teilnehmen könnte.

 

Fußnoten

  1. Vgl. z.B. Rycroft, Charles, Wilhelm Reich, München 1972, S. 92.
    Die These, Reich sei schizophren gewesen und bei der Orgonomie handele es sich um pseudowissenschaftliche Wahnwelten, wurde noch im März 1977 in einer vom WDR ausgestrahlten Rundfunksendung vertreten. Aus dem Manuskript von Marianne Lienau geht hervor, daß sie ihre Aussage auf die Reich-Biographie von Ilse Ollendorff-Reich stützt. Ollendorff-Reich gibt aber deutlich zu verstehen, daß sie selber von der Existenz und Nützlichkeit der Orgonenergie überzeugt ist. Vgl. Ollendorff-Reich, I., Wilhelm Reich, München 1975, S. 165. Sie bezeichnet lediglich einige von Reichs Ideen in den fünfziger Jahren, also rund 12 Jahre nach Entdeckung der Orgonenergie, als paranoid, z.B. daß Reich glaubte, der Prozeß gegen ihn sei von den Sowjets angezettelt, und die amerikanische Regierung stünde auf seiner Seite und bewache ihn ständig. (Vgl. ebenda S. 196). Eine derartige Verdrehung von Aussagen durch den WDR kann als schlecht recherchierte Sendung abgetan werden. Meiner Auffassung nach stellt sie jedoch ein typisches Beispiel für die Rufmordkampagne gegen die Orgonomie dar. In einem Antwortbrief teilte mir die Autorin mit, sie habe sich kaum mit Orgonomie befaßt.
  2. Kelley bemerkt zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Orgonomie: „Was hat die traditionelle Wissenschaft getan, um Reichs Behauptungen zu widerlegen oder in Zweifel zu ziehen? In den mehr als 20 Jahren, seit Reich die Entdeckung der Orgonenergie verkündet hat, wurde niemals eine glaubwürdige Wiederholung irgendeines kritischen Orgonexperiments veröffentlicht, die Reichs Ergebnisse widerlegte. Dr. Bernard Grad wiederholte und bestätigte Reichs ‚Experiment XX‘. Wer hat es widerlegt? Ich wiederholte und bestätigte seine Wetterkontrollversuche. Wer hat diese widerlegt? Tatsache ist, trotz (und teilweise auch wegen) Spott, Verleumdungen und Versuchen der Orthodoxen, Reich und die Orgonomie zu ‚begraben‘, gibt es keine Gegenbeweise zu seinen Experimenten in einer wissenschaftlichen Publikation, geschweige denn eine systematische Widerlegung der Bände an wissenschaftlicher Arbeit, die ihren Standpunkt unterstützen.“ Aus: Kelley, Ch. R., What is Orgone Energy, Raubdruck, S. 72f [Zitat übersetzt von PN]. Bei dem Raubdruck handelt es sich um einen Vortrag aus dem Jahre 1962.
  3. Inzwischen habe ich von der Möglichkeit erfahren, diese Schrift in englischer Ausgabe über einen österreichischen Alternativ-Verlag zu beziehen.

Filmkritik: Der neue Reich-Film

28. Juli 2018

von Robert (Berlin)

In den Räumen der Sigmund-Freud Privatuniversität des riesigen Tempelhofer Flughafengebäudes gab es am 26. Juli 2018 die deutsche Erstaufführung des Films „Love, Work and Knowledge. The life and trials of Wilhelm Reich“.

Am Empfang gab es gleich einen netten Stoffbeutel mit Infomaterial. Für Essen (Knabbereien) und Getränke war obendrein gesorgt. Der Film wurde wegen hoher Anmeldezahlen in zwei Räumen gezeigt.

Augenblicklich erkannte ich die Koryphäen Bernd Senf und Heike Buhl. Nach einer kurzen Einführung durch einen Studenten ging es los.

Der Film selbst hat die Lauflänge von 110 min, was ziemlich mühevoll war. Da der Film in Englisch ist, war hier die Sprecherin von besonderer Bedeutung. Aber sie sprach leider ziemlich verwaschen, wie mir meine Nachbarin bestätigte, was das Verstehen noch schwieriger machte.

Einige Schwerpunkte im Film waren der Konflikt mit Freud und der Verfolgung durch das FBI. Es wurden viele unbekannte Fotos und Filmclips gezeigt, häufig war die Stimme von Reich selbst zu hören. Reich filmte selbst Aufmärsche der KPD. Seiner Zeit als Psychoanalytiker wurde viel Platz geschenkt, aber ob Aussagen von heutigen linken Psychoanalytikern oder eines abgehalfterten Soziologen wirklich so wichtig sind, bezweifle ich.

Der Zeit mit Elsa Lindenberg wurde viel Platz gegeben. Besonders manche Fotos von Reich zeigen ihn von einer mir bisher unbekannten, ausdrucksvollen Art. Weiterhin wurden unbekannte Fotos seiner Familie und Mitarbeiter gezeigt. Teile der Funktion des Orgasmus und People in Trouble scheinen von Reich vor der Publikation auf Magnetband gesprochen zu sein, wie im Film zu hören war.

Sehr interessant ebenfalls spätere Aufnahmen und Filmclips vom Orgonmotor, den Mäuseexperimenten und dem ersten Bau des ORAC, häufig in Farbe. Jedoch ist die amerikanische Periode sehr stark der Verfolgung und dem Prozess gewidmet. Hier fehlte mir einiges, so z.B. die therapeutische Entwicklung.

Leider ist der gesamte Film mit einem traurig klingenden Streichinstrument unterlegt, was eine bedrückende Atmosphäre hinterlässt. Da doch einige Punkte von Reichs Leben wegfielen, ist zu fragen, ob der Film nicht besser in zwei oder drei Teilen hätte gedreht werden sollen. Desgleichen der Schnitt erschien seltsam unausgegoren, manchmal erschienen Szenen aus späteren Zeiten, die Kohärenz war mir nicht ersichtlich. Im Abspann merkte man, dass eine starke Linksdrift vorhanden war, das ACO tauchte nicht auf. Morton Herskowitz wurde mehrmals mit seinen Aussagen wiedergegeben.

Bei der anschließenden Diskussion war ich nicht mehr dabei.

