Ein Problem mit dem Reich’schen Konzept einer „natürlichen Arbeitsdemokratie“ liegt in der fehlenden Naturgeschichte. Soll man die „natürliche Arbeitsdemokratie“ etwa aus dem Sozialleben von Affenhorden ableiten? Erstens kennen diese nur eine rudimentäre Arbeitsteilung und zweitens ist ihr Sozialleben kaum „arbeitsdemokratisch“, sondern eher autoritär und von einer Rangordnung bestimmt, die an den Feudalismus erinnert. Wie bei seinen Überlegungen zur Naturgeschichte der Orgasmusfunktion hat Reich unsere unmittelbaren Vorläufer in der Evolution umgangen und auch hier weit zurückgegriffen bis auf das Niveau der Einzeller und ihrer Organisation zu Vielzellern. Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen.
Biologen wie Konrad Lorenz und die modernen Soziobiologen betrachten die Menschen, als wären sie der Endpunkt der Evolution und könnten deshalb in den gleichen Begriffen erfaßt werden, mit denen man sich Wolfsrudeln oder Ameisenhügeln nähert.
Marxistische und post-marxistische Soziologen sehen den Menschen ebenfalls als Endpunkt der Evolution. Der Mensch habe damit die Biologie verlassen und könne nur noch in „gesellschaftlichen“ Begriffen erfaßt werden. Entsprechend werfen sie jedem, der im Menschen immer noch ein Tier sieht, „Biologismus“ vor.
Hans Hass und Reich unterscheiden sich grundsätzlich von diesen beiden Herangehensweisen, denn sie sehen den Menschen als Schnittpunkt der Evolution, d.h. er muß in einer viel umfassenderen, wenn auch immer noch biologischen Weise begriffen werden, als es die Biologen mit ihrem naiven „Biologismus“ bisher taten.
Lorenz hat das Problem des Menschen, mit „innerartlichen“ Schwierigkeiten umzugehen, auf den beim Menschen angeblich besonders ausgeprägten „Aggressionstrieb“ zurückgeführt. Hans Hass, der ja auch Verhaltensforscher war, distanzierte sich im Rahmen seiner Energontheorie von dieser Sicht. Wenn man in der Tierart Mensch nicht den Höhepunkt der Evolution sieht, sondern ein Übergangsglied zu neuen Arten, den Hyperzellern, zwischen deren Mitgliedern ein Konkurrenzkampf herrscht, dann ist es müßig über das Aggressionspotential des Menschentiers zu spekulieren. Zwei Schuster, die in unmittelbarer Nähe ihre Geschäfte haben, können als Menschen zueinander stehen, wie immer sie wollen, als Vertreter der gleichen Berufsart sind sie Todfeinde – wenn der Markt nur einen Hyperzeller ernähren kann, wird der leistungsschwächere der beiden zugrunde gehen. Das gleiche gilt für die Verdrängung alter Arten durch neue, besser angepaßte, etwa die Verdrängung des Gerbers durch den Hersteller von Kunstleder. Der Konkurrenzkampf ist der eigentliche Motor sowohl der ersten als auch der zweiten Hälfte der Evolution.
Generell schreibt Hass über den „Aggressionstrieb“:
Seit dem Buch von Konrad Lorenz Das sogenannte Böse hat man den „Aggressionstrieb“ für die defekte Seite des Menschen weitgehend verantwortlich gemacht. Bestimmt spielt dieser kuriose Trieb, der sich auch gegen den Artgenossen wendet, bei vielen unserer Regungen unfreundlicher Laune und Gestimmtheit eine Rolle, doch nimmt er in der Rangordnung der Instinkte bloß eine eher untergeordnete Stellung ein. Er leistet vor allem bei der Verteidigung von „Territorien“ und bei Kämpfen um Rangordnungen und Führerstellungen bei rudelbildenden Tieren eine selektionsfördernde Funktion. In keiner Weise läßt er sich jedoch mit der elementaren Bedeutung des Triebes nach Nahrung – nach Energie – vergleichen, dessen Wurzeln ebenso weit zurückreichen, wie jene der Lebensentwicklung selbst, und der Voraussetzung für alle weiteren Triebe war und bis heute geblieben ist. Da beim Menschen Kannibalismus zur extremen Seltenheit gehört, sah man nicht ein, wieso der Nahrungstrieb sich gegen den Mitmenschen wenden sollte. Auf Grund des Psychosplits kommt es indes zu diesem Phänomen – ganz abgesehen davon, daß die zusätzlichen Organe des Menschen eine noch weit begehrenswertere Beute für Räuber darstellen als Fleisch, da sie nicht erst gegessen, verdaut und in eigene Leistung umgesetzt werden müssen, sondern ganz so, wie sie sind, machtsteigernd eingesetzt – und außerdem noch durch Verkauf in den Zauberstab Geld verwandelt werden können.
Um die „natürliche Auslese“ etwa zwischen Schustern in einem erträglichen Rahmen zu halten, gibt es den Staat als unverzichtbares „Gemeinschaftsorgan“, das z.B. für lauteren Wettbewerb sorgt oder allein schon dafür, daß die Hyperzeller nicht (verständlicherweise) mit Waffengewalt um ihr schieres Überleben kämpfen. Außerdem ist der Staat, Hass zufolge, deshalb absolut notwendig, weil die zusätzlichen Organe der Hyperzeller nicht nur nicht fest mit ihrem Leistungskörper verbunden, sondern darüber hinaus auch noch für andere Hyperzeller besonders begehrenswert sind, da sie sie in ihren eigenen Leistungskörpern integrieren können. Aus energon-theoretischer Sicht besteht, wie im letzten Teil gezeigt, kein Unterschied zwischen Raub und Tausch – das erstere ist sogar effizienter. Der Staat, der Raub mit Sanktionen belegt, hat die Entwicklung der Hyperzeller also überhaupt erst möglich gemacht.
Jedoch beinhalten alle Aufgaben, die der Staat über seine unverzichtbare Schutzfunktion hinaus noch an sich reißt, die Gefahr, daß er selbst zu einer Erwerbsorganisation wird. Und selbst Militär und Polizei, die Freiheit und Sicherheit der Bürger schützen, stellen in dieser Beziehung eine Gefahr dar, denn im Notfall müssen sie auf blinden Gehorsam zurückgreifen können, was sich wiederum Einzelne zunutze machen können, um den Staat durch Putsch zu einem zusätzlichen Organ ihres eigenen Leistungskörpers, bzw. des Leistungskörpers ihrer Gruppe zu machen. Hass: „Ein Verband mit einem großen Gemeinschaftsorgan des Schutzes wird über Nacht in ein Großunternehmen verwandelt, bei dem im Extremfall sämtliche ‚Aktien‘ in einer Hand sind.“
Der Staat, dieses „kälteste aller kalten Ungeheuer“ (Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Studienausgabe Bd. 4, S. 61), ist die Speerspitze des Entfaltungsstroms. Die „Staatsinteressen“ decken sich weitgehend mit den Interessen des Entfaltungsstroms. Auf diese Weise ist dieses unverzichtbare Gemeinschaftsorgan gleichzeitig auch der Todfeind des Menschen.
Die einzige Lösung dieses scheinbar unauflösbaren Dilemmas ist m.E. die Beschränkung auf möglichst kleine, überschaubare souveräne staatliche Einheiten, da hier einerseits noch die Möglichkeit einer direkten Kontrolle durch die Bürger und einer aktiven, sogar militanten Gegenwehr besteht; und andererseits beim Umkippen des Staates von einem Gemeinschaftsorgan der Gesellschaft zu einer die Gesellschaft aufsaugenden Erwerbsorganisation jeweils nur verhältnismäßig kleine Teile der Weltbevölkerung betroffen sind.