Fazit: Der Film überzeugt mit viel neuem Material. Insgesamt ist er etwas lückenhaft und manchmal wieder weitschweifig. Allerdings bin ich nicht in Lage, alles korrekt zu beurteilen, weil meine Englischkenntnisse verbesserungswürdig sind. Eine Teilnehmerin meinte, Untertitel (in Englisch) wären gut gewesen.

Pseudo-Orgonomen und ihr Kult des Unbedingten

30. Juni 2018

Politik löst keine Probleme, sie ist das Problem. Dabei geht es um die Einseitigkeit, Beschränktheit, die Unfähigkeit, über den Rand der eigenen Charakterstruktur hinauszusehen. Man betrachte nur das bizarre Ritual der Bundestagsdebatten, wo immer nur die eigene Partei klatscht. Man sieht immer nur die Gegensätze, nie das zugrundeliegende einheitliche Funktionsprinzip.

Die Untergang des Deutschen Reiches war unausweichlich, weil Stalin ein Trotzkist war und Hitler ein Nationalsozialist. Ganz nach Trotzkis Konzept war die Sowjetunion ein militärisch durchorganisiertes Land, dessen Ökonomie nur eine Funktion hatte: die von Trotzki geschaffene Rote Armee mit Offensivwaffen auszustatten und mit ihrer Hilfe die Grenzen der Union der Räte zu allen Meeresküsten des eurasischen Kontinents wenn nötig mit militärischer Gewalt vorzuschieben und schließlich den Planeten zu erobern. Wer etwas anderes glaubt, ist schlichtweg ein Idiot. Hitlers Krieg hat diesen Plan, den Durchbruch zum Atlantik, durchkreuzt. Die Sowjets, die sich in ihrer Hegelianischen Geschichtsmetaphysik auf dem Vormarsch und „die Reaktion“ auf dem Rückzug sahen, hatten sich gar nicht auf einen Abwehrkampf vorbereitet, so daß Hitler den Krieg hätte gewinnen müssen, wäre er nicht durch seinen rassistischen Wahn geblendet gewesen, der ihn in den „arischen“ Engländern natürliche Freunde, in den Juden natürliche Feinde und in den Slawen natürliche „Sklaven“ hat sehen lassen.

Stalin ein Trotzkist? „Ja, aber…“ Der Pseudo-Orgonom ist unfähig dialektisch (funktionell) zu denken! Liest der Pseudo-Orgonom die obigen Ausführungen, rastet er aus, denn in seinen Augen kann Hitler keinen „Abwehrkampf“ geführt haben und war Stalin ein nationalistisches Monster, ein zweiter Hitler. Beide seien absolut böse und sonst nichts. Und die Alliierten (die Alliierten Stalins!) waren die absolut Guten. Dieses widersprüchliche Wahngebäude wird uns dann als „Orgonomie“ verkauft! (Nebenbemerkung: Man lese die Ausgabe der Massenpsychologie des Faschismus von 1946, eine der vermeintlichen Hauptquellen des besagten Wahns: Reichs demonstratives Desinteresse am Zweiten Weltkrieg, seine offensichtliche Verachtung für den „Überlebenskampf“ der UdSSR und sein Diktum, daß man Faschisten in allen Lagern findet.)

So in allem: Pseudo-Orgonomen sind prinzipiell nicht in der Lage differenziert (funktionell) zu denken und bioenergetische Spannung auszuhalten: In ihren Augen gibt es keine Rassen, d.h. der Mensch ist plötzlich in dieser Hinsicht kein „Menschentier“ mehr! Andererseits sind wir „Menschentiere“ und daher sei die Genderideologie vollkommen falsch, so als gäbe es keine Grade von Männlichkeit und Weiblichkeit! Alles Mystische ist von vornherein Unsinn, d.h. weil die Pseudo-Orgonomen selbst „geistlos“ sind, muß auch die Welt „geistlos“ sein. Gnadenlos reduzieren sie alles auf mechanische „Ätherströme“. Der Mechanismus wird ebenfalls negiert, so als wäre unsere gesamte alltägliche Umwelt nicht durch und durch mechanisch! Daß man das Mechanische energetisch erklären müßte, kommt ihnen nicht in den Sinn, stattdessen leugnen sie beispielsweise die Existenz von Photonen und sogar von Atomen und alles löst sich in Wellen und einer mystischen „Energie“ auf. Daß Photonen und Atome ganz im Gegenteil unmittelbarer Ausdruck der Orgonenergie sind geht über ihren beschränkten Horizont.

Wenn man ihnen sagt, daß JEDER irgendwo Recht hat, sieht man in ihren Augen schiere Panik aufsteigen, denn ihre „Orgonomie“ ist ein Kanon fixer Glaubenswahrheiten. Sie sind nicht Eigner ihrer selbst, sondern von „orgonomischen“ Wahnideen, von Dämonen Besessene.

Paul Ritters Beitrag zum orgonomischen Funktionalismus

24. Juni 2018

Paul Ritter hat das historische Verdienst zwischen 1954 und 1964, also zu einer Zeit als die Orgonomie faktisch stillgelegt war, mit seiner unabhängigen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, die zu ihrer besten Zeit gerade mal 50 Leser hatte, zumindest für etwas Kontinuität und ein Minimum an „Öffentlichkeit“ zu sorgen. Daß der eine oder andere Beitrag grenzwertig war, hat kaum Schaden angerichtet. Was Schaden angerichtet hat, war Ritters unerschütterliches Selbstvertrauen. Er betrachtete sich als einen Menschen, der weitgehend gesund ist:

Swelled headed as it may sound, I have had to come to the conclusion, over the last ten years, that I am sufficiently unarmored and genitally structured to be able to treat, without having been treated. (Orgonomic Functionalism, Vol. 6, No. 5, September 1959, S. 163)

Seit 1949, als er 24jährig damit anfing als „Orgontherapeut“ zu arbeiten, sah er sich zu der Schlußfolgerung gezwungen, daß er ausreichend „ungepanzert und genital strukturiert“ sei, um zu behandeln, ohne selbst behandelt worden zu sein. Also ein zweiter Wilhelm Reich (der immerhin drei Analysen zumindest angefangen hatte!). Seine Äußerungen zeigen jedoch, daß er so gut wie keinen Zugang zum orgonomischen Funktionalismus hatte – dem Titel seiner Zeitschrift. Ich bin darauf an anderer Stelle kurz eingegangen (http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf, S. 96).

Der Zeitzeuge Walter Hoppe hat in seinem Buch über die Emotionelle Pest auf zwei Druckseiten Ritter abgehandelt. Reich habe Ritter nicht nur aufgefordert, nicht als „Therapeut“ tätig zu sein, sondern auch den Titel seiner Zeitschrift zu ändern. Reich verurteilte, so Hoppe weiter, „die irrationale Überheblichkeit und Polyphragmasie“ (Vielgeschäftigkeit) Ritters.

Reich hatte trotz anfänglichem Kredit Ritter in dem Moment abgelehnt, als er sah, daß Ritter seine Kompetenzen weit überschritt und ohne entsprechende Kenntnis in die Orgonomie eingriff, ja den Viertakt der Orgasmusformel eigenmachtig in einen Dreitakt verwandelte. Seine Ablehnung von Ritter drückte Reich mir gegenüber in einem Brief vom September 1954 u.a. in der Form aus: „Wissenschaft ist keine Angelegenheit demokratischer Meinungsbildung, sondern Sache der Erfahrung und des Beweises.“ Reich bat mich 1953 in Amerika von meinem verabredeten Treffen mit Ritter in England abzusehen, da er den Versuch machen konnte, sich damit offiziell Rückendeckung zu verschaffen. (Hoppe: Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984, S. 226)

Reich habe Ritters „Dreitakt“ „schärfstens“ abgelehnt. Es geht dabei um die Abfolge „Attraction – Fusion –Liberation“, also Anziehung, Verschmelzung und Befreiung. Dies sei, Ritter zufolge, DAS „Grundmuster“ allen Funktionierens der kosmischen Orgonenergie – so jedenfalls der Umschlagtext jeder Ausgabe von Orgonomic Functionalism. Davon findet sich nichts bei Reich, es ist der Beitrag Ritters zur Orgonomie (http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf, S. 146).

In der Mystik strebt alles nach Einheit und Befreiung. Bei Ritter ist es direkter Ausdruck seiner links-liberalen Charakterstruktur und der ihr eigenen Form von „Mystik“, die sich nach Einheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und „Liberation“ sehnt. Gleichzeitig ist Ritters Dreitakt, der sich letztendlich auf den Zweitakt „Zusamengehen und wieder Auseinandergehen“ reduzieren läßt, von einer mechanistischen Krudität, die die Orgonomie zu einer leeren, nichtssagenden Hülle entleert. Vielleich könnte man an Pulsation denken, aber was Ritter hier aus funktioneller Sicht wirklich beschreibt, ohne es auch nur ansatzweise zu begreifen, ist, daß Erstrahlung zu Anziehung führt und Anziehung zu Erstrahlung. Wie in der Liebe: das wechselseitige Erstrahlen des Energiefeldes von Mann und Frau führt im Rahmen der kosmischen Überlagerungsfunktion zwingend zur genitalen Verschmelzung (Erstrahlung → Anziehung). Umgekehrt: man fühlt sich magisch zueinander hingezogen und, Bumms, ist man Halsüberkopf ineinander verliebt (Anziehung → Erstrahlung). Bei Ritter verschmiert das alles in einer „Reichianischen“ Wirrnis.

Der Angriff der „Wahrheitsbewegung“ auf die Orgonomie

18. Juni 2018

Alle Menschen sind Idioten, sie sind gepanzert, d.h. nehmen nichts richtig wahr und verzapfen nur Murks; ihre gesamte Naturwissenschaft ist Murks, da sie nichts vom Orgon weiß und so weiter und so fort… Kein Wunder, daß sich offensichtliche Psychopathen, persönlichkeitsgestörte Sonderlinge, hirnorganisch Angeschlagene, Leute, die nach einer „Weltanschauung“ suchen, „Weltverbesserer“ und unbedeutende minderbegabte aber um so narzißtischere Spinner zur Orgonomie und ganz konkret zu diesem Blog hingezogen fühlen. Leute, die an „Vril“, die flache oder an die hohle Erde glauben, an „Chemtrails“, an „reptiloide Formwandler“, all die anderen „Sinnsucher“ und Halbirren, etwa Holocaustleugner, denen das Internet endlich aus ihrer Isolation hilft.

Sie sind wie jene Leute, die, wenn Reich von der „Funktion des Orgasmus“ sprach, an Dildos, Strapse und Fußfetischismus dachten. Sie sind wie jene, die, als Reich den Mystizismus nicht nur als Sexualitätsersatz, sondern als (verzerrte!) Wahrnehmung des Orgons zu betrachten begann, Morgenluft witterten und das zum Anlaß nahmen, die Orgonomie in einer Schlammflut des „Spirituellen“ zu ersticken. Auch zu seiner Zeit begegnete Reich Gralssuchern, Anthroposophen und Anhängern der Welteislehre, aber er hätte sich wohl nie träumen lassen, daß er selbst eines Tages zu ihren Heroen zählen würde:

Es ist praktisch unmöglich sich dieser Leute zu erwehren, denn das Problem, d.h. IHR Problem läßt sich nicht mit Argumenten angehen, sondern nur biophysisch auf der Couch eines orgonomisch orientierten Psychiaters, der ihre Augen- und Brustpanzerung, etc. auflöst. Doch typischerweise unterziehen sich solche Leute niemals einer Orgontherapie. Oder mit anderen Worten: sie stellen das ganze Universum infrage, aber niemals sich selbst. Kurz gesagt sind es Kleine Männer, die alles leer und bedeutungslos machen, was sie berühren.

Historische Vorworte zur niederländischen Ausgabe von „Die Sexualität im Kulturkampf“ (Teil 2)

9. Juni 2018

VORWORT
ZUM ZWEITEN DRUCK DER NIEDERLÄNDISCHEN AUSGABE

Das politische und soziale Leben in den Niederlanden steht seit der Befreiung im Abschwung. Die klerikale Reaktion gewinnt an Boden und die Beschränktheit im Bereich der Sexualmoral nimmt mit jedem Tag zu.

Übrigens ist der Rückfall nicht auf die vorherrschenden Ansichten über Sexualität beschränkt, die Freiheit an sich steht auf dem Spiel. Was bedroht ist, gehört nicht ausschließlich zu den spirituellen Werten einer Handvoll fortschrittlicher, bewusster Menschen (und das ist glücklicherweise, auch jetzt, viel mehr als eine Handvoll), die ein Interesse am Ausgang des Kampfes zwischen Sklaverei und Freiheit haben, was jetzt in fast allen Bereichen des Lebens vor sich geht.