Neben kleinen überschaubaren Einheiten bedarf es einer größtmöglichen Transparenz, um Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Zerfall zu bewahren. Das beste Korrektiv ist stets der ungehinderte Informationsaustausch:
Analysieren wir etwa die Vorgänge in Ortschaften oder kleineren Städten der marktwirtschaftlich orientierten „freien“ Welt, dann zeigt sich, daß dort dem halben Räuber enge Grenzen gesetzt sind. Und zwar durch das Korrektiv einer weitgehend transparenten Gesellschaft. Verkauft hier etwa ein Gemüsehändler schlechte Ware oder gute zu überhöhtem Preis, dann wird er nicht lange bestehen können. Die Kundschaft wird dafür sorgen. Sie wird zu einem Konkurrenten abwandern, der sich mehr tauschgerecht verhält. Ist er der einzige im Ort, dann entsteht geradezu ein Sog zur Etablierung eines anderen, besseren. Der schlechte Anbieter wird bald von der Bildfläche verschwinden. Der Vorgang entspricht durchaus der „Natürlichen Auslese des besser Geeigneten“, der bei den Pflanzen und Tieren jenen Arten den Vorzug einräumt, die besser Energie erwerben können und auch allen sonstigen für ihre Lebensform relevanten Umweltbedingungen besser angepaßt sind.
Hier haben wir ein Beispiel dafür, daß die technische Entwicklung ganz im Sinne des Lebendigen wirksam sein kann:
Durch Fachzeitschriften, persönliche Information, Marktforschung und nicht zuletzt durch den Computer ist man in der Wirtschaft immer besser über die internationale Angebots- und Nachfragesituation im Bilde. So tritt – ähnlich wie im kleinen Dorf – das Korrektiv der Gemeinschaft wieder in Erscheinung.
Das wichtigste Korrektiv ist jedoch die Orientierung an der Qualität und am Immateriellen, statt am „wägbaren materiellen Erfolg“. Hass hält es beispielsweise für „total falsch“
den Erfolg eines Berufstätigen, eines Unternehmens oder einer sonstigen Organisation nach der jährlichen oder vierteljährlichen Geldbilanz zu beurteilen, denn von nicht minder bedeutendem Einfluß auf den Erfolg ist der Gewinn an Kunden und guten Mitarbeitern, an Vertrauen, an Goodwill, an Image, an Know-how.
Besonders wichtige „immaterielle Werte“ für jedes Unternehmen sind der Kundenstamm und die Kundentreue, das Ansehen, welches das Unternehmen genießt, sein „Image“, das Vertrauen, das seinen Produkten und Dienstleistungen entgegengebracht wird, seine Geltung und Popularität. Kommt es zu Einbußen in diesen Bereichen – etwa in Folge unverläßlicher Lieferung, schlechter Qualität, mangelhaftem Service, überhöhter Preise etc. – dann bleiben die Folgeerscheinungen nicht aus.
Das zeigt sich besonders deutlich, wenn ein Unternehmen durch ein anderes übernommen und der Kaufpreis bestimmt wird. Dann richtet sich der erfahrene Fachmann keineswegs nur nach Bilanzen und Produktionsmitteln – sondern weiß sehr gut den „wirklichen Wert“ annähernd zu schätzen, der um ein mehrfaches größer oder auch erheblich geringer sein kann als der „Buchwert“.
Der Psychosplit behindert diese gesamte Einstellung empfindlich, weil auf Grund des übermächtigen Schlüsselreizes, den Geld auf uns ausübt, unser Interesse und unsere Gedanken ganz automatisch von den „immateriellen Werten“ und ihrer Bedeutung weggelenkt werden.
Schlagwörter: Aggressionstrieb, Ökonomie, Biologismus, Ethologie, Evolution, Feudalismus, Hans Hass, Konkurrenzkampf, Konrad Lorenz, Leviathan, Marxismus, Nietzsche, Organisation, Public Relations, Staat, Transparenz, Verhaltensforschung, Wirtschaft, Wolfsrudel
3. Januar 2014 um 18:42 |
Rechs Zellenanalogie für die Arbeitsdemokratie (die ich wohl überlesen oder nicht mehr im Gedächtnis habe) und Konias Zellenanalogie für den Kommunismus (frisch gelesen) und andere Analogieschlüsse unter der Flagge des CFP-Denkens scheinen etwas erklären und theoretisieren zu wollen, womit ich immer unglücklicher bin, weil mir alles damit begründbar erscheint, auch der größte Unfug ließe sich so sicherlich belegen.
– Daher bin ich skeptisch geworden in dieser Art orgonomischer Denkweise. Was bleibt stattdessen von Reich?