Daher ist die Neuauflage von „Sexualität und neue Kultur“, (die erste Ausgabe erschien 1939) eine der populärsten Arbeiten von Dr. Wilhelm Reich, dessen Bücher in der Regel nicht leicht zu verdauen sind, eine mutige Tat.

Mutig nicht nur wegen der ungewöhnlichen Offenheit mit der Reich über das Problem Sexualität schreibt, sondern vor allem, weil Reichs Ansichten sehr revolutionär sind und von allen Seiten angegriffen werden.

Die Seite Reichs zu wählen bedeutet in Vielem, auch in den fortschrittlichsten Kreisen, eine Bombe platzen zu lassen; die oft aus unbewussten, schwer zu formulierenden Motiven aufbrodelnden Widerstände gegen Reich bleiben äußerst stark. Ein bemerkenswertes Phänomen ist zum Beispiel, dass es in unserem Land bisher nicht gelingen durfte, Anhänger für die Theorien Wilhelm Reichs zu gewinnen. Einige Intellektuelle, selbstverständlich aus progressiven Haushalten, haben sich die Mühe gemacht, Reichs Schriften genauer zu studieren; sie haben sowohl schriftlich als auch verbal mutige Versuche gemacht, die neuen Theorien den Arbeitern näher zu bringen, aber leider erwies sich der Widerstand als zu stark. Die seltenen Bücher und Broschüren sind nicht verschwunden, nur hier und da findet man im Bücherregal eines links Orientierten ein fast vergessenes Stückchen Reich. Ein Gespräch darüber führt meist zu einem negativen Ergebnis: Man scheint von ihm nicht sonderlich beeindruckt gewesen zu sein, zumindest nicht in dem Maße, dass man die revolutionäre Bedeutung von Reich auch und vor allem für die traditionellen Ansichten zur Revolution sehen möchte. Die am häufigsten gehörte, aber auch die einfältigste Sichtweise, mit dem man das Gespräch gewöhnlich beendet, ist: „Nun, es war natürlich eine große Sache diese Theorie so darzustellen, aber seine Position ist schon wieder passé.“ Da zielt man denn auf die oft geäußerte Kritik, die darauf hinausläuft, dass Reichs bewiesener Zusammenhang zwischen sexueller Unterdrückung und Sklavenmoral schwer zu argumentieren scheint, dass aber die freieren sexuellen Beziehungen unter den heutigen Jugendlichen noch keine Garantien für ein wachsendes soziales Verantwortungsbewusstsein gezeigt haben. Diese Kritik ist oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen. Denn die sexuellen Beziehungen, die sich ein Teil der heutigen jungen Menschen erlauben, deutet noch nicht auf das Vorhandensein einer wirklichen freien Sexualmoral hin. Sie ist schwer belastet mit Angst- und Schuldgefühlen, sie ist oft wenig mehr als „Onanieren zu zweit“. Übrigens gibt es noch mehr zu berichten über diese „Widerlegung“ von Reich, was jedoch die Spannweite eines allgemeinen Vorworts übersteigt.

Ein Vorwort bedeutet normalerweise nicht, eine Analyse des Autors oder des initiierten Buches zu geben, sondern eine Bemerkung über die Bedeutung der vorliegenden Ausgabe zu machen und den Leser daran zu erinnern, warum das eingeführte Buch für ihn von Interesse sein könnte.

Also muss ich zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren. Zu Beginn meines Vorwortes habe ich eine Verbindung zwischen der Neuauflage dieser Übersetzung und der Bedrohung der Freiheit gelegt, die jetzt in eine akute Phase eingetreten ist. Sobald man den Kern von Reichs Ansichten erreicht hat, ist diese nicht schwer zu entdecken. Es ist sehr schwierig, diese Ansichten kurz zu formulieren, sie sind sehr schwer auf den Punkt zu bringen. Versucht man dies, so bleibt die gefundene Formel sehr ungenügend und unvollständig. Mit dieser Einschränkung muss Folgendes gelesen und kritisch gegenüber dem tatsächlichen Inhalt dieses Buches getestet werden.

Das Problem der Freiheit, so Reich, hat sehr viel, wenn nicht gar alles, mit der Sexualmoral zu tun. Die wirtschaftliche und geistige Sklaverei im Kapitalismus hat ihre Wurzeln in der Unterdrückung der natürlichen Triebbefriedigung. Dieser einfache Indikator weist in Richtung einer Synthese, die im Gehirn Reichs stattgefunden haben muss, nämlich eine bemerkenswerte Zusammenfassung zweier Denkweisen, die jeweils ihre eigenen Gründe abdecken und nach der Auffassung einiger Autoren sich total widersprechen: der historische Materialismus von Marx-Engels und die Psychoanalyse von S. Freud.

Die zunächst von Freud angenommene Spannung zwischen Lebenstrieb und Todestrieb wurde von Dr. Wilhelm Reich, von der Psychoanalyse und von Anhängern der marxistischen Theorie des dialektischen Materialismus in Frage gestellt und überarbeitet als grundsätzlicher Gegensatz zwischen dem Individuum und der Außenwelt, in diesem Fall der kapitalistischen Gesellschaft.

Und er beweist weiter, wie eng die Sexualmoral mit der Ideologie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verwoben ist. Er kommt dann zu einigen Schlussfolgerungen, wovon die Wichtigste wohl diese ist: Rebellion gegen den Kapitalismus ist für die Arbeiterklasse nur negativ, wenn die Akzeptanz der sozialen Revolution nicht einhergeht mit der Eroberung einer neuen, eigenen Sexualmoral für sich selbst und die Gesellschaft. Tatsächlich kommt man nach dem Lesen von Reichs Büchern zu dem Schluss, dass die soziale Revolution sinnlos ist, solange der revolutionäre Geist sich nicht erstreckt auf den ganzen Menschen, sein Denken, Fühlen und Handeln, besonders mit Bezug zur Sexualität.

Die Akzeptanz von Obrigkeit, Autorität, Unterwerfung hängt weitgehend davon ab, in welchem Maße man seine sexuelle Moral unmittelbar und kritiklos der allgemeinen bürgerlichen Auffassungen entliehen hat, die in der Verneinung und das Verpöntsein des Sexualtriebs wurzeln.

Das meinte ich, als ich Reichs Buch eine aktuelle Bedeutung zuerkannte. Zurzeit erscheinen unzählige Bücher über das Sexualleben des Menschen, jedoch vermochte sich keiner soweit vorzuwagen wie Dr. Wilhelm Reich, so dass trotz der Vielfältigkeit des Lesematerials dieses Buch einzigartig bleibt, das nun einem erbitterten Kampf ausgesetzt sein wird.

Nichtsdestotrotz ist es notwendig, dass das Problem noch einmal aufgeworfen wird, und deshalb müssen wir der Herausgeberin für ihre mutige Tat dankbar sein. Besonders jetzt, wo die römische Heuchelei mehr Einfluss gewonnen hat, als es der Freiheit guttut.

Zu diesem Zeitpunkt ist eine große Dosis Zivilcourage vonnöten unter diesen Umständen für das Recht sexueller Befriedigung zu plädieren, für die Anerkennung der Sexualität als ein wertvolles Element des Lebens, für das Recht eines jeden Menschen auf Glück, das ohne sexuelles Glück unvollkommen ist.

Man braucht nicht in jeder Hinsicht mit den Ideen Wilhelm Reichs übereinstimmen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Aufbau eines sozialistischen Lebens- und Weltbildes die Annahme der vollständigen sexuellen Befriedigung einschließen muss, ohne die der Mensch kein Mensch und die soziale und kulturelle Freiheit keine Freiheit sein kann.

Deshalb bildet die Neuauflage dieser Übersetzung einen Beitrag zur Verteidigung der Freiheit in den Niederlanden.

Möge dies von allen verstanden werden, die die Freiheit lieben, die verstehen, dass ein Mensch ohne Freiheit nichts als ein Haus- und Arbeitstier ist.

JACQUES REES

Historische Vorworte zur niederländischen Ausgabe von „Die Sexualität im Kulturkampf“ (Teil 1)

8. Juni 2018

Einführung [von Robert (Berlin)]

Es gelang mir nach langer Zeit, jemanden zu finden, der des Holländischen mächtig ist und bereit war, die zwei holländischen Vorworte ins Deutsche zu übersetzen. Die Vorworte sind allenfalls von historischer Bedeutung und bringen keine neuen Erkenntnisse. Die erste Ausgabe des Buches mit dem Vorwort von Max von Prag, „Sexualiteit En Nieuwe Cultuur“ erschien 1939 bei Uitgeverij voor Sociale Psychologie [dt. Verlag für Sozialpsychologie], Rotterdam. Es stellt die Übersetzung von Die Sexualität im Kulturkampf, 1936, dar. Eine weitere, von Reich nicht genehmigte Neuauflage erschien dann 1949, mit einem weiteren, hier mitübersetzten Vorwort von Jacques Rees.

 

EINLEITUNG

Ich werde gerne die Bitte erfüllen, ein kurzes Vorwort zu diesem Buch zu schreiben. Es ist keine leichte Aufgabe, Dr. Wilhelm Reichs Ideen in Ihren Leserkreis zu bringen. Ein großer Teil der frei-sozialistischen Bewegung steht mit Befremden, ja sogar abweisend den zwei Gedankengängen, aus denen Reichs Ansichten und Einsichten gewachsen sind, gegenüber. Diese beiden Gedankengänge sind der Marxismus oder, im weiteren Sinne, der dialektische Materialismus und die Psychoanalyse. Die große und dauerhafte Bedeutung von Reichs Werk ist die brillante Kombination marxistischer und psychoanalytischer Einsichten. Gerade durch diese Kombination entstand ein breiteres, tieferes und umfassenderes Verständnis der Probleme von Menschen und Gesellschaft; deshalb kollidierte Reich zwangsläufig mit den orthodoxen Marxisten und mit den orthodoxen Psychoanalytikern. In beiden Lagern geistig verwurzelt, prüft er marxistische Einsichten über die Psychoanalyse und psychoanalytische Einsichten über den Marxismus; er wuchs über beides hinaus und dies wurde der Anfang von etwas Neuem. Und das Neue ist vielversprechend; es öffnet weite Horizonte, es zeigt neue Möglichkeiten. Aber die übergroße Mehrheit der Arbeiter sehen diese Einsicht mit Befremden, stehen ihr misstrauisch, feindselig, ängstlich und abstoßend gegenüber. Diese neue Einsicht ist jedoch für alle unverzichtbar, die sich für die Befreiung der Arbeiter aus der kapitalistischen Sklaverei einsetzen. Deshalb begrüßen wir die Übersetzung dieses Buches durch Reich sehr und hoffen, dass diese Lektüre zu einem allmähligen Sieg über den Widerstand gegen seine Ideen führen wird.

Neue Erkenntnisse werden nicht im Sturm erobert, nicht sofort und nicht auf einfache Weise. Man muss sich dafür anstrengen. Obwohl faszinierend und klar geschrieben, ist die Arbeit von Reich keine leichte Literatur; sie muss eher studiert als gelesen werden. Was aber in erster Linie erforderlich ist, ist die Erkenntnis, dass für eine neue Erkenntnis eine neue Methode dringend benötigt wird. Wer mit der aktuellen Situation zufrieden ist, wer glaubt, dass die traditionelle sozialistische Weisheit ausreicht, wer nicht glaubt, dass die sozialistische Bewegung als Ganzes in eine Sackgasse geraten ist, wie soll man die Kraft finden solch neue Erkenntnisse zu erobern? Erst eine bestehende tiefe, innere, nagende und schmerzhafte Unzufriedenheit mit dem, was uns traditionellen Sozialisten, egal ob sie sich Partei-Sozialisten oder Frei-Sozialisten nennen, täglich gibt, macht uns fit zu einer neuen Erkenntnis zu kommen. Dieses Buch ist in erster Linie für solche Leser bestimmt, und für diese wage ich ausdrücklich zu sagen, dass sie nicht enttäuscht sein werden.