Reich stellt hervorragende Fragen, er kann alles und jeden hinterfragen! Den Wert dessen zu erkennen, vermögen nur die wenigsten. Reichs Antworten hingegen klingen plausibel, suggestiv und fein argumentiert, dass einem selbst nichts mehr einfällt, somit erhält Reich (immer) Recht und weitere Hinterfragungen würde sich erübrigen. So kommt die Orgnomie in den Stillstand.
Statt zu sehen wie Reich Einsteins Physik, Darwins Evolutionsthese, die Biologie, Physik, Psychologie, die Politologie (Marxismus) usw. als falsch entlarvt udn somit herausfordert, eine bessere Formulierung zu finden. Reich ist kein „Paradigmenwechseler“ (Geplapper einiger Reichianer), sondern ein Infragesteller aller (ok, vielleicht auch nur vieler) kulturellen Errungenschaften in der Wissenschaft.
Hat Reich den Mensch als Zwischen- oder Endprodukt der Evolution gesehen? Weder, noch. Er hat gezegt, dass die „Evolution“ vor unseren Augen und überall statt finden kann. Welches sind die Grundmuster des Lebendigen und der „toten“ Materie? (s. Die Bione, Der Krebs)
Aus diesem Modell ließe sich vielleicht etwas für die Arbeitsdemokratie ableiten, statt einen „Konkurrenzkampf“ anzunehmen, was die bekannte Psychologisierung der Biologie und Soziologie wäre, vor der Reich gewarnt hat, dass sie in die irre führt.
In diese Richtung laufen meine Gedanken hierzu … – nicht zu vergessen, dass bei Reich immer nur ein Prinzip am Anfang stehen kann: Die orgastische Potenz.
4. Januar 2014 um 10:36 |
Zu Konrad Lorenz:
http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/konrad-lorenz-osterreich-und-die-nazi-vergangenheit/10/neste/380.html
4. Januar 2014 um 11:09 |
andere Sichtweise:
http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/lorenz-der-nazi/10/neste/459.html
4. Januar 2014 um 16:56 |
Sehr widerlich, was dieser Professor und Leiter des Konrad-Lorenz-Institutes zu einer Entschuldigung beizutragen hat, das Lorenz ein Prof unter Hitlers Regime (wieso konnte er noch lehren?) war, der opportun mit den NAZIS seine Karriere weiterverfolgt und später immer noch lehren darf. Er sei doch nur harmlos gewesen? Es mag sein, dass Lorenz sich keine Verbrechen hat zu schulden kommen lassen (was wir nicht wissen), aber schlimmer ist doch, dass die Naziprofessoren als respektierte Uniprofs mit ‚“wertfreier“ Wissenschaft das Nachkriegsbild prägen durften und ihre Seilschaften bis heute fortführen.
Auch sie warten wieder auf eine günstige Gelegenheit ihr Begrüßungsritual von neuem zu salutieren: „Heil …“ Und dann wird wieder entschuldigt, das man ja nur an seiner Karriere interessiert sei?
Lorenz ist ein gutes Beispiel wie sich das braune Gedankengut über die Jahre hinter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit verstecken konnte und an den Unis weiterlebte und hier die Politik bestimmt. Somit solte es auch keine Fragen mehr zur heute alles dominierenden Verhaltensforschung und Verhaltensmedizin in der Psychologie geben.
Viele heute als sich liberale einstufende Profs würden nie ein Nazigedankengut aussprechen, doch sie unterstützen deren Strukturen und bewegen sich in ihnen, sonst würde sie keine Karriere machen (können).
Natürlich gibt es auch vereinzelt als links geltende Profs, davon sind die meisten nur links, weil sie eben nicht ultra rechts (oder „liberal“) sind. Viele der Pseudolinken sind charakterlich unausstehlich – so wie Konia „antiautoritär“ beschreiben würde.
Zurück zu Lorenz: Sein nazistisches Gedankengut spricht er nicht aus, steht aber sprachlich emotionell in jedem Satz, was seinen Erfolg ausmachte.
4. Januar 2014 um 17:12 |
Lorenz ist eher eine langweilige Figur war aber bekannt mit Karl Popper, der die Psychologie stark geprägt hat, vermutlich mit Worten, die er so eigentlich gar nicht gemeint hatte. Genaues recherchieren würde sich auch hier lohnen und die Psychologie würde als größte Dummheit dastehen …
http://www.philolex.de/popper.htm