Neue Einsichten entstehen meist aus tiefer Entzauberung. Dies ist auch bei Reich der Fall. Die deutsche sozialistische Bewegung wurde vom Faschismus ausgelöscht, und das konnte passieren, weil die deutschen Massen der Nachkriegszeit hinter dem Faschismus standen. Der traditionelle Sozialismus hatte erwartet unter dem Druck des Elends der Nachkriegszeit einen großen Zustrom zur sozialistischen Bewegung zu bekommen; stattdessen gab es eine stürmische Massenbewegung gegen den Sozialismus, eine Massenbewegung gegen den Sozialismus, die ihre Anhänger tief in die proletarischen Linien fand. Diese schockierende Tatsache veranlasste Reich, sich zu fragen: „Wie kann es sein, dass sich die Massen nicht von der alten Welt trennen können, dass sie Parolen und Anführern folgen, der Antithese zu ihren wesentlichen Interessen?“ Seine marxistischen Einsichten ließen ihn erwarten, dass sich die Ideen der Arbeiter in einem sozialistischen Sinn wandelten. Aber diese sozialistische Umgestaltung kam nicht zustande; die völlig neuen Wirtschaftsbeziehungen schrien nach einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Aber wo ist die sozialistische Ideologie? Was bindet die Arbeiter dann an der alten Welt, was hält sie in der bürgerlichen Ideologie, obwohl sie durch diese Ideologie materielles und geistiges Leiden erleiden müssen und schließlich zugrunde gehen müssen? Ist denn diese bürgerliche Ideologie so unbeweglich verwurzelt, dass die Arbeiterklasse in den grausamen Tod des anstehenden Weltkrieges läuft, wie ein verängstigtes Pferd in den brennenden Stall läuft?

Die orthodoxe marxistische Antwort auf diese Fragen nämlich, dass die Umstände den Menschen schließlich verändern würden, konnte Reich nicht mehr befriedigen. Nicht dass Reich an der verwandelnden Macht der Umstände gezweifelt hätte; dafür war er zu tief in die marxistische Welt des Denkens eingedrungen, aber er erkannte, dass es tiefe Kräfte in der Seele der Arbeiter gab, die der Umwandlung ihres Denkens und Fühlens entgegenwirkten. Diese Hemmungen in der Seele der Arbeiter mussten gefunden und beseitigt werden. Wirtschaftliche und politische Einsichten können hier nicht helfen; hier musste die Lösung von der Seite der Psychologie kommen, und gerade, weil Dr. Wilhelm Reich neben Marxismus und Politik auch Psychologe von der Schule der Psychoanalyse war, konnte er diese Lösung finden.

Allerhand wirtschaftliche und politischen Meinungen und Einsichten über die Entwicklung der sozialen Verhältnisse sind allmählich in einem großen Teil der Arbeiterklasse verinnerlicht worden. Durch zahllose Bücher und Broschüren wurde in vielen kostenlosen Kursbesprechungen marxistischer Sozialwissenschaft zu den Arbeitern gebracht. Die klassenbewussten Arbeiter sind in diesem Bereich mehr oder weniger zuhause; zumindest sind sie mit vielen Konzepten und Denkformen vertraut, die in diesem Bereich üblich sind. Bei der noch so jungen Psychologie ist es ganz anders. Marx und Engels legten den Grundstein der sozialistischen Wirtschaft und sozialistischer Doktrin, die von Anfang an scharf im Gegensatz zu der Zivilgesellschaft und Wirtschaftsansichten standen. Die Ansichten der bürgerlichen und sozialistischen Gesellschaft waren fortan immer noch scharf und unvereinbar. Die sozialistischen Einsichten von Marx und Engels haben sich jedoch teilweise aus den bürgerlichen Erkenntnissen ihrer Zeit entwickelt und sind weit darüber hinausgewachsen.

Solch ein Prozess vollzieht sich heute auf dem Gebiet der Psychologie. Eine sozialistische Psychologie steht vor der Tür; sie befreit sich mühsam von den Fesseln bürgerlicher Ansichten. Dieser Prozess findet jedoch vollständig außerhalb der großen Mehrheit der Arbeiterklasse statt. Dies kann auch nicht sein, denn dafür braucht man ein tiefgehendes Wissen der bürgerlichen Psychologie und dieses Wissen gehört natürlich nur einigen Theoretikern. Dr. Wilhelm Reich ist sicherlich der wichtigste dieser Theoretiker, obwohl er glücklicherweise nicht der einzige ist. Die Erkenntnisse von Alfred Adler und seiner Schule sind auch in dieser Hinsicht von großem Wert.

Je mehr sich die sozialistische Psychologie entwickelt, desto schärfer wird ihr Gegensatz zur bürgerlichen Wissenschaft, aus der sie stammt. Die Sozialisten von heute stehen vor der Aufgabe, die sozialistische Psychologie zu stärken und zu vertiefen, sie gegen bürgerliche Psychologen zu verteidigen und die sozialistische Psychologie unter die Arbeiter zu bringen. Letzteres ist am schwierigsten. Die Leute wollen nichts über die Psychologie wissen, sie denken, das ist nur eine Frage des bürgerlichen Verhaltens und beurteilt, dass alle Psychologie nur vom Befreiungskampf abhält. Und doch ist ohne diese Psychologie die Befreiung der Arbeiter unmöglich.

Die Bücher von Reich sind klar geschrieben; trotzdem sind sie für all diejenigen, die auf dem Gebiet der psychologischen Wissenschaft Fremde sind, sehr schwer zu lesen. Seine Bücher setzen ein ziemlich großes Wissen über psychologische und sogar biologische und sexologische Aspekte voraus, will man wenigstens das Wesentliche verstehen. Das vorliegende Buch gehört zu seinen populäreren Schriften, ist aber für den ungebildeten Leser nicht ganz einfach. Der Bedarf nach populärer und einfacher psychologischer Erziehung der Arbeiter brennt trotz Reichs Schriften weiter.

Es versteht sich von selbst, dass es in diesem Vorwort völlig unmöglich ist zu erklären, wie sich die sozialistische Psychologie aus Freuds bürgerlicher Schule entwickelt hat und wo sie mit der offiziellen Psychoanalyse unvereinbar geworden ist. Nur auf einen Punkt, den Wichtigsten, wollen wir hier hinweisen.

Seit Freud wissen wir, dass die überwiegende Teil unserer Seele außerhalb unseres Bewusstseins liegt und das doch diese unbewussten Kräfte in uns, unser bewusstes Denken stark beeinflussen und sehr oft unser Verhalten bestimmen. Wir wissen, dass der Mensch für den größten Teil ein irrationales Wesen ist. Das heißt, dass er nicht aus vernünftigen, rationalen Motiven handelt, sondern getrieben wird durch unverstandene, unbewusste Gefühle, die stärker sind als sein Verstand. Diese unbewussten Kräfte zwingen unseren Verstand in eine bestimmten Richtung zu gehen, sie verhindern ihn in eine andere Richtung zu gehen, und führen oft zu Taten, die wir nicht wollten, die diagonal gegenüber unseren rationalen Einsichten stehen, und die wir dennoch tun, unwiderstehlich angetrieben durch diese inneren Kräfte unseres Unbewussten. Die neuere Tiefenpsychologie aber befasst sich mit der Erforschung dieser unbewussten Triebkräfte menschlichen Verhaltens. Diese unbewussten Antriebskräfte sind mit dem Wort ‘treiben‘ (driften) bezeichnet. Wir hoffen, dass der Leser nun aber nicht oh-jetzt-reicht-es-mir-das-Gesicht zieht, denn wie bekannt und vertraut ihm das Wort ‘treiben‘ aus der Literatur und Umgangssprache auch sein mag, Einsicht in der Art und Funktion dieses ‘treiben‘ hat er darum noch nicht.

Die Probleme und Gegensätze zwischen den modernen Psychologen drehen sich alle um die Frage der Art und Funktion menschlicher Triebe. Bürgerliche Psychologen sehen das Unbewusste des Menschen als einen Komplex wilder, egozentrischer, sadistisch-blutrünstiger, herrsch- und habsüchtiger Triebe. Alle diese Triebe sind durch die Kultur aus dem Bewusstsein ins Unbewusste verdrängt worden. Da aber liegen sie weiterhin als abscheuliche Raubtiere auf der Lauer, bereit um bei der erstbesten Gelegenheit auszubrechen. In seinem tiefsten Innern wäre der Mensch ein furchtbar grausames, aggressives, egozentrisches und asoziales Wesen. Je mehr sich die Kultur entwickelt, desto schärfer wird der Kontrast zwischen der unterdrückten natürlichen Person und dem bewussten Kulturmenschen. Und immer wieder wird es Zeiten geben, in denen der unterdrückte prähistorische Mensch die Staudämme der Kultur durchbricht und eine wüste Mord- und Vernichtungsorgie auslebt. In dieser Denkweise werden der ewige Frieden und die Brüderlichkeit unter den Menschen zu einem törichten Traum von schlaffen Idealisten, die es nicht wagen, der Realität in die Augen zu schauen.

Diese bürgerliche Sicht auf die Menschheit ist nichts anderes als die Projektion des gegenwärtigen individualistischen Menschen in der Vergangenheit. Der Urmensch wird bei Freud und seinen Gefolgsleuten zu einer Art von Haaren überwachsenen Manchester-Liberalen. Weniger wissenschaftlich gesehen findet man diese Auffassung bis tief in die Arbeiterklasse hinein. Der Mensch ist einfach ein Egoist; mit ihm ist nichts anzufangen; jeder Versuch, ihn in ein sanftes, soziales und vernünftiges Wesen zu verwandeln, ist nutzlos, weil die Natur nicht erzwungen werden kann. Wissenschaftlich betrachtet, finden wir in der bürgerlichen Psychoanalyse den christlichen Unglauben des Menschen wieder.

Nun ist es Reichs unsterbliches Verdienst, dass er in dieser bürgerlichen Auffassung eine Bresche geschlagen hat, ihre Unrichtigkeit gezeigt und Wege aufgezeigt hat, durch die eine wirkliche Verwandlung des Menschen zustande kommen könnte.

Reich zeigt, dass der aggressive, blutrünstig-sadistische, dominierende und gierige Charakter des modernen Menschen keineswegs sein ursprüngliches Wesen ist, sondern eher eine Folge der Unterdrückung seiner ursprünglichen Natur. Von Ursprung ist der Mensch ein etwas gemächliches, gütiges soziales Wesen, aber die Unterdrückung seiner natürlichen Triebbefriedigung, macht ihn zum Tiger. Diese Unterdrückung der natürlichen Triebbefriedigung beginnt beim Kind und muss dort beginnen, denn im späteren Leben wäre es nicht mehr möglich. Und wer ist für diese Unterdrückung des kindlichen Trieblebens verantwortlich? Das machen die Arbeiter selbst in ihrem Familienleben. Natürlich ohne es zu wollen und ohne zu verstehen, was sie tun. Von der bürgerlichen Moral selbst auferlegt, übertragen sie diese automatisch auf ihre Kinder. Die Familie ist eine Ideologiefabrik, sagt Reich. In der Familie wird die bürgerliche Ideologie Tag für Tag von den Arbeitern selbst aufgebaut. Die Hemmungen, die die Umwandlung des derzeitigen Arbeitnehmers verhindern, werden daher von diesem Arbeitnehmer selbst vorgenommen. Er zeigt das tragische Schauspiel eines Menschen an, der bewusst versucht, sich von seinen Ketten zu befreien und gleichzeitig unbewusst dabei ist diese Ketten zu schmieden. Eine solche Entdeckung ist tatsächlich in der Lage, jemanden mit Bestürzung zu erfüllen, aber dann durchbricht die freudige Erkenntnis, dass jetzt, wo wir dies wissen und durchschaut haben, wir dies jetzt ändern können. Die Wege, die zur Umwandlung des sozialistischen Sinnes für den Menschen führen, sind offen. Wir müssen es nur wollen.

Aber zwischen Wille und Tat liegt eine große Distanz. Denn es ist leichter Agitation und Propaganda zu machen, Treffen zu organisieren und Reden zu halten, als sich selbst umzubilden, altmodische Gewohnheiten und Sitten den Kampf anzusagen. Und doch ist gerade dies vonnöten; es ist das erste und das Notwendigste. Es gibt einen Bereich, in dem diese innere und äußere Veränderung am schwierigsten ist. Das ist der Bereich des Sexuallebens, der sexuellen Beziehungen. Und genau dieser schwierigste Punkt ist der Wichtigste. Die Unterdrückung der Sexualität, die bereits in der Kindheit beginnt, macht den Menschen für den Rest seines Lebens für ein glückliches Liebesleben im Erwachsenalter ungeeignet; diese Unterdrückung verzerrt, verformt die menschliche Seele in etwas Lahmes und Böses und zerstört Lebensfreude und Lebensmut. Und wie sollten wir ohne diese Lebensfreude und Lebensmut die Kraft finden, diese faule Welt aufzubauen?

Wie immens groß die Rolle der Sexualität ist, kann der Leser in diesem Buch lesen. Er wird zu der Erkenntnis gelangen, dass die altbekannte dreieinige Gott-Familien-Autorität in der Tat eine echte Dreieinigkeit ist, dass tatsächlich die bürgerliche Familie die Stütze der bürgerlichen Gesellschaft ist. Die Umbildung des Familienlebens von einer bürgerlichen Sicht auf die Gesellschaft in eine sozialistische, ist die große Aufgabe einer neuen sozialistischen Bewegung. Eine sozialistische Bewegung kann zunächst nur als wirklich neu bezeichnet werden, wenn sie diese Aufgabe tatsächlich als ihre größte und wichtigste anerkannt hat. Wo sich die bürgerliche Familie von der sozialistischen unterscheidet, können wir in diesem Vorwort nicht erklären. Mit Reichs Kritik an der bürgerlichen Sexual- und Familienmoral sind wir voll und ganz einer Meinung, aber wenn es darum geht, eine damit entgegengesetzte positive sozialistische Moral zu stellen – und das ist hauptsächlich was zählt –, dann treten Unterschiede zutage worüber wir, wie gerne wir das gerne machen würden, hier nicht schreiben können. Man muss zuerst Reichs Ideen verstehen und durchdenken, bevor sie kritisiert werden können.

Dr. Wilhelm Reich kommt aus dem Lager der Parteisozialisten. Er war Mitglied der deutschen kommunistischen Partei. Seine neugewonnenen Erkenntnisse brachten ihn jedoch in Konflikt mit der Partei und er wurde vertrieben. Reich macht unmissverständlich eine Entwicklung in Richtung des freien Sozialismus; seine Ansichten über das Schicksal einer sexualitätsfeindlichen und autoritären Erziehung in der Familie mussten ihn unausweichlich immer mehr mit den offiziellen kommunistischen Ansichten der Partei in Konflikt bringen. Die neuen Einsichten Reichs stehen grundsätzlich im Gegensatz zu parteisozialistischen Ansichten und führen unmissverständlich zum freien Sozialismus. Die Tatsache, dass Reich selbst diese Wahrheit nicht einsieht, genauso wenig wie viele seiner Anhänger, beeinträchtigt diese Wahrheit nicht. Für den freien Sozialismus haben Reichs Ideen daher eine ganz besondere Bedeutung, denn mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse wird es möglich sein, eine noch fruchtbarere Propaganda zu betreiben als bisher, zum Teil durch Reichs Ideen. Der freie Sozialismus hat durch Reich eine neue wissenschaftliche Grundlage erhalten oder ist zumindest auf dem Wege sie zu bekommen.

Wir freuen uns daher sehr über die Veröffentlichung von Reichs Arbeit in der niederländischen Sprache und hoffen, dass sie einen großen Beitrag zur notwendigen Innovation und Vertiefung der freien sozialistischen Bewegung leisten wird.

MAX VON PRAG

Warum wenden sich „Orgonomen“ von der Orgonomie ab?

29. April 2018

Ich muß immer wieder den Kopf schütteln, wenn ich an Leute zurückdenke, die mir einst geradezu inquisitorische Fragen über meine „orgonomische“ Rechtgläubigkeit und Ernsthaftigkeit stellten – und die sich mittlerweile in Luft aufgelöst haben, teilweise sogar zu Gegnern der Orgonomie geworden sind. Seit Reichs Zeiten gibt es immer wieder sogar Orgonomen, die quasi „in Amt und Würden“ standen und öffentlich gegen die Verzerrung der Orgonomie auftraten – und die dann später einfach verschwanden, teilweise sogar zu Gegnern der Orgonomie geworden sind. Wie ist das zu erklären?

Die Antwort findet sich bei Reich:

Es ist immer die Unfähigkeit des gepanzerten Organismus, seine Liebesregungen zu entwickeln, in Enthusiasmus zu geraten, sich dauernd einer Sache hinzugeben. Die ihn destruktiv werden läßt. (Äther, Gott und Teufel, S. 74, Hervorhebung hinzugefügt)

Da der gepanzerte Organismus „nie voll auszuschwingen vermag, ist seine Liebe eine kleine, abgemessene, säuberlich verteilte und zugeteilte Liebe“. Er ist, wie Reich weiter schreibt, stets beherrscht, zieht die Umstände in Betracht, handelt wohlabgewogen und überlegt. „Ein solcher Organismus haßt die geordnete, aber unendlich variable Freiheit der Naturvorgänge oder er fürchtet sie“ (ebd., S. 67f).

Imgrunde war diesen lauwarmen Gesellen die Orgonomie schon immer fremd. Das dumme ist, daß man im realen Leben ihr Verhalten immer erst im nachhinein durchschaut und daß sie sich nur durch einen einzigen Faktor zu erkennen geben: in der Dauer ihres Enthusiasmus. Hält der nicht unvermindert bis zur Todesstunde an, war es gar kein „Enthusiasmus“ für die Wissenschaft von der Lebensenergie, d.h. kein einheitlicher und umfassender Ausdruck ihres biologischen Kerns, sondern nur ein isolierter Vorstoß ihrer Lebensenergie durch eine Lücke in der Panzerung, ein folgenloses Strohfeuer.

Peter brütet über Reichs Panzerzeichnungen und Panzerschemata

11. April 2018

Seit Beginn meiner Beschäftigung mit Reich stolpere ich ständig über zwei eng miteinander verbundene Probleme:

1. wäre da der eklatante Widerspruch zwischen der Aussage und der Ausdruckssprache folgender Illustration aus Äther, Gott und Teufel:

Die Aussage ist, daß der Panzer ein quasi „anorganischer“ bzw. „antiorganischer“ Fremdkörper im Organismus ist, der dessen Lebendigkeit stört. In der obigen Abbildung hingegen wird die Panzerung durch eine organische Wellenform symbolisiert. In der entsprechenden freihändigen Zeichnung Reichs im Originalmanuskript ist es sogar eine Kreiselwelle!

2. Das Rätsel vertieft sich, wenn man sich vor Augen führt, daß die Funktionsschemata, die am Anfang der Entwicklung der Orgonometrie stehen, vor allem von der Beschreibung der Panzerung handeln und nicht etwa von der Beschreibung des Lebendigen selbst